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Bount Reiniger - Ein Privatdetektiv in Schwierigkeiten: Drei Krimis

Bount Reiniger - Ein Privatdetektiv in Schwierigkeiten: Drei Krimis

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Bount Reiniger – Ein Privatdetektiv in Schwierigkeiten: Drei  Krimis

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Mörderspiel

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Hauptpersonen:

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Erpresser sterben schneller: N.Y.D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Ein Detektiv im Goldfieber: N. Y. D. - New York Detectives

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Further Reading: 1746 Seiten Thriller Spannung: Das Alfred Bekker Krimi Sommer Paket 2017

Also By Alfred Bekker

Also By Hans-Jürgen Raben

Also By Klaus Tiberius Schmidt

About the Author

About the Publisher

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Bount Reiniger – Ein Privatdetektiv in Schwierigkeiten: Drei  Krimis

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Mörderspiel

Klaus Tiberius Schmidt: Erpresser sterben schneller

Hans-Jürgen Raben: Ein Detektiv im Goldfieber

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LESLIE CRAVEN IST MITARBEITER einer literarischen Agentur und führt ein unauffälliges, zurückgezogenes Leben.

Bis er eines Tages verschwindet, nachdem er kurz zuvor von zwei Unbekannten bedroht wurde. Einer der beiden Angreifer findet sich dann wenige Tage später als Leiche im East River wieder. Bount Reiniger wird beauftragt, Craven zu suchen und schon nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass an diesem Mann nichts stimmt - weder Name noch Lebenslauf. Craven lebte unter einer falschen Identität. Je weiter Bount Reiniger in mit seinen Ermittlungen vordringt, desto tiefer gerät Bount Reiniger in den Strudel ebenso mysteriöser wie lebensgefährlicher Ereignisse, die in irgendeinem Zusammenhang mit Cravens Doppelleben stehen. Als Bount Cravens Schwester aufstöbert, lauern ihm Unbekannte auf und er entkommt ihnen nur knapp. Plötzlich gerät der Privatdetektiv in das Visier von Andy Carillo, einer rachsüchtigen Unterweltgröße, mit der Leslie Craven eine offene Rechnung zu haben scheint.

Die Ereignisse überschlagen sich. Ein toter FBI-Mann bringt Verwirrung, bevor Bount die richtige Spur findet...

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Mörderspiel

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Leslie Craven ist Mitarbeiter einer literarischen Agentur und führt ein unauffälliges, zurückgezogenes Leben.

Bis er eines Tages verschwindet, nachdem er kurz zuvor von zwei Unbekannten bedroht wurde. Einer der beiden Angreifer findet sich dann wenige Tage später als Leiche im East River wieder. Bount Reiniger wird beauftragt, Craven zu suchen und schon nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass an diesem Mann nichts stimmt - weder Name noch Lebenslauf. Craven lebte unter einer falschen Identität. Je weiter Bount Reiniger in mit seinen Ermittlungen vordringt, desto tiefer gerät Bount Reiniger in den Strudel ebenso mysteriöser wie lebensgefährlicher Ereignisse, die in irgendeinem Zusammenhang mit Cravens Doppelleben stehen. Als Bount Cravens Schwester aufstöbert, lauern ihm Unbekannte auf und er entkommt ihnen nur knapp. Plötzlich gerät der Privatdetektiv in das Visier von Andy Carillo, einer rachsüchtigen Unterweltgröße, mit der Leslie Craven eine offene Rechnung zu haben scheint.

Die Ereignisse überschlagen sich. Ein toter FBI-Mann bringt Verwirrung, bevor Bount die richtige Spur findet...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Hauptpersonen:

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Leslie Craven ist ein Mann, an dem nichts so ist wie es scheint.

Joricia Nolan gerät in große Bedrängnis.

Andy Carillo ist nach New York gekommen, um alte Rechnungen zu bezahlen.

Toby Rogers hat ein paar Meinungsverschiedenheiten mit einem FBI-Beamten.

Roger Delcourt trug auch noch andere Namen.

Bount Reiniger löst den Fall.

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1

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"Er nennt sich Craven", sagte der dunkelhaarige Mann im braunen Kaschmir-Jackett, während sein Blick über die schlichte Einrichtung des Hotelzimmers ging. "Leslie Craven. Er arbeitet in einer literarischen Agentur, lebt allein, hat kaum Kontakte."

Der andere Mann im Raum beugte sich gerade über das Waschbecken und schabte sich den letzten Rest Rasierschaum aus dem kantigen Gesicht und griff zum Handtuch. Dann kämmte er sich noch die schütteren hellblonden Haare nach hinten und wandte sich seinem Partner zu.

"Sonst noch etwas?"

"Du könntest dir wenigstens mal die Bilder ansehen, die ich gemacht habe."

"Bitte!"

Der Blonde sah sich die Bilder nur sehr flüchtig an und nickte dann.

"Das scheint er zu sein", murmelte er.

"Ich bin dafür, die Sache bald durchzuziehen", erwiderte der Mann im braunen Jackett.

Davon schien der Blonde nicht sonderlich begeistert zu sein.

"Die Sache darf auf keinen Fall schief gehen", meinte er. "Ich bin dafür, Craven noch ein bisschen zu beobachten."

"Es gibt nichts mehr über ihn herauszufinden", erwiderte der andere gelassen. "Wir kennen seinen täglichen Lebensrhythmus, wir wissen, wann er aufsteht, wann er zur Arbeit geht, mit wem er in den letzten zwei Wochen telefoniert hat und in welchen Geschäften er regelmäßig einkauft!"

Der Blonde verengte die Augen wenig, während er zu seinem offenen Koffer ging und sich ein frisches Hemd herausnahm. Nachdem er es angezogen und zugeknöpft hatte, holte er noch etwas anderes. Eine Pistole samt dazugehörigem Schulterholster. Als er sich die Waffe umgeschnallt hatte, fragte er: "Hast du schon einen Plan?"

Der andere nickte. "Bis ins Detail", behauptete er.

"Okay", murmelte der Blonde. "Dann schieß mal los!" Währenddessen nahm er die Waffe in die rechte Hand, griff mit der anderen noch einmal kurz in den Koffer und schob dann ein volles Magazin in den Pistolengriff.

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2

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Leslie Craven war ein hochgewachsener, hagerer Mann, dessen Alter schwer zu bestimmen war. Seine Haare waren noch so dicht, dass man nicht die Kopfhaut hindurchschimmern sah, obwohl er sie ziemlich kurz trug. Aber ein paar graue Strähnen waren nicht zu übersehen. Craven stand am Fenster des Großraumbüros und blickte nachdenklich hinab auf das Labyrinth der Straßenschluchten von New York City. Es war ein klarer Tag mit hervorragender Fernsicht.

"Leslie! Träumst du?"

Craven schien einen Moment lang wie weggetreten zu sein, dann drehte er sich herum und blickte in Carla Davis' meergrüne Augen.

"Ein bisschen", erwiderte Craven mit einem matten Lächeln.

Carla war mindestens einen Kopf kleiner, als Craven. Eine gutaussehende Mittdreißigerin mit genügend Sex-Appeal, um den kältesten Eisklotz zum Schmelzen zu bringen.

Bei Craven war sie allerdings bislang mehr oder weniger erfolglos gewesen, obwohl sie nichts unversucht gelassen hatte. Aber zu mehr als einer Verabredung zum Essen in der ohnehin viel zu knappen Mittagspause sowie einem gemeinsamen Abend in einem Theater am Broadway war es nie gekommen.

Carla legte die Stirn ein wenig in Falten. Etwas stimmte heute mit Craven nicht, das war ihr sofort klar.

"Leslie, welche Laus ist dir denn heute über die Leber gelaufen!"

Craven grinste. Aber das wirkte seltsam maskenhaft. "Mir geht es hervorragend, Carla. Danke."

Damit war für ihn das Gespräch zu Ende. Für Carla jedoch noch nicht. "Du kannst es mir ruhig erzählen", meinte sie. Aber auf dem Ohr war Leslie Craven so gut wie taub.

"Vielleicht werde ich ein paar Tage Urlaub machen", murmelte Craven dann abwesend.

"Wohin geht es? Long Island vielleicht? Um diese Jahreszeit vielleicht gar nicht schlecht! Aber der Boss wird nicht sehr begeistert sein..."

"Der Boss ist nie begeistert, wenn man Urlaub haben möchte", erwiderte Craven.

"Ich soll dir übrigens sagen, dass du zu ihm kommen sollst, Leslie!"

Craven zuckte die Achseln. Jetzt schien er auf einmal wieder ganz der Alte zu sein. Selbstsicher, überlegen und eine Spur zu unterkühlt, wie Carla fand.

Der Boss, das war ein etwas zum Übergewicht neigender Mann namens Mark Franklin. Er war jemand, der sein Geschäft wie kein Zweiter verstand und die Franklin Literary Agency die Erfolgsleiter hinaufgeführt hatte.

Als Craven Franklins Büro betrat, aß dieser gerade ein mitgebrachtes Sandwich. Solange Craven schon hier beschäftigt war, konnte er sich nicht daran erinnern, gesehen zu haben, wie Franklin eine Mittagspause machte. Der Boss arbeitete für gewöhnlich durch und aß nebenbei etwas. Das war sicher nicht sein wahres Erfolgsgeheimnis, aber es zeigte die Einstellung, mit der er sein Geschäft betrieb.

"Was gibt es?", fragte Craven, während er seine Rechte aus der weiten Hosentasche herausnahm.

Franklin machte eine wichtige Miene. "Da war ein Anruf für Sie", berichtete er dann. "Vorhin, als Sie zum Essen weg waren."

Craven zog die Augenbrauen in die Höhe. Er konnte sich denken, worum es ging. "Die Japaner?", fragte er.

"Ja", nickte Franklin und beugte sich dabei etwas nach vorn. "Carla hat das Gespräch zu mir hereingelegt, aber wir standen ziemlich auf dem Schlauch. Schließlich sind Sie der einzige bei uns, der Japanisch spricht - und das Englisch von Mister Nakamura ist nicht gerade einfach zu verstehen."

Craven zuckte die Achseln. "Tut mir leid!"

"Sie können ja nichts dafür. Aber es wäre gut, wenn Sie langsam die Verträge vorbereiten könnten!"

