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Breathless

Zu diesem Buch

Als Daphne Rosewood am Flughafen auf den gut aussehenden Christiano Amato trifft, ist sie eher genervt als fasziniert. Denn sie möchte so schnell wie möglich zu ihrer Familie, um die Geburt ihres Neffen nicht zu verpassen. Und auch auf Christiano warten dringende Angelegenheiten. Doch als aufgrund eines Schneesturms ihre Flüge gestrichen werden, stranden beide unfreiwillig im letzten verfügbaren Hotelzimmer. Nach einer gemeinsamen Nacht voll sinnlicher und wilder Küsse schafft Christiano es, Daphne davon zu überzeugen, sie begleiten zu dürfen. Nicht auszudenken, was einer Alleinreisenden alles zustoßen könnte! Die beiden beschließen, einen Mietwagen zu chartern und zusammen einmal quer durch die Staaten zu fahren, um rechtzeitig bei ihren Lieben anzukommen. Es beginnt ein unvergesslicher Roadtrip, der nicht nur Daphnes Herz auf eine harte Probe stellt. Auch Christiano, der sich nie binden wollte, erkennt in Daphne seine Seelenverwandte. Aber das Glück und die intensiven Gefühle sind offenbar nur auf eine kurze Zeit begrenzt. Kann ihre Liebe überhaupt eine Zukunft haben, wenn fortan Tausende Meilen zwischen ihnen liegen?

Für meinen Ehemann.
Unser gemeinsames Abenteuer
ist wirklich unbezahlbar.

xoxo

Winter

1. KAPITEL

Daphne

Wein ist vermutlich das Einzige, was mich heute retten kann.

Oder eins dieser kleinen Wodkafläschchen, wie man sie im Flugzeug bekommt.

In meiner aktuellen Verfassung würde ich den glatt pur trinken.

Nach einem Blick auf meine Uhr rechne ich aus, dass ich in weniger als einer Stunde im Flieger sitzen werde, ungeduldig darauf wartend, dass die Flugbegleiterin mit dem Getränkewagen vorbeikommt.

Ich konnte mir Schöneres vorstellen, als den Silvesterabend Seite an Seite mit missmutigen Urlaubern in einem kleinen Flughafen in Südkalifornien zu verbringen, aber heute Morgen bekam ich einen Anruf von meiner Zwillingsschwester Delilah. Obwohl ihr Entbindungstermin erst in zwei Wochen ist, glaubt der Arzt, es könnte jederzeit losgehen. Sie hat eine Menge über Zentimeter und Kontraktionen geredet und dabei ziemlich hysterisch geklungen. Ich habe den Teil über den aktuellen Zustand ihres Gebärmutterhalses ausgeblendet, und gerade rechtzeitig wieder zugehört, um die Panik in ihrer Stimme zu bemerken. Sie befürchtete, dass ich es womöglich nicht rechtzeitig zurück nach Hause schaffen würde.

»Keine Angst, ich werde da sein«, habe ich ihr versprochen. »Egal, was passiert. Ich setze Himmel und Hölle in Bewegung, damit ich die Geburt nicht verpasse. Kneif einfach bis dahin die Beine ganz fest zusammen.«

Sie hat gelacht, aber trotzdem klang ihre Sorge durch. Unsere älteste Schwester Demi wird da sein, und natürlich Delilahs Ehemann Zane, aber als Zwillinge haben wir einfach immer alles gemeinsam gemacht. Wir stehen uns sehr, sehr nah. Es würde mir das Herz brechen, nicht dabei zu sein.

Ich sehe mich in dem überfüllten Flughafen um und schätze die Länge der Schlange vor mir ab. Mindestens acht Leute stehen vor mir, und die Frau, die uns gerade alle aufhält, hat den Inhalt ihres Koffers auf dem Fliesenboden verteilt und stopft einen riesigen Fön und mehrere Bücher von Stephen King aus ihrem Koffer in ihr Handgepäck.

Gemeinsam mit meinen Mitreisenden sehe ich seufzend zu, wie sie ihren Koffer verschließt und ihn zurück auf die Waage wuchtet. Die Miene der Angestellten von Jet Stream Airways sagt alles. Widerwillig zerrt die Frau ihren Koffer herunter und beginnt erneut einen Umpackversuch.

Wie es aussieht, werden wir hier wohl noch eine Weile stehen.

Gelangweilt werfe ich einen weiteren Blick auf die Leute in der Schlange hinter mir. Wie es aussieht, befinde ich mich hauptsächlich in der Gesellschaft von Senioren und Eltern mit kleinen Kindern, denen diese Herumreiserei überhaupt nicht gefällt. Vermutlich sind alle in meinem Alter irgendwo da draußen unterwegs und läuten mit billigem Champagner und schlechten Entscheidungen das neue Jahr ein.

Wie gern hätte ich heute Abend die Gelegenheit zu einer schlechten Entscheidung gehabt …

Nächstes Jahr dann wieder.

Vor zwei Jahren habe ich Silvester in Paris mit meinem französischen Lover verbracht, der sich anschließend als riesiger Mistkerl herausgestellt hat.

Letztes Jahr war ich Silvester zu Hause bei meiner Familie, um über die frische Trennung von einem Profi-Footballer namens Weston hinwegzukommen. Er war immer noch völlig verrückt nach seiner Ex, behauptete aber hartnäckig das Gegenteil, bis ich ihm die unwiderlegbaren Beweise dafür präsentierte. Und das war das Ende einer Beziehung, die richtig gut hätte werden können.

Ein Vorstellungsgespräch bei einem kleinen, privaten Kunst-College hat mich diese Woche nach Seaview geführt, und eigentlich wollte ich mich heute Abend mit einigen alten Freunden aus Collegezeiten in Las Vegas treffen. Doch dann hat sich Delilahs Gebärmutterhals verdünnt oder so etwas in der Art, und deshalb bin ich nun am Flughafen.

Gerade will ich erneut den aktuellen Status am Check-in-Schalter überprüfen, als ich einen großen Mann in ungefähr meinem Alter entdecke. Er hat dunkle, verwuschelte Haare, und sein laserscharfer Blick ist geradewegs auf mich gerichtet. Mein Herz setzt einen Schlag lang aus, und ich blicke hastig nach vorn. Keine Ahnung, ob es überhaupt möglich ist, körperlich zu spüren, dass einen jemand ansieht, aber mein gesamter Rücken kribbelt und fühlt sich warm an. Nicht meine Vorderseite, nur mein Rücken. Mein verlängerter Rücken, um genau zu sein.

Ich fühle mich zu fünfzig Prozent geschmeichelt und zu fünfzig Prozent genervt, aber ich bin einhundertprozentig entschlossen, dieses schamlose Benehmen zu ignorieren, als plötzlich ein lautes Geräusch das Stimmengewirr der nervösen Reisenden übertönt.

