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Bolzenschüsse: Thriller

Horst Bieber

Bolzenschüsse: Thriller

Cassiopeiapress Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

BOLZENSCHÜSSE

von HORST BIEBER

THRILLER

Ein Mord ist ein Mord und bleibt ein Mord – kein Vertun! Doch was den ermittelnden Beamten wie ein einfacher Fall erscheint, entpuppt sich als der Stich in ein Wespennest.

Ein toter „Verfahrenstechniker“, ein revolutionärer neuer Kunststoff und der „Bolzen“, ein sicherer Akku mit ungeahnten Speicherleistungen, die uns endlich die Unabhängigkeit von den weltweiten Erdöllieferanten ermöglichen würden – das sind die Zutaten zu Biebers neuem Roman.

Irgendwann hängt alles an einem seidenen Faden. Politik, internationale Konkurrenz, die Polizei. Gewalt überall, wo sich die Konfliktparteien in die Quere kommen – und nur ein vorbestrafter Taschendieb bleibt als Zünglein an der Waage übrig.

Nicht alle Beteiligten werden überleben, aber vielleicht glückt es ja Gero Ackermann, der immer wieder auf der falschen Seite zu stehen scheint.

© 2014 dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

BOLZENSCHÜSSE, Krimi/Thriller von Horst Bieber, 2014

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Lektorat: Antje Ippensen

Personenverzeichnis

Gero Ackermann (Acko) vorbestrafter Dieb, auf Reststrafenbewährung draußen!

Gudrun (Fifi) Prosch, Bürobotin in dem Chemieunternehmen OLDECO, Ackos Freundin und Komplizin

Dr.Holger Stempel, Verfahrenstechniker in der OLDECO

Dr.Christine Manderscheid, blonde Mitarbeiterin in der OLDECO

Felix Bande, Personalchef der OLDECO

Uwe Lambert, Eigentümer der Uwe-Lambert-Chemie ULC

Lisa Otten, Kriminalhauptkommissarin

Heiko Möller, Kriminalkommissar, Lisas Kollege

Ewald Korte, Staatsanwalt

Markus Schreiber, Chef der OLDECO, mit Staatsanwalt Korte aus Studienzeiten befreundet

Leopold (Poldi) von Issen, Lebemann und Villenbesitzer.

Babette Günther, Go-Go-Tänzerin imTambourin, Fifis Nachbarin

Adele Hüllsen, lebt freiwillig auf der Straße und kennt Acko.

Dietrich Hüllsen, Adeles Ehemann, reich und gewissenlos

Alle Namen und Taten, Firmen und Organisationen, alle Orte und Plätze sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch den "Bolzen" und den "Sonnenofen" gibt es (leider) noch nicht, aber daran wird – unter anderen Namen – ernsthaft gearbeitet und geforscht.

Teil 1

1. Sieben Personen saßen in einer Reihe und starrten wie gebannt auf den großen Flachbildschirm, auf dem aber nicht Spannendes ablief. Gezeigt wurden nur zwei digitale Messgeräte, die Ziffern auf dem linken näherten sich der Null, und rechts wechselten die Ziffern von 99.9 auf 100.

"Das war's", sagte der Mann ganz rechts, der ein Schaltgerät mit Tasten auf den Knien liegen hatte. „Test 11 111 ist abgeschlossen."

"Schauen Sie mal nach, Stempel", sagte der Mann in der Mitte der Gruppe. Er hatte die Sechzig überschritten; seine kurz geschnitten drahtigen Haare waren schlohweiß, aber alles an ihm verriet noch Energie und Selbstbewusstsein. Jan Röder hatte zwar noch gehofft, aber eigentlich nicht mehr erwartet, dass er kurz vor Ende seiner Dienstzeit bei der OLDECO noch solch ein Projekt bis zum Beginn der Serienfertigung managen würde.

"Schauen Sie mal nach, Stempel?", wiederholte der Weißhaarige.

Der Mann mit dem Schaltgerät bediente ein paar Tasten, auf dem Bildschirm erschienen Grafiken und Tabellen. "Keine Abweichungen", verkündete er dann stolz, „nicht einmal im Promille-Bereich."

"Was heißt das genau?", fragte Markus Schreiber. Kerado, von der Belegschaft allgemein nur der Bolzen genannt, war das erste große Projekt in seiner Funktion als Geschäftsführer und Leiter der Chemiefirma OLDECO.

"Dass wir zehntausend Zyklen garantieren können." Röder lachte vor Stolz. "Getestet unter allen Bedingungen, schnelle und langsame Ladung, schnelle und langsame Entladung, von einem Zufallsgenerator gesteuert und kombiniert, wie auch die Ladung, schnell oder langsam, alles kunterbunt durcheinander."

