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Braunington und Millstone

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 - Am Tatort

Kapitel 2 - In der Küche

Kapitel 3 - Der wunde Nerv

Kapitel 4 - Die Lady in schwarz

Kapitel 5 - Mrs. Millstone ermittelt

Kapitel 6 - Das Haus in Oxford

Kapitel 7 - Das Notizbuch

Kapitel 8 - Die Wende

Kapitel 9 - Weitere Ermittlungen

Kapitel 10 - Das Labor

Kapitel 11 - Zurück in Dawson Hall

Kapitel 12 - Plädoyer

Kapitel 13 - Vorhang

Kapitel 1 - Am Tatort

Dawson Hall, der Landsitz der Familie Dawson in Oddington, unweit von Oxford. Das Landgut erstreckt sich gedehnt über die fruchtbare, immer grün zu scheinende Ebene. Ein Bach fließt beruhigt von Nord nach Süd durch die wohl gepflegte Gartenanlage und versorgt das südöstlich liegende Moor, welches sich hinter einem kleinen verträumten See entfaltet und für artenreiche Pflanzen- sowie Tierwelt sorgt. Ein Platz voller Ruhe und Besinnung im Rauschen des alten Baumbestandes, der sich in weit gestreckten Gärten schattenspendend behauptet. Das Moor lädt ein zu verweilen, gedankenlos zu schlendern, wohl achtend auf den Weg, der durch die gefährlichen Teile des todbringenden Morasts führt.

Erbaut wurde das imposante Herrenhaus 1835, das sich drei beachtliche Etagen emporstreckt. Der westlich liegende Haupteingang, erreichbar über eine ausladend geschwungene Treppe aus Marmorgestein, liegt wesentlich höher, als der östliche Teil des Hauses aufgrund einer Verwerfung des Erdreiches. Folglich muss man nach dem Betreten durch den Hauptzugang, ein Geschoss tiefer, um das Anwesen in Richtung des dahinterliegenden Gartens wieder verlassen zu können.

In der unteren Etage befinden sich die Räumlichkeiten der Bediensteten, ein Nähzimmer, Arbeitszimmer, ein geräumiger Vorratsraum sowie die Küche. Gut durchdacht, verfügt die Küche über einen eigenen Abgang in den Keller, wo edle Tropfen in der Dunkelheit schlummernd darauf warten, den vollen Geschmack zu entfalten und als Gaumenfreude das Herz des guten Geschmacks zu erfreuen. Weitere Vorratsräumlichkeiten wurden geschickt platziert, um der häuslichen Versorgung dienlich zu sein.

Das Erdgeschoss setzt sich aus einer eindrucksvollen, reichlich mit Marmor bestückten Eingangshalle, einer umfangreichen Bibliothek, dem Schreibzimmer, Salon, Wohnbereich, Musikzimmer und Empfangsraum zusammen. In der oberen Etage verbergen sich die Privaträume der Herrschaften, überdies einige Gästezimmer.

Der Name Dawson steht in direkter Verbindung mit beachtlichem Reichtum, hohem politischem Einfluss, geregeltem Tagesablauf, sowie elegantem Erscheinungsbild. Die Vorfahren von Sir Anthony Dawson hatten ein enormes Vermögen durch den Abbau von Gold und Silber angehäuft und sich dadurch einen Platz in der Welt des Adels gesichert.

Das sonst so harmonisch wirkende Anwesen sollte am Morgen des 20. April 1920 durch einen Vorfall aus der Bahn gerückt werden, Scotland Yard ermittelte bereits Vorort in vollem Tatendrang.

»Wer hat die Leiche gefunden?«

»Das war dann wohl das Dienstmädchen, Sir!«

Detective Inspector Braunington runzelte die Stirn, drehte sich langsam, den Kopf nickend, mit einseitig hochgezogenem Mundwinkel zu Detective Constable Ashford und meinte mit gedämpfter Stimme, einem Räusperer folgend: »Ich nehme an, sie verweilt weinend in einem der vielen Zimmer und hat mittlerweile sämtliche Taschentücher der spärlich angesiedelten Nachbarschaft beschlagnahmt, kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehend. Das ist ja sehr erfreulich, vermutlich bringt sie kein Wort aus sich heraus neben dem Schluchzen und dem einladenden Geräusch der triefenden Nase, tränenüberströmt. Es wäre doch hin und wieder eine erquickende Abwechslung, wenn der Gärtner oder der Stallbursche die Leiche findet. Es scheint wohl ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, dass in solchen Fällen die zerbrechliche Weiblichkeit den Vorzug hält. Wenigstens ist heute Dienstag und nicht Sonntag, sonst wäre dieser Umstand auch noch eine bitterliche Draufgabe.«