»Dies ist eine Durchsage für die Passagiere des Fluges 802 von Seaview nach Dulles International Airport in Washington, D. C.«, höre ich die gedämpfte, undeutliche Stimme einer Frau durch die Lautsprecheranlage im Seaview International Airport. »Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Flug ersatzlos gestrichen wurde. Bitte wenden Sie sich für weitere Informationen an den nächsten Schalter von Red Jet Airways.«

Mir tun die mehr als hundert Menschen leid, die das neue Jahr in einem anderen Teil des Landes einläuten wollten und nun enttäuscht werden.

Die Schlange vor mir bewegt sich; ich schnappe mir den Griff meines Rollkoffers und rücke ganze zehn Zentimeter nach vorne.

Wow. Fortschritt.

Ein Mann vor mir blickt stirnrunzelnd auf sein Handy.

»Hier steht, dass an manchen Orten beinahe sechzig Zentimeter Schnee gefallen sind«, höre ich ihn zu seiner Frau sagen. »Und morgen soll es sogar noch mehr schneien.«

Die Frau legt eine Hand vor ihren Mund; in ihren Augen steht Sorge. »Ich hatte gehofft, wir wären rechtzeitig vor dem Sturm zurück. Glaubst du, dass unser Flug auch ausfällt?«

Der Mann zuckt mit den Schultern und scrollt mit dem Daumen weiter über sein Handy. »Möglich wäre es. Der Sturm zieht inzwischen Richtung Norden. In manchen Teilen von Maryland gibt es schon keinen Strom mehr. Ganz Baltimore ist mit einer Eisschicht bedeckt.«

Sie legt eine Hand an ihre goldene Kette und zieht die Mundwinkel herab. »Aber dann hätte es inzwischen bestimmt eine Durchsage gegeben. Das Boarding für unseren Flug beginnt schon in einer Stunde.«

»Du hast recht, Margaret«, bestätigt er, steckt sein Handy ein und legt einen Arm um die Schultern seiner Frau. »Wir haben nichts zu befürchten. Wenn unser Flug gestrichen wäre, hätten wir es erfahren.«

Die Warteschlange bewegt sich wieder ein Stück, und ich schaue noch mal auf die Uhr, ehe ich erneut die Anzeigetafel überprüfe. Während ich mir eine Strähne meiner weißblonden Haare hinter ein Ohr stecke, fällt mein Blick versehentlich wieder auf ihn.

Den dunkelhaarigen Kerl.

Er starrt mich immer noch an.

Schnell wende ich meine Aufmerksamkeit wieder dem vorderen Teil der Warteschlange zu und bemerke einen ungefähr einen Meter großen Abstand zwischen mir und dem Paar vor mir. Das habe ich nun davon, dass ich mich mehr für den Adonis hinter mir als die Leute vor mir interessiere.

Räuspernd schnappe ich mir mein angeschlagenes Ego und meine Tasche und schließe auf. Die Dame mit dem Übergepäck scheint endlich fort zu sein, was auch erklärt, warum sich die Schlange bewegt.

Mit einem tiefen Atemzug greife ich nach meinem Ausweis in der vorderen Jeanstasche. Dort habe ich ihn hingesteckt, bevor ich mich angestellt habe, denn ich will auf keinen Fall zu den Frauen gehören, die vorne am Schalter ihre lächerlich vollgepackten Handtaschen auskippen müssen, weil sie aufgrund mangelnder Vorbereitung ihren Ausweis nicht finden können.

Ich bin eine angehende Weltreisende und ich liebe Flugreisen. Es gefällt mir einfach, über Ozeane und Kontinente, Länder und Staaten hinwegzudüsen. Allein während der letzten Jahre bin ich Dutzende Male geflogen. Und ich genieße es, immer vorbereitet zu sein.

Mein Herz setzt einen Schlag aus, als meine Fingerspitzen nichts weiter ertasten als das Innenfutter meiner Jeans. Leicht panisch suche ich in der Tasche auf der anderen Seite. Die Schlange bewegt sich wieder, und ich bin die Nächste. Ich stelle meine Handtasche ab, schiebe beide Hände in die Vorder- und Gesäßtaschen meiner Jeans, suche alles ab, finde aber lediglich einen Fussel. Sicherlich wirke ich wie eine Irre, aber ich muss unbedingt meinen Ausweis finden.

Er ist hier drin.

Hundertprozentig.

In rasender Geschwindigkeit gehe ich in Gedanken alles durch, was ich heute bis jetzt getan habe, um zu sehen, ob die Möglichkeit besteht, dass ich nur glaube, ich hätte meinen Ausweis eingesteckt. Ich denke an mein Hotelzimmer zurück. Meine Tasche war gepackt. Meine Handtasche lag auf einem Tischchen neben der Tür. Ich habe ausgecheckt und mir ein Taxi gerufen …

Nichts.

Ich könnte schwören, dass ich den Ausweis aus meiner Brieftasche genommen habe, nachdem ich den Taxifahrer bezahlt hatte.

Ja.

Ich stand auf dem Gehweg vor der Abflughalle.

Da bin ich mir sicher.

Jemand tippt mir auf die Schulter. Erschrocken fahre ich herum, um zu sehen, wer es wagt, mich in diesem schrecklich unpassenden Moment aus meinen Gedanken zu reißen.

»Das hier ist Ihnen runtergefallen … Daphne.« Der attraktive Fremde grinst mich an und dreht meinen Ausweis zwischen den Fingern, ehe er ihn mir reicht.

Schnell nehme ich ihn an mich. »Gott sei Dank! Danke.«

»Tut mir leid, dass ich Sie angestarrt habe«, entschuldigt er sich, doch seine Augen funkeln, als täte es ihm nicht wirklich leid. »Ich wollte sichergehen, dass Sie wirklich die Frau auf dem Foto sind. Sie sollten vorsichtiger sein. Wenn der Ausweis in die falschen Hände fällt, könnte alles Mögliche passieren.«

Ich runzle die Stirn und zwinge mich, nicht zu antworten. Obwohl ich ihm für seine gute Tat sehr dankbar bin, hab ich keine Lust auf einen Vortrag.

»Der Nächste!«, ruft die Frau am Schalter.

Sein Blick wandert über meinen Kopf dorthin, und als ich mich umdrehe, stelle ich fest, dass ich tatsächlich dran bin.

»Das bin ich«, sage ich und wende mich wieder zu ihm um. »Danke für …«

Doch er ist bereits zu seinem Platz in der Warteschlange zurückgegangen.

Ich gebe mein Gepäck auf, lasse meine Bordkarte scannen und eile hinüber zur Sicherheitskontrolle. Der Wartebereich ist voller Menschen, die nebeneinanderstehen wie die Ölsardinen. Mit Mühe quetsche ich mich durch die Massen und atme erleichtert auf, als ich die Rolltreppe erreiche. Die tatsächliche Warteschlange für die Sicherheitskontrolle ist nicht halb so lang, wie ich befürchtet habe. Die meisten Leute sind vermutlich gestrandete Passagiere, und sie tun mir schrecklich leid.

Ich möchte keinesfalls an ihrer Stelle sein.

Vermutlich würde ich in Tränen ausbrechen.

