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Boston Campus – Not Only You

Zu diesem Buch

Nachdem Madeline ihren Freund beim Fremdgehen erwischt hat, ist für die Studentin eines klar: Date keinen professionellen Sportler! Niemals! Dumm nur, dass ihr neuer Nachbar nicht nur unglaublich heiß, sondern auch der neue Star der NFL ist. Und er scheint ein Auge auf sie geworfen zu haben …

»Unser größter Ruhm liegt nicht darin, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen, wenn wir gescheitert sind.«

Konfuzius

Prolog

(Anfang Mai)

Daren

Manche Leute denken, ich hätte es geschafft. Ich behaupte, der Schein kann trügen.

Die weißen Lichter strahlen auf mich herab, und ich lächle. Das ist meine Antwort auf alles. Ich habe mir Knochenbrüche, Bänderrisse und Gelenkverrenkungen zugezogen, und ich lächle immer. Auf diese Weise ertrage ich den Schmerz, bis die Taubheit einsetzt und ich wieder atmen kann.

Die Kameras rücken näher an den Konferenztisch heran, und die Antworten kommen mir leicht über die Lippen. »Ich bin der Neue. Ich will einfach nur ein Mitglied dieser Mannschaft sein, meinen Teil zum Erfolg beitragen und die Lücke füllen.« Ich werfe einen Blick zu Coach Reynolds und Shawn Brentwood, dem erfahrenen Quarterback. »Das heißt, falls es eine Lücke gibt.«

Alle lachen, doch ich weiß, was Brentwood eigentlich denkt. Denn er denkt es schon die ganze Zeit. Er denkt, dass ich ein Arschloch bin, das hier ist, um ihm seinen Job wegzunehmen. Er hat recht. Denn was für ein Quarterback wäre ich, wenn ich damit zufrieden wäre, den ganzen Tag über auf der Bank zu sitzen? Ich bin hier, um zu gewinnen. Darin bin ich gut.

Der Coach beantwortet ein paar Fragen, und ich lasse den Blick zum hinteren Bereich des Raums wandern, wo ich die Ehefrauen und Freundinnen meiner Mannschaftskameraden entdecke. Verdammt, sogar mein Vater hat sich von seiner Firmenherrschaft freigenommen, um herzukommen. Und er und ich reden noch nicht einmal miteinander. Er steht ganz hinten neben meiner Mutter, die mein NFL-Trikot umklammert hält und aussieht, als würde sie gleich vor Freude in Ohnmacht fallen.

Ich sollte ebenso begeistert sein. Nach Tausenden Trainings- und Spielstunden, bin ich endlich angekommen. Ich habe meinen Traum verwirklicht. Doch während ich durch den Raum schaue, wird das Gefühl von Taubheit immer stärker.

Sie ist nicht gekommen.

Mein Kiefer spannt sich an. Ich sollte nicht überrascht sein. Aber ich bin es. Denn ich bin ein dummer Idiot, der gedacht hat, dass sie nach all dieser Zeit anders sein würde. Dass sie ihre Versprechen tatsächlich so gemeint hätte. Das sie sich verändert hätte.

Sie ist vermutlich unterwegs, um ein paar Armani-Koffer oder eine neue Gucci-Armbanduhr oder irgend so einen Mist zu kaufen, der ihren bereits überquellenden begehbaren Kleiderschank nur noch voller machen wird.

Ich bitte sie nie um etwas, aber um eine Sache habe ich sie doch gebeten. Eine einzige. Heute, am wichtigsten Tag meiner Karriere, hier zu sein.

Meine Schläfe pocht, und ich reibe mit meiner flachen Hand darüber.

Tief im Inneren weiß ich, dass ich das verdient habe. Wie heißt es so schön? Rache hat ein hässliches Gesicht. Ja, das kommt hin.

»Daren! Verspüren Sie als Heisman-Gewinner zusätzlichen Druck bezüglich Ihrer Leistungen?«

Natürlich.

Ich schüttle den Kopf. »Auszeichnungen bedeuten gar nichts. Nur Siege zählen. Obwohl es für mich eine Ehre ist, die Heisman-Trophy erhalten zu haben, repräsentiert diese Auszeichnung lediglich meine Collegekarriere. Meine NFL-Karriere beginnt jetzt. Wie Ihnen jeder Sportler bestätigen wird, kann man nur im Hier und Jetzt etwas erreichen. Also lasse ich nicht zu, dass Titel oder vorangegangene Siege meine Gedanken zum Spiel beeinflussen. Ich spiele, um zu gewinnen. Das ist alles.«

Er nickt und ignoriert die Tatsache, dass ich seine Frage nicht beantwortet habe. Das tun sie immer, weil sie nur meine Statistiken sehen, meine Würfe und meine Touchdowns.

Ich verstehe, warum die Leute denken, ich hätte es geschafft. Wenn ich in den Spiegel schaue, denke ich manchmal das Gleiche. Dass die Siege zu leicht sind, dass es noch eine andere Seite der Medaille geben muss, eine dunklere Seite, die niemand sieht. Denn niemand ist so talentiert wie ich. Ich bin ein verdammter Meister.

Aber dieser Drahtseilakt hat einen Preis. Stolz. Überheblichkeit. Eitelkeit. Man kann es nennen, wie man will. Es sind die Dinge, die ich mir einrede, um mich davon zu überzeugen, dass ich besser bin. Und wenn der Ball dann kommt, wenn ich die Ledernaht zwischen meinen Fingern fühlen kann und mein Herz bis in meine Ohren pocht, übernimmt die Routine aus dem Training, und ich fühle mich tatsächlich unbesiegbar. Natürlich investiere ich viel Zeit. Ich schwitze. Ich trainiere. Ich kämpfe. Doch letztendlich denken die Sieger immer, dass sie es schaffen können, und die Verlierer wissen, dass sie es nicht können.

Klingt das wie totaler Schwachsinn? Ja, das tut es. Aber wenn ich diesen Mist oft genug wiederhole, glaube ich ihn. Und wenn ich ihn glaube, gewinne ich.

Was passiert also, wenn ich ihn nicht glaube? Wenn ich weiß, dass diese Gedanken nichts weiter als Schwachsinn sind?

Ich vermassele es. So richtig.

Mein Handy vibriert in meiner Tasche, und ich verspüre einen Anflug von Wut. Als die Presseleute dazu übergehen, den neuen Wide Receiver zu interviewen, hole ich mein Handy hervor.

Ihre Nachricht ist typisch. Ich wurde aufgehalten. Ich komme.

Ich kann meine Antwort gar nicht schnell genug tippen. Nicht nötig.

Danke, dass du den NFL Draft verpasst hast, Miststück.

1

(Ende Mai)

Maddie

Nach einem einjährigen Praktikum bei NBC habe ich es endlich geschafft. Ich habe eine begehrte Stelle als Livereporterin ergattert. Dafür musste ich lange Arbeitszeiten im Studio, verpasste Mahlzeiten und ein nicht vorhandenes Sozialleben in Kauf nehmen, aber zwei Wochen nach meinem College-Abschluss hatte ich es unter Dach und Fach.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass NBC mir den Job angeboten hat. Aber mein Boss hat mir von Anfang an gesagt, dass es keine Stellen für Neulinge gibt. Also habe ich die nächstbeste Option gewählt – eine Stelle bei New England News Network. Dieser Sender ist bekannt für seine knallharte Berichterstattung. Außerdem kann ich so, im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen, die ständig unterwegs sind, um über Nachrichten aus aller Welt zu berichten, in meiner Heimatstadt bleiben.

Und heute Abend gibt es nur einen Menschen, mit dem ich feiern will.

Jacob wird vor Freude sterben, wenn ich ihm erzähle, dass ich es geschafft habe.

Als ich seine Wohnung betrete, stelle ich meine Tasche im Eingangsbereich ab und ziehe meine High Heels aus. Jacob schläft vermutlich. Er macht nach dem Training immer ein Nickerchen. Er betreibt Mixed Martial Arts und geht regelmäßig ins Fitnessstudio. Ich war zuvor noch nie mit einem Profisportler zusammen. Normalerweise habe ich mich immer eher für die ruhigen Wirtschafts- oder Geschichtswissenschaftler interessiert. Aber Jacobs Reizen konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich drehte gerade Filmmaterial für einen Freund, der im vergangenen Sommer über ein örtliches Turnier berichten musste, und dabei begegneten wir uns zum ersten Mal. Nachdem Jacob seinen Gegner verdroschen hatte, marschierte er auf mich zu und fragte, ob ich mit ihm ausgehen wolle.

Vor zwei Wochen bat er mich, bei ihm einzuziehen. Aber er trainiert für einen wichtigen Kampf, also wollen wir noch seine Reise nach Vegas nächste Woche abwarten, bevor ich wirklich zu ihm ziehe.

Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass ich ein paar Stunden zu früh dran bin, aber ich kann es nicht erwarten, es ihm zu erzählen.

Auf der Bar steht eine Vase mit einem Dutzend Rosen, und daneben ruht eine Flasche Wein in einem Weinkühler. Ist er hinter mein Geheimnis gekommen? Ich spüre, wie mein Magen vor Aufregung hüpft.

Auf Zehenspitzen schleiche ich durch den Flur. Ich bin bereit, mich meiner Kleider zu entledigen und ihn auf angemessene Weise aufzuwecken, als ich plötzlich Gelächter vernehme. Das Gelächter einer Frau.

Ich komme ruckartig zum Stehen, und auf einmal pocht mein Herz heftig.

»Das gefällt dir, was?« Seine Stimme durchschneidet die Stille und jagt mir eine Gänsehaut über die Arme. »Blas ihn fester. So ist es gut. Zeig mir, wie gern du meinen Schwanz in deinem Mund hast.«

Oh mein Gott.

Ich zittere und will nicht näher herangehen. Ich will es nicht mit eigenen Augen sehen, aber meine Beine bewegen sich wie von selbst, bis ich keine Wahl mehr habe. Ich werde Zeugin dieses Spektakels.

Ich sehe ihn durch den Türspalt. Er sitzt auf der Bettkante und hat seine Finger in ihrem dunklen Haar vergraben. Ihre Gesichter liegen im Schatten, aber die Bewegung seines Kopfes drückt Zustimmung aus, während sich ihr Kopf in seinem Schoß auf und ab bewegt.

Sie hält inne, um zu ihm hochzuschauen. »Können wir es so machen wie gestern?«

Er stöhnt. »Ja, Baby, genau wie gestern.«

Die Schlampe klettert auf das Bett, und er folgt ihr und setzt sich rittlings auf ihre Brust. Sie greift nach oben und umfasst das metallene Kopfende des Betts, während Jacob in ihren Mund eindringt.

Mir wird übel.

Gestern hatten mein Freund und diese Frau Sex in seinem Bett. Kurz bevor ich dort Sex mit ihm hatte.

Ich bedecke meinen Mund und kämpfe mit aller Kraft gegen den Drang an, mich zu übergeben, denn gestern hatten wir ungeschützten Sex. Ich dachte, dass er monogam wäre und der Mann sein würde, den ich heirate, also habe ich zugelassen, dass er seinen schmutzigen Schwanz in mich steckt.

Mit einem Schlag ergibt mein Leben keinen Sinn mehr. Am heutigen Abend hätte es um meine Zukunft gehen sollen. Ich wollte mein Leben mit jemandem planen, von dem ich dachte, er würde mich lieben. Ich bin so eine Idiotin. Ich habe die Gerüchte über seine häufigen Partnerwechsel ignoriert und mich auf ihn eingelassen. Als er mir erzählt hat, dass er nur deswegen mit so vielen Frauen zusammen war, weil er die Richtige noch nicht gefunden hat, habe ich seine Lügen geglaubt. Und er hat mich glauben lassen, ich wäre die Richtige. Seine einzig wahre Liebe.

Während ich zusehe, wie diese Frau Jacob oral befriedigt, lassen das Leid und der Schmerz nach, und ich empfinde nur noch Wut. Blinde, gleißende, mörderische Wut. Ich bewege die Hände, als wäre ich auf Autopilot, und die Reporterin in mir übernimmt. Ich merke kaum, wie mein Handy vor mir zittert, während ich mit einem Finger über den Bildschirm wische, um die Kamera zu aktivieren.

Ich drücke auf den roten Knopf. Mir werden nur ein paar Sekunden gewährt, aber genau das brauche ich, um mich an meine eigene Dummheit zu erinnern. Denn ich weiß, dass er lügen wird. Er wird die Tatsachen verdrehen, bis ich nicht mehr klar denken kann, und dann wird er mich irgendwie dazu bringen zu denken, dass es meine Schuld ist.

Nein, das hier hat er verbockt. Und ich will mich an jedes Detail dieser Demütigung erinnern, damit ich diesen Fehler nie wieder begehe.

Die Schwanzlutscherin hält inne, um zu fragen, wo sie sich treffen werden, sobald ich eingezogen bin, und er sagt ihr, dass sie es in der Umkleide des Fitnessstudios treiben werden. Stilvoll.

Ich habe eine Verabredung nach der anderen abgelehnt, damit mich dieser Vollidiot betrügen konnte.

Ich stecke mein Handy zurück in meine Jackentasche, stapfe an ihnen vorbei und kippe sein Zeug aus seiner Sporttasche. Dann reiße ich die Schubladen auf und werfe meine Klamotten in die Tasche.

»Scheiße. Scheiße. Das ist Maddie«, murmelt er. »Baby, was machst du da?«

»Du kannst mich mal, Arschloch.« Ich stürme ins Bad und schnappe mir mein Make-up. Als ich wieder herauskomme, schiebt Jacob die Frau von sich weg, und ich sehe zum ersten Mal ihr Gesicht.

»Oh mein Gott. Das wird ja immer besser.« Ich starre Kimmy an, die bei Jacobs Turnierkämpfen als Cage Girl fungiert, und kann nicht glauben, dass ich so blind gewesen bin.

»Baby, das hier ist nicht das, wonach es aussieht«, stammelt er.

Meine Knöchel werden weiß, als ich die Tasche umklammere. »Tatsächlich? Also ist dein Schwanz auf magische Weise in ihrem Mund gelandet? Das ist ein interessantes Phänomen.«

Ich nehme den Schlüsselanhänger mit der Miniatur eines Boxhandschuhs, den er mir geschenkt hat, und schleudere ihn an seinen Kopf.

»Kimmy, jetzt musst du ihm nicht mehr im Fitnessstudio einen blasen. Er gehört ganz dir.«

2

Maddie

Als sich die Tür öffnet, lacht Sheri. »Maddie, du hast einen Schlüssel. Du musst nicht anklopfen.«

Ich zucke mit den Schultern, und meine Umhängetasche gleitet an meinem Arm hinunter und nimmt meine Bluse mit.

Ich ziehe die Bluse wieder hoch, damit ich nicht vor ihr blankziehe, und puste mir die Fransen meines Ponys aus dem Gesicht. »Es hat sich richtig angefühlt. Ich bin dein Gast. Dein sehr dankbarer Gast.«

»Nein, du bist meine Mitbewohnerin. Also hör mit diesem Gastmist auf.«

Ich füge mich mit einem schwachen Lächeln, aber nur damit sie aufhört zu diskutieren. Denn wir beide wissen, dass sie von mir deutlich weniger als die Hälfte der eigentlichen Miete verlangt. Sie wohnt in einem luxuriösen Sandsteingebäude in Bostons Back Bay. So eine Unterkunft könnte ich mir nicht mal in meinen wildesten Träumen leisten. Aber meine Freundin bekam mit, dass ich irgendwo unterkommen musste, weil ich den Mietvertrag für meine alte Wohnung bereits gekündigt hatte. Also bestand sie regelrecht darauf, dass ich bei ihr einziehe.

Ich bin zuvor schon mal hier gewesen, aber ich bin von ihrer Wohnung immer noch ein wenig eingeschüchtert. Ich lasse den Blick über den dunklen, polierten Parkettboden zu dem gewaltigen offenen Kamin wandern, der von modernen Möbeln flankiert wird. Die ganze Wohnung ist niveauvoll und elegant und etwa eine Million Mal besser als ein ausklappbares Futonbett und meine Bücherregale aus Betonziegeln.

Ich vermisse nur eine einzige Sache.

»Du hast meine Kisten weggeräumt.« Du liebe Güte, das waren eine Menge Kisten.

»Ich hatte ein wenig Hilfe. Mein Nachbar ist vorbeigekommen und hat mit angepackt. Und da wir gerade von diesem heißen Mann sprechen …«

»Du hast dir zu viel Arbeit gemacht. Das hätte ich doch tun können.« Als ich am vergangenen Wochenende meine Umzugskisten herbrachte, befürchtete ich, einen Strafzettel zu bekommen, weil ich den für den Transport gemieteten Lieferwagen in zweiter Reihe vor dem Haus geparkt hatte. Also stellte ich einfach alles in einer Ecke ihres Wohnzimmers ab.

Sie winkt ab. »Das hat mir eine Ausrede verschafft, das Training im Fitnessstudio ausfallen zu lassen. Außerdem hat es großen Spaß gemacht, die Beschriftung deines Zeugs zu analysieren.«

»Was meinst du damit?«

»Badezimmer, Make-up und Feuchtigkeitscreme. Winterbettzeug und Thermobezüge. Reporternotizbücher und Aufzeichnungen. Und alles ist farblich voneinander abgegrenzt. Hast du einen speziellen Etikettenstift benutzt?« Sie wartet meine Antwort nicht ab. »Übrigens, was war in der Kiste mit der Aufschrift ›Nachttisch‹, die anfing zu vibrieren, als sie mir versehentlich heruntergefallen ist?« Mein Mund klappt auf, und ihr Kichern wird zu einem lauten Lachen. »Hmm, lass mich raten. Der Ersatz für Jacob.«

Ich räuspere mich und schüttle den Kopf. Und damit schüttle ich auch meine Verlegenheit ab. »Jacob wünscht sich sicher, so gut bestückt zu sein wie der Power-Boy 3000. Oder mir auch nur ansatzweise so viele Orgasmen beschert zu haben.«

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Der Power-Boy 3000? Wo kann ich so einen herbekommen?«

»Ich habe ihn auf der Sexspielzeugparty einer Freundin gekauft.«

»Dann veranstalten wir auf jeden Fall auch so eine Party! Vielleicht wenn wir mit diesem Film fertig sind.« Sheri arbeitet für ihren Vater, der ein großer Filmproduzent ist, also reist sie sehr viel. Das ist einer der Gründe, warum sie eine Mitbewohnerin haben will. Auf diese Weise kann jemand auf ihre Wohnung aufpassen, wenn sie unterwegs ist. Es wäre viel einfacher für sie, nach New York oder L. A. zu ziehen, aber sie ist durch und durch ein Mädchen aus Boston und hängt sehr an ihrer Heimat. Schon die bloße Erwähnung eines Umzugs lässt sie ein wenig ausflippen.

Nachdem ich meine Arbeitskleidung ausgezogen und sie gegen eine Jeans und ein tailliertes T-Shirt mit V-Ausschnitt getauscht habe, schlägt Sheri vor, dass wir uns mal eine neue Bar ansehen, die ein Stück weiter unten an der Straße eröffnet hat, und uns dort ein paar Drinks gönnen.