»In der Tat Sir, übrigens, sie wartet im Musikzimmer, hier entlang, allerdings muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass …«

»Schon gut!«, warf Inspector Braunington dem Constable an den Kopf und schritt schnaufend in das erwähnte Musikzimmer, um sich der verheulten Stimme des Dienstmädchens zu stellen. Eben noch trat er voll entschlossen zur Befragung in den Raum, als er feststellen musste, dass es sich das Dienstmädchen zu seiner Überraschung auf dem üppigen, rotbraunen Chesterfield Sofa gemütlich gemacht hatte, im Daily Mirror blätterte und keineswegs zerbrechlich wirkte, wie voreilig, wenn doch durch langjährige Erfahrung geprägt, vom Inspector angenommen, sondern ruhig und ungewöhnlich gefasst. Ihr langes, brünettes Haar war zu einem gekonnt, aufwendig geflochtenen, hochgesteckten Zopf gebunden. Der blasse Teint sprach für den Vorfall, hingegen nicht ihr Gehabe, dahingehend schloss der Inspector daraus, dass sie die meiste Zeit im Haus verbrachte, obschon die Jahreszeit nicht viel Sonne versprach. Das, wie an ihren Körper gegossene, hochwertig, sanft gemusterte Kleid, für ein Dienstmädchen undenkbar, spiegelte körperbetont, dass es sich hier um eine sehr auf Ordnung und Aussehen achtende Person handelt. Beim zweiten Blick stellte er fest, dass aus der schmucken Frisur keine einzige Haarsträhne ragte, jedes Haar war präzise an seinem Platz.

Dieses Verhalten, sowie das Erscheinungsbild ließ den Inspector für einen kurzen Moment verharren. Er kaschierte seine Verblüffung gekonnt mit rasch inszeniertem Desinteresse an der vor ihm sitzenden Person und schweifte begutachtend im Musikzimmer umher, legte seine Melone auf eine Kommode, überlegte noch kurz, bis er abschließend einen prüfenden Blick aus dem Fenster warf, sich mit beiden Händen entspannt am schmucken Gehstock stützte und sich bedacht an die gefasste Bedienstete wandte: »Mein Name ist Detective Inspector …«

»… Braunington! – Ich habe es durch die geschlossene Zimmertür vernommen, als sie lautstark das Gebäude betraten.«, konterte die beherrschte, jung wirkende Frau, ohne jegliche Scheue und warf ihren Blick sofort auf die rubinroten Schuhe, welche in optischer Konkurrenz zum schwarzen Nadelstreifanzug standen, andererseits perfekt zum dunkelrot, metallisch schimmernden Gehstock passten. Die Schuhe vermochten zwar ganze Geschichtsbücher mit Erzählungen von Tatorten füllen, so wirkten sie mitunter doch etwas unpassend und auffällig aber elegant. Während sie die Zeitung parallel zur Tischkante auf die hochwertig, glänzende Mahagoni Tischplatte auslegte und ihren Blick langsam vom prägenden Schuhwerk wieder in das sonst angespannte, nun hingegen ein wenig verblüffte Gesicht des Inspectors richtete, wirkte sein Erscheinungsbild ungewöhnlich auf sie, eine Idee zu elegant für einen Inspector des Yard. Eine goldene Kette hing locker in der Bauchgegend und schmückte die zum Sakko farblich abgestimmte Weste, passend zur Kragennadel des strahlend weißen Hemds.

»Sie wirken überaus gefasst, ich möchte sagen unberührt von dem Vorfall.«, stutzte der Inspector, ging auf das Verhalten in diesem Moment jedoch nicht weiter ein, da auch ein möglicher Schock diesen Zustand hervorgerufen haben könnte, und fuhr fort: »Fangen wir dennoch von vorne an, Ihr Name lautet?«

»Miss Dolores Bryne.«

»Wie ich hörte, haben Sie die Leiche gefunden?«

»Allerdings.«

»Seit wann befinden Sie sich im Dienste der Dawsons?«

»Das wären, lassen Sie mich kurz überlegen, beinahe sieben Jahre, mit Ende Juni sind es genau sieben Jahre.«

»Sie sind hier in welcher Position beschäftigt?«

»Als Haushälterin, obwohl ich ursprünglich als Gouvernante eingestellt wurde, müssen Sie wissen.«

»Tatsächlich? Wie ist das zu verstehen?« Erkundigte sich der Inspector mit hinterfragendem Ton, einen strengen Blick in Richtung Tür werfend, wo Constable Ashford seinen Posten bezog, dabei leise von sich gab: »Dienstmädchen, pah!«