Craven legte jetzt die Mappe, die er unter dem Arm hielt, Franklin auf den Tisch. "Alles fertig", sagte er dazu und Franklin blickte erstaunt auf.

"Alle Achtung! Wann haben Sie denn...?"

"Ich möchte ab morgen ein paar Tage Urlaub nehmen."

"Nun, gerade jetzt, da wir mit Nakamura ins Geschäft kommen. Japan hat 120 Millionen Einwohner. Das ist ein Buchmarkt, auf dem sich ganz ansehnliche Auflagen erzielen lassen."

Mit anderen Worten: ein Riesengeschäft. Und Leslie Craven war derjenige, der es ans Laufen gebracht hatte. Franklin war das sehr wohl bewusst - und das war Cravens Trumpf.

"Wie gesagt, es ist jetzt alles unter Dach und Fach", meinte Craven ziemlich gelassen.

"Nakamura deutete an, dass man sich in seinem Haus überlegt, uns auch noch den Kim-Basinger-Band abzukaufen", erwiderte Franklin.

"Wie schön", murmelte Craven. Aber er schien sich nicht wirklich darüber zu freuen, obwohl das auch sein Erfolg war.

Franklin seufzte. Dann meinte er: "Na schön, Les, Sie bekommen Ihren Urlaub. Jetzt, wo Nakamura angebissen hat, wird es vielleicht auch ohne Sie laufen."

"Das denke ich auch."

Franklin musterte seinen Angestellten stirnrunzelnd. Er kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf und beugte sich dann etwas nach vorn.

"Was ist los, Les?", fragte er dann in vertraulichem Tonfall.

"Ich brauche einfach ein paar Tage, das ist alles." Leslie Craven lächelte. "Ich fühle mich ein bisschen ausgebrannt, wenn Sie wissen was ich meine."

Franklin nickte. "An dem Punkt sind wir alle irgendwann einmal." Er lachte heiser. "Meistens zu einem ungünstigen Zeitpunkt."

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3

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"Was ist das denn?"

"Das ist Kaffee, Bount. Und zwar so stark, dass wenigstens eine geringe Chance besteht, dass du gleich nicht wieder einschläfst, wenn du deinem Klienten gegenübersitzt!"

Bount Reiniger, der bekannte New Yorker Privatdetektiv, verzog den Mund, nachdem er den ersten Schluck genommen hatte. Der Kaffee schmeckte bitter, aber im Moment bedeutete er wohl die einzige Chance, auf die Schnelle ein paar Lebensgeister zurückzurufen. In den letzten Nächten hatte der Privatdetektiv so gut wie überhaupt keinen Schlaf bekommen. Bount war im Auftrag eines Reeders Hafen-Piraten auf die Spur gekommen, die ganze Containerladungen verschwinden ließen. Nächtelanges Observieren hatte ihn schließlich zum Erfolg geführt und in der letzten Nacht war die Bande dann in flagranti erwischt und verhaftet worden.

Kein angenehmer Job, aber ein sehr einträglicher.

"Ich hoffe nur, dass dieser Klient einen Auftrag hat, der sich tagsüber erledigen lässt", murmelte Bount an seine hübsche Assistentin June gewandt, während er sich mit der flachen Hand über das Gesicht fuhr.

June strich sich das enganliegende, dunkelblaue Kleid glatt, das ihre wohlproportionierten Formen ziemlich exakt nachzeichnete.

"Wer weiß", erwiderte sie und warf dabei ihre blonde Mähne in den Nacken. "Vielleicht bekommst du den Auftrag gar nicht, wenn der Gentleman drüben im Büro etwas von deiner Verfassung mitkriegt. Der macht mir nämlich einen sehr dynamischen und energiegeladenen Eindruck."

"Wer ist es denn?"

"Er heißt Mark Franklin und leitet eine literarische Agentur, die sich auf das Vermitteln von Lizenzen sogenannter 'Bücher zum Film' spezialisiert hat. Mehr konnte ich ihm nicht aus der Nase ziehen. Er will mit dir persönlich reden."

Reiniger zuckte die Achseln, trank den Rest des Kaffees und betrat dann sein Büro. Er versuchte dabei einen halbwegs frischen Eindruck zu machen.

Mark Franklin unterzog Bount einer eingehenden Musterung. Der Privatdetektiv spürte deutlich, dass er in diesen drei Sekunden gewogen und eingeschätzt wurde. Bount reichte ihm die Hand und stellte sich vor.

"Sie sollen sehr gut in Ihrem Geschäft sein, Mister Reiniger", begann Franklin.

Er hob mit einer hilflosen Geste beide Hände und setzte dann hinzu: "Um die Wahrheit zu sagen: Es ist das erste Mal, dass ich jemanden wie Sie aufsuche. Man hat Sie mir empfohlen..."

"Wo brennt's denn?", fragte, während er sich hinter seinen Schreibtisch setzte.

"Es geht um einen meiner Mitarbeiter. Leslie Craven. Er ist verschwunden."

Bount runzelte die Stirn und lehnte sich etwas zurück. "Erzählen Sie", murmelte er, während er sich eine Zigarette zwischen die Lippen steckte.

Franklin hob die Schultern. "Letzten Mittwoch bat Leslie mich um ein paar Tage Urlaub. Gestern war Montag, da hätte er eigentlich wieder in der Agentur auftauchen müssen. Aber er ist nicht gekommen."

"Ist er während seines Urlaubs weggefahren?"

"Keine Ahnung, ich habe ihn nicht gefragt. Aber selbst wenn ihm etwas dazwischen gekommen wäre, so dass er am Montag nicht ins Büro hätte kommen können, dann hätte Leslie kurz durchgerufen und mir Bescheid gesagt. Da bin ich mir absolut sicher. Leslie ist ein hundertprozentig korrekter Mitarbeiter...", der Agent seufzte, "...und dazu noch ein sehr wichtiger!"

Reiniger rieb sich die Schläfen und versuchte krampfhaft, ein Gähnen zu unterdrücken, was ihm schließlich gelang.

"Was macht Craven bei ihnen?"

"Er ist sehr sprachgewandt", erklärte Franklin. "Französisch, Spanisch - und sogar Japanisch. Für das Auslandsgeschäft ist das ein unschätzbarer Vorteil. Und unser Geschäft ist längst international. Wenn ein Hollywood-Streifen auch in Übersee ein wenigstens mittelmäßiger Erfolg wird, dann besteht die Chance, dort auch die entsprechenden Buchprodukte zu vermarkten: Den Roman zum Film, ein Buch mit Fotos zum Film, ein Buch über den Star des Films, in dem einen oder anderen Fall sogar eine Comic-Adaption oder ein Fotoroman." Man konnte Mark Franklin den Verdruss deutlich ansehen, den er empfand. "Wie gesagt, die Auslandsgeschäfte lagen zum großen Teil in Leslies Händen und nun stehen wir ziemlich dumm da, wie Sie sich denken können!"

Bount nickte. Er konnte sich denken, worauf das Ganze hinauslief. Aber er war nicht sonderlich begeistert davon. "Ich soll diesen Craven für Sie auftreiben, stimmt's?"

"So ist es."

"Er ist erst seit gestern überfällig. Das ist eigentlich noch kein Grund, einen Privatdetektiv zu beauftragen."

"Unter normalen Umständen hätten Sie vielleicht recht. Aber kommen noch ein paar Dinge hinzu, die das Ganze in einem merkwürdigen Licht erscheinen lassen."

"Und was wäre das?"

"Ich gehe immer als letzter aus dem Büro. So auch am Mittwoch. Unten im Parkdeck beobachtete ich dann, wie Craven sich mit zwei Kerlen herumstritt. Ich konnte leider nicht verstehen, was gesagt wurde, weil ein Wagen vorbeifuhr. Aber eine freundliche Unterhaltung war das nicht. Einer der beiden Kerle hatte eine Pistole. Es sah aus wie ein Straßenraub oder so etwas. In diesen finsteren Parkdecks kann man sich seines Lebens heute ja nicht mehr sicher sein."

Bount horcht auf. "Was geschah dann?", fragte er.

"Leslie hat sie fertiggemacht, auch den mit der Waffe. Ein paar geübte Schläge und die Kerle lagen im Dreck. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, dass er so etwas drauf hat! Leslie ist dann ins Auto gestiegen und davongebraust."

"Und die Kerle?"

"Keine Ahnung. Ich habe zugesehen, dass ich ebenfalls in meinen Wagen kam. Wie gesagt, ich hielt die beiden für Straßenräuber und ich hatte keine Lust, ihr nächstes Opfer zu werden."

"Ich verstehe", nickte Bount.

Franklin grinste. "Ich bin nämlich nicht gerade sportlich, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Haben Sie die Gesichter gesehen?"

"Nur von einem. Der zweite Mann stand im Schatten."

"Beschreiben Sie ihn!"

"Er hatte vielleicht Ihre Größe, Mister Reiniger. Ein paar Zentimeter weniger, aber nicht viel. Blondes Haar, hoher Stirnansatz. Ich habe ihn aber auch nur ganz kurz von vorne gesehen." Er machte eine kurze Pause, dann fiel ihm noch etwas ein. "Ach ja, er trug eine Lederjacke mit der Aufschrift Eagle."

"Und was vermuten Sie nun?", fragte Bount. "Eine Entführung? Vielleicht waren es wirklich Straßenräuber."

Franklin zuckte die Achseln. "Möglich. Aber ich bin gestern bei seiner Wohnung gewesen. Seine Vermieterin behauptete, niemanden zu kennen, der Leslie Craven heißt."

"Waren Sie in der Wohnung?"

"Nein. Aber es war ein Schild angebracht, dass sie zu vermieten sei. Außerdem ist sein Wagen abgemeldet."

Bounts Augen wurden schmal.

"Woher wissen Sie das denn?"

"Ich habe einen Bekannten bei der Zulassungsstelle. Ich dachte, dass die Adresse vielleicht nicht mehr aktuell ist, die in Cravens Papieren steht und hoffte, so vielleicht an ihn heranzukommen. Seine Wagennummer kenne ich ja, schließlich hat er einen reservierten Platz auf dem Parkdeck."

Bount nickte nachdenklich. Wenn man das alles zusammennahm, dann war schon einiges merkwürdig an der Sache.

"Was glauben Sie, was passiert ist?", fragte Bount.