Zwanzig Minuten später sitzen wir an einem Ecktisch in der schummrig beleuchteten Bar. Und als wir unsere zweite Runde serviert bekommen, zeigt der Alkohol bereits Wirkung, und ich bin kurz davor, in mein Bier zu weinen. Es gibt einen Grund dafür, dass ich normalerweise keinen Alkohol trinke. Ich werde dann immer zu emotional. Und jetzt gerade fühlt sich mein Herz schwer an. »Sheri-Schätzchen, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du mich bei dir aufgenommen hast.«

Sie zieht die Augenbrauen hoch. »Du bist die erste Freundin, die ich an der Boston University gefunden habe. Natürlich nehme ich dich bei mir auf.«

Sheri und ich waren in unserem ersten Jahr an der Boston University Zimmergenossinnen im Studentenwohnheim. Zuerst kamen wir nicht miteinander zurecht. Ich glaube, sie fand mich zu verklemmt, und ich fand sie zu reich. Ich weiß, dass das schrecklich klingt, aber sie stammt aus einer sehr wohlhabenden Familie, und ich trug in meiner Jugend Secondhandklamotten – und zwar nicht, weil ich das für cool hielt oder zu viele alte Filme von John Hughes gesehen hatte, sondern weil ich mir nichts anderes leisten konnte. Doch irgendwann fing ich an, die Person hinter den Designerschriftzügen und manikürten Nägeln zu sehen, und entdeckte ein Mädchen, dessen Herz zu groß für seinen zierlichen Körper ist.

Wenn wir zusammen unterwegs sind, geben Sheri und ich ein seltsames Freundinnenpaar ab. Sie ist so winzig wie eine Walnuss, und ich bin im Vergleich dazu groß wie eine Eiche. Sie ist zierlich und braun gebrannt, hat kurz geschorenes blondes Haar und große blaue Augen. Ich bin etwa ein Meter fünfundsiebzig groß und habe langes schwarzes Haar, blasse Haut und blaue Augen. Sie sieht aus, als wäre sie direkt von einem Filmset herunterspaziert. Ich sehe aus wie eine Figur aus dem Musical Wicked. Aber ich liebe sie, selbst wenn ihr kompletter Körper in ein Hosenbein meiner Jeans passen würde.

»Mads, ich würde Jacob für dich mit voller Wucht in die Kronjuwelen treten, wenn ich das könnte. Ruft dich dieser Idiot immer noch an?«

»Mittlerweile nur noch ein- oder zweimal pro Woche. Ich lasse die Mailbox drangehen.«

Sie beobachtet mich und runzelt die Stirn immer stärker. »Wie kommst du mit der Situation zurecht?«

Ich trinke schnell einen Schluck von meinem Bier, um ein wenig Zeit zu schinden. »Ich will ehrlich sein. Die letzten paar Wochen waren echt heftig.« Vor allem nachdem mir klar geworden war, dass ich meine Wohnung verloren hatte. Da ich geplant hatte, bei Jacob einzuziehen, hatte sich meine ehemalige Mitbewohnerin bereits eine neue Bleibe gesucht, und mein Vermieter hatte einen neuen Mieter gefunden, also war ich gleich doppelt angeschmiert. Ich spiele mit den abgelösten Ecken des Etiketts an meiner Bierflasche herum. »Sagen wir lieber, es waren ein heftiger Monat und vier heftige Tage.«

Ich würde das Datum unserer Trennung liebend gern vergessen, aber es ist zufällig auch das Datum, an dem ich meinen neuen Job bekommen habe. Und das macht es sehr schwierig, es zu verdrängen.

Aber ich muss die Dinge positiv sehen. Wenigstens waren meine Untersuchungsergebnisse negativ. Denn nach unserer Trennung bin ich als Erstes in die Klinik gestürmt, um sicherzugehen, dass mir dieses Arschloch nicht irgendeine fiese Krankheit angehängt hat.

Sheri schiebt ihren Stuhl näher an mich heran und umarmt mich von der Seite. Ich lasse meinen Kopf auf ihre Schulter sinken und seufze. Ich bin ein Einzelkind, aber wenn ich eine Schwester hätte, dann wäre sie so, stelle ich mir vor. In Zeiten wie diesen schmerzt mich noch etwas anderes als nur der Verlust von Jacob. Momentan vermisse ich meinen Dad so sehr, dass sich meine Brust hohl anfühlt.

»Mir ist klar, dass dein gebrochenes Herz noch heilen muss, aber du sollst wissen, wie aufregend ich es finde, dich als Mitbewohnerin zu haben. Ich bin immer noch sauer, weil du mich im zweiten Jahr an der Uni abserviert hast.«

Ich schnappe nach Luft. »Ich habe dich nicht abserviert. Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du auf dem Westcampus leben, und ich musste in der Nähe der Fakultät für Kommunikationswissenschaften auf dem Ostcampus sein, um morgens rechtzeitig zum Unterricht erscheinen zu können.«

»Ach ja.« Sie kichert und senkt den Blick. Ein ernster Ausdruck huscht über ihr Gesicht. »Es tut mir so leid, dass dieser Mistkerl dir wehgetan hat, Mads. Geht es dir gut? Wirklich?«

»Mmmh.« In meinen Augen sammeln sich Tränen. »Abgesehen von der Tatsache, dass Jacob meinen Fünfjahresplan ruiniert hat?« Ich denke an das Video auf meinem Handy, und die Wut tritt an die Oberfläche. Daran muss ich mich festhalten, denn Hass ist eine sehr viel wertvollere Emotion als Trauer.

Sheri verzieht den Mund. Doch bevor sie etwas sagen kann, lege ich mit meiner Schimpftirade los. »Mir ist klar, dass er ständig in Versuchung war, mit anderen Frauen zu schlafen. Sie haben sich ihm ja überall förmlich an den Hals geworfen. Und vielleicht war es dumm von mir zu denken, dass ich ihn irgendwie gezähmt hätte. Aber was mich wirklich aufregt, ist die Art, wie er …« Ich schließe die Augen und sehe die Szene mit all ihren drastischen Einzelheiten vor mir. Ich senke die Stimme und sage: »Wie er mit ihr geredet hat.«

Zeig mir, wie gern du meinen Schwanz in deinem Mund hast.

Ich kann die Worte nicht aussprechen, aber sie hallen in meinem Kopf wider wie das Echo eines Schusses, den man in einem Canyon abgefeuert hat.

Ich neige den Kopf so, dass mein Haar vor mein Gesicht fällt und es verbirgt. Dann räuspere ich mich. »So hat er sich mir gegenüber nie verhalten.«

»Was meinst du damit?«

Wie erkläre ich das? Gott, das ist demütigend. »Er, ähm, er war … vorsichtig mit mir. Irgendwie … anständiger.«

»Also hat er keine versauten Sachen zu dir gesagt.«

»Es ist mehr als das. Er hat mich behandelt, als hätte er Angst, mich irgendwie zu beleidigen. Einerseits war er dieser einschüchternde Kämpfer, aber er war auch überraschend sanft und vielleicht … zu respektvoll? Oh, das klingt schrecklich. Bin ich verrückt, weil ich wollte, dass er gröber mit mir umgeht?«

Sie schnaubt. »Himmel, nein. Grob ist gut. Grob ist genau das, was ich will.«

»Ich schätze, ich frage mich, ob ich zu steif für ihn war.«

»Steif ist auch nicht schlecht.«

Ich boxe gegen ihre Schulter. »Du weißt, was ich meine. Wie du schon gesagt hast, ich kann speziell sein. Und ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich es hasse, auf einem feuchten Fleck zu schlafen. Er konnte es nicht leiden, wenn ich gleich, nachdem wir fertig waren, vom Bett aufgesprungen bin. Aber ich kann es nicht ertragen, wenn mir um zwei Uhr morgens dieses Zeug am Bein runterläuft.«

Sheri kichert. »Das ist nur seine Schuld. Er hätte dich eben richtig antörnen sollen. Und was soll falsch daran sein, wenn du dich danach gerne sauber machst? Jedem das seine.« Sie trinkt einen Schluck von ihrem Bier und mustert mich von oben bis unten. »Hör mal, ich weiß, dass du schon vor Jacob feste Freunde hattest, aber du hast eindeutig die Ausstrahlung eines braven Mädchens. Ich frage mich, ob wir das vielleicht irgendwie ändern können. Du weißt schon, dieses ganze Madonna-Huren-Problem.«

»Also war ich die Jungfrau, und diese Frau in seinem Bett war die Hure?« Sheri nickt zögernd. »Ich schätze, das würde erklären, warum er seinen Schwanz so tief in ihren Mund gesteckt hat, als würde er versuchen, ihren Bauchnabel über ihre Speiseröhre zu erreichen.«

»Jacob mag fremdgegangen sein, aber er wollte dich heiraten. Also war ein Teil von ihm womöglich darum bemüht, dich rein zu halten.«

Darüber muss ich halbherzig lachen. »Rein. Ja, klar.« War ich nicht diejenige, die sich ein halbes Dutzend durchsichtiger Nachthemden für diesen Mann gekauft hatte? Welcher Teil von ihm glaubte, dass ich rein sein wollte? Hätte ich es ihm buchstabieren müssen? Ich meine, er hätte ja nicht gleich die ganze Christian-Grey-Nummer für mich abziehen müssen, aber er verlor nie die Kontrolle, wenn wir zusammen waren. Und will nicht jede Frau genau das? Ihren Kerl so verrückt vor Lust machen, dass er keine Kontrolle mehr über sich hat?

Zum Teufel mit Jacob. War der Sex nicht gut genug gewesen? Auf mich hatte er immer befriedigt gewirkt. Und ich hatte vielleicht nicht immer einen Orgasmus, aber welcher viel beschäftigten Frau gelingt es schon, jedes Mal zum Höhepunkt zu kommen?

Ich bin versucht zu denken, dass es meine Schuld war. Dass ich ihn in die Untreue getrieben habe. Weil ich zu viel gearbeitet oder zu beschäftigt mit meinem Job gewirkt habe. Aber er ist derjenige, der fremdgegangen ist. Und ich bin keine gebrochene Frau, die nur existiert, um die Anerkennung ihres Mannes zu erlangen.

Scheiß drauf. Ich führe die Bierflasche wieder an meine Lippen. Nein, ich hatte großes Glück.

Erst kürzlich habe ich gelesen, dass sich über siebzig Prozent der verheirateten Männer auf eine Affäre einlassen würden, wenn sie wüssten, dass ihre Frau es nie erfahren würde. Nein, Jacob ist keine Anomalie. Und ich bin nicht das Problem. Männer sind das Problem.

Nach meiner inneren Motivationsrede fühle ich mich ein wenig entschlossener. Ich werde klarkommen, solange ich mich immer wieder daran erinnere, dass Männer der Feind sind. Besonders gut aussehende Männer.

