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Boys don’t cry

Über die Autorin

Malorie Blackman wurde 1962 in London geboren. Ihre Bücher sind in Großbritannien absolute Bestseller, einige ihrer über 50 Bücher wurden verfilmt und viele mit Preisen ausgezeichnet. Malorie Blackman lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in England. Im Boje Verlag ist bereits die Trilogie Himmel und Hölle, Asche und Glut und Schachmatt erschienen.

MALORIE BLACKMAN

BOYS DON’T CRY

Aus dem Englischen
von Christa Prummer-Lehmair
und Katharina Förs

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT






Für Neil und Lizzy,

in Liebe – wie immer

1 DANTE

Viel Glück heute. Hoffe, du kriegst, was du willst und brauchst. Smiley

Lächelnd las ich die SMS, die mir meine Freundin Collette geschickt hatte. Aber ich lächelte nicht lange, dazu war ich zu kribbelig. Donnerstag. Bekanntgabe der A-Level-Ergebnisse, der Abschlussnoten! Zugegeben, ich hätte nicht gedacht, dass ich so nervös sein würde. Ich war mir sicher, gut abgeschnitten zu haben. Das heißt, ich war mir fast sicher. Aber eben dieses fast brachte mich schier um. Zwischen dem Einsammeln der Prüfungsunterlagen und der Benotung lagen unzählige Möglichkeiten. Vielleicht hatte derjenige, der meine Arbeit benotete, am selben Tag sein Auto zu Schrott gefahren oder gerade Beziehungsstress – es konnte Gott weiß was passiert sein, das den Prüfer in eine tierisch schlechte Laune versetzt hatte, die er dann an meiner Arbeit ausließ. Verflucht noch mal! Ein kosmischer Strahl konnte meine Arbeit getroffen und sämtliche Antworten verändert haben – und zwar bestimmt nicht zum Besseren.

»Sei kein Idiot – du hast bestanden«, sagte ich mir.

Es war ganz einfach. Ich musste bestehen. Eine Alternative gab es nicht.

Gute Zensuren in vier Fächern brauchte ich, nicht mehr und nicht weniger. Damit konnte ich zur Uni gehen. Auf und davon, bloß weg von hier. Und auch noch ein Jahr früher als alle meine Freunde.

Du hast bestanden …

Denk positiv! Ich versuchte, von irgendwo ganz tief in meinem Innern Zuversicht zu schöpfen. Dann fühlte ich mich noch idiotischer und hörte wieder auf damit. Aber es war eben doch so, wie Dad immer sagte: »Die Versuchung lauert an jeder Ecke, aber manche Gelegenheit bietet sich nur einmal.« Und ich wusste nur allzu gut, dass die Abschlussergebnisse meine Chance waren, nicht nur durchzustarten, sondern abzuheben und zu fliegen. Dad hatte haufenweise solche Glückskeks-Sprüche auf Lager. Seine »Lebensweisheiten«, wie er sie nannte, waren lauter langweilige Moralsätze, die mein Bruder Adam und ich uns schon tausendmal hatten anhören müssen. Aber wann immer wir uns bemühten, Dad das begreiflich zu machen, entgegnete er: »Ich habe alle Chancen, die mir das Leben bot, vertan. Und ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass meine Söhne es ebenso machen.« Mit anderen Worten, Pech gehabt!

Dante, hör auf, dir Sorgen zu machen. Du hast bestanden …

Das Studium war ja nur Mittel zum Zweck. Klar freute ich mich auf die Uni, darauf, neue Leute kennenzulernen, neue Dinge zu erfahren, woanders zu wohnen und völlig unabhängig zu sein. Aber ich dachte viel weiter. Sobald ich einen anständigen Job hatte, würde sich alles ändern – oder zumindest, sobald ich mein Studiendarlehen zurückbezahlt hatte. Hauptsache, meine Familie musste nicht mehr jeden Penny zusammenkratzen. Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, wann wir das letzte Mal im Ausland in Urlaub waren.

Mit drei ungeduldigen Schritten war ich am Wohnzimmerfenster. Schob den schmutzig grauen, an ein Spitzendeckchen erinnernden Vorhang zur Seite, starrte die Straße auf und ab. An diesem Augustmorgen strahlte die Sonne bereits früh warm und hell. Vielleicht war das ein gutes Omen – wenn man an so etwas glaubte. Was ich, ehrlich gesagt, nicht tat.

Wo zum Teufel blieb der Briefträger?

Wusste er denn nicht, dass er meine ganze Zukunft in seiner Tasche hatte? Schon komisch, ein einziges Blatt Papier würde über den Rest meines Lebens entscheiden.

Ich muss die Prüfung bestehen … unbedingt …

Die Worte geisterten mir im Kopf herum wie ein lästiger Ohrwurm. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich mir etwas sehnlicher gewünscht. Vielleicht, weil die Prüfungsergebnisse mein Leben waren. Meine ganze Zukunft hing von einem Stück Papier und den paar Buchstaben der Benotung ab – je weiter vorn im Alphabet, desto besser!

Ich ließ den Spitzenvorhang zurückfallen und wischte mir die staubigen Hände an der Jeans ab. Warum fühlte sich der Staub an schmuddeligen Gardinen irgendwie klebrig an? Ich nahm sie kritisch unter die Lupe. Wann waren sie das letzte Mal mit Waschlauge in Berührung gekommen? Sie hingen da, seit ich Mum geholfen hatte, sie anzubringen. Wie lange war das her? Ungefähr neun Jahre, so um den Dreh? Immer wenn ich mit Staubsaugen dran war, saugte ich sie mit dem Staubsaugerrohr ab, in der Hoffnung, auf diese Weise einen Teil des Drecks zu entfernen. Aber mittlerweile war das Gewebe zu brüchig dafür. Dad versprach immer wieder, sie zu waschen oder neue zu kaufen, aber irgendwie schaffte er weder das eine noch das andere. Ich ließ den Blick durch das Zimmer schweifen und überlegte, womit ich mir die Wartezeit vertreiben konnte. Um auf andere Gedanken zu kommen … mich abzulenken …

Wie aufs Stichwort klingelte es. Einen Herzschlag später war ich an der Tür und riss sie voll ängstlicher Erwartung auf.