Franklin zuckte mit den Schultern. "Ich habe nicht die geringste Ahnung. Irgendwelche Lösegeldforderungen hat es bis jetzt nicht gegeben, aber das kann ja noch kommen. Ich weiß nur, dass Leslie verschwunden ist."

"Haben Sie eine Vermisstenanzeige aufgegeben?"

"Ja, habe ich. Aber Sie wissen doch besser als ich, was bei so etwas herauskommt, Mister Reiniger. Und im Augenblick unternehmen die noch gar nichts. Ein Mann, der den zweiten Tag nicht ins Büro kommt! Die haben mich überhaupt nicht richtig ernst genommen!"

Das konnte Bount sich lebhaft vorstellen. "Okay", murmelte er. "Ich werde sehen, was sich machen lässt."

"Am Geld soll es soll es nicht liegen", meinte Franklin. "Gleichgültig, wie unverschämt Ihre Tagessätze auch sein mögen - ein Mitarbeiter wie Leslie Craven ist das auf jeden Fall Wert!"

"Erwarten Sie trotzdem keine Wunderdinge von mir, Mister Franklin."

"Ich bin Realist." Und im nächsten Augenblick legte Franklin dann eine Mappe auf den Tisch. "Das ist Cravens Personal-Akte. Ich denke, die werden Sie brauchen."

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"Ein ziemlich glatter Lebenslauf", stellte June fest, als sie in Cravens Akte herumblätterte. Bount, der den Inhalt bereits überflogen hatte, stand am Fenster und blickte hinaus auf den klaren Himmel über dem Central Park.

Craven war Mitte vierzig, geboren in Chicago als Sohn eines Lastwagenfahrers und einer Verkäuferin. Seine Abschlussnoten in der Schule lagen alle etwas über dem Durchschnitt, aber nicht so sehr, dass es besonders aufgefallen wäre. Dann ein paar Jahre Army und ein Studium an der University of California in Berkeley.

Betriebswirtschaft und Fremdsprachen. Ein paar Jobs bei verschiedenen Firmen folgten, die er in Fernost und in Nordafrika vertrat. Seit drei Jahren arbeitete er für die Franklin Literary Agency.

Zu den Unterlagen hatte Franklin vernünftigerweise auch eine Fotografie gelegt. Das Bild war offenbar auf einer Party oder einem Betriebsfest entstanden.

Franklin hatte Cravens Kopf mit Filzstift eingekreist und auf der Rückseite des Fotos eine entsprechende Anmerkung gemacht.

"Hast du vielleicht schon eine Idee, wo man da ansetzen kann?", fragte June, die die Mappe zuklappte und zurück auf den Schreibtisch legte.

Bount drehte sich herum und zuckte die Achseln.

"Kein Mensch verschwindet einfach, ohne eine Spur zu hinterlassen", meinte der Privatdetektiv zuversichtlich.

"Genau das scheint hier der Fall zu sein, Bount!"

"Ja, und wenn da nicht diese zwei Kerle wären, die diesem Craven zugesetzt hätten, dann könnte man auf die Idee kommen, dass er von sich aus untergetaucht ist."

"Aber warum, Bount?"

"Keine Ahnung. Wenn wir das wüssten, hätten wir ihn wohl auch schon halb gefunden, schätze ich!"

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Bount Reiniger hätte sich am liebsten ein paar Stunden aufs Ohr gelegt, aber in diesem Fall hielt er es für besser, die Recherchen gleich zu beginnen. Es war schon genug Zeit vergangen, seit Leslie Craven verschwunden war. Und die Spuren wurden bei einer solchen Personensuche schneller kalt, als einem lieb sein konnte.

Craven hatte im dritten Stock eines Reihenhauses gewohnt. Gepflegter Altbau, ruhige Lage. Die Besitzerin wohnte im Erdgeschoss und hieß Martha Raglan. Sie war eine energisch wirkende Dame in den Sechzigern, die Bount ihre Tür nur einen Spalt weit öffnete und nicht im Traum daran dachte, die Kette zu lösen. Bount konnte sie im Grunde verstehen. Sie hatte Angst vor Fremden, die an ihrer Tür klingelten.

"Wer sind Sie?", fragte sie. "Ich kaufe nichts an der Tür und versichert bin ich schon!"

"Mein Name ist Bount Reiniger. Ich bin Privatdetektiv."

Ihre Augen verengten sich ein wenig. Aber es war ihr nicht anzusehen, ob sie Bount glaubte oder nicht.

"Was Sie nicht sagen...", murmelte sie kaum hörbar.

Bount verzichtete darauf, ihr seine Lizenz unter die Nase zu halten. Er hatte es im Gespür, dass die Dame auf der anderen Seite der Tür ihm vermutlich nur eine einzige Chance geben würde, ihr überhaupt etwas zu zeigen. Und so zeigte Bount ihr statt dessen das Foto von Craven.

"Kennen Sie den Mann?"

"Was ist mit ihm?", fragte sie. "Hat er ein Verbrechen begangen?"

"Er ist einfach nur verschwunden", erwiderte Bount. "Und es gibt ein paar Leute, die sich Sorgen um ihn machen."

Sie schaute noch einmal hin. Aber Bount konnte das Gefühl nicht loswerden, dass sie das wie jemand tat, der eine unangenehme Verpflichtung erfüllt. "Der in dem Kreis?"

"Ja."

"Tut mir leid!" Sie reichte das Foto durch den Spalt und eine Sekunde später hatte sie Bount die Tür vor der Nase zugemacht. Der Privatdetektiv hörte noch, wie sie den Schlüssel herumdrehte. Er zuckte mit den Schultern. Es war ihm nicht anders ergangen, als Mark Franklin, der offenbar am Tag zuvor ein ähnliches Erlebnis gehabt hatte. Immerhin hatte Leslie Craven Telefon und stand auch mit dieser Adresse im Telefonbuch. Selbst wenn er umgezogen war, ohne jemandem in der Franklin-Agentur etwas davon zu sagen, so hatte er doch ganz sicher einmal hier gewohnt.

Merkwürdig, dass seine Vermieterin sich nicht daran erinnern konnte.

Als Bount in Richtung seines Wagens ging, sah er in letzter Sekunde etwas auf sich zufliegen. Reaktionsschnell hob er die Hand. Ein Ball tropfte ab und sprang auf dem Asphalt auf. In ein paar Metern Entfernung standen ein paar Jungen. Der Jüngste war noch nicht in der Schule, der älteste vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt.

Sie warteten einen Augenblick lang ab und wirkten ziemlich scheu.

Bount nahm den Ball auf und spielte ihn zurück. Einer der Jungen fing ihn auf.

Sie wollten sich wieder ihrem Spiel zuwenden, aber Bounts Stimme hielt sie davon ab.

"Wartet mal!", rief er und kam zu ihnen heran. Sie schauten ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Interesse an. "Spielt ihr hier öfter?"

Einige der Jungen nickten. "Ja."

Bount hielt ihnen das Foto von Craven hin.

"Kennt ihr diesen Mann?"

Sie sahen sich das Foto interessiert an und ließen es einmal rundgehen. "Der wohnt in dem Haus da vorne!", meinte schließlich einer der Jungen und deutete dabei auf das Haus, das Martha Raglan gehörte. "Ich weiß aber nicht, wie er heißt."

"Schon gut", erwiderte Bount. "Das macht nichts."

"Meine Ma sagt immer, dass das ein ziemlich komischer Mann ist", meldete sich ein Kleiner mit rotblonden Haaren und einem offenen Schnürsenkel zu Wort.

Bount hob die Augenbrauen. "Warum meint deine Ma das denn?"

"Weil er nie grüßt. Und wenn man ihn was fragt, sagt er nichts."

"Habt ihr gestern auch hier gespielt?"

"Ja", bestätigte ein anderer Junge.

"Habt ihr ihn gestern gesehen?"

"Nein."

"Und vorgestern?"

"Auch nicht."

Jetzt meldete sich wieder der Kleine zu Wort. "Sind Sie ein Polizist, Mister?"

Bount lächelte. "So etwas Ähnliches."

"Wollen Sie ihn verhaften?"

"Nein, nur etwas fragen."

"Er ist aber nicht zu Hause."

"Woher weißt du das?"

"Weil sein Wagen hier nicht herumsteht. Er fährt einen tollen Mercedes. So wie der da vorne!" Er deutete auf Bounts 500 SL. "So einen möchte ich auch mal haben."

"Wie lange ist das schon her, dass du seinen Wagen nicht mehr gesehen hast?"

Der Junge zuckte die Achseln. "Die ganzen letzten Tage schon. Ich weiß nicht mehr genau."

Bount nickte. "Okay, Jungs. Ihr seid gute Beobachter."

Wenig später saß er wieder hinter dem Steuer seines champagnerfarbenen Mercedes 500 SL. Noch einmal zu Martha Raglan zu gehen, um sie zu fragen, warum sie behauptete, Craven nicht zu kennen, hielt er für wenig erfolgversprechend. Gegen eine solche Festung einzurennen konnte kaum etwas einbringen.

So führte ihn sein Weg zunächst zu seinem Freund Toby Rogers, den recht korpulent geratenen Captain der Mordkommission Manhattan C/II. Die beiden Männer kannten sich seit Jahren, und wenn es irgendwie ging, half der einem dem anderen aus der Klemme, sofern es in seiner Macht stand. Beide Seiten hatten ihren Vorteil von dieser Zusammenarbeit. Reiniger hatte auf diese Weise Zugang zu den Labors und Archiven des Police Departments, während Rogers umgekehrt auf die Hilfe des Privatdetektiv zählen konnte, wenn es galt, auch dort noch nach Informationen zu grasen, wo sich für einen Cop fast wie automatisch die Türen schlossen.

Als Bount im Department ankam, bekam er von einem Lieutenant die Auskunft, dass Rogers nicht an seinem Schreibtisch, sondern in einem Coffee Shop in der Nähe sei.

"Soll ich den Captain vielleicht über seinen Pieper rufen?", grinste der Lieutenant. Er hieß Browne, war ziemlich lang und schlaksig und hatte auf dem Kopf ein Knäuel ungebändigter dunkler Locken. Bount kannte auch ihn ganz gut.

"Bloß nicht!", erwiderte Bount. "Ich will ihn ja nicht schon verärgern, bevor ich ihn um einen Gefallen gebeten habe!"

