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Brechreizend

Über die Autorin

Catherine Price reist genauso leidenschaftlich gern wie sie schreibt. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie mehrere Monate um die Welt gezogen. Sie arbeitet für Popular Science und hat für die New York Times, O, The Oprah Magazine und andere Medien Artikel verfasst. Mehr über die Autorin unter www.catherine-price.com.

Catherine Price

BRECHREIZEND

Die fiesesten Reiseziele der Welt

Aus dem Englischen von
Ulrike Werner-Richter

Inhalt

  1. Vorwort
  2. 1. Das Hodenfestival
  3. 2. Eine Unterführung unter dem Connaught Circle, Neu-Delhi, nachdem Ihnen jemand auf den Schuh gekackt hat
  4. 3. Euro Disney
  5. 4. Familienurlaub auf Ibiza
  6. 5. Das Leitungswasser-Museum in Beijing
  7. 6. Eine mit Bier gefüllte Badewanne
  8. 7. Ein Nachtzug in China am ersten Tag der ersten Menstruation
  9. 8. Großvater und Großmutter, Ko Samui, Thailand
  10. 9. Das Winchester-Haus
  11. Gastbeitrag A.J. Jacobs: Die katastrophalsten Orte aus dem Lexikon
  12. 10. Die Hölle
  13. 11. Eine Partie Buzkashi
  14. 12. Das Schlafzimmer Ihres Chefs
  15. 13. Eine Übernachtung in einem koreanischen Tempel
  16. 14. Pamplona aus der Perspektive des Stiers
  17. 15. Der Käse-Roll-Wettbewerb von Gloucester
  18. Gastbeitrag Michael und Isaac Pollan: Die schlechtesten Essen Barcelonas
  19. 16. Wall Drug
  20. 17. BART
  21. 18. Eine Station auf Carry Nations Zerstörungstour
  22. 19. Der dritte Tunnel unter der EMZ in Korea
  23. 20. Ein Bus in Samoa zur Hauptverkehrszeit
  24. Gastbeitrag Mary Roach: Das Tupperware-Museum
  25. 21. Eine Hochzeit unter freiem Himmel während der Schlüpfperiode der Siebzehn-Jahres-Zikaden im Jahr 2021
  26. 22. (Tr)Action Park
  27. 23. Ein großer, mit menschlichen Exkrementen gefüllter Raum
  28. 24. Das Kingman-Riff
  29. 25. Nackte Sushi
  30. 26. Der Orgelpfeifenkaktus-Nationalpark
  31. 27. Times Square am Silvesterabend
  32. 28. Die Doppel-Diamant-Pisten am Powderhouse Hill
  33. 29. Die Doppel-Diamant-Piste am Corbet’s Couloir
  34. 30. Das »Beast«
  35. 31. Die Grover-Cleveland-Autobahnraststätte
  36. 32. Der Ort, an dem die Betreff-Zeilen für Spam-Mails entwickelt werden
  37. 33. Jeder von Nick Kristof beschriebene Ort
  38. Gastbeitrag Nick Kristof: Erfahrungen, die Sie vor Ihrem Tod nicht unbedingt gemacht haben müssen
  39. 34. Der Summerland-Wave-Pool in Tokio am 14. August 2007 um drei Uhr nachmittags
  40. 35. Mitte Januar in Whittier, Alaska
  41. 36. Onondaga Lake
  42. 37. Mount Rushmore
  43. 38. Schnupperkurs auf der Schießanlage
  44. 39. Ciudad Juárez
  45. 40. Die schmalsten Gebäude der Welt
  46. 41. Die Müllkippe im Pazifik
  47. Gastbeitrag Rebecca Solnit: Die Zollbehörde im Flughafen von Buenos Aires
  48. 42. Jedes Hotel, das früher einmal ein Gefängnis war
  49. 43. Der Gipfel des Mount Washington bei Schneesturm
  50. 44. Das untere Ende des extrem tiefen Bohrlochs auf der Halbinsel Kola
  51. 45. Das Innere eines dB-Drag-Racers während eines Wettkampfs
  52. 46. Shangri-La
  53. 47. Body-Farmen
  54. 48. Ein Treffen der Anonymen Alkoholiker, wenn Sie betrunken sind
  55. 49. Der ungemütlichste Jupitermond
  56. Gastbeitrag J. Maarten Troost: Der halbe Tscheche
  57. 50. Picher, Oklahoma
  58. 51. Der Freizeitpark Tierra Santa
  59. 52. Ein Vomitorium
  60. 53. Madinat al-Fayyum, Ägypten, in Begleitung eines Personenschützers
  61. 54. Der Dampfraum im Russisch-Türkischen Bad
  62. 55. Der Blarney-Stein
  63. Gastbeitrag Michael Baldwin: Mexico City am ersten Tag des Ausbruchs der Schweinegrippe
  64. 56. Wiener’s Circle
  65. 57. Der Gipfel des Mount Everest
  66. 58. Manshiet Nasser – die Müllstadt
  67. 59. Stonehenge
  68. 60. Die Moschee der Khewra-Salzbergwerke
  69. 61. Ein Yamaha Rhino
  70. 62. Chacabuco, Chile
  71. 63. Die neue South China Mall
  72. Gastbeitrag Lisa Margonelli: Sumqayit, Aserbaidschan
  73. 64. Die deutsche Nordseeküste am 16. Januar 1362
  74. 65. Fucking in Österreich
  75. 66. Als See-Elefant verkleidet im White Shark Café
  76. 67. Der Bürgersteig vor dem Kolosseum in Rom während der Schicht des verrückten Gladiators
  77. 68. Jeder Ort, dessen Sehenswürdigkeit als riesiges Etwas aus Fiberglas hergestellt wird
  78. 69. Der Weg, den sich eine Kolonie Treiberameisen ausgesucht hat
  79. 70. Boliviens »Todesstraße«
  80. Gastbeitrag Eric Simons: Die Fahrt der Beagle – das Musical
  81. 71. Cusco, wenn Sie ein Albino sind
  82. 72. Das Manneken Pis
  83. 73. Ein Old Firm Derby in einem T-Shirt mit der falschen Farbe
  84. 74. Die jährliche Gifteichenausstellung
  85. 75. Das Innere eines chinesischen Kohlebergwerks
  86. 76. Die Kaugummimauer in Seattle
  87. 77. Varrigan City
  88. 78. Eine Tierkörperverwertungsanstalt
  89. 79. Ein Flugzeug, nachdem es acht Stunden in Warteposition gestanden hat
  90. 80. Das Sexmuseum in Amsterdam
  91. 81. Der nächste Ausbruch des Supervulkans im Yellowstone Nationalpark
  92. 82. Das Ufer des Tanganjika-Sees in Burundi, wenn Gustave Hunger verspürt
  93. 83. Das alte Rom am oder um den 18. Juli des Jahres 64 n.Chr.
  94. 84. Nevada
  95. Gastbeitrag Brendan Buhler: Fanstunde beim Pornokongress in Las Vegas
  96. 85. Die Weltmeisterschaft im Schlammschnorcheln
  97. 86. Der Campus der von Ihnen besuchten Universität vier Monate nach Ihrem Abschluss
  98. 87. Ein nordkoreanischer Gulag
  99. 88. Disaster City
  100. 89. Das Innere des Geburtskanals einer Tüpfelhyäne
  101. 90. Grapscherabend in der U-Bahn von Tokio
  102. 91. Die Halbinsel Yucatán, als ein gigantischer Asteroid einschlug
  103. 92. Das Straßenverkehrsamt an einem Montagmorgen
  104. 93. Black Rock City
  105. Gastbeitrag Jennifer Kahn: Burning Man
  106. 94. Der Grund einer Schweinelagune
  107. 95. Sohra, Indien, um zehn Uhr morgens in der Regenzeit
  108. 96. The Thing
  109. 97. Four Corners
  110. 98. Das russische Gefängnis OE-256/5
  111. 99. Ein Studio für Bikram-Yoga
  112. 100. Die reisenden Mumien von Guanajuato
  113. 101. Die Spitze des Glockenturms von Stari Grad
  114. Danksagung

Vorwort

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Es gibt eine Vielzahl an Dingen, die ich unbedingt tun sollte, ehe ich sterbe.