Es war nicht der Briefträger.

Es war Melanie.

Ich starrte sie an. Erst nach ein paar Sekunden sah ich, dass sie nicht allein war. Ich starrte auf den Buggy neben ihr.

»Hallo, Dante.«

Ich sagte kein Wort. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit galt dem Baby im Buggy.

»K-kann ich reinkommen?«

»Ähm … ja, sicher. Natürlich.« Ich trat beiseite. Melanie schob den Buggy an mir vorbei. Stirnrunzelnd schloss ich die Tür hinter ihr. Sie blieb im Flur stehen und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Abwartend sah sie mich an, wie eine Schauspielerin, die auf ihren Einsatz wartet. Dabei wusste sie doch, wo das Wohnzimmer war, sie kannte unser Haus.

»Geh ruhig rein.« Ich deutete auf die offene Tür.

Als ich ihr folgte, schwirrten die Gedanken in meinem Kopf herum wie Bienen. Was tat die denn hier? Ich hatte sie ewig nicht gesehen … mindestens anderthalb Jahre. Was wollte sie?

»Bist du Babysitterin?« Ich zeigte auf das Bündel im Buggy.

»Ja, könnte man so sagen«, antwortete Melanie und sah sich die vielen Familienfotos an, die Dad links und rechts von Mums Lieblingsvase aus Bleikristall auf der Fensterbank und überall im Raum aufgestellt hatte. Auf manchen war ich, auf mehr davon Adam; die meisten jedoch zeigten Mum. Nur aus dem letzten Jahr vor ihrem Tod gab es keine. Ich weiß noch, dass Dad sie damals fotografieren wollte – er knipste ständig –, aber Mum hatte es nicht zugelassen. Und nach ihrem Tod hatte Dad die Kamera nicht wieder in die Hand genommen. Mel ließ den Blick von Foto zu Foto gleiten, studierte jedes eingehend. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was daran so faszinierend war.

Während Melanie mit den Fotos beschäftigt war, nutzte ich die Gelegenheit, sie richtig anzusehen. Sie wirkte wie immer, vielleicht ein bisschen schlanker, aber das war auch schon alles. Zu ihren schwarzen Jeans trug sie ein hellblaues T-Shirt, darüber eine dunkelblaue Jacke. Ihre dunkelbraunen Haare schienen kürzer als früher, kürzer und stacheliger. Aber sie war nach wie vor umwerfend, mit den größten braunen Augen, die ich je gesehen hatte, eingerahmt von den längsten dunkelsten Wimpern. Ich warf einen kurzen Blick auf das Bündel im Buggy, das wie gebannt die Lampe in der Mitte der Zimmerdecke betrachtete.

»Wie heißt es?«

»Sie heißt Emma.« Pause. »Möchtest du sie mal nehmen?«

»Nein. Ich meine, ähm, … nein, danke.« Meine Antwort kam in panischer Hast. War Melanie denn komplett irre? Auf keinen Fall wollte ich ein Baby halten. Und sie hatte mir immer noch nicht verraten, was sie eigentlich hier wollte. Nicht dass ich mich nicht über ihren Besuch gefreut hätte. Aber es war eben schon so lange her. Melanie war vor über anderthalb Jahren von der Schule abgegangen und seitdem hatte ich weder etwas von ihr gesehen noch gehört. Auch sonst hatte das keiner, soweit ich wusste.

Und jetzt war sie bei mir zu Hause.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagte sie: »Ich bin weggezogen zu meiner Tante und nur für einen Tag hier, um eine Freundin zu besuchen. Da ich gerade in der Nähe war, dachte ich, ich könnte mal vorbeischauen. Ich hoffe, es stört dich nicht.«

Ich schüttelte den Kopf und rang mir ein Lächeln ab. Plötzlich war ich verlegen.

»Genau genommen reise ich heute noch ab«, fuhr Melanie fort.

»Zurück zu deiner Tante?«, fragte ich.

»Nein. Hoch in den Norden. Ich werde eine Weile bei Freunden wohnen.«

»Schön.«

Schweigen.

»Kann ich dir was anbieten? Was zu trinken?«, sagte ich schließlich.

»Mmh … einen Schluck Wasser vielleicht. Wasser wäre gut.«

Ich ging in die Küche und füllte ein Glas am Wasserhahn. »Bitte.« Zurück im Wohnzimmer reichte ich es ihr.

Das Glas zitterte ein wenig, als Melanie es an die Lippen hob. Nach zwei oder drei Schlucken stellte sie es auf dem Fensterbrett ab. Dann zog sie eine Schachtel aus ihrer Jackentasche, nahm eine Zigarette heraus und steckte sie sich zwischen die Lippen. »Macht’s dir was aus, wenn ich rauche?«, fragte sie, während sich die Flamme ihres Feuerzeugs längst dem Zigarettenende näherte.

»Ähm … Mir nicht, aber Dad und Adam schon. Besonders Adam. Der ist ein fanatischer Nichtraucher, und sie kommen beide bald nach Hause.«

»Wie bald?«, fragte Melanie scharf.

Ich zuckte die Schultern. »In einer halben Stunde oder so.«

Warum klang ihre Stimme so angespannt? Einen Augenblick lang hatte sie fast … panisch gewirkt.

»Ach, gut. Na ja, bis dahin hat sich der Geruch verzogen«, meinte Mel und zündete sich ungerührt die Zigarette an.

Verdammt. Ehrlich gesagt war ich auch nicht gerade scharf auf den Qualm. Melanie zog an der Zigarette, als wollte sie den gesamten Tabak darin einsaugen. Sie schloss ein paar Sekunden lang die Augen, ehe sie durch die Nasenlöcher graue Rauchkringel ausstieß. Potthässlich sah das aus. Und der Geruch breitete sich unaufhaltsam im Raum aus. Ich seufzte innerlich. Adam würde durchdrehen. Schließlich öffnete Melanie die Augen und ließ ihren Blick über mich gleiten, sagte aber kein Wort. Noch einmal inhalierte sie, als wäre die Zigarette eine Sauerstoffflasche und ihre einzige Luftquelle.

»Ich wusste gar nicht, dass du rauchst«, bemerkte ich.

»Hab vor etwa einem Jahr angefangen. Eines der wenigen Vergnügen, die mir geblieben sind«, erklärte sie.

Wir beäugten einander. Ein Schweigen, angespannt wie ein straffes Gummiband, breitete sich zwischen uns aus. Meine Güte. Was sollte ich jetzt bloß sagen?

»Also … wie geht’s dir? Was hast du so getrieben?« Erbärmliche Fragen, aber mehr fiel mir nicht ein.

»Ich habe mich um Emma gekümmert«, antwortete Melanie.

»Ich meine, abgesehen davon?«, hakte ich mit leichter Verzweiflung nach.

Ein leises Lächeln umspielte einen von Melanies Mundwinkeln. Sie zuckte die Schultern, sagte aber nichts darauf. Stattdessen wandte sie den Kopf ab, um sich weiter im Zimmer umzusehen.

Schweigen.

Das Baby fing an zu brabbeln.

Wenigstens ein Geräusch, das die irritierende Stille durchbrach.

»Und du?«, fragte Melanie, hob das Baby aus dem Buggy und drückte es mit dem linken Arm an sich, während sie die Zigarette in den rechten Mundwinkel schob. »Was hast du so getrieben?« Sie blickte mich dabei nicht an, sondern ließ ihre Augen auf dem Ding auf ihrem Arm ruhen. Das Ding brabbelte lauter und versuchte sich enger an sie zu kuscheln. »Wie sehen deine Pläne aus, Dante, jetzt nach den Prüfungen?«

Zum ersten Mal, seit sie hier war, richtete sie offen den Blick auf mich und wandte ihn nicht gleich wieder ab. Und der Ausdruck in ihren Augen war erschreckend. Ihr Gesicht hatte sich gar nicht so sehr verändert, seit ich sie zuletzt gesehen hatte, ihre Augen hingegen schon. Sie wirkten … irgendwie älter. Und trauriger. Ich schüttelte den Kopf. Da ging nur mal wieder die Fantasie mit mir durch. Melanie war nicht mehr oder weniger gealtert als ich.

»Momentan warte ich auf die Ergebnisse«, entgegnete ich. »Sie sollten eigentlich heute kommen.«

»Was meinst du, wie du abgeschnitten hast?«

Ich kreuzte die Finger und hielt sie hoch. »Ich hab mich total reingehängt, aber wenn du das jemandem verrätst, wirst du das bereuen!«

»Gott bewahre! Dass nur bloß niemand herausfindet, dass du … tatsächlich gelernt hast. Keine Angst, bei mir ist dein Geheimnis sicher«, sagte Melanie lächelnd.

»Wenn ich bestanden habe, gehe ich zur Uni und studiere Geschichte.«

»Und danach?«

»Journalismus. Ich möchte Reporter werden und Artikel schreiben, die jeder lesen will.«

»Etwa für eines dieser Klatschmagazine?«, hakte Melanie nach.

»Himmel, nein! Doch kein Promireporter. Wie langweilig wäre das denn, untalentierte Hohlköpfe zu interviewen, die nur deswegen berühmt sind, weil sie ständig in den Medien präsent sind. Nein, danke«, erwiderte ich und lief allmählich für das Thema warm. »Ich will richtige Nachrichten schreiben. Über Kriege und Politik und solches Zeug.«

»Ah, das klingt schon mehr nach dem Dante, den ich kenne«, sagte Melanie. »Warum?«

Die Frage überraschte mich. »Wie bitte?«

»Warum reizt es dich so, über solches Zeug zu berichten?«

Ich zuckte die Achseln. »Mir ist die Wahrheit wichtig, denke ich. Jemand muss dafür sorgen, dass die Wahrheit berichtet wird.«

»Und dieser Jemand bist du?«

Ich hatte wohl ziemlich wichtigtuerisch geklungen. Verlegen lächelte ich. »Wusstest du das denn nicht? Dante Leon Bridgeman ist nur mein Erdenname. Auf meinem Heimatplaneten nennt man mich Dantel-Eon, Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit und freie Computerspiele für alle.«

Melanie schüttelte den Kopf, ihre Lippen zuckten. »Allmählich fällt mir wieder ein, warum ich dich so mochte.«

Mochte? »Vergangenheitsform?«

Sie warf einen kurzen Blick auf das Baby in ihren Armen. »Ich hatte andere Dinge im Kopf, seit wir uns getrennt haben, Dante.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel Emma.«

»Wessen Baby ist sie? Ist sie mit dir verwandt?«

Genau in diesem Augenblick fing das Baby zu quengeln an. Verdammt! Es klang, als stimmte es sich auf ein langes, lautes Gebrüll ein.

»Sie braucht eine frische Windel«, erklärte Melanie. »Nimm sie mal kurz. Ich muss meine Zigarette entsorgen.«

Melanie hielt mir das Baby entgegen und drehte sich bereits weg, sodass ich keine andere Wahl hatte, als es zu nehmen. Sie verließ den Raum und ging in die Küche. Die Zigarette zu entsorgen, war mittlerweile eigentlich überflüssig, denn inzwischen stank sowieso der ganze Raum nach Qualm. Das Baby am ausgestreckten Arm zog ich den Kopf in den Nacken wie eine Schildkröte, um die größtmögliche Distanz zwischen mich und das Ding zu bringen. Ich hörte Wasser aus dem Hahn laufen, dann den Deckel des Abfalleimers zuklappen. Da ich es kaum erwarten konnte, dieses Ding in meinen Händen wieder loszuwerden, horchte ich angespannt.

Mel kam zurück. Mit geübtem Griff öffnete sie die überdimensionale marineblaue Tasche, die hinten am Buggy hing, holte eine blassgelbe Plastikmatte mit buntem Blumenmuster heraus, legte sie auf den Boden und strich sie glatt. Dann förderte sie noch eine Wegwerfwindel, eine kleine orangefarbene Plastiktüte und einige Feuchttücher zutage. Mit einem geknickten Lächeln nahm Melanie mir das Baby ab, was ich widerstandslos geschehen ließ. Mein erleichterter Seufzer war lauter als beabsichtigt. Aber verdammt! So bald wollte ich das nicht noch mal erleben. Ich sah zu, wie Melanie sich auf den Teppich kniete, um das Baby auf die Plastikmatte zu legen. Während ich die Fenster zum Lüften öffnete, fing Mel an, lauter albernes Zeug zu reden.