"Na, Herr Doktor Zukunft, zufrieden?", wandte sich Schreiber an seinen Nachbarn. "Können wir es damit riskieren?"

Oliver Rinkum überlegte einen Moment, dann sagte er laut: "Ich denke, wir können."

Seine Nachbarin war eine auffallende Frau, mit einem sehr schönen Gesicht, überschlank, mit weißblonden, ganz kurz geschnittenen Naturlocken, die ihr wie eine Kappe eng am Kopf anlagen, nur zwei vorwitzige Löckchen kitzelten ihre Stirn.

"Ich hab' nichts dagegen", sagte sie nach einer Pause, in der alle auf sie warteten, "dann bin ich jetzt dran – oder?"

"Langsam, langsam", bremste Schreiber. "Eine Nacht dürfen wir nach diesem Erfolg schlafen und müssen erst morgen was Neues beginnen?!"

"Jetzt kommen bestimmt die Würmer", knurrte Talkow, der zusammen mit Stempel die Testreihe entworfen, aufgebaut und durchgeführt hatte.

"Wie meinen Sie das?", fragte Schreiber nervös.

"Ungeziefer, Schädlinge, Neugierige, Parasiten. Süße, reife Früchte verlocken mehr als saure."

Alle lächelten still vor sich hin, Talkow litt an einer milden Form von Paranoia und witterte überall Verrat, Spionage und Betrug.

Stempel schaltete schon die Geräte aus und Schreiber sagte: "Wer möchte, ist auf diesen Schnapszahlerfolg herzlich in mein Büro eingeladen zu einem Champagner, einem Whisky oder einem sehr trinkbaren Rotwein. Herr Stempel, wir heben Ihnen eine Flasche auf." Stempel hatte noch zu tun. Der Verfahrenstechniker war zugleich zuständig für die Dokumentation, die Datensicherung und die Zusammenstellung der Dokumente und Beiträge für die Patentanmeldung des Bolzens. Außerdem hatte er mit einer eigenen Arbeitsgruppe die ersten Anlagen für die großtechnische Herstellung des Bolzens entworfen. So wichtig er für das gesamte Projekt war, so wenig beliebt war er bei den andern Leitenden Mitarbeitern der OLDECO. Niemand würde bedauern, wenn er sehr spät zur Feier nachkam.

 

 

2.Mit dem finanziellen Ergebnis des Nachmittags war Acko alle andere als zufrieden. Früher waren die Menschen an diesen ersten sommerlich warmen Tagen unvorsichtiger, auch leichtsinniger oder großzügiger gewesen, hatten häufiger die Geldbörse für Blumen, Eis oder Kaffee mit Kuchen gezückt und ihre Wertsachen vertrauensvoller in offenen Taschen, Beuteln und Sahne oder Kleidertaschen herumgetragen. Heute schienen alle nur darauf bedacht, ihre Euros zusammenzuhalten oder gegen Diebe und Langfinger zu schützen. Von der inzwischen fast lückenlosen Videoüberwachung öffentlicher Plätze und Straßen ganz zu schweigen. Dabei war Acko dringend auf diesen Nebenverdienst angewiesen. Was man ihm bei citopress zahlte, reichte vorne und hinten nicht. Wichtiger als der Hungerlohn in der Schnelldruckerei war die Tatsache, dass er bei Kontrollen einen festen Wohnsitz und einen festen Arbeitsplatz angeben konnte, außerdem eine Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung besaß. Den Rest zum Leben musste er mit Diebstählen verdienen, wenn er nicht zum Sozialamt gehen wollte. Dabei war die Nebenarbeit schon schwer genug geworden: Fifi, seine Partnerin, die ihm bei der "Arbeit" geholfen und ihm unbemerkt die Sachen abgenommen hatte, die er gerade aus fremden Taschen und Tüten gefischt hatte, war Knall auf Fall gegangen. Da sei ein anderer gekommen, der ihr mehr bieten könne, finanziell und auch erotisch. Acko vermisste sie nicht nur bei der Arbeit, sondern auch immer mehr im Bett. Und weil ein Unglück selten allein kommt, hatte es auch seinen Stammhehler erwischt; der wartete jetzt auf seinen Prozess, und Acko musste sich einen anderen zuverlässigen Abnehmer suchen, was leichter gesagt als getan war.

 

Auf der obersten Stufe der Treppe, die vom Rathausmarkt zum Stadtweiher führte, saß auf einem Stapel alter Zeitungen Adele und sonnte sich. Er setzte sich neben sie:

"Hei, Dele." Sie mochte ihren Vornamen Adele nicht und bestand darauf, von allen Freunden und Bekannten mit "Dele" angesprochen zu werden.

"Hei, Acko. Wie geht es dir?"

"Bescheiden. Und dir?"

"Wenn man sich in der Sonne den Pelz aufwärmen kann, geht's mir immer gut."

Adele Hüllsen lebte seit zwei Jahren auf der Straße. Warum sie aus einer großen Villa, von einem gut verdienenden Ehemann und zwei fast erwachsenen, bildhübschen Töchtern fortgelaufen war, warum sie auf eine Rolle in der Gesellschaft verzichtet hatte, wusste niemand. Über die Gründe schwieg sie eisern, ebenso über ihren großen Bekanntenkreis aus früheren Tagen, und die Gäste des "Hotels Straße" waren in dem Punkt diskret und nicht übermäßig neugierig. An sehr kalten Abenden, wenn es zu schneien begann, war Adele gelegentlich zum "Nachtexpress" gekommen, so nannten die Obdachlosen den Bus, der abends eine warme Suppe, heißen Kaffee oder Tee, manchmal auch Decken und Tabletten, Handschuhe, Mützen und Schals zu den bevorzugten Schlafstellen brachte. Wenn es seine Zeit und seine Börse erlaubten, fuhr Acko auf dem Bus mit und spendete sogar für die private Organisation, die den "Nachtexpress" finanzierte. Fifi hatte sich immer kranklachen wollen: "Deine gute Tat für heute? Oder willst du Punkte für die letzte Gerichtsverhandlung da oben sammeln?"

"Fifi, wer weiß, ob wir nicht eines Tages auch froh sind, wenn es so etwas noch gibt."

Das glaubte sie nicht, Fifi war Optimistin, recht hübsch und ausgesprochen sexy, aber auch etwas dümmlich und ziemlich leichtsinnig, aber fest von sich überzeugt. Sie hatte eine gute Figur und unbestreitbare Qualitäten im Bett. Doch mit dem Posten einer Hausbotin der Innenverwaltung des Chemieunternehmens OLDECO hatte sie durchaus die Grenzen ihrer intellektuellen Fähigkeiten erreicht. Weil ihre Ansprüche ihr Gehalt bei weitem überstiegen, beteiligte sie sich gegen einen festen Anteil an Ackos Diebstählen, wobei sie sich sehr geschickt anstellte.

"Wo ist Fifi? Ich habe sie lange nicht mehr gesehen."

"Sie hat einen Besseren gefunden und mich wegen des Kerls von jetzt auf nachher sitzen lassen."

"Das tut mir leid, Acko. Kommst du denn alleine klar?"

"Na ja, so ungefähr. Und wie sieht es bei dir aus?"

"Na ja, so ungefähr." Sie imitierte ihn perfekt und lachte aus voller Kehle. In solchen Momenten war sie eine bezaubernd schöne Frau, der man die Monate auf der Straße und die Nächte in Hauseingängen nicht ansah. In einigen extrem kalten Winternächten war sie zu Acko gekommen und hatte bei ihm auf der Wohnzimmer-Couch geschlafen und morgens geduscht, worüber Fifi, die viel Egoismus und wenig Mitgefühl besaß, sich immer tierisch aufgeregt hatte. Sie mochte Adele nicht, was auf Gegenseitigkeit beruhte.

"Soll ich dir helfen, Dele?"

"Einen Fünfer könnte ich gut gebrauchen, doch, ja. Ich muss mir in der Bahnhofsdrogerie was kaufen."

Er gab ihr zwei Fünfer, bei guten Taten sollte man nicht knausern, auch wenn er danach total blank war.

"Danke, Acko. Jetzt hast du wenigstens zweimal Hilfen bei mir gut."

"Toi,toi,toi, Dele."

Dele wusste, wie er einen Teil seines Lebensunterhaltes "verdiente". Sie hatten sich im Kaufhaus Leydemann kennen gelernt. Acko kam gerade mit der Hand aus der Einkaufstasche einer Kundin, die vor ihm am Reklamations- und Umtauschschalter stand und eine große Show abzog. Er wollte das geangelte Portemonnaie in einer seiner Anoraktaschen versenken, als etwas sein Handgelenk umklammerte. "Leg' da sofort in die Tasche zurück oder ich breche dir den Arm", zischte eine Frauenstimme in sein Ohr. Acko gehorchte, weil er keine Aufmerksamkeit erregen wollte, aber beglückwünschte sich später, dass er keinen Widerstand versucht hatte. Die Frauenstimme gehörte einer Adele Hüllsen, einer Speerwerferin, die im deutschen Olympiaaufgebot gestanden hatte. Wenn sie zugriff, hörte er die Englein im Himmel singen. Ihre Töchter, beide fast erwachsen, hatten ihre Sportlichkeit geerbt. Charlotte war deutsche Jungendmeisterin im Florett, Claudia schwamm bereits Rekordzeiten.