Zumindest legt mir meine Stammbuchhandlung das nahe. Jedes Mal, wenn ich den Laden betrete, springen mir ganze Regale voller Ratgeber ins Auge, in denen Dinge aufgelistet sind, die man vor seinem Tod auf jeden Fall noch erleben muss. Die Skala reicht von 1000 Orte, die man gesehen haben muss, bis zu 101 Dinge, die du getan haben solltest, bevor du alt und langweilig bist. Der Gedanke, der dem Buch von Patricia Schultz über die 1000 Orte, die man vor seinem Tod gesehen haben sollte, zugrunde liegt, gefällt mir – aber das, was er bewirkt, stresst mich zunehmend.

Es gibt Listen über Jazz-CDs, die ich gehört und über Lebensmittel, die ich gekostet haben muss, Listen über Gemälde, die ich gesehen und Wanderungen, die ich unbedingt unternommen haben muss. Mein Vater besaß ein Buch, das 1001 Gärten anpries, durch die ich vor meinem Tod unbedingt noch wandeln muss. Wie aber soll ich es schaffen, die 1001 Filme zu sehen, wenn ich doch gleichzeitig die 1001 Bücher lese und zu 1001 historischen Bauwerken reise – ganz zu schweigen von den 500 Orten, die ich noch sehen muss, ehe sie untergehen. Nachdem ich ein Buch über 101 Orte, an denen ich Sex haben sollte, gefunden hatte, fühlte ich mich versucht, den Ratgebern abzuschwören, mir eine Auswahl der 1001 Biere einzuverleiben und an einen von 1001 Zufluchtsorten zu fliehen.

Ich gehöre zu den Leuten, die regelmäßig Listen erledigter Aufgaben führen – eigentlich nur, um mir zu beweisen, was ich erreicht habe. Wie so viele andere Menschen verbringe ich schon deutlich zu viel Zeit mit willkürlichen Dingen, die ich tun sollte – und bin damit so beschäftigt, dass ich kaum noch merke, wie die Augenblicke verrinnen. Das Letzte, was ich brauche, ist ein Buch, das meine Abenteuerlust gegen die mir noch bis zu meinem Tod verbleibende Zeit aufrechnet – vor allem, wenn es sich um einen Ratgeber der 1001 Plätze handelt, an denen ich einmal Golf gespielt haben sollte.

Und so beschloss ich, eine Art Gegenratgeber zu schreiben: eine Liste über Orte und Erfahrungen, die man sich getrost schenken kann. Ich bat weit gereiste Freunde, Familienmitglieder und manchmal auch mir völlig fremde Menschen, mir von überbewerteten Touristenorten, langweiligen Museen, uninteressanten historischen Stätten und Umständen zu berichten, die selbst verlockende Ziele erbärmlich erscheinen lassen.

Manche Beiträge handeln von fraglos unangenehmen Orten, wie beispielsweise einem Gelände voll von verwesenden Leichen oder einer Fanstunde während der Pornomesse in Las Vegas. Andere Erlebnisse wiederum sind kontextabhängig: Aus der Perspektive des Stiers sieht die Stadt Pamplona völlig anders aus. Und manche Artikel sind einfach nur nette Geschichten, wenngleich es lustiger ist, sie zu lesen, als sie selbst zu erleben.