So was wie: »Soll ich dir die Windel wechseln? Ja, du bekommst eine schöne frische Windel. Das ist fein, nicht wahr?«  

Und es sollte noch schlimmer kommen. Zu meinem Entsetzen knöpfte Melanie nämlich jetzt den gelben einteiligen Strampelanzug auf und zog behutsam die Babybeinchen heraus. Sie hatte doch hoffentlich nicht ernsthaft vor, das Wickeln hier auf unserem Teppich zu erledigen? Sah ganz danach aus. Heftig! Ich wollte sie davon abhalten, aber mir fiel rein gar nichts ein, was ich hätte sagen können. Wie gelähmt sah ich zu, wie Melanie die Wegwerfwindel aufriss.

Igitt!

Die Windel quoll über vor Kacke. Klebriger, ekliger, megastinkender Babykacke. Erstaunlicherweise gelang es mir, mein Frühstück bei mir zu behalten. Trotzdem wich ich blitzartig zurück und flüchtete mich in die entlegenste Ecke. Fast als hätte die Windel Beine bekommen und würde mich durchs Zimmer jagen.

»Schau ruhig zu«, meinte Melanie. »Da kannst du was lernen.«

Ja, klar!

»Es ist ganz einfach«, fuhr Melanie fort. »Du hebst ihre Beine an den Fersen leicht an, bis sich der Po von der Windel löst, dann wischst du sie schön ordentlich sauber.« Melanie ließ die Tücher auf die schmutzige Windel fallen. »Anschließend ziehst du die alte Windel unter dem Po hervor und legst eine saubere drunter. Danach klebst du sie zu, nicht zu fest und nicht zu locker. Siehst du? Es ist wirklich einfach, so einfach, dass sogar du es schaffen würdest.«

»Ja, aber warum sollte ich das wollen?«, fragte ich.

Also im Ernst, puh!

Nachdem Melanie die dreckige Windel in der orangefarbenen Plastiktüte verstaut und diese oben verknotet hatte, knöpfte sie den Strampelanzug wieder zu, drückte Emma an sich und wiegte sie sanft. Die unglaublich langen Wimpern des Babys streiften seine Wangen, als es die Augen schloss. Melanie reichte mir die Tüte mit der schmutzigen Windel. Ich zuckte entsetzt zurück.

»Kannst du das bitte in euren Mülleimer werfen?«, bat sie lächelnd.

»Ähm … Die Küche ist noch da, wo sie vorher war – das kannst du genauso gut selbst erledigen.«

»Hältst du dann bitte Emma so lange?«

O Gott. Kacke oder Baby? Baby oder Kacke?

Ich nahm Mel die Windeltüte ab und hielt sie mit spitzen Fingern auf Armeslänge. Vorsichtig setzte ich mich damit in Bewegung, entschied mich dann aber spontan für eine Eilbeförderung. Eindeutig die bessere Wahl. Ich sprintete also in die Küche, ließ die Tüte in den Treteimer fallen und schrubbte mir anschließend die Hände im Spülbecken wie ein Chirurg vor der Operation. Mels Gelächter im Ohr kehrte ich zurück ins Wohnzimmer. Melanie sah mich amüsiert an und lächelte, dass sich Fältchen um ihre Augen bildeten. Ich kapierte nicht ganz, was so komisch war, aber Mels breites Grinsen rief eine Menge unerwünschter Erinnerungen wach. Erinnerungen an Ereignisse, die ich zwar nicht vergessen, aber irgendwo so tief vergraben hatte, dass ich kaum noch an sie herankam. Ich setzte mich, verwirrter denn je. Was wollte Melanie eigentlich hier? Dass sie gerade in der Nähe gewesen war, klang nicht wirklich plausibel.

»Mel, warum …«

»Pscht. Sie ist eingeschlafen«, flüsterte Melanie. Sie legte das Baby so sanft zurück in seinen Buggy, dass es sich nicht rührte. Dann richtete sie sich auf und kaute wieder auf ihrer Unterlippe herum. Ich blieb sitzen. Plötzlich, wie aus einer spontanen Eingebung heraus, griff Melanie in ihre überdimensionale Tasche und zog ein gefaltetes, beige-rosa Blatt Papier heraus.

»Lies das«, sagte sie und streckte mir das Blatt hin.

Ich zögerte. »Was ist das?«

»Lies!«

Stirnrunzelnd nahm ich ihr das Papier aus der Hand und faltete es auseinander.

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Ich starrte sie an. »Du … du bist die Mutter?«

Melanie nickte langsam. »Dante, ich … ich weiß nicht, wie ich es dir … na ja, schonend beibringen soll.«

Sie brauchte gar nichts zu sagen. Die Geburtsurkunde erklärte eine ganze Menge und sagte dennoch zu wenig. Melanie hatte ein Baby. Sie war Mutter. Es machte mir ziemliche Mühe, das zu verdauen. Melanie war in meinem Alter. Und sie hatte ein Kind?

»Dante, ich muss dir was sagen …«

Mel war noch nicht mal neunzehn. Wie konnte sie so blöd sein, in unserem Alter schwanger zu werden? Hatte sie noch nie von der Pille gehört? Kinder waren was für Leute Ende dreißig mit Hypotheken und festen Jobs und einem dicken Bankguthaben. Kinder waren was für jene traurigen Figuren, die nichts anderes mit ihrem Leben anzufangen wussten.

»Dante, hörst du mir zu?«

»Hä?« Es wollte mir immer noch nicht in den Kopf, dass Mel Mutter war.

Melanie holte tief Luft, dann gleich darauf noch einmal. »Dante, du bist der Vater. Emma ist unsere Tochter.«

2 ADAM

Wie ätzend war das denn? Ich war schon mit mörderischen Kopfschmerzen aufgewacht und von da an lief alles nur noch schief. Unten beim Frühstück beging ich den Fehler, mir anmerken zu lassen, wie sehr mir der Schädel dröhnte.

»Schon wieder Kopfschmerzen, Adam?«, erkundigte sich Dad stirnrunzelnd, als ich mich an den Küchentisch setzte.

Ich nickte. Eine gigantische Gnuherde trampelte durch meinen Kopf. Wieder einmal.