Als ich es endlich bis nach vorne geschafft habe, ziehe ich mir die Schuhe von den Füßen und lege alle meine Sachen in einen grauen Behälter. Ich überprüfe meine Jeanstaschen und bin erleichtert, als ich die harten Kanten meines Ausweises in der linken vorderen Tasche ertaste.

Bei all den Reisen, die ich während der vergangenen Jahre unternommen habe, sollte ich inzwischen abgebrühter sein. Momentan fühle ich mich überhaupt nicht wie ich selbst. So unorganisiert bin ich normalerweise nicht, und ich lasse mich üblicherweise auch nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

»Der Nächste!«, ruft der Sicherheitsbeamte. Wir blicken uns an und er winkt mich nach vorne, den Mund zu einem Strich zusammengepresst.

Ich stelle mich in das Gerät, lasse meinen Körper scannen und erhalte sofort das Okay in Form eines grünen Lichts. Danach warte ich am Fließband auf meine Sachen und erblicke dabei zufällig den großen, mysteriösen Fremden an der Sicherheitskontrolle. Er trägt eng anliegende Bluejeans und ein einfaches graues T-Shirt, das sich an seinen muskulösen Oberkörper schmiegt. Ich sehe, wie er den Sicherheitsbeamten näher winkt, um ihm etwas zu sagen. Der dreht sich daraufhin zu einem Kollegen um und macht eine Art Handsignal. Wie aus dem Nichts taucht ein dritter Sicherheitsbeamter auf und zieht den Fremden zur Seite, um ihn abzutasten.

Merkwürdig.

Endlich kommen meine Sachen durch und ich schnappe mir meine Handtasche und meine Lederhalbschuhe. Dann gehe ich hinüber zu einer Bank, um sie mir wieder anzuziehen. Leider bekommt man sie zwar schnell vom Fuß, aber nur sehr mühsam wieder an. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass sie sich für eine Flugreise nicht eignen, aber wenigstens muss ich sie ab jetzt nicht mehr ausziehen. Schließlich fliege ich nonstop von Seaview, Kalifornien, zum JFK International Airport in New York.

Ich biege das Leder auseinander, manövriere meinen linken Fuß in den Schuh und will gerade das Prozedere mit dem rechten wiederholen, als neben mir eine männliche Stimme ertönt.

»Sie müssen das nicht tun, das wissen Sie, oder?«

Ich blicke auf.

Er. Schon wieder.

»Sie müssen sich nicht durchleuchten lassen«, erklärt er genauer. Mit zusammengezogenen Brauen blickt er hinüber zu dem Körperscanner. »Ich mag das nicht. Es ist übergriffig. Man kann verlangen, dass man abgetastet wird.«

»Weil es weniger übergriffig ist, wenn man von einem Fremden überall angefasst wird?«, erwidere ich schnaubend.

»Ich hab nichts dagegen, wenn mich jemand professionell über der Kleidung berührt«, sagt er. »Allerdings hab ich etwas dagegen, dass mich jemand nackt sieht, nur weil die Regierung behauptet, das wäre in Ordnung.«

Ich schiebe den rechten Fuß in den Schuh und stehe auf, um die Hebelwirkung zu verbessern. Dabei stütze ich mich auf einem Fenstersims in der Nähe ab. Draußen scheint die Sonne und der kalifornische Himmel ist wolkenlos und babyblau. Kaum vorstellbar, dass gleichzeitig ein Schneesturm über der Nordostküste tobt.

»Gut zu wissen«, antworte ich milde lächelnd und tue so, als würde ich auch seinen zweiten ungebetenen Rat schätzen. Mir persönlich ist es völlig schnuppe, ob mich jemand nackt sieht. Ich habe vor genügend Kunststudenten als Aktmodell posiert, weshalb es mir inzwischen überhaupt nichts mehr ausmacht, mich auszuziehen.

Ein Blick aufs Handy verrät mir, dass in einer Viertelstunde mein Boarding beginnt und ich mir immer noch ein Buch und einen Kaffee für den Flug besorgen muss.

»Ich wünsche Ihnen einen guten Flug.« Mit diesen Worten schiebe ich mir den Träger meiner Handtasche über die Schulter und mache mich auf den Weg zum Kaffeestand, der sich ungefähr in der Mitte von Terminal A befindet. Nach einem Blick auf die Angebotskarte entscheide ich mich für einen halb entkoffeinierten Soja-Latte mit Zimt und zuckerfreiem Vanillesirup, denn schon allein beim Gedanken an die Schneeflocken, die ich in nicht mal fünf Stunden auf dem Gesicht spüren werde, ist mir nach etwas Warmem und Tröstlichem im Magen.

Ich gebe meine Bestellung auf und lege einen Fünfdollarschein sowie das abgezählte Kleingeld auf den Tresen.

»Danke«, verabschiede ich mich anschließend vom Verkäufer, richte noch mal den Träger auf meiner Schulter und verstärke den Griff um den Kaffeebecher. Er fühlt sich angenehm warm in meiner Hand an, und ich spüre praktisch schon den aromatischen, kräftigen Geschmack auf der Zunge.

Als ich mich umdrehe, steht der Dunkelhaarige wieder vor mir. Und zwar sehr nah. Sein angenehm sauberer Geruch steigt mir in die Nase. Der Abstand zwischen unseren Gesichtern beträgt nur noch Zentimeter. Ich bleibe abrupt stehen, um ihn nicht anzurempeln, wodurch der kochend heiße Kaffee aus dem Loch im Deckel hinausschwappt und die braune Flüssigkeit auf meine Schuhe tropft.

»Wunderbar.« Seufzend mache ich einen Schritt zur Seite.

Er legt sanft seine Hand auf meinen Unterarm. »Das tut mir sehr leid.«

Seine Entschuldigung klingt ernst gemeint, nicht wie vorhin, als er sich dafür »entschuldigt« hat, dass er mich anstarrte. Diesmal ist sein Blick sanfter und ich entdecke kein Anzeichen eines mutwilligen Funkelns darin.

»Ich habe gerade die Angebote durchgelesen. Ich stand nicht absichtlich so nah hinter Ihnen …«, erklärt er.

Links von uns ist ein kleiner Tresen mit Strohhalmen, Milch- und Zuckerpäckchen, und ich beobachte, wie er ein halbes Dutzend Papierservietten aus dem Ständer zieht, sich vor mich hinhockt und mit dem fruchtlosen Versuch beginnt, meine Lederschuhe durch das Abtupfen der Flüssigkeit zu retten.

»Ist schon gut«, behaupte ich, obwohl ich das eigentlich nicht so empfinde.

Mir ist klar, dass es ein Missgeschick war.

Ich weiß, dass ich großzügig sein und kichernd so tun sollte, als wäre das eine dieser schicksalhaften Begegnungen, wie sie in romantischen Komödien so gern vorkommen, aber die Schuhe waren teuer.

Und es sind meine Lieblingsschuhe.