Der Inspector fuhr fort: »Es hat nicht den Anschein, als würden an diesem Ort Kinder verweilen, sollte ich mich hierbei etwa irren?«

»Nein, da liegen Sie schon richtig, ich begleitete den Jungen Edward Dawson in seinen letzten Ausbildungsjahren und vermittelte ihm mein Wissen. Das ist aber bereits etliche Zeit her.«

Daraufhin verstummte Miss Bryne, ihr angespannter Blick durchbohrte den Inspector für wenige Sekunden. Die eben noch vor Stärke und Haltung protzende Haushälterin versank für einen kurzen Moment in Gedanken und wirkte abwesend, bis sie sich ruckartig wieder dem Inspector zuwandte und die Situation zu meistern versuchte: »Sie haben doch sicher noch weitere Fragen Inspector?«.

»Sie werden mir verzeihen Miss Bryne, mir scheint als möchten Sie mir etwas mitteilen?«

Miss Bryne erhob sich in diesem Moment, stolzierte langsamen Schrittes zum Fenster, blickte in die Ferne und erklärte mit gedämpfter Stimme: »Sie haben natürlich recht, es wäre hinsichtlich des Vorfalles töricht von mir, es Ihnen zu verheimlichen, verstehen Sie mich nicht falsch, er verstarb, Edward Dawson starb vor drei Jahren bei einem Unfall, es hat uns alle sehr tief getroffen, müssen Sie wissen. Wir sprechen selten darüber. Er war so ein lebensfroher Sonnenschein, er … aber das ist anhand der aktuellen Vorkommnisse nun von geringer Wichtigkeit, nicht wahr?«

Der Inspector hakte sofort nach: »Wichtig oder unwichtig wird sich herausstellen. Was mich jedoch verwirrt, Sie blieben nach dem Vorfall dennoch im Dienste der Dawsons?«

»Ich muss gestehen, dass dies als recht unüblich erscheinen mag, hingegen konnte ich auf diesem Weg der Herrschaft, besonders Lady Dawson Halt geben, in einer sehr schwierigen Zeit.«, erwiderte die nun wieder voller Fassung strotzende Miss Bryne und argumentierte weiter: »Der Posten einer Haushälterin stand zur Diskussion, so nahm ich an und blieb.«

»Wie auch immer, wenden wir uns nun den jüngsten Ereignissen zu Miss Bryne. Erzählen Sie mir vom Fund des Verstorbenen, was ist vorgefallen?«

»Ich richtete wie jeden Tag um Viertel vor sechs Uhr das von der Köchin zubereitete Frühstück für die Herrschaft im Salon. Der gnädige Herr wünschte sein Frühstück exakt fünf Minuten vor sieben Uhr vorzufinden, diesbezüglich gestattete er keine Unpässlichkeit. Als er unüblicher Weise fünfzehn Minuten nach sieben Uhr immer noch abwesend war, ging ich empor zu den Schlafräumen der Herrschaft, klopfte und erkundigte mich durch die Tür, ob alles in Ordnung sei – allerdings kam keine Antwort. Nachdem ich es einige Male probiert hatte, öffnete ich vorsichtig die Tür, fand zu meinem Erstaunen aber niemanden vor. Ich wunderte mich noch, da das Bett unberührt schien. Ich erinnerte mich, dass Sir Dawson zuletzt in der Bibliothek, im dahinterliegenden Schreibzimmer verweilte, als ich mich am Tag zuvor zurückzog. Dahingehend versuchte ich, ihn dort ausfindig zu machen. Ich betrat die Bibliothek, öffnete die Tür zum Schreibzimmer und fand den Herrn mit dem Kopf samt Oberkörper und leicht angewinkelten Armen auf dem Schreibtisch liegend, regungslos vor.«

Inspector Braunington schritt im Zimmer auf und ab, dabei leise murmelnd, sein Blick immerzu auf die gefasste Miss Bryne gerichtet, welche die Geschichte des Leichenfunds mit derartig geringer Emotion darlegte, als würde sie das Auffinden von leblosen Körpern im finstersten Moor ihr Hobby nennen. Weder eine unruhige Stimme, noch zittrige Hände waren wahrzunehmen. Sie saß da, berichtete monoton vom Fund der Leiche, gleichzusetzen mit einem Vortrag über das Veredeln von Obstbäumen.