Dass sie nebenbei auch noch sehr gute Schülerinnen waren, verstand sich fast von selbst.

 

Zu Ackos erster Beute heute Nachmittag hatte eine noch gültig Tageskarte für die Verkehrsbetriebe gehört, so dass er ohne Sorgen in den 37er Bus steigen und zum Stadtparksee fahren konnte. Vielleicht ergab sich dort noch eine Chance in den Freiluftcafés am Strand.

 

Und jetzt schien ihm tatsächlich das Glück hold zu sein. Als er am großen Parkplatz vorbeiging, hörte er direkt neben sich das Knacken einer fernbedienten Auto-Schließanlage. Aber aus dem silbergrauen Kabrio war niemand ausgestiegen. Zwanzig, dreißig Meter entfernt hatte wahrscheinlich ein Autobesitzer über Funk seinen Wagen verriegeln wollen und dabei unbeabsichtigt die verschlossenen Türen des Kabrios entriegelt. Acko sah sich um. Weit und breit niemand zu sehen. So leicht wurde es ihm selten gemacht. Blitzschnell hatte er die Fahrertür aufgezogen und sich hinter das Steuer geschwungen. Auf dem Beifahrersitz lag unter eine Decke ein schwarzes Aktenköfferchen aus glattem Leder. Acko konnte sein Glück nicht glauben. Das Köfferchen hatte zwei Zahlenschlösser, die beide nicht auf irgendeine Kombination eingestellt waren, sondern nach einem einfachen Druck auf den Schieber aufsprangen. Er durfte jetzt keine Zeit verlieren und sich lange mit dem Inhalt des Aktenköfferchens beschäftigen. Wer konnte wissen, wann der Eigentümer zurückkam. Aus seiner Jackentasche fischte er einen leeren "Einkaufsbeutel", eine feste, graue, undurchsichtige Plastiktüte ohne Aufdruck, kippte den Inhalt des Köfferchens hinein und genehmigte sich noch einen Blick in das Handschuhfach: Papiertaschentücher – nichts für ihn. Ein Leder-Mäppchen mit Visitenkarten – eine pulte er sich heraus. Dr. Christine Manderscheid, keine Anschrift, aber mehrereTelefonnummern, Festnetz und Handys. Der feste Briefumschlag enthielt Bargeld, ziemlich viele Scheine sogar mit beachtlich vielen Nullen hinter den Ziffern.

 

Acko versenkte alles in seiner grauen Plastiktüte und machte, dass er aus dem Kabrio herauskam. Nach diesem Coup musste er heute nichts mehr riskieren, er wartete auf den nächsten 37er, mit dem er zum Schraderkamp fuhr. Als der Bus in Sicht kam, warf er die zerrissene Visitenkarte in den Papierkorb.

Das Haus Schraderkamp 33 hatte vier Stockwerke und ein ausgebautes Dachgeschoss. Dort lebte Acko in einer winzigen Dreizimmerwohnung, wenig komfortabel, aber eben mit einer festen Anschrift, wichtig für einen Vorbestraften, der auf Reststrafenbewährung draußen war. Die Miete war erschwinglich, auch für einen Mann, der zum Leben nebenbei klauen musste.

Natürlich schaute er sich zuerst den Inhalt seiner Plastiktüte an. Das auffallendste Stück war eine DVD in einer halb durchsichtigen Papiertüte mit einem Klebeverschluss, der aber noch offen war. Er versuchte, auf seinem Computer die Datei zu öffnen. Doch DVD und sein Computer hustete ihm etwas, drei Passwörter wurden von ihm verlangt, und ein Text unter den Boxen warnte ihn, dass nach dem Scheitern des dritten Öffnungsversuches der Inhalt der Scheibe unwiederbringlich gelöscht würde. Na prima! Er legte die silberne Scheibe in den Papierumschlag zurück und steckte den in seinen Nebenarbeits-Anorak, der über geheimnisvolle Taschen und Schlitze und versteckte Reißverschlüsse verfügte. Geld ließ sich nicht identifizieren, aber mit so einer Scheibe konnte man ihn leicht als Dieb überführen. Das Bargeld war viel lohnender, fast dreitausend Euro, und er kontrollierte jeden einzelnen Schein sorgfältig: Keine Markierungen, kein Hinweis auf eine Fälschung.

Das Geld verstaute er zum größten Teil in seinem Versteck hinter den Küchenfliesen.

Dann erstarrte Acko. Es klingelte an der Haustür. So schnell konnte die Polizei ihn doch gar nicht finden? – Oder? Fliehen oder verstecken war unmöglich.