Während ich Vorschläge sammelte, fiel mir bei Leuten, die häufig reisen, eine Gemeinsamkeit auf: Sie scheuen sich, eine Erfahrung als schlecht einzustufen. »Ich habe eine Schwäche für hässliche Orte und eine geradezu perverse Neigung, selbst die schlimmsten Erfahrungen als Quell der Freude und angenehmen Kitzel anzusehen«, schrieb mir eine Freundin über ihre Unfähigkeit, Usbekistan oder – noch drastischer – Detroit zu hassen. Natürlich hat sie recht. Je schlimmer etwas im Augenblick erscheint, desto besser kommt die Geschichte an, wenn sie später zu Hause erzählt wird. Und deshalb habe ich für die Zeitgenossen, die den Besuch einer Institution mit verwesenden menschlichen Leichen als angenehmen Zeitvertreib empfinden, einige Orte aufgelistet, die man nicht besuchen kann, selbst wenn man noch so entschieden versucht, in allem nur das Positive zu sehen. Dazu gehört neben der Halbinsel Yucatán vor fünfundsechzig Millionen Jahren auch das untere Ende des extrem tiefen Bohrlochs auf der Halbinsel Kola. Auf den ersten Blick ergibt es vielleicht keinen Sinn, Sie vor Orten wie dem unwirtlichen Jupitermond Io zu warnen – aber sehen Sie es einmal so: Wenn jemand eines Tages ein Buch über die 1001 wichtigsten Orte im Weltall veröffentlicht, stehen Sie nicht ganz so unter Druck.

Ganz gleich, welche Art zu reisen Sie bevorzugen – ich lade Sie ein, sich eine Pause von Ihren To-do-Listen zu gönnen und einen Moment der Dankbarkeit zu erleben angesichts der Dinge, die Sie nicht tun müssen. Und wenn Sie schließlich bereit sind, selbst zu einer Reise aufzubrechen, lassen Sie die Liste der 1001 Orte, an denen man uriniert haben muss (die gibt es wirklich!) zu Hause und nehmen Sie die Chance wahr, eigene Erfahrungen zu machen. Reisen soll ein Abenteuer sein, keine Aufgabe. Den Urlaub mit zu vielen Checklisten zu verbringen, verfehlt den Sinn des Reisens.

1 Das Hodenfestival

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Vergessen Sie Apple Pie. Nur wenige Lebensmittel sind so uramerikanisch wie die Rocky-Mountains-Auster. Bei dieser Bezeichnung handelt es sich um einen Euphemismus, der nicht etwa in Höhenlagen heimische Mollusken bezeichnet, sondern die Testikel eines Stieres. Man kennt sie auch als »Cowboy-Kaviar« oder »Montana-Schwinglendenstück« und man kann sie gebraten, gekocht oder roh zu sich nehmen. Am häufigsten jedoch genießt man sie paniert frittiert.

Auch Ess-Wettbewerbe sind typisch amerikanisch. Und so wundert es nicht, dass Sie jeden Sommer aufs Neue die Gelegenheit erhalten, sich massenhaft Keimdrüsen in den Mund zu stopfen, um dadurch Ihre Männlichkeit zu beweisen. Mir persönlich gefällt das Wortspiel des »Nuts about Rocky Mountain Oyster«-Wettbewerbs, der alljährlich in Loveland im Bundesstaat Colorado stattfindet, weil »Nuts« sowohl »Hoden« als auch »verrückt« bedeuten kann. Der Preis für die beste Show allerdings geht an das Hodenfestival in der Rock Creek Lodge bei Missoula in Montana. Es fand erstmalig 1982 statt, ist aber seither zu Amerikas berühmtestem »Eier-Fresstival« mutiert.