»Konnten Sie darüber hinaus Weiteres beobachten, ist Ihnen im Schreibzimmer etwas ins Auge gestochen?«

»Nein, nichts! Alles war an seinem Platz, keine bemerkenswerten Ungewöhnlichkeiten, die mir zumindest in der kurzen Zeit auffielen.«

»Was passierte anschließend? Sie haben die Leiche entdeckt und dann? War Ihnen denn sofort klar, dass Sir Dawson verstorben war?«

»Die Position des Körpers verriet mir, dass es sich hier nicht um einen erschöpften, im Schlaf befindlichen Menschen handelt, Inspector. Ich entfernte mich daraufhin aus dem Schreibzimmer und meldete den Vorfall unverzüglich. Ein Constable der örtlichen Polizei fährt täglich gegen neun Uhr vormittags auf einem Fahrrad am Tor vorbei, diesen passte ich ab und … den Rest kennen Sie.«

»Nicht gänzlich, Sie gingen zurück ins Haus?«

»In der Tat, ich informierte die anwesenden Bediensteten über den Vorfall und begann mit meiner Tätigkeit.«

»Gewiss, die Arbeit darf natürlich in keiner Weise vernachlässigt werden, egal was auch passieren mag. Kommen wir nun zu Lady Dawson, ich meine vernommen zu haben, sie sei gegenwärtig nicht im Hause?«

»Da liegen Sie richtig, sie kehrt erst in zwei Tagen zurück, sie verweilt in London.«

»Wann ist sie abgereist?«

»Das war gestern, gegen neun Uhr vormittags.«

»Also am Montag gegen neun Uhr reiste sie ab, hm, Sie haben die Nacht in Dawson Hall auf ihrem Zimmer verbracht?«

»Ja, ich zog mich gegen elf Uhr abends zurück, verließ meine Räumlichkeit heute um fünf Uhr morgens, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen.«

»Kamen Sie dabei an der Bibliothek vorbei? Konnten Sie erkennen, ob die Tür zum Schreibzimmer geschlossen oder offen war?«

»Die Tür war zu, das konnte ich sehen, Sir Dawson hatte sie vermutlich geschlossen.«

»Noch eine Frage: Wenn nun der Constable nicht am Tor vorbeigefahren wäre, was hätten Sie als Nächstes getan?«

»In der Nähe ist eine Telefonzelle, diese hätte ich genutzt, um die Polizei zu verständigen.«

»Es befindet sich doch mit Sicherheit ein Telefonapparat im Haus, wieso nutzten Sie diesen nicht?«

»Der Weg vom Tor zur Telefonzelle ist kürzer, als zurück ins Haus, dahingehend wählte ich diese Vorgehensweise.«

Zögernd beschloss der Inspector, das Gespräch vorerst zu beenden: »Für das Erste reicht mir das, ich werde nochmals auf Sie zukommen. Constable Ashford wird Ihre Personaldaten aufnehmen, verweilen Sie somit noch einen Moment hier, er wird sich sofort zu Ihnen begeben.«

»Constable, nehmen Sie die Personaldaten von der Haushälterin Miss Dolores Bryne auf!«, warf Inspector Braunington dem Constable an den Kopf, welcher überstürzt, mit gesenktem Kopf zur Tat schritt, nach dem Patzer des angenommenen Dienstgrades von Miss Bryne.

»Inspector! Würden Sie mir bitte folgen! Sie können den Tatort nun wieder besichtigen.«, ertönte eine etwas schrille Männerstimme am Flur.

»Ah! Sie sind mit Ihrer Tätigkeit also fertig? – Das trifft sich hervorragend, ich wollte mir schon eine Tasse Tee gönnen, wie gut, dass dies nun nicht notwendig war.«, erwiderte der Inspector launisch.

»Was können Sie mir vorab mitteilen … wie lautet noch mal ihr Name?«

»Cown, Sir, Harold Cown.«

»Ach ja, … nun gut Cown, legen Sie los, was können Sie mir bereits berichten?«

Harold Cown, ein Ermittler welcher den Tatort penibel nach Spuren untersucht – ein kleiner, schlanker, etwas kümmerlicher Mann um die 50, der sich mit voller Hingabe seinem Beruf widmet. Kleinigkeiten, welche unerkannt bleiben möchten, förderte er bereits des Öfteren, mit viel Geschick ans Tageslicht und brachte so Details von enormer Wichtigkeit hervor. Erst seit Kurzem wurde er dem Ermittlungsbereich von Inspector Braunington zugeordnet, da sein bisheriger Spurensucher nach schwerer Krankheit verschied.

»Der Tote ist Sir Anthony Dawson, unverkennbar identifiziert anhand der Narbe an der linken Wange, obschon dies bei dem Bekanntheitsgrad des Verstorbenen wohl eher nebensächlich ist, es sollte allerdings erwähnt sein. Er verstarb hier in diesem Raum. Keine Frage, er wurde nach seinem Tod nicht bewegt, das steht fest. Die am Boden liegenden Unterlagen dürfte der Tote selbst vom Tisch gefegt haben, in der Folge eines anhaltenden Krampfes vermute ich. Alles deutet darauf hin, dass kein Kampf stattgefunden hat, dazu gibt es keine Spuren, weder am Teppich, noch sonst wo in diesem Raum.

Inspector Braunington lauschte den Worten geduldig, wobei ihn eine Sache brennend interessierte und er die Frage danach unverzüglich ertönen ließ: »Was mag die Todesursache sein!? Wo ist eigentlich der Doktor?«

»Hier ist wohl eher die Medizin gefragt Sir, Dr. Cohl ist bereits auf dem Weg, so jedenfalls die Worte von Constable Ashford. Da es keine erkennbaren Verletzungen zu sehen gibt, weder am Kopf durch einen Schlag noch am Körper durch ein Geschoss oder eine Stichwaffe, würde ich gerade aus in den Raum werfen: Vergiftet, womöglich durch ein cyanidhaltiges Gift.«

»Sie tippen also auch auf Blausäure?«

»Richtig Sir, zu erkennen an der hellroten Färbung der Haut, sehen Sie?«

»Ich habe mir dasselbe gedacht als ich die Leiche vorhin betrachtete, die bläulich gefärbten Lippen sprechen Bände, allerdings ist hierzu das Wort des Mediziners durchaus gewichtiger als unser Verdacht, denn ich habe schon einige Blausäurevergiftungen gesehen, aber diese hier ist schon etwas Besonderes.«

»Da gebe ich Ihnen vollkommen recht Inspector – ich fahre fort: Interessant ist, es gibt keinerlei Hinweise, wie die Vergiftung einhergegangen sein könnte. Kein Getränk, kein Tee, obwohl dies alleine schon sehr unüblich ist, aber auch keinerlei Geschirr einer verzehrten Mahlzeit noch Tabak sind in diesem beinahe sterilen Raum vorzufinden.«

Der Inspector fügte eine Bemerkung hinzu: »Haben Sie die Haushälterin gesehen? Wenn ja, dann würde Ihnen daran nichts ungewöhnlich erscheinen, denn sie ist sehr ordentlich und wird möglicherweise vor dem Vorfall das Zimmer gründlich gesäubert haben. Angesichts der Tatsache, dass ich bis jetzt nur makellose Ecken in diesem Haus vorgefunden habe, liegt nahe, dass darauf peinlichst Wert gelegt wird. Es könnte aber auch sein, dass Miss Bryne im Vorfeld dafür gesorgt hat, dass es keine Spuren zu finden gibt.«

»Dies ist natürlich eine Möglichkeit Inspector. Weiteres erstaunt mich der Fakt, hier greife ich wieder in das Thema Gerichtsmedizin vor: Es muss eine enorme Dosis gewesen sein, welche zum Tod führte, die Merkmale am Leichnam sind dahingehend zeichnend, wenn ich das so sagen darf. So stellt sich folgend die Frage, Selbstmord durch eine Blausäurepille?«

»Sie haben recht Cown, da ist schon was dran, aber warten wir doch die Beurteilung durch Dr. Cohl ab, ich werde mich später noch einmal mit der Haushälterin diesbezüglich unterhalten. Vorhin war ich ziemlich irritiert von ihrer Gelassenheit. Übrigens, Sie waren heute vor mir am Tatort, die beiden Fenster standen bereits offen?«

»Ja, standen offen, zumindest als wir am Tatort eintrafen, ich möchte jedoch anmerken, dass dies höchst eigenartig ist. Auf der Fensterbank sind keinerlei Spuren zu finden.«

»Spuren? Von einem möglichen Täter meinen Sie?«

»Ich spreche davon Sir, dass es in der Nacht stark geregnet hat. Hier sollten mindestens einige Spuren des Regens sichtbar sein, wobei es für einen älteren Herrn wie Sir Dawson ungewöhnlich wirkt, in der Nacht beide Fenster zu öffnen.«

»Das ist interessant, etwas wackelig, aber interessant. Soweit mir bekannt, erfreute er sich nicht gerade bester Gesundheit und Tabak zu rauchen verweigerte er auch. Was haben wir noch? Mal sehen, die Kerze am Schreibtisch, beinahe komplett heruntergebrannt – nun ja, als Folge des Todes, er wird wohl keine Zeit mehr gehabt haben diese auszumachen, aber wer hat sie dann ausgemacht?«