 

Nach dem dritten Klingeln hatte Acko auf den Öffner gedrückt, die Wohnungstür aufgezogen und hinuntergeschaut. Er traute seinen Augen nicht. Das konnte doch nicht wahr sein. Das war doch nicht...? Doch dann blieb die Gestalt, leise schnaufend, auf dem letzten Treppenabsatz stehen und schaute zu ihm hoch.

"Guten Abend, Acko", sagte Fifi leise, fast demütig, "darf ich reinkommen?"

Acko überlegte eine lange halbe Minute, bevor er nickte und zur Seite trat: "Komm rein!"

Fifi trug einen bunten, sommerlichen, weiten Rock, dazu ein weißes Shirt mit einem beachtlichen Ausschnitt, das große rote Flecken aufwies.

"Was ist denn das?", fragte Acko und deutete auf die roten Stellen.

Sie schluchzte auf: "Das ist Blut, er hat mir ein paar gescheuert, dass meine Nase wie verrückt geblutet hat."

"Ihr habt euch also gezankt?"

"Und wie! Er hat mich rausgeschmissen, hochkant, Acko, und gedroht, wenn er mich das nächste Mal sähe, würde er mit alle Knochen brechen. Ich habe Schiss und weiß nicht, wohin, Acko. Deshalb bin ich zu dir gekommen. Bist du mir noch böse? Ich weiß, ich habe dich schäbig behandelt. Kannst du mir noch mal verzeihen? Bitte!"

 

Acko hatte keine Ahnung, für wen Fifi ihm den Laufpass gegeben hatte, aber der Gute musste ein gefährliches Temperament haben. Dass Fifi für ihr Verhalten eine Tracht Prügel verdient hatte, würde Acko nicht bestreiten, aber nun schien sie den Lohn für ihre Untreue schon erlitten zu haben, und da musste er nicht nachtragend sein.

"Okay", sagte er deshalb ruhig. "Wir können es ja noch einmal miteinander versuchen."

"Danke", flüsterte sie erleichtert, "ich bin froh, dass ich dich angetroffen habe."

"Ist was passiert?", wollte er wissen, von ihrem Ton beunruhigt.

Sie schaute ein paar Sekunden an ihm vorbei, bevor sie schluckte.

"Hast du was dagegen, wenn ich mir das Shirt ausziehe?"

"Fifi, was soll das?"

Sie deutete nur auf einen der dunklen Flecken: "Ich würde das gern auswaschen. Das Shirt war teuer."

Ihr weinerlicher Tonfall alarmierte ihn: "Was ist denn das?"

"Blut aus meiner Nase, Acko."

"Was ist denn passiert?"

Dass es so schnell zwischen dem Neuen und Fifi zu Ende gehen würde, hatte Acko nicht angenommen. Dass er sie vermisste, im Bett und bei der Arbeit auf der Straße, wusste sie bestimmt. Und weil er noch zögerte, setzte sie hinzu: "Natürlich arbeiten wir wieder zusammen, Acko."

Er sinnierte noch, ob er ihr vom Parkplatzcoup am Stadtparksee erzählen sollte, beschloss dann aber, lieber den Mund zu halten. Fifi war nicht sehr helle: Dass der neue Freund sie vielleicht gewaltsam vor die Tür gesetzt hatte, weil er irgendwie erfahren hatte, dass sie mit einem vorbestraften und bei der Polizei zu gut bekannten Taschendieb einmal liiert war, kam ihr nicht in den Sinn. Der Neue konnte schließlich auch Dreck am Stecken haben und deswegen Begegnungen mit der Polizei vermeiden.

Fifi hatte Acko genau beobachtet und schien sein Schweigen als Zustimmung auszulegen. Sie zog das Shirt über den Kopf, ließ den Rock und den Slip fallen, öffnete ihren BH und verschwand mit allen Kleidungsstücken hüfteschwenkend im Bad, wo zuerst die Dusche zu rauschen begann und dann Wasser in die Badewanne lief. Sie kannte sich aus und wusste, wo er Waschpulver, Handtücher, Seife und das Klappgestell zum Trocknen aufbewahrte. Als sie ihr Verhältnis begannen, konnte sie nicht schnell genug ihre Liliputanerwohnung in der Öttlingergasse verlassen und zu ihm in den Schraderkamp ziehen. Immerhin hatte sie ihre Wohnung nicht gekündigt, auch nicht, als der Neue ihr große Traum-Villen und Luxus-Apartments in aller Welt versprach. Schwerfällig ging er in die Küche und holte sich ein Bier, mit dem er sich in das Wohnzimmer setzte. Pech und Glück hatten zwei Dinge gemeinsam: Erstens konnte man sie nicht beeinflussen, sie kamen und gingen, wie sie wollten und zweitens liebten beide es, gehäuft aufzutreten. Dass die liebe Fifi die Treue nicht erfunden hatte, wusste er; in dem Punkt hatte er sich nie Illusionen gemacht.

Acko hatte, nachdem er mit seiner Firma als selbständiger Büromaschinenmechaniker gescheitert war und er auf einem Haufen Schulden saß, sich als Taschendieb betätigt, war mehrmals geschnappt und schließlich verurteilt worden. Nach der Entlassung aus der Haft auf Reststrafen-Bewährung war er von Pontius zu Pilatus gelaufen, um Arbeit zu finden und zum Schluss dann doch im Rahmen eines staatlichen Wiedereingliederungsprogramms bei citopress in der Frankfurter Straße untergeschlüpft, weil ein Knastkumpel den Laden, der seinem Bruder gehörte, leitete. Dort werkelte Acko in der Schnelldruckerei und dem angeschlossenen Copy-Shop mit einem immerhin unbefristeten Anstellungsvertrag teils als Maschinenmechaniker und Hilfsdrucker, teils als Fahrradbote, lieferte Ware aus. Wenn er dort entlassen werden sollte, würde es eng für ihn werden, das wusste er. Auch die Wohnung hatte er über citopress bekommen, und mit Otto Maibaum, dem Bruder des Eigentümers von citopress, verstand er sich gut. Im Knast lernte man selten echte Freunde kennen, Otto war für Acko die große und wichtige Ausnahme.

Fifi kam aus dem Bad und hatte sich seinen viel zu großen Bademantel angezogen. Als der sich zum ersten Mal soweit öffnete, dass Acko erkennen konnte, was sie alles darunter nicht trug, stellte er ihr die letzte Frage, die er sich selbst gestellt hatte: "Warum bist du zu mir gekommen, Fifi, und nicht nach Hause gegangen?"

Sie schluckte und zögerte: "Erstens würde mir dort die Decke auf den Kopf fallen und zweitens kennt er die Wohnung. Da bin ich nicht mehr sicher vor ihm."

"Hat er denn einen Grund, dir was anzutun, nachdem ihr euch getrennt habt?"

"Er ist jähzornig und zu allem fähig. Ich möchte ihm lieber aus dem Weg gehen, am liebsten mit dir verreisen, Acko."

Eine wunderbare Einsicht. Sie machte alles leichter. "Okay, wir hauen übermorgen ab. Dann ist dein Rock auch wieder trocken – oder?"

"Doch, doch, Acko. Aber das ist auch schon morgen wieder trocken."

"Hm. Kennt er meinen Namen und meine Anschrift?"

"Nein, von mir nicht."

"Fifi, ich habe Otto fest versprochen, noch vor Monatsende eine ganze Menge Bestellungen auszuliefern. Morgen bin ich noch gut beschäftigt, tut mir leid. Du weißt, ich darf diesen Job nicht verlieren."

Sie nickte eifrig. Das verstand sie. "Dann kann ich auch bei meiner Firma vorbei und versuchen, Urlaub zu bekommen. Dieser Bandel ist mir noch einen Gefallen schuldig." Das sagte Fifi von vielen Männern, denen sie mal einen Blick in ihre großen Ausschnitte gegönnt hatte, das hatte nicht viel zu bedeuten. Bei Fifi wusste man nie so genau, ob sie so naiv war oder das gerade nur hervorragend spielte. Richtig hieß sie Gudrun Prosch, wie sie an den Spitznamen "Fifi" gekommen war, wusste sie angeblich nicht mehr. Gero Ackermann fand seinen Namen auch nicht umwerfend hübsch, hatte sich aber an die Zusammenziehung zu Acko mittlerweile gewöhnt. Er lächelte und sie rückte ein Stück näher an ihn heran.

 

3.Der Mann, der gegen 19 Uhr die 110 wählte, hatte eine auffallend tiefe Stimme und sprach sehr langsam und deutlich, irgendwie sehr höflich und diszipliniert.

"Guten Abend. Ich wollte melden: Im Haus Sängerweg 29 liegt eine männliche Leiche."

"Guten Abend, würden Sie mir bitte Ihren Namen sagen?"

"Nein", antworte der Bass ganz ruhig. "Im Sängerweg 29 liegt eine männliche Leiche."

"Und wer sind Sie?"

"Das werde ich Ihnen nicht sagen." Damit legte der Unbekannte auf. Der Polizist in der Zentrale versuchte, den Anrufer zu lokalisieren. Wie befürchtet, hatte der eine der letzten noch funktionierenden Telefonzellen am Hauptbahnhof benutzt. Der Wachhabende zögerte und rief dann doch seinen Chef an.

*****

Die Hauptkommissarin Lisa Otten und ihr Kollege, Kriminalkommissar Heiko Möller, sahen sich betreten an. Es war schon eine ziemliche Schweinerei im Sängerweg 29, die Streife hatte im Arbeits-/Wohnzimmer des kleinen Hauses eine männliche Leiche gefunden, die wahnsinnig stark geblutet hatte. Der Arzt richtet sich auf: "Ein Stich ins Herz, wahrscheinlich mit diesem Brieföffner da. Wenn ich mich nicht irre, hat der Täter mit seinem Stich die Aorta direkt am Herzen getroffen. Der Mann ist verblutet."

"Hätte man ihn retten können?"

"Vielleicht."

"Und wann ist er gestorben?"

"Mit dem üblichen Vorbehalt: zwischen 17 und 18 Uhr."

Lisa Otten trat einen Schritt näher heran und deutete auf die Brusttasche des jetzt völlig rot durchfeuchteten hellblauen Oberhemdes. "Seidel, was ist das?"

Der Leiter der Spurensicherung beeilte sich, mit einer Pinzette ein kleines Stück Pappe oder festes Papier aus der aufgesetzten Hemden-Brusttasche zu ziehen. Von der Schrift war nichts mehr zu lesen.

"Das müssen wir erst trocknen und dann rekonstruieren, Lisa."

"Ich bitte darum." Ob der Bass, der sie informiert hatte, Zeuge des tödlichen Stiches gewesen war? Oder ihn gar selbst ausgeführt hatte?

Der Täter hatte, wie die Streife und dann die Kripo, das Erdgeschoss durch die jetzt halb offenstehende Haustür oder die nicht geschlossene Verandatür betreten, die bei diesem schönen Wetter wohl den ganzen Nachmittag offen gestanden hatte; Einbruchspuren waren weder an den Türen noch an den Fenstern zu entdecken. Der tote Hausbewohner hieß laut Türschild Dr. Holger Stempel, was ein herbeigekommener neugieriger Nachbar aus Nr. 27 bestätigte, und arbeitete, wie der Nachbar ausgesagt hatte, bei der OLDECO, einem Chemieunternehmen am Stadtrand. Nein, von einer Ehefrau oder der Familie des Totenwisse er nichts.

Lisa Otten verabschiedete sich und bedankte sich bei dem Kollegen Möller, der noch bleiben und die Tatortaufnahme zu Ende führen würde. Er war zehn Jahre jünger als seine Chefin und wusste, dass sie in ihrem Berufsleben genug Opfer von Gewalt gesehen hatte und wenig Wert darauf legte, ein weiteres genau und länger zu inspizieren.

 

4.Acko war kein Fahrradbote, der behelmt auf einem Rennrad und mit einem Rucksack auf dem Rücken jede Lücke nutzte, um möglichst rasch voranzukommen, dazu war sein uraltes Rad mit den Hängetaschen viel zu schwer beladen, und der kleine zweirädrige gummibereifte und bis oben hin vollbepackte Karren bremste zusätzlich. Er hatte gut zu strampeln und musste sich, bevor er bei citopress vom Hof fuhr, erst einmal eine Rundtour ausgeknobelt haben, um bis zum Mittag möglichst alle Lieferungen erledigt zu haben. Er hatte Otto, der Acko trotz der Vorstrafen eingestellt hatte, fest zugesagt, bei Kunden seine Finger im Zaum zu halten und alles zu unterlassen, was dem Geschäft schaden konnte. Daran hielt er sich auch, und manchmal hatte Acko den Eindruck, dass irgendjemand gute Vorsätze umgehend auch belohnte. Schon an der ersten Ampel, an der er warten musste, blieb eine mittelalterliche Frau mit einer offenen Einkauftasche neben ihm stehen. Das obenauf liegende Portemonnaie war geradezu eine Bitte zuzugreifen, Acko widersetzte sich dem nicht, bog in die nächste Einfahrt ein und zog zwei Fünfziger, einige Zwanziger und Zehner aus der Geldbörse, wischte diese gründlich ab und ließ sie an der nächsten roten Ampel unauffällig in den Rinnstein fallen. Scheck- und Kredit- und Rabattkarten interessierten ihn nicht. Zwischen die Geldscheine war ein Abholzettel eines Fotoateliers geraten, den er in einer "Sonderabteilung" seines Anoraks verstaute. Das Studio Holten lag auf seinem Heimweg und die unbekannte Einkäuferin hatte ihm genug Geld zukommen lassen, sich den Luxus zu erlauben, seiner Neugier einmal nachzugeben.

Sein nächster "Spender" war ein junger Mann in einer leichten Sommerjacke, mit weiten aufgesetzten Taschen, aus denen Acko mühelos einen Schlüsselbund, einen Briefumschlag und als "Zugabe" ein Schweizer Armeemesser holte. Das traf sich gut, die Anschrift auf dem Umschlag verriet Acko, zu welcher Haus- und Wohnungstür die Schlüssel passen mochten. Die Teile versenkte er in seinem Nebenarbeits-Anorak und zog die Reißverschlüsse sorgfältig zu. Der Briefumschlag duftete schwach nach Sandelholz und hatte einen aufgedruckten Absender: Anja Trimborn, Lotharstraße 44.

In der Kanzlei Hendricks bekam er ein ordentliches Trinkgeld, eine Tasse Kaffee und die Gelegenheit, sich einen weißen Fuß zu machen, als die ansehnliche Brünette am Empfang aufstand, um irgendwohin zu verschwinden.

"Hallo, Frau Eller", rief Acko ihr nach und als sie sich etwas unwirsch umdrehte, deutete Acko auf den Ring, den sie sich spielerisch abgezogen und auf dem Tisch vergessen hatte.

"Vielen Dank", sagte sie ehrlich erleichtert, "er ist ein Geschenk meines Freundes, aber wir haben ihn wohl doch etwas zu klein gekauft, er kneift."

"Der Ring?", rutschte Acko heraus und sie musste lachen. "Natürlich, der Freund kneift nicht, und wenn, dann nur so, dass es mir Spaß macht."

Acko zwinkerte ihr weltmännisch zu, bedankte sich für den Kaffee und ging. Gegen zwölf Uhr hatte er das Gros der Ware abgeliefert und rollte Richtung Frankfurter Straße, rechnete bei citopress ab und gönnte sich ein ungestörtes Essen in der "Eintopfbude". Auf dem Heimweg machte er einen kleinen Umweg und ging am Studio Holsten vorbei. Die Bilder waren fertig, und die Bedienung fragte harmlos: "Kommt Frau Liesen nicht?"

Acko musste improvisieren: "Sie hat mich gebeten, die Bilder abzuholen, weil sie beim Einkaufen heute Morgen bös umgeknickt ist und einen richtig dicken Knöchel bekommen hat."

"Die Ärmste."

"Essigsaure Tonerde und ein schöner Verband helfen. Man sollte die guten alten Hausmittel nicht verachten." Die Bedienung musterte ihn seltsam und sagte nichts mehr. Den seltsamen Blick verstand Acko, als er sich in seiner Wohnung die Fotos genauer anschaute. Nur Pornoaufnahmen von jungen Mädchen. Acko hatte nichts gegen nackte Frauen, weder in natura noch als Bild, aber diese Fotos widerten ihn an. Er zerriss sie in kleine Stücke und warf die Fetzen in den Abfalleimer.

 

5.Fifi hatte nach dem Frühstück noch eine Stunde geschlafen, sich dann in der Firma krank gemeldet – in der Stadt grassierte eine Sommergrippe, und in der Personalabteilung der OLDECO zweifelte niemand an ihrer Begründung. Dann führte doch kein Weg daran vorbei, aus ihrer Wohnung etwas Garderobe zu holen und ein kleines Köfferchen zu packen. Die Öttlingergasse war so schmal, dass Passanten mit ausgebreiteten Armen beide Hauswände links und rechts berühren konnten. Im Flur von Nummer 7 begegnete ihr Babette. Babette schien keinen Familienname zu besitzen, an der Klingel und an der Wohnung im Parterre stand nur "Babette, Tänzerin". Sie machte kein Geheimnis daraus, was und wo sie tanzte. Vom klassischen Ballett war es weit entfernt, und das vorwiegend männliche Publikum legte wenig Wert auf Kostüme. Gebräunte Haut tat es auch. Fifi und Babette waren keine allerbesten Freundinnen geworden, aber sie kannten sich bald gut genug, dass Babette ihr gestand, sie lasse imTambourin die Hüllen fallen. Und Fifi gewöhnte sich daran, mit einer Vertrauten ihre Sorgen besprechen zu können.

"So, wie du aussiehst, könntest du da doch auch anfangen", meinte Babette treuherzig und streichelte ihr über die Hüften. Aber als Fifi hörte, was man bei dieser Tätigkeit verdiente, hatte sie abgewinkt, aber zögernd zugestimmt, als Babette vorschlug, mit ihr einmal eine Junggesellenparty im Schlosshotel Bardensteinzu besuchen. Der einladende Club Singleboys übernahm Fahrt- und Übernachtungskosten, spendierte ein Buffet und Getränke und wenn die Clubmitglieder im Verlaufe des Abends mit einer Tanzpartnerin auf ihre Zimmer verschwinden wollten, wurde das allgemein akzeptiert. Was hinter verschlossenen Türen passierte, und was die Junggesellinnen von ihren Junggