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Brandug der Leidenschaft

1. KAPITEL

Als Nina Petrelle die Augen öffnete, wurden ihr drei Dinge schmerzlich bewusst.

Erstens: Sie hatte eine große pochende Beule am Hinterkopf. Zweitens: Sie steckte mit dem Fußknöchel in etwas fest, das sich wie ein aufgeweichter, zersplitterter Schraubstock anfühlte. Und drittens: Kaltes Salzwasser umspülte ihren Körper … und drang ihr in Mund und Lungen.

Mit einem Schlag kam Nina wieder vollständig zu sich, hustete Meerwasser aus und setzte sich abrupt auf – um sofort vor Schmerz laut aufzuschreien. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt sie sich den Oberschenkel, bis der teuflische Schmerz ein wenig abgeklungen war. Sie nahm sich vor, auf keinen Fall in Tränen auszubrechen, und schlug mit den zu Fäusten geballten Händen in den Sand. Dann ließ sie sich wieder nach hinten sinken.

In den vergangenen zwei Monaten war ihr ihr Leben immer mehr entglitten. Das Gefühl, sang- und klanglos unterzugehen, hatte ihre Willensstärke immer mehr ausgehöhlt – bis sie diesen Nachmittag nach einer besonders anstrengenden, zermürbenden Schicht einfach nur vor allem davongelaufen war. Doch das, was Nina wirklich hinter sich lassen wollte, hatte sie ohne Gnade verfolgt.

Es war diese eine entscheidende Frage, die ihr in letzter Zeit keine Ruhe gelassen hatte: Wer bin ich eigentlich? Nina wusste es einfach nicht mehr.

Früher einmal hatte ihr Leben wie ein verheißungsvoller, golden glänzender Weg vor ihr gelegen. Ihrem Vater hatte ein äußerst erfolgreiches Maschinenbauunternehmen gehört, und während ihrer Kindheit hatte Nina sich über die vielen Hausangestellten ihrer Familie keinerlei Gedanken gemacht und immer nur die schönsten Kleider, das beste Essen und das Beste von allem erwartet. Nach dem Tod ihres Vaters verschleuderte die vergnügungssüchtige Mutter das Vermögen der Familie, und Ninas sonst so verantwortungsbewusste kleine Schwester Jill wurde von einem Nichtsnutz schwanger, der sie kurz darauf sitzen ließ.

Während ihre Mutter immer mehr an Bodenhaftung verlor, krempelte Nina die Ärmel hoch, brachte ihr Studium zu Ende und fand eine Stelle im Verlagswesen – einer intensiven, schnelllebigen Welt, die ihr sehr gefiel. Bis vor Kurzem war sie Redakteurin bei einer erfolgreichen Zeitschrift für Teenager gewesen. Sie hatte die Arbeit bei Shimmer geliebt.

Dann waren ganz plötzlich reihenweise Mitarbeiter entlassen worden.

Zusammen mit einigen anderen Kollegen wurde auch Nina gekündigt. Angesichts ihrer beträchtlichen Hypothek und einiger anderer Verpflichtungen brauchte sie dringend Arbeit, aber gut bezahlte Stellen waren insbesondere in ihrer Branche nicht leicht zu bekommen.

Doch eines Morgens rief ihre alte Freundin Alice Sully an, deren Familie ein Reisebüro gehörte. Sie bot Nina einen Job als Kellnerin in Australiens exklusivstem Urlaubsziel an. Dort würde sie hart arbeiten und jede Menge Überstunden machen müssen, warnte Alice, aber dafür würde die Bezahlung sehr gut sein.

Unendlich erleichtert hatte Nina das Angebot, auf der Insel zu arbeiten, angenommen. Seit nunmehr sechs Wochen schuftete sie im Diamond Shores, der renommiertesten Ferienanlage am Great Barrier Reef – und sehnte sich jede einzelne Sekunde zurück nach Hause.