»Sie denken, die Kerze hat gebrannt Inspector?«

»So wie die Kerze heruntergebrannt ist, wäre diese mit Sicherheit schon ausgetauscht worden. Sehen Sie sich die anderen Kerzen an, keine davon gleicht dieser und es stehen hier eine Menge. Ich bin davon überzeugt, wenn ich den Docht von einer in diesem Raum befindlichen Kerze gänzlich abschneide, wird diese spätestens morgen ersetzt sein. Darüber hinaus gäbe es eine disziplinar angeordnete Dochtkontrolle aller Kerzen auf Dawson Hall. Wir rekonstruieren den Vorgang des Leichenfundes: Die Haushälterin betritt das Zimmer, findet den Toten am Schreibtisch, das blaurot gefärbte, tote Gesicht blickt mit weit aufgerissenen Augen in Richtung Kommode. Was passierte dann? Sie … Sie hat … »

Der Inspector hielt ein, schritt im Zimmer auf und ab, wendete seinen Blick zum Fenster, kratzte sich am Kopf und murmelte fragend:

»Hat die Haushälterin etwa die Fenster geöffnet? Wieso hat sie es nicht erwähnt? Wenn sie es getan hat und der Tod trat tatsächlich wegen einer hohen Blausäurevergiftung ein, dann hätte sie doch den prägenden Geruch wahrnehmen und anhand dessen sprungartig die Fenster öffnen müssen oder gar den Raum meiden.«

»Angeblich nimmt nicht jeder Mensch den charakteristischen Geruch von bitteren Mandeln wahr Inspector, welcher durch Blausäure verbreitet wird.«

»Davon habe ich in einer Studie gelesen, nur warum wurden dann die Fenster geöffnet? Allerdings wäre sie dabei auch in Gefahr gewesen – zumindest müsste ihr nun erheblich übel sein. Aber womöglich wurde das Gift eingenommen, aber wie? Mit einer Pille? Wobei sich hier die Frage der Dosis erneut stellt. Hat sie die Kerze ausgeblasen? … und wo verdammt ist Dr. Cohl?«

»Constable Ashford meinte vorhin, dass …«

»Das hatten Sie bereits erwähnt. Wie auch immer, dies bedarf noch genaueren Analysen, sind sie hier fertig Cown?«

»Ja, ich werde dann wohl zusammenpacken und mit dem Bericht beginnen, ich möchte Sie nun nicht weiter von den Befragungen aufhalten.«

»Tun Sie das, und Cown, achten Sie in diesem Fall besonders auf jegliche Details! Bedenken Sie, wer das Opfer ist!«

Von der für Cown unangebrachten Aussage ›auf Details zu achten‹, erwiderte er etwas entrüstet: »Das ist wohl selbstredend Sir, nicht wahr? Übrigens, es war Mord, mehr dazu erfahren Sie Morgen in dem Bericht.«

Eilig verließ Harold Cown den Tatort, warf zuvor Inspector Braunington noch einen angeschwärzten Blick zu, welcher sich erneut den Tatort genauer ansah, besonders die Fenster und den Schreibtisch. Eigenartig erschien der Standort des Schreibtisches, so stand dieser mit dem Rücken zum Fenster, andererseits hatte man auf diese Weise immer die Tür im Blickfeld, welche von der Bibliothek in das Schreibzimmer führte. Als der Inspector genau den Fußboden unter die Lupe nahm, erkannte er, dass der Schreibtisch für lange Zeit andersrum im Raum stand, näher am Fenster. Abnutzungen am Boden zeigten, dass der Stuhl mit dem Rücken zur Tür stand.

»Constable! Kommen Sie in das Schreibzimmer!«, brüllte Inspector Braunington durch das Parterre.

»Constable, Sie haben die Daten von Miss Bryne aufgenommen?«

»Ja Sir, Stanley Road 7, Oxford – sie besitzt ein Haus, sie hat es allerdings vermietet an eine gewisse Elster Canning, eine entfernte Bekannte, erwähnte sie.«

»Oxford? Natürlich, eine Haushälterin besitzt ein Haus in Oxford … warum denn auch nicht. Wie kann sie sich das nur leisten? Womöglich geerbt, ist noch zu klären, somit wohnt die Haushälterin mit einer weiteren Person in ihrem Haus.«

»Nein Sir, sie wohnt hier, in Dawson Hall, wobei, alle Bediensteten wohnen hier. Nicht nur während der Arbeitstage, sondern auch an den freien Tagen – so jedenfalls die Worte von Miss Bryne.«