Jetzt sind sie ruiniert, und mein anderes Paar liegt im Koffer im Bauch des Flugzeuges.

Jetzt muss ich also mindestens fünf Stunden lang den sicher bald ranzigen Milchkaffeegeruch von meinen Schuhen ertragen.

Bestimmt gibt es hier irgendwo einen Souvenirladen, der Flip-Flops verkauft, aber ich fliege nicht unbedingt in Flip-Flop-freundliches Wetter.

»Nein«, widerspricht er, richtet sich auf und streckt eine Hand aus. Er ist groß, und seine Schultern sind sehr breit. Verwirrend breit. Und so muskulös, dass sie sein enges Shirt hervorragend ausfüllen. Ich versuche, nicht auf die Adern zu starren, die über seinen Bizeps verlaufen. Es gibt keine gute Erklärung, warum ich mich gerade auf diese Dinge konzentriere, aber es ist so. »Es ist nicht gut. Es tut mir wirklich leid. Ziehen Sie die Schuhe aus. Ich versuche, die Flecken mit Wasser rauszuwaschen.«

»Nein, bloß nicht. Ich meine, wirklich nicht«, wiegele ich ab und blicke hinüber zum Terminal. »Das Boarding für meinen Flug beginnt gleich. Ich muss los.«

»Welcher Flug ist das?«

»Fünfhundertzwölf«, antworte ich mit zusammengezogenen Brauen, weil ich keine Ahnung habe, was das für eine Rolle spielt.

»Den nehme ich auch.« Er schenkt mir ein kleines Lächeln und ich verliere mich für einen Moment in den goldenen Tupfern in seinen braunen Augen, denn offensichtlich ist es um meine Selbstbeherrschung heute schlecht bestellt.

Vermutlich ist das seine Masche. Mit der er normalerweise garantiert sehr erfolgreich ist.

Er vergeigt etwas, zeigt sein strahlendes Grübchenlächeln, zwinkert mit den honigbraunen Augen, spannt seinen Bizeps an und alles ist wieder gut. Ich wette, er muss sich für nichts verantworten, weil er unverschämt gut aussieht und weiß, wie er sich mit seinem Charme aus jeder unangenehmen Situation herauswindet.

Sein Pech, dass ich für so etwas keine Zeit und keine Nerven habe.

»Stellen Sie das auch manchmal ab?«, will ich wissen.

Verwirrung spiegelt sich in seinem Gesicht. »Äh, was denn?«

»Das hier.« Ich mache eine Geste, die ihn von Kopf bis zu den Füßen umfasst.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Sie meinen«, behauptet er und blickt mich forschend an.

Eine bissige Erwiderung liegt mir schon auf der Zunge. Keine Ahnung, ob es an den Feiertagsreisenden liegt, dem überfüllten Flughafen, der Tatsache, dass ich spät dran bin oder meiner Angst, es nicht rechtzeitig nach Hause zu meiner Schwester zu schaffen, aber meine Laune kann kaum noch weiter sinken. Und dann ist dieser Typ auch noch so dreist und macht auf süß und charismatisch.

»Das Lächeln«, erkläre ich. »Die Blicke. Das Anstarren. Mir zu folgen und charmant und hilfreich tun. Sie glauben, ich merke es nicht, aber ich hab Sie durchschaut. Hören Sie, ich will nach Hause und ich habe kein Interesse an Ihrem Angebot, also lassen Sie mich bitte in Ruhe.«

Ich werfe die Überreste meines Kaffees in einen nahe stehenden Müllbehälter und schiebe mich an ihm vorbei.

Normalerweise bin ich nicht so eine blöde Kuh, das schwöre ich.

Ich hab einfach einen schlechten Tag. Einen richtig, richtig schlechten Tag.

Während ich davonstürme, bedauere ich schon, dass ich so unfreundlich zu ihm war. Erst recht, weil wir die nächsten fünf Stunden gemeinsam im selben Flieger verbringen werden.

Ups.

Bleibt mir nur zu hoffen, dass wir in völlig unterschiedlichen Abschnitten des Flugzeuges sitzen werden.

Ich erreiche das Gate C1 und sehe auf der Anzeige, dass das Boarding bald beginnt. Ich suche mir einen Platz neben einer Ladestation und nutze die Gelegenheit, mein Handy aufzuladen.

Eine Nachricht von Delilah geht ein. Sie will wissen, ob ich gut zum Flughafen gekommen bin. Schnell antworte ich, dass ich rechtzeitig zum Abendessen da sein werde. Als ich mich erkundige, wie es ihr geht, erwidert sie, dass sie das Gefühl hat, jeden Moment zu platzen. Delilah neigt nicht zu Übertreibungen oder Dramatik. Ich weiß, dass sie nicht versucht, das Stereotyp einer Schwangeren im neunten Monat zu erfüllen. Bei ihr können tatsächlich jeden Moment die Wehen einsetzen und diese Tatsache mindert meine Sorge kein bisschen.

Um mich herum füllen sich die Sitzplätze. Alle Passagiere beschäftigen sich mit ihren Handys. Links von mir wiegt eine Mutter ihr Baby zu einer gesummten Melodie, die für mich nach Bad Romance von Lady Gaga klingt und ich muss schmunzeln, weil ich vermutlich genau dasselbe tun würde – auf Brahms Wiegenlied pfeifen und mir stattdessen etwas mit einer Melodie suchen, mit der ich auch etwas anfangen kann.

Dabei bin ich kein Babymensch. Natürlich liebe ich alle meine Nichten und Neffen, aber ich träume nicht unbedingt von eigenen Kindern.

Okay, eins wäre vielleicht in Ordnung.

Eventuell, wenn ich straff auf die vierzig zugehe und meine biologische Uhr allmählich abläuft. Und wenn ich eine langfristige Beziehung mit einem Mann habe, der mich anfleht, ihm ein Baby zu schenken, bevor es zu spät ist, und ich ein tiefes, sehnsuchtsvolles Ziehen in mir spüre, sobald mich ein pausbäckiges Kind in der Schlange im Supermarkt anlächelt. Dann, und nur dann werde ich schwanger werden. Bis dahin genieße ich meine Freiheit und Unabhängigkeit, denn ich lebe schließlich nur einmal.

Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass sich meine Akkuleistung um ganze zwei Prozent verbessert hat, seit ich hier sitze. Mein Herz macht einen kleinen Satz, als ich feststelle, dass das Boarding laut der Uhrzeit jetzt jede Minute beginnen müsste. Ich möchte endlich das Jaulen der Flugzeugmotoren hören und spüren, wie die Beschleunigung mich in den Sitz drückt, während wir aufsteigen, denn das würde bedeuten, dass ich meiner kleinen Flasche Flugzeugwodka schon viel näher wäre.

