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Boss bei Tag, Geliebter bei Nacht …

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1. KAPITEL

„Heute Abend bist du in meinem Bett nicht willkommen. Und für morgen Abend sieht es auch nicht gut aus.“

In dem riesigen Spiegel der Waschräume des exklusiven Saints-Restaurants in Surry Hill übte Willa Moore-Fisher den Satz und schüttelte angewidert den Kopf. Sie war zu nett. So viel Rücksicht hatte ihr schmieriges Blind Date überhaupt nicht verdient. Begriffsstutzig bis zum geht nicht mehr, glaubte er womöglich noch, dass in Zukunft die Chance bestand, mit ihr zu schlafen. Was definitiv nicht so war – niemals. Lieber würde sie sich mit einem stumpfen Ast die Augen ausstechen.

„Ich würde dir ja gerne erklären, warum ich dich für einen arroganten Idioten halte, aber bei dem Versuch, das zu verstehen, würde dein Gehirn vermutlich platzen“, sprach Willa die Worte probehalber laut aus.

Wenn das nicht ein Bild war, das sie zum Lächeln brachte. Kawumm! Sie sah förmlich vor sich, wie diese schleimige, arrogante Miene mit Hilfe von ein wenig wohlgesetztem Sprengstoff vor ihren Augen explodierte.

Willa stellte sich vor, dass Sprengstoff auch bei ihrem zukünftigen Exmann Wunder wirken würde …

Vielleicht solltest du einfach wieder reingehen und ihm noch eine Chance geben, schlug die nette Willa vor; die Willa, die sich nur zu gerne als Fußabtreter benutzen ließ. Vielleicht liegt es an dir, dass diese Verabredung so katastrophal verläuft. Wenn du ein wenig besser darin wärst, ihn aus der Reserve zu locken, die richtigen Fragen zu stellen, ein wenig Interesse zu zeigen …

Die wilde Willa ließ die Fußabtreter-Willa mit einem leichten Schlag gegen die Schläfe fallen. Das hast du acht Jahre lange gemacht, du Trottel. Du hast versucht, das Beste in Wayne hervorzubringen, hast dich verändert, damit er sich verändert. Und wie ist das für dich ausgegangen?

Willa zeigte mit dem Finger auf ihr Spiegelbild. „Lass dir endlich Eier wachsen – im übertragenen Sinn natürlich. Sag ihm, dass er deine Zeit vergeudet und sieh zu, dass du hier wegkommst.“

Ja, als wenn du das jemals laut aussprechen würdest, zog die wilde Willa sie auf. Du bist der größte Feigling auf der Welt und würdest dich lieber weiter so behandeln lassen, als das Risiko einzugehen, dass jemand sauer auf dich ist.

Vielleicht würde sie eines Tages lernen, für sich einzustehen.

Die wilde Willa schnaubte ungläubig.

Gott, diese Stimmen laugten sie vollkommen aus.

„Ist es neu, dass du Selbstgespräche führst, oder tust du es schon immer und hast es bislang nur noch nicht gemerkt?“

Im Spiegel sah Willa eine schlanke Blondine und bewunderte ihren hervorragend geschnittenen und gefärbten seidigen Bob. Dann blickte sie in die verschmitzten hellbraunen Augen und wirbelte schockiert herum.

„Amy? Mein Gott, Amy!“

„Hey, Willa.“

Amy kam auf ihren hohen Absätzen auf sie zu. Ihr Wickelkleid betonte ihre perfekte Figur, ihr Make-up und ihre Frisur waren makellos. Willa musterte ihr Gesicht, und in dem Schwung ihrer Lippen und den humorvoll funkelnden Augen erkannte sie ihre beste Freundin von damals wieder, als sie achtzehn gewesen waren – Amy, die ihr durch ihre verschmitzte Art in jenem Sommer vor so langer Zeit eine ganz neue Welt aus Spaß und Glücklichsein eröffnet hatte.

„Amy, meine Güte. Was machst du hier?“

Willa umarmte sie und stellte fest, dass sie Amy nicht wieder loslassen wollte. Warum hatte sie sie überhaupt jemals gehen lassen? Der Sommer auf den Whitsundays, ihre Clique – Amy, Brodie, Scott, Chantal, ihr älterer Bruder Luke – war ihre Welt gewesen. Und wie so vieles hatte sie diese Welt aufgegeben, als sie Wayne heiratete.