»Schlimm dieses Mal?«, fragte Dad.

»Schon einigermaßen.« Ich rieb mir mit den Fingern die Schläfe. Seit ein paar Wochen hatte ich in unregelmäßigen Abständen wirklich schlimme Kopfschmerzen.

»Warum springst du nicht mal über deinen Schatten und versuchst es mit Schmerztabletten?«, grummelte mein Bruder Dante.

»Weil mein Körper ein Tempel ist«, informierte ich ihn. »Du weißt, dass ich nichts davon halte, Pillen einzuwerfen.«

»Bei Kopfschmerzen ein paar Paracetamol zu nehmen, hat wohl kaum etwas mit Pillen einwerfen zu tun«, argumentierte Dante.

»Ich nehme grundsätzlich keine Tabletten, okay?«, fuhr ich ihn an.

»Dann leide eben«, meinte Dante gleichmütig.

»So geht’s nicht weiter, Adam«, mischte sich Dad ein. »Du musst jetzt wirklich mal zum Arzt.«

Auf keinen Fall. Definitiv nicht! »So schlimm ist es nicht, Dad«, wehrte ich rasch ab.

»Adam, du hast in letzter Zeit viel zu oft Kopfschmerzen.«

»Das kommt von der Hitze«, erklärte ich und schob meine Schüssel Cornflakes beiseite. Schon beim bloßen Anblick hätte ich am liebsten gekotzt. »Ich muss mich nur ein bisschen hinlegen. Es fühlt sich an, als bekäme ich eine Migräne.«

»Das mit deinen Kopfschmerzen geht jetzt seit dem Spiel gegen die Colliers Green School«, meinte Dante nachdenklich. »Bist du sicher, dass du …?«

»Fang du nicht auch noch an«, fuhr ich ihn an.

Dante bedachte mich mit einem frostigen Blick. »Oh, entschuldige, dass mir deine Gesundheit am Herzen liegt.«

»Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn du dich aufführst wie eine Glucke«, teilte ich meinem Bruder mit. Das war ein bisschen unfair, ich weiß. Aber in meinem Wortschatz gab es nur ein Wort, das schlimmer war als »Arzt«, nämlich »Krankenhaus«. Schon trat mir der Schweiß aus allen Poren – und ich hasse es, zu schwitzen.

»Was für ein Spiel?«, erkundigte sich Dad.

»Das war keine große Sache«, sagte ich. Ich wollte das jetzt wirklich nicht ausdiskutieren.

»Adam hat einen Ball an den Kopf gekriegt«, erklärte Dante. »Aber gottlob ist sein Kopf ja vollkommen leer, deshalb wurde nichts beschädigt.«

»Adam, das hast du mir ja gar nicht erzählt«, sagte Dad vorwurfsvoll.

»Es gab nichts zu erzählen«, entgegnete ich. »Ich habe den Ball geköpft, hätte mich stattdessen aber wohl besser ducken sollen.«

»Dass sie dich überhaupt für das Spiel aufgestellt haben, überrascht mich sowieso«, meinte Dante. »Da hatten sie wohl null Wahl.«

»Hör mal Dante, warum scherst du dich nicht zum …?« Ich war kurz davor, ihm gründlich die Meinung zu geigen.

»Dante, das ist wirklich nicht gerade hilfreich«, sagte Dad.

»Dann sag ich eben gar nichts mehr«, schmollte mein Bruder und konzentrierte sich wieder auf seine Schüssel mit Haferflocken.

»Dad, ich muss nicht zum Arzt. Es sind doch bloß Kopfschmerzen.« Die wegen Dante und Dad nur schlimmer wurden. Ich brauchte nichts weiter als einen dunklen, ruhigen Ort.

Dad schüttelte den Kopf. »Adam, warum hast du nur so eine Abneigung gegen alles Medizinische?«

»Nicht gegen alles. Gegen ein Heftpflaster habe ich nicht das Geringste einzuwenden.«

Dad erhob sich abrupt. »Schluss. Aus. Dieses Mal kommst du mir nicht so davon, Adam. Zieh deine Schuhe an. Ich bringe dich zum Arzt.«

Nein. Nein. NEIN.

»Musst du nicht zur Arbeit? Wenn wir jetzt zum Arzt fahren, müssen wir mindestens eine Stunde warten, bevor wir drankommen«, sagte ich. Verzweiflung stahl sich in meine Stimme.

»Da kann man nichts machen«, entgegnete Dad ungerührt. »Allein kriegst du es nicht auf die Reihe, deshalb muss ich eben mit.« Er wandte sich zum Gehen. »Ich rufe bei der Arbeit an und gebe Bescheid, dass ich später komme. Du machst dich inzwischen fertig, Adam.«

Als Dad den Raum verlassen hatte, hob Dante den Kopf und grinste mich an.

»Dante, du musst mich da rauspauken«, flehte ich.

»Geht nicht, Kumpel. Dieses Mal nicht. Tut mir leid«, sagte Dante feixend. Es tat ihm überhaupt nicht leid. »Sieh’s doch mal so: Du musst nur zum Arzt, nicht an den gefürchteten Ort mit ›K‹.«

»Herzlichen Dank auch«, brummelte ich finster.

»Gern geschehen, Arschgesicht«, sagte mein Bruder. »Jederzeit wieder.«

Da saß ich nun in unserem Auto, direkt auf dem Weg zum Arzt. Und mir fiel beim besten Willen nichts, aber auch gar nichts ein, wie ich das verhindern konnte.

3 DANTE

Melanies Worte trafen mich wie eine Kugel zwischen die Augen. Ich starrte sie an, suchte in ihrem Gesicht nach einem Zeichen, irgendeinem Zeichen dafür, dass sie einen Scherz gemacht hatte. Doch Melanie verzog keine Miene. Ich sprang aus dem Lehnsessel auf, um ihr eine Retourkutsche für das zu verpassen, was sie gesagt hatte, aber meine Knie gaben nach und ich sackte wieder in den Sessel. Dabei hielt ich den Blick unverwandt auf Melanies Gesicht gerichtet. Ich sagte nichts. Konnte nichts sagen. Konnte nicht denken, so sehr hämmerte mein Herz.