»Achtung, eine Durchsage«, ertönt einen Moment später eine nuschelige Stimme gedämpft über die Lautsprecher. Als ich aufsehe, steht eine Dame hinter dem Tresen an unserem Gate und hält sich die Sprechmuschel eines Telefonhörers wie ein Mikrofon an die Lippen. »Der Direktflug 512 von Seaview nach JFK International Airport in New York City ist leider aufgrund der schlechten Wetterlage gestrichen. Bitte melden Sie sich beim nächstgelegenen Schalter von Jet Stream Airways oder am Gate C1 für weitere Informationen.«

Mir rutscht das Herz in die Hose.

Nein …

Nein, nein, nein!

2. KAPITEL

Daphne

»Ich bin Fluggast bei Jet Stream Airways.« Mit diesen Worten schiebe ich meinen Hotelgutschein über die Rezeption im Blue Star Hotel gegenüber vom Flughafen. Ich komme mir vor wie die schwangere Maria auf der verzweifelten Suche nach einer Herberge für die Nacht. »Man hat mir gesagt, Sie hätten eventuell ein Zimmer frei.«

Ich drücke mir die Daumen und auch gleich die Zehen, denn die letzten drei Hotels, bei denen ich es versucht habe, waren voll belegt. Immerhin ist es Silvester und damit einer der beliebtesten Tage im Jahr für Hotelübernachtungen. Seaview ist nicht gerade eine Großstadt und genau deswegen gibt es auch nicht sonderlich viele Hotels.

Die Rezeptionistin steckt sich eine Strähne ihrer lila gefärbten Haare hinter ein Ohr und schiebt ihre dick gerahmte Brille auf der Nase hoch. Sie sieht aus wie eine dieser coolen Mütter, die ihren Kindern am achtzehnten Geburtstag Tattoos erlauben und vermutlich landesweit bei Luftgitarrenwettbewerben antreten. Sie beißt sich auf ihre gepiercte Lippe und blickt konzentriert auf den Monitor.

»Ich werde auf jeden Fall mein Bestes versuchen«, verspricht sie mir, doch in ihrer Stimme höre ich nicht die Bestimmtheit, die mir in dieser Situation lieb wäre. »Vor einer Stunde waren wir voll belegt, aber ich glaube, jemand hat zwischenzeitlich storniert.«

Ihre langen, stahlblauen Fingernägel klicken über die Tastatur und einen Moment später leuchtet ihr Gesicht auf.

»Oh, sehr schön«, sagt sie. »Die Diamond Suite ist heute Nacht frei.«

»Suite?«

»Das ist leider alles, was wir noch haben.« Sie neigt den Kopf. »Und die Suite ist wirklich hübsch. Ein großes Bett, eine Minibar, ein Whirlpool. Ihr Gutschein deckt die Kosten.«

»Dann brauchen wir gar nicht weiterzureden«, unterbreche ich sie, als mir einfällt, dass ich das Zimmer gar nicht selbst bezahlen muss. »Ich nehme sie.«

Sie lächelt mich an. »Geht klar. Es dauert noch einen Moment, bis die Suite verfügbar ist, aber Sie können gern in der Lobby warten. Wir haben auch eine Bar; gehen Sie einfach den linken Flur entlang und am Pool vorbei.«

Ich gebe ihr meinen Ausweis, damit sie meinen Namen davon abschreiben kann, und unterzeichne einige Verzichtserklärungen im Fall von Schäden. Dann nehme ich meine Taschen, gehe hinüber zu einem Sessel in der Lobby und hole mein Handy heraus. Ich muss Delilah anrufen. Das wird kein angenehmes Gespräch werden, aber mir sind momentan leider die Hände gebunden.

»Hey.« Delilah klingt besorgt. »Warum rufst du an? Warum sitzt du nicht im Flugzeug?«

»Hast du schon mal einen Blick nach draußen geworfen?«, will ich wissen.

»Ja. Es schneit, aber das ist nichts Ungewöhnliches für einen Dezember in Rixton Falls.«

»Wie es aussieht, zieht ein riesiger Schneesturm in Richtung Norden. Momentan tobt er unmittelbar vor New York City. Siehst du denn keine Nachrichten?«

Delilah atmet aus und ich stelle mir vor, wie sie sich in ihren Lieblingssessel fallen lässt. »Ich versuche, die Nachrichten zu vermeiden. Zu deprimierend, und momentan bringt mich einfach alles zum Weinen.«

»Sie bezeichnen ihn schon jetzt als einen der größten Schneestürme der vergangenen zehn Jahre«, erkläre ich.

»Auch das noch.«

»Alle Flüge in Richtung Osten wurden gestrichen. Ich hatte gehofft, sie würden uns umleiten und uns vielleicht wenigstens bis nach Colorado, Iowa oder Ohio fliegen, aber nein. So wird das offensichtlich nicht gehandhabt.«

»Also, was machst du jetzt?«, fragt sie.

»Die Fluggesellschaft hat uns für heute Nacht in einem Hotel untergebracht. Außerdem haben sie uns eine Telefonnummer gegeben, bei der wir uns gleich morgen früh melden sollen. Wenn wir dann dort anrufen, erfahren wir, ob es etwas Neues gibt.«

»Glaubst du, dass sie euch morgen fliegen lassen?«

Seufzend überlege ich, wie ich es ihr schonend beibringen kann. »Delilah, morgen soll es sogar noch mehr Schnee geben. Und übermorgen noch mehr.«

»Du kommst also vorerst nicht nach Hause.« Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung. »Das ist echt Mist.«

Selbst an meinem Ende der Leitung spüre ich geradezu körperlich ihre Enttäuschung, doch ich bin machtlos. Ich weiß, dass jeden Tag Tausende Frauen Kinder bekommen, aber für Delilah war es wichtig, dass ich bei ihr bin. In unserer Kindheit haben wir uns geschworen, bei allen großen Ereignissen im Leben der anderen dabei zu sein, und ein größeres Ereignis, als einem kleinen Menschen das Leben zu schenken, gibt es nicht. Außerdem werde ich Patentante. Diesen Moment können wir niemals mehr wiederholen.

»Pass auf, gleich morgen früh gehe ich zum nächsten Autoverleih. Vielleicht kann ich den Rest der Strecke einfach fahren? Ich habe es bereits durchgerechnet. Wenn ich drei Tage lang jeden Tag dreizehn Stunden durchfahre, bin ich am Samstag bei dir.«

»Daph«, rügt sie mich in einem Ton, mit dem sie ganz genau wie unsere Mutter Bliss klingt. »Du kannst nicht drei Tage hintereinander dreizehn Stunden im Auto sitzen. Du wirst am Steuer einschlafen. Das ist keine gute Lösung.«

»Nein, werde ich nicht«, behaupte ich. »Ich halte jeden Abend an und übernachte in einem Hotel. Dort kann ich mich ausruhen und frühmorgens dann gleich weiterfahren. Bis ich in eurer Nähe bin, wird der Sturm vorbeigezogen und die Straßen werden geräumt sein. Das Timing ist perfekt. Und wer weiß, wenn ich in Chicago ankomme, wird vielleicht schon wieder geflogen und dann kann ich den Rest des Weges mit dem Flieger zurücklegen. Dann wäre ich zwei Stunden später zu Hause.«