Denn die anderen Mitarbeiter hatten ihr sofort zu verstehen gegeben, dass man sich eine Stelle in Australiens Urlaubsmekka eigentlich selbst erarbeiten und nicht durch gute Beziehungen ergattern sollte. Die zwei Jahre, die Nina während des Studiums in der Cafeteria ihrer Uni ausgeholfen hatte, genügten nicht als Qualifikation. Doch da sie die Stelle so dringend brauchte, biss sie die Zähne zusammen und lächelte, bis es schmerzte – selbst dann noch, wenn verwöhnte Stammgäste grundlos behaupteten, sie habe bei ihrer Getränkebestellung etwas falsch gemacht. Wenn Nina nach der Arbeit spätnachts erschöpft ins Bett fiel, hatte sie wirre Träume voller verschütteter Cocktails, fallender Teller und einer schier endlosen Reihe schlecht gelaunter, unglaublich reicher Gäste.

Und das war das Schwierigste für Nina Petrelle, denn früher einmal hatte sie selbst zu den Reichen und Schönen gehört: Sie hatte gekühlte Cocktails getrunken und sich außer über ihre kunstvolle Sonnenbräune, ihre makellos manikürten künstlichen Nägel und ihren überquellenden Kleiderschrank kaum über irgendetwas Gedanken gemacht. Jetzt, da sie die Dinge von der anderen Seite erlebte, fand Nina dieses Leben im Überfluss geradezu abstoßend. Am liebsten hätte sie die abgehobenen millionenschweren Gäste kräftig geschüttelt und ihnen gezeigt, dass es da draußen echte Menschen gab, die kein einfaches Leben hatten.

Doch außer Empörung verspürte Nina auch noch etwas anderes, das ihre Wangen vor Scham erröten ließ: Neid.

Ja, insgeheim sehnte sie sich danach, ihre Uniform in die Ecke zu werfen und die müden Beine in einem Liegestuhl in der Sonne auszuruhen. Nur zu gern wäre sie für einen oder zwei Tage in ihr früheres sorgenfreies Leben voller Dekadenz zurückgekehrt. Dieser Wunsch, wieder ein Society-Sternchen zu sein, hatte Nina überrascht. Denn eigentlich führte sie jetzt ein anderes Leben, in dem für grotesken Luxus kein Platz mehr war.

Das Geräusch einer riesigen Welle, die an den Strand schlug, rief Nina ihre beängstigende Situation wieder in Erinnerung. Sie rief um Hilfe, da mit der kommenden Flut immer mehr Wasser den Strand überspülte. Doch wer sollte sie schon hören?

Um sich von ihren Sorgen abzulenken, war Nina nachmittags durch den feinen weichen Pudersand am Strand zur unbewohnten Südspitze der Insel spaziert. Sie hatte einen Baumstamm erreicht, der sich über die gesamte Breite des Strandes erstreckte. Als sie ihn überqueren wollte, war sie hinaufgestiegen und dann mit dem Fuß in verrottendes Holz eingebrochen. Dabei hatte sie das Gleichgewicht verloren und war nach hinten gestürzt, wo sie sich den Kopf an etwas sehr Hartem gestoßen hatte und bewusstlos geworden war.

Nina fiel wieder ein, dass sie einen Moment vor ihrem Sturz einen Engel auf den Klippen gesehen hatte, strahlend vor dem aufgewühlten Himmel – ein Anblick, bei dem ihr Herz wild geschlagen hatte und gleichzeitig fast geschmolzen war.

Sie stützte die Ellenbogen auf und drückte sich mühsam ein wenig hoch. Tropischer Sonnenschein fiel durch die dunklen Wolken auf die Felsen, doch ein Engel war dort nicht zu sehen.

Wirklich schade. Der Engel, dessen Bild sie so deutlich vor ihrem inneren Auge sah, hatte tiefschwarzes Haar und eine Figur wie ein American-Football-Spieler … Und trotz der großen Entfernung war sie sicher gewesen, dass er äußerst markante Gesichtszüge, einen sonnengebräunten nackten Oberkörper und eisblaue Augen hatte. Seine selbstbewusste Haltung hatte nicht nur Macht ausgedrückt, sondern noch etwas anderes … Schicksal vielleicht?

