Logo weiterlesen.de
Brandungsflimmern

Prolog

Es geschah im März, am 19. Geburtstag meines Bruders Tobias. Unsere Eltern hatten ihm versprochen, seine Feier zu finanzieren. Allerdings bei uns zu Hause im Partykeller und nicht, wie er gehofft hatte, in einem angesagten Club in der Nordstadt.

Tobi hatte geredet und diskutiert, gebettelt und am Ende sogar heftig mit ihnen gestritten, doch unsere Eltern waren hart geblieben. Entweder bei uns oder er müsste das Ganze halt aus seiner eigenen Tasche zahlen.

Zähneknirschend hatte er sich schließlich damit abgefunden. Eine Feier in unserem leicht antiken Partykeller war immer noch besser als überhaupt keine.

Bis zu diesem Zeitpunkt war mir das ganze Tobias-Party-Drama ziemlich egal gewesen, schließlich war eh klar, dass die Party ohne mich, seine zwei Jahre jüngere, nervige Schwester, stattfinden würde. Doch dann waren meine Eltern auf die glorreiche Idee gekommen, dass ich meinem Bruder doch bei den Vorbereitungen helfen könnte. Ich konnte mir echt Spannenderes vorstellen! Viel lieber wäre ich mit meiner besten Freundin Sabrina durch die Stadt gebummelt. Stattdessen half ich meiner Mutter bei den Salaten und anschließend dekorierten wir unseren Keller mit albernen Partyutensilien. Sagen wir mal so: Das Ergebnis machte mir nicht gerade Lust auf meinen eigenen Geburtstag.

Als ich endlich den letzten Ballon aufgehängt hatte, den Tobis bester Freund Jan zuvor aufgepumpt und verknotet hatte, geschah es. Jan legte mir lächelnd die Hände auf die Schultern und sagte: »Siehst du, Flo, hat doch gar nicht wehgetan.«

Seine warmen Hände, die ich durch den Stoff meines T-Shirts spüren konnte. Der Duft nach seinem leicht herben Aftershave, der ihn umgab. Und diese Grübchen neben seinem warmherzigen Lächeln, mit dem er mich anstrahlte. Noch nie waren mir seine Augen so blau und sein Blick so intensiv vorgekommen. Ich konnte ihn nur anstarren, nichts sagen, nicht zurücklächeln. Nur dastehen und denken: Was ist das? Warum zieht sich mein Magen wie Löschpapier zusammen, wenn es Tinte aufsaugt? Und dieser brennende Stich in meiner Brust, so als hatte ich viel zu schnell viel zu viel Eis gegessen, wo kommt der auf einmal her?

Ich blickte, immer noch sprachlos, in Jans Gesicht. In seine vertrauten Augen in Ozean-Blaugrau, in die ich schon unzählige Male geblickt hatte, und in meinen Ohren begann es zu rauschen.

Dann schmolz ich, ich schmolz einfach in den Boden hinein. Seine Hände lagen warm und sanft auf meinem Shirt. Ich vergaß zu atmen. Ich sank tiefer, immer schneller, es war, als fiele ich in einen Krater, der sich unter den altmodischen braunen Fliesen des Partykellers auftat.

Und als es mir nach einer halben Ewigkeit gelang, der undurchsichtigen Tiefe meiner Gefühle zu entkommen, da hatte sich alles verändert.

Mein Denken. Mein Fühlen. Mein Leben.

Und Jan war vollkommen ahnungslos. Er hatte nichts von all dem mitbekommen, was sich da gerade vor ihm abgespielt hatte, vor seinen Augen, kaum eine Armlänge von ihm entfernt.

Er stand da, lächelte noch immer ahnungslos. Er sah dabei so lebendig und vertraut aus und schien mir gleichzeitig so unerreichbar weit entfernt, dass es wehtat.

1

Als meine Mutter die brillante Idee hatte, in den Sommerferien nicht wie üblich in den Süden zu fliegen, sondern auf der Ostseeinsel Rügen für drei Wochen ein Ferienhaus zu mieten, schrillten bei mir sofort die Alarmglocken.

Mit tausendprozentiger Sicherheit befand sich dort in der Nähe ein Reiterhof, auf dem sie dann einen allerletzten Versuch unternehmen würde, mich für ihre Lieblingstiere zu begeistern. Und mein Vater hatte höchstwahrscheinlich bereits ein Triathlonrad via Internet vor Ort gemietet, auf dem ich ihm dann kreuz und quer über die Insel hinterherstrampeln konnte.

Grundsätzlich waren meine Eltern in Ordnung – man konnte sie vielleicht sogar schon als recht locker bezeichnen. Allerdings hatten die beiden einige nicht immer so leicht zu ertragene Fimmel.

Mein Vater zum Beispiel war der absolute Triathlonfan, ich fand, man konnte in seinem Fall sogar schon von Besessenheit sprechen. Eigentlich war mir das egal. Sollte er sich doch die Seele aus dem Leib schwimmen oder sich Löcher in die Laufschuhe rennen. Doch dummerweise war er fest davon überzeugt, dass in mir eine hochbegabte Nachwuchs-Triathletin steckte, und nur schwer vom Gegenteil zu überzeugen. Was natürlich der größte Unsinn aller Zeiten war, denn ich hasste Sport.

Meine Mutter hingegen hatte sich schon als Kind mit einem heftigen Pferdevirus infiziert, unter dessen Folgen sie noch heute litt. Wobei sie ihre übergroße Pferdeliebe natürlich nicht als Leiden empfand. Vielmehr machte ihr zu schaffen, dass sie diesen Virus ihrer Tochter, also mir, nicht mit der Muttermilch weitergegeben hatte. Wie viele schreckliche Stunden ich in irgendwelchen Pferdeställen hatte hinter mich bringen müssen, als sie noch fest davon überzeugt gewesen war, ich müsste nur meine Angst vor diesen wunderbaren Geschöpfen ablegen! Denn dann, ganz bestimmt, würde ich genauso reitverrückt wie sie sein. Sie hätte mir bestimmt drei Ponys gekauft.

Aber leider, leider waren Pferde und alles, was damit zusammenhing, so gar nicht mein Ding.

Was mein Ding war, das waren Bücher – ich liebte es zu lesen, in andere Welten einzutauchen, mich wegzuträumen nach Paris, New York, in die Vergangenheit, in die Zukunft, auf ein Piratenschiff, in ein Lavendelzimmer. Bücher waren zu meinen ständigen Begleitern geworden, mein aktuelles trug ich fast immer in meiner Tasche bei mir. Man konnte schließlich nie wissen, wann sich eine Gelegenheit zum Lesen bot, fand ich.

Ich las beinah alles, was mir in die Finger geriet – nur keine Science-Fiction-Romane und offensichtlich auch keine Pferdebücher oder Fachbücher rund um das Thema Triathlon.

Als es nun also hieß, auf nach Rügen, weigerte ich mich konsequent. Und hatte unerwartet Glück, denn meine Eltern fanden sich für ihre Verhältnisse relativ schnell damit ab.

Meine Mutter war sogar der Meinung, dass man eine Siebzehnjährige wohl kaum gegen ihren Willen mit in den Familienurlaub schleppen sollte.

Mein Vater hingegen war so stark beruflich eingespannt, dass er kurzerhand beschloss, selbst auch nicht mitzukommen.

Tja, somit hatte sich das Thema Happy Family auf Rügen dann schnell wieder erledigt, denn Tobias würde zur gleichen Zeit mit seinem besten Freund Jan in Richtung Italien unterwegs sein. Es war der letzte Urlaub, bevor beide zu studieren anfingen. Tobias BWL und Jan Mathe und Sport auf Lehramt. Zumindest war die Reise so seit Wochen geplant.

Tja, und dann saßen Sabrina und ich gerade in meinem Zimmer und brüteten über unseren Facharbeiten, als es mörderisch in unserer Einfahrt krachte. Und das nicht nur in unserer Einfahrt, sondern später auch zwischen Tobias und unserem Vater.