»Du bist verrückt.«

»Bin ich nicht, ich will einfach nur unbedingt zu dir«, widerspreche ich. »Ich will nicht hier festsitzen. Außerdem hab ich dir versprochen, bei dir zu sein. Aber bitte, bitte, bitte, bekomm vor Samstag keine Wehen.«

Meine Schwester lacht. »Ich gebe mir Mühe.«

»Okay, ich gehe jetzt auf einen Drink in die Bar«, erkläre ich. »Meine Suite ist noch nicht ganz fertig.«

»Oh, eine Suite? Hat sie einen Whirlpool?«

»Natürlich hat sie einen Whirlpool«, bestätige ich. »Du weißt ja, was das heißt.«

»Was denn?«

»Es ist Silvester«, erinnere ich sie. »Also werde ich meine Minibar plündern und dann nackt im Whirlpool feiern, als wäre es 1999.«

»1999 waren wir in der dritten Klasse«, wendet Delilah ein. »Ich weiß noch genau, dass wir damals an Silvester eine Pyjamaparty veranstaltet haben. Du und Emma Lancaster habt euch gestritten und an den Haaren gezogen, weil ihr beide mit derselben Barbie spielen wolltet.«

»Das waren noch Zeiten.« Ich seufze. »Wie auch immer, ich lege jetzt auf. Entspann dich und lass es ruhig angehen, damit sich das Baby noch ein wenig Zeit lässt.«

»Sag mir Bescheid, bevor du morgen losfährst. Ich erwarte regelmäßige Zwischenmeldungen. Halt mich auf dem Laufenden! Falls du beim Fahren müde wirst, fahr bitte ab, aber nur auf einen gut beleuchteten Parkplatz. Oder such dir das nächste Hotel. Nimm keine Anhalter mit, und …«

Ich halte das Handy ein Stück vom Ohr weg, während sie weiterspricht. Ich muss sie ihre Anweisungen loswerden lassen. So ist Delilah einfach – sie macht sich ständig über alles Sorgen.

»Verstanden«, sage ich, als ich mir einen Moment später das Handy wieder ans Ohr halte. »Ich mache nichts davon. Versprochen.«

»Fahr vorsichtig. Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch.« Nachdem ich den Anruf beendet habe, sammele ich meine Sachen ein und sehe mich nach dem Flur um, der am Pool vorbei zur Bar führt. Doch da fällt mein Blick auf eine vertraute Gestalt an der Rezeption.

Er hat sich mit dem Ellbogen abgestützt und ich beobachte, wie sich seine Schultern senken und er frustriert ausatmet.

»Sind Sie absolut sicher, dass Sie ausgebucht sind? Das hier ist das vierte Hotel, in dem ich während der vergangenen zwei Stunden mein Glück versuche.« Sein Ton ist schroff und die Frau mit den lilafarbenen Haaren wirkt wie gelähmt. »Ich habe vor zwanzig Minuten hier angerufen. Ihr Manager hat mir versichert, dass Sie ein freies Zimmer haben.«

»Ja, und es tut mir leid. Wir haben das Zimmer zwischenzeitlich belegt. Es ging hier heute ein wenig hektisch zu, ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.«

»Er hat versprochen, mir die Diamond Suite zu reservieren«, fährt er fort. »Ich habe ihm meinen Namen und meine Telefonnummer gegeben und mich auf den Weg gemacht.«

»Ich bedauere das wirklich.« Die Frau sieht ihn durch ihre dicken Brillengläser an. Ihre blasse Miene drückt Hilflosigkeit aus. »Solche Missverständnisse passieren ab und zu, und es tut mir wirklich leid, aber ich kann nichts für Sie tun.«

»Gibt es noch andere Hotels in dieser Gegend?« Er fährt sich mit der Hand übers Gesicht. »Ich war bereits im Windermere, im Harriett und im Gateway Plaza. Die sind alle voll.«

Sie schüttelt den Kopf. »Leider nicht. Sie müssten zwei Stunden bis nach L. A. fahren, um ein anderes Hotel zu finden. Zumindest ein halbwegs anständiges. Die Hotels in Rockport oder Harper’s Bluff kann ich nicht empfehlen. Oder das in Crawfordsville. Die gehören alle zur selben Gruppe und werden nicht gut geführt. Besonders sauber sind sie auch nicht. Das habe ich zumindest gehört.«

»Ich kann nicht nach L. A. fahren«, erklärt er durch zusammengepresste Zähne. »Mein Flug geht ganz zeitig morgen früh. Das hoffe ich zumindest.«

Ganz offensichtlich hat er sich nicht die Wettervorhersage angesehen.

»Entschuldigung, Miss, stehen Sie hier an?«, fragt eine kleine ältere Dame und legt mir ihre faltige Hand auf den Arm. Erst da wird mir bewusst, dass ich mitten im Weg stehe und mitgerissen wie von einer billigen Fernsehsendung beobachte, was sich nur wenige Meter von mir entfernt abspielt.

Vermutlich bin ich einfach ziemlich fasziniert davon, dass mir dieser Prinz Charming noch vor wenigen Stunden verträumte Blicke und ein sanftes Lächeln zugeworfen hat und jetzt aussieht, als würde er sich gleich in den unglaublichen Hulk verwandeln und die gesamte Hotellobby in Stücke schlagen.

»Nein, tue ich nicht. Entschuldigung.« Ich trete zur Seite. »Gehen Sie ruhig vor.«

Beim Klang meiner Stimme dreht sich der Mann um und fängt meinen Blick auf. Seine Miene ist hart und bewölkt. Er erinnert mich an den hitzköpfigen Italiener, den ich vor einigen Jahren in Naples kennengelernt habe. Ich würde das zwar nie öffentlich zugeben, aber ich fand sein Temperament überraschend erotisch, obwohl ich nie ganz verstanden habe, warum.

Wir halten eine Sekunde Blickkontakt, doch es fühlt sich viel länger an. Ich sehe das Wiedererkennen in seinen Augen aufblitzen, doch dann dreht er sich wieder zu der Frau mit den lilafarbenen Haaren um.

»Was soll ich denn jetzt machen?« Er ballt die Hand, die auf dem Tresen liegt, zur Faust. »Auf einer Parkbank schlafen?«

Sie sieht aus, als ob sie keine Ahnung hat, was sie ihm antworten solle, und seine Beharrlichkeit macht sie nervös.

»Es tut mir wirklich leid, Sir«, entschuldigt sie sich noch einmal.

»Wer hat das letzte Zimmer gemietet?«, will er wissen.

Sie blickt über seine Schulter hinweg zu mir. Auch wenn sie kein Wort sagt, ist ihre Antwort laut und deutlich. Mein Herz schlägt überlaut in meiner Brust und ich breche in kalten Schweiß aus. Ich kann nicht fassen, dass mich die coole Mom einfach so verraten hat.