Und warum nur war dieser „Engel“ mit einem so unglaublich starken Sex-Appeal gesegnet? Noch nie hatte Nina so etwas gespürt – und auch noch nie einen so schönen Menschen mit einer solchen Ausstrahlung gesehen.

Bevor ihr schwarz vor Augen geworden war, hatte Nina das Gefühl, ihre Blicke würden einander begegnen und eine Botschaft wäre vom einen zum anderen gesandt worden. Der Engel beruhigte sie: Sie solle sich keine Sorgen machen – er wisse Bescheid und werde sie beschützen.

Nina lachte leicht hysterisch. Das war doch einfach verrückt – aber gleichzeitig sehr passend, denn in den vergangenen Wochen hatte sie dringend einen Schutzengel gebraucht. Und jetzt, als eine weitere mächtige Welle auf den Strand rollte, brauchte sie ihn mehr denn je.

Diesmal drang das Wasser noch weiter auf den Strand vor. Als es sich wieder zurückzog, versuchte Nina ihren eingeklemmten Knöchel zu bewegen. Splitter bohrten sich ihr in die Haut, und sie biss sich vor Schmerz auf die Lippe. Sie setzte sich und versuchte, den Fuß herauszuziehen, doch er saß fest. Nina ließ sich zurücksinken und barg verzweifelt das Gesicht in den Händen.

Vor dem Tod ihres Vaters war ihr Bruder unter tragischen Umständen ums Leben gekommen, sodass Nina außer ihrer Mutter, ihrer Schwester Jill und ihrem Neffen Codie keine Angehörigen mehr hatte. Sie hätte alles dafür gegeben, sich befreien und zu ihnen nach Hause fahren zu können.

Als die nächste Welle an den Strand rollte, konnte Nina gerade noch das Kinn über Wasser halten. Obwohl es ihr normalerweise widerstrebte, Hilfe anzunehmen, wäre sie jetzt unendlich dankbar dafür gewesen. Sie wartete ab, bis der an Lachen erinnernde Gesang eines Kookaburra verstummte. Dann atmete sie so tief ein, wie sie konnte, und rief um Hilfe.

Lange bevor Gabriel Steele aus weiter Ferne den Hilferuf hörte, waren ihm drei Dinge sehr bewusst.

Erstens, dass das Peitschen der unzähligen Zweige, während er den Hang hinuntereilte, sich äußerst schmerzhaft anfühlte. Zweitens, dass seine neuen Outdoor-Laufschuhe in einer solchen Situation Gold wert waren. Und drittens, dass die Zeit knapp wurde.

Mit vor Anstrengung heftig schlagendem Herzen eilte er weiter den Hang hinunter, den Blick aufmerksam auf seinen Weg gerichtet. Denn mit gebrochenem Bein oder Genick würde er der Frau nicht helfen können. Warum, um alles in der Welt, war sie überhaupt so weit weg von der Ferienanlage?

Er hatte oben auf den Klippen gestanden, als er auf sie aufmerksam wurde. Dann hatte Gabriel gesehen, wie sie mit dem Fuß in den Baumstamm eingebrochen und gestürzt war. Sie war mit dem Kopf gegen den Felsen gestoßen. Er hatte den Aufprall förmlich spüren können. Bewusstlos war sie liegen geblieben, während die Flut einzusetzen begonnen hatte.

So schnell Gabriel konnte, lief er weiter den Hang hinunter. Nur ein Gedanke ging ihm dabei durch den Kopf: Was für eine Ironie des Schicksals diese Situation doch offensichtlich war. Er war auf die Insel gekommen, um sich einer Herausforderung zu stellen, die ausnahmsweise einmal nichts mit Unternehmensrecht zu tun hatte.

Eigentlich widerstrebte es Gabriel immer sehr, sich eine Auszeit als Chef seines Wirtschaftsprüfungsunternehmens Steele Chartered Accountants zu nehmen. Mittlerweile hatte er sich ein beträchtliches Vermögen erarbeitet, doch den Stand seiner wohlhabenderen Kunden hatte er noch lange nicht erreicht. Er hatte zu viele Jahre zu hart gearbeitet, um jetzt nachlässig zu werden – besonders nachdem er gegen eine seiner goldenen Regeln verstoßen hatte: es niemals zu übertreiben.

Denn vor vier Wochen war er ein großes Risiko eingegangen und hatte fast sein gesamtes Kapital in ein Projekt investiert. Ein deutliches Gefühl hatte ihm gesagt, dass es sich lohnen würde. Das Unternehmen war fast insolvent, doch Gabriel war überzeugt, dass er die Dinge zum Guten wenden konnte, wenn er die richtigen Schritte unternahm. Und er würde es nicht nur retten, sondern sämtliche Größen der australischen Geschäftswelt vor Neid erblassen lassen. Jetzt lautete das Motto „Alles oder nichts“. Für Sentimentalität oder Ablenkung war kein Platz.

Hilfe!

Ein erneuter verzweifelter Hilferuf riss Gabriel aus seinen Gedanken und ließ ihn noch schneller laufen, denn er wollte die Frau um jeden Preis rechtzeitig erreichen, um sie zu retten.

Hätte er doch damals dasselbe tun können, als …

Mit aller Macht verdrängte er die Erinnerung und konzentrierte sich auf seine jetzige Aufgabe … und auf das gar nicht unangenehme Gefühl, das er im Innern verspürt hatte, als er die junge Frau beim Spazieren beobachtet hatte.

Irgendwie war sie ihm bekannt vorgekommen, mit ihrer goldfarbenen Mähne, ihren endlos langen, sonnengebräunten und schlanken Beinen. Hier und da war sie stehen geblieben, um eine Muschel aufzuheben. Ihre anmutigen Bewegungen ließen auf ein vornehmes Elternhaus schließen.

Doch ihre abgeschnittene Jeans war ausgefranst, und sie trug keine Schuhe. Andererseits waren teure Accessoires bei solchen Beinen auch gar nicht nötig. Gabriel hätte ihre schlanken Waden den ganzen Tag betrachten können …

Geschickt wich er einem Felsbrocken aus, und im selben Moment fiel ihm ein, warum die junge Frau ihm so bekannt vorkam: Ihr Anblick in den abgeschnittenen Jeans hatte ihn an einen lange zurückliegenden Urlaub in seiner Kindheit erinnert. Gabriel hatte die gesamten Ferien barfuß und mit seiner Angel in der Hand verbracht. Auntie Faith hatte ihren fleißigen, lernbegierigen Neffen mit reichlich Liebe und Essen versorgt, sodass Gabriel trotz des tragischen Verschwindens seiner Mutter behütet und relativ unbeschwert aufgewachsen war.

Doch dann war sein bester Freund gestorben.

Gabriel bahnte sich seinen Weg durch die letzten Büsche und gelangte ins Helle. Erhitzt und mit schmerzenden Lungen rannte er zu der Frau hinüber. In diesem Moment rollte eine riesige Welle über sie hinweg. Er griff ins kalte Wasser und richtete ihren Oberkörper auf, sodass sie wieder Luft bekam.

Als die junge Frau nach Atem rang, bemerkte Gabriel, dass ihr Knöchel verdreht in dem Baumstamm eingeklemmt war. Vielleicht war sogar etwas gebrochen.

Er umfasste ihre Schultern und strich ihr das Haar aus der Stirn. Wäre jetzt Zeit für solche Gedanken gewesen, hätte er gesagt, dass sie wunderschön war und ihn an ein nasses, leicht zerzaustes Kätzchen erinnerte.