Ich saß da und wartete, wollte, wünschte inständig, dass Melanie ihre Worte zurücknehmen würde.

Ha! Stimmt ja gar nicht.

War doch nur Spaß.

April, April!

Hab dich ganz schön reingelegt.

Doch sie sagte nichts dergleichen.

Es war nicht wahr.

Wie konnte es wahr sein?

Ich musste würgen, aber es kam nichts hoch. Mein Körper fing an zu zittern, es begann ganz tief im Innern und setzte sich nach außen fort wie das Wellenkräuseln auf einem See. Und nicht nur mein Herz hämmerte. Mein Kopf tat weh.

Mir fielen Dinge ein, an die ich mich lieber nicht erinnern wollte.

Die Party bei Rick. Kurz nach Weihnachten, am siebenundzwanzigsten Dezember, fast zwei Jahre war das jetzt her. Neunzehn, nein, zwanzig Monate. Ricks Eltern waren damals in Urlaub gefahren und so hatten Rick und seine ältere Schwester das Haus für sich. Aber Ricks Schwester hatte beschlossen, ein paar Tage bei ihrem Freund zu verbringen. Rick hatte also sturmfreie Bude. Ich hatte an jenem Abend viel zu viel getrunken. Aber Melanie auch. Alle hatten zu viel getrunken.

Der Abend ist mir als eine Abfolge von Schnappschüssen in Erinnerung geblieben. Und je später es wurde, desto verschwommener wurden die Schnappschüsse. Melanie und ich waren erst seit ein paar Monaten zusammen. Weihnachten war super gewesen. Ich hatte die E-Gitarre bekommen, wegen der ich Dad gelöchert hatte, obwohl ich wusste, dass ihm dafür eigentlich das Geld fehlte. Melanie schenkte mir eine Armbanduhr, ich ihr eine Halskette. Auf dem Weg zur Party warnte ich sie, die Kette werde wahrscheinlich ihren Hals grün färben.

»Schon okay«, meinte sie lächelnd. »Du brauchst auch eine Tetanusspritze, bevor du deine Uhr trägst. Nur damit du Bescheid weißt.«

Wir lachten und küssten uns immer wieder. Vor Ricks Haus waren wir in einen langen, innigen Kuss versunken, bis Rick die Tür aufriss und uns beide reinzerrte.

Wir tanzten.

Und tranken.

Und knutschten.

Wir tanzten weiter.

Tranken weiter.

Knutschten weiter.

Jemand rief, wir sollten uns ein Zimmer suchen. Und so schlichen wir uns ein paar Minuten später davon, nur aus Spaß, um genau das zu tun. Ich weiß noch, dass Melanie kicherte, als wir die Treppe hinaufstiegen. Wir hielten Händchen, glaube ich, bin mir aber nicht mehr sicher. Und ich hatte eine Flasche in der anderen Hand. Irgendwas mit Alkohol, aber ich erinnere mich nicht mehr, was. Wir gingen in das erstbeste Zimmer und schlossen die Tür hinter uns. Dann nahm ich noch einen Schluck. Und Melanie kicherte. Und wir küssten uns wieder.

Noch mehr Schnappschüsse.

Es war das erste Mal gewesen – für mich und für sie.

Das erste und einzige Mal.

Und das Ganze … na ja, es war schon vorbei, kaum dass es angefangen hatte. Es war ein atemloser Sprint gewesen, kein routinierter, ausgereifter Marathon. Ehrlich gesagt, mir war irgendwie die Lust vergangen. Ich weiß noch, dass ich dachte: Und das soll alles gewesen sein? Mehr ist da nicht? Wie konnte also ein einziges Mal, das nicht länger gedauert hatte als … Nein, dauern ist das falsche Wort. Es hatte jedenfalls nicht überdauert. Es hatte nicht überdauern sollen. Und ganz bestimmt nicht in Form eines … eines …

»Um Himmels willen …«

Mein Blick fiel von Melanie auf den immer noch schlafenden Inhalt des Buggys.

Ein Baby.

Ein Kind.

Mein Kind?

»Ich glaube dir nicht.« Wieder war ich auf den Beinen. »Mein Name steht nicht mal in der Geburtsurkunde. Wie kannst du dir sicher sein, dass es von mir ist?«

4 ADAM

»Dad, das ist echt nicht nötig.« Die Verzweiflung in meiner Stimme war nicht zu überhören, aber ich konnte sie einfach nicht verbergen.

»Adam, so langsam solltest du diese Phobie gegen Ärzte überwinden.« Dad runzelte die Stirn. »Dr. Planter wird dich untersuchen und dann gehen wir wieder. In Ordnung?«

Nein, es war nicht in Ordnung.

Wenn ich jetzt aufspränge und davonliefe, wie schnell würde Dad mich wohl einholen?

Ich dachte ernsthaft darüber nach, entschied mich dann aber dagegen. Ich war schnell, aber Dad war ausdauernd. Er würde mich einfach müde laufen und dann hierher zurückzerren. Und zu allem Überfluss wäre er dann auch noch sauer auf mich.

Halt durch, Adam. In weniger als zehn Minuten ist alles vorbei.

Die Ärztin wird mir Schmerztabletten verschreiben und uns wieder heimschicken, und das war’s dann. Wenigstens wird mir Dad danach nicht mehr im Nacken sitzen.

Ich sah mich im Wartezimmer um. Es gab sechs Stuhlreihen mit jeweils fünf Stühlen. Poster zu irgendwelchen Gesundheitsthemen verbargen die in einem fürchterlichen lindgrün gestrichenen Wände fast komplett. Das Wartezimmer war halb voll, hauptsächlich Mütter mit ihren Kindern und alte Schachteln über vierzig. Und die Hälfte der Anwesenden hustete. Ich meine, was ging hier denn ab? Meine Güte, wir hatten August. Wer bekommt schon im August eine Erkältung? Ich atmete in diesem Wartezimmer weiß Gott was für Keime ein.

Was wollten wir hier überhaupt? Ich hatte schlicht und einfach Kopfschmerzen. Seit wann musste man wegen Kopfschmerzen zum Arzt? Das hatte ich Dad die ganze zehnminütige Autofahrt über zu erklären versucht, aber er wollte nicht auf mich hören. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war nichts mehr zu machen. Fall erledigt. Akte zu. Dante ist ganz genauso.