Er lenkt seinen Blick in meine Richtung und ich schlucke den Kloß in meinem trockenen Hals hinunter. Ich habe keinen Grund, um nervös zu sein. Ich habe nichts falsch gemacht. Die coole Mom hat das vermasselt. Wenn er damit ein Problem hat, sollte er das mit dem Chef der coolen Mom ausdiskutieren.

Ich will lediglich mein Zimmer beziehen und herausfinden, wie zum Teufel ich morgen hier wegkomme. Das ist alles. Nicht mehr und nicht weniger.

»Daphne, nicht wahr?«, fragt er und zieht die Brauen zusammen. Er verschränkt die Arme. Ich bin nicht sicher, ob er mich düster anblickt oder gedankenverloren vor sich hin starrt.

»Woher wissen Sie …« Sobald ich die Frage stellen will, fällt mir die Antwort darauf ein. Der Ausweis am Flughafen. Himmel, das scheint eine Ewigkeit her zu sein, obwohl es erst vor einigen Stunden war. »Vergessen Sie’s.«

Er atmet tief ein und seine Schultern heben und senken sich. »Sie haben mir mein Zimmer weggenommen.«

Ich versuche, nicht zu lachen. Ist das sein Ernst? Ich blicke hinüber zur coolen Mom, die sich feige hinter ihrem Computermonitor versteckt.

Vielen Dank, coole Mom.

»Tut mir leid.« Die Worte drängen sich beinahe zu schnell zwischen meinen zittrigen Lippen hindurch. Keine Ahnung, was er erwartet, aber sein düsterer Blick macht mich unruhig.

»Nein, das stimmt nicht«, blafft er mich an.

Mir fällt die Kinnlade herunter. »Es tut mir leid, dass es zu dieser Situation gekommen ist. Dass ich ihnen Ihr Zimmer weggenommen habe, tut mir nicht leid, denn das würde mir Absicht unterstellen.«

Er kommt langsam und bedächtig auf mich zu. »Ich hatte heute einen echt üblen Tag. Ich brauche einen Platz zum Schlafen. Sie haben mir mein Zimmer weggenommen. Warum tun Sie nicht einfach das Richtige?«

»Und was soll das sein? Es Ihnen überlassen?«, erwidere ich schnaubend und mache einen Schritt von ihm weg.

»Nein«, widerspricht er. »Teilen.«

»Ich kenne Sie nicht mal. Sorry, aber das kommt nicht infrage.«

»Sie haben mir mein Zimmer gestohlen und jetzt wollen Sie mich auch noch auf einer Parkbank übernachten lassen? Super. Ich hoffe, Sie können das mit Ihrem Gewissen vereinbaren und schlafen heute Nacht schön tief und fest.«

Mist. Damit hat er nicht unrecht. Ich werde kein Auge zukriegen, wenn ich daran denke, dass er ohne Zimmer dasteht, aber ich bleibe dabei, ich habe es ihm nicht weggenommen. Zumindest nicht absichtlich.

Während der letzten Jahre bin ich viel gereist. Ich habe Dutzende Male bei Leuten, die ich kaum kannte, auf der Couch übernachtet. Oder bei Freunden von Freunden. Ich habe in Hostels gewohnt und mir für mehr Semester, als ich zählen kann, ein Badezimmer im Wohnheim mit sechs anderen Mädchen geteilt. Ich bin weder schüchtern noch knauserig, und ganz sicher werde ich diesen Mann nicht zwingen, heute Nacht auf einer Parkbank zu schlafen, damit ich ohne Gewissensbisse den Luxus eines weichen, warmen Betts genießen kann. In einer Nacht, in der kein Hotelzimmer aufzutreiben ist.

»Na schön. Sie können es mit mir teilen.« Einen Moment lang habe ich das Gefühl, nicht mehr Herrin meiner Sinne zu sein. Es ist, als wären die Worte ganz allein von meinem Gehirn auf meine Lippen gewandert und hätten jeglichen Filtermechanismus umgangen, der dieser Idee einen Riegel vorgeschoben hätte.

Die Miene des Mannes wird weicher, allerdings nur ein wenig.

Ich kann nicht fassen, was ich da angeboten habe. Das wird fürchterlich unangenehm werden, da bin ich mir sicher.

Und peinlich.

Sicherlich auch unbequem.

Okay.

Tief Luft holen.

»Es gibt bestimmt eine Ausziehcouch oder so was«, füge ich hinzu.

Er mustert mich von Kopf bis Fuß und fährt sich mit der Hand durch die schokoladenbraunen Haare, die daraufhin ziemlich zerzaust aussehen.

»Es liegt bei Ihnen«, sage ich beiläufig und richte den Riemen der Tasche auf meiner Schulter.

Sein Blick ruht immer noch auf mir und mir ist seine Musterung ziemlich unangenehm.

»In Ordnung«, sagt er einige Sekunden später.

»Solange Sie mich nicht im Schlaf ermorden, werden wir schon zurechtkommen«, sage ich lachend.

Er lacht nicht.

Ich nehme an, er ist immer noch sauer, weil das Hotel seine Reservierung verschlampt hat, aber damit wird er sich abfinden müssen, denn es ist, wie es ist, und ich werde ganz sicher nicht meinen Anspruch auf das Zimmer aufgeben.

»Ms Rosewood?« Die Frau mit den lilafarbenen Haaren ruft mich so fröhlich, als wären wir wieder Freundinnen. Sie hat sich einen Telefonhörer zwischen Ohr und linke Schulter geklemmt. »Ihre Suite ist jetzt fertig. Hätten Sie gern einen Schlüssel oder zwei?«

Ich rolle meine Tasche zur Rezeption, schlucke meine Unsicherheit hinunter und bitte um zwei Schlüssel.

Wir ziehen das tatsächlich durch.

Ich versuche, nicht über diese absurde Situation zu lachen.

Ich kenne ja nicht mal den Namen dieses Mannes!

»In Ordnung«, sagt sie und reicht mir zwei silbern glänzende Schlüsselanhänger mit einem Diamantenemblem auf beiden Seiten. »Die Diamond Suite befindet sich im sechsten Stock. Es ist das letzte Zimmer auf der linken Seite, Nummer 732. Falls Sie irgendwas brauchen, wählen Sie bitte die Null. Wir veranstalten eine Silvesterfeier im Hixson-Saal, Beginn ist um acht. Es gibt gratis Champagner und Horsd’oeuvres.«

»Danke.« Ich reiche einen der Schlüssel meinem … Gast … und ziehe meinen Koffer zum Fahrstuhl. Hinter mir höre ich seine schweren Schritte.

Ich betrete den Fahrstuhl und räuspere mich. Er ist größer als ich und sein Duft erfüllt den kleinen Raum.

»Wie heißt du eigentlich?«, breche ich das Schweigen und drücke den Knopf für den sechsten Stock. Wenn wir uns schon ein Zimmer teilen, können wir uns genauso gut auch duzen, beschließe ich.

Er blickt auf mich herab, während sich die Türen schließen. »Cristiano.«

»Hast du auch einen Nachnamen, Cristiano?« Ich verrate ihm nicht, dass ich das aus … Sicherheitsgründen frage. Man weiß schließlich nie.