Dummes Mädchen.

„Ich esse mit meiner Mitbewohnerin hier zu Abend, bevor wir weiter in die Clubs ziehen“, erwiderte Amy und nahm Willas Hand. „Aber du … warum führst du hier Selbstgespräche?“

„Die kurze Antwort lautet: Weil ich ein grauenhaftes Blind Date habe, das ich unbedingt loswerden will.“ Willa neigte den Kopf in Richtung Fenster. „Meinst du, ich bin dünn genug, um dadurch zu verschwinden?“

Amy betrachtete sie von Kopf bis Fuß. „Ehrlich gesagt bist du viel zu dünn. Aber Moment Mal. Was ist mit Wayne? Du hattest ihn doch geheiratet, oder?“

Willa hob ihre linke, ringlose Hand. „Wir lassen uns gerade scheiden. Es war ein … Fehler.“

Hmm … ein Fehler. Das war die Untertreibung des Jahres, aber sie ließ es so stehen.

Amy schürzte die Lippen. „Das tut mir leid. Mein Gott, Willa, es ist so viel Zeit vergangen. Wir müssen das unbedingt aufholen. Und zwar jetzt.“

„Was ist mit meinem Date und deiner Freundin?“, fragte Willa. Sie war schon unentschuldbar lange im Bad – das war sehr unhöflich.

Na und? Die wilde Willa verdrehte die Augen.

„Pft … dein Date klingt wie ein Idiot, und Jessica hat gerade heiße Blicke mit einem Typen am Nebentisch ausgetauscht. Sie wird gar nicht merken, dass ich weg bin.“

Amy ging zur Tür, riss sie auf und stieß einen hohen, lauten Pfiff aus. Willa war nicht überrascht, als kurz darauf ein Kellner an der Tür erschien.

„Ist der kleine Veranstaltungsraum frei?“, fragte Amy.

„Ja, Ma’am.“

„Gut. Sag Guido, dass ich ihn für eine Weile mit Beschlag belege, und bitte ihn, mir eine Flasche von dem Chardonnay zu bringen, den ich so mag. Er soll ihn auf meine Rechnung setzen“, befahl Amy und schickte ihn mit einem sinnlichen Lächeln seiner Wege.

Der Junge wirbelte davon, um die Wünsche der Göttin zu erfüllen.

Amy drehte sich wieder zu Willa um und zuckte mit den Schultern, als sie ihren erstaunten Blick sah. „Ich halte hier viele Veranstaltungen ab. Guido ist mir was schuldig.“

Dann führte sie Willa aus dem Waschraum einen geschmückten Flur entlang und in einen kleinen Veranstaltungsraum, in dem ein Konferenztisch und mehrere Sessel standen. Sie zog Willa zu den Sesseln und bedeutete ihr, sich zu setzen.

„Es ist so schön, dich zu sehen, Willa.“ Sie setzte sich ihr gegenüber. „Du siehst so … anders aus. Elegant … reich.“

Willa wusste, was ihre Freundin sah. Immerhin sah sie das gleiche Gesicht und den gleichen Körper jeden Tag im Spiegel. Sie war immer noch so groß wie früher, größer als die meisten Frauen, aber dünner als mit achtzehn. Dicke kastanienbraune Haare, die ihr bis auf die Schultern fielen. Ein schwerer Pony, der ein elfenhaftes Gesicht mit silbergrünen Augen einrahmte.

„Das liegt daran, dass ich elegant bin … und mein Ehemann – Exehemann, wie auch immer – reich ist.“ Willa bemühte sich, die Bitterkeit aus ihrer Stimme herauszuhalten. „Fitnessstudio, Designerklamotten, bester Friseur in Sydney.“

Amy berührte leicht ihr Knie. „War es schlimm … mit ihm verheiratet zu sein?“

Willa überlegte kurz, ob sie lügen, die Wahrheit etwas beschönigen sollte. Aber dann sah sie das Verständnis und Mitgefühl in Amys Augen und erkannte, dass sie ihr zwar nicht die ganze Wahrheit sagen würde – die würde sie niemandem erzählen – aber auch nicht offen lügen musste. Dazu hatten sie und Amy gemeinsam schon zu viel durchgemacht.

„Nicht schlimm, nein. Aber absolut langweilig. Wayne wollte eine junge Frau, die er als Trophäe herumzeigen konnte, und genau das war ich die letzten acht Jahre lang.“

„Oh mein Gott, eine Vorzeigefrau.“ Amy zuckte zusammen. „Aber du bist so verdammt klug … du hast immer Buchhaltung, BWL, VWL studieren wollen.“

„Tja, Wayne wollte eine schöne, fügsame Frau, keine mit Gehirn. Ich habe mich immer über die Märkte und Trends auf dem Laufenden gehalten, aber er wollte nicht, dass seine Frau über Wirtschaft sprach. Ich sollte gesehen, aber nicht gehört werden.“

„Ich fand immer, dass der Typ die reinste Platzverschwendung ist.“

Als es an der Tür klopfte, stand Amy auf, nahm die Flasche und zwei Gläser entgegen, dankte dem Kellner und schenkte ihnen beiden ein.

Dann nippte sie an ihrem Glas und setzte sich wieder. „Warum habe ich das Gefühl, dass ich hier die geschönte Version zu hören bekomme?“

Weil sie nicht dumm war. „Meine tote Ehe ist ein sehr langweiliges Thema, Amy.“

„Du warst nie langweilig, Willa. Still vielleicht. Eindringlich, schüchtern. Aber nicht langweilig. Und ich weiß, dass du Wayne vermutlich hundertfünfzig Prozent gegeben hast, weil die Willa, die ich kenne, sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegt, um alle anderen glücklich zu machen. Wenn du ein Versprechen gibst oder eine Entscheidung triffst, braucht es schon eine Atombombe, um dich davon abzubringen.“

„So schlimm bin ich gar nicht“, protestierte Willa, aber sie wusste, dass sie tatsächlich nicht so schnell aufgab.

„Du hasst es, dein Wort nicht zu halten.“ Amy bedachte sie mit einem seltsam traurigen Lächeln. „Du warst total verstört, weil du Luke in jener Nacht auf den Whitsundays um Hilfe gebeten hast, obwohl ich dich angefleht habe, es nicht zu tun.“

Willa biss sich auf die Lippen. Vor ihrem inneren Auge sah sie Amy, geschlagen und blutend, in Tränen aufgelöst und mit rotem Sand im Gesicht. Ihr blaues Auge und die aufgerissene Wange von ihrem Kampf mit Justin, dessen Avancen sie mit aller Kraft hatte abwehren müssen. Manchmal sah sie dieses Gesicht in ihren Träumen und wachte schweißgebadet auf.

„Tut mir leid, aber Luke musste mir helfen, damit ich dir helfen konnte.“

Amy schaute in ihr Weinglas. „Ich weiß … ist schon okay. Das ist so lange her. Wie geht es Luke?“

Willa bemerkte das merkwürdige Zittern in Amys Stimme sofort. Amy und Luke hatte schon immer eine seltsame Hassliebe verbunden, die Willa nie wirklich verstanden hatte.

„Es geht ihm gut. Er ist immer noch Single, immer noch besessen vom Erfolg. Er arbeitet derzeit am Bau einer riesigen Hotelanlage in Singapur, der größten in seinem Leben.“

Endlich hob Amy den Blick und sah Willa in die Augen. „Hast du noch Kontakt zu den anderen aus dem Resort? Brodie, Chantal, Scott?“

Willa zuckte mit den Schultern. „Ganz lose. Eigentlich nur über Facebook und ab und zu mal per E-Mail. Chantal tanzt noch. Scott ist einer der besten jungen Architekten der Stadt. Und Brodie ist Herz und Seele einer Firma, die Törns auf Luxusjachten an der Goldküste anbieten. Ich habe sie allerdings nie wieder persönlich gesehen – nicht seit der Woche, in der Brodie und du gegangen seid.“

Froh, das Thema ihrer kaputten Ehe hinter sich gelassen zu haben, ließ Willa ihre Gedanken zu jenem Sommer zurückgleiten, als eine Gruppe von Fremden in dem luxuriösen Weeping Riff-Resort gelandet war, bereit, die Feriensaison über den ganzen Tag zu arbeiten und die ganze Nacht Spaß zu haben.

Es verwunderte sie immer noch, dass sie alle fünf – sechs, wenn sie Luke mitzählte – sich auf Anhieb so gut verstanden hatten. Sie waren so unterschiedliche Persönlichkeiten.

Sie hatten gelacht und geliebt und getrunken und gefeiert. Die ersten beiden Monate ihrer Sommerferien waren nur so dahingeflogen. Dann war ihr Idyll von zwei furchtbaren Ereignissen erschüttert worden. Vorwürfe, Angst und Schuldgefühle hatten von da an ihr magisches Zwischenspiel überschattet und ihre Clique auseinandergerissen.

Und Willa auf einen Weg geschickt, den sie inzwischen zutiefst bereute.

„Aber lass uns noch mal zum Anfang des Gesprächs zurückkehren. Wir hatten uns gerade über dich und Wayne unterhalten und was zu eurer Trennung geführt hat“, riss Amy sie aus ihren Gedanken.

„Oh … das.“

Wie seltsam, dass sie und Amy sich nach so langer Zeit einfach unterhalten konnten, als hätten sie sich gestern erst gesehen … wie ungewohnt und zugleich wie richtig sich das anfühlte.

Eigentlich hätten sie gar nicht befreundet sein dürfen. Amy war fröhlich, kontaktfreudig und flirtete gerne. Willa war ruhig, naiv und wesentlich zurückhaltender als ihre Freundin. Sie konnte nicht die Wahrheit über ihre gescheiterte Ehe erzählen – nicht einmal Amy, die so erfolgreich, so selbstbewusst und gebildet war.

„Ich wollte mehr sein als nur sein hübsches Anhängsel. Er hat nicht eingesehen, warum mir das nicht gereicht hat. Es wurde dann hässlich. Ich habe ihn einen alternden, kahl werdenden Penner genannt, und er meinte, ich sei eine hohle Nuss. Auf einmal standen die Worte ‚Trennung‘ und ‚Scheidung‘ im Raum, und die Vorstellung gefiel uns beiden ganz gut.“

Mitfühlend schloss Amy die Augen. „Tut mir leid, Wills.“

Willa zuckte mit den Schultern. „Vor acht Monaten hat er mich aus unserer Wohnung geworfen und in der Villa am Meer in Vancluse einquartiert …“

Bei der Erwähnung des Nobelviertels von Sydney stieß Amy einen Pfiff aus. „Warum ist er da nicht eingezogen?“

Willa lächelte. „Er hasst Wasser und freie Flächen. Wie auch immer, er hat Jung und Dumm an dem Nachmittag in die Wohnung einziehen lassen, an dem ich ausgezogen bin. Jetzt brauchen wir nur noch einen Gerichtstermin für die Scheidung, dann bin ich endlich frei.“

„Was willst du dann machen?“

Willa zuckte mit den Schultern. „Daran arbeite ich noch … Ich habe einen Abschluss, aber keine Erfahrungen. Und schlimmer noch, keine Kontakte. Geld ist kein Problem, aber Zeit. Ich kämpfe darum, die Tage auszufüllen, und alleine in meinem Mausoleum herumzutigern ist da keine große Hilfe.“

Sie schaute auf die Rolex an ihrem Handgelenk, ein Geschenk von Wayne zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag. Es war schon langweilig genug, ihr Leben zu leben, da musste sie es nicht auch noch sezieren. Also setzte sie an, das Thema zu wechseln.

„Wir sind seit knapp zwanzig Minuten hier drin. Meinst du, mein Date aus der Hölle hat den Hinweis inzwischen verstanden?“

„Ich habe Guido gebeten, ihm zu sagen, dass du nicht interessiert bist.“

Unter Willas fragendem Blick zuckte Amy nur die Schultern.

„Hey, du wolltest sein Gehirn explodieren lassen. Ich dachte, ich erspare dir einen Gefängnisaufenthalt.“

„Stimmt.“ Willa erhob sich. „Okay, also … es war toll dich zu sehen, aber ich schätze, ich sollte mal heimfahren.“

„Um weiter herumzutigern?“ Amy schüttelte den Kopf. „Oh nein. Wenn ich jemals jemanden gesehen habe, der dringend feiern muss, dann dich. Ich habe gerade einen großen PR-Deal abgeschlossen …“

„Du machst in PR? Dafür bist du doch viel zu zurückhaltend, bescheiden und schüchtern, Amy“, sagte Willa mit täuschend sanfter Stimme.

Amy lachte nur und katapultierte Willa damit zurück zu dem besten Teil der letzten zehn Jahre. Es war eine Mörderlache, so dreckig wie Schlamm.

„Das ist der Sarkasmus, den ich so geliebt habe. Wie auch immer, ich habe gerade einen großen Vertrag mit einer Kette für Sportbekleidung unterschrieben, und meine Kolleginnen und ich wollen dem neuen Kunden mal zeigen, wie man feiert. Und du wirst uns begleiten.“

„Äh, ich glaube nicht.“

„Ich aber schon! Mein Kunde heißt Rob, er ist umwerfend und ein wenig rau – aber unglücklicherweise nicht mein Typ.“ Amy führte sie aus der Tür und zurück ins Restaurant. „Aber vielleicht ja deiner.“

Willa schnaubte. „Wenn er so ist wie die Männer, mit denen ich in letzter Zeit in Kontakt gekommen bin, braucht er eine Umarmung … um den Hals … mit einem Seil.“

„Ich liebe diese blutrünstige Serienmörderenergie, die du ausstrahlst.“ Amy grinste sie an. „Ich spüre darunter sexuelle Frustration.“

Willa erwiderte das Grinsen. „Und ich spüre darunter, dass ich dich gleich treten werde.“

Amy hakte sich bei Willa unter, und gemeinsam gingen sie zum Ausgang. „Oh ja, die Mädels sind zurück. Und es scheint, ich muss dir mal wieder beibringen, wie man feiert und sich gehen lässt.“

Rob Hanson betrachtete die herausgeputzten Feierfreudigen, die vor dem Fox in der Schlange standen und es kaum erwarten konnten, in den beliebten Club eingelassen zu werden. Er schüttelte den Kopf. Eine frische Levi’s und ein weißes Button-down-Hemd mit hochgerollten Ärmeln war für ihn das Höchste der Gefühle … außerdem war es nicht das Aussehen, was entschied, ob man in einen Club hineinkam, es war vielmehr die Ausstrahlung.

Und davon hatte er ausreichend.

Rob fing den Blick des Türstehers auf, nickte und erhielt ein kurzes Nicken als Antwort. Er ging an der Schlange vorbei, steckte dem Mann einen Schein zu und schon hob sich die Seidenkordel für ihn. In dem Moment vibrierte sein Handy. Fluchend trat er von der Tür zurück, hielt sich das eine Ohr zu und nahm den Anruf entgegen.

„Rob, hier ist Gail.“

„Hey Snail.“ Seine Schwester war zweiundzwanzig, also ganze zehn Jahre jünger als er und das Beste in seinem Leben. „Was ist los?“

„Nicht viel. Ich wollte nur mal hören, wie es dir so geht“, erwiderte Gail. „Was machst du gerade?“

„Ich stehe vor einem Club.“

„Hast du schon jemanden kennengelernt?“

„Ich bin doch noch nicht mal zwei Tage hier“, protestierte er.

„Ha, mein Junggesellenbruder wird langsam alt“, neckte Gail, und er verdrehte die Augen.

„In Sydney habe ich weder die Zeit noch die Lust für so etwas“, gab er zurück.

Gails Lachen kitzelte sein Ohr. „Hat der Schreiwettbewerb mit Saskia dich nachhaltig geschockt? Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sie von hier abgehauen ist, hat sie es wohl nicht allzu gut aufgenommen, als du ihr gesagt hast, ihr Haltbarkeitsdatum sei abgelaufen.“

„Mein Gott, Gail. Ihr Haltbarkeitsdatum?“

„Ich sage nur, was ich sehe. Du hältst es nie länger als drei Monate aus, und damit war sie fällig.“

Rob war nicht ganz so fixiert auf die zeitlichen Abläufe seiner Beziehungen wie seine Schwester, deshalb musste er kurz nachrechnen. Ja, es war beinahe auf den Tag genau drei Monate her gewesen. Saskias Anspielungen, ihre Beziehung „offiziell“ zu machen und die Hinweise, dass sie Platz in seinem Kleiderschrank bräuchte, hatten ihn nervös gemacht. Als sie dann eine Packung Tampons in seinem Badezimmerschrank zurückgelassen hatte, war es an der Zeit gewesen, dem ein Ende zu setzen. Sie war niemand, den er für immer um sich haben wollte …

Bislang hatte er überhaupt noch nie jemanden getroffen, bei dem er sich das vorstellen konnte.