Sheri stößt mich mit dem Ellbogen an. »Sieh jetzt nicht hin, aber mein Lieblingsnachbar ist gerade zur Tür reingekommen.« Sie reißt die Augen auf, während sie auf jemanden hinter mir starrt.

Ich drehe mich auf meinem Stuhl herum, und mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, als ich die kleine Gruppe am anderen Ende der Bar sehe. »Das ist dein Nachbar? Daren Sloan?«

»Wie ich sehe, bist du bereits mit dieser fast schon mythischen Kreatur vertraut.«

Ich drehe mich wieder zu ihr um und lege zwei Finger an meine Halsschlagader. »Hmm. Mal sehen.« Ich warte ein paar Sekunden, um einen dramatischen Effekt zu erzielen. »Ich habe einen Puls. Denn mehr braucht man nicht, um deinen ›Lieblingsnachbarn‹ zu bemerken.«

Innerlich brumme ich ungehalten. Selbst auf die Entfernung geht mir sein Gesichtsausdruck auf die Nerven. Daren Sloan hat diese nervtötend selbstsichere Miene aufgesetzt, als wüsste er genau, dass sich alle Frauen in seiner Umgebung vorstellen, wie er ihnen die Unterwäsche mit den Zähnen vom Leib reißt.

Natürlich sind Sheri und Daren Nachbarn. Ihr Dad ist ein Filmmogul, also kennt sie jeden. Wenn sie sagt, dass sie Brad und Angelina toll findet, dann meint sie, dass sie sie tatsächlich toll findet, weil sie vergangene Weihnachten alle zusammen Urlaub gemacht haben.

»Komm, wir holen Daren zu uns.« Sheri schickt sich an zu winken, doch ich zerre ihren Arm nach unten, bevor es irgendjemand merkt.

»Das tun wir nicht.«

»Warum nicht?« Sie schaut mich an, als wäre ich irre.

»Darum.«

»Maddie, ich brauche eine bessere Begründung. Du wirst Daren lieben. Gott, er ist so ein toller Kerl. Ich danke dem Himmel, dass er endlich mit dieser Schlure Veronica Schluss gemacht hat.« Schlure? Sie stößt mit ihrem Bier an die Flasche in meiner Hand. »Du solltest ihn mal nach dem Training sehen. Dann ist er ganz heiß und verschwitzt und hart.« Nach einem schnellen Schluck keucht Sheri so laut, dass ich schon befürchte, dass sie sich an ihrem Getränk verschluckt hat. Doch bevor ich ihr auf den Rücken klopfen kann, lässt sie die Bombe platzen. »Du solltest unbedingt mit ihm ausgehen!«

Was?

Sie rutscht auf ihrem Stuhl herum und hat einen aufgeregten Ausdruck auf dem Gesicht. Sie sieht aus, als hätte ich ihr gerade mitgeteilt, dass Charlie Hunnam mit ihr ins Bett gehen will. »Er hat diesen Sommer eine Phase als männliche Schlampe durchgemacht und eine Lückenbüßerin nach der anderen gevögelt, aber ich glaube, er ist mittlerweile darüber hinweg. In letzter Zeit habe ich sein Bettgestell nicht mehr gegen die Wand knallen hören.«

»Moment. Was?«

Ein teuflisches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Sein Schlafzimmer liegt direkt an der Wand zu deinem. Vielleicht habe ich manchmal gelauscht. Und wenn ich recht habe, ist er eine Granate im Bett. Eine Hammergranate. Und, heilige Scheiße, ihr beiden würdet das süßeste Paar aller Zeiten abgeben!«

Ich stoße ein kleines Schnauben aus. Ich lache immer noch, als mir plötzlich klar wird, dass sie es ernst meint. Sie will tatsächlich, dass ich mit Daren ausgehe.

»Äh, nein, Sheri-Bärchen. Das wird nie passieren. Niemals. Nicht in einer Million Jahren.«

»Sag niemals nie.« Sie zieht an meinem Arm. »Sei keine Idiotin. Er ist Bostons begehrtester Junggeselle. Der Heisman-Gewinner. Die erste Wahl beim Draft. Ein Gott unter Menschen.« Sheri dreht meinen Kopf zu seinem Tisch herum. »Sieht dir nur mal dieses Kinngrübchen an. Ich meine, das allein sorgt doch schon dafür, dass man als Frau sein Höschen ausziehen will. Ganz zu schweigen von diesen Augen. Ich sage dir, Maddie, wenn ich auch nur ansatzweise auf Sportler stehen würde, würde ich diesen Mount Everest da drüben so schnell besteigen, dass ich die Schallmauer durchbrechen würde.«

»Mount Everest?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

»Ja. Der höchste Berg der Welt. Der dicke Fisch. Der Obermotz. Der …«

»Ich hab’s begriffen.« Ich versuche, geduldig zu sein, weil ich weiß, dass Sheri nur helfen will. »Ich stehe nicht auf Sportler. Nicht mehr. Sie sind zu vielen Versuchungen ausgesetzt, und ich bin nicht gut darin, ein Fußabtreter zu sein. Das würde nie funktionieren. Ich werde in Zukunft wieder mit Wirtschaftswissenschaftlern ausgehen. Diese Kerle mögen nicht in der Lage sein, mich über ihre Schulter zu werfen oder mein Körpergewicht zu stemmen. Aber wenigstens werden sie mir nicht das Herz brechen, indem sie mich betrügen.« Ich zermartere mir das Hirn, um etwas zu finden, womit ich sie ablenken kann. »Hey, Brad, dieser Techniker bei der Arbeit, hat mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehe.«

Sie beäugt mich misstrauisch. »Und hast du Ja gesagt?«

»Ich gehe nicht mit Kollegen aus, aber wir haben uns trotzdem nett unterhalten. Er sieht ganz gut aus. Und ich habe nicht ein einziges Mal an Jacob gedacht.«

»Ich bin sicher, der arme Trottel wird das tröstlich finden, wenn er sich heute Abend mit der linken Hand einen runterholt, statt die heiße Reporterin zu vögeln.«

»Igitt.« Ich will nicht über Brad und seine linke Hand nachdenken.

Wieder schweift mein Blick zu dem Tisch ab, an dem Daren und ein paar seiner Freunde sitzen. Die Gedanken an meinen Kollegen verblassen, während ich diesen Spitzensportler betrachte. Ihn wunderschön zu nennen, wäre eine Untertreibung. Er ist der schärfste Mann, den ich je gesehen habe, und das, obwohl er noch seine Klamotten anhat.

Ich verdrehe angesichts meiner eigenen Gedanken die Augen.

Da spricht die alte Maddie aus mir. Die neue Maddie erkennt, dass Daren einfach nur ein Schönling ist, der sich für Gottes Geschenk an die Frauen hält. Das habe ich alles schon hinter mir. Da ich in dieser Gegend aufgewachsen bin, kenne ich Daren Sloans Ruf vermutlich besser, als mir lieb ist.

Daren fährt sich mit einer Hand durch sein dichtes dunkles Haar, das an den Seiten kurz geschoren, aber oben auf dem Kopf lang genug ist, um ihm in die Stirn zu fallen. Ich muss nicht näher heran, um zu sehen, welche Auswirkungen seine grünbraunen Augen auf das weibliche Geschlecht haben, denn sofort schlendern drei Frauen zu seinem Tisch hinüber.

Sheri zwickt mich in die Schulter. »Lass wenigstens zu, dass ich euch einander vorstelle, bevor ihn sich irgendeine Tussi krallt.«

Ein zynisches Lächeln umspielt meine Lippen. Ich hoffe, es macht deutlich, dass Frauenhelden bei mir keine Chance haben. Denn Daren ist ebenso ein Frauenheld wie Jacob. Und Frauenhelden tun nur eine einzige Sache. Sie betrügen.

Ich schüttle den Kopf. »Nicht nötig. Wir kennen uns bereits.«

Mit Daren ausgehen. Das ist die schlechteste Idee aller Zeiten. Ich will mich schon für die zwei Komma zwei Sekunden schlagen, während derer mein Gehirn diesen Vorschlag verlockend fand.

Ich binde meine Schuhe zu, bevor ich die Treppe hinunterschlurfe und in den feuchten Morgen hinaustrete. Na ja, für die meisten Leute ist es noch Nacht.

Ich greife hinter mich, umfasse meinen Knöchel und dehne meinen Oberschenkelmuskel. In ruhigen Momenten wie diesen denke ich immer an Jacob. Nicht dass wir je zusammen trainiert hätten. Er ist nie um diese Zeit aufgestanden. Vielleicht sagt das etwas über uns aus.

Ich kann einfach nicht damit aufhören. Immer wieder gehe ich unsere Beziehung durch und versuche herauszufinden, was schiefgelaufen ist. Seine Anrufe zu ignorieren, ist die reinste Folter gewesen – ich vermisse ihn wie verrückt –, aber ich werde ihm das, was er getan hat, nie verzeihen. Denn es war keine einmalige Sache. Es war kein verrückter Unfall in einem Zustand von Trunkenheit. Es war eine bewusste Handlung. Absichtlich. Gewohnheitsmäßig.

Meine Hand zuckt zu meinem Handy.

Wenn ich verzweifelt bin, wenn ich in Versuchung gerate, ihn zu kontaktieren, dann schaue ich mir das Video auf meinem Handy an. Das ist eine andere Art von Folter. Zuzusehen, wie der Mann, von dem man glaubte, er würde einen lieben, eine andere Frau vögelt, fühlt sich wie ein langsamer Tod durch tausend Lügen an. Ich liebe dich. Ich will dich heiraten. Ich will Kinder mit dir bekommen. Alles Lügen.

Doch anstatt mich von diesen Gedanken zu distanzieren, zwinge ich mich lieber, an alle qualvollen Einzelheiten zu denken, um meine Entschlossenheit zu stärken. Sein Schwanz. Ihr Mund. Ihr Stöhnen. Ja, zum Teufel mit ihm.

Als ich mit dem Dehnen fertig bin, jogge ich langsam los und lasse zu, dass sich der Schmerz des gestrigen Trinkgelages in meinen Gliedmaßen ausbreitet. Ich bin zuvor noch nie in Sheris Gegend gelaufen, aber ich kenne die Hauptstraßen gut genug, denn ich bin hier in der Nähe zur Schule gegangen. Und schon bald befinde mich in der vertrauten Parkanlage der Esplanade. Der Weg windet sich um den Charles River herum, der an diesem Morgen in der steten Brise gegen die Ufer schwappt.

Nach dem zweiten Kilometer fühlt sich Jacobs Betrug dumpfer an, weniger wie ein Messer in meinem Herzen, sondern eher wie ein blauer Fleck auf meinem Ego. Aber ich habe die Nase voll davon, mir selbst leidzutun. Ich will nicht länger meinen Selbstwert hinterfragen. Bei Sheri einzuziehen und meinen neuen Job bekommen zu haben, bedeutet für mich einen Neuanfang, und ich beabsichtige, diese Gelegenheiten voll und ganz zu meinem Vorteil zu nutzen.

Vielleicht hat die Idee mit Daren deswegen für einen kurzen Augenblick so verlockend geklungen. Ein umwerfendes Gesicht, um mich abzulenken. Gott, ich könnte eine Ablenkung gebrauchen. Deswegen liebe ich die Arbeit. Sie hält mich beschäftigt, und ich habe kaum Zeit zum Durchatmen.

Als ich umdrehe und schließlich wieder Sheris Wohngebäude erreiche, fängt die Sonne an, den Horizont zu erwärmen. Guns ’n Roses dröhnt aus meinem iPhone, während ich zum finalen Sprint ansetze. Mein Blut rauscht durch meine Venen, und ich bin schweißgebadet, aber es fühlt sich gut an. Ich würde das niemandem gegenüber je zugeben, aber es gefällt mir, so früh aufstehen zu müssen. Es zwingt mich dazu, mein Leben im Griff zu behalten.

Innerlich gehe ich den heutigen Terminplan durch. In einer Stunde habe ich eine Besprechung, um acht ein Liveinterview, dann muss ich diese Woche noch für drei Storys recherchieren, einen Internetbericht aktualisieren und mindestens ein Dutzend Telefonate führen.

Als ich um die Ecke biege, geht alles so schnell, dass ich nicht reagieren kann. Mein Körper prallt gegen die Ziegelwand, die ganze Luft wird aus meiner Lunge gepresst, und ich falle rückwärts auf den Asphalt.

3

Daren

Es ist immer noch verdammt früh, aber wenn ich mich nicht bald auf den Weg mache, werde ich im Berufsverkehr feststecken, und ich will nicht zu spät kommen. Außerdem muss ich herausfinden, wie lange ich um diese Uhrzeit für die Fahrt brauche, denn das Training beginnt um sieben. Obwohl das Trainingscamp erst in ein paar Wochen anfängt, treffe ich mich heute schon mit einem der Trainer, der mir die Umkleide und die Sporthalle zeigen soll. Der Coach weiß, dass dieser Sport ebenso sehr Kopfsache wie körperliches Können ist, also hat er eingewilligt, dass ich dort ein paar Tage die Woche trainiere, um bis zum Beginn der Vorsaison ein Gefühl für die Anlagen der Mannschaft zu bekommen.

Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und frage mich einmal mehr, warum ich diese Eigentumswohnung behalten habe. Die Parksituation ist furchtbar, das Pendeln nervt, und das Gebäude ist alt. Ich habe sie für mich und Veronica gekauft, damit wir nach unserem Collegeabschluss eine gemeinsame Wohnung haben, weil ich wusste, dass sie in der Stadt bleiben wollte. Aber da wir uns am Abend des Drafts getrennt haben, hat sie nie etwas davon erfahren. Ich habe darüber nachgedacht, mir mal ein paar Wohnungen anzusehen, die näher am Stadion liegen.

Die Gedanken an meine gescheiterte Beziehung lösen bei mir automatisch schlechte Laune aus. Ich habe vier verdammte Jahre verschwendet. Sogar die acht Monate, die wir im zweiten Studienjahr getrennt voneinander verbrachten, waren von ihrem Hang zum Drama und von ihren Lügen geprägt.

Ich bin in einigen Dingen ziemlich gut, zum Beispiel im Football und in allem, was das College betrifft. Aber schon das bloße Wort »Beziehung« fühlt sich für mich wie ein Stromkabel an, das darauf wartet, mir einen elektrischen Schlag zu versetzen.

Die Probleme mit Veronica fingen schon an, als wir damals zusammenkamen. Und das Hauptproblem war der Football. Sie wollte mich wegen meiner Bekanntheit, denn das verschaffte auch ihr Aufmerksamkeit. Gleichzeitig hasste sie jedoch die Tatsache, dass ich aufgrund des Sports nicht so viel Zeit für sie hatte. Und darin liegt irgendwie die Ironie.

So ist das eben. Ich kann nicht mit einer Frau zusammen sein, die eifersüchtig auf das ist, was ich tue, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Seit meiner Kindheit habe ich mir immer wieder ein Bein ausgerissen, um zu erreichen, was ich jetzt habe. Die Leute sagen, dass ich bereits reich bin, dass es keine Rolle spielt, wie sich meine Footballkarriere entwickelt, aber dieser Quatsch sorgt nur dafür, dass ich mich noch mehr anstrengen will. Außerdem gehört mir das Geld gar nicht, und ich muss meinen eigenen Weg gehen.

Wenn ich das tue, wenn ich unsere Trennung auf ihre Oberflächlichkeit statt auf ihren Betrug schiebe, dann fühlt sich meine Brust nicht mehr so an, als würde sie gleich explodieren. Als müsste ich mit meiner Faust durch eine Betonplatte schlagen. Denn dieses Geständnis …

Mein Magen zieht sich zusammen, als ich daran denke, was sie mir an diesem Abend erzählt hat. Obwohl sie mich angefleht hat, ihr zu verzeihen, gibt es ein paar Sünden, die man nicht mit Worten wegwaschen kann.

Ich schlucke den Kloß in meiner Kehle hinunter und merke, dass die Sonne aufgeht und ich mich beeilen muss. Ich werfe meine Sporttasche über meine Schulter und gehe zu meinem SUV, der auf dem Parkplatz hinter dem Haus steht. Als ich um die Ecke biege, ziehe ich mein Handy aus meiner Gesäßtasche, um nachzusehen, ob der Immobilienmakler zurückgerufen hat.

Tief im Inneren glaube ich, dass ich großes Glück hatte. Denn wenigstens ist Veronica nie bei mir eingezogen. Das wäre ein Albtraum gewesen.

Plötzlich höre ich ein dumpfes Geräusch, und mein Handy fliegt mir aus der Hand.

Ich brauche eine Sekunde, um zu erkennen, was gerade passiert ist. Und in diesem Augenblick fängt mein Herz an zu rasen. Eine Frau liegt auf dem Asphalt.

Ich lasse meine Tasche fallen und beuge mich zu ihr hinunter. »Ma’am, geht es Ihnen gut?«

Mit einem Stöhnen dreht sie ihr Gesicht in meine Richtung.

Moment mal. Ich kenne dieses Gesicht. Ich könnte dieses Gesicht nie vergessen.

»Maddie?« Was hat sie um halb sechs in der Frühe vor meinem Wohnhaus zu suchen? Sie trägt eine Jogginghose und ein Tanktop. Ihr iPhone liegt ein paar Meter entfernt auf dem Boden. »Maddie, verdammt. Das tut mir so leid. Ich habe nicht aufgepasst, wohin ich gehe.«

Sie blinzelt ein paarmal. Schließlich stöhnt sie wieder. »Herrgott, Daren. Willst du mich umbringen?«

Habe ich ihr wehgetan? Scheiße.

Ich streiche ihr das Haar aus dem Gesicht, bis sie mich mit ihren durchdringenden blauen Augen anstarrt. Ohne zu überlegen, lasse ich meine Hand durch ihr Haar gleiten und lege sie in ihren Nacken.

Wir starren einander an, und sie schnappt nach Luft.

Warum halte ich sie auf diese Weise? Ihr Gesichtsausdruck scheint die gleiche Frage zu stellen, und ich ziehe mich zurück und räuspere mich. Gleichzeitig bemühe ich mich, nicht darauf zu achten, dass mir ihr Tanktop einen großzügigen Einblick in ihr weiches Dekolleté gewährt.

Warum liegt sie immer noch auf dem Boden? Oh ja, Arschloch. Du hast sie umgeworfen. Hilf dem Mädchen hoch, aber versuch dieses Mal nicht, sie zu betatschen.

»Komm, wir bringen dich von diesem Bürgersteig runter.« Ich strecke eine Hand aus, doch sie ignoriert sie und rappelt sich ohne meine Hilfe auf.

Sie wirft mir einen wütenden Blick zu und klopft sich den Schmutz vom Hintern. Ich schaue ihr dabei mit großem Interesse zu, denn sie trägt sehr eng sitzende Trainingsklamotten.

Wow. Maddie McDermott. Ihr dichtes schwarzes Haar ist zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden, der durch unseren Zusammenstoß noch unordentlicher geworden ist. Für eine Frau ist sie recht groß. Sie ist schlank, aber an den richtigen Stellen kurvig. Als ich sie das letzte Mal persönlich sah, trug sie ein schiefergraues Geschäftskostüm und interviewte gerade den Bürgermeister. Und Maddie in einem Geschäftskostüm ist ein unvergesslicher Anblick.

Aber verdammt, ohne Make-up ist sie sogar noch viel heißer.

Sie lehnt sich vor, um ihr iPhone aufzuheben, und ich wende den Blick von ihrem Po ab, denn ich will nicht der Widerling sein, der Frauen auf den Hintern glotzt.