»Adam Bridgeman in Zimmer fünf, bitte. Adam Bridgeman in Zimmer fünf, bitte.«

Die Aufforderung kam sowohl über die Sprechanlage als auch über die Laufschrift der Digitalanzeige vorne an der Wand. Dad war bereits aufgestanden.

»Du kannst hier warten, wenn du magst, Dad. Ich gehe allein rein.«

Dad hob eine Augenbraue. »Schon gut, mein Sohn. Ich komme mit.«

Seufzend erhob ich mich. Genau das hatte ich befürchtet. Dieser Tag entwickelte sich zu einem richtigen Scheißtag – und dabei war es noch nicht mal Mittag.

5 DANTE

Melanie presste die Lippen zusammen, ihre braunen Augen verdunkelten sich zu einem Obsidianschwarz. Ihre Miene versteinerte.

»Ich schlafe nicht herum, Dante. Außerdem war ich mit keinem anderen Mann außer dir zusammen«, stellte sie eisig fest. »Sag das noch mal, dann knall ich dir eine. Zu deiner Information, ich konnte deinen Namen nicht in der Geburtsurkunde eintragen lassen, weil du nicht dabei warst, als ich Emmas Geburt angezeigt habe. Man hat mir gesagt, ich könnte dich nur als Vater angeben, wenn wir verheiratet wären oder wenn du dabei wärst.«

Sie starrte mich finster an. Ich erwiderte ihren Blick, wobei mir das Atmen immer schwerer fiel. Schließlich meinte Melanie seufzend: »Schau mal, ich … ich bin nicht gekommen, um mit dir zu streiten. Das war nicht meine Absicht.«

»Warum bist du dann hier?«

Melanie fischte in ihrer Jackentasche nach den Zigaretten. Sie nahm eine heraus und hatte sie schon fast an den Lippen, als sie sich anders besann und die Zigarette unvermittelt durchbrach. Tabak rieselte auf den Teppich. Mel versenkte die beiden Teile in ihrer Tasche, dann fuhr sie sich mit zittrigen Fingern durch die Haare.

»Dante, ich muss mit dir reden, aber ich habe nicht mehr viel Zeit.«

»Ich kapier das nicht.«

Ich verstand so einiges nicht. Melanie war bei mir zu Hause aufgetaucht und hatte eine Bombe platzen lassen, die mein ganzes Leben zerstörte. Eine Bombe, die immer noch friedlich in ihrem Buggy schlief.

»Warum … warum hast du es nicht abtreiben lassen?«

Melanie bedachte mich mit einem langen Blick, dann zuckte sie die Achseln. Ein scheinbar beiläufiges Achselzucken, aber zusammen mit ihrem ernsten Gesichtsausdruck wirkte es wie das genaue Gegenteil. »Dante, ich habe darüber nachgedacht. Tage- und wochenlang habe ich über nichts anderes nachgedacht. Ich war sogar bei meinem Arzt und er hat mich für den Eingriff ins Krankenhaus überwiesen. Aber dann bin ich nicht hin.«

»Warum nicht?«

»Weil Emma von dem Augenblick an, in dem ich merkte, dass ich schwanger war, real war. Wie hätte ich es da durchziehen können? Ich habe es einfach nicht fertiggebracht.«

»Hast du … hast du überlegt, sie nach der Geburt zur Adoption freizugeben?«

Melanie musterte mich, ihr Gesicht war eine Maske. »Du machst mir Vorwürfe«, sagte sie leise.

»Nein. Nein, tu ich nicht. Es ist bloß … ich versuche, das alles zu begreifen.« Ich versuchte es. Und es gelang mir nicht.

»Nachdem ich Emma gesehen hatte, konnte ich auch das nicht mehr. Meine Tante wollte mich unbedingt überreden, sie wegzugeben, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz. Mum hatte mich wegen der Schwangerschaft rausgeworfen, und meine Tante nahm mich nur unter der Bedingung auf, dass ich das Baby nach der Geburt zur Adoption freigeben würde.« Ich konnte sehen, dass Melanie den Tränen nah war. »Aber als ich Emma das erste Mal im Arm hielt, hatte ich das Gefühl, sie sei das Einzige, was mir auf der Welt geblieben war. Wenn ich sie verlieren würde, hätte ich gar nichts mehr …«

»Deine Mum hat dich rausgeworfen?« Ich wusste nicht, was ich sagen, wie ich darauf reagieren sollte. Wie konnten zehn nicht weiter bemerkenswerte Minuten unser beider Leben so vollkommen auf den Kopf stellen? »Warum hast du es mir nicht gesagt?«

Die Andeutung eines Lächelns. »Was hättest du dann getan, Dante?«

»Ich … ich … ich habe keine Ahnung. Aber all das allein durchzustehen …«

»Dante, du hattest schon ein Problem damit, eine Tüte mit einer schmutzigen Windel anzufassen. Und Emma hast du gehalten, als wäre sie eine tickende Zeitbombe. Also, was hättest du bitte schön tun können?«

Mein ausdrucksloser Blick war wohl Antwort genug.

»Genau«, sagte Melanie. »Deswegen habe ich den Typen vom Jugendamt nicht mal deinen Namen gegeben, als sie mich wegen des Unterhalts danach gefragt haben.«

»Aber deine Tante hat dich nach der Geburt des Babys dann trotzdem weiter bei sich wohnen lassen?«

»Ja. Allerdings nur vorübergehend«, erklärte Mel. »Aber ich habe jetzt etwas anderes gefunden.«

»Ziehst du deswegen weg? Wegen deiner Tante?«, fragte ich.

Melanie nickte. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Dante, könntest du mir einen Gefallen tun?«

»Welchen?«

»Könntest du eine Weile auf Emma aufpassen? Ich muss kurz los und Windeln und ein paar andere Sachen besorgen.«

Himmel, nein! »Warum nimmst du es nicht mit?«

»Sag doch nicht immer ›es‹ zu ihr. Außerdem mag Emma es nicht, so kurz nach dem Einschlafen wieder rumgeschoben zu werden. Dann wacht sie auf und ist richtig schlecht drauf.«

Und warum sollte das ausgerechnet mein Problem sein?