„Können Sie mich hören?“, fragte er. „Ist alles in Ordnung?“

„Jetzt ja“, erwiderte sie mit einem dankbaren Lächeln. „Ich habe nur … ein wenig Schmerzen.“

Als die Welle zurückrollte, legte Gabriel die junge Frau wieder vorsichtig zurück auf den Boden und versuchte, ihren Knöchel aus dem Baumstamm zu befreien. Doch offenbar steckte sie in einem Astloch fest.

Nach einigen erfolglosen Versuchen begann Gabriel insgeheim, sich Sorgen zu machen. Er atmete tief ein, sammelte all seine Willenskraft und unternahm einen letzten Versuch. Es gelang ihm, ein wenig von dem Holz herauszubrechen, in dem der Fuß der jungen Frau eingeschlossen war.

Statt vor Schmerzen aufzuschreien, zitterte sie nur ein wenig, als er ihren Fuß löste, bevor das Wasser sie beide überspülte.

Gabriel hielt den Atem an, hob die Frau hoch und stand auf. Nachdem er sie außer Reichweite des Wassers getragen hatte, ließ er sie auf einer mit Gras bewachsenen Erhöhung vorsichtig auf den Boden sinken. Nun konnte jeden Moment der heftige Adrenalinstoß abklingen, sodass er seine vor Anstrengung schmerzenden Muskeln spüren würde. Doch noch durfte er sich nicht ausruhen.

Während die junge Frau nach Atem rang, kniete Gabriel sich hin, um die Verletzung ihres Knöchels zu begutachten. Komplizierte Brüche hatte sie offenbar nicht. Als er mit sanftem Druck ihr Fußgelenk untersuchte, zuckte sie heftig zusammen, ohne jedoch aufzuschreien.

Ganz schön tapfer, dachte er anerkennend. Der Fuß war mit teilweise sehr tiefen Schnittwunden übersät und würde geröntgt werden müssen. Doch mit etwas Glück wäre in einem Monat alles wieder in Ordnung.

Um festzustellen, ob sie noch weitere Verletzungen hatte, ließ er den Blick an ihrem Bein hinaufgleiten – und dann noch weiter. Plötzlich schien etwas in seinem Innern heiß aufzuflammen. Hastig wandte Gabriel den Blick ab und räusperte sich. Auch wenn die junge Frau mit dem nassen T-Shirt, das sich um ihre Brüste schmiegte und ihre Brustspitzen hervorhob, einfach unwiderstehlich aussah – jetzt war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt.

Gabriel häufte geschickt etwas Sand an und bettete ihren Fuß darauf. Dann ließ er sich auf den Rücken sinken und atmete aus. Sein Herz schlug noch immer wie verrückt. So einen starken Adrenalinschub hatte Gabriel seit Jahren nicht mehr verspürt – nicht mehr, seit er sich als Teenager mit der Teilnahme an Triathlons gequält hatte. Sehr gut zum Trainieren des Durchhaltevermögens, aber nicht gut, um sich von den Schatten der Vergangenheit zu lösen.

„Es scheint nichts gebrochen zu sein“, berichtete er.

Leise antwortete die junge Frau, die nach Atem rang: „Sicher? Heute scheint nämlich nicht mein Tag zu sein.“

Er lächelte über ihren verschmitzten Ton. „Sie haben natürlich einige ziemlich tiefe Kratzer, aber …“

„Sie auch!“ Besorgt sah sie ihn an.

Wie zum Beweis rann Gabriel etwas Blut am Augenwinkel vorbei. „Das ist nichts Ernstes.“

Nicht ganz überzeugt ließ sie den Blick über seine zerschundenen Arme gleiten. „Ich sehe da eine ganze Menge ‚nichts Ernstes‘.“

Gabriel ging nicht darauf ein. „Sie scheinen jedenfalls keine ernsteren Verletzungen zu haben.“

„Sind Sie Arzt?“

„Nein, Wirtschaftsprüfer“, erklärte er.

„Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich dachte immer, Wirtschaftsprüfer würden Brillen mit dickem schwarzen Rahmen tragen und ein bisschen streberhaft aussehen.“

Gabriel musste lächeln. „Ich nehme es nicht übel.“ Dass er tatsächlich einmal genau so eine Brille getragen hatte, brauchte sie nicht zu erfahren. Er und sie waren Fremde, die einander ganz zufällig begegnet waren. Was natürlich nicht bedeutete, dass sie sich nicht kennenlernen konnten. Vielleicht lag es an den außergewöhnlichen Umständen oder der Überdosis Adrenalin, aber irgendwie war die junge Frau … anders.

Gabriel, der als einer der begehrtesten Junggesellen Australiens galt, hatte ständig Verabredungen. Auch seine Freunde versuchten immer wieder, ihn mit irgendwelchen Frauen zusammenzubringen. Er mochte Frauen, war aber zu sehr mit seiner Karriere beschäftigt, um sich über Beziehungen Gedanken zu machen – zu beschäftigt für alles, was über unverfängliches Vergnügen hinausging.

Unwillkürlich stellte Gabriel sich vor, wie die junge Frau ohne das T-Shirt und die ultrakurzen Shorts aussehen würde, mit ihrer sonnengebräunten Haut und den üppig gerundeten Brüsten …

Warum, um alles in der Welt, ließ er zu, dass seine Fantasie so mit ihm durchging? Gabriel schüttelte den Kopf, um die unliebsamen Gedanken loszuwerden.

Kalte Duschen und kaltes Meerwasser schienen nicht mehr auszureichen. Es war wohl schon zu lange her. Doch Gabriel, der über beträchtliche Willensstärke verfügte, war entschlossen, seine Erregung unter Kontrolle zu halten.

Er schob der jungen Frau das Haar am Hinterkopf zur Seite, um nachzusehen, ob sie sich bei dem Aufprall auf den Felsen verletzt hatte.

Sie zuckte zusammen, und er sagte leise: „Entschuldigung. Sie haben keine Wunde, aber eine Beule so groß wie ein Ei.“

„Es fühlt sich an wie das Ei eines Emus …“

Gabriel hob ihr Kinn an und überprüfte, ob ihre Pupillen unterschiedlich stark geweitet waren. Als sie mit ihren großen Augen zu ihm aufblickte und er von heftigem Begehren erfüllt wurde, rückte er schnell ein Stück weg.

„Sie waren bewusstlos. Erinnern Sie sich, wie es dazu gekommen ist? Wissen Sie noch, wie Sie heißen? Hören Sie ein Klingeln in den Ohren?“

Doch die junge Frau schien ihm gar nicht zuzuhören. Stattdessen betrachtete sie ihn aus ihren topasfarbenen, von dichten langen Wimpern umkränzten Augen mit fast unschuldig wirkendem Erstaunen.

„Sie haben da drüben auf den Klippen gestanden, stimmt’s?“

Überrascht zog Gabriel die Brauen hoch. „Sie haben mich gesehen?“

„Nur einen Moment lang.“ Sie wandte kurz den Blick ab und sah ihn dann wieder an. „Das klingt jetzt bestimmt verrückt, aber in dem Moment, als ich bewusstlos wurde, dachte ich, Sie … Sie wären ein Engel.“

Ihre fast ehrfürchtige Stimme ließ ihn leise lachen. „Da muss ich Sie leider schon wieder enttäuschen.“ Er war kein Arzt und ganz sicher auch kein Engel.

Während die Brise des späten Nachmittags die Palmwedel rascheln ließ und die Möwen über ihnen kreischten, sah sie ihn mit glänzenden Augen an und runzelte die Stirn.

„Aber Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.“

Lag es vielleicht doch nicht nur an seinen Erinnerungen, dass es ihm ebenso ging? Waren sie einander womöglich schon einmal begegnet? Vielleicht bei einem Abendessen oder weil sie in derselben Gegend wohnten? Das Leben im schicken Potts Point in Sydney war ziemlich teuer. Andererseits hatten die Gäste des Diamond Shores in aller Regel Geld wie Heu.

Doch bevor Gabriel nachfragen konnte, hielt die junge Frau sich stöhnend den Kopf. Dann lächelte sie entschuldigend. „Es fühlt sich an, als wäre mein Kopf voller Watte.“

„Kein Wunder“, erwiderte Gabriel. Die Stoßverletzung am Kopf musste dringend untersucht werden, außerdem brauchte die junge Frau Schmerzmittel und eine Bandage für ihren Fuß. „Ich werde Ihnen einen Arzt rufen.“

Auf der Insel gab es einen Arzt in ständiger Bereitschaft, außerdem ein Wasserflugzeug und für Notfälle einen Hubschrauber. In beiden wurde französischer Champagner ausgeschenkt. Was für ein dekadenter Luxus!

„Das wäre toll“, sagte die junge Frau und setzte sich auf. „Vielleicht können Sie mich beim Gehen stützen. Oder ich nehme einen Ast als Krücke.“

Sanft drückte Gabriel sie wieder zurück. „Kommt überhaupt nicht infrage. Ich werde Sie tragen.“

„Den ganzen Weg bis zur Ferienanlage?“ Sie lachte ungläubig. „Ich weiß es wirklich zu schätzen, wie ritterlich Sie mir geholfen haben. Aber ich bin nicht gerade ein Fliegengewicht.“

Das stimmte: Sie war zwar schlank, hatte aber üppige Rundungen – ja, sie sah genau so aus, wie eine Frau aussehen sollte.

Gabriel besann sich schneller, als ihm lieb war. Denn die junge Frau stützte sich auf die Ellenbogen und schenkte ihm das Lächeln eines Menschen, der es gewohnt war, seinen Willen durchzusetzen.

Wieder legte er ihr die Hand auf die Schulter und drückte sie sanft auf den Boden zurück. „Legen Sie sich hin“, befahl er, denn er wollte nicht, dass ihr übel oder schwindelig wurde.

„Wie wäre es, wenn Sie einen Arzt holen und ich hier warte?“, schlug sie vor.

Doch darauf wollte Gabriel sich nicht einlassen. „Sie müssen jetzt medizinisch versorgt werden“, sagte er. Außerdem wollte er sie nicht allein lassen – womöglich würde sie doch versuchen, zur Ferienanlage zurückzuhumpeln.

„Sie verstehen das nicht. Ich war schon kein Fliegengewicht, bevor ich das Essen hier kennengelernt habe. Wenn Sie die Nachtische mal probiert haben, wissen Sie, dass man unmöglich nach nur einer Portion aufhören kann.“

Ihre sinnlichen Lippen waren leicht geöffnet, und an ihrem Hals war das feine Pochen ihres Pulsschlags zu sehen. Unwillkürlich fragte Gabriel sich, wie es sich anfühlen würde, diese zarte Stelle mit der Zunge zu berühren. Und wie war es wohl, mit der hübschen Fremden ins Bett zu gehen?

„Hallo? Hören Sie mir überhaupt zu?“

Gabriel gab sich einen Ruck. „Natürlich.“

Sie nickte, zuckte zusammen und berührte ihren Kopf. „Sie sind offenbar wild entschlossen, mich zu tragen, aber ich kann nicht zulassen, dass Sie meinetwegen einen Bandscheibenvorfall bekommen. Und da ich in dieser Sache nun einmal das letzte Wort habe …“

„Das haben Sie allerdings“, unterbrach Gabriel sie. „Sofern es ‚Ja, Sir!‘ lautet.“

Empört blickte sie ihn an. Dann setzte sie sich erneut auf. „Mir war nicht klar, dass ich hier in der Army bin!“

„Ich zähle jetzt bis drei“, entgegnete Gabriel, insgeheim hoffend, dass sie ihm die Stirn bieten würde.

Er wurde nicht enttäuscht.

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