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Brennende Herzen, brennende Küsse

1. KAPITEL

Taft Bowman liebte die Männer seiner Mannschaft wie seine eigenen Brüder, aber manchmal hätte er am liebsten den Feuerwehrschlauch auf sie gerichtet.

Sie hatten gerade das zweite Wildwasser-Rettungstraining diesen Monat – eine regelmäßige Institution, seit Taft vor fünf Jahren Feuerwehrchef geworden war –, und trotzdem gelang es ihnen immer noch nicht, den Wurfsack auch nur ansatzweise in die Nähe eines der drei „Opfer“ zu werfen, die in nassen Uniformen und Helmen im Cold Creek trieben.

„Ihr müsst die Strömung berücksichtigen! Der Sack muss so weit stromabwärts geworfen werden, dass die Männer genau darauf zutreiben“, erklärte er zum ungefähr sechshundertsten Mal, während sich die im Wasser Schwimmenden – ebenfalls Feuerwehrmänner aus seiner dreißigköpfigen Mannschaft – einer nach dem anderen zur über den Fluss gespannten Rettungsleine treiben ließen und daran entlang zum Ufer hangelten.

Das Wasser war noch immer eiskalt, aber zum Glück würde das Schmelzwasser aus den Bergen, das den Fluss immer zu einer reißenden und gurgelnden Wassermasse anschwellen ließ, erst in ein paar Wochen kommen, und für diese Zeit trainierten sie.

Der Cold Creek wurde bei Kajakfahrern nämlich nicht nur wegen seiner zahlreichen Biegungen und Stromschnellen immer beliebter, sondern auch wegen der grandiosen Aussicht auf die Grand-Teton-Berge, einem Zipfel der Rocky Mountains. Taft fuhr selbst gern Kajak, aber je mehr unerfahrene Freizeitsportler sich neben dem einen oder anderen unvorsichtigen Einwohner am Fluss herumtrieben, desto öfter würden seine Leute einen Noteinsatz haben, und Taft wollte, dass sie gut darauf vorbereitet waren.

„Okay, versuchen wir es noch mal. Terry, Charlie, Bates, ihr übernehmt nacheinander den Wurfsack. Luke, Cody, Tom, ihr springt diesmal erst in Abständen von fünf Minuten ins Wasser, damit wir genug Zeit haben, euch zu retten.“

Taft wies seinen Leuten ihre Positionen zu und beobachtete, wie sein Stellvertreter Luke Orosco ein Stück flussaufwärts ins Wasser sprang und sich mit den Füßen voran zur Strömung drehte. „Okay, Terry, er kommt!“, rief Taft. „Bist du so weit? Der Zeitpunkt ist genau richtig. Eins, zwei, drei, jetzt!“

Jetzt segelte der Wurfsack ein großes Stück vor Luke ins Wasser.

Taft grinste. „Perfekt! Und jetzt erklär deinem Unfallopfer, woran er das Seil befestigen kann.“

Diesmal lief das Manöver überraschend glatt. Während Taft darauf wartete, dass Cody Shepherd ins Wasser sprang, begann sein an seinem Gürtel befestigtes Funkgerät plötzlich zu rauschen.

„Chief Bowman, bitte melden!“ Der Einsatzleiter klang ungewöhnlich aufgeregt.

Taft wurde daher sofort hellhörig. „Hier Chief Bowman. Was ist los, Kelly?“

„Ein Feuer wurde soeben gemeldet, im Inn in der Cold Creek Road.“

Das zweite Rettungsmanöver begann. „Was?“, fragte Taft ungläubig und spürte, wie das Adrenalin durch seinen Körper schoss. In einer so ruhigen Kleinstadt wie Pine Gulch brannte es nur sehr selten. Das letzte Feuer hatten sie vor vier Monaten gelöscht, einen Kaminbrand, der in fünf Minuten unter Kontrolle gebracht worden war.

„Es stimmt, Sir. Das Hotel wird gerade evakuiert.“

Taft stieß einen leisen Fluch aus. Die Hälfte seiner Mannschaft war völlig durchnässt, aber zum Glück waren sie nur wenige Hundert Meter von der Feuerwache entfernt.

„Manöver abbrechen!“, brüllte er ins Megafon. „Beim Cold Creek Inn brennt es! Sofort alles einpacken und zurück zur Wache!“

Gott sei Dank erfasste seine Crew sofort den Ernst der Lage. Rasch zogen sie den letzten Mann aus dem Wasser und eilten zurück zur Feuerwache, einem Neubau, der vor ein paar Jahren von der Stadtverwaltung bewilligt worden war.

Keine vier Minuten später war der erste vollständig besetzte Leiterwagen auf dem Weg zum Cold Creek Inn, während weitere Mitglieder der Feuerwehr in die Wache stürmten, um sich ihre Einsatzkleidung überzuziehen.

Das Inn, ein weitläufiges zweistöckiges Holzhaus mit zwei eingeschossigen Seitenflügeln, lag am Rand des kleinen Zentrums von Pine Gulch, etwa eine Meile von der Wache entfernt. Taft versuchte, die Lage einzuschätzen, als sie sich dem Gebäude näherten. Er konnte keine Flammen erkennen, aber aus einem Fenster am Ende des Ostflügels quoll dunkler Rauch.

Als er die auf dem Rasen versammelten Gäste sah, empfand er großes Mitgefühl für die Besitzerin Mrs Pendleton. Die arme Frau hatte ohnehin schon genug Probleme, die Zimmer ihres schönen, aber etwas heruntergekommenen Inns zu füllen. Das Feuer und die Evakuierung würden den Ruf des Hotels nicht gerade verbessern.

„Luke, nimm Pete mit und vergewissere dich, dass alle Gäste das Gebäude verlassen haben. Shep, wir beide sehen uns das Feuer an.“

Er und Cody Shepherd, ein junger Auszubildender, eilten zur Seitentür des Ostflügels. Als sie das betroffene Zimmer betraten, stellten sie fest, dass schon jemand einen Feuerlöscher benutzt hatte. Es waren keine Flammen zu sehen, nur die Vorhänge qualmten noch vor sich hin. Von ihnen stieg der schwarze Rauch auf, den sie von draußen gesehen hatten.

Das Zimmer schien gerade renoviert zu werden. Es hatte kein Bett, und der Teppich war zusammengerollt. Alles war durchnässt. Offensichtlich hatte sich auch das alte Sprinklersystem eingeschaltet.

„Mehr nicht?“, fragte Shep missmutig.

„Tja, da scheint uns jemand zuvorgekommen zu sein.“ Taft hielt dem Auszubildenden den Feuerlöscher hin. „Willst du trotzdem mal versuchen?“

Schnaubend griff Shep nach dem Feuerlöscher und sprühte eine völlig unnötige Schicht Schaum auf die Vorhänge.

„Zumindest wurde niemand verletzt“, sagte Taft. „Wir sollten allerdings die Vorhänge rausschaffen und die Crew von Wagen 20 hier reinschicken, um etwaige Schwelbrände auszuschließen.“

Per Funk gab er durch, dass sich das Feuer nur auf ein Zimmer beschränkte, und orderte das Team herbei, das überprüfen sollte, ob sich die Flammen womöglich durch die Wände fraßen und sich auf andere Zimmer ausbreiteten.

Als er das Haus wieder verließ, kam Luke Orosco auf ihn zu. „Nicht viel los, oder? Einige von uns hätten beim Fluss bleiben können.“

„Wir machen nächste Woche wieder ein Wildwasser-Rettungstraining. Außer Wagen 20 können alle wieder zurück zur Wache.“

Während der kurzen Unterhaltung fiel sein Blick auf Jan Pendleton, die ein Stück abseits stand und ganz aufgelöst wirkte. Sie hatte ein kleines, dunkelhaariges Mädchen auf dem Arm, vermutlich einen traumatisierten Gast. Die Arme.

Neben ihr stand eine jüngere Frau, die inmitten der Löschfahrzeuge mit ihren blinkenden Lichtern und den einander Ins­truktionen zurufenden Feuerwehrleuten sehr gelassen wirkte. Als sie sich zu ihm umdrehte, wäre Taft beinahe über einen Feuerwehrschlauch gestolpert.

Laura?

Wie angewurzelt blieb er stehen. Zum ersten Mal in seinen fünfzehn Jahren als Feuerwehrmann vergaß er komplett, warum er eigentlich da war, und welchen Auftrag er hatte.

Laura …

Seit zehn Jahren hatte er sie nicht mehr gesehen – nachdem sie ihm eine Woche vor ihrer Hochzeit seinen Ring zurückgegeben und die Stadt verlassen hatte. Ach was, das ganze Land, verdammt noch mal! Als habe sie nicht weit genug weg von ihm fliehen können.

Oder handelte es sich um eine Verwechslung? Vielleicht war es bloß irgendeine andere schlanke Frau mit honigblondem Haar und großen blauen Augen.

Nein, es war zwecklos, sich etwas vorzumachen. Das war eindeutig Laura neben ihrer Mutter. Und sie sah genauso schön aus wie früher …

„Chief, das Team konnte keine Schwelbrände entdecken“, riss Lukes Stimme ihn aus seinen Gedanken. Mühsam versuchte er, seine längst vergessen geglaubten Gefühle des Verlusts und der Reue zu verdrängen.

„Bist du dir sicher?“

„Bis jetzt ja. Tom und Nate überprüfen noch die Innenwände.“

„Gut“, antwortete Taft geistesabwesend. „Sehr gut. Ausgezeichnete Arbeit.“

Sein Stellvertreter starrte ihn verblüfft an. „Alles in Ordnung, Chief? Du siehst ganz verstört aus.“

„Das Feuer hätte hier alles vernichten können, Luke. Bei den alten Stromleitungen ist es ein Wunder, dass nicht das ganze Gebäude in die Luft geflogen ist.“

„Habe ich auch schon gedacht.“

Taft musste dringend mit Mrs Pendleton sprechen – was bedeutete, dass er zwangsläufig auch Laura gegenübertreten würde. Am liebsten wäre er einfach stehen geblieben und hätte so getan, als habe er sie gar nicht gesehen. Doch als Feuerwehrchef durfte er sich nicht vor seinen Pflichten drücken, nur weil beim Anblick der Tochter der Besitzerin schmerzliche Erinnerungen in ihm aufstiegen.

Manchmal hasste er seinen Job.

Als er auf die beiden Frauen zuging, klopfte ihm das Herz bis zum Hals.

Laura versteifte sich bei seinem Anblick und wandte den Blick ab, während ihre Mutter ihm verängstigt entgegensah.

„Mrs Pendleton, ich kann Sie beruhigen. Das Feuer ist unter Kontrolle.“

„Natürlich ist es unter Kontrolle“, sagte Laura kühl. „Es war schon unter Kontrolle, bevor eure Wagen hier auftauchten – übrigens erst zehn Minuten, nachdem wir das Feuer gemeldet haben.“

„Sieben, nach meinen Berechnungen. Und wir wären doppelt so schnell gewesen, wenn wir nicht gerade ein Wildwasser-Rettungstraining gemacht hätten, als der Notruf reinkam.“

„Dann hättet ihr wenigstens unsere Gäste retten können, falls sie auf die Idee gekommen wären, vor dem Feuer in den Cold Creek zu flüchten.“

So scharfzüngig war Laura früher nicht gewesen. Taft hatte sie als fröhliche und lebenslustige junge Frau in Erinnerung. Bevor er alles zerstört hatte …

„Chief Bowman, wann dürfen die Gäste auf ihre Zimmer zurück?“, fragte Jan Pendleton mit zitternder Stimme.

Das kleine Mädchen auf ihrem Arm – es hatte Lauras Augenfarbe und, wie Taft erst jetzt auffiel, charakteristische Downsyndrom-Gesichtszüge – strich ihr tröstend über die Wange. „Nicht weinen, Gram.“

Jan lächelte schwach.

„Ihre Gäste dürfen vorerst nur auf die Zimmer zurück, um ihre Sachen zu holen, allerdings nicht aus denen in unmittelbarer Brandnähe. Meine Männer werden etwa eine Stunde brauchen, um sich zu vergewissern, ob das Feuer nicht doch noch irgendwo schwelt.“

Taft zögerte, bevor er mit der nächsten Hiobsbotschaft fortfuhr. „Ich überlasse Ihnen die Entscheidung, ob Sie Ihre Gäste hier übernachten lassen, aber ehrlich gesagt würde ich davon abraten. Ganz egal, wie sorgfältig wir sind, bei Holzhäusern weiß man nie, ob das Feuer nicht doch Stunden später wieder aufflammt.“

„Wir haben zwölf Gäste“, sagte Laura scharf. „Was sollen wir so lange mit ihnen machen?“

Ihre nicht zu übersehende Feindseligkeit machte Taft wütend. Sie war schließlich diejenige gewesen, die ihn eine Woche vor ihrer Hochzeit sitzen ließ. Wenn hier also jemand das Recht hatte, feindselig zu sein, dann er.

Doch er durfte sich von seinen Gefühlen nicht beeinflussen lassen. „Wir könnten das Rote Kreuz bitten, ein Zelt aufzubauen, oder bei den anderen Hotels der Stadt nachfragen. Vielleicht würde Cavazo ja einige Leute aufnehmen.“

Mrs Pendleton schloss verzweifelt die Augen. „Das ist eine Katastrophe“, jammerte sie.

„Wir schaffen das schon, Mom.“ Beruhigend drückte Laura ihrer Mutter den Arm.

„Haben Sie eine Ahnung, was das Feuer ausgelöst haben könnte?“, fragte Taft. Es war seine Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen.

Laura sah plötzlich ganz schuldbewusst aus. „Nicht genau, was, aber wahrscheinlich, wer.“

„Ach?“

„Alexandro Santiago, komm her, junger Mann!“

Als Taft ihrem Blick folgte, fiel ihm ein dunkelhaariger kleiner Junge ins Auge, der auf der Bordsteinkante saß und das Geschehen um sich herum aufmerksam beobachtete. Er war etwa sechs Jahre alt und hatte dunkle Augen. Sein Mund glich jedoch dem Lauras, und er hatte ihre schmale Nase und ihre hohen Wangenknochen geerbt. Zweifellos ihr Sohn.

Der Junge erhob sich im Zeitlupentempo und schlich mit hängendem Kopf auf seine Mutter zu.

„Alex, erzähl dem Feuerwehrmann doch mal, was das Feuer ausgelöst hat.“

Dem Kleinen war sichtlich unbehaglich zumute. Nervös wich er Tafts Blick aus. „Muss ich wirklich?“

„Ja“, antwortete Laura streng.

Der Junge seufzte resigniert. „Okay, ich habe in einem der leeren Zimmer ein Feuerzeug gefunden.“ Er sprach mit einem schwachen, kaum wahrnehmbaren Akzent. „Ich wollte es nur ausprobieren, ganz bestimmt! Aber dann fingen die Vorhänge plötzlich an zu brennen, und ich schrie, und dann kam mi madre mit dem Feuerlöscher.“

Unter anderen Umständen wäre Taft vielleicht belustigt über diese Darstellung der Ereignisse gewesen. Alex schilderte das Ganze so, als sei das Feuer völlig ohne sein Zutun ausgebrochen. Doch das Zündeln hätte böse ins Auge gehen können, vor allem in einem so alten Kasten wie dem Inn.

Sosehr es ihm auch widerstrebte, die Autoritätsperson heraushängen zu lassen, der Junge musste begreifen, welchen Schaden er hätte anrichten können. Es gehörte auch zu Tafts Aufgaben, Menschen über Risiken und Gefahren aufzuklären, und er nahm diese Verantwortung sehr ernst.

„Das war grob fahrlässig“, sagte er streng. „Menschen hätten gefährdet werden können. Wenn deine Mom nicht so schnell mit dem Feuerlöscher gekommen wäre, hätten die Flammen sich von Zimmer zu Zimmer ausbreiten und das ganze Hotel zerstören können.“

Der Junge hob den Blick zu ihm. Taft bewunderte seinen Mumm. „Ich weiß“, sagte Alex kleinlaut. „Das war dumm von mir. Es tut mir leid.“

„Dabei habe ich dich doch wieder und wieder ermahnt, nicht mit Streichhölzern oder Feuerzeugen zu spielen!“, schaltete Laura sich ein und funkelte ihren Sohn wütend an. „Wir haben doch schon so oft über die Gefahren gesprochen.“

Ihr Sohn verzog schuldbewusst das Gesicht. „Ich wollte ja nur ausprobieren, wie das Feuerzeug funktioniert“, sagte er mit dünner Stimme.

„Versprichst du mir, so etwas nie wieder zu tun?“, fragte Taft.

„Na klar! Ich mache so etwas nie, nie, nie wieder!“

„Gut, wir sind nämlich sehr streng bei solchen Dingen. Das nächste Mal musst du ins Gefängnis.“

Der Junge starrte ihn entsetzt an, atmete jedoch erleichtert auf, als er Tafts Lächeln sah. „Ich werde es nie wieder tun, das schwöre ich!“

„Okay, ich glaube dir.“

„Hey, Chief!“, rief Lee Randall ihm in diesem Augenblick vom Löschfahrzeug aus zu. „Wir haben mal wieder ein Problem mit der Schlauchrückführung.“

„Bin gleich da!“, rief Taft zurück, dankbar für den willkommenen Vorwand, das unangenehme Wiedersehen mit Laura zu beenden. Er wandte sich an die beiden Frauen und die Kinder. „Würdet ihr mich bitte entschuldigen?“

„Natürlich“, sagte Jan Pendleton. „Richten Sie auch Ihren Männern aus, wie dankbar wir für ihre Arbeit sind. Nicht wahr, Laura?“

„Sicher.“

„Bye, Chief.“ Das kam von dem kleinen Mädchen auf Jans Arm, das Taft freundlich anlächelte. Die Kleine hatte wirklich Charme.

„Bis später.“ Er drehte sich um und ging davon.

Als er bei seinen Leuten ankam, war er wie betäubt. Laura war also wieder da, obendrein mit zwei niedlichen Kindern. Laura Pendleton, inzwischen Santiago. Er hatte sie früher einmal geliebt, aber sie hatte ihn verlassen, ohne auch nur einmal zu ihm zurückzublicken.

Jetzt, wo sie zurückgekommen war, würde er ihr wahrscheinlich öfter über den Weg laufen. In einer Kleinstadt wie Pine Gulch, in der es nur ein Lebensmittelgeschäft und zwei Tankstellen gab, und wo die Feuerwache nur zwei Blocks von dem Hotel ihrer Familie entfernt lag, war das wohl unvermeidlich. So ein verdammter Mist! Dabei hatte er sich doch erst neulich beglückwünscht, Feuerwehrchef einer Kleinstadt zu sein, in der kaum je etwas Katastrophales passierte!

Taft Bowman.

Laura beobachtete, wie er auf dem Rückweg zum Feuerwehrwagen hier und da stehen blieb, um mit seinen Leuten zu reden, und schließlich irgendetwas am Wagen in Ordnung brachte.

Ihn in Aktion zu erleben, war nichts Neues. Als sie ein Paar gewesen waren, hatte sie ihn manchmal bei seinen Einsätzen begleitet, wenn sie es nicht mehr ausgehalten hatte, von ihm getrennt zu sein. Sie hatte seine souveräne Art schon damals bewundert.

Auch sonst schien er sich nicht verändert zu haben. Er hatte immer noch schmale Hüften und diesen sexy Gang, sogar in der schweren und unförmigen Einsatzkleidung.

Als Laura bewusst wurde, dass sein Anblick erotische Erinnerungen in ihr weckte, wandte sie hastig den Blick ab. Wie konnte er nach all den Jahren und all dem Schmerz und den zerstörten Träumen nur solche Wirkung auf sie haben? Er müsste sie doch eigentlich komplett kaltlassen!

Als sie nach Javiers Tod beschlossen hatte, nach Hause zurückzukehren, hatte sie natürlich gewusst, dass sie ihm früher oder später über den Weg laufen würde. Pine Gulch war schließlich eine Kleinstadt. Ganz egal, wie viel Mühe man sich gab, jemandem aus dem Weg zu gehen – früher oder später stand man ihm unweigerlich gegenüber. Aber in ihrer Fantasie war sie immer ganz kühl und unbeteiligt gewesen.

Es war damals die richtige Entscheidung für sie gewesen, nach Spanien zu gehen und ein neues Leben anzufangen. Sie hatte jemand anders geheiratet, zwei Kinder zur Welt gebracht und Pine Gulch weit hinter sich zurückgelassen. Taft war im Grunde genommen nur ein kurzes Kapitel in ihrem Leben gewesen, ganz egal, wie sehr sie ihn geliebt hatte.

Zumindest hatte sie sich das bisher immer eingeredet. In ihrer Naivität hatte sie sich eingebildet, den Schmerz und die Trauer über seinen Verlust längst überwunden zu haben. Vielleicht hätte sie sich innerlich besser auf ihr erstes Wiedersehen einstellen sollen, bevor sie ihre Kinder nahm und das einzige Zuhause verließ, das die beiden je gekannt hatten.

Aber leider hatte sie dafür nicht genug Zeit und Energie gehabt. Sie hatte sich nämlich um die Schulden kümmern müssen, die Javier ihr völlig unerwartet hinterlassen hatte, und sich danach mit zwei hungrigen Kindern im teuren Madrid durchschlagen müssen. Als ihr schließlich bewusst geworden war, dass sie es nicht allein schaffen würde, hatte sie keine andere Lösung gesehen, als mit ihrer kleinen Familie zurück zu ihrer Mutter zu ziehen.

Den Gedanken an Taft hatte sie dabei erfolgreich verdrängt. Und jetzt bekam sie die Rechnung präsentiert – leider zu spät.

„Was machen wir denn jetzt nur?“, fragte Lauras Mutter verzweifelt und setzte Maya auf dem Bürgersteig ab. Die Kleine gesellte sich zu ihrem Bruder und nahm seine Hand. „Das hier wird uns ruinieren!“

Als Laura ihrer Mutter einen Arm um die fülligen Schultern legte, wurde sie von Gewissensbissen geplagt. Warum hatte sie nicht besser auf ihren Sohn aufgepasst? Sie wusste doch ganz genau, dass man ihn keine Sekunde aus den Augen lassen durfte!

Aber sie hatte gerade neue Gäste aufgenommen – ein frisch verheiratetes Paar, das Semesterferien hatte. Alex musste unbemerkt aus dem Büro geschlüpft und zum Ostflügel gegangen sein. Wie er es allerdings geschafft hatte, dort ein Feuerzeug aufzutreiben, war ihr schleierhaft. Wahrscheinlich hatte es einer der ehemaligen Gäste oder einer der Handwerker vergessen. Ein Glück nur, dass er sich nicht verletzt oder das ganze Hotel abgefackelt hatte!

„Du hast doch gehört, was Chief Bowman gesagt hat. Das Feuer und der Rauch beschränken sich nur auf ein Zimmer. Das ist doch eine gute Nachricht.“

„Wie kannst du nur so gelassen bleiben?“

Lauras Mutter sah um Jahre gealtert aus, und ihre Hände zitterten, als sie sich das sorgfältig gefärbte Haar aus dem Gesicht strich. Was für eine Ironie! Laura war nach Hause zurückgekehrt, um sich von ihrer Mutter helfen zu lassen, und dabei brauchte Jan in Wirklichkeit ihre Hilfe. Sich allein um das Haus mit immerhin zwanzig Zimmern zu kümmern, überforderte sie offensichtlich so, dass sie bereitwillig einen Teil der Verantwortung an ihre einzige Tochter abgab.

„Es hätte doch viel schlimmer kommen können, Mom. Immerhin wurde niemand verletzt. Sogar die alte Sprinkleranlage hat noch funktioniert. Außerdem wird jetzt die Versicherung einen Teil der Reparaturen übernehmen, die wir sowieso geplant hatten.“

„Mag ja sein. Aber was machen wir nur so lange mit den Gästen?“

Laura drückte Jan liebevoll an sich. „Mach dir keine Sorgen. Und jetzt bring die Kinder ins Cottage zurück. Ich glaube, sie hatten für diesen Nachmittag genug Aufregung.“

„Würde Chief Bowman das denn erlauben?“

Laura warf einen Blick auf das kleine Häuschen hinter dem Inn, in dem sie aufgewachsen war. „Klar, unser Cottage liegt weit genug von der Gefahrenzone weg. Ich erledige in der Zwischenzeit einige Telefonate. Wir finden schon eine neue Unterkunft für unsere Gäste. Keine Sorge, bisher haben wir doch auch alles hingekriegt.“

„Ich bin so froh, dass du hier bist, Liebes. Keine Ahnung, was ich ohne dich machen würde.“

Laura wurde schmerzlich bewusst, dass nichts von all dem hier passiert wäre, wenn sie und ihr wilder Sohn nicht da gewesen wären. „Ich auch, Mom“, antwortete sie. Das war ernst gemeint, auch wenn ihre Rückkehr bedeutete, sich mit einem gewissen Feuerwehrchef auseinandersetzen zu müssen, mit dem sie eine komplizierte Geschichte verband.

„Ich gehe vorher noch kurz zu dem armen Mr Baktiri“, sagte Jan. „Er versteht wahrscheinlich gar nicht, was überhaupt los ist.“

Mr Baktiri stand mitten auf dem Rasen und beobachtete verwirrt das Tohuwabohu um sich herum. Laura kannte ihn schon, seit sie ein kleines Mädchen war. Ihm und seiner Frau hatte der Drive-in vor der Stadt gehört. Nach ihrem Tod war Mr Baktiri zu seinem Sohn nach Idaho Falls gezogen, aber offensichtlich fühlte er sich dort so unwohl, dass er jeden Monat zurück nach Pine Gulch floh, um das Grab seiner Frau zu besuchen.

Jan ließ ihn dann immer zu einem stark reduzierten Preis im kleinsten Zimmer wohnen, bis sein Sohn kam, um ihn wieder abzuholen. Das war zwar nicht gerade wirtschaftlich, aber eine gute Tat. Laura hatte den Verdacht, dass Mr Baktiri allmählich dement wurde. Vermutlich war ihm die vertraute Umgebung ein Trost.

„Lichter, Mom.“ Maya schlang die Arme um Lauras Beine und sah lächelnd zu ihr auf. Die grellen Lichter spiegelten sich in ihren dicken Brillengläsern wider.

„Ich weiß, mein Schatz.“

„Hübsch.“

Typisch Maya, in jeder Situation das Positive zu sehen. Laura war sehr froh über diese Gabe ihrer Tochter. Obwohl sie gerade viele andere Dinge zu erledigen hatte, nahm sie sie liebevoll in die Arme und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Alex verstohlen näherkam.

„Komm her, niño“, sagte sie leise zu ihm.

Kurz darauf drückte sie beide Kinder fest an sich. Deren Wohlergehen war das Wichtigste. Den kleinen Rückschlag mit dem Feuer würde sie schon irgendwie wegstecken. Schließlich war sie eine Kämpfernatur. Sie hatte ein gebrochenes Herz, eine geplatzte Hochzeit und eine katastrophale Ehe überlebt. Was war dagegen schon ein lächerliches kleines Feuer?

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