Tja, weil das Baby angeblich … von … von mir war. Ich drehte mich halb zu ihm, um es anzusehen, aber ich schaffte es nicht. Wenn ich es nicht ansah, wenn ich es einfach ausblendete, dann wäre es vielleicht nicht real. Nichts von alldem hier wäre real. Ich wünschte mir nichts sehnsüchtiger als jemanden, der mir verriet, was ich denken und wie ich fühlen sollte. Denn ich war völlig planlos. Ich empfand einfach nur … Angst. Nein, vergiss es – es war Panik. Eine lähmende Panik, die Herzrasen, kalten Schweiß und Übelkeit bei mir hervorrief. Was wollte Melanie von mir?

Ich schüttelte den Kopf.

»Bitte, Dante«, bettelte Melanie. »Wenn Emma aufwacht, bin ich längst zurück, versprochen. Sie wird jetzt ein paar Stunden schlafen.«

»Melanie, ich weiß überhaupt nicht, was ich tun soll, wenn sie wach wird.« Und das war weiß Gott die Wahrheit.

»Du musst gar nichts tun. Ich bin in spätestens einer Viertelstunde wieder da. Okay?« Melanie verließ bereits das Wohnzimmer und steuerte auf die Haustür zu.

»Du kannst sie nicht einfach bei mir abladen«, protestierte ich.

»Wenigstens nennst du Emma jetzt ›sie‹ und nicht mehr ›es‹.«

»Melanie, ich meine es ernst«, sagte ich. »Du kannst auf keinen Fall ein Baby hierlassen.«

»Ach, jetzt hab dich mal nicht so, Dante. Ich komme ja schließlich wieder zurück!«

»Du kannst dein Baby nicht hierlassen«, beharrte ich. Mein Ton war vor Panik scharf wie zerbrochenes Glas. »Ich wollte gerade weggehen.«

»Ja, klar, aber nicht gleich. Du hast doch gesagt, dass du auf deine Ergebnisse wartest. Ich bin bald zurück.« Melanie hatte bereits die Haustür geöffnet. »Und sie ist nicht nur ›mein‹ Baby. Sie ist auch deines. Vergiss das nicht.«

»Melanie, warte. Du kannst nicht einfach –«

Aber sie war bereits losgestiefelt. »Bis gleich.«

»Ich kann doch die Sachen besorgen, und du passt solange auf dein Baby auf!«, rief ich ihr nach.

Melanie drehte sich um, blieb jedoch, wo sie war. Sie konnte mir nicht in die Augen sehen. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich geglaubt, dass sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen. »Dante, welche Windelmarke kaufe ich? Was für Babynahrung mag Emma? Womit creme ich sie abends nach dem Baden ein? Welche Salbe nehme ich gegen Windelausschlag? Welches Buch lese ich ihr immer vor dem Einschlafen vor?«

»Na ja, das wirst du ja wohl nicht alles jetzt besorgen, oder?«, brachte ich vor. »Also sag mir einfach, was ich kaufen soll, dann erledige ich das.«

»Dante, was ist eigentlich mit dir los? Hast du Angst, dass sie dich beißt oder was? Ich bin bald wieder da, in Ordnung? Und dann können wir uns richtig unterhalten.«

Nein, es war nicht in Ordnung. Und ich wollte mich auch nicht mehr mit Melanie unterhalten oder sonst irgendwas mit ihr zu tun haben. Sie sollte einfach nur mit ihrem Baby verschwinden und wegbleiben. Wenn ich doch einfach nur zurück in mein Bett schlüpfen und diesen Morgen ausradieren, noch einmal aufwachen und ganz von vorn beginnen könnte. Meine Hilflosigkeit wuchs, während ich ihr nachblickte. Mit jedem Schritt, den sie sich von mir entfernte, zog sich der Knoten in meinem Bauch fester zusammen. Ich ging wieder nach drinnen. Am liebsten hätte ich die Tür so lange zugeknallt, bis sie aus den Angeln fiel, aber ich konnte nicht riskieren, das Baby aufzuwecken, bevor Melanie zurückkam.

Ich hatte ein Kind. Emma. Meine Tochter …

O Gott …

Was sollte ich bloß tun?

Dad …

Was würde Dad sagen?

Und mein Bruder?

Und meine Freunde?

O Gott …

Es klingelte an der Tür.

Melanie. Sie war zurückgekommen. Gott sei Dank! Das ging aber schnell … Oh … jetzt kapierte ich es erst. Sie würde mir sagen, dass alles nur ein schlechter Scherz war. Der wahrscheinlich auf das Konto meines Kumpels Joshua ging. So eine Nummer war genau sein Ding. Ein richtiger Witzbold eben. Wenn er glaubte, mich so verarschen zu können … dem würde ich es zeigen! Ich riss die Tür auf.

»Schönen Tag. Ein Päckchen für deinen Dad, für das ich eine Unterschrift brauche, und ein paar Briefe«, sagte der Postbote munter.

Wie benebelt unterschrieb ich mit dem digitalen Stift auf dem Unterschriftengerät, das mir der Briefträger hinhielt. Dann überreichte er mir einen wattierten DIN-A-4-Umschlag und ein paar Briefe. Der oberste war an mich adressiert. Ich hob den Kopf, um dem Briefträger zu danken, aber er war bereits auf dem Weg zum nächsten Haus.

Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, lehnte ich mich mit weichen Knien dagegen. Ich wollte mich nicht vom Fleck rühren. Und mit Sicherheit nicht ins Wohnzimmer gehen. Ehrlich gesagt, der Gedanke lähmte mich geradezu. Und wenn ich einfach hier mit geschlossenen Augen stehen blieb und wartete, dann bestand vielleicht die Möglichkeit, dass nichts von alldem real war.

Ich legte Dads wattierten Umschlag und zwei Briefe, die nach Strom- oder Wasserrechnungen aussahen, auf das Telefontischchen in der Diele. Wie ferngesteuert riss ich den an mich adressierten Brief auf: meine Prüfungsergebnisse. Als ich auf das Blatt in meiner Hand starrte, überzog mich Eiseskälte und ich fühlte mich abgrundtief einsam.

Viermal A mit Stern, die Bestnote.

Im Wohnzimmer fing das Baby zu schreien an.

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