Darüber konnte Browne herzhaft lachen.

Wenig später traf Reiniger seinen Freund Rogers dann in Miller's Coffee Shop vor seinem zweiten Frühstück sitzen. Das meiste davon hatte er allerdings bereits gegessen.

"Hallo, Toby."

Rogers blickte auf. "Sieht man dich auch mal wieder? Wenn du mich schon bis her verfolgst, dann bist du sicher nicht nur wegen unserer Freundschaft gekommen!" Der Police Captain deutete auf einen freien Stuhl, während er sich den letzten Bissen hineinschob und dann mit der Serviette den Mund abwischte.

"Setz dich!", knurrte er.

"Es geht um einen Mann, der verschwunden ist. Er heißt Leslie Craven. Ich habe auch ein Bild von ihm." Bount erläuterte Rogers den Fall und dieser zuckte schließlich mit seinen breiten Schultern. "Bount, ich bin Captain des Morddezernats, nicht der Vermisstenabteilung."

"Ich weiß, Toby."

"Hast du schon mal seine Angehörigen durchgecheckt?"

"Er scheint keine zu haben. Jedenfalls keine, die noch leben. Seine Eltern sind tot, Geschwister hatte er nicht und verheiratet war er auch nie."

Toby hob die Augenbrauen. "Eine Entführung?"

"Ich habe keine Ahnung."

"Vielleicht hatte er auch einfach die Nase voll von seinem Job. Was glaubst du, wie vielen Menschen plötzlich einfällt, ihren Urlaub eigenmächtig zu verlängern, oder die auf einmal ihre Sachen packen und auf Nimmerwiedersehen in eine andere Stadt ziehen? Und nach so kurzer Zeit würde ich mir an deiner Stelle ohnehin noch keine großen Sorgen machen!"

"Mein Auftraggeber macht sich aber welche." Bount zuckte die Achseln. "Kann ja auch sein, dass das Ganze am Ende doch in dein Ressort fällt, Toby!"

"Mord?"

"Ich möchte, dass du dich ein bisschen umhörst, ob dieser Craven vielleicht aus dem East River gefischt wurde oder in irgendeiner Leichenhalle aufgebahrt liegt."

Bount reichte Rogers ein Foto. Der Captain warf einen kurzen Blick darauf und steckte es dann mit einem hörbaren Seufzen ein. "Okay", meinte er. "Ich werde sehen, ob ich etwas tun kann."

"Und dann sind da noch diese Kerle, die Craven im Parkhaus fertiggemacht hat." Bount reichte Rogers einen Zettel. "Ich habe hier eine kurze Beschreibung von einem der beiden."

"Und was ist mit dem anderen?"

"Den konnte mein Auftraggeber nicht genau erkennen. Wenn du nichts dagegen hast, werde ich mit ihm in nächster Zeit mal bei dir aufkreuzen, damit er sich die Fotosammlung des Departments ansehen kann. Wenn er aktenkundig ist, könnte das einen brauchbaren Hinweis ergeben."

"Meinetwegen, Bount."

In dieser Sekunde meldete sich Rogers’ Pieper. Der Captain seufzte. "Ich hoffe nicht, dass es Arbeit gibt", meinte er. Aber insgeheim wusste er natürlich, dass es genau das bedeutete. Entweder in einem der ungelösten Fälle, die sich als Akten auf seinem Schreibtisch stapelten, gab es eine wichtige Spur - oder er musste in Kürze eine neue Akte anlegen. Rogers hoffte auf ersteres.

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Reinigers nächste Station war das Büro der Franklin Literary Agency. Er wollte sich bei den Mitarbeitern umhören und geriet als erstes an ein grazil gewachsenes Wesen mit Pagenkopf namens Ridley, das in dem lindgrünen, eng geschnittenen Kleid sehr zerbrechlich wirkte.

"Sie sind sicher Reiniger, der Detektiv, den der Chef engagiert hat", schloss Ridley. Ihr Lächeln war geschäftsmäßig.

"Richtig", nickte Bount.

"Nun, um, ehrlich zu sein werde ich Ihnen kaum etwas über Leslie Craven erzählen können."

"Aber Craven ist seit drei Jahren hier beschäftigt!", gab Bount zu bedenken.

Ridley nickte und blies sich dann eine Strähne aus den Augen.

"Und ich seit vier Jahren", säuselte sie. "Sein Schreibtisch ist da drüben und trotzdem weiß ich so gut wie nichts über ihn - außer, dass er verschiedene Sprachen beherrscht. Deshalb war er auch wohl immer besonders erfolgreich."

Bount nickte.

"Es macht was aus, wenn man einen Kunden in seiner Muttersprache anspricht - meinen Sie das?"

"Ja, genau."

"Haben Sie mal gesehen, wo er wohnt?"

"Nein."

"Haben Sie sich irgendwann einmal mit ihm über Persönliches unterhalten? Was es auch immer es ist, es kann wichtig sein."

Sie zuckte die Achseln und schüttelte dann auf eine Weise den Kopf, der ihren Pagenkopf um eine halbe Sekunde zeitverzögert mit herumschwenken ließ.

"Nein", sagte sie. "Wissen Sie, er war ziemlich kontaktscheu. Wenn man ihn etwas gefragt hat, was mit ihm selbst zu tun hatte, wich er immer schnell auf allgemeines Terrain aus. Wenn er zu irgendwelchen Parties eingeladen wurde, kam er meistens nicht. Seine Begründungen waren immer ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, aber warum sollte ich mich darum kümmern? Schließlich kann ja jeder leben, wie er will, oder finden Sie nicht?"

"Natürlich", murmelte Reiniger. Nur machte Leslie Cravens Lebensweise es nicht gerade einfach für einen Detektiv, seine Spur aufzunehmen oder sich überhaupt nur ein Bild von ihm zu machen. Alles blieb seltsam blass. Da war eine Fotografie auf einem Betriebsfest. Und das war's schon. Ein Mann ohne Ecken und Kanten. Ohne Profil, ohne Unverwechselbares. Das einzig Außergewöhnliche schienen seine Sprachkenntnisse zu sein.

Ridley atmete tief durch.

"Die einzige, die etwas mehr mit ihm zu tun hatte, war Carla Davis", hörte Bount ihre Stimme. "Sie sitzt da hinten am Fenster und telefoniert gerade. Fragen Sie sie mal."

"Danke."

Als Bount an Carlas Schreibtisch trat, bot sie Bount mit ihren gestikulierenden Armen einen Platz an, während sie gleichzeitig den Hörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt hatte und in einer Akte herumblätterte.

Zwei Minuten später war sie damit fertig und reichte Bount die Hand.

Bount stellte sich vor kam gleich zur Sache: "Man hat mir gesagt, Sie hätten am meisten mit Leslie Craven zu tun gehabt. Vielleicht wissen Sie ja etwas, das mir hilft, ihn zu finden."

Carla Davis musterte Bount einen Augenblick lang mit ihren meergrünen Augen. Sie war eine hübsche Frau. Ein Typ, der Bount gefallen konnte. Aber im Augenblick hatte er sich auf anderes zu konzentrieren.

Carla beugte sich etwas vor und zuckte die Achseln.

"Wir sind mal miteinander ausgegangen", berichtete sie dann. "Aber über sich selbst hat er nie viel geredet."

"Ja, das sagte mir Ihre Kollegin Ridley schon. Gab es vielleicht eine Frau in seinem Leben?"

Carla zögerte eine Sekunde und schüttelte dann den Kopf. "Nein."

"Sie haben gezögert."

"Ja. In der ersten Zeit, als er hier war, hatte ich die Vermutung, dass er in festen Händen wäre. Aber mir scheint, das war ein Irrtum."

"Waren Sie mal in seiner Wohnung?"

"Ja, einmal. Und nur sehr kurz. Es war an dem Tag, als wir ins Theater fuhren. Er hatte irgendetwas zu Hause vergessen, deshalb sind wir bei ihm vorbeigefahren. Erst wollte er mich nicht mit hinauf nehmen, aber ich habe ihn etwas gedrängt." Ein Lächeln ging über ihre vollen Lippen. "Es interessierte mich einfach, wo Leslie zu Hause war."

"Wann war das?"

"Schon ein paar Wochen her."

"Aber es war dieselbe Adresse, die in seinen Unterlagen steht?"

"Ja."

"Haben Sie eine Ahnung, weshalb seine Vermieterin jetzt behauptet, Craven nicht zu kennen?"

Auf Carlas Stirn bildeten sich ein paar Falten. "Nein", meinte sie, "ich habe keine Ahnung. Diese Frau machte zwar einen etwas schrulligen Eindruck, aber..."

Bount hob die Augenbrauen. "Sie haben die Dame mal getroffen?"

"Ja. Sie begegnete uns auf der Treppe." Carla zuckte die Achseln. "Ich glaube nicht, dass das Zufall war. Vermutlich sitzt die Frau den ganzen Tag herum und hat nichts Besseres zu tun, als andere Leute zu beobachten. Warum sie jetzt lügt, weiß ich nicht."

"Tun Sie mir einen Gefallen?"

"Welchen?"

"Kommen Sie mit mir und stellen Sie Mrs. Raglan einmal diese Frage. Sie kann Ihnen gegenüber unmöglich Ihre Behauptung Aufrecht erhalten, Leslie nicht zu kennen."

Sie überlegte kurz. Dann nickte sie. "Nach Büroschluss?"

"Okay. Ich hole Sie ab!"

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7

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Als Bount zurück in seiner Residenz in der Seventh Avenue war, hatte June eine interessante Neuigkeit für ihn auf Lager.

"Ich habe spaßeshalber mal ein bisschen in Cravens Lebenslauf herumgestöbert und mich bei seiner ehemaligen High School in Chicago erkundigt, ob man dort noch einen Leslie Craven kennt."

"Und?"

"Sie hatten dort einen Schüler mit diesem Namen. Auch in den Jahrgängen, die Craven in seinem Lebenslauf angegeben hat, den er bei seiner Bewerbung für die Franklin-Agentur abgab."

Bount hob die Augenbrauen. "Na und? Dann scheint doch alles in Ordnung!"

"Ich habe noch etwas herumtelefoniert und die Spur dieses Leslie Craven zu verfolgen versucht. Er ging zur Army und starb mit zweiundzwanzig bei einem Verkehrsunfall." Bount pfiff durch die Zähne. "Mit anderen Worten, an unserem Kandidaten ist etwas faul."

"Ja. Der Mann, den Mister Franklin in seiner Agentur angestellt hat, kann, ist nicht Leslie Craven."

"Hast du mal seine Berkeley-Jahre unter die Lupe genommen?"

"Das mache ich noch."

"Viel Glück dabei. Leute, die Japanisch belegt haben, dürften ja nicht allzu häufig sein."

June stand auf und ging zur Kaffeemaschine, um sich eine frische Tasse einzuschenken. "Du auch?", fragte sie an Bount gerichtet.

"Nichts dagegen", meinte er, obwohl er jetzt hellwach war. Die Gefahr, plötzlich einzuschlafen, bestand nicht mehr. Diese Sache begann immer mysteriöser zu werden, je weiter er und seine Mitarbeiterin darin herumbohrten.

Leslie Craven - oder wie immer sein wirklicher Name auch sein mochte - hatte begonnen, Bount zu interessieren.

June reichte ihm eine Tasse.

"Eine falsche Identität", murmelte Bount. "Wenn sich das bestätigt, dann passt das zu einer anderen Vermutung."

"Und welcher?"

"Dass dieser Craven offenbar nicht entführt wurde, sondern untergetaucht ist."

June zuckte die schmalen Schultern. "Fragt sich nur warum. Vielleicht war Craven ein Zeuge oder so etwas, dem man später eine einigermaßen plausible Legende verpasst."

"Ja, wäre möglich."

"Oder er war Geheimdienstler."

"Dann fragt sich, für wen er gearbeitet hat."

"Und warum er so Hals über Kopf verschwunden ist."

Zehn Minuten später kam der Anruf von Toby Rogers...

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Es war an einer der Piers, die in den East River hineinragten. Schon aus einiger Entfernung konnte man sehen, dass hier etwas passiert war. Streifenwagen der City Police und einige Zivilfahrzeuge standen herum. Als Bount diesen Ort erreichte, kam gerade der Leichenwagen. Ein paar Schaulustige standen auch herum. Bount stellte seinen champagnerfarbenen Mercedes irgendwo an der Seite ab und hörte dann einen Augenblick lang den Gesprächen der Leute zu. Ein Angler hatte danach einen nicht ganz alltäglichen Fang gemacht. Eine Leiche, eingerollt in einen Perser-Teppich.

Bount ließ den Blick ein wenig schweifen und hatte wenig später Captain Rogers entdeckt.

Einer der Uniformierten versuchte, Bount zurückzuhalten, aber der Privatdetektiv zeigte seine Lizenz. "Der Captain erwartet mich", erklärte er dazu.

Der Uniformierte nickte. "Gehen Sie nur, Mister Reiniger! Tut mir leid, aber das konnte ich Ihnen nicht ansehen."

"Macht ja nichts."

Und dann war Bount wenige Sekunden später auf der Pier. Rogers und Lieutenant Browne standen rechts und links von der Leiche. Der Arzt war gerade fertig und machte sich davon, während sich nun einer von der Spurensicherung an dem Toten zu schaffen machte.

"Hallo, Bount. Das ging ja schnell", meinte Rogers. Er deutete auf die Leiche.

Es war ein Mann mit blonden Haaren und hohem Stirnansatz. "Auf seinem Rücken steht Eagle!", meinte der Captain. "Ist das der Kerl, von dem du mir eine Beschreibung mitgegeben hast?"

Bount nickte. "Könnte sein. Ich habe Franklin Bescheid gesagt. Er müsste gleich hier sein und kann es dann genauer sagen."

Und Franklin kam tatsächlich. Einer der Uniformierten begleitete ihn. "Der Mann hier will unbedingt zu Ihnen, Captain!"

"Schon gut!", rief Rogers.

Mark Franklins Blick wandte sich zunächst an Bount. Erst dann blickte er auf die Leiche. Er hatte so etwas offenbar noch nie zuvor gesehen, deshalb schaute er nur ganz kurz hin und wandte anschließend den Kopf zur Seite. Franklin schluckte.

Er war ein hartgesottener, mit allen Wasser gewaschener Geschäftsmann, aber das ging offenbar doch ein bisschen über das hinaus, was er vertragen konnte.

"Ist das der Mann, Mister Franklin?", fragte Bount.

Franklin nickte. Er brauchte zwei Sekunden, ehe er ein mattes "Ja." nachschieben konnte.

"Sind Sie sicher?"

"Absolut." Er blickte Bount fragend an. "Was hat das zu bedeuten, Mister Reiniger?"

"Ich habe bis jetzt keine Ahnung, Sir. Aber ich werde es herausfinden."

"Wenn Sie etwas wissen, sagen Sie mir bitte Bescheid, Reiniger!"

"In Ordnung", nickte Bount.

Franklin öffnete seinen Krawattenknoten und den ersten Hemdknopf und schnappte nach Luft. "Sie entschuldigen mich jetzt sicher..." Und damit ging er davon.

"Eine Leiche, die eine Weile im Schmuddelwasser des East Rivers gelegen hat, ist nichts für zarte Gemüter!", brummte Rogers.

Bount hob die Augenbrauen.

"Wie heißt der Mann?"

Rogers hob die Arme und nahm Bount ein bisschen zur Seite. "Er hat nichts bei sich, was auf seine Identität hinweisen könnte. Keinen Pass, nicht einmal Etiketten in den Kleidern."

"Und wie ist er gestorben?"

"Genickbruch", murmelte der Captain. "Wenn du mich fragst: Da wusste jemand ziemlich gut, wie man tötet, ohne Geräusche zu verursachen oder sich schmutzig zu machen."

"Ein Profi?"

"Kann ich nicht ausschließen!", erwiderte der Captain und zuckte dabei die Schultern.

"Jedenfalls wirst du jetzt nicht umhin kommen, dich ebenfalls um Leslie Craven zu kümmern, Toby", gab Bount zurück.

"Ich fürchte, du könntest recht haben!", nickte Rogers. Craven war möglicherweise ein wichtiger Zeuge in dieser Sache.

Oder sogar der Mörder.

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"Wenn ich so darüber nachdenke, war Leslie ein ziemlich komischer Kauz", meinte Carla Davis, später, als sie neben Bount auf dem Beifahrersitz des 500 SL saß. Sie zuckte mit den Schultern. "Ich spreche schon in der Vergangenheit von ihm. Als ob er tot wäre."

"Vielleicht ist er das auch", meinte Bount.

"Ist das Ihr Ernst?"

"Ich kann keine Möglichkeit ausschließen."

Als Bount den Mercedes an einer Kreuzung kurz anhalten musste, fingerte er ein Schwarzweiß-Foto aus seiner Jackentasche, das von der East-River-Leiche gemacht worden war. Carla nahm das Foto und betrachtete es stirnrunzelnd. "Wer ist das?"

"Haben Sie ihn irgendwann schon einmal gesehen?"

"Hat er etwas mit Leslie zu tun?"

"Möglich."

"Ich glaube nicht, dass ich ihn kenne."

"Was heißt das: 'Ich glaube nicht'?"

Sie sah noch einmal auf das Bild. Anstatt Reiniger zu antworten, fragte sie: "Er ist tot, nicht wahr?"

"Ja."

Sie gab Bount das Bild zurück.

"Und wie hängt das mit Leslie zusammen?", fragte sie.

Darauf konnte Bount ihr auch keine Antwort geben. Noch nicht. Aber einen Zusammenhang zwischen den beiden musste es geben. Wenig später parkte Bount den 500 SL vor Martha Raglans Haus. Sie stiegen aus und Bount meinte an seine Begleiterin gewandt: "Versuchen Sie mal Ihr Glück!"

Sie nickte.

Aber auch für sie öffnete sich die Haustür nur einen Spalt weit.

"Erinnern Sie sich an mich?", fragte Carla. "Ich war mit Mister Craven hier. Wir sind zusammen oben in seine Wohnung gegangen."

Martha Raglans Blick ging von Carla zu Bount, der zwei Schritte hinter ihr stand.

"Sie schon wieder? Ich werde die Polizei rufen!", zischte sie dem Privatdetektiv zu.

Reiniger blieb gelassen. "Die wird ohnehin vielleicht bald zu Ihnen kommen", stellte er fest. "Denn Mister Craven könnte in einer Mordsache ein wichtiger Zeuge sein." Bount ließ das erst einmal ein paar Sekunden wirken. Und tatsächlich tat sich in ihren Gesichtszügen etwas. Martha Raglan wirkte jetzt nachdenklich. "Was ist nun, Ma'am? Wollen Sie auch dieser Lady gegenüber noch behaupten, hier hätte nie ein Mann namens Leslie Craven gewohnt? Miss Davis kann das Gegenteil bezeugen. Und die Polizei wird das sehr merkwürdig finden!"

Die Hausbesitzerin atmete tief durch. Es war ihr anzusehen, dass sie sich in diesem Moment alles andere als wohl in ihrer Haut fühlte.

Schließlich öffnete sie die Tür ganz und meinte: "Kommen Sie herein. Alle beide!"

Bount und Carla folgten ihr. Dann blieb Martha Raglan plötzlich stehen und sagte: "Also gut, hier hat tatsächlich ein Mister Craven gewohnt."

"Bis wann?", fragte Bount. "Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?"

"Das war..." - sie überlegte einen Moment lang - "...am Mittwochmorgen! Letzten Mittwoch, bevor er zur Arbeit fuhr. Gewöhnlich fuhr er jedenfalls um diese Zeit zur Arbeit, wohin er an jenem Tag gefahren ist, weiß ich nicht."

"Hat er irgendetwas gesagt?"

"Er hat gesagt, dass Leute nach ihm fragen würden und dass ich sagen sollte, dass ich ihn nicht kennen würde. Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass er in eine Mordsache verwickelt ist!"

Bount nickte langsam. Vermutlich hatte Craven der Dame ein paar Scheine für ihre Dienste angeboten. "Okay", murmelte er.

"Es war übrigens vor Ihnen schon einmal jemand da, der sich nach Mister Craven erkundigt hat."

Bount horchte auf. "War das gestern?" In dem Fall sprach sie von Mark Franklin.