Ich lief sofort zu meinem Zimmerfenster, das sich über unserem Garagendach befand, und Sabrina brachte die ganze Sache mal wieder auf den Punkt: »Na, super. Dein Bruder, der Held, hat gerade seinen Wagen geschrottet, weil er sich für Mister Superman persönlich hält.«

Tatsächlich: Der kleine Gebrauchtwagen, den Tobias zum 18. von Oma Brunhild bekommen hatte, war Schrott, und zwar komplett.

Und das nur, weil mein Bruder meinte, es wäre lässig, mit quietschenden Reifen und angezogener Handbremse in unsere Einfahrt zu schlittern. Blöd nur, dass der Wagen meiner Mutter nicht in der Garage, sondern davorgestanden hatte. Das Ergebnis der hirnlosen Aktion waren ein Blechschaden und ein kaputtes Rücklicht.

Nichts, was man nicht wieder reparieren lassen könnte, wagte Tobias anzumerken und beging damit den nächsten bekloppten Fehler seines Lebens.

»Wenn das so ist, mein Lieber«, regte unser Vater sich auf. »Dann ist es ja gut, dass du gerade flüssig bist. Die Werkstattrechnung wirst nämlich du begleichen.«

Tobi wurde erst bleich wie das Garagentor, dann rot wie das Herzlich-willkommen-Schild, das neben unserer Haustür baumelte.

»Das ist jetzt aber nicht dein Ernst?!«, keuchte er.

»Worauf du wetten kannst!«, erklärte mein Vater.

»Aber-aber, das Geld brauche ich doch für die Tour durch Italien.«

Mein Vater blickte ihn finster an. »Die du gedenkst mit welchen Auto zu machen …?«

Tobi schluckte und schluckte und schluckte.

»Siehst du, mein Sohn«, erklärte mein Vater, jetzt fast ein wenig triumphierend. »Du brauchst das Geld eh nicht mehr für Italien, weil du überhaupt kein Auto besitzt, in dem du dorthin kommen könntest. Deins ist Schrott, falls das deiner Aufmerksamkeit entgangen sein sollte.«

Okay, die beiden diskutierten noch eine ziemlich lange Weile herum, aber am Ende blieb es dabei: Kein Auto, keine Italienreise und die Hälfte der Werkstattrechnung gehörte meinem Bruder.

Tobi war total geknickt und ja, er tat mir auch leid. Schließlich hatte er sich schon ewig auf die Reise mit Jan gefreut. Aber warum musste mein Bruder auch immer so einen Scheiß machen? Ganz ehrlich, wozu hatte er ein Gehirn, wenn er es nicht benutzte?!

Und mir ewig vorhalten, ich sei chaotisch … von wegen!

Nach dem Streit mit unserem Vater verzog Tobi sich in sein Zimmer und drehte die Musik so laut auf, dass er davon garantiert einen Trommelfellschaden zurückbehalten würde. Und alle anderen, die mit ihm zusammen in diesem Haus wohnten, höchstwahrscheinlich auch.

Ich war wirklich ernsthaft um seine und meine Hörfähigkeit besorgt, nur deshalb traute ich mich in die Höhle des gefrusteten Löwen.

Anklopfen ersparte ich mir. Bei der Lautstärke würde er es eh nicht mitbekommen.

»Tobias!«, brüllte ich aus Leibeskräften, nachdem ich die Tür schwungvoll aufgestoßen hatte. »Kannst du bitte ein bisschen leiser machen?! Das hält echt keiner aus.«

Mein Bruder lag auf dem Bett, den Blick stur gegen die Decke gerichtet, und ignorierte mich.

Mir blieb nichts anderes übrig, als selbst zu handeln. Todesmutig schnappte ich mir sein Handy und unterbrach die Verbindung zu dem Bluetooth-Lautsprecher.

Die plötzliche Stille, die daraufhin folgte, tat fast noch mehr in den Ohren weh als der dröhnende Bass zuvor.

»Ey, was soll das?«, blaffte er mich natürlich prompt an. »Gib mir sofort mein Handy zurück und verzieh dich aus meinem Zimmer.«

»Nur wenn du versprichst, nicht wieder so laut zu machen. Das ist total kindisch.«

In einer einzigen fließenden Bewegung sprang mein Bruder vom Bett, flog auf mich zu und hatte mir die Arme so hinter dem Rücken verdreht, dass sich meine Hand von ganz alleine öffnete.

»Geht doch«, knurrte er und schwang sich mit seinem Handy zurück aufs Bett.

»Blödmann!«, motzte ich ihn an und rieb mir die Handgelenke. »Du hast mir wehgetan.«

»Ich habe dich gewarnt.«

»Na und? Ich habe ein Recht auf Ruhe. Setz von mir aus Kopfhörer auf oder keine Ahnung, geh joggen, wenn du deinen Frust loswerden musst, aber …«

Weiter kam ich nicht. Meine Mutter erschien auf der Bildfläche.

»Kinder, Kinder, was streitet ihr beiden denn jetzt auch noch?« Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Um ihre Beine sprangen wie immer Tom und Jerry herum, unsere beiden hyperaktiven Jack Russell Terrier. Meine Mutter konnte quasi keinen Schritt ohne sie tun, weil die beiden total auf sie fixiert waren. Meinen Vater, Tobi und mich ignorierten sie geflissentlich, denn sie fühlten sich offenbar dem Menschen verpflichtet, der ihnen ihr Futter gab, und das war nun mal meine Mutter.

»Ich hab ihm nur gesagt, dass er die Musik leiser machen soll«, stellte ich gleich mal klar.

Sie nickte und wandte sich dann Tobias zu. »Tobi, ich verstehe deinen Frust, aber das hast du dir echt selbst zuzuschreiben. Sei froh, dass Papa nicht darauf pocht, dass du die komplette Rechnung zahlst.«

»Na toll«, maulte er sie an. »Genau das wollte ich hören. Jetzt geht es mir gleich viel besser.« Meine Mutter blieb ruhig, wie immer.

»Ich habe mir etwas überlegt und ich möchte jetzt erst mal nur, dass du darüber nachdenkst«, erklärte sie meinem Bruder und brachte es sogar fertig, dabei mütterlich-verständnisvoll zu lächeln.

»Und das wäre?«, brummte er betont desinteressiert.

»Italien kannst du vergessen. Und da Jan kein Auto besitzt, er dann wohl auch. Aber ich lade euch beide ein, mit nach Rügen zu kommen. Das Haus ist groß genug und die Insel wunderschön. Ihr könntet dort richtig viel unternehmen: Surfen, Kitesurfen, Wasserski oder auch Segeln. Glaub mir, Rügen ist besonders wegen der vielen Wassersportangebote bei jungen Leuten schwer beliebt.«

»Rügen?« Tobias verdrehte die Augen, während meine Handinnenflächen feucht wurden und mein Herz das tat, was es seit einiger Zeit immer veranstaltete, wenn Jans Name fiel oder er leibhaftig vor mir stand: Es verwandelte sich in eine hyperaktive Trommel.

»Schlaf eine Nacht drüber und rede mit Jan. Oder von mir aus auch umgekehrt. Auf jeden Fall muss ich es bis morgen Mittag wissen. Danach kann ich nämlich nicht mehr kostenlos stornieren.« Damit verließ sie Tobias’ Zimmer und ich trippelte zusammen mit Tom und Jerry aufgeregt hinter ihr her.

Bevor sie die Treppe zum Erdgeschoss erreicht hatte, lag meine Hand auf ihrem Arm.

»Also Mama, wenn Tobi mitkommt, dann würde ich es mir eventuell auch noch mal überlegen.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »So?«

Ich nickte. »Zumindest schlafe ich auch noch mal eine Nacht drüber. Vielleicht kann ich ja Sabrina fragen, ob sie auch mitkommen möchte?«

Nun nickte meine Mutter und lächelte. »Mach das, ich würde mich freuen. Ich mag es, wenn das Haus voller Leben ist.«

Am nächsten Morgen fing ich Tobi ab, noch bevor er durch die Toilettentür verschwinden konnte und, so wie ich meinen Bruder kannte, für Ewigkeiten nicht wieder herauskam.

Ich gab mir die größte Mühe, meine Stimme möglichst beiläufig klingen zu lassen. »Und, wie sieht’s aus, Rügen oder doch lieber gefrustet at home?«

»Rügen«, lautete seine schlecht gelaunte Antwort.

»Cool«, gab ich lässig zurück – hoffte ich zumindest.

Tobias knallte die Klotür hinter sich zu und ich ging in mein Zimmer zurück. Dort sprang ich mit Anlauf auf mein Bett und riss lautlos jubelnd die Arme in die Höhe. Ein paar Sekunden hüpfte ich so auf und ab und konnte mein Glück nicht fassen. Dann schnappte ich mir mein Handy und wählte mit vor Aufregung ganz zittrigen Fingern ihre Nummer.

»Sabrina, du glaubst es nicht, es ist etwas Sensationelles passiert!«

»Hast du dich etwa endlich getraut, Jan zu gestehen, dass du total in ihn verknallt bist?«, staunte Sabrina und bewies einmal mehr, dass sie mich besser kannte als jeder andere. »Mensch, Flora, das wurde auch echt Zeit. Ich meine, Tobias’ Geburtstag ist schon fast drei Monate her und du hast …«

Ich fiel ihr ins Wort. »Natürlich habe ich es ihm nicht gesagt! Bist du verrückt? Aber …« Ich machte eine dramatische Pause. »… ich bekomme die einmalige Chance, ihm zu zeigen, dass ich längst nicht mehr die kleine, leicht chaotische Flo bin.«

»Aha«, murmelte Sabrina skeptisch. »Und wie willst du das anstellen? Soll er es von deinen Lippen ablesen? Planst du, ihm eine Flaschenpost zu schicken?«

Ich verdrehte die Augen, musste aber grinsen. »Jaja, mach dich ruhig über mich lustig, aber du wirst schon sehen, auf Rügen werde ich ihm die Augen öffnen.«

»Rügen? Ich dachte, du wolltest nicht mitfahren?«

»Absolut nicht. Aber jetzt hat sich die Situation geändert, Tobias und Jan kommen auch mit.«

»Echt?«

»Echt!«, sagte ich lachend, weil Sabrina so ungläubig geklungen hatte. »Du bist übrigens auch herzlich eingeladen. Das wird sooo toll!«

Sabrina seufzte. »Oh nö. Das ist jetzt echt doof. Meine Eltern haben nun doch beschlossen, nach Mauritius zu fliegen. Du verstehst doch, dass ich dazu nicht Nein sagen kann?!«

»Ach menno«, murmelte ich enttäuscht. Gegen Mauritius war Rügen natürlich nicht mehr als ein verregneter Sandkasten. »Ich hab mir schon alles so schön ausgemalt …«

»Du schaffst das auch ohne mich«, baute Sabrina mich schnell wieder auf. »Bestimmt!«

Oh ja, sie hatte recht, schließlich war das meine Chance, die Möglichkeit, auf die ich gewartet hatte, seitdem mir klar geworden war, warum mein Gesicht sich klatschmohnrot verfärbte und meine Handinnenflächen zum Bachlauf wurden, sobald Jan sich in meiner Nähe aufhielt.

Ich, Flora Carstensen, war unsterblich in Jan verliebt und auf Rügen würde ich ihm das gestehen und dann … dann würde er sich ebenso schwer in mich verlieben.

Ich war mir sicher, ziemlich sicher, dass Jan diesen Sommer endlich kapieren würde, dass ich seine große Liebe war.

Es musste einfach klappen – Rügen war mein Wink des Schicksals.

2

Als wir am Samstagmorgen im nun wieder entbeulten Van meiner Mutter bei Jan zu Hause vorfuhren, gab es nur noch auf dem Rücksitz neben mir einen freien Platz.

Meine Mutter wollte das erste Stück fahren, Tobias hockte neben ihr auf dem Beifahrersitz und Tom und Jerry in ihrer Hundebox im Kofferraum. Der restliche Innenraum war mit unserem Gepäck so vollgestopft, dass Jans Reisetasche ebenfalls mit auf den Rücksitz musste. Das wiederum hatte zur Folge, dass wir ziemlich eng zusammenrücken mussten. Manchmal entwickeln sich die Dinge eben so, wie es besser nicht sein könnte. Ich nahm an, dass hier das Schicksal begann, alles nach meinen lang ersehnten Wünschen einzufädeln.

Dafür, dass Jan und Tobias viel lieber nach Italien gefahren wären, war die Stimmung ziemlich gut. Tobias schmiedete Pläne, die sich allesamt um irgendwelche Wassersportaktivitäten drehten, Jan war völlig aus dem Häuschen wegen des Fresspakets, das meine Mutter zubereitet hatte und das uns, kaum dass wir losgefahren waren, einlud, erst mal ausgiebig zu frühstücken.

»Wow, Ulla, du hast ja sogar Hähnchenschenkel eingepackt.« Jan nannte meine Mutter beim Vornamen, weil mein Bruder und er schon seit der ersten Klasse Freunde waren. Natürlich hatte der Erstklässler Jan damals zu ihr Ulla und Du gesagt hat. Dabei war es geblieben.

Ich fieberte dem Moment entgegen, in dem ich urplötzlich von bleierner Müdigkeit überfallen werden würde. Selbstverständlich konnte ich es dann nicht verhindern, dabei gegen Jans Schulter zu sinken. Schließlich würde ich schlafen und meinen Körper, ganz besonders meinen Kopf, nicht mehr unter Kontrolle haben. Ich würde Jans männlichen, herben Duft einatmen, seine Wärme spüren, das Spiel seiner Muskeln (immerhin hatte er ein Einser-Sport-Abi hingelegt und wollte Sport studieren) – und wenn alles perfekt lief, seine Hand auf meiner Schulter, die für einen sehnsüchtigen Schauer bei mir sorgte.

Doch Jan aß und trank, als ob er seit Jahren nichts bekommen hätte oder fest davon überzeugt war, wir steuerten direkt auf eine einsame Südseeinsel zu, wo wir von nichts anderem als Kokosnüssen und dem Wasser einer nur schwer zu erreichenden Lagune leben müssten.

Wenn ich es jetzt wagte, Müdigkeit vorzutäuschen, riskierte ich gleichzeitig, dass sich dabei der Inhalt seines irgendwie nie leer werdenden Bechers in seiner rechten Hand über ihn und mich ergoss – und das waren bestimmt keine guten Voraussetzungen für den Sommer, in dem er sich in mich verlieben sollte.

Nach knapp zwei Stunden tat mir der Rücken weh, weil ich so angespannt dasaß. Nach einer weiteren halben Stunde schlug meine Mutter eine kurze Toilettenpause vor, inklusive Beinchenheben für Tom und Jerry. Danach sollte dann Tobias ans Steuer.

Als wir wieder ins Auto stiegen, wollte sie sich neben mich auf den Rücksitz schieben.

»Mama, da sitzt doch Jan«, zischte ich ihr zu.

»Wenn Tobias fährt, dann kann Jan doch auf den Beifahrersitz. Hier hinten ist es ja ganz schön eng für ihn mit seinen langen Beinen.« Schnell! Denk, Flora! Denk dir einen triftigen Grund aus, warum deine Mutter hier unter keinen Umständen Platz nehmen darf!

»Aber-aber-aber Jan hat doch seine ganzen Sachen hier liegen«, versuchte ich sie verzweifelt davon abzubringen. »Sein Handy und seine Kopfhörer und das ganze Essen und seine Jacke …«

»Das geben wir ihm einfach alles nach vorne.«

Verdammt, sie wollte es nicht kapieren – was wiederum auch ganz gut so war. Sollte meine Mutter auch nur den Ansatz einer Lunte davon bekommen, dass ich in Jan verliebt war, dann würde sie bestimmt nicht eine Sekunde verstreichen lassen, um das Ganze mit mir zu diskutieren. Hoch und runter. Von links nach rechts. Vor und zurück. Ganz zu schweigen von den vielsagenden Andeutungen, die sie sich sicherlich nicht würde verkneifen können. Darauf konnte und wollte ich getrost verzichten.

Meine Mutter hatte schon eine Pobacke auf den Rücksitz geschoben, da sah ich Jan und Tobias aus dem Klohäuschen kommen. Ich musste mir auf der Stelle etwas einfallen lassen.

»Mama, ich muss dir was gestehen.« Ich hustete verlegen.

Meine Mutter verharrte in der Bewegung. »Gestehen?«

»Ich kann dein Parfüm nicht riechen«, log ich – ohne rot zu werden. Na ja, vielleicht lief ich ein ganz kleines bisschen rosa an. »Mir wird davon total übel. Und wenn du jetzt auch noch direkt neben mir sitzt, dann kann ich echt für nichts garantieren.«

Meine Mutter machte große Augen. »Aber ich habe doch gar keins drauf?«

Mist!

»Nur Bodylotion.«

»Dann ist es die«, behauptete ich.

Sie hob den Arm und roch daran. »Komisch, ich finde, die ist absolut geruchsneutral.«

Mir bleib nichts anderes übrig, ich musste zu meiner Geheimwaffe greifen.

»Mama, bitte, mir wird wirklich schlecht davon«, wisperte ich und ließ dabei meine Unterlippe leicht zittern.

»Um Himmels willen, nun wein doch nicht gleich, Flora.« Sie tätschelte mir die Wange. »Ich gehe nach vorne, und wenn wir auf Rügen angekommen sind, dann entsorge ich diese Bodylotion sofort. Ich meine, es geht ja wohl überhaupt nicht, dass du deine eigene Mutter nicht riechen kannst!«

Sie zwinkerte mir aufmunternd zu und ich atmete erleichtert durch.

Im nächsten Moment schob sich Jan an mir vorbei auf den Rücksitz.

»Willst du nicht nach vorne kommen?«, schlug Tobi ihm vor.

Aber meine Mutter hatte schon auf dem Beifahrersitz Platz genommen. »Nee, lass mal, Flora wird irgendwie schlecht von meiner Bodylotion.«

Tobias zog verwundert das Kinn ein. Er beugte sich zu ihr vor und schnüffelte an ihr. »Also, ich rieche nichts.«

»Ich ja auch nicht«, erwiderte meine Mutter leise. »Aber du kennst ja Flora, die bildet sich gern mal etwas ein.«

Frechheit!, wollte ich schon rufen. Und auch, dass das gar nicht stimmte. Aber in diesen Moment geschah etwas echt … hach.

»Solange dir von mir nicht schlecht wird«, sagte Jan und legte grinsend seinen Arm um mich. Dabei schenkte er mir einen Blick aus seinen blaugrauen Augen, die von langen, dichten Wimpern umgeben waren – so schöne Augen. Ich zuckte zusammen, als ob mich ein Stromschlag getroffen hätte. Mindestens 1000 Volt. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch, Kribbeln auf der Haut, mir wurde heiß, kochend heiß. Jans Hand fühlte sich so gut an und er duftete so … verdammt männlich, unsagbar anziehend …

»Bes-bestimmt ni-ni-nicht«, krächzte ich atemlos – da war der Moment schon wieder vorbei.

Jan zog seinen Arm zurück und machte sich an dem verdammten, total überflüssigem und sich leider niemals leerenden Fresspaket zu schaffen.

Ich blieb noch einen Moment völlig erstarrt und ohne Luft zu bekommen sitzen, bevor es mir gelang, meinen Körper wieder unter Kontrolle zu kriegen und mich leise zu räuspern.

»Wie lange fahren wir noch?«, wisperte ich meiner Mutter zu.

»Laut Navi knapp zwei Stunden. Es sei denn, wir geraten in einen Stau. Aber im Moment ist die Autobahn ja herrlich frei.«

Okay, Flora, zwei Stunden bleiben dir also noch, um dich an Jans Schulter zu kuscheln.

»Habt ihr vorne noch Kaffee?«, wollte Jan wissen.

Bitte nicht, bitte lass die beiden bereits die komplette Thermoskanne leer getrunken haben. Sonst flippe ich aus.

»Ja klar«, sagte meine Mutter. »Reich mir mal deinen Becher.«

»Muss das sein?«, fragte ich Jan leise, bevor er ihrer Aufforderung nachkommen konnte.

»Warum?« Er sah mich mit seinen blauen Augen erstaunt an und strich sich die Haare aus der Stirn. »Was hast du neuerdings gegen Kaffee?«

Ich neigte meinen Kopf leicht zur Seite. »Mir ist immer noch ein bisschen flau wegen der Bodylotion meiner Mutter. Und jetzt auch noch der Geruch von Kaffee, ich glaube …«

»Also Flora«, fiel mir meine Mutter ins Wort. »Jetzt übertreibst du es aber wirklich ein bisschen.«

»Mach ich gar nicht«, murrte ich. Wobei ich ihr insgeheim natürlich recht geben musste. Ein bisschen übertrieben war mein Getue schon. Hoffentlich nervte ich Jan damit nicht?

Glück gehabt, denn er lächelte mich verständnisvoll an. »Schon okay. Ich brauche jetzt nicht unbedingt Kaffee.«

Er verpasste mir einen leichten Knuff gegen den Oberarm – okay, nicht gerade liebevoll oder romantisch, aber immerhin hatte er meinetwegen auf Kaffee verzichtet. Ich betrachtete es als ein gutes Omen.

»Danke«, hauchte ich und schenkte Jan einen Augenaufschlagblick. Danach gähnte ich verstohlen hinter vorgehaltener Hand.

Und endlich meinte das Schicksal es gut mit mir. Jan ließ seine Hände vom Proviant und lehnte sich entspannt auf dem Sitz zurück. Im Radio begann Ed Sheeran seinen Song Thinking out loud zu singen, Jans Schulter lächelte mich einladend an, also sank ich mit geschlossenen Augen dagegen.

Meine Wange schmiegte sich an sein T-Shirt, ich atmete seinen warmen, herben Duft ein, spürte seine Muskeln. Es war noch schöner, als ich es mir erträumt hatte. So nah war ich Jan seit Tobis Geburtstagsvorbereitung nicht mehr gekommen.

Ed sang: »Kiss me under the light of a thousand stars …«, und das Leben war einfach nur schön. So schön. So, so, so wunderschön.

Bis ich meine Mutter fragen hörte: »Schläft Flora?«

»Ich glaube, ja«, erwiderte Jan flüsternd.

»Pass bloß auf, dass sie dich nicht ansabbert«, warnte Tobias ihn spöttisch. »Das macht sie beim Schlafen nämlich immer.« Am liebsten hätte ich ihm von hinten meine Hände um die Kehle gelegt und langsam, aber mit absolutem Hochgenuss zugedrückt.

Ganz besonders, als ich spürte, wie Jan versuchte, mich mit sanfter Gewalt von sich zu schieben. Mein Herz wurde schwer. Ed sang immer noch so wahnsinnig romantisch und ich hing mit meinem Kopf irgendwo im Leeren. Ich kam mir so bescheuert wie nie vor. Und gleichzeitig war da so viel Sehnsucht, so verdammt viel Sehnsucht nach Jans Nähe, seinen Berührungen, einem Kuss von ihm.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Brandungsflimmern" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen