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Brandung der Begierde

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1. KAPITEL

„Was, zum Teufel, haben Sie auf meinem Boot verloren?“

Elena Calderon krampfte die Finger um das weiche Tuch, mit dem sie den Bartresen im oberen Salon polierte. Die autoritäre Männerstimme klirrte vor Kälte und forderte augenblicklichen Gehorsam. Ohne aufzuschauen, wusste Elena, wem sie gehörte. Es gab keinen Irrtum, und es traf sie wie ein Schlag in die Magengrube.

Alessandro Corretti.

Er dürfte nicht hier sein! dachte sie wild. Seit über einem Jahr hatte er die Luxusjacht nicht mehr selbst genutzt, sondern an gut betuchte Fremde vermietet.

„Ich mache hier sauber“, erklärte sie in dem höflich beflissenen Ton, der gut geschultes Bordpersonal auszeichnete. Ihn dabei anzusehen, brachte sie nicht fertig.

„Das soll wohl ein Scherz sein, oder?“

„Absolut nicht“, versicherte Elena und tippte mit dem Finger auf das glänzende Holz. „Laut dem Chefsteward handelt es sich bei dem Tresen um kostbares Teakholz, das regelmäßig poliert werden muss.“

Ich darf mir nichts anmerken lassen! beschwor sie sich.

Was vor sechs Monaten während eines verrückten Tanzes zwischen ihnen gewesen war, hatte absolut nichts zu bedeuten. Es war reiner Zufall gewesen und eher dem Wein, der Musik und dem romantischen Ambiente zuzuschreiben als dem Mann selbst. Zumindest versuchte Elena, sich das einzureden. Genützt hatte es allerdings wenig.

Zögernd drehte sie sich um. Da stand er … halb im Schatten, am Niedergang zum Salon. Doch selbst im Gegenlicht erkannte Elena ihn sofort, und ihr Herz klopfte auf einmal oben im Hals.

Alessandro Corretti: der Mann, der ihr Leben mit einem einzigen Tanz auf den Kopf gestellt hatte und zu dem sie sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Umwerfend attraktiv, aber noch gefährlicher als ihr verlogener, gewalttätiger Exverlobter, der zu allem anderen auch noch in kriminelle Machenschaften verstrickt war, wie sie inzwischen wusste.

Als sie Niccolo verließ, hatte sie es aus Angst vor seiner einflussreichen Familie nicht gewagt, sich an die Polizei zu wenden. Im Vergleich dazu ließ Alessandros familiärer Hintergrund eine derartige Befürchtung geradezu lachhaft erscheinen. Er gehörte zu den Correttis, und die standen über dem Gesetz.

Als er aus dem Schatten trat und näher kam, stockte Elenas Atem, und ihr Puls hämmerte wie verrückt. Es war die gleiche Sehnsucht, die sie schon damals, vor sechs Monaten, in seine Arme getrieben hatte und heimlich hoffen ließ, dass sich alle in ihm täuschten und er ein guter, integrer Mann war, bei dem man sich sicher fühlen konnte.

„Rasend komisch die Scharade, an mich allerdings völlig verschwendet“, knurrte Alessandro gereizt. „Außerdem hast du meine Frage noch nicht beantwortet, Elena.“

Er hat mich also erkannt.

Aber das war es nicht allein, was Elena irritierte. Etwas stimmte mit dem gegenwärtigen Geschäftsführer von Corretti Media nicht. Er wirkte seltsam erschüttert und irgendwie derangiert: angefangen vom wirren Haar bis zu den schmutzigen Schuhen. Dazu trug er einen Abendanzug mit zerknittertem Jackett. Das elegante Smokinghemd war zerrissen und stand über der gebräunten Brust offen. Dazu kamen ein blaues Auge, eine Schwellung am Kinn, eine aufgeplatzte Lippe und andere Blessuren, die seiner aristokratischen Schönheit seltsamerweise keinen Abbruch taten. Der Blick aus eigentümlich dunkelgrünen Augen war hart und durchdringend.

Dass er sie nach so langer Zeit und an diesem ungewöhnlichen Ort überhaupt erkannte, ohne dass er von ihrer Anwesenheit auf der Jacht wusste, wunderte Elena. Erwartet hätte sie, dass ein Mann wie er, dem die Frauen scharenweise nachliefen, ihre kurze Begegnung längst vergessen hatte. Was sie immer noch erfolglos versuchte …

„Ich bin nicht als Schauspielerin engagiert worden, sondern arbeite hier an Bord“, erklärte sie ruhig.

„Den Teufel tust du!“

„Nach was sieht das denn aus?“, fragte Elena jetzt schon eine Spur schärfer. Sie wedelte mit dem Putztuch und wies auf ihre Uniform, bestehend aus schickem Faltenrock und schwarzem Poloshirt, das mit dem Namen der Jacht bedruckt war. Dazu trug sie praktische Bordschuhe.

Alessandro verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie grimmig von Kopf bis Fuß. Nichts war zu sehen von dem Feuer und Verlangen, das sie vor sechs Monaten am ganzen Leib hatte zittern lassen. „Und als was arbeitest du hier? Als Putzfrau?“ Er schaffte es, die Frage gleichzeitig ungläubig und beleidigend klingen zu lassen.

Als er langsam auf sie zukam, biss Elena die Zähne zusammen und unterdrückte nur mit Mühe einen unbändigen Fluchtreflex. Verdammt! Warum sieht dieser Kerl trotz derangierter Kleidung und Blessuren nur so unverschämt gut aus? Und warum hat er immer noch diese verheerende Wirkung auf mich?

„Ich bin Schiffsstewardess, und die Jacht zu säubern, ist nur eine meiner Aufgaben.“

„Aber sicher. Und wann genau hat dich der Drang, Designerklamotten und heiße Schlitten gegen niedere Arbeiten einzutauschen, überfallen?“, erwiderte er zynisch. „Wahrscheinlich ist es auch purer Zufall, dass du ausgerechnet auf dieser Jacht gelandet bist.“

„Ich wusste tatsächlich nicht, dass sie dir gehört.“ Jedenfalls nicht zu dem Zeitpunkt, als sie auf die Stellenanzeige geantwortet hatte. Und zwar nachdem sie eingesehen hatte, dass es viel zu gefährlich war, als Kellnerin in Restaurants entlang der sizilianischen Küste zu arbeiten, wenn sie nicht riskieren wollte, gefunden zu werden. Als sie den Job auf der Jacht bekam, hatte sie sich zu ihrem klugen Schachzug gratuliert. Doch jetzt wünschte Elena, sie wäre ihrem ersten Impuls gefolgt und geflohen, als sie den Namen des Eigners gehört hatte. „Als ich es herausfand, war ich bereits eine Woche an Bord und auf hoher See. Man hat mir gesagt, du würdest die Jacht nur sehr selten, wenn überhaupt, selbst nutzen.“

Außerdem hatte sie sich eingeredet, Alessandro schulde ihr etwas, nachdem er ihr Leben mit einem einzigen Tanz komplett aus den Angeln gehoben und auf den Kopf gestellt hatte – ob er es nun wusste oder nicht. Und das Gefühl, er müsste sie nun dafür entlohnen – wenn auch nur indirekt –, verschaffte ihr Befriedigung und verlieh ihr ein gewisses Empfinden von Macht.

„Was für eine absurde Idee, seine Langeweile ausgerechnet mit derart niedrigen Tätigkeiten vertreiben zu wollen!“

Alessandro stand jetzt dicht vor ihr, zum Glück auf der anderen Seite der Bar, beide Hände auf den glänzenden Tresen gestützt. Würde sie auf der gleichen Seite stehen, wäre sie jetzt zwischen seinen starken Armen gefangen.

„Es ist eine ernsthafte, ehrbare Arbeit“, protestierte Elena, was ihr ein zynisches Auflachen seinerseits einbrachte.

„Für eine ernsthafte und ehrbare Frau willst du sagen?“

Sie wusste nicht, worüber sie sich mehr ärgerte: dass sie sich von seiner Fehleinschätzung und Ironie verletzt fühlte oder dass Alessandro das an ihrem Zusammenzucken und den geröteten Wangen ablesen konnte.

Im Grunde kannte er sie gar nicht. Denn abgesehen von der geradezu schockierenden gegenseitigen Anziehung während der Wohltätigkeitsveranstaltung vor etlichen Monaten bestand keine Verbindung zwischen ihnen. Er wusste weder etwas über die schmähliche Rolle, die sie in jener Nacht auf Geheiß ihres damaligen Verlobten hatte spielen sollen, noch von dem perfiden Plan, den Niccolo ausgeheckt hatte.

Und sie war nah daran gewesen, als seine Komplizin bei dem niederträchtigen Betrug mitzumachen! Dafür schämte sie sich heute noch. Genauso wie für ihre alberne Reaktion auf Alessandro, der allerdings keinen Deut besser war als ihr Exverlobter.

Beide Männer waren vom gleichen, harten Schlag, stammten aus ähnlichen Familienstrukturen und verfolgten ihre Ziele mit denselben Waffen: Brutalität und Ausbeutung. In den sechs Monaten, die sie inzwischen auf der Flucht war, hatte Elena in der Presse und im Internet mehr als genug über Alessandro und die Correttis gelesen, um vor ihm auf der Hut zu sein. Besonders da sie nicht die leiseste Ahnung hatte, was er über die geplatzte Verlobung seines erbitterten Rivalen Niccolo Falco und dessen vermisster Verlobten wusste.

„Dass du keine hohe Meinung von mir hast, weiß ich ja bereits“, bemerkte Elena kühl, nachdem sie entschieden hatte, dass Angriff immer noch die beste Verteidigung war. „Aber Menschen können sich ändern.“

Alessandro schüttelte den Kopf. „Nicht Menschen ändern sich, sondern allein die Umstände.“

Am liebsten hätte sie widersprochen, doch innerlich musste sie ihm recht geben. „Wenn du mich nicht an Bord der Jacht …“

„Ich will dich nicht hier haben.“

Elena schluckte und senkte den Blick. Sie musste ihr Temperament unbedingt im Zaum halten. Ein Anruf in Niccolos Villa und sie wäre geliefert. Schlimm genug, dass der Prunkbau außerhalb von Neapel beinahe ihr neues Zuhause geworden wäre!

Wahrscheinlich würde es Alessandro enorme Genugtuung bereiten, sie als Spielball in der Auseinandersetzung mit ihrem Exverlobten zu missbrauchen. Zwischen seiner und Niccolos Familie herrschte seit Generationen eine gnadenlose Rivalität.

Denk nach! befahl sie sich selbst. Hör endlich auf, ihn anzuschmachten, und lass dir lieber einen neuen Plan einfallen.

„Wenn du mich los sein willst, werde ich natürlich von Bord gehen“, gab sie anscheinend nach. „Allerdings sind wir hier auf dem offenen Meer …“

In Alessandros Augen blitzte es gefährlich auf, eine andere Regung war ihm nicht anzusehen. „Dann hoffe ich nur, dass du schwimmen kannst.“

„Habe ich leider nie gelernt“, log Elena dreist und lächelte herausfordernd. „Willst du mir nicht Unterricht geben?“

„Ich denke, ich kann ein Rettungsboot entbehren“, sinnierte er laut, ohne auf ihren Flirtversuch einzugehen. „Sicher wirst du bald irgendwo an Land treiben, so groß ist das Mittelmeer ja nicht … relativ gesehen.“

Dio! Wie kann ich einen Kerl attraktiv finden, der entschlossen scheint, mich eiskalt auf offener See in einem winzigen Boot auszusetzen? Vielleicht weil er trotz derangierter Kleidung, lädiertem Auge und aufgeplatzter Lippe wie ein dunkler römischer Gott wirkte?

Sei scemo! Du bist ja verrückt! schalt Elena sich selbst. Vergiss nicht, dass er mindestens so gefährlich ist wie Niccolo! Wahrscheinlich war er sogar noch viel skrupelloser als ihr gewalttätiger Exverlobter. Aber warum habe ich dann keine Angst vor ihm?

„Du wirst mich schon nicht über Bord werfen“, sagte sie zuversichtlich.

Plötzlich schien die Luft um sie herum elektrisch aufgeladen zu sein. Die angespannte Atmosphäre erinnerte Elena an jenen schicksalhaften Tanz, als Alessandro sie etwas zu nah an sich gezogen und sie etwas zu fest gehalten hatte. Sie hatte ihm in die Augen geschaut und es einfach gewusst …

„Natürlich nicht!“

In seinen dunklen Augen las sie weitaus Alarmierenderes als Wut oder Ärger. Der Ausdruck weckte Erinnerungen und Verlangen in ihr. Sie musste sich vorsehen.

„Dafür habe ich Angestellte.“

„Alternativvorschlag“, entgegnete sie leichthin. „Praktikabler und weniger dramatisch. Warum setzt du mich nicht einfach im nächsten Hafen an Land?“

Alessandro lachte, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und zuckte zusammen, als hätte er vergessen, dass er verletzt war. „Offenbar muss ich deutlicher werden …“

Unter seinem sengenden Blick erbebte sie, aber nicht aus Furcht.

„Niccolo Falcos Frau ist hier nicht willkommen. Nicht auf dieser Jacht, nicht auf meiner Insel und auch sonst nicht in meiner Nähe. Entweder du schwimmst, oder du nimmst das Rettungsboot. Deine Wahl.“

„Ah, verstehe …“ Anstatt in Panik zu geraten, fand Elena zunehmend Gefallen an dem Geplänkel. „Du brauchst deine kleine Revanche.“ Sie versuchte, gelangweilt zu klingen. „Ich habe dich zurückgewiesen, darum willst du mich über Bord werfen. Für Männer wie dich ist das offenbar der einzig gangbare Weg, wenn ihr kostbares Ego gelitten hat.“

„Männer wie ich …“, wiederholte er rau, als hätte sie einen Fluch über ihn ausgesprochen.

Erst jetzt wurde Elena bewusst, wie blass und müde er plötzlich aussah. Ihr Herz zog sich zusammen. Auf keinen Fall durfte sie schwach werden, sonst war sie verloren. „Du bist ein Corretti“, erinnerte sie ihn kühl. „Und wir wissen beide, was das heißt.“

„Bootsverleih und kostenlose Schwimmstunden?“, spöttelte er trocken, doch sein Blick verdunkelte sich.

„Das wird wohl kaum dem Ruf des Verbrechersyndikats gerecht, das du als deine Familie bezeichnest“, entgegnete sie mit flirrendem Lächeln. „Wobei jeder weiß, dass dies in Sizilien auch ein Synonym für …“

„Stimmt, ich erinnere mich“, schnitt er ihr das Wort ab. „Unqualifizierte Attacken und persönliche Angriffe sind ja deine Spezialität. Du solltest dir nur ein neues Konversationsthema suchen, sonst gerätst du in die Gefahr, deine Zuhörer zu langweilen, Elena.“

Obwohl er sich nicht bewegt hatte, fühlte sie sich plötzlich bedrängt und in die Enge getrieben. Sie hörte die harschen, verletzenden Worte, mit denen sie sich in jener Nacht in dem prachtvollen Ballsaal in Rom gegenseitig bombardiert hatten. Und wieder spürte sie den beängstigenden Flächenbrand, den seine eindringlichen Blicke in ihr entfachten.

Damals wie heute war es ungeheuer verlockend, alles um sich herum zu vergessen und sich hemmungslos dem gefährlichen Rausch hinzugeben. Elenas Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen. Sie hatte so viel zu verlieren, wenn sie jetzt versagte und riskierte, dass Niccolo sie fand. Wenn sie zuließ, dass sie Alessandro Correttis verheerender Anziehung erlag, nach all den Monaten und allem, was inzwischen geschehen war …

Wieder flüchtete sie sich in Sarkasmus und Koketterie, um ihre wahren Gefühle zu verbergen. „Gut, dann will ich deinem Selbstmitleid nicht länger im Weg stehen.“ Damit legte sie das Poliertuch zur Seite, kam um die Bar herum und steuerte auf den Niedergang zu. „Schließlich ist es ein perfekter Tag für ein Bad, oder? Bestimmt werde ich in so einem kleinen Meer nicht gleich untergehen, nur weil ich nicht schwimmen …“

„Stopp, Elena.“

Sie ignorierte den Anruf und begann, die Stufen hochzusteigen.

„Soll ich dich persönlich daran hindern zu gehen?“, fragte er im Konversationston. „Wer weiß, wo das hinführen könnte?“ Seine letzten Worte bannten sie auf der Stelle fest. „Hier steht keine Anstandsdame und auch kein eifersüchtiger Verlobter am Rand der Tanzfläche, der uns von etwas abhalten könnte, was wir später ganz sicher bereuen. Was mich an etwas erinnert …“ Mit zwei schnellen Schritten war er bei ihr. „Kann man inzwischen gratulieren und dich Signora Falco nennen?“

Elena brauchte ihre ganze Willensanstrengung, um sich nicht zu rühren. Und um diesem arroganten, gefährlichen Mann nicht die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. Obwohl es sich anders anfühlte, kannte sie ihn im Grunde genommen gar nicht und durfte ihm unter keinen Umständen vertrauen, auch wenn der Drang dazu fast übermächtig war.

Sie dachte an ihre Eltern, ihre zarte, liebevolle Mutter und ihren schwachen, kranken Vater. Was mussten die beiden nach Niccolos dreisten Lügen von ihr denken? Gepeinigt schloss sie die Augen. Sie war nicht ganz unschuldig daran. Plötzlich sah sie das verschlafene, kleine Dorf vor sich, aus dem sie stammte. Hoch über dem Meer an einen riesigen Felsen geklebt wie ein Schwalbennest. Dort sah alles immer noch so aus wie vor hundert Jahren. Sie liebte den Ort, der es wert war, bewahrt und erhalten zu werden. Und sie war die Einzige, die ihm diesen Schutz gewähren konnte.

Schließlich war das Problem erst durch ihre Dummheit und Selbstsucht entstanden, als sie Niccolo davongelaufen war. Eine Rückkehr kam nicht infrage.

„Nein“, antwortete sie rau. „Noch nicht.“

„Ah … dann ist dir die große Ehre also bisher verwehrt geblieben?“

Sein Sarkasmus weckte ihren Widerspruchsgeist. Elena wandte den Kopf und lächelte Alessandro direkt in die Augen. „Ich kann mir tatsächlich keine größere vorstellen.“

„Natürlich nicht und darum hast du dir auch kurz vor der Hochzeit eine Auszeit genommen, um dich als Schiffsstewardess zu verdingen“, spottete er. „Und dann noch ausgerechnet auf meinem Boot, wo Europas Häfen gerade in diesem Jahr voll mit Luxusjachten sind.“

„Ich habe es oft genug bereut, mir vor dem Studium kein Sabbatjahr gegönnt zu haben“, konterte sie leichthin. „Dies ist meine Chance, das Versäumte nachzuholen.“

„Und was kommt dann, Elena? Was passiert, wenn dein aufregendes Abenteuer endet?“ Alessandros dunkle Stimme triefte vor Ironie, sein Blick ließ sie nicht los. „Wird die kleine Ausreißerin dann brav an den Altar zurückkehren, um ihr Schicksal zu besiegeln und Niccolo Falco für den Rest ihres Lebens eine devote, fügsame Ehefrau zu sein? So, wie er es unzweifelhaft bevorzugt?“

Sie wollte mit ihm nicht über ihren Exverlobten reden. Und schon gar nicht über die geplante Hochzeit, vor der er sie bereits an jenem Abend eindringlich und mit ungeschminkten Worten gewarnt hatte. Es rührte etwas in ihr an, das sie lieber rasch von sich schob: nebulöse Sehnsüchte, winzige Hoffnungsschimmer … doch hier ging es nicht um sie und Alessandro Corretti, sondern um sie und ihren Exverlobten.

„Selbstverständlich“, behauptete Elena.

Da lachte Alessandro hart auf. „Ich habe mein Soll, was Horrorhochzeiten betrifft, jedenfalls erfüllt. Erst gestern ist meine eigene geplatzt. Meine errötende Braut hatte nur noch einen Meter zum Altar, als sie es sich spontan anders überlegt hat.“ Sein Blick durchbohrte sie förmlich. „Aber ich wette, deine Trauung wird noch übler ausfallen.“

Elena wollte nicht an seine Hochzeit denken, egal, ob sie stattgefunden hatte oder nicht. Und noch weniger an ihre eigene. Erneut musste sie sich auf die Zunge beißen, um nicht mit der Wahrheit herauszuplatzen. Alessandro war weder ihr Freund noch ihr Vertrauter. Und auch nicht der sichere Hafen, nach dem sie sich sehnte. Warum fiel es ihr nur so schwer, das zu begreifen?

„Tut mir leid … das mit deiner Hochzeit.“ Mehr gab es dazu wohl nicht zu sagen.

„Mir nicht.“ Es war der seltsame Anklang von Selbstvorwurf, der sie aufhorchen ließ. „Jedenfalls nicht so, wie es zu erwarten wäre. Und nicht aus den richtigen Gründen.“

Alessandro straffte sich und trat so dicht an Elena heran, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spürte. Wenn sie jetzt nur leicht den Kopf beugte, könnte sie ihn küssen, da sie im Niedergang zwei Stufen über ihm stand.

„Verrate mir, warum du wirklich hier bist“, forderte Alessandro in völlig verändertem Ton. Kein Hauch von Ironie oder Spott war mehr zu hören. „Und erspare mir weitere Märchen über Auszeiten und Abenteuertrips. Vergiss nicht, dass ich genau weiß, was für ein Typ Frau du bist. Ich habe es jedenfalls keine Sekunde vergessen.“

Eigentlich gab es keinen Grund, seine letzten Sätze als verbale Ohrfeige zu empfinden, andererseits kannte sie natürlich seine Einschätzung ihres Charakters. „Und das kommt ausgerechnet von dir.“ Sie versuchte, nicht verletzt zu klingen. „Offenbar hast du vergessen, dass ich weiß, wer und wie du bist.“

„Falsche Antwort“, kam es gelassen zurück.

Gereizt verdrehte sie die Augen. „Offen gesagt solltest du eigentlich nie erfahren, dass ich überhaupt jemals an Bord war. Also setz mich einfach im nächsten Hafen an Land und alles ist gut.“

Einen Moment sah es so aus, als würde er einlenken und ihren Vorschlag akzeptieren, doch dann schüttelte Alessandro den Kopf. „Das bezweifel ich …“, murmelte er und fixierte ihren weichen Mund.

„Alessandro …“ Sie brach ab, als sich ihre Blicke trafen. Ihr Herz machte einen Sprung. Es war, als würde er sie körperlich berühren.

„Ich bin noch nie von jemandem ausspioniert worden, der auch nur annähernd so attraktiv und ineffizient ist wie du, Elena“, sagte er samtweich.

„Ausspionieren?“, echote sie ehrlich verblüfft. „Ich … dich?“

„Warum sonst solltest du ein Tier wie Falco heiraten wollen?“ Er hob die Schultern in einer typisch sizilianischen Weise. „Du bist offenbar eine Frau voller Geheimnisse, bella, mit großen unschuldigen Augen, voller Möglichkeiten und Unmöglichkeiten …“ Er schien zu sich selbst zu sprechen – und zu einem Entschluss zu kommen. „Wahrscheinlich ist es besser, dich im Auge zu behalten.“

Sein Lächeln enthielt keine Spur von Romantik, und Elena spürte, wie ihr Herz sank. Sie schien in ernsthaften Schwierigkeiten zu stecken, und wieder einmal war Alessandro Corretti der Grund dafür.

2. KAPITEL

Erst in der dekadenten Outdoor-Regenwalddusche, die zu seinem Luxusschlafzimmer gehörte, gelang es Alessandro, sich zu entspannen. Und endlich einmal durchzuatmen.

Das großzügige Strandhaus war der einzige Ort, den er wirklich als sein Zuhause betrachtete. Er hatte es nach eigenen Entwürfen auf dieser kleinen Insel errichten lassen, die näher an der sardischen Küste als an der sizilianischen lag. Hier spielte es keine Rolle, dass er zu den Correttis gehörte.

Erschöpft schloss er die Augen und wartete auf die wohltuende Wirkung des heißen Wassers. Er wollte nur noch vergessen … den Skandal um seine Hochzeit, Alessia Battaglias überstürzte Flucht, wodurch der Deal zwischen ihren beiden Familien geplatzt war, und vor allem seinen ungeliebten Cousin Matteo, Alessias derzeitigen Liebhaber. Ganz zu schweigen von der alkoholgeschwängerten letzten Nacht, an die er sich kaum erinnerte.

Sein lädiertes Gesicht sprach allerdings für sich. Dazu kamen die zynischen und anzüglichen Kommentare der Carabinieri, als er heute Morgen in einer Gefängniszelle erwacht war. Beides nicht gerade förderlich für das Image des Geschäftsführers von Corretti Media.

Hinter seinen Schläfen hämmerte es immer noch schmerzhaft, was nicht zuletzt von den dreisten Fragen und üblen Andeutungen der Pressevertreter herrührte. Wie eine geifernde Meute hatten sie am Morgen das Hotel belagert, in das sein Bruder Santo ihn hatte bringen wollen, nachdem er ihn aus dem Gefängnis geholt hatte.

Wussten Sie, dass Ihre Verlobte mit Ihrem Cousin ins Bett geht? Mit Ihrem erbittertsten Rivalen? Können die Correttis überhaupt noch einen weiteren Skandal verkraften? Wie gehen die Vorstandsmitglieder von Corretti Media mit der öffentlichen Schande um?

Er wollte nur noch vergessen und Abstand zu dem Chaos gewinnen, das seine treulose Verlobte und sein verhasster Cousin hinterlassen hatten. Und nicht darüber nachgrübeln, wie er das jemals wieder in Ordnung bringen sollte.

Und dann war da auch noch Elena …

Diese seelenvollen blauen Augen, wie ein perfekter sizilianischer Sommerhimmel. Und das lange blonde Haar, das wie ein seidiger Wasserfall über ihren Rücken herabfiel und ihm als Erstes aufgefallen war. Heute trug sie es kürzer und mit einem dunklen Band schlicht im Nacken zusammengenommen. Selbst die wenig kleidsame Borduniform tat ihrer natürlichen Schönheit und Grazie keinen Abbruch.

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