"Es waren zwei Männer. Einer war gestern hier, der andere kam Donnerstag oder Freitag", meinte sie und machte ein angestrengt nachdenkliches Gesicht "Ich weiß es nicht mehr genau."

Bount zog indessen das Foto von der East-River-Leiche hervor.

"War dieser Mann vielleicht einer der beiden?"

Sie nahm das Foto und starrte angewidert darauf. Dann schluckte sie und schüttelte energisch den Kopf, bevor sie das Bild an Bount zurückreichte. "Nein", sagte sie. "Der war es bestimmt nicht. Er sah ganz anders aus."

"Beschreiben Sie ihn!"

"Welchen?"

"Den, der zuerst kam. Donnerstag oder Freitag."

"Er trug ein braunes Jackett. Aber eins von der ganz edlen Sorte, wie man ihn nur selten sieht..."

"Und sonst noch?"

"Dunkle Haare hatte er. Und am Handgelenk trug ein Kettchen, mit dem er dauernd herumspielte. Er hat mich ganz nervös damit gemacht."

"Was haben Sie ihm gesagt?"

Sie zuckte die Achseln. "Dasselbe wie Ihnen!"

"Und? Hat er es Ihnen geglaubt?"

"Jedenfalls ist er nicht wiedergekommen."

Das war ein Argument. "Können Sie uns Cravens Wohnung zeigen?", fragte Bount.

Martha Raglan musterte den Privatdetektiv kurz, bevor sie schließlich nickte.

Begeistert war sie nicht. Aber sie stimmte trotzdem zu. "Kommen Sie", forderte sie und ging voran.

Viel gab es in Cravens Wohnung nicht zu sehen. Sie wirkte wie geleckt. Und nirgends gab es etwas, dass auf Leslie Craven hinweisen konnte. Alles war leergeräumt und saubergewischt. "Er war ein vorbildlicher Mieter", kommentierte Martha Raglan. "Auch, als er ging. Er hat die Wohnung in hervorragendem Zustand hinterlassen."

"Waren das seine Möbel?", fragte Bount.

"Die Wohnung war möbliert."

"Verstehe. Wann hat Craven seine Sachen aus der Wohnung genommen?"

"Keine Ahnung. Das ist mir auch ein Rätsel. An dem Morgen, als ich ihn zum letzten Mal sah, hatte er nur sein Diplomatenköfferchen bei sich."

Der Zustand der Wohnung sah nicht danach aus, als wäre Craven in großer Eile auf und davongegangen. Er konnte unmöglich eines Morgens ins Auto steigen und dabei seinen gesamten Hausrat mitnehmen, ohne dass das auffiel. Vielleicht hatte er die Sachen in der Nacht zuvor verschwinden lassen.

Bount untersuchte den Boden. Überall in der Wohnung war Teppichboden, außer in Bad und Küche.

"Wonach suchen Sie?", fragte Carla.

"Nach Spuren", erwiderte Bount. "Spuren eines Teppichs. Wenn ein Teppich länger auf derselben Stelle liegt, ist der Bodenbelag darunter oft weniger verschossen."

Aber Bount fand keine solche Stelle in Cravens Wohnung. Der Privatdetektiv wandte sich noch einmal an Carla Davis. "Wissen Sie, ob Craven hier einen Perser-Teppich hatte?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Als ich hier war, lagen in der Wohnung keinerlei Teppiche", sagte Carla. "Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich dachte nämlich noch, dass so etwas hier gut hinpassen würde."

"Erinnern Sie sich noch an irgendwelche persönlichen Dinge von Craven?"

Sie schien nachzudenken und zuckte dann nach kurzer Pause die Schultern.

"Nein", meinte sie. "Eigentlich war da nichts besonders. Alles schien mir ziemlich unpersönlich zu sein." Sie machte eine Pause. "Ein paar Zeitschriften lagen da herum."

"Welche Zeitschriften?"

"Eine von denen mit Riesenbrüsten auf dem Cover. Penthouse, glaube ich. Daneben eine Ausgabe der Military Review. Das hat mich etwas gewundert, denn er machte mir nie den Eindruck, ein Waffennarr zu sein."

Als Bount und Carla eine Viertelstunde später wieder nebeneinander in dem champagnerfarbenen 500 SL saßen, wirkte sie ziemlich schweigsam. Bount brachte sie in die Third Avenue, wo der Büroturm stand, in dem auch Mark Franklin und seine Agentur ihre Büros hatten. Carla hatte ihren Wagen noch auf dem Parkdeck stehen und deshalb sollte Bount sie hier absetzen. Bevor sie ausstieg, fragte sie Bount noch einmal nach dem Foto von dem Blonden, den Rogers’ Leute aus dem East River geholt hatten. Bount gab es ihr. Sie nahm es, warf noch einen Blick darauf und nickte dann. "Ich kann mich täuschen, aber vielleicht habe ich diesen Mann doch schon einmal gesehen."

"Wo war das?", hakte Bount nach.

"Auf dem Flur vor den Büros der Franklin Agency, glaube ich. Er fiel mir auf, weil er dort herumstand und in einer Zeitung blätterte. Ich dachte gleich, dass der irgendwie nicht dorthin paßt."

"Wissen Sie noch, wann das war?"

"Letzte Woche. Ein oder zwei Tage, bevor Leslie in Urlaub ging."

"Ich danke Ihnen."

Sie zuckte die Achseln. "Ich hoffe, Sie können damit etwas anfangen."

"Vorher weiß man das leider selten!"

Sie zögerte, bevor sie ausstieg. Irgend etwas lag ihr noch auf der Seele. Sie wandte sich zu Bount herum und fragte schließlich: "Was glauben Sie, ist mit Leslie passiert?"

"Ich werde bezahlt, um das herauszufinden", erwiderte Bount.

"Wissen Sie, ich mag ihn. Leider hat er das nie erwidert. Jedenfalls nicht so, wie ich es gerne gehabt hätte. Trotzdem, er ist ein feiner Kerl - auch wenn ihn viele wegen seiner etwas verschlossenen Art nicht verstanden haben."

Bount hob die Augenbrauen. "Haben Sie ihn denn verstanden?", fragte er.

Carla schüttelte den Kopf. "Ich fürchte nein. Aber was rede ich hier eigentlich! Das interessiert Sie bestimmt nicht!"

Bount lächelte verbindlich. "Mich interessiert alles, was mit Leslie Craven zu tun hat. Und wenn es noch so beiläufig scheint. Ein Mann verschwindet nicht so einfach und löst sich in Luft auf. Es muss etwas mit seinem Leben zu tun haben."

Oder mit seinem Doppelleben, setzte Bount in Gedanken hinzu.

Sie zuckte nachdenklich die Schultern. "Ist doch merkwürdig nicht? In dem Moment, in dem jemand verschwindet, stellt man fest, dass man so gut wie nichts über ihn weiß. Nichts Wesentliches jedenfalls. Ich könnte ihnen jetzt sagen, dass er ein hervorragendes Gedächtnis hat und alle Telefonnummern auswendig kennt, die für ihn wichtig sind."

"Er ist wohl ziemlich korrekt."

"Das ist er. Und sehr beherrscht. Das einzige Mal, dass ich ihn unbeherrscht erlebt habe, das war, als uns auf dem Highway so ein Verrückter bei einem Überholmanöver fast in die Leitplanken gedrängt hatte." Sie lächelte. "Aber er hatte sich immerhin noch so gut in der Gewalt, dass er sich die Autonummer merken und den Kerl nachher anzeigen konnte."

"Sind Sie doch öfter mit ihm unterwegs gewesen?"

"Das war dienstlich, Mister Reiniger. Wir waren gemeinsam bei einem Verlag, um über die Gestaltung eines Bildbandes zu sprechen." Sie sah Bount auf einmal fragend ab. "Glauben Sie, dass Leslie noch lebt?"

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"Wir haben unsere Karteien auf den Kopf gestellt und überall angefragt, wo es nur halbwegs erfolgversprechend sein könnte", dröhnte Toby Rogers, irgendwann gegen Mittag des nächsten Tages, als Bount Reiniger den Captain in seinem Büro aufgesucht hatte. Reiniger hatte auf einem Stuhl Platz genommen, sich eine Zigarette zwischen die Lippen gesteckt und hörte gelassen zu.

Viel war es nicht, was Rogers vorzuweisen hatte. Das, was der Captain seinem Freund präsentierte, konnte diesem nicht gefallen.

"Mit anderen Worten", schloss Bount schließlich zwischen zwei Zigarettenzügen, "über den Blonden mit der Eagle-Jacke wissen wir nichts."

"So ist es", nickte Rogers. "Und sein Mörder hat dafür gesorgt, dass es uns so schwer wie möglich gemacht wird."

"Was ist mit der Jacke?", fragte Bount. "Auch wenn die Etiketten herausgeschnitten sind, müsste man doch herausfinden können, wo sie gekauft wurde..."

Rogers nickte. "Du hast recht. Diese Jacke ist nicht gerade alltäglich - und vor allem wohl auch ziemlich teuer gewesen. Aber im Augenblick setzen wir unsere Hoffnungen auf die Zähne dieses Mannes. Er muss in letzter Zeit beim Zahnarzt gewesen sein. Und zwar in der letzten Woche, allenfalls in der vorletzten."

"Woher willst du das so genau wissen?"

"Die Leiche hatte ein Zinkkäppchen im Mund. Das ist eine Art provisorische Krone, die aufgesetzt wird, um abzuwarten, ob sich der Nerv entzündet und gezogen werden muss. Stellt sich das nämlich erst heraus, wenn das Gold bereits im Mund ist, wird es teuer. Diese Käppchen halten im Höchstfall ein paar Monate und sind oft schon nach kurzer Zeit ziemlich zerbissen. Aber dasjenige, das man im Mund der Leiche gefunden hat, war noch in gutem Zustand."

Immerhin, dachte Bount. Vielleicht führte das ja weiter.

Rogers beugte sich etwas über den Tisch.

"Da ist noch eine andere Sache", murmelte Rogers. "Dieser Craven..."

"Hatte ich dir das noch nicht gesagt? Leslie Craven ist schon seit Jahren nicht mehr am leben. Der Mann auf dem Foto hat seine Identität angenommen."