„Eines Tages wirst du eine kennenlernen, die dich umhaut“, warnte Gail ihn.

Das bezweifelte er. Um Gail von seinem Liebesleben abzulenken, fragte er nach ihrem. „Gehst du immer noch mit dem Tätowierer? Verdient er auch genug, um dich ab und zu mal ins Kino einzuladen?“

Gail seufzte. „Gut ablenkt.“

„Ich gebe mir Mühe. Stell dieses Mal nichts Dummes an, okay, Honey?“

Nachdem sie das Beste und das Schlimmste in der Liebe gesehen hatten, näherten er und Gail sich dem Thema von entgegengesetzten Richtungen. Sie glaubte, wahre Liebe und das Happy End warteten an der nächsten Ecke. Er wusste, dass es nur einen Menschen gab, auf den er sich voll und ganz verlassen konnte, und das war er selber.

Er und Gail beteten einander an, aber was das andere Geschlecht anging, verstanden sie die Entscheidungen des jeweils anderen nicht.

„Wie lange wirst du in Sydney bleiben?“, wollte Gail wissen. „Ohne dich ist dieses Haus wie ein Mausoleum.“

„Einen Monat … oder sechs Wochen“, erwiderte Rob. „Lass Mr. Körperkunst aber in der Zwischenzeit ja nicht einziehen.“

Gail lachte. „Ich werde einfach zu ihm ziehen … Bye. Ich hab dich lieb.“

Rob schaute sein stummes Handy an und schüttelte den Kopf. Er war überzeugt, dass Gail ihn nur angerufen hatte, um seinen Blutdruck in die Höhe schießen zu lassen. Was vermutlich der Job einer jüngeren Schwester war.

Die Rache dafür wird sie vor Scham im Boden versinken lassen, dachte er und betrat den Club. Denn das war sein Job als älterer Bruder.

Der Lärm und der Geruch des Clubs trafen ihn wie ein Schlag ins Gesicht – Alkohol, Parfüm und Schweiß zu einem beinahe greifbaren Mief verschmolzen. Sofort fragte er sich, was er hier eigentlich tat. Abgesehen davon, dass er von dem langen Flug aus Johannesburg hierher nach Sidney immer noch einen Jetlag hatte – er musste wirklich endlich lernen, im Flugzeug zu schlafen – und der Tatsache, dass er seit Monaten mindestens sechzehn Stunden am Tag arbeitete, hasste er Clubs und tanzen.

Zu laut, zu voll, die Mädchen zu offenherzig und außerdem viel zu jung und begierig auf Bekanntschaften. Man konnte ihn ruhig altmodisch nennen, aber er arbeitete gerne ein wenig dafür, dass ihm eine reife Frucht in den Schoß fiel. Und mal ehrlich, in seinem Alter mit Mädchen auszugehen, die so alt waren wie seine Schwester oder jünger, ließ ihn sich wie einen alten, schmutzigen Mann fühlen.

Rob schob eine Hand von seinem Hinterteil und ignorierte ein Angebot von links, während er den Blick über die Bar schweifen ließ. Er würde seine neue PR-Beraterin finden, sich bei ihr entschuldigen und direkt in das Apartment zurückkehren, dass er sich für die Zeit seines Aufenthalts gemietet hatte. Dort würde er flach aufs Bett fallen und einfach einschlafen.

Rob fuhr sich mit der Hand über seine kurzen dunkelbraunen Locken und kniff die Augen ein wenig zusammen. Amy in diesem Irrenhaus zu finden wird ein Albtraum werden, dachte er, als sein Handy erneut in seiner Hosentasche vibrierte. Oder auch nicht, dachte er, als er die SMS las.

Am Eingang nach links wenden und in den hinteren Bereich des Clubs gehen. Wir haben den Tisch in der Ecke.

Rob lächelte, steckte das Handy weg und folgte den Anweisungen.

Ah, ein Tisch voller Frauen … und nicht zu jung. Aber angesichts der Flaschen und Gläser auf dem Tisch eindeutig auf dem Weg sich zu betrinken. Eine halbe Stunde, ein Bier und er wäre weg.

Wenigstens waren es bezaubernde Frauen, wie er zugeben musste. Die selbstbewusste Amy führte die Meute an. Dann waren da ihre Kollegin, deren Namen er vergessen hatte, und ihre Assistentin. Deren Namen er auch nicht mehr wusste. Die anderen beiden Frauen kannte er nicht. Die burschikose Blonde ließ er gleich links liegen und konzentrierte sich auf die Frau mit den mahagonifarbenen Haaren, die an der Ecke des Tisches saß und ein Cocktailglas in der Hand hielt. Sie hatte große Augen, die ihn an Audrey Hepburn erinnerten, und wirkte ein wenig hilflos.

Doch Rob hatte in seinem Leben viele Frauen kennengelernt und wusste, dass sie selten so waren, wie sie auf den ersten Blick wirkten.

Amy sprang auf, als sie ihn sah. „Rob, hey, du bist da!“

Ja, was für eine Freude.

„Bella und Kara, meine Kolleginnen, kennst du ja schon.“ Die Namen gingen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. „Die Blondine, die dich für den Rockstartypen da an der Bar ignoriert, ist meine Mitbewohnerin Jessica.“ Sie berührte seinen Arm. „Und das hier ist meine uralte Freundin Willa. Willa, das ist Rob Hanson.“

„Danke, dass du mich wie eine alte Schrulle klingen lässt“, beschwerte Willa sich fröhlich, bevor sie ihre umwerfenden silbergrauen Augen auf ihn richtete. „Hi.“

„Selber hi.“

Rob setzte sich auf den freien Platz neben ihr und betrachtete die eiskalte, noch volle Bierflasche auf dem Tisch.

Er sah Amy fragend an. „Ist das für mich?“

„Klar.“ Amy schob ihm Flasche und Glas über den Tisch, doch er ließ das Glas links liegen und hob die Flasche so an seine Lippen.

„Rob gehört eine Kette von Sportartikelläden in Südafrika, Willa. Dazu ein paar Fitnesscenter. Er sucht nach Franchisenehmern auf der ganzen Welt, und die ersten neuen Fitnesscenter werden hier in Sydney, in Perth und Melbourne eröffnet.“

„Mutig …“, murmelte Willa. „Vor allem das mit den Fitnesscentern. Der Markt wird komplett von Just Fit dominiert.“

Rob setzte die Flasche ab und bedachte sie mit einem langen Blick. Dann sah er Amy fragend an, die nur lachte.

„Sie hat nicht nur ein hübsches Gesicht“, sagte sie.

Faszinierend …

Und sie war noch nicht fertig. „Es braucht schon Eier aus Stahl, um sich mit zwei Wettbewerbern anzulegen, die in Australien quasi das Synonym für Fitness sind. Von einem davon will ich sogar Aktien kaufen, wenn er in …“ Sie sah auf ihre Uhr. „… in genau sechs Wochen an die Börse geht.“

Rob starrte sie nur an, als sie ihr Kinn in die Hand stützte und Amy mit einem Welpenblick anschaute. „Ich will auch Eier aus Stahl, Amy. Wo kriege ich die her?“

Amy warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Wills, wie viele Orgasmen hattest du?“

Willa ließ ihren Blick über die Reihe Cocktailgläser vor sich schweifen und zählte. „Nicht genügend echte und nur vier falsche.“

Willa und Amy sahen sich in die Augen und brachen dann in lautes Lachen aus.

Oh je, betrunkener Mädchenhumor. Über Orgasmen. Man möge ihn bitte auf der Stelle erschießen. Aber er musste zugeben, dass das Lachen der Mädchen nicht vorgetäuscht war, sondern von Herzen kam. Er musste lächeln.

„Wie lange seid ihr schon befreundet?“, fragte er und knibbelte das Etikett von seiner Bierflasche ab.

Er hoffte, dass seine Frage sie von weiteren Orgasmus-Witzen ablenken würde. Vor allem weil er a) selber schon zu lange keinen gehabt hatte und b) er gerade beschlossen hatte, auf noch ein Bier und eine halbe Stunde zu bleiben.

„Acht, beinahe neun Jahre – mit zu vielen verpassten Jahren dazwischen“,

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