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Brennende Küsse

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Anmerkung des Autors
  8. Prolog
    1. St. Mary, Maryland November 1780
    2. Dinbych-y-pysgod Tenby, Wales Dezember 1780
  9. Teil 1
    1. 1
      1. Osterley Park Januar 1781
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
    11. 11
    12. 12
    13. 13
    14. 14
    15. 15
    16. 16
    17. 17
    18. 18
    19. 19
    20. 20
  10. Teil 2
    1. 21
    2. 22
    3. 23
    4. 24
    5. 25
    6. 26
    7. 27
    8. 28
  11. Teil 3
    1. 29
    2. 30
    3. 31
    4. 32
  12. Epilog

Über dieses Buch

Lady Brienne Marrow kehrt nach Jahren nach Hause zurück – nur um zu entdecken, dass ihr Vater den gesamten Familienbesitz verspielt hat und verschwunden ist. Alleingelassen, ohne einen einzigen Penny, wendet sie sich hilfesuchend an Avenel Slane, den neuen Besitzer ihres einstiegen Zuhauses. Noch ahnt sie nicht, dass sie sich damit zu einem Werkzeug seiner lang geplanten Rache macht. Doch eines hat Avenel in seinem Plan nicht einkalkuliert: dass er sich leidenschaftlich in die zarte Schönheit verlieben würde. So sehr er sich auch gegen seine Gefühle wehrt – gegen das Verlangen, das er für Brienne empfindet, ist er machtlos …

Über die Autorin

Meagan McKinney hat ihre Karriere als Biologin aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sie lebt mit ihrer Familie in New Orleans und schreibt nicht nur historische Liebesromane, sondern auch packende Thriller.

Für meine beiden besten Freunde: Thomas Young Roberson, meinen Mann, und Richard John Goodman, meinen Vater. Ich liebe euch beide.

Anmerkung des Autors:

Alle Häuser, die hier beschrieben werden, existieren wirklich. Osterley Park, Satterlee Plantation (Sotterley) und The Crescent sind für die Öffentlichkeit freigegeben. Resurrection Manor, um 1650, das Haus, das im Prolog geschildert wird, findet sich an der Straße in Tidewater, Maryland. Es ist unbewohnt und verfallen. Alle Personen außer Gainsborough sind frei erfunden.

St. Mary, Maryland
November 1780

Er liebte England
wie ein Athener die Stadt
der Veilchenkrone liebte,
wie ein Römer die Stadt
der sieben Hügel liebte.

Lord Macanlay

Das Haus wurde für alt angesehen, obwohl die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit erst vier Jahre zuvor erklärt hatten. Es stand am Patuxent River, und sein riesiges Dach und die gotischen Erker verliehen seinem Äußeren eine Vornehmheit, der die Schlichtheit im Inneren des Hauses nicht entsprach.

Robert Staples saß unzufrieden am prasselnden Kaminfeuer im Wohnzimmer. Hin und wieder blickte der Dreizehnjährige in den angrenzenden Raum, in dem sich sein Vater und vier weitere Männer versammelt hatten. Sie saßen an einem kleinen Tisch und spielten Karten. Und irgendwie umgab sie etwas Geheimnisvolles.

Es war schon seltsam, dass sie in dem runtergekommenen Herrenhaus spielten, obwohl sie es sehr viel bequemer in Satterlee Mansion gehabt hätten, wo es sogar wunderschöne Spieltische gab, die von den exklusivsten Tischlereien in Salem gefertigt worden waren.

Aber dort saßen sie nun – vier Freunde an einem Tisch, und der Hausbesitzer und sein Sohn verfolgten bange von Weitem das Geschehen.

»Ich würde sagen, Avenel«, sagte einer der jüngeren Spieler, und blickte sich in dem holzgetäfelten kleinen Raum um, »es ist ein ziemlich trostloser Ort, an den Sie uns da gebracht haben.«

Der dunkelhaarige, bärtige Mann mit dem mittelalterlich klingenden Namen blickte den jungen Lord an, und das reichte schon, um ihn zum Schweigen zu bringen.

»Ziehen Sie es vielleicht vor, im Hafen von Satterlee im Gasthaus zu spielen und als Tories entlarvt zu werden?«

»Ich beziehe keine Stellung in diesem dummen Krieg! Mich muss man nicht als Tory einordnen! Mein einziger Wunsch ist, dieses primitive Land hinter mir zu lassen und nie mehr hierher zurückzukehren. Die Verlockung, mit Tabak ein Vermögen zu machen, ist nicht groß genug, um ein solches Opfer auf mich zu nehmen. Und das in meiner gesellschaftlichen Stellung!« Der junge Mann wischte sich aufgebracht über die Stirn.

»Vielleicht sind Sie unparteiisch, aber ein Blick auf diese zinnoberrote Seidenweste, und kein Mensch hat auch nur den geringsten Zweifel, dass Sie dem englischen Adel angehören.« Avenel blickte den jungen Lord angewidert an. »Und muss ich Sie daran erinnern, dass es hier in Amerika keinen Adel gibt? Dies ist im Übrigen eins der Dinge, um die es in diesem verdammten Krieg geht.«

»Also, für einen, der hier in Amerika geboren ist, scheinen Sie ja nicht gerade besonders enthusiastisch über Ihre Freiheit zu sein. Was sagen Sie, Avenel? Sympathisieren Sie mit den Tories?« Squire Justice war ziemlich verärgert darüber, dass er verlor, aber er fand immerhin einigen Trost in der Tatsache, dass der junge Lord und der unglückselige Lord Oliver noch schlechter dran waren als er. Sie spielten über ihre Verhältnisse – besonders Lord Oliver, der seinen gesamten Besitz, das bekannte einmalig schöne Osterley Park, einsetzte. Er war entsetzt darüber, dass ein Mensch so haltlos alles verspielen konnte, was er ererbt hatte und besaß. Aber er hatte so etwas schon mehrfach erlebt. Unglücklicherweise kam das beim Adel fast täglich vor. Und das Kartenspiel hatte mehr Familien ruiniert, als er aufzählen konnte.

»Ich werde morgen nach England reisen, deshalb habe ich mich ganz bewusst aus der Politik herausgehalten.« Avenel Slane wischte sich über die Stirn, wie um seine Müdigkeit abzuschütteln. »Aber genug davon. Wir müssen weitermachen.« Er blickte seinem Gegenüber, Oliver Morrow, direkt ins Gesicht. Seit das Spiel begonnen hatte, hatte Oliver noch nichts gesagt. Er war ungefähr so groß und auch so kräftig gebaut wie Avenel. Aber damit endete auch schon jede Ähnlichkeit. Avenel strahlte eine tödliche Ruhe aus und spielte mit kühlem Kopf, während Morrow übernervös war und mit zitternder Hand seine Karten hielt. Man merkte seinem ganzen Benehmen an, dass er eine Menge zu verlieren hatte.

»Außerdem«, fügte Avenel rätselhaft hinzu, »habe ich meinen eigenen Krieg auszufechten.«

Der junge Lord fuhr sich mit seinem stark parfümierten Taschentuch über die Stirn. »Ich finde, der Einsatz ist zu hoch. Natürlich kann ich es mir leisten – ich habe einen außerordentlich großen Besitz«, sagte er, und dann hüstelte er nervös, als erinnere er sich gerade mit Entsetzen an die beträchtliche Summe, die er bereits verloren hatte – zum größten Teil an diesen Bastard Avenel Slane, dachte er verbittert. »Aber ich meine, wir sollten das Spiel nicht völlig ausufern lassen. Schließlich ist Lord Oliver der Earl of Laborde. Sie können es doch nicht zulassen, dass er seinen gesamten Besitz verspielt. Das ist doch regelrecht kriminell!«

»Dieses Spiel ist keine Zerstreuung für Gecken, Mylord«, sagte Avenel verächtlich. »Sie wussten alle, dass es ein Spiel unter Männern sein würde.«

»Aber die Einsätze werden ja immer höher. Sie haben unsere Langeweile und unsere Angst ausgenutzt. Dieses Warten in Satterlee Harbor auf das Schiff, das uns zurück nach England bringen soll, war einfach die Hölle«, rief der junge Lord aus, »und jedes Mal, wenn ein Whig vor dem Haus Rast macht, um Tee zu trinken oder den angeblichen Freunden der Revolution Bericht zu erstatten, wie es um den Krieg steht, mussten wir Versteck spielen. Ich bin sicher, Sie haben das ausgenutzt. Sie wussten, wir würden die Gelegenheit ergreifen, zu einem benachbarten Haus fahren zu können, um Karten zu spielen. Es waren menschenunwürdige Umstände, unter denen wir zu leiden hatten. Und jetzt das hier – das ist einfach zu viel!«

»Es hätte keine Notwendigkeit bestanden, sich zu verstecken, wenn Sie Ihren gesellschaftlichen Rang nicht so offen zur Schau gestellt hätten – wenigstens nicht, bis Sie auf dem Schiff nach England sind.« Avenel packte seine aufgefächerten Karten zusammen und legte sie mit dem Bild nach unten auf den Tisch. »Sie hätten nichts weiter tun müssen, als Ihre Kleider zu wechseln.«

»Ich bin nun mal nicht dafür gemacht, mich wie ein Bauer zu kleiden wie die Amerikaner!« Der junge Lord legte seine Karten auf den Tisch und fuhr sich mit der Hand über die stark eingeölte und gepuderte Perücke. Er warf Avenel einen prüfenden Blick zu und fühlte sich plötzlich sehr überlegen. Er nahm jede Einzelheit an der Kleidung seines Gegenübers wahr, von den einfachen Lederbreeches bis hin zu der blauen Kammgarnweste. An seinem weißen Hemd war nicht eine Rüsche – nicht ein Zipfelchen kostbarer Spitze zierte sein Halstuch. Er trug auch nichts auf seinem Kopf. Sein von Natur aus dunkles Haar trug er straff und schmucklos zurückgebunden.

»Sie sind dran«, sagte Avenel und fügte aufreizend langsam hinzu: »Mylord.«

Jetzt hatte der junge Lord das Gefühl, dass sich der Mann über ihn lustig machte, und seine Überlegenheit schwand. »Ich mache diese Farce nicht länger mit! Mann, Sie werden mich jetzt nach Satterlee zurückbringen«, wies er Roberts Vater an, als sei er sein Diener.

»Aber bestimmt, Mylord, wollen Sie nicht mitten im Spiel aufhören«, versuchte Master Staples ihn zur Vernunft zu bringen. Er wandte sich an Robert, der sich noch immer im Wohnzimmer aufhielt. »Nob«, sagte er und nannte den Jungen bei seinem Kosenamen, »sei ein guter Junge, und hör auf uns anzustarren. Geh und hol den Männern von dem Schinken und etwas zu trinken.«

Rasch lief der Junge los, suchte Schinken, Äpfel und Brot zusammen und brachte alles auf einem Tablett zu seinem Vater. Dann trat der Junge bescheiden in das angrenzende Zimmer. Die Männer spielten ihre letzte Runde, und er wusste, dass man sie jetzt keinesfalls stören durfte.

»Ich hole noch den Aal, Vater«, flüsterte Nob seinem Vater zu. Aber der schüttelte den Kopf und warf ihm einen warnenden Blick zu. Plötzlich gab es einen schrecklichen Knall. Robert wirbelte herum und sah, dass einer der Männer den Tisch umgeworfen hatte. Die Karten und die Gläser und alles, was darauf gestanden hatte, waren auf dem Holzfußboden verstreut.

»Ich warne Sie, Avenel, wenn Sie darauf bestehen, Osterley Park in Besitz zu nehmen, wird meine Rache Sie ewig verfolgen!«, schrie der Earl of Laborde. Der ältere Mann hatte sich drohend vor Avenel aufgebaut. Seine langen, blutleeren weißen Hände hatte er zu Fäusten geballt, und sein rotes Gesicht bildete einen scharfen Kontrast zu dem elegant frisierten grauen Haar.

Insgeheim war Nob glücklich, dass Oliver Morrow verloren hatte. Irgendetwas an diesem Earl hatte ihn vom ersten Augenblick an abgestoßen.

»In der Tat«, fuhr der Earl drohend fort, »werden Sie ein toter Mann sein, bevor Sie überhaupt den Fuß über meine Hausschwelle setzen können!« Mit diesen Worten zog der Mann ein Messer aus dem Taillenband seiner Hosen. Er stürzte auf Avenel zu, und Nob schrie vor Entsetzen laut auf.

Als es zum Kampf kam, brachten sich die anderen Männer in Sicherheit und schauten sprachlos vor Entsetzen dem Schauspiel zu. Nob und sein Vater versuchten, Oliver Morrow aufzuhalten, aber er war so schnell, dass sie nichts ausrichten konnten; und sie wollten natürlich nicht selbst noch zur Zielscheibe der scharfen Klinge werden. Am Ende traten auch sie zurück und sahen zu, wie Avenel geschickt dem Messer auswich. Dann traf er den Earl mit einem blitzschnellen Fußtritt am Arm, das Messer flog dem älteren Mann aus der Hand und schlitterte über den Boden und außer Reichweite.

»Wenn Sie glauben, ich hätte Angst vor einem Messer, dann täuschen Sie sich. Ich habe seine Klinge schon einmal zu spüren bekommen, und ich wage zu behaupten, dass meine Haut zu dick ist, um davon ernstlich verletzt zu werden.« Avenel blickte den Earl an und genoss offensichtlich den erschrockenen Ausdruck des Wiedererkennens in dessen Gesicht. Der Earl keuchte entsetzt auf. »Ich hätte Sie an Ihren Augen erkennen müssen, Sie Schwächling. Aber ich lasse Sie nicht hochkommen, Slane. Sie werden mich nicht ruinieren! Ich habe noch immer eine Möglichkeit gefunden. Mich hat noch keiner besiegt ...«

»Sie brauchen nichts weiter zu sagen!« Avenel lachte und hob den cremefarbenen Umschlag auf, der auf den Boden gefallen war. »All Ihre Drohungen haben nun keinerlei Bedeutung mehr. Sie werden die Konsequenzen tragen müssen – Sie haben ein wundervolles Haus sorglos verspielt. Ihre Gier hat Sie zum Narren gehalten. Ihr übertriebenes Verlangen zu gewinnen, koste es was es wolle, war Ihr Untergang. Jetzt gehört Osterley Park mir. Und ich habe es auf ehrliche Weise gewonnen. Es ist wieder da, wo es hingehört, und in besseren Händen als Ihren.« Er steckte das Papier in die Innentasche seiner Weste. »Wenn ich mich nicht täusche, haben Sie nicht einmal das Geld, um von hier fortzukommen, geschweige denn, Osterley Park zurückzukaufen. Also kümmern Sie sich besser um andere Dinge als um Ihre Rache.«

Avenel ging zum Tisch und stellte ihn wieder auf. Er lächelte Nob zu, dessen dürrer Knabenkörper vor Aufregung und Angst bebte. Der Junge brachte den Mantel und den Dreispitz, Avenel zog sich an und ging zur Tür. Nob blickte ihm voller Verehrung nach. Sein Vater war von seinen anderen Gästen abgelenkt.

»Slane! Du hast deine Gewinne vergessen!« Er rannte Avenel hinterher, der gerade auf sein Pferd stieg.

»Ich habe, was ich wollte.« Er wandte sich Staples zu. »Du hast mehr für mich getan, als ich erwarten konnte«, sagte Avenel dankbar.

»Im Gegenteil, es war wenig genug. Ich hätte kein Dach über dem Kopf, wenn du mir das Land nicht gegeben hättest.«

»Mein Vater wollte nach England zurück. Er konnte es nicht mehr brauchen.«

»Vielleicht. Aber wo Tabak gedeiht, kann man auch Geld verdienen.«

Avenel beugte sich vom Pferd herunter und schüttelte Staples Hand. Er lachte und sagte: »Hüte deine Zunge! Du sprichst viel zu freundlich von einem Tory!«

»Ich schätze, wir werden immer freundlich von den Tories sprechen, nun, da du entschlossen bist, nach London abzureisen.«

»Wenn der Krieg vorüber ist, komme ich vielleicht wieder.« Avenel wandte sich um und blickte auf den blauen Patuxent River, der sich seinen Weg durch das malerische bernsteingelbe und burgunderrote Laub bahnte. »Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Und ich muss zugeben, dass es schwierig sein wird, ein Engländer zu werden.« Ein leises Lächeln umspielte plötzlich seinen Mund. »Aber du solltest Cumberland sehen! Er stellt schon seine neue Garderobe zusammen – alles vom Feinsten, sage ich dir!«

Beide Männer lachten. Avenel nahm die Zügel auf und trabte in Richtung Satterlee Harbor davon.

»Du gehst besser zurück ins Haus, sonst sind meine Gewinne verschwunden – in ihren Taschen!«, rief er über die Schulter zurück.

»Glückliche Reise, Avenel!«, rief Staples und begab sich höchst zufrieden in sein Haus.

Dinbych-y-pysgod
Tenby, Wales
Dezember 1780

Das Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar warf einen letzten Blick auf das leere Haus, als ihre Kutsche daran vorbeifuhr. Ein paar Schweine quietschten und rannten von der Straße in ein anderes verlassenes Haus, das danebenstand. Es besaß nicht einmal mehr ein Dach, und auf seinen ausgetretenen Böden lagen Mengen von regendurchweichtem Schutt.

Das kleine mittelalterliche Städtchen Tenby war ihre Heimat. Hier hatten sie und ihre Mutter sich wohl gefühlt. In Tenby warfen die Leute einer alleinstehenden Frau nicht bedeutsame Blicke zu, auch nicht ihrer Tochter, dem schönen dunkelhaarigen Mädchen. Niemand hatte je unangenehme Fragen gestellt – Fragen nach der Vergangenheit, die weder Mutter noch Tochter bereit gewesen wären zu beantworten.

Die alte, im Grunde trostlose Stadt hieß jeden willkommen.

Aber nun wurde wieder ein Haus verlassen. Wahrscheinlich würde es nie wieder vermietet werden. Bald würden kleine graue Mäuse über die dreckigen Böden huschen, und nichts würde mehr auf längst vergangenes Mädchenlachen hindeuten.

Das Mädchen hatte als Kind dort gespielt und als junge Frau hier geträumt. Nun machte sie sich auf den Weg nach St. Catherine’s Island und Castle Hill. Nicht eine Menschenseele war gekommen, um dem Mädchen zum Abschied nachzuwinken. Aber sie saß noch lange auf ihrem abgewetzten Ledersitz in der Kutsche, und sah, als sie zurückblickte, die Küstenstadt immer kleiner und kleiner werden. Wie sehr sie sie vermissen würde. Sie wandte sich ab, als Tränen in ihre sanften veilchenblauen Augen traten.

Sie war allein, und es gab niemanden, der ihre trostlosen Gedanken hätte zerstreuen können. Natürlich würden andere auf dem Weg nach London noch zusteigen, aber nicht, bevor sie in Carmarthen ankamen.

Sie lehnte sich zurück und schaute durch die schmutzverschmierten Scheiben der Kutsche auf die hügelige Landschaft von Wales. Und sie versuchte sich vorzustellen, was das Leben ihr in Zukunft bringen würde.

Teil 1

... ehrenwerte Eva vor dem Fall.

Horace Walpole

1

Osterley Park
Januar 1781

Brienne Morrow erinnerte sich an den Anblick von Osterley, als sie vor einem Monat das Pförtnerhaus passiert hatte. Der große Säulengang trug weiße Griffons auf dem Giebel. Große Steinadler, die jeder eine Natter auf ihrem Rücken trugen, lauerten furchtlos über den Stufen, ihre grauen Granitaugen stets wachsam auf die Ankommenden gerichtet.

Aber jetzt, als sie auf der kalten Steinbank saß und das Haus aus einiger Entfernung betrachtete, fand sie, dass es durch die Gleichförmigkeit der Landschaft noch mächtiger wirkte. Das Schloss erhob sich über eine riesige Ebene und überragte alles.

Brienne wollte einen Spaziergang machen, um sich in der Natur von dem Prunk des Hauses zu erholen. Sie fragte sich, ob es früher einmal ein gemütliches, glückliches Haus gewesen war, obwohl es ihr jetzt nur unheimlich und pompös erschien.

Aber sie hatte nur noch wenige Erinnerungen an Osterley, denn sie waren schon fortgezogen, als sie ein Kind von fünf Jahren gewesen war. Sie entsann sich der Kälte in der Galerie, und sie erinnerte sich an das helle, in Sonnengelb gehaltene Zimmer ihrer Mutter. Dort hatte es immer nach Orangenblüten geduftet – aber Brienne hatte dennoch eine unangenehme Erinnerung an diesen Raum. Sie hatte einmal einen Albtraum gehabt und war in ihrer Not in das Zimmer ihrer Mutter gelaufen, aber ihre Mutter war nicht da gewesen. Dann war die Zofe gekommen und hatte Brienne wieder ins Bett gebracht. Aber die Erklärung der Frau, dass ihre Mutter in einem anderen Zimmer ihren Pflichten nachginge, hatten ihr nur noch mehr Angst eingejagt.

Brienne schaute auf ihre geflickten braunen Handschuhe und schüttelte den Kopf. Trotz ihrer Erinnerungen und der Erzählungen ihrer Mutter, war sie doch völlig unvorbereitet gewesen auf die Größe von Osterley. Sie war überwältigt von dem wundervollen Haus. Und die Tatsache, dass sie im Augenblick außer den Bediensteten die einzige Bewohnerin war, verstärkte diesen Eindruck nur noch mehr. Tag für Tag streifte sie durch die Räume und fühlte sich beim Anblick ihrer Pracht mehr als ein Dienstmädchen, aber nicht als die Tochter von Lord Oliver, dem achten Earl of Laborde. Sie fand, es war eine Ironie des Schicksals, dass sie, klein und schäbig, wie sie sich empfand, der einzige Sprössling und Träger seines Namens war.

Die Geschichten ihrer Mutter waren nicht immer sehr wahrheitsgetreu gewesen, vermutete sie. Brienne rutschte unbehaglich auf der kalten Marmorbank hin und her. Ihre Gedanken wandten sich der Miniatur zu, die sie in einem Geheimfach ihrer Wäschekommode versteckt hatte. Sie hatte das kleine Gemälde direkt nach dem Tod ihrer Mutter gefunden. Es war das Bild eines jungen Mannes mit einem geradezu engelhaft schönen Profil, und es war auf Elfenbein gemalt. Für Brienne war dieser Fund ein Schock gewesen. Denn sie hatte sich seit Jahren gefragt, ob ihre Mutter je die wirkliche Liebe kennengelernt hatte. Sie wusste, dass ihre Mutter den Earl niemals geliebt hatte. Briennes Vater hatte sich als unwürdig erwiesen, geliebt zu werden. Wer aber war dieser schöne, geheimnisvolle Mann auf der Miniatur?, fragte sie sich. War er ein entfernter Cousin, der vielleicht heute noch nach ihrer Mutter schmachtete? Oder war er ein Captain zur See, der Grace Morrow nicht vergessen konnte, obwohl er am anderen Ende der Welt lebte?

Brienne klammerte sich an ihre romantischen kleinen Träume. Irgendwie war es ein Trost für sie, glauben zu können, dass ihre Mutter auch einmal glücklich geliebt hatte. Dass es in ihrem viel zu kurzen Leben nicht nur einen Mann, Oliver Morrow, gegeben hatte, der sie wie ein schmückendes Beiwerk für sein herrliches Osterley benutzte und nicht als eine Frau angesehen hatte, die mit harten Worten und groben Händen verletzt werden konnte. Obwohl Brienne wusste, dass es Folgen gehabt hätte, wenn ihre Mutter ein Verhältnis mit einem anderen Mann gehabt hätte, wollte sie an dieser Idee festhalten. Und tief in ihrem Herzen empfand sie sogar, dass sie eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem kleinen Gemälde hatte. Aber vielleicht bildete sie sich das alles auch nur ein. Das Einzige, was sie mit Sicherheit wusste, war, dass die Miniatur ihrer Mutter viel bedeutet haben musste. Sie hatte sie über all die Jahre hinweg aufgehoben und versteckt, und aus diesem Grund empfand Brienne das Bild als einen kostbaren Fund.

Und ihre Suche nach Dingen von Wert war nicht nur wichtig, weil sie Andenken an ihre geliebte Mutter zu finden hoffte, sondern vor allem auch, weil Gläubiger aufgetaucht waren, die für ein längst abgetragenes Kleid, für eine vor Ewigkeiten gegessene Schweinelende noch ein paar Pennies haben wollten. Brienne hatte sehr bald gemerkt, dass sie Wales verlassen musste, weil sie die Schulden, die ihre Mutter gemacht hatte, nicht bezahlen konnte.

In langen schlaflosen Nächten überkamen sie Zweifel und Ängste. Sie hatte im oberen Zimmer gelegen und auf die verzogenen Dachbalken gestarrt, während sie in ihrer kalten Hand die Miniatur gehalten hatte. Hin und wieder war sie aufgestanden und hatte das Fenster geöffnet, um Luft hereinzulassen. Und endlich hatte sie eine Entscheidung getroffen. Glücklich würde sie in diesem Haus nicht werden. Sie schauderte bei dem Gedanken, dem Mann begegnen zu müssen, den sie als ihren Vater kannte. Aber sie hatte keine andere Wahl. Sie wusste nicht, wohin sie sonst gehen sollte.

Nachdem sie einmal entschlossen gewesen war, hatte sie sich von den meisten Dingen, die sie liebte, getrennt – dem Schmuck und den wundervollen Kleidern ihrer Mutter und auch den meisten ihrer eigenen, und von all den herrlichen Büchern – den großen Bänden von Shakespeare und Chaucer. Aber es hatte zwei Dinge gegeben, von denen sich Brienne keinesfalls trennen konnte, obwohl sie das Geld so dringend brauchte. Eines war ein goldener Haarkamm mit Amethysten, den sie außer der Miniatur gefunden hatte. Es war eine bittersüße Erinnerung an ihre Mutter. Und der andere ihr so kostbare Besitz war die Miniatur selbst.

Brienne saß ruhig und versonnen auf ihrer Bank. Die Erinnerungen taten weh, und sie war erfüllt von Sehnsucht und Einsamkeit. Nur in einem Punkt hatte sie in der letzten Zeit wirklich Glück gehabt: Ihr Vater hatte sich in dem Monat, den sie nun schon hier war, nicht blicken lassen. Und nach allem, was die Bediensteten redeten, wurde er in nächster Zeit auch nicht erwartet.

Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie den eleganten Vierspänner, der über die Auffahrt kam, erst bemerkte, als er zum Halten kam. Bevor sie sich von der Bank erheben konnte, war der Anwalt ihres Vaters schon aus der Kutsche gesprungen und kam mit hastigen Schritten auf sie zu.

»Guten Tag«, sagte Brienne von ihrer Bank aus. Sie fragte sich argwöhnisch, was der Grund für diesen unwillkommenen Besuch sein mochte.

»Guten Tag, Lady Brienne. Nein, bitte, bleiben Sie sitzen. Ich werde mich nicht lange aufhalten können.« Der Mann blickte sie mürrisch an. Er hatte eine arrogante Art, mit ihr zu sprechen. »Ich bin gekommen, um Sie darüber zu informieren, dass ich nicht länger der Anwalt Ihres Vaters bin. Er verfügt nicht über ein genügend großes Vermögen, um sich meine Dienste leisten zu können.« Er sah aus, als erwarte er eine Reaktion von ihr, aber sie enttäuschte ihn. Es kam keine.

»Entschuldigen Sie meine Offenheit«, sagte sie schließlich, »aber ich sehe gar nicht die Notwendigkeit, mich darüber zu informieren. Ich habe Ihre Dienste nie in Anspruch genommen.«

»Da gibt es noch etwas anderes. Ihr Vater ist nun schon seit einiger Zeit in Amerika. Er hat gespielt.« Der Anwalt blickte sie an, diesmal wenigstens erwartete er eine Reaktion von ihr. »Er hat viel verloren.«

»Ja?« Brienne blickte zu ihm auf. In ihren Augen konnte man keinerlei Gefühle ablesen.

»Um genau zu sein – er hat alles verloren. Er spielte und verlor Osterley.«

»Aha.« Brienne dachte eine Sekunde oder vielleicht zwei über diese Neuigkeit nach. »Ich werde das Personal darüber informieren. Gibt es etwas Bestimmtes, was ich ihnen mitteilen muss?«

»Verzeihen Sie, Lady Brienne. Ich weiß nicht, ob Sie mich richtig verstanden haben. Ich sagte, der Earl hat Osterley verloren. Sie haben kein Zuhause mehr.«

»Ja, ich habe Sie schon beim ersten Mal richtig verstanden. Und ich bin nicht überrascht. Es sieht meinem Vater ähnlich, Karten zu spielen und solch einen wundervollen Besitz zu verlieren, ohne sich auch nur einen Gedanken darüber zu machen, wessen Leben und Auskommen er damit ruiniert.«

»Der neue Hausherr will, dass die Bediensteten bleiben. In seinem Brief bittet er mich darum, ihnen mitzuteilen, dass er nach seiner Ankunft selbst entscheidet, wen er entlassen will.«

»Und wann, meinen Sie, wird das sein?«, fragte Brienne gleichgültig, schließlich war sie sicher, dass sie bis dahin schon längst nicht mehr in Osterley sein würde.

»Das ist schwer zu sagen, aber ich schätze, spätestens Ende der Woche, vielleicht schon morgen, nach den Daten zu urteilen, die er in seinem Brief angegeben hat.«

Endlich zeigte Brienne die Regung, die der Anwalt erwartet hatte. Sie starrte ihn ungläubig an. »Bestimmt machen Sie Witze! Warum wurde ich nicht früher benachrichtigt?«

»Briefe aus den Kolonien kommen oft gar nicht und sehr häufig zu spät an, Mylady. Ich konnte nicht mehr tun, da ich selbst gerade erst die Nachricht davon erhalten habe, dass Ihr Vater mittellos geworden ist.« Der knöcherne Anwalt konnte seine Abscheu nicht verbergen. »Er hat mir seine Vollmachten entzogen und mitgeteilt, wie schwierig es für ihn sein wird, nach England zurückzukehren. Ich fürchte, dass der Krieg und das Fehlen jeglicher finanzieller Mittel ihn in äußerste Verlegenheit gebracht haben, eine Schiffspassage zu buchen.«

»Also, wenigstens das sind gute Nachrichten«, murmelte Brienne leise.

Der Anwalt räusperte sich. »Obwohl ich für meine letzten Tätigkeiten vom Earl noch nicht bezahlt worden bin, habe ich es doch als meine Pflicht angesehen, hierherzufahren und Ihnen meine Hilfe anzubieten. Wenn ich einen Vorschlag machen darf, Mylady, das Haus in Bath ist immer noch im Besitz Ihres Vaters, soviel ich unterrichtet bin. Und ich weiß, dass er ein kleines, einfaches Stadthaus in London hat. Vermutlich wird er sich nach seiner Rückkehr dort niederlassen. Ich bin sicher, dass Sie dort in der Zwischenzeit wohnen können, ohne Einwände Ihres Vaters befürchten zu müssen.«

»Vielleicht hätte er nichts dagegen, aber ich habe es. Ich bin nur für eine befristete Zeit nach Osterley gekommen, um mir von hier aus einen passenden Ort zum Leben zu suchen. Mein Aufenthalt hier wird durch diesen Zwischenfall lediglich verkürzt. Das ist alles.«

»Der neue Hausherr scheint sehr großzügig zu sein. Ich bin sicher, er erlaubt Ihnen hierzubleiben, bis weitere Abmachungen getroffen werden können. Natürlich hätte jedermann Verständnis dafür, wenn Sie es als Demütigung empfinden würden, ein solches Angebot anzunehmen.«

»Demütigung? Warum sollte ich mich gedemütigt fühlen, wenn ich die Freundlichkeit eines Fremden annehme? Die wahre Demütigung ist es, von der Freundlichkeit meines Vaters abhängig zu sein. Meine Mutter konnte ein Lied von dieser Freundlichkeit singen.« Brienne sprach diese letzten Worte mehr für sich und sehr leise aus. Sie wollte nicht mit einem Fremden über diese persönlichen Angelegenheiten reden.

»Also, wenn es Sie nicht stört, Lady Brienne – ich bin sicher, Master Avenel Slane wird Sie bitten, hierzubleiben, bis Sie eine geeignete Bleibe gefunden haben. Ein solches Arrangement verstößt zwar gegen jeglichen Anstand, aber wenn Sie keine Bedenken haben, wäre das wohl der beste Rat, den ich Ihnen geben kann.«

»Sie können meinem Vater sagen, falls Sie mit ihm Kontakt aufnehmen, dass ich nicht nur die Einladung von Master Slane annehme, wenn er sie ausspricht, sondern dass ich sogar erwäge, eine dauerhafte Stellung im Haushalt des neuen Eigentümers anzunehmen – nur um dem Earl nicht begegnen zu müssen.« Sie lachte und fügte hinzu: »Ja, sagen Sie ihm das. Richten Sie ihm aus, dass ich es vorziehe, als Küchenmagd in Osterley zu arbeiten, um nicht mit ihm in London leben zu müssen. Sie werden es ihm sagen, ja?« Sie blickte mit amüsiert aufblitzenden Augen zu dem Mann auf.

»Ja, Mylady. Wenn es Ihr Wunsch ist.« Er sah sie an, als wäre sie verrückt geworden. Und dann – vielleicht, weil er dachte, ihr Wahnsinn mache sie empfänglich für ihn – ließ er seinen Blick über ihr dichtes kastanienbraunes Haar gleiten. Sie war klein und jung und besaß eine aufreizende Figur. In seinen kleinen, verkniffenen Augen lag eine Einladung, aber Brienne musterte ihn mit steinernem Ausdruck, bis er erkannte, dass ein Flirt mit ihr sinnlos war. Sie hatte ihm gesagt, dass sie willens war, in dem Haus, das nun einem Fremden gehörte, zu bleiben, und ein Angestelltendasein sogar einem respektablen Leben mit ihrem Vater vorzog. Aber sie würde sich niemals einen Liebhaber nehmen. Schnell verabschiedete sich der Anwalt, ohne nochmals sein Mitleid zu bekunden oder ihr Trost zuzusprechen.

Sie wusste, dass sie die Armee von Bediensteten informieren und ihre eigenen Pläne machen musste, bevor Avenel Slane auftauchte. Brienne erhob sich niedergeschlagen von der Bank. Als sie auf das große Portal zuging und den Hof überquerte, bemerkte sie wieder einmal, wie still alles um sie her war – zu still für ein so riesiges und aufwendig eingerichtetes Haus. Es zeugte davon, dass der Eigentümer hier nicht wohnte – noch nicht.

2

»Sie sitzt schon seit Tagen so da.« Der Lakai schaute zu dem verschnörkelten Stuhl, auf dem Brienne kauerte. In den beiden Kaminen prasselten Feuer, die die kahle Marmorgalerie erwärmten, in der eine Reihe römischer Statuen standen. Brienne starrte in die Flammen, während sie auf den neuen Eigentümer wartete.

Sie hatte wenig Glück gehabt, als sie versucht hatte, das Schloss zu verlassen. Sie bekam für das Geld, das ihr noch geblieben war, keine Kutsche. Im Grunde wusste sie auch gar nicht, wohin sie sich wenden sollte. Nach London zog es sie überhaupt nicht, es war zu groß, und sie kannte keinen Menschen. Außerdem würde sie dort mit Sicherheit ihrem Vater begegnen, wenn er aus Amerika zurückkehrte. Dann gab es noch Bath. Sie wusste, dass in Bath Freunde ihrer Mutter leben mussten, die es der Wasserkuren wegen dorthin zog. Aber wie sollte sie in dieses Städtchen kommen?

Sie stand auf und lächelte den zwei älteren Lakaien zu, als sie zur Haustür ging. Kalter Wind und Regen schlugen ihr ins Gesicht. Und sie hüllte sich fester in ihren Umhang. Sie rannte über den Hof zu dem großen Portal und betrachtete den Weg, über den die Kutsche kommen musste. Sie spürte, dass irgendjemand sie beobachtete und blickte nach oben zu den Fenstern. Plötzlich lachte sie, als sie das Zimmermädchen Annie entdeckte, das gerade die gelben Vorhänge des Schlafzimmers im ersten Stock schloss.

Alle denken, ich sei verrückt. Sie lächelte bitter. Und warum auch nicht. Sie hatten das Vergnügen, mit meinem Vater unter einem Dach zu leben. Sie müssen denken, dass alle in dieser Familie verrückt sind. Bei diesem Gedanken lachte sie freudlos und wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht.

Sie war viel zu nervös, um in ihrem Zimmer warten zu können. Und endlich entdeckte sie eine große Kutsche, die durch das Tor fuhr. Ihr Magen zog sich vor Aufregung zusammen, als sie das elegante Fahrzeug näher kommen sah. Das Wappen blitzte trotz des regnerischen, trüben Tages golden auf.

»Also ist er wirklich gekommen!«, murmelte sie.

Schnell lief sie durch die große Halle, in der es jetzt sehr geschäftig zuging. Oben in ihrem Schlafzimmer legte sie ihren Umhang ab und griff nach einigen Haarnadeln, die auf dem Tisch lagen. Planlos steckte sie sie in ihr feuchtes Haar und überlegte, welches Kleid angemessen zum Empfang des neuen Hausherrn sei. Es dauerte nicht lange, bis sie sich entschieden hatte. Es war ihr Lieblingskleid, ein rosafarbenes, das zwar nicht mehr ganz der Mode entsprach, aber noch in einem guten Zustand war. Sie ging in das angrenzende Ankleidezimmer zu dem großen Kleiderschrank, um es herauszunehmen, aber zu ihrer Überraschung sah sie einen Zipfel der rosafarbenen Seide um die Ecke huschen.

»Annie, was machen Sie denn da?«, fragte sie. Sie lief dem Kleid nach und sah, wie die Magd darin vor dem Spiegel herumtänzelte. Sie hatte Briennes Lieblingsstück halb angezogen. Brienne war sich nicht ganz sicher, ob Annie es nicht mehr geschafft hatte, sich ganz anzuziehen oder ob das Kleid in der Taille zu eng war.

Annie schnellte erschrocken herum. Sie murmelte etwas, aber Brienne konnte die Worte nicht verstehen.

»Sprechen Sie etwas lauter, Annie! Ich wüsste gern, was das zu bedeuten hat«, sagte sie streng.

»Ich werde Sie nicht mehr bedienen, Mylady.«

»Das ist auch gut«, gab Brienne zurück und fragte sich, was in das Mädchen gefahren war. Diese Aufsässigkeit war für ein Dienstmädchen sehr ungewöhnlich, und es wirkte auf sie beunruhigend. »Sie wissen, dass ich nicht mit Personal groß geworden bin, Annie. Ich habe nicht viel von Ihnen verlangt, seit ich hier bin. Aber einfach eins meiner Kleider anzuziehen, ist wirklich ungehörig. Was haben Sie sich dabei gedacht?«

»Sie sind nicht die Tochter unseres neuen Herrn.«

»Natürlich nicht.« Man konnte Brienne ansehen, wie bestürzt sie war. »Aber das erklärt noch immer nicht, warum Sie mein Kleid tragen.« Sie blickte auf Annies üppige Figur. Das Korsett war zwar eng geschnürt, aber sie wusste, dass das Kleid aus allen Nähten platzen würde. »Bitte ziehen Sie es aus.«

»Oh, Mylady, ich habe gehört, dass der neue Eigentümer ein richtiger Mann ist. Und ich möchte ihm zeigen, wie nützlich ich mich machen kann«, flötete das Mädchen und versuchte, Briennes Mitleid zu erregen.

»Sie meinen, Sie wollen ihm die Zeit vertreiben?«, fragte Brienne naiv.

»Das wäre immerhin besser, als die Zeit mit einem Stallknecht zu verbringen. Und mit diesem Kleid wird er denken, ich bin eine Lady.«

»Aber Sie haben nicht meine Erlaubnis, es zu tragen.« Brienne blickte Annie misstrauisch an.

Brienne hatte von ihrem ersten Tag in Osterley an gemerkt, dass Annie eifersüchtig auf sie war.

»Es ist ja nichts passiert!«, rief die Magd höhnisch. »Hier!«, sagte sie und brachte das Kleid in das gelbe Zimmer. Dann zog sie sich ihr eigenes Kleid wieder über. »Wird nicht wieder geschehen, Mylady. Das verspreche ich Ihnen!« Ohne eine Entschuldigung verließ Annie mit einem selbstgefälligen Lächeln den Raum. Brienne sah ihr verwirrt nach. Irgendetwas war hier im Gange – und vermutlich würde sie den Kürzeren dabei ziehen.

In Gedanken versunken ging Brienne zurück zu ihrem Kleiderschrank und betrachtete die wenigen Kleider, die ihr geblieben waren. Das rosafarbene konnte sie nun nicht mehr anziehen, es war zerknittert. Deshalb nahm sie ein dunkelviolettes Wollkleid heraus und legte es auf ihr Bett. Sie kämmte sich das lange Haar vor einem reich verzierten Pfeilerspiegel und steckte es mit dem Amethystkamm hoch. Sie zog sich das Kleid über ihr Leinenhemdchen und das Korsett und bemerkte gequält, dass ihre eigene Zofe elegantere Unterkleidung trug als sie.

Als sie aus ihrem Zimmer ging, hoffte sie nur, dass sie zwar einfach gekleidet, aber nicht allzu ärmlich wirkte. Sie war nicht sicher, wie sie dem neuen Schlossherrn gegenübertreten sollte. Die ganze Situation war grässlich. Sie wusste, dass sie bestenfalls erreichen konnte, noch kurze Zeit im Haus bleiben zu dürfen, bis sie etwas anderes gefunden hatte. Und sie konnte nur beten, dass der neue Eigentümer so großzügig war, ihr das zu gestatten.

Als sie die Treppe herunterkam, hörte sie Stimmen aus einem anderen Schlafzimmer. Sie war nicht neugierig, was die Bediensteten miteinander redeten, deshalb ging sie weiter, aber als sie ihren Namen hörte, besann sie sich anders.

»Lady Brienne Morrow wird die Kleider nicht mehr brauchen. Sie hat jetzt kein Zuhause mehr, und sie ist eine Anwärterin für Bedlam. Ich werde schon dafür sorgen, dass der neue Herr die Sache genauso sieht. Schließlich will ja nicht mal ihr eigener Vater etwas mit ihr zu tun haben.« Das war Annies Stimme.

»Bedlam«, flüsterte Brienne und erinnerte sich all der schrecklichen Geschichten, die sie über das Irrenhaus gehört hatte – der Dreck, der Geruch von Fäulnis und die Torturen, die die Patienten erdulden mussten. Sie lächelte grimmig. Sie denken wirklich, dass ich verrückt bin.

»Die hat doch den Teufel in sich«, fuhr Annie fort, die natürlich nicht bemerkt hatte, dass ihre Unterhaltung belauscht wurde. »Ihr Haar riecht so merkwürdig, und ihre komischen Augen ... Wenn ich erst die Mätresse vom Schlossherrn bin, werde ich dafür sorgen, dass sie sie abholen und mitnehmen. Du wirst schon sehen. Ich verfluche den Tag, an dem sie nach Osterley gekommen ist. Es gibt keinen einzigen Mann, den sie nicht verhext hat.«

»Aber keiner der Männer hat Lady Brienne auch nur einmal berührt! Es gibt keinen Grund, neidisch zu sein. Außerdem spinnst du, Annie. Der neue Herr ist gerade erst angekommen. Und schon bildest du dir ein, dass du seine Mätresse wirst und dass du ihm sagen kannst, was er tun soll!«, rief die andere Magd mit lauter Stimme.

»Sie ist eine Hexe! Sogar meinen armen alten Jack hat sie verhext, und er ist schon fast selbst verrückt geworden, weil er sie nicht haben kann.«

»Es gibt keine Hexen, Annie.«

»Du würdest so etwas nicht behaupten, wenn du besser Bescheid wüsstest, aber ich kenne die Wahrheit. Und keiner kann mich davon abbringen. Sie ist verrückt mit ihren Spaziergängen im Regen und ihrem nächtelangen Lesen. Es wird gar nicht schwer sein, den neuen Herrn davon zu überzeugen.«

»Vielleicht. Aber bevor du seine Mätresse wirst, müssen wir uns erst mal hübsch machen. Ich bin sicher, dass er uns heute Abend noch sehen will. Ich gehe schon mal.« Die andere Magd öffnete die Nebentür des Schlafzimmers, die von den Bediensteten benutzt wurde, und beide Mädchen machten sich auf den Weg in ihre eigenen Zimmer.

Zuerst hatte Brienne das anmaßende Gerede von Annie noch amüsiert, aber am Ende war sie doch ziemlich betroffen. Es stand schon so schlimm um sie, und dieser Klatsch über Bedlam machte sie wütend. Sie wusste natürlich, dass es ziemlich ungewöhnlich für Frauen war zu lesen, aber nicht für Frauen ihres Standes. Und selbstverständlich wurde man davon nicht verrückt. Wenn sie wie eine Besessene bis tief in die Nacht hinein las, dann doch nur, weil sie einsam war und sich langweilte. Niedergeschlagen ging sie weiter. Sie fragte sich, wem der neue Schlossherr Glauben schenken würde – ihr oder Annie.

Die blassblauen Wände des großen Treppenhauses bildeten einen wundervollen Hintergrund für das Deckengemälde. Brienne blieb stehen und vertiefte sich wie jedes Mal andächtig in die Schönheit der Darstellung – ›Die Verherrlichung eines Helden‹. Es gehörte zu den Dingen, die sie wirklich in diesem Haus liebte.

»Oh!« Brienne wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Treppenstufen zu und sah sich plötzlich einem kleinen Mann gegenüber, der sie beobachtete. Er war mittelalt und hatte freundliche grüne Augen, und er hatte die prachtvollste bestickte Weste an, die sie je gesehen hatte. Sie war kanariengelb und mit schweren Goldfäden durchwirkt.

»Und wer mögen Sie wohl sein, meine Liebe?« Der ältere Mann machte eine tiefe Verbeugung vor ihr.

»Ich – ich bin Brienne.« Sie starrte auf die kostbare Weste. Es gab für sie keinen Zweifel, dass dies der neue Hausherr war.

»Nun, reizende kleine Brienne, Sie sind nicht zufällig ein Zimmermädchen, oder?« Der Mann nahm ihren Arm und führte sie nach unten. Er war offensichtlich sehr angetan von ihr. »Ich suche die Tochter des Earls, und man hat mir gesagt, dass ich sie oben finden kann. Wissen Sie zufällig, wo Lord Olivers Tochter sich im Moment aufhält?«

Schnell zog sie ihren Arm zurück. Sie wollte verhindern, dass er sah, wie dünn das Wollkleid an den Ellenbogen war. Sie schämte sich, dass man sie offensichtlich für Annie hielt, weil sie so schäbig angezogen war.

»Ich bin die Tochter des Earls«, sagte sie würdevoll. »Ich bin Brienne Morrow.«

Plötzlich blickte der Gentleman sie scharf an. Und auf seiner Stirn bildete sich eine steile Sorgenfalte. »Sie sind die Tochter des Earl?«

»Ja, aber ich kann mein Aussehen erklären. Wissen Sie, ich ...« Aber sie wurde unterbrochen.

»Nein, ich fürchte, Mylady, dass nichts Ihr Aussehen erklären kann.« Der Mann schenkte ihr ein kleines grimmiges Lächeln und blickte in ihre veilchenblauen Augen. Sie hielt ihre Hände über den Armen verschränkt und wünschte nichts mehr, als dass er ihre durchgescheuerten Ärmel nicht bemerkte. »Also, mein Kind, dagegen können wir im Moment nichts tun, nicht wahr?« Der Mann lächelte ihr etwas wehmütig zu.

Sie dachte, dass er sie hinauswerfen würde, und begann mit der von ihr vorbereiteten Rede. »Wie Sie wahrscheinlich schon wissen, Sir, habe ich bisher hier gewohnt. Ich werde so bald wie möglich hier ausziehen, aber in der Zwischenzeit fände ich es nicht unter meiner Würde, in Ihrem Haushalt mitzuhelfen. Meine Mutter hat mir alles ...«

»Meinem Haushalt!«, rief der Mann aus. »Mylady, dieses Haus gehört mir nicht!« Er lachte, als habe sie einen Scherz gemacht.

»Nein?«, stammelte Brienne. »Aber ich dachte – ich meine, ich habe vermutet –«

»Nein, leider.« Der Mann schüttelte fast verzweifelt den Kopf. »Wie ich es jetzt wünschte! Sehr sogar.«

»Aber wo ist dann der Eigentümer? Ich sollte mit ihm über alles sprechen.« Sie versuchte, ihre Fassung wiederzugewinnen.

»Er wartet in der Galerie.«

»Ich verstehe«, sagte sie. »Ich vermute, da Sie gekommen sind, um mich zu holen, dass er über meine Situation Bescheid weiß?« Sie blickte ihn scharf an.

»Ja, er hat davon gehört, als er dem Anwalt Ihres Vaters einen Besuch abstattete.«

»Ich hatte gehofft, es ihm selbst erklären zu können.« Sie ließ die Schultern hängen. Nun, da der Eigentümer genügend Zeit gehabt hatte, über ihre Lage nachzudenken, wusste sie, dass sie keine Hoffnung mehr haben konnte. Wahrscheinlich würde es sehr peinlich für ihn sein, die Tochter des früheren Eigentümers im Haus zu haben. Wie nur sollte sie ihn überreden, sie nicht fortzuschicken? Sie wäre gezwungen, nach ihrem Vater zu suchen oder ohne ein Dach über dem Kopf zu sein, und im Grunde würde sie das Letztere vorziehen.

»Würden Sie so freundlich sein und mich zu ihm bringen? Ich vermute, alle fühlen sich besser, wenn diese Sache besprochen ist.« Sie lächelte den freundlichen Mann an, und es tat ihr von Herzen leid, dass er nicht der Eigentümer war.

»Natürlich!« Wieder schaute er sie besorgt an, dann brachte er sie in die Galerie. Sie merkte, dass er plötzlich sehr unsicher wirkte, und fragte sich, ob der neue Besitzer jemand war, dem man besser nicht begegnete.

Sie betraten die Galerie durch die Südtüren. In den beiden Kaminen brannten Feuer, und in der Mitte des langen Raumes war ein Tisch gedeckt. Zwei Lakaien standen an den Türen, und Unterröcke raschelten, als eines der Hausmädchen geschäftig hin und her lief, um alles für den Tee zu richten. Am anderen Ende des Raumes stand ein Mann so weit von all diesen Aktivitäten entfernt wie nur möglich. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt, aber Brienne merkte gleich, dass er das Porträt von Oliver Morrow anschaute – ein Porträt, das sie schon oftmals am liebsten in den brennenden Kamin geworfen hätte.

Der ältere Mann nahm ihren Arm und schien allen Mut zusammennehmen zu müssen. Er führte sie den langen Weg durch die Galerie, und sie spürte, dass seine Hand ein wenig zitterte. Seine Nervosität steckte sie allmählich an, und sie musste schlucken, als sie sich dem Fremden näherten.

Das Erste, was ihr an dem Mann auffiel, war seine Gestalt. Nicht dass er dick war, ganz im Gegenteil. Sie wusste instinktiv, dass nur feste Muskeln unter der kostbaren Kleidung des Mannes verborgen lagen. Aber er war sehr groß, und seine blauschwarze Seidenbrokatweste spannte über den breiten Schultern.

»Slane«, begann ihr Begleiter mit leicht zitternder Stimme. »Ich habe die Tochter des Earl gefunden.«

Der Mann fuhr fort, das Porträt anzustarren. »Bring sie her. Wir haben eine Abmachung. Ich rechne fest damit, dass du dich nicht einmischst.«

»Sie ist hier bei mir, Slane.« Der ältere Mann ließ ihren Arm los und trat zurück. Brienne spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Sie fürchtete sich vor dem Moment, in dem sich der Mann umdrehen würde.

Aber der Mann drehte sich nicht sofort um. Zuerst wandte er seine Augen von dem Porträt ab und beugte seinen Kopf, als fürchte er, sie anzusehen. Dann hob er seinen dunklen Schopf und blickte ihr direkt ins Gesicht.

Der Mann, der sie begrüßte, sah eigentlich nicht wie das Ungeheuer aus, das sie erwartet hatte. Er war dunkelhaarig, und seine schmalen Lippen wirkten hart, aber seine Gesichtszüge erschienen eher aristokratisch, von der geraden klassischen Nase bis hin zu der hohen Stirn. Und dann seine Augen! Sie waren wie zwei blaue Diamanten, die unter dichten schwarzen Wimpern schimmerten. Der kalte Blick wurde zeitweise durch ein Strahlen gemildert, und Brienne fand, dass diese Augen etwas Hypnotisches an sich hatten. Er schien fast erschrocken bei ihrem Anblick, als fände er sie genauso überraschend wie sie ihn. Er starrte sie so lange an, dass sich ihre Hände instinktiv wieder über die Ellenbogen ihres Kleides schoben. Als er sich einen kurzen Augenblick abwandte, zupfte sie an ihrem Kleid.

»Cumberland, würdest du bitte dafür sorgen, dass wir allein gelassen werden?«, fragte der Mann unverhohlen.

»Hör mal, Slane, ich habe ...«

»Was getan ist, ist getan, Cumberland!«, schrie er fast ihren Begleiter an. Diese Grobheit brachte Brienne auf.

Cumberland sah ein, dass er nichts erreichen konnte. Er wandte sich ihr zu. »Ist es Ihnen recht, wenn ich Sie beide einen Moment allein lasse, mein Kind?«

Sie nickte und schenkte ihm ein warmherziges Lächeln. Er sorgte sich um sie, und sie war ihm dankbar dafür. Der Mann konnte ja nicht wissen, dass sie schon seit langer Zeit auf sich selbst aufpasste. Und er konnte nicht wissen, was ihr bevorstand, wenn sie das Schloss verlassen musste.

3

»Setzen Sie sich«, forderte der Schlossherr sie auf. Als sie seiner Bitte nicht gleich nachkam, sah er sie an. »Lady Brienne, wenn Sie unbedingt stehen wollen, dann muss ich es auch. Ich ziehe es jedoch vor, zu sitzen, während ich meinen Tee trinke, wenn Sie also so freundlich sein wollen.« Er wies auf einen großen Mahagoniarmlehnstuhl, der mit grünem Seidendamast bezogen war.

Brienne nahm Platz und wartete darauf, dass ihnen der Tee gereicht wurde. Nachdem das Dienstmädchen ihnen eingeschenkt hatte, rollte es den Teewagen neben Brienne und verließ die Galerie. Sie waren jetzt vollkommen allein. Und Brienne wartete nervös.

»Mir ist erst vor Kurzem mitgeteilt worden, dass der Earl eine Tochter hat.«

»Ich verkehre kaum in der Gesellschaft«, antwortete sie und gab sich alle Mühe, ihre Unsicherheit hinter einer selbstbewussten Fassade zu verbergen.

»Und warum? Sicher haben Sie die Mittel dazu.« Die kristallfarbenen Augen des Mannes sahen vielsagend auf ihre Brust.

»Aber nicht das Verlangen«, gab sie zurück. Leichte Röte zog über ihre Wangen.

»Haben Sie nie daran gedacht, sich einen Mann zu suchen?«

»Nein.«

»Also, welche Pläne haben Sie für die Zukunft, Mylady?«

Brienne räusperte sich und trank einen Schluck Tee. Er war stark und heiß. »Ich hoffte, nach Bath abreisen zu können, Sir, aber ich bin vorübergehend aufgehalten worden.«

»In Osterley?« Er lächelte boshaft, wie sie fand. »Und was planen Sie, hier zu tun, um sich Ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Ich bin nicht Ihr Vater, und er ist nicht mehr der Eigentümer des Besitzes.«

»Das ist mir natürlich bekannt, Sir. Aber im Moment habe ich nicht die Mittel, mir eine andere Bleibe zu suchen. In etwa einer Woche geht die nächste Kutsche. Aber bis dahin hat mich die neue Situation – wie soll ich sagen? – unerwartet getroffen. Meinen Vater kann ich nicht erreichen, und ich habe keine anderen Verwandten.«

»Und Ihre Mutter?«

»Sie ist tot.«

»Ach so. Aber Ihr Vater würde es sicher nicht gern sehen, wenn Sie hierblieben, stimmt’s? Wäre es nicht besser, Sie würden bei ihm leben?«

Ihr Verstand arbeitete schnell. Sie wollte nicht über die Unzuverlässigkeit ihres Vaters sprechen, und deshalb würde sie etwas erfinden müssen.

»Mein Vater hat mich aufgegeben, da ich seine Lebensart nicht mag. Meine Mutter teilte meine Gefühle, und ich lebte bei ihr, bis sie starb.«

»In Osterley?«

»Nein, sie starb in Wales, wo wir einen anderen Besitz hatten.« Sie starrte in ihre Teetasse, ehe sie noch einen Schluck trank. Sie war sich nicht sicher, ob er ihr glaubte, aber unter diesen Umständen war es die beste Erklärung, die sie ihm bieten konnte. Es gab keine Veranlassung, ihm die ganze Wahrheit zu sagen, denn dann würde er entweder ihren Vater zwingen, sie bei sich aufzunehmen, oder sie ohne Gnade auf die Straße setzen. Sie musste sich zumindest eine geringe Chance bewahren, in diesem Haus bleiben zu können, bis die Kutsche in der Stadt hielt. Über alles Weitere würde sie sich später Gedanken machen.

Der Mann betrachtete sie lange prüfend. Er war offensichtlich nicht zufrieden mit ihrer Antwort, aber sie konnte sich nicht erklären, was ihn so sehr störte.

»Sie lügen.«

Brienne schnappte nach Luft. »Wie kommen Sie darauf, Sir?«

Plötzlich wurde sie ohne Vorwarnung hochgerissen.

»Hier«, sagte er und deutete auf ihre abgewetzten Ärmel. »Erlaubt ein Mann wie Oliver Morrow seiner Tochter, in solchen Fetzen herumzulaufen, nur weil sie mit seiner Lebensweise nicht einverstanden ist?«

»Ich habe meinen Vater schon sehr lange nicht mehr gesehen. Er weiß das nicht.« Er ließ sie los, und Brienne sank in ihren Sessel zurück. »Ich möchte Sie nicht mit meinen Familienangelegenheiten belasten. Ich möchte nur sehr gern noch ein paar Tage in Osterley bleiben, bis ich alle nötigen Vorkehrungen für meine Abreise getroffen habe. Es ist mein Zuhause. Ich hänge sehr daran.«

»Sie sagen wieder nicht die Wahrheit. Ich weiß, dass Sie sich erst seit einem Monat hier aufhalten. Davor wusste man nicht einmal etwas von Ihrer Existenz. Erklären Sie mir das, wenn Sie können.«

Sie war diesem Mann keine Rechenschaft schuldig. Wütend stand sie auf und blickte ihn an. »Ich bitte lediglich um eine kurze Frist. Schließlich haben Sie und mein Vater mich in diese Verlegenheit gebracht. Aber wenn Sie mich nicht im Haus haben möchten, sagen Sie es mir nur, und ich werde sofort ausziehen. Meine Vergangenheit und meine Beziehung zu meinem Vater gehen Sie nicht das Geringste an.« Ihre blauen Augen flackerten vor Zorn, und sie wusste, dass ihre Wangen rot waren.

»Es gibt keinen Grund, sich aufzuregen, Lady Brienne.« Er ließ sich nieder. Seine langen Beine steckte er lässig aus, man merkte ihm aber dennoch an, dass er aufgewühlt und wütend war. »Sie können hierbleiben, wenn Sie möchten. Ich bestehe sogar darauf.«

»Haben Sie vielen Dank.« Sie sah ihn aufmerksam an. Der unerwartete Stimmungsumschwung des Schlossherrn brachte sie aus der Fassung. »Seien Sie versichert, dass ich mich nützlich machen werde. Ich weiß, wie man ein Haus wie Osterley führt. Meine Mutter war eine wundervolle Lehrerin für mich.«

»Ja. Marie Antoinette liebt auch das einfache Leben. Ich vermute, Ihre Mutter war wie sie.«

»Ja, sie kümmerte sich gern um den Haushalt. Sie fand es ... amüsant.«

»Aber da gibt es doch einen Unterschied, Mylady, oder nicht? Ich bin überrascht, dass Sie es nicht selbst bemerkt haben.«

»Und was meinen Sie?«

»Die Königin trägt keine solchen Fetzen; und ihre Hände sind nicht schwielig von der Arbeit ...«

Verärgert ballte Brienne die Hände zu Fäusten, damit er ihre Handflächen nicht mehr sehen konnte. »Ich lasse mich nicht in die Ecke drängen. Wenn es Ihnen lediglich um die Befriedigung Ihrer Neugier geht, werde ich das Haus sofort verlassen.«

Sie stand auf und wandte sich zum Gehen. Sie würde sich von diesem Mann nicht dazu verleiten lassen, über ihren Vater zu sprechen.

»Nein!« Seine Stimme hielt sie zurück. »Sie werden nicht gehen, Lady Brienne. Wie ich bereits gesagt habe, bestehe ich auf Ihrem Bleiben. Sie werden, um genau zu sein, bleiben, bis Ihr Vater uns besucht.«

Brienne wurde weiß wie die Wand. Warum sollte er wünschen, dass der Earl nach Osterley Park kam? Oliver Morrow war mit Sicherheit außer sich vor Wut, weil er seinen Besitz beim Spiel verloren hatte. Sie konnte ihr Leben darauf verwetten, dass ein Treffen zwischen diesen beiden Männern tödlich ausgehen würde. Sie wandte sich um, um ihm ins Gesicht zu sehen. Aber sie konnte den verschleierten Blick, mit dem er sie betrachtete, nicht deuten. Endlich fand sie ihre Sprache wieder.

»Ich werde nicht hierbleiben. Und Sie sollten auch nicht darauf bestehen. Sie scheinen zu vergessen, dass ich die Tochter eines Earl bin, und Sie sind noch nicht einmal ein Junker. Sie können mich nicht zwingen, hierzubleiben.« Sie durfte ihn nicht wissen lassen, dass sie die Aussicht auf einen Besuch ihres Vaters in Panik versetzte. »Ich werde mit einem Ihrer Sorte nicht unter demselben Dach leben!«

»Und was hat diese entschiedene Ansicht bewirkt, Mylady?«, fragte er überlegen lächelnd.

»Sie haben keine Manieren«, sprudelte sie heiser, da ihr im Moment nichts anderes einfiel. Sie war sich im Klaren, dass diese Antwort mehr als lächerlich war, aber die Worte waren bereits ausgesprochen.

Er lachte. »Ich habe keine Manieren?« Sein Lachen wurde noch lauter. »Wie kommen Sie darauf?«

»Sie – Sie ...« Brienne suchte nach den rechten Worten. »Sie haben versäumt, sich vorzustellen, und Sie haben mich eine Lügnerin genannt.«

Sein Gelächter verstummte, als er ihre aufgeregt leuchtenden Augen und ihre verachtungsvoll verzogenen süßen Lippen betrachtete. »Aber Sie sind eine Lügnerin, Mylady«, entgegnete er schlicht. »Doch aus welchem Grund Sie mir die Wahrheit verschweigen, weiß ich nicht. Und ich habe weder die Zeit noch den Wunsch, mich damit auseinanderzusetzen.«

Er trat auf sie zu und nahm sie beim Arm. Dann zog er sie zu seinem Platz. Brienne versuchte sich loszureißen, aber sein Griff war fest wie Stahl, und im nächsten Augenblick saß sie auf seinem Schoß. Sein Arm umfasste unerbittlich ihre Taille.

»Lassen Sie mich sofort los!«, forderte sie; ihre Wut überstieg noch die Angst. Sie wehrte sich gegen ihn, aber er hielt sie nur noch fester umschlungen.

»Ich war nachlässig bei unserer Begrüßung, Lady Brienne.« Sie gab ihre Versuche auf, sich aus seiner Umklammerung zu winden, und seine Berührung wurde sanfter. Sie war überrascht, dass ein Mann sie so gewaltsam und zugleich so zärtlich halten konnte.

»Ich bin Avenel Slane«, sagte er. Mit einer Hand fuhr er ihr über die zarte Wange und bis zu der zarten Halsbeuge. Diese warme Berührung kam völlig unerwartet, und Brienne konnte selbst kaum glauben, wie wohl ihr diese Zärtlichkeit tat. Dennoch versuchte sie, nüchtern zu bleiben und sich aus seiner Umarmung zu befreien. Als sie sich umdrehte, um ihn zur Rede zu stellen, sah er ihr fest in die Augen, und sie wurde ruhiger. Sie versuchte seinen Blick zu ergründen. Was drückte er aus – Schmerz, Verlangen, Hass? Sie merkte es kaum, als sich seine beiden Hände warm und fest um ihr zartes Gesicht legten. Er war ihr sehr nahe, und sie spürte seinen Atem auf ihrer Wange.

»Und Sie, meine seltsame Schöne, sind Brienne Morrow.« Nach diesen Worten legten sich seine Lippen auf ihre. Ihre Wärme war berauschend, und sie war ganz gefangen genommen von einem ihr bisher unbekannten Gefühl.

Aber so schnell es begonnen hatte, war es auch schon vorüber. Er entzog ihr seine Lippen und musterte sie kalt und unbeteiligt. Es dauerte einen Moment, bis sie ihre Haltung wiedergewann, aber sobald sie begriff, was geschehen war, nahm sie ihren Kampf wieder auf. Voller Scham registrierte sie, dass er gewagt hatte, was sie ihm niemals freiwillig zugestanden hätte.

Das war die schlimmste Beleidigung, die sie sich vorstellen konnte. Sie schlug ihm fest ins Gesicht. Tränen traten in ihre Augen, und sie versuchte, ihm zu entkommen. Aber wieder zog er sie an sich, und diesmal sehr grob. Er bedachte sie mit einem mörderischen Blick – seine kalten, leidenschaftslosen Augen funkelten vor Zorn.

»Sie haben das einmal getan, Mylady. Aber Sie werden es nie wieder tun. Ich lasse mich von keiner Morrow schlagen.« Mit diesen Worten stieß er sie von sich, ohne sich von ihren Tränen beeindrucken zu lassen.

»Es wird kein zweites Mal geben!«, schrie sie und dachte dabei an den Kuss. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und ärgerte sich, dass er sie so schwach sah. »Ich würde eher in einem Stall leben als hier mit Ihnen!« Sie drehte sich um und lief hinaus. Nichts wollte sie mehr, als ihre paar Habseligkeiten zusammenzupacken, damit sie Osterley Park und Avenel Slane den Rücken kehren konnte.

Aber bevor sie außer Reichweite war, hörte sie noch seine spöttischen Worte: »Diese Gelegenheit dürften Sie noch bekommen, Mylady.«

4

»Sie ist nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe.« Cumberland wischte sich mit seinem Taschentuch über die Stirn. Trotz des feuchtkalten Tages schwitzte er. Er hustete, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber Avenel blickte unverwandt aus dem Fenster der Galerie.

Avenel stand vollkommen still, nur ein Muskel an seiner Wange zuckte.

»Ich bin nicht sicher, ob ich dir noch zustimme«, fuhr Cumberland fort. »Sie ist nicht die Frau, die ich erwartet habe. Ich habe mit ihr gesprochen, Slane. Sie ist ein liebenswerter Mensch.«

»Sie ist die Tochter ihres Vaters«, gab Avenel zurück, ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Ja, aber sie hat auch das Blut ihrer Mutter in sich. Und ich wage zu behaupten, dass die junge Frau ihrem Vater ganz und gar nicht ähnlich ist. Solche Farben – die violetten Augen und das dunkelrote Haar – habe ich noch nie gesehen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass sie die Tochter des Earl ist.«

»Verdammt sei ihre Mutter! Verdammt sei ihre Schönheit!« Endlich blickte Avenel seinen Freund an. »Solange ihr Name Morrow ist, verfluche ich sie.«

Als Cumberland das hörte, sank er auf einen der Stühle und starrte tief in Gedanken versunken auf den Boden. Schließlich sprach er, und er wählte jedes Wort sorgfältig und sehr bedacht. »Ich bin nun schon seit zwanzig Jahren mit dir zusammen, Slane. Wir sind durch dick und durch dünn gegangen und zusammen zu großem Wohlstand gekommen. Es gab auch Zeiten, in denen wir nichts hatten. Du weißt, ich war nichts weiter als ein einfacher Bootsmann auf dem Schiff. Aber du, du warst von Adel. Dein Bruder war ein Viscount, und dein Vater ..., verdammt noch mal, ich vertraue dir mehr als meiner eigenen Mutter, aber ich bin nicht sicher, ob du diesmal richtig handelst.«

Avenel drehte sich um und blickte ihn scharf an. »Es ist mir egal, ob ich auf dich zählen kann oder nicht.«

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