»Amato.«

Aus den Lautsprechern über uns dringt Fahrstuhlmusik. Ich glaube, es ist eine textlose Flötenversion eines Songs von Billy Joel, aber ich bin mir nicht sicher.

»Hallo, Cristiano Amato«, sage ich und strecke die Hand aus. »Ich bin Daphne Rosewood.«

Er ergreift meine Hand nur zögernd und zieht einen Mundwinkel nach oben.

»Was soll das denn jetzt?«, will er wissen. »Ich weiß, wer du bist. Wir haben uns schon getroffen. Mehrere Male, um genau zu sein.«

Anhand des verwirrten Ausdrucks in seinem attraktiven Gesicht kann ich ziemlich genau seine Gedanken erraten. Er hält mich für verrückt. Vielleicht bin ich das sogar. Ich meine, das muss man auch sein, um einen völlig Fremden mit sich im Hotelzimmer wohnen zu lassen.

»Da wir Zimmergenossen sein werden«, erkläre ich, »sollten wir noch mal ganz von vorne anfangen. Lass uns einfach alles vergessen, was bis jetzt passiert ist. Falls das überhaupt möglich ist.«

Er lacht einmal kurz auf, als ob ich ihn amüsiere, und drückt dann fest meine Hand.

»In Ordnung«, sagt er und grinst mich an. Es tut gut, ihn wieder lächeln zu sehen und das ist mir deutlich lieber als seine Version vom unglaublichen Hulk, die er mir noch kurz zuvor gezeigt hat. »Schön, dich kennenzulernen, Daphne Rosewood.«

Wir fahren in den sechsten Stock und es ertönt ein kleines musikalisches Pling, bevor sich die Türen öffnen.

»Wir sind da«, sage ich, als mein Blick auf die stimmungsvollen Kristallleuchter fällt, die an den tapezierten Wänden im Flur hängen. Es ist ein recht romantisches Hotel, hochklassiger als die meisten anderen. Laut der Broschüre, die ich vorhin gelesen habe, als ich in der Schlange stand, stammt der Besitzer aus der Gegend. Ich habe keine Ahnung, was diese Suite pro Nacht kostet, aber ich bin sehr dankbar dafür, dass ich es nicht aus eigener Tasche bezahlen muss.

Cristiano schweigt, während wir den Flur entlang zu unserem Zimmer gehen. Ich schließe die Tür auf und öffne sie. Sie schiebt sich über den weichen Teppich, während wir mit einem Hauch kalter, klimatisierter Luft begrüßt werden. Ich schalte einige Lampen an und ziehe die Vorhänge vor der Balkontür zurück, um das Sonnenlicht hereinzulassen.

In der Mitte der riesigen Suite entdecke ich ein großes Doppelbett und in einer der Ecken stehen Sitzmöbel neben einer kleinen Küchenzeile und einer Minibar. Die Badezimmertür ist leicht geöffnet und ich kann einen Blick auf eine Dusche aus Marmor und den Whirlpool erhaschen, den ich auf jeden Fall heute Abend noch ausprobieren werde.

Ich hätte zwar sehr gern all dies für mich allein gehabt, aber ich wollte keine blöde egoistische Kuh sein. Ich hoffe nur, dass die ganze Sache nicht nach hinten losgeht, denn so, wie Cristiano gerade seine Tasche auf den Boden knallt und sich in einen der Sessel fallen lässt, hat er ziemlich schlechte Laune.

»Geht’s dir gut?«, frage ich und fürchte mich beinahe vor seiner Antwort.

Wer hätte gedacht, dass ich mal die nervig-charmante Version von ihm vermissen würde, die ich vor einigen Stunden kennengelernt habe.

Er sieht auf, die Hände zu Fäusten geballt.

»Ich muss nach Hause«, antwortet er mit gepresster Stimme.

»Ich auch.«

»Ich bin dieses Wochenende bei einer Hochzeit in New Jersey eingeladen«, fährt er fort. »Mein bester Kumpel heiratet. Ich bin Trauzeuge und müsste eigentlich die ganze Woche dabei sein.«

»Nun ja, meine Schwester erwartet jeden Moment ihr Baby«, sage ich. »Ich würde sehr gern einfach meine Absätze zusammenschlagen und nach Hause fliegen, aber das wird nicht passieren. Wir sitzen hier fest. Gepäck herumzuwerfen und einen auf Hulk zu machen bringt uns nicht weiter.«

Er fängt meinen Blick auf. Seine Miene wirkt jetzt nicht mehr so hart, eher resigniert.

»Tut mir leid. Es ist nur … Ich sollte dort sein … Ich …«

»Glaub mir, ich verstehe das. Es ist echt ätzend.« Ich setze mich auf den Bettrand und streiche mit der Hand über die marineblau und weiß gemusterte Überdecke. »Es ist Silvester. Du wolltest vermutlich zu Hause bei deinen Freunden sein, ausgehen, dich amüsieren. Und jetzt sitzt du hier in diesem komischen kleinen Hotel in einer Stadt an der Küste mit einer x-beliebigen Frau fest, die dir vorhin im Flughafen die Hölle heißgemacht hat, weil du zu charmant warst. Du hast allen Grund, verärgert zu sein.«

Ich verschränke die Arme über der Brust, wie ich es bei meinen Kunststudenten tue, wenn ich das Gefühl habe, sie nehmen meine Unterrichtsstunde nicht ernst genug.

»Ich habe den Großteil des heutigen Tages damit verbracht, panisch, genervt, gestresst und übellaunig zu sein«, fahre ich fort. »Und es hat mir nichts gebracht. Es ist, wie es ist, und wir können nichts weiter tun, als zu versuchen, morgen so bald wie möglich von hier zu verschwinden.«

Er lehnt sich zurück und blickt zum Balkonfenster hinaus. »Hoffentlich setzen sie uns morgen früh gleich in den ersten Flieger.«

Ich schnaube. »Äh, hast du dir mal den Wetterbericht von der Ostküste angesehen?«

Er zieht sein Handy aus der Tasche und scrollt mit dem Daumen über das Display.

»Oh Shit.« Resigniert lässt er den Kopf sinken.

»Ich checke morgen gleich nach dem Frühstück aus«, informiere ich ihn. »Ich miete mir ein Auto und fahre nach Hause.«

»Das ist eine dumme Idee.« Er runzelt die Stirn. »Du willst beinahe dreitausend Meilen fahren, statt darauf zu warten, dass sich das Wetter bessert?«

»Du klingst schon wie meine Schwester.« Ich verdrehe die Augen. »Ich habe es durchgerechnet. Drei Tage mit je dreizehn Stunden Fahrt. Am Samstag werde ich zu Hause sein.«

Er schüttelt den Kopf. »Du musst auch Pausen fürs Tanken, Essen und Pinkeln mit einrechnen. Du hast vielleicht dreizehn Stunden reine Fahrzeit, aber du bist mindestens fünfzehn Stunden pro Tag ...

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