In den Anfängen zog die Veranstaltung lediglich dreihundert Menschen in ihren Bann, inzwischen hat sich die Teilnehmerzahl auf bis zu fünfzehntausend gesteigert. Die Völlerei dauert ein geschlagenes Wochenende, inklusive Wettkämpfen in nassen T-Shirts, spontaner Nudität und einem vom Indy 500 inspirierten Autorennen, das sich »Undie 500« nennt – kurz: die naturgegebene Weiterentwicklung eines Ereignisses, das unter dem Motto »Come Have a Ball« steht (was sowohl »Gönn dir einen Ball« als auch »Gönn dir einen Hoden« heißen kann). Versuchen Sie sich am Bullshit-Bingo, einem überlebensgroßen Gewinnspiel, bei dem man hundert Dollar gewinnen kann, wenn ein Stier seinen Darm auf der entsprechenden Riesenkarte entleert. Sie können aber auch an einem Wettbewerb teilnehmen, bei dem junge Mädchen auf dem Sozius einer Harley versuchen, sich ohne Einsatz der Hände eine an einer Schnur befestigte Rocky-Mountains-Auster zu schnappen. Es gibt Animationsspiele, bei denen Alkoholisches aus dem Bauchnabel eines hübschen Mädchens getrunken wird. Es gibt einen Ohne-Schlüpfer-Mittwoch. Und dann gibt es natürlich die mehr als 25  Kilo salzigen, fettigen und vom US-Ernährungsministerium für genießbar befundenen Rocky-Mountains-Austern.

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2 Eine Unterführung unter dem Connaught Circle, Neu-Delhi, nachdem Ihnen jemand auf den Schuh gekackt hat

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Stellen Sie sich folgende Szene vor: Sie benutzen die Unterführung unter dem Connaught Circle – einem absolut chaotischen Verkehrsknotenpunkt in Neu-Delhi, an dem zwölf große Straßen zusammenlaufen –, und aus der Menschenmenge dringt eine Stimme an Ihr Ohr.

»Entschuldigen Sie, mein Freund«, sagt die Stimme, »aber Sie haben Kot auf Ihrem Schuh.«

Nach mehreren Wochen in Indien wissen Sie längst, dass man Zurufe auf offener Straße am besten ignoriert. Zunächst beachten Sie den Sprecher daher nicht. Doch irgendetwas in der Stimme des Mannes ist anders. Glaubwürdig. Er wiederholt die Warnung, und Sie senken langsam den Blick.

Und tatsächlich: Mitten auf Ihrer Schuhspitze klebt ein platt gedrückter Haufen Scheiße.

Zuerst sind Sie erstaunt. Natürlich hatten Sie schon einmal Scheiße unter dem Schuh. Aber oben drauf? Wie ist das möglich? Vögel gibt es in der Unterführung nicht, dito Affen. Angeekelt bücken Sie sich, um der Sache auf den Grund zu gehen. Das Corpus Delicti ist noch feucht und schleimig und stinkt, wie so ein Haufen nun einmal stinkt.

Sie ziehen in Erwägung, sich zu übergeben. Ehe jedoch der Würgereflex einsetzt, meldet sich die Stimme wieder. »Keine Sorge, ich entferne das Zeug von Ihrem Schuh.« Es ist Ihr neuer Freund, der mit einem Schuhputzkasten neben Ihnen steht. Denken Sie mal nach! Einmal im Leben brauchen Sie ganz dringend einen Schuhputzer, und da taucht dieser nette junge Mann aus dem Nichts auf und bietet Ihnen seine Hilfe an. Wo ist wohl der Haken an der Sache?

Ihnen bleibt allerdings keine Zeit, über eventuelle Unstimmigkeiten an diesem zufälligen Treffen nachzudenken. Der Mann hat Sie schon an die Seite geführt und den ekelhaften Haufen im Handumdrehen entfernt. Sie wollen gerade Ihr Portemonnaie zücken und ihm für seine Hilfe ein Trinkgeld geben, da verkündet er den Preis für »eine spezielle Schuhreinigung unter erschwerten Umständen«. Er ist höher als der durchschnittliche Wochenverdienst eines Arbeiters in Neu-Delhi.

Bei näherer Betrachtung ist diese Masche wirklich bewundernswert. Die Dienstleistung ist bereits erbracht, und wer möchte schon mit einem Haufen Scheiße auf der Schuhspitze herumlaufen?

Also bezahlen Sie – zwar nicht den Preis, den er genannt hat, aber immerhin noch so viel, dass es sich für ihn weiterhin lohnt, Passanten Kot auf die Fußbekleidung zu schmieren. Wenn Sie selbst zum Opfer wurden, dürfen Sie zu Recht stinksauer sein. Aber der Scheiße-Trick ist zumindest nicht so schlimm wie der Trick mit dem Rotz auf der Schulter. Dann bleibt Ihnen nämlich nicht einmal die Möglichkeit, auch nur ein Bakschisch zu geben – denn während jemand Ihnen einen schleimigen Klumpen auf die Jacke schmiert, stiehlt sein Kumpan Ihnen die Brieftasche.

3 Euro Disney

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Ich habe Disney World noch nie gemocht. Als Kind hatte ich eine Heidenangst vor verkleideten Leuten, dem Weihnachtsmann und überlebensgroßen Stofftieren. Und natürlich hasste ich die riesenhafte Maus, die durch die Straßen des Magic Kingdom lief und ahnungslose Kinder als Geisel nahm, bis ihre Eltern sie fotografiert hatten. Große, starre Augen, ein dämliches Grinsen und riesige Papphände – für mich der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind. Als meine Eltern mir die Teilnahme an einer Veranstaltung namens »Frühstück mit Comicfiguren« schenkten, genügte mir ein einziger Blick auf Pinocchio, um mich gleich anschließend unter dem Tisch zu verbarrikadieren.

Ich war also in Bezug auf Euro Disney vermutlich von Anfang an voreingenommen. Aber da war ich nicht die Einzige. Der Vergnügungspark wurde 1992 eröffnet in dem Versuch, den Europäern Micky Maus nahezubringen. Dabei neigen Europäer dazu, angesichts amerikanischer Kultur eine gewisse Skepsis an den Tag zu legen, vor allem dann, wenn diese Kultur es darauf anlegt, sich in den Köpfen und Herzen europäischer Kinder einzunisten. Nachdem aber Disney davon überzeugt war, dass die Missbilligung der Eltern längst nicht so groß sein konnte wie die Liebe ihres Nachwuchses zu Arielle, der kleinen Meerjungfrau, schlug das Unternehmen alle Bedenken in den Wind und ließ sich in einem bäuerlichen Städtchen namens Marne-la-Vallée nieder. Der Ort liegt nur einen Katzensprung mit dem Zug von Paris entfernt und wurde gewählt, weil er für achtundsechzig Millionen Menschen in einer weniger als vierstündigen Autofahrt erreichbar ist.

Der Ärger war vorprogrammiert. Französische Landwirte gingen von einer direkten Verbindung zwischen Euro Disney und der amerikanischen Regierung aus und blockierten die Einfahrt zum Park mit Traktoren, um gegen die europäische und amerikanische Agrarpolitik zu demonstrieren. Die französische Theater- und Filmregisseurin Ariane Mnouchkine bezeichnete Euro Disney als »kulturelles Tschernobyl«, und auch wenn sie in ihren Vergleichen zu nuklearen Übertreibungen neigte (»Das Fernsehen erscheint mir als bedrohliches, kulturelles Tschernobyl«, erklärte sie im Juli 1993 der New York Times), blieb die Bezeichnung haften.

Disney beging jedoch noch weitere taktische Fehler: Der Park öffnete beispielsweise seine Pforten erstmalig mitten in einer Phase der Rezession in Europa. Das Unternehmen verprellte Jobbewerber mit einer restriktiven Kleiderordnung, die nicht nur lange Fingernägel verbot, sondern von weiblichen Bediensteten auch »angemessene Unterwäsche« verlangte. Was natürlich die Frage aufwirft, warum eine Angestellte bei Disney ihre Unterwäsche vorzeigen soll. Bei dem hauptsächlich für den Aufenthalt im Freien konzipierten Projekt vergaß man die Tatsache zu berücksichtigen, dass in Frankreich – im Gegensatz zu Florida und dem südlichen Kalifornien – einmal im Jahr der Winter einbricht. Zudem galt in den Park-Restaurants ein strenges Alkoholverbot, mit dem sich die Europäer, die gern ein Glas Wein oder Bier zum Mittagessen trinken, nur schwerlich anfreunden konnten. Im Juli 1993 – also etwas mehr als ein Jahr nach Eröffnung des Parks – beliefen sich die Schulden von Euro Disney auf ungefähr 3,7 Milliarden Euro. Aber das Unternehmen gab nicht auf, allen Herausforderungen der Übersetzung amerikanischer Eigenheiten in jede europäische Sprache zum Trotz – so wurde aus »Cattleman’s Chili« im Italienischen ein »Pepperoncino alla Cowboy«. Die ersten Gewinne verbuchte der Park im Jahr 1995, seither schreibt er, mit wenigen Unterbrechungen, schwarze Zahlen. In Sorge um den negativen Beigeschmack der Bezeichnung »Euro Disney« änderte man den Namen des Parks in »Disneyland Paris«. Der ehemalige Geschäftsführer Michael Eisner führte aus, der Name sei gewählt worden, um den Park mit »einer der romantischsten und aufregendsten Städte der Welt« zu identifizieren. Trotzdem mutet die Bezeichnung merkwürdig an: Der Park ist so durch und durch amerikanisch, dass sogar die Achterbahn nach der Gruppe Aerosmith benannt ist.

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5Das Leitungswasser-Museum in Beijing

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Im Umgang mit zwei so unterschiedlichen Sprachen wie dem Englischen und dem Chinesischen schleichen sich schnell Übersetzungsfehler ein. So findet man zum Beispiel Behinderten-Toiletten mit der Aufschrift »Endstelle für deformierte Menschen«. Das Zentrum für Proktologie in Dongda wurde als »Hospital für Anus- und Darmkrankheiten« ausgeschildert. Und ab und zu trifft man auf einen ganz alltäglichen Ort, dessen Name seltsam bizarr klingt. Wie im Falle des Leitungswasser-Museums in Beijing.

Die Geschichte des Leitungswassers in der chinesischen Hauptstadt begann im Jahr 1908, als die Kaiserinwitwe Cixi dem Plan zum Bau einer Wasserleitung für Beijing ihre Unterstützung zusagte. Das Museum allerdings ist neueren Datums. Es ist das Resultat eines Beschlusses von 2001, wonach in Beijing 150 neue Museen entstehen mussten – bis zum Jahre 2008. Jeder Kurator wird Ihnen bestätigen, dass 150 Museen in sieben Jahren eine sportliche Vorgabe sind. Neben dem Museum für Leitungswasser steht in Beijing seither auch je ein Museum für Honigbienen, rotes Sandelholz und Goldfische.

Das Leitungswasser-Museum ist in einer ehemaligen Pumpstation untergebracht. Die Ausstellung beginnt zeitlich mit der Gründung von Beijings erster Wasserversorgungsgesellschaft, der Jingshi Wasserleitung & Co., und zeigt darüber hinaus Exponate wie alte Wassercoupons oder ein Stethoskop zum akustischen Aufspüren von Lecks. Hier finden sich neben 130 »echten Objekten« auch 110 Bilder, 40 Modelle und ein Wasserfiltriersystem en miniature. Wer will da noch in die Verbotene Stadt reisen?

Das Merkwürdigste an diesem Museum ist allerdings, dass es das eigentliche Objekt der Begierde – nämlich sauberes Leitungswasser in Beijing – in Wirklichkeit gar nicht gibt. Dabei bestand Beijing als erste chinesische Stadt im Jahre 2007 einen Test zur Überprüfung des Wassers auf 106 verschiedene Schadstoffe. Dank des Zustandes der Wasserleitungen, die das wertvolle Nass von den Pumpstationen zu den Wasserhähnen der Menschen transportiert, hat es jedoch bis heute keine Trinkwasserqualität.