Als sie sich wieder zu mir herumdreht, ist ihre Stirn gerunzelt. »Jemand sollte dir die Leitung des Empfangskomitees übertragen. Begrüßt du alle deine neuen Nachbarn auf diese Weise? Meinst du nicht, du solltest dir die Tackle-Angriffe für das Spielfeld aufheben?«

Obwohl ich mir vorgenommen habe, sie nicht anzustarren, kann ich nicht anders, als ihre vollen Lippen zu bewundern. Und dann ist da noch die unglaublich niedliche Art, auf die sich ihre Nase kräuselt, wenn sie die Stirn runzelt.

Moment. Wovon redet sie da?

»Tut mir leid. Ich war gerade auf dem Weg zu Dunkin’ Donuts, um mir einen Kaffee zu holen, deswegen funktioniert mein Gehirn noch nicht richtig. Hast du gesagt, dass wir Nachbarn sind?« Sie nickt. Ich reiße die Augen auf. »Du bist Sheris Maddie?«

Sie zieht eine Augenbraue hoch. »Ich würde mich nicht per se so bezeichnen, aber ja, ich bin Sheris Maddie.«

Sofort muss ich an die Kiste denken, von der ihre Mitbewohnerin scherzhaft behauptete, sie sei wahrscheinlich voller Sexspielzeuge.

Verdammte Scheiße. Maddie und Sexspielzeuge.

Ruhig, Junge. Ich muss hier weg, bevor mein Schwanz in ihrer Gegenwart noch aufgeregter wird.

»Tut mir leid, Maddie. Ich bin spät dran. Grüß Sheri von mir. Wenn ihr dieses Wochenende da seid, dann kommt doch zu meiner Unabhängigkeitstagsfeier am Fluss. Ihr seid herzlich eingeladen.«

Sie schüttelt den Kopf, bevor ich ausreden kann, und senkt den Blick. »Sheri ist am Wochenende nicht in der Stadt, und ich muss arbeiten. Aber danke.« Ihre Miene sieht aus, als hätte ich sie gerade gebeten, meine Badewanne neu zu verfugen.

Okay. Das war ein sehr deutliches »Verzieh dich«.

Ich nicke und nehme meine Tasche. »Tja, dann wünsche ich dir einen tollen vierten Juli. Tut mir leid, dass ich dich umgestoßen habe.« Ohne ihre Erwiderung abzuwarten, gehe ich zu meinem SUV.

Fünfundvierzig Minuten später bin ich fast beim Stadion, aber ich denke an Maddie. Ich weiß nicht, warum mich das immer noch beschäftigt, aber sie hätte mir nicht schneller einen Korb geben können. Bei unserer ersten Begegnung im vergangenen Herbst war das noch ganz anders. Okay, vielleicht war sie damals darauf aus, sich mit Clementine, einer meiner besten Freundinnen, zu betrinken. Aber Maddie war gesprächig und süß und verdammt umwerfend.

Ich frage mich, ob ich sie irgendwie beleidigt habe. Der Gedanke mag ein wenig arrogant wirken, aber ich bekomme nicht oft einen Korb.

Ich reibe meinen Hals und bin versucht, mich ein wenig paranoid zu fühlen. Ich frage mich, ob sie die Wahrheit hinter Clementines Buch kennt. So haben Maddie und ich uns kennengelernt. Sie interviewte Clem, nachdem Clems Identität als Bestsellerautorin ans Licht gekommen war.

Ich schüttle den Kopf. Vermutlich ist es besser, dass Maddie nicht interessiert ist. Aus einer Million Gründen.

Die Vorsaison bedeutet, dass ich mich voll und ganz auf den Sport konzentrieren muss, also muss ich meine Sommeraktivitäten ohnehin einstellen. Bei einer neuen Mannschaft, etwa hundert neuen Spielzügen, die ich lernen muss, und dem Druck der NFL kann mein Kopf keine Ablenkung gebrauchen. Und Frauen stellen definitiv eine Ablenkung für meinen Kopf dar. Denn ich mag in einigen Dingen gut sein, aber der Umgang mit dem weiblichen Hang zum Drama gehört nicht dazu.

Die letzten zwei Monate seit meiner Trennung habe ich wie verrückt gevögelt, um zu vergessen, bis die Ödnis meiner ehemaligen Beziehung nur noch ein verschwommener Fleck in der Ferne war. Wenn überhaupt, hat mich dieser Sommer zu der Erkenntnis geführt, dass die Sache zwischen meiner Ex und mir schon vor vielen Monaten vorbei war, vielleicht sogar schon um Weihnachten herum.

Jax, mein bester Freund und Clementines Zwillingsbruder, sagt mir gerne, dass es verdammt noch mal Zeit wurde, dass Veronica und ich getrennte Wege gehen. Ich denke, er hat recht.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Dinge ernst zu nehmen. Ich muss mich aufs Footballspielen konzentrieren. Ich muss spielen, als würde mein Leben davon abhängen.

Also sollte ich auf keinen Fall darüber nachdenken, wie gern ich Maddie McDermott in meinem Bett hätte, oder vielleicht in meiner Badewanne und ganz sicher auf dem Wohnzimmerfußboden, vorzugsweise in der Nähe des Kamins.

Mein Schwanz mag all diese Vorstellungen ganz großartig finden, aber ich weiß es besser.

Doch als mein Handy klingelt, weil mein Immobilienmakler anruft, kommt mir ein Umzug plötzlich nicht mehr so dringend vor wie heute Morgen.

Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, in der Stadt zu wohnen. Denn eine Wohnung in Back Bay hat zumindest einen Vorteil.

4

Daren

Schweiß tropft von meinem Gesicht, während ich die Verteidigungslinie beobachte. Auf dem College mag ich der Knaller gewesen sein, aber in der NFL ist alles noch mal um Längen intensiver. Im Trainingscamp geht es um drei Dinge: Alle sollen in absolute Topform kommen, die neuen Spieler sollen Teil der Mannschaft werden, und die Kerle, die dem Druck nicht standhalten, werden aussortiert. Ich bin bereits in Form. Ich habe den ganzen Frühling und Sommer über wie ein Irrer trainiert. Aber trotzdem werde ich morgen einen höllischen Muskelkater haben. Doch das ist nicht meine größte Sorge.

Wir sind diese Abfolge jetzt fünfmal durchgegangen, aber irgendetwas stimmt nicht mit LaDuke, meinem Wide Receiver. Ein so großer Teil dieses Sports ist Chemie, und er und ich liegen einfach nicht auf einer Wellenlänge. Ich entdecke Brentwood, den erfahrenen Quarterback. Er steht lachend am Wassertisch, doch als wir uns wieder aufstellen, verstummt er, um zuzusehen.

Der Ball fliegt los, und sobald meine Finger das Leder packen, falle ich in die Pocket zurück und beobachte das Feld. Körper bewegen sich, und ich prüfe meine Optionen. Schließlich löst sich LaDuke von seinem Verteidiger, und ich hole aus, um den Pass zu werfen.

Der Ball verlässt meine Hand in einem perfekten Bogen. Doch in der letzten Sekunde wird dieses Arschloch langsamer, und mein Pass geht an ihm vorbei.

LaDuke joggt zurück und zuckt mit den Schultern. »Ist der außerhalb der Linie?«, fragt er, obwohl er sehr genau weiß, dass das nicht der Fall ist.

Ich knirsche mit den Zähnen und warte darauf, dass der Coach mich zusammenstaucht. Ich stelle Augenkontakt zu dem neuen Receiver an den Seitenlinien her, während er hin und her tigert. Quentin Alvarez ist hungrig. Er will den Ball haben.

Ich jogge zu Coach Reynolds hinüber, damit er nicht die Stimme heben muss, um mir den Hintern aufzureißen. Er atmet geräuschvoll aus und runzelt die Stirn. Doch anstatt mich anzubrüllen, legt er eine Hand auf meine Schulter und dreht mich zu dem leeren Spielfeld hinter uns herum.

»Daren, mir gefällt die Tatsache, dass du immer einen klaren Kopf bewahrst. Die alten Spieler brauchen Zeit, um die neuen zu akzeptieren. Nimm das nicht persönlich.«

Ich hole tief Luft und nicke. Er hat recht. »Kein Problem, Coach.« Das ist normalerweise meine Antwort draußen auf dem Spielfeld. Ich sollte den Mund halten, aber ich beschließe, die Gelegenheit zu nutzen. »Denken Sie, wir könnten Quentin für ein paar Spielzüge austesten?«

Reynolds bewegt nachdenklich den Kiefer hin und her. »Er kommt schon noch an die Reihe. Außerdem ist es viel wahrscheinlicher, dass du mit der alten Garde spielen wirst, also sind das diejenigen, die du überzeugen musst.«

»Schon klar. Aber ich denke, dass Quentin es wirklich will.«

Der Coach nickt und runzelt die braun gebrannte Stirn. »Wir werden sehen. Trink etwas Wasser.«

Zehn Minuten später stehen wir wieder in der Formation, und der Coach bläst in seine Pfeife. »Wisst ihr was? Wir versuchen es mal mit Quentin.« Er ruft nach LaDuke und deutet mit dem Kinn in Richtung Seitenlinie.

Es fällt mir schwer, mein Lächeln zurückzuhalten, also beiße ich die Zähne zusammen und spanne meinen Kiefer an, bis ich wieder konzentriert bin. Quentin marschiert an mir vorbei, und als sich unsere Blicke treffen, nickt er.

Als mein Wide Receiver dieses Mal den Verteidiger abschüttelt, brennt er förmlich vor Eifer. An den Seitenlinien halten alle inne, um meinen Pass zu beobachten, der in Quentins Händen landet. Zwei Schritte später stürmt er in die Endzone.

So macht man das, ihr Scheißkerle.

Als ich eine halbe Stunde später in die Umkleide gehe, grinse ich immer noch. Bis sich Brentwood an mich heranmacht, als wären wir alte Freunde. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht lehnt er sich dicht zu mir.

»Was zum Teufel war das?«, flüstert er, obwohl aus der Stereoanlage ein Lied von Eminem dröhnt.

Das wird langsam langweilig. Das Camp läuft jetzt seit anderthalb Wochen, und ich habe mittlerweile aufgehört zu zählen, wie oft mich Brentwood schon zur Schnecke gemacht hat. »Tut mir leid: Was zum Teufel war was?«

»Warum hast du vorgeschlagen, dass Quentin spielen soll?«

»Ich bin nicht sicher, wovon du redest.« Normalerweise verweigere ich niemandem die Anerkennung, die ihm gebührt, aber ich will Brentwood auch nicht noch wütender machen, als er es ohnehin schon ist, weil ihm heute mal wieder irgendeine Laus über die Leber gelaufen ist.

»Daren!«

Jeanine Cartwright, die Vizepräsidentin der Marketing- und Presseabteilung, kommt in die Umkleide geschlendert. Die Tatsache, dass die Hälfte der Männer Sportlerunterwäsche trägt oder nackt ist, scheint sie nicht im Geringsten zu stören. Sie gibt mir ein Zeichen, während sie telefoniert, und Brentwood zwinkert ihr zu und geht zu seinem Spind an der gegenüberliegenden Wand.

Sie nickt und fährt mit ihrem Telefonat fort. »Das ist eine tolle Idee. Ja, ich habe ihn direkt hier bei mir.« Sie schaut zu mir hoch und lächelt für eine halbe Sekunde, bevor sie eine Hand hebt, um mir zu signalisieren, dass ich warten soll. Jeanine ist das erste weibliche Mitglied des Vorstands und auch das jüngste. Sie ist eine attraktive Frau, aber in ihren eiskalten Augen liegt ein raubtierhafter Ausdruck. NFL-Spieler sind nicht gerade die höflichsten Menschen, aber niemand belästigt sie. Vermutlich weil keiner von ihnen riskieren will, seine Eier zu verlieren. Sie streicht ihr rotes Haar zurück, das zu einem kurzen Bob frisiert ist. »Ich bin sicher, dass er mitmachen wird. Neulinge haben nie ein Problem damit, Interviews zu geben.«

Ich hab’s kapiert, Jeanine. Es ist nicht nötig, mir die Tatsache unter die Nase zu reiben, dass ich in der Nahrungskette ganz unten stehe.

Sie legt auf und lässt den Blick langsam über meine nackte Brust wandern. An meiner Taille hält sie für einen Moment inne und stellt dann enttäuscht fest, dass ich immer noch meine Trainingsshorts trage. Schließlich richtet sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf mein Gesicht. »Ich werde dich morgen früh nach deinem Krafttraining benötigen. Eventuell wirst du es sogar ein wenig früher als sonst beenden müssen. Ich werde alle darüber informieren, dass du zur zweiten Trainingsstunde wahrscheinlich zu spät kommen wirst. Oh, und nimm auf jeden Fall eine Dusche, bevor du mich auf dem Trainingsfeld triffst. Die kannst du brauchen.«

Tja, da hat sie wohl recht. Ich brauche wirklich eine Dusche. Wir befinden uns in Massachusetts, es ist Mitte Juli, und ich habe gerade zwei Stunden bei fünfunddreißig Grad auf dem Spielfeld verbracht.

Jeanine tippt auf ihr Handy und trägt den Termin in ihren Kalender ein. »Du und Quentin habt ein Interview mit einem der lokalen Nachrichtensender. Die machen eine Reihe mit Sportbeiträgen für Frauen. Wir nennen es Football für Anfänger und werden vermutlich jedes Mal andere Spieler vorstellen. Aber da du gerade der heiße Neuzugang bist, will ich daraus Kapital schlagen.«

»Ich werde da sein.« Ich ringe mir ein Lächeln ab und weiß, dass sie es für aufrichtig hält, denn sie erwidert es. Dabei nimmt sie sich die Zeit, mich noch einmal ausgiebig zu mustern, bevor sie zu Quentin marschiert.

Einer der Jungs wartet, bis Jeanine gegangen ist. Dann zückt er sein Handy. »Seht euch mal die Tussi an, die ich letzte Nacht klargemacht habe. Die passte meinem Schwanz wie angegossen.« Mehrere Spieler versammeln sich um ihn, um sich das Video anzusehen.

Wenn er einer meiner Mannschaftskollegen vom Boston College wäre, würde ich ihm sagen, dass er sich wie ein Idiot verhält. Ein virales Video reicht aus, um einem das Leben zur Hölle zu machen, vor allem wenn dann noch Tratsch dazukommt, den jemand erfunden hat, um seine fünfzehn Minuten Ruhm zu bekommen.

Aber wir sind hier nicht auf dem College. Und ich bin nicht der Captain dieser Mannschaft. Ich schaue zu Brentwood hinüber, der sich das Video ebenfalls nicht ansieht. Er ist zu sehr damit beschäftigt, mich zu beobachten. Gott, er ist ein seltsamer Scheißkerl.

Ich lasse mir nichts anmerken, als ich mein Handtuch nehme und in Richtung der Duschen verschwinde. Ich habe heute Nachmittag noch eine weitere Trainingseinheit, und dafür brauche ich einen klaren Kopf. Ich bin an Drama gewöhnt, aber in diesem Stadion gibt es genug davon, um daran zu ersticken.

Als das heiße Wasser auf meine Haut prasselt, schließe ich die Augen und blende den Lärm aus. Endlich habe ich mal für einen Moment Ruhe.

Und genau in diesem Augenblick muss ich an ihr Gesicht denken. An diese vollen, rosigen Lippen, die die Farbe von süßen Beeren haben. An diese helle Haut, die so seidenweich aussieht. An diese mit schwarzem Kajal umrandeten Augen, die mich an das Meer vor Santorin in Griechenland erinnern. Sie sind blau wie Eis, das vom Himmel geschmolzen ist.

Seit ich sie umgestoßen habe, sind zwei Wochen vergangen. Seitdem habe ich Maddie kein einziges Mal mehr gesehen. Und ich habe durchaus Ausschau nach ihr gehalten.

Und wider besseres Wissen will ich das auch weiterhin tun.

5

Maddie

Ich notiere mir die letzten Kommentare des Leiters der Feuerwehr, mit dem ich gerade ein Telefoninterview geführt habe, als mein Boss Roger den Kopf in meine Arbeitsnische steckt.

»Madeline. Nicole. In mein Büro. Sofort.«

Meine Kollegin Nicole, mit der ich mir den Arbeitsplatz teile, atmet geräuschvoll aus. Ich klappe mein Notizbuch zu und schaue sie an.

»Dann wollen wir mal sehen, was der kleine Mann von uns will«, murmelt sie und schnappt sich ihr Notizbuch. »Wenigstens hat diese Unterbrechung dafür gesorgt, dass du aufgehört hast, auf deiner Stiftkappe herumzukauen.« Als sie mich ansieht, verrät mir ihr Gesichtsausdruck, dass sie jeden Moment die mühsam unterdrückte Zicke herauskehren wird. »Darf ich kurz erwähnen, dass es toll wäre, wenn du mal jemanden deinen Schreibtischstuhl ölen lassen würdest? Denn du wackelst mit deinem Bein, als ob du eine Art Krampfanfall hättest, und dieses Geräusch wird mich noch mal in den Wahnsinn treiben.«

Aus irgendeinem Grund kann Nicole mich nicht leiden. Obwohl wir beide zur gleichen Zeit eingestellt wurden und einander in dieser halsabschneiderischen Branche helfen sollten, sieht sie mich immer an, als würde sie befürchten, dass ich sie mit einer sexuell übertragbaren Krankheit infizieren könnte. Ich würde sagen, dass ich normalerweise eine sehr selbstsichere Person bin – in der Rundfunkbranche hat man als Mauerblümchen keine Chance –, aber diese Frau hat etwas Nervtötendes an sich.

Für gewöhnlich ignoriere ich ihre Kommentare, aber seit ich diesen Job bekommen habe, schlafe ich selten länger als fünf Stunden, und meine Nerven sind entsprechend angespannt.

»Nicole, wie wäre es, wenn wir versuchen, so zu tun, als würden wir für dasselbe Team arbeiten? Lassen wir diese ›Leck-mich-am-Arsch‹-Einstellung einfach sein, okay?«

Sie zieht beide Augenbrauchen hoch. »Ich habe dich zuvor noch nie fluchen hören. Wenn ich dich noch wütender mache, wiederholst du das dann?«

Das ist ihre Antwort? Nein, ich fluche nicht. Nicht wirklich. Denn ein kleiner Ausrutscher in einer Liveübertragung reicht aus, und schon steht man auf den Seitenstraßen von Montana und berichtet über das Paarungsverhalten von Bisons.

Ich weiß nicht mal, warum Nicole und ich in derselben Arbeitsnische sitzen, abgesehen von der Tatsache, dass wir beide neu sind. Sie sollte mit den Leuten von der Sportabteilung auf der anderen Seite des Flurs herumhängen. Aber dieses Büro ist bereits überfüllt. Ich glaube, sie ist sauer, weil sie bei einer Nachrichtenreporterin sitzen muss und nicht den ganzen Tag Sportprogramme auf ESPN hören kann.

Sie ignoriert mich, wie sie es immer tut, und zwirbelt eine lange Strähne ihres blonden Haars um einen ihrer sorgfältig manikürten Finger. Nicole sieht aus, als wäre sie von einem Cheerleaderinnenteam in Südkalifornien gezüchtet worden. Wenn sie läuft, liegt sogar ein fröhliches kleines Hüpfen in ihren Schritten.

Ich streiche meinen grauen Bleistiftrock glatt und beobachte, wie ihr unanständig kurzes Kleid herumwirbelt, als sie den Flur praktisch entlangtänzelt.

Als wir Rogers Büro betreten, schaltet Nicole die quirlige Persönlichkeit ein. »Hey, Boss, was sagen Sie zu den heutigen Aufnahmen aus dem Trainingscamp? Mann, dieser Daren Sloan hat einen verdammt tollen Arm.«

Sobald ich seinen Namen höre, fängt mein Herz an zu rasen. Herrgott, Madeline. Bleib locker.

Ich weiß nicht, was mein Problem ist, aber seit ich gegen ihn gelaufen bin, bekomme ich jedes Mal eine Art kleinen Stromschlag, wenn ich seinen Namen höre. Das muss an diesen grünbraunen Augen liegen … daran, wie er mich damit angestarrt hat … und an der Art, wie er meinen Nacken gehalten hat. Und ja, auch daran, dass er sich an meinen Namen erinnert hat. Zum Teufel mit ihm.

Nicole wirft ihr Haar über eine Schulter, und ich verdrehe in Gedanken die Augen. Das strahlende Lächeln auf ihrem Gesicht sehe ich nur, wenn sie es anderen Menschen zuwirft, normalerweise Männern. Für mich würde sie niemals so viel Energie verschwenden.

Roger scheint nicht so bezaubert zu sein wie jeder andere Kerl, der in Nicoles Strudel aus Charme gesaugt wird. Vielleicht liegt es daran, dass er älter ist, etwa Anfang sechzig. Mit einem müden Gesichtsausdruck reibt er sich über sein stoppeliges Kinn.

»Genau darüber wollte ich mit euch Mädchen reden.« Er lehnt sich auf seinem quietschenden Stuhl zurück und runzelt die Stirn. »Ihr müsst morgen früh beide ins Stadion der Rebels fahren, um einen neuen Footballbeitrag zu drehen, der auf Frauen abzielt. Wenn er erfolgreich ist, machen wir jede Woche einen. Nicole, ich muss dir nicht erklären, dass das ein großer Schritt für deine Karriere sein könnte.«

Ich bin gerade unglaublich verwirrt. »Sir, wozu brauchen Sie mich dabei?« Sie ist die Sportreporterin.

Er lächelt. Es ist ein müdes Lächeln, aber es macht seine Augen wärmer. »Mir gefiel dein Vorschlag, zu recherchieren, inwiefern die Parkgewohnheiten der Mannschaft die benachbarten Wildtiere im anliegenden Naturpark beeinträchtigen würden. Das ist deine Chance, die Pressesprecherin der Rebels zu interviewen, um ein paar Antworten und ein wenig Filmmaterial zu bekommen. Ich will, dass du bis Freitag einen vollständigen Bericht ablieferst.«

Ich kann mich vor Freude kaum beherrschen. Bislang habe ich hauptsächlich Texte für die Nachrichtensprecher geschrieben oder kleine Liveberichte über rührende Geschichten aus dem Alltag gemacht. Das Lösen echter Probleme war jedoch der eigentliche Grund, warum ich mich für eine Journalismuskarriere entschieden habe. Mir geht es nicht darum, im Fernsehen zu sein oder bekannt zu werden. Ich kämpfe gerne für den kleinen Mann auf der Straße und will der Gemeinschaft helfen.

Er gestikuliert zwischen uns hin und her. »Ihr beiden solltet euch vorbereiten gehen. Spencer wird euch die Logistik für morgen erklären.«

Sofort lässt meine Begeisterung nach. Spencer ist der neue Produzent, der angeheuert wurde, um die Quoten zu erhöhen. Und er ist ein totales Arschloch.

Als ob er meine Beklemmung gespürt hätte, nickt Roger. »Ihr werdet das toll machen, Mädchen. Ich glaube an euch.«

Gott, ich will mich wirklich für ihn einsetzen. In letzter Zeit stand er wegen unserer Quoten unter enormem Druck. Die Firma will, dass er mehr über virale Videos und Promimist berichtet. Bislang konnte er sie hinhalten, aber ich weiß, dass er seinen Job verlieren wird, wenn er die Dinge nicht ändert.

Und jetzt kommt das Verrückte daran. Ich habe durch die Gerüchteküche mitbekommen, dass Roger gar nicht begeistert war, Nicole oder mich einzustellen. Er wollte erfahrenere Reporter, gab aber letztendlich nach, weil er keine Wahl hatte. Dem Tratsch zufolge zwang ihn die Firma, junge, attraktive Frauen anzuheuern. Ich weiß nicht genau, warum es so ist, aber seine Einstellung in Bezug darauf hat ihn mir noch sympathischer gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass ich weiß, dass ihm die Berichterstattung und die damit verbundene Arbeit wirklich wichtig sind.

Ich habe vor, ihn stolz zu machen.

Spencers Augen leuchten vor Begeisterung, als er seine Notizen mit Nicole durchgeht. Ich könnte ebenso gut ein lästiger Fussel sein.

»Die Rebels hoffen, mehr Frauen als Zuschauer zu gewinnen, und wollen diesen wöchentlichen Beitrag nutzen, um eine völlig neue Zuschauerschaft anzusprechen. Ich denke, du bist genau die Richtige für den Job«, sagt er zu Nicole und macht dabei keinen Hehl aus seinem Interesse für ihre künstlich hohen Brüste.

Spencer sieht nicht schlecht aus. Er ist Anfang dreißig und verfügt über einen beeindruckenden Lebenslauf, der mit Beratungsjobs bei großen Nachrichtensendern im ganzen Land aufwarten kann. Ich wäre durchaus beeindruckt, wenn ich ihn nicht so gruselig finden würde.

Nicole scheint es nichts auszumachen, dass er ihr auf die Brüste glotzt. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, Ideen in ihr Notizbuch zu schreiben. »Ich kann nicht glauben, dass ich Daren Sloan interviewen werde. Scheiße, ja.«

Der Kraftausdruck lässt mich zusammenzucken. Sofort muss ich an meinen Dozenten denken, der uns jedes Mal zusammenstauchte, wenn wir in seiner Gegenwart fluchten, denn er befürchtete immer, dass uns im Livefernsehen ein übles Schimpfwort rausrutschen könnte. Doch dieser idiotische Spencer zuckt nicht mal mit der Wimper.

Nicole wirft einen Blick auf den morgigen Zeitplan und runzelt die Stirn. »Wir haben nicht viel Zeit für das Interview.«

An diesem Punkt könnte ich ihr mitteilen, dass Daren mein Nachbar ist, dass wir gemeinsame Freunde haben und dass ich ihr vermutlich mehr als die zehn Minuten mit ihm verschaffen könnte, die die Mannschaft uns versprochen hat. Doch dann muss ich an die vielen sarkastischen Kommentare denken, die Nicole mir gegenüber im vergangenen Monat losgelassen hat. Und meine übliche Einstellung, anderen zu helfen, wenn ich es kann, verschwindet schneller als Kanye Wests falsche Bescheidenheit auf einer Preisverleihung.

Nicole tippt mit ihrem Stift auf den Rand des Notizbuchs. »Spence, wie soll ich an die Sache herangehen? Wäre es Ihnen lieber, wenn ich vollkommen ahnungslose Fragen stelle wie die Idioten da draußen, die nicht die geringste Ahnung von Football haben?«

Spence? Ich muss mich innerlich übergeben.

»Nein, mach einfach dein Ding. Bring Daren dazu, über das Spiel zu reden. Setz deinen Charme ein.« Er schnalzt mit der Zunge. »Biete den Damen, die zuschauen, eine Show.«

Ich widerstehe dem Drang, einen Würgelaut von mir zu geben. Aber nur knapp.

Er schickt sich an davonzugehen, und ich rufe: »Haben Sie auch irgendwelche speziellen Anweisungen für mich?«

Spencer schaut nicht von seinem Drehtagsablaufplan auf. »Schließ dich mit der Nachrichtenabteilung kurz. Finde heraus, was die brauchen.« Und dann verlässt er das Büro.

Sein Engagement für den Journalismus ist herzerwärmend.

Nicole geht ihre Fragen durch, als wäre ich nicht im Raum. Wie hast du dich gefühlt, als du die Heisman-Trophy gewonnen hast? Was können wir in dieser Saison von dir erwarten? Wie oft wirst du deiner Meinung nach spielen? Hast du eine Freundin?

Irgendwie glaube ich nicht, dass das die Fragen sind, die sich die Mannschaft erhofft hat. Irgendwann kann ich es nicht länger ertragen. »Nicole, hast du mal darüber nachgedacht, einfach grundlegende Fragen über Football zu stellen? Schließlich richtet sich der Beitrag an Frauen, die etwas über den Sport lernen wollen, aber keine Ahnung haben, wo sie anfangen sollen.«

Sie gibt einen abfälligen Laut von sich und schüttelt den Kopf, als wäre ich eine Idiotin.

Alles klar. Ich bin hier fertig. Nicole trottet davon, um mit den Leuten aus der Sportabteilung zu reden, und ich widme mich wieder meinen Notizen.

Wenigstens kann ich endlich den Beitrag über den Schutz der Wildtiere machen. Die Rebels scheinen keinen Gedanken daran zu verschwenden, dass eine Erweiterung ihres Parkplatzes den Goldflügelwaldsänger gefährden wird, der vom Aussterben bedroht ist.

Ich versuche, ein wenig zu recherchieren, als sich mein Laptop aufhängt. »Gottverda… Drecks… Schei… Ah.« Ich schlage mit der Faust auf den Schreibtisch.

»Was ist los, Madeline?«

Die Stimme hinter mir lässt mich aufschrecken.

Brad, der Techniker, lehnt sich in meine Arbeitsnische, als ob er meine Schreie aus der Ferne gehört hätte. Er schiebt seine schwarzrandige Brille auf der Nase hoch und lächelt. Dabei entstehen kleine Fältchen um seine grünen Augen herum. Brad ist ein netter Kerl. Warum kann ich keine netten Kerle mögen? Letzte Woche hat er mir einen eisgekühlten Mokka mitgebracht, als er kurz das Büro verlassen hat, um Kaffee zu holen. Ich weiß, dass mehrere Sekretärinnen ein bisschen in ihn verknallt sind. Das liegt an seiner gelassenen Ausstrahlung und dem sandblonden Haar. Obwohl ich niemals mit Kollegen ausgehe, wünschte ich, ich würde mich wenigstens ein klein wenig zu ihm hingezogen fühlen. Er ist schon ziemlich meine Kragenweite.

Ich lächle erleichtert. »Gott sei Dank bist du hier. Diese wundervolle technische Erfindung, die mir das Leben erleichtern sollte, treibt mich in den Wahnsinn. Das Ding hängt sich immer wieder auf. Ich weiß, dass du gesagt hast, dass es an der letzten Systemaktualisierung liegt, aber Nicoles Laptop ...

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