Rogers blickte nachdenklich drein und nickte dann entschieden. "Das ergibt ein Bild", meinte er dann. "Ich habe das Foto nämlich scannen und vervielfältigen lassen." Während er das sagte holte er aus einer Schublade heraus und gab es Bount zurück. "Eine Rundum-Abfrage sozusagen. Krankenhäuser, Leichenhalle, FBI..."

"Und?"

"Irgend jemand behindert die Ermittlungen, Bount. Plötzlich macht es Schwierigkeiten, an bestimmte Daten heranzukommen. Wir bekommen keine vernünftigen Auskünfte über diesen Mann. Ich weiß noch nicht, woher der Wind da weht."

Bount lehnte sich zurück. "Willst du damit sagen, dass jemand im FBI die Hand über diesen Craven hält?"

"Ja, so ist es."

"Was wirst du unternehmen, Toby?"

Rogers zuckte die Achseln. "Jedenfalls werde ich nicht versuchen, mir an einer Mauer den Schädel einzurennen! Wenn sich mein Verdacht bestätigt, sind meine Möglichkeiten am Ende."

"Klingt nicht gut!"

"Was soll ich machen, Bount?"

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"Ich hatte Ihnen gesagt, Sie sollten keine Wunderdinge erwarten!", sagte Bount Reiniger an Mark Franklin gewandt. Der Agent saß hinter seinem Schreibtisch und machte ein ziemlich missmutiges Gesicht. Er hob beschwichtigend die Hände.

"So war das auch nicht gemeint, Mister Reiniger!"

"Ich wollte Ihnen einfach nur darstellen, was ich inzwischen weiß. Und es liegt nun an Ihnen, ob ich weitermachen soll."

"Sie meinen, Craven ist aus eigenem Antrieb untergetaucht."

"Ja. Keine Entführung so etwas. Da bin ich mir fast sicher."

"Und der falsche Lebenslauf?"

"Ich weiß es nicht. Zeugenschutzprogramm vielleicht oder etwas anderes, was auch in die Richtung geht."

"Und woran denken Sie da?"

"Er war darauf getrimmt, sich Telefon- und Autonummern zu merken. Er könnte ein Cop gewesen sein. Oder ein FBI-Mann."

"Ganz egal, wer oder was Craven ist. Er scheint mir in Schwierigkeiten zu sein und ich möchte, dass Sie ihn finden."

Bount zuckte die Achseln. "Meinetwegen", brummte er.

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Lew Valdez war FBI-Mann und besaß ein hübsches Haus in einer der Suburbs von Elizabeth, New Jersey, wo er mit seiner Frau lebte. Bount stellte seinen Mercedes am Rand der breiten Allee ab. An beiden Seiten waren schlanke, hochaufragende Bäume, durch deren Kronen der Wind raschelte. Eine schöne Gegend, dachte Bount. Valdez war eben ein Mann von Geschmack.

Bount ging zur Haustür und klingelte. Eine Frau öffnete, die auf ihrem Arm ein Baby trug, das den Privatdetektiv mit großen Augen ansah. Die Frau kannte Bount nur von einem Foto, das Lew Valdez immer bei sich trug. Und das Kind war noch nicht auf der Welt gewesen, als Bount dem FBI-Mann zum letzten Mal begegnet war.

"Guten Tag, Ma'am. Mein Name ist Reiniger. Sie werden mich nicht kennen, aber ich muss dringend mit Ihrem Mann sprechen."

Ihr Blick war misstrauisch.

"Warten Sie einen Moment!", sagte sie dann und verschwand. Als sie zurückkehrte, hatte sie das Kind nicht mehr auf dem Arm. Sie bat Bount herein und führte ihn in ein Wohnzimmer mit klobigen Polstermöbeln und einem niedrigen Tisch aus Glas. "Setzen sie sich", sagte sie. "Mein Mann steht gerade unter der Dusche. Er kommt aber gleich. Wollen Sie etwas trinken?"

"Danke, nein", erwiderte Bount.

Es dauerte nicht lange, bis Valdez den Raum betrat. Und bis dahin herrschte mit wenigen Unterbrechungen ein verlegenes Schweigen.

Lew Valdez blieb in der Tür stehen. Er trug Jeans und T-Shirt. Sein Haar war noch nicht ganz trocken.

Valdez' Gesichtsausdruck blieb unbewegt. Nur seine Augen verengten sich ein wenig. "Tag, Reiniger! Lange her, dass wir uns zum letzten Mal gesehen haben.

Der Privatdetektiv nickte. "Seit der Rinaldo-Geschichte nicht mehr."

Valdez verzog das Gesicht zu einem etwas gezwungen, wirkenden Lächeln, trat an Bount heran und gab ihm die Hand. "Das müssen drei oder vier Jahre her sein."

"Könnte stimmen."

Die Blicke der beiden Männer trafen sich einen Augenblick lang. Dann sagte Valdez: "Wir hätten Frank Rinaldo damals ohne Ihre Hilfe nicht bekommen, Reiniger!" Er lächelte.

"Wer ist dieser Rinaldo?", fragte Valdez' Frau.

"Ein Profi-Killer", erklärte der FBI-Mann. "Sechs Morde konnte man ihm vor Gericht nachweisen, aber es waren vermutlich mindestens doppelt so viele."

Valdez atmete tief durch. "Ein paar von unseren Leuten waren auch unter den Opfern."

"Oh...", machte seine Frau, die von der Story offenbar zum ersten Mal hörte.

Jedenfalls machte sie ein recht überraschtes Gesicht.

Valdez wandte sich wieder an Bount. "Ich bin jetzt nicht mehr im Außendienst", sagte er. "Ich hatte die Nase voll. Ziemlich bald nach der Sache damals habe ich mich versetzen lassen."

"Und was machen Sie jetzt?"

"Jetzt schiebe ich an meinem Schreibtisch eine verhältnismäßig ruhige Kugel und komme auf der Karriereleiter ganz gut vorwärts."

Bount verstand. Valdez hatte inzwischen eine Familie gegründet und da war es sicher das Beste für ihn, nicht mehr jeden Tag Kopf und Kragen zu riskieren.

Valdez beugte sich etwas vor. "Ich nehme an, Sie sind nicht einfach nur zum Vergnügen hier, Reiniger!"

Bount hob die Schultern ein wenig.

"Nein, leider nicht", murmelte der Privatdetektiv, während Valdez' Augen ein wenig schmaler wurden.

"Was wollen Sie?", fragte der FBI-Mann.

"Ein Gespräch unter vier Augen."

"Meinetwegen."

Mrs. Valdez verstand diesen Wink mit dem Zaunpfahl. Als sie den Raum verlassen hatte, sagte Bount: "Es geht um einen Mann, von dem ich vermute, dass er vielleicht mal beim FBI war. Sein Name ist Leslie Craven, aber dieser Name ist falsch. Es scheint, als hätte er die Identität eines Toten angenommen."

Valdez runzelte die Stirn.

"Was ist mit diesem Mann?"

"Er ist vermutlich in Gefahr. Vielleicht lebt er auch schon nicht mehr. Jedenfalls ist er wie vom Erdboden verschwunden. Kurz zuvor hatte er eine handgreifliche Begegnung mit zwei Männern, die ihn vielleicht entführen oder umbringen wollten."

Valdez hob die Augenbrauen. "Und was kann ich jetzt dabei für Sie tun?"

"Ich brauche einen Tipp, wer hinter Craven her sein könnte."

Valdez nickte. "Und wie kommen Sie darauf, dass Craven in unserem Laden gearbeitet hat?"

"Erst dachte ich, dass vielleicht mal in einer heiklen Sache Zeuge gewesen ist."

"Und das denken Sie jetzt nicht mehr."

"Craven konnte sich hervorragend Nummern merken. Von Telefonen und Autos. Das riecht für mich nach Polizei."

"Ein ehemaliger Under-Cover-Agent, der eine neue Identität bekommen hat?"

"Zum Beispiel."

"Aber wir borgen uns unsere Legenden nicht von Toten, Reiniger. Das sollten Sie wissen. Das machen wir weder bei Zeugen, noch bei unseren eigenen Leuten."

"Ja", murmelte Bount. "Das hat mich auch gewundert." Er legte das Foto von Craven auf den Tisch.

"Ist er das?", fragte Valdez unnötigerweise.

"Ja. Auf der Rückseite habe ich alles Wichtige über ihn notiert."

"Ich kann Ihnen nichts versprechen, Reiniger! Obwohl ich Ihnen noch einen Gefallen schulde."

"Aber Sie können es versuchen."

Er sah Bount einen Augenblick lang an und seufzte dann. "Okay", meinte er.

"Aber bitten Sie mich nie wieder um so eine Art von Gefallen!"

"Versprochen", erwiderte Bount.

Valdez machte nur eine wegwerfende Handbewegung.

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Bount hatte die Hälfte des Weges zurück nach New York City hinter sich, da meldete sich June über das Autotelefon.

"Toby hat bei mir in der Agentur angerufen", sagte sie. "Seine Leute haben den Zahnarzt ausfindig gemacht, bei dem der Blonde vor seinem Tod noch gewesen ist."

"Na, großartig!"

"Warte, ich gebe dir die Adresse durch. Liegt in Greenwich Village."

Reiniger hatte an den Armaturen des 500 SL einen kleinen Block, auf dem er mit einer Hand mitschrieb. "Okay", murmelte er dann. "Ist Toby schon unterwegs?"

"Ja, aber du wirst ihn sicher noch antreffen, wenn du dich etwas beeilst!"

"Was ist mit Craven? Hast die noch etwas über ihn herausfinden können?"

"Im Augenblick versuche ich herauszufinden, ob es in Berkeley Studenten gab, die Cravens nicht gerade alltägliche Sprachenkombination belegt hatten. Vielleicht kommen wir ihm so auf die Spur."

"Vielleicht war er gar nicht in Berkeley."

"In dem Fall sieht es finster aus. Aber einen Versuch ist es wert!"

Bount trat das Gaspedal des 500 SL durch und hoffte, dass im Moment keine Streifen auf dem Highway patrouillierten. Als er dann die Adresse in Greenwich Village erreichte, die June ihm genannt hatte, war Rogers schon da. Bount sah es an dem Dienstwagen des Captains, der vor der Praxis geparkt worden war. Die Sprechstundenhilfe wollte Bount erst gar nicht vorlassen.

"Ich gehöre zu Captain Rogers", murmelte Bount in gedämpften Tonfall, während die Patienten im Wartezimmer interessiert die Ohren spitzten.

"Dann ist das etwa anderes", meinte daraufhin die Sprechstundenhilfe.

"Kommen Sie mit!"

Sie führte Bount einen kurzen Flur entlang und fragte dabei, ob er Sergeant oder Lieutenant sei.

"Detective", gab Bount zur Antwort. Dass er kein Police Detective war, erwähnte er natürlich nicht.

Der Zahnarzt hieß Grayson, machte einen ziemlich schmächtigen Eindruck und trug eine ziemlich dicke Brille.

"Hallo, Bount", dröhnte Rogers. "Ich bin auch gerade erst gekommen."

Grayson musterte Bount eine Sekunde lang. Dann sagte er: "Wie gesagt, der Mann nannte sich Delcourt. Roger Delcourt. So hat er es jedenfalls angegeben."

"Haben Sie sich seine Papiere zeigen lassen?", fragte Rogers.

Grayson hob die Schultern.

"Warum sollte ich?", fragte er. "Der Mann hat bar gezahlt. Sein Zinkkäppchen hatte sich gelöst. Es war auch schon ziemlich zerbissen. Er brauchte unbedingt ein neues, weil sonst auch noch die Unterfüllung nach und nach herausgebrochen wäre." Grayson zuckte die Achseln. "Eine Sache von wenigen Minuten."

"Ist Ihnen noch irgendetwas an ihm auf gefallen? Hat er vielleicht was gesagt?"

Rogers’ Stimme klang nicht so, als ob er noch viel Hoffnung hätte, hier auf eine heiße Spur zu treffen.

"Er sprach etwas seltsam", berichtete Grayson.

"Ein Akzent?", mischte sich Bount ein.

"Ja."

"Haben Sie eine Ahnung, was für einer das gewesen sein könnte?"

Grayson überlegte einen Moment, nahm dann die Brille ab und rieb sich kurz die Augen. Dann sagte er: "Französisch, wenn ich mich nicht völlig irre. Auf jeden Fall ausländisch."

Rogers seufzte. "Ich danke Ihnen", knurrte er und wandte sich zum Gehen.

Bount folgte ihm.

"Willst du nicht noch die Sprechstundenhilfen befragen, Toby?"

"Das habe ich schon."

"Und?"

"Die erinnern sich kaum noch an den Mann. Mehr als Dr. Grayson wusste sie auch nicht."

Wenig später waren sie beiden Wagen. Rogers wurde vom Department angerufen. Er sagte nicht viel. Nur zweimal "Okay!", aber die Art, wie er das sagte verriet, dass überhaupt nichts okay war.

Bount trat zu ihm. "Neuigkeiten, Toby?"

"Abwarten. In meinem Büro sitzt jemand und wartet auf mich. Jemand von der Bundespolizei." Rogers zuckte die Achseln. "Kann sein, dass der Fall jetzt für mich zu Ende ist."

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Als Toby Rogers sein Büro betrat, saß ein langgestreckter, hagerer Mann hinter dem Schreibtisch, der eine ziemlich wichtige Miene machte und sich entspannt zurücklehnte. Es gefiel dem Captain nicht, dass sich der Kerl hier so breit machte.

Es lag unverhohlene Arroganz darin. Der Kerl hielt Rogers einen Ausweis hin.

"Mein Name ist Jeffers. FBI."

"Man Sie mir schon angekündigt."

"Ja, ich habe hier schon eine Weile gewartet."

Rogers verzog das Gesicht. "Tut mir leid!", meinte er, was aber nicht besonders ernstgemeint klang. "Am besten Sie kommen gleich zur Sache. Dann sparen wir beide unsere Zeit."

Jeffers fixierte Rogers mit eisigem Blick. Zwei volle Sekunden lang, sagte er nichts, dann nickte er und meinte: "In Ordnung."

"Worum geht es?"

"Sie fahnden nach einem Mann namens Leslie Craven."

"Richtig."

"Lassen Sie es bleiben."

Rogers runzelte die Stirn. "Wie bitte? Der Mann ist Zeuge in einer Mordsache!"

"Ich sagte: Lassen Sie es bleiben."

"Bis jetzt wusste ich nicht, dass Sie mir gegenüber weisungsbefugt sind!", knurrte Rogers zurück. "Genau genommen sind Sie noch nicht einmal befugt, dieses Büro zu betreten und diesem Stuhl da zu sitzen!"

Jeffers beugte sich etwas vor und meinte dann verbindlicher: "Regen Sie sich nicht auf, Captain. Sehen Sie, ich könnte jetzt den langwierigen Dienstweg beschreiten, um Sie zu zwingen, das zu tun, was ich will. Aber ich setze auf Ihre Einsicht."

Rogers verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. "Ach, wirklich?"

"Im Augenblick sind Sie dabei, massenhaft Porzellan zu zerschlagen. Und ich möchte Sie schlicht darum bitten, damit aufzuhören. Denn was Sie tun, könnte einem Menschen das Leben kosten!"

"Leslie Craven?"

"Ja."

"Er heißt nicht so."

"Nein, das ist richtig. Aber ich werde Ihnen seinen wirklichen Namen nicht sagen."

"Wissen Sie, wo Craven ist?"

"Hören Sie, Craven hat einmal eine wichtige Rolle für uns gespielt."

"Deshalb die falsche Identität, das ist mir schon klar. Haben Sie schon mal überlegt, dass er in Schwierigkeiten sein könnte?"

Jeffers grinste. "Wenn es so wäre, würden wir damit selbst fertig werden." Er erhob sich und trat nahe an Rogers heran und steckte dabei beide Hände in die Hosentaschen. Er war einen halben Kopf größer als der Captain. "Ich bin nicht befugt, Ihnen mehr zu sagen. Ich kann Sie nur warnen."

Rogers verdrehte die Augen. Jetzt kam also die grobe Tour.

"Was wollen Sie schon machen, Jeffers?", brummte der Captain und strich sich dabei mit der flachen Hand die Haare nach hinten.

Sein Gegenüber blieb eiskalt.

"Ihnen ganz gehörig auf die Finger klopfen, wenn es sein muss!" In den Augen des FBI-Manns funkelte es bedrohlich. "Kommen Sie ja nicht auf die Idee, dass ich bluffe, Rogers!", knurrte er.

Der Captain zuckte nur die breiten Schultern.

"Auf den Gedanken käme ich auch nie!", gab er dann unwirsch zurück.

Jeffers verzog den schmallippigen Mund zu einer Grimasse.

"Das will ich hoffen, Rogers!"

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Tiefste Finsternis umgab ihn, als er aus einem kurzen, unruhigen Schlaf erwachte. Einem Schlaf der Erschöpfung, der ihn für kurze Zeit sogar die Schmerzen hatte vergessen lassen. Jedes Gefühl für Zeit und Ort hatte er verloren.

Er wusste nicht wie spät es war, oder welcher Tag. Er wusste nur, dass er mit Händen und Füßen an ein Bett gefesselt war und sich so gut wie überhaupt nicht bewegen konnte. Etwas Warmes, Salziges spürte er im Mund. Es rann ihm zwischen den aufgesprungenen Lippen hindurch in einem dünnen Strom den Hals hinunter. Blut.

Er wusste nicht, wie viele Zähne man ihm ausgeschlagen hatte. Jedenfalls tat es höllisch weh. Und die Schmerzen allein sorgten schon dafür, dass er keinen Schlaf fand, wenn ihn nicht gerade die totale Erschöpfung übermannte.

In diesem Moment hörte er ein Geräusch. Es waren Schritte, draußen auf dem Flur. Eigentlich nicht einmal besonders laut, aber jetzt empfand er sie wie Hammerschläge. Sein Kopf dröhnte. Die Tür ging auf und gleißendes Licht blendete ihn. Er kniff die geschwollen Augen zusammen und versuchte zu blinzeln. Eine Gestalt hob sich als Schattenriss undeutlich gegen das Licht ab und blieb ein paar Sekunden lang im Türrahmen stehen. Eine Hand ging zum Lichtschalter und dann schien alles in ein Meer aus schmerzender Helligkeit getaucht zu sein. Der Mann auf dem Bett sah sekundenlang so gut wie nichts und versuchte die Augen zusammenzukneifen. Auch das schmerzte furchtbar.

Unterdessen hörte er Schritte, die sich dem Bett, in dem er lag näherten und kurz davor stehen blieben. Eine Hand griff roh nach seinem Kinn und riss es zur Seite.

Er stöhnte auf, während eine Welle des Schmerzes vom Kiefer aus den Kopf durchflutete.

"Wie ich sehe, hat George dich ziemlich hart rangenommen, Craven", sagte eine sonore Stimme. "Oder soll ich dich lieber bei deinem wirklichen Namen nennen?"

Craven fröstelte beim Klang dieser Stimme.

Er versuchte etwas zu sagen, aber es kam nichts über seine Lippen als ein ächzender Laut.

"Was wollt ihr noch?", fragte er schließlich. Er sprach undeutlich wegen seinen Zähnen. Es war kaum zu verstehen. "Warum macht ihr nicht einfach ein Ende? Das werdet ihr doch schließlich sowieso tun, oder?"

"Schon möglich. Aber das habe ich nicht zu entscheiden."

"Ja, ich weiß."

Langsam gewöhnte Craven sich an die ungewohnte Helligkeit und blickte in ein glattes, fast ausdrucksloses Gesicht, in dessen Mitte sich zwei kalte graue Augen befanden. In diesen Augen las er nicht mehr und nicht weniger als seinen Tod.

Er hatte keine Chance mehr.

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Es war ziemlich früh am Morgen, als Bount Reiniger den Anruf von Lew Valdez bekam. Der Privatdetektiv lag noch im Bett und war kaum richtig wach, als er Valdez' Stimme hörte.

"Reiniger, hören Sie mich?"

"Ja, aber ich verstehe Sie schlecht."

"Ich rufe von einer Telefonzelle aus an und hier in der Nähe wird gerade die Straße aufgerissen. Haben Sie Papier und Bleistift dabei?"

Bount langte zum Nachttisch.

"Ja."

"Der Mann, der sich Craven nennt ist bei uns als Keith Nolan registriert. Nolan hat vor dreizehn Jahren eine falsche Identität bekommen, weil er zuvor als Under-Cover-Agent gegen die Mafia tätig war.

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