»Die Herrschaft hat die Bienen wohl gerne im Stock. Hat sich Miss Bryne noch zu etwas geäußert, oder absonderlich verhalten?«

»Seltsam ist sie, ja, aber sonst ist kein Wort erwähnt worden, zumindest fiel kein weiteres über den Vorfall hier.«

»Sagten Sie entfernte Bekannte? Ich kenne entfernte Verwandte, aber entfernte Bekannte? Eine bizarre Formulierung möchte ich behaupten, hat vielleicht nichts zu bedeuten. Waren das auch ihre exakten Worte? Eine entfernte Bekannte?«

»Ja Sir, sie sagte entfernte Bekannte, ganz sicher Sir.«

»Ist gut Constable, die Situation ist für die Beteiligten außergewöhnlich, dahingehend tritt mitunter das ein oder andere ungewöhnliche Verhalten ans Tageslicht, dies ist vom verräterischen Dasein des oder der Schuldigen zu sortieren, Sie verstehen? Haben wir noch Bedienstete, Zeugen, …?«

»Ja Sir, da wären noch die Dienstmädchen …« Inspector Braunington hob seinen Kopf etwas nach hinten, blickte mit angespanntem Blick auf Ashford, eine Augenbraue hochgezogen und krächzte ermahnend: »Dienstmädchen? Diesmal ganz sicher?« Doch der Constable fuhr unbeirrt fort: » … die Köchin und der Gä…«

»… aaah, die Köchin! Natürlich, ich finde sie aller Voraussicht nach in der Küche, wo sonst!«

»Ja Sir, vor bis zur Treppe, dann runter und …«

»Danke Constable, ich werde einfach dem wohlriechenden Duft folgen.«

Am Weg in die Küche fielen dem Inspector einige Gemälde auf, sie zeigten Porträts wohl gekleideter Damen und Herren, vermutlich Vorfahren der Dawsons in imposanten Bilderrahmen gefasst. Gewisse Gesichtszüge ließen darauf schließen, zumindest bei den Männern, dass es sich um Dawsons handelte. In strenger Kleidung, zugeknöpft bis zum Kinn, mit und ohne wuchtigem Mühlsteinkragen wurden die Ahnen vergangener Tage auf Leinen verewigt, umgeben von kunstvoll geschnitzten Holzrahmen. Strenge, lang gezogene Gesichter starrten auf den Inspector herab, ließen ihn dabei nicht aus den Augen. Etwas nachdenklich schritt er in Richtung Küche voran und stellte sich die Frage, ob bei der damaligen Polizei ebenso diese schrecklichen Halskrausen getragen wurden? Kurz darauf sah er auch schon in seiner Fantasie Harold Cown, welcher mit weitem Kragengeflecht am Boden kriechend nach Spuren suchte und den Staub, so manchen Tatortes, vor sich herschob. Schmunzelnd trippelte er weiter in Richtung Küche.

Kapitel 2 - In der Küche

Kleine Wachsfiguren waren unübersehbar im Haus verteilt, welche allesamt als Kerzen, hinsichtlich ihrer eigentlichen Nutzeigenschaft noch unversehrt, wohl vielmehr als Dekoration dienten. Es mag das ein oder andere Stück dabei gewesen sein, welches man als kunstvoll bezeichnen mag, in Summe betrachtet, mochte man dann doch eher das Gegenteil behaupten. Der imposante Empfangsbereich konnte den Hall eines laut gesprochenen Wortes, auch wenn dieser mit schweren Möbelstücken bestückt war, nicht unterdrücken. Dadurch hatte vermutlich sogar die Köchin im Untergeschoss das Erscheinen des Inspectors vernommen, dessen zeitweilig übermäßig lautes Organ bereits so manch schwaches Gemüt erschaudern ließ.

Inspector Braunington traf in der Küche ein und erspähte eine gedrungene, pummelige Frau fortgeschrittenen Alters, die ihrer Figur trotzend, wie ein Wiesel leichtfüßig über den Holzboden eilte, um ihr täglich Werk zu verrichten. Auffälliges, weißes, gekräuseltes Haar trug sie kurzgehalten und war für eine Köchin recht schick gekleidet. Kopfschüttelnd bewegte sie sich von einem Ende der üppig ausgestatteten Küche an das andere, murmelte leise, unverständlich vor sich her. Sichtlich ärgerte sie sich über etwas oder jemanden, während sie einen beachtlichen Stapel Teller in einen der unzähligen, massiven Küchenschränke schob.

»Guten Tag, Sie sind die Köchin?«

»Mrs. Amber Millstone, wenn ich mich vorstellen darf … Sie sind?«

»Inspector Braunington, ich ermittle …«

»… im Mordfall von Sir Dawson, ist mir bekannt Inspector.«, fiel Mrs. Millstone dem Inspector ins Wort und fuhr fort: »Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee? Sie wirken, als würde Ihnen eine gute Tasse Tee fehlen, wenn ich das so sagen darf und der Tee wäre gerade fertig.«

»Oh ja, das ist sehr entgegenkommend Mrs. Millstone.«

»Möchten Sie ihren Tee mit etwas Milch?«

»Oh nein, weder Zucker, noch Milch, danke.«

Und schon machte sie sich ans Werk und goss dem Inspector das wohltuende, heiße Getränk in eine weiße, schlichte Tasse.

»Mordfall sagten Sie Mrs. Millstone? Noch ermitteln wir in zwei Richtungen. Selbstmord ist aus aktueller Sicht keineswegs ausgeschlossen. Wieso denken Sie, dass es Mord war?«

»Sir Dawson hatte keinen Grund sich das Leben zu nehmen, zumindest hatte ich nicht den Eindruck, dass ihm etwas derartig zu schaffen machte, ganz im Gegenteil. Er strotzte nicht vor Gesundheit, das ein oder andere Organ dürfte ihn hin und wieder gezwickt haben, aber das war mit Sicherheit kein Grund um sich in den Suizid zu treiben. Nein, nein, er war ein recht froh gestimmter Mensch, verfasste gelegentlich amüsante Geschichten und Verse, die er zu gegebenem Anlass vortrug. Erst vorgestern konnte ich einen Gast über einen seiner Vorträge laut lachen hören – zugegeben etwas zu laut. Dahingehend schließe ich für meinen Teil Selbstmord aus, nein, das passt ganz und gar nicht. Ich sage, da liegt der grauenhafte Gestank von Mord in der Luft!«

»So, so, wie Sie meinen. Wer war der amüsierte Gast?«

»Das entzieht sich leider meiner Kenntnis, ich denke, darüber müssen Sie mit Miss Bryne oder Lady Dawson sprechen. Ich kann nur so viel sagen – das Dienstmädchen, welches dem Besucher den Tee servierte, erwähnte mir gegenüber, dass er zuerst den Tee in die Tasse füllte und erst dann die Milch, man stelle sich vor!«

»Verzeihen Sie, ich glaube ich habe da jetzt etwas nicht verstanden, sollte dies von Wichtigkeit sein?«

»Inspector! Bedenken Sie doch das wertvolle Porzellan. Üblicherweise gießt man zuerst die lauwarme Milch ein und erst dann den heißen Tee, um das Porzellan zu schützen. Ich denke, dass der Gast nur selten in diesem gesellschaftlichen Kreis verweilt, Sie können folgen? Darüber hinaus versteht es sich wohl von selbst, dass sich dabei der Tee besser mit der Milch vermischt und das Aroma dadurch gekrönt wird. Daraus schließe ich, dass es sich um keinen passionierten Teetrinker handelt, könnte womöglich ein Ausländer sein, oder jemand mit mäßigem Geschmack. Die Tatsache, dass Sir Dawson nur selten Gäste empfing, unterstreicht die Möglichkeit, dass es sich bei dem Besucher um einen alten Freund von Sir Dawson handelte. Dies würde auch das für mich gekünstelte Lachen erklären, denn so lustig sind die Geschichten nun auch wieder nicht.«

»Sehr scharfsinnig Mrs. Millstone! Sieh an, sieh an, das war mir nicht bewusst, Milch vor Tee, interessant. Vielleicht hilft mir das eines Tages in einem Fall weiter. Wissen Sie darüber hinaus noch von weiteren Besuchern, die letzten, sagen wir, fünf Tage?«

»Nein, mir ist sonst niemand speziell aufgefallen. Wenn der Milchmann auch in den Rahmen der Verdächtigen rutscht, dann ist die Liste der ins Auge zu fassenden wohl etwas länger. So manch Lieferant besucht uns natürlich täglich.«

»Ich denke, wir bleiben vorerst bei den Besuchern. Die Lieferanten sehen wir uns später an, falls nötig.«

Während der Inspector den Tee in vollen Zügen genoss, die Gaumenfreude bei jedem Schluck zum Ausdruck brachte, schlängelte er, mit stets zunehmend besserer Laune durch die Küche und inspizierte mit neugierigem Blick die edlen Kupfertöpfe, Gefäße sowie einige der Gewürzschalen, welche wie der Tee, wohlriechenden Duft sanft im Raum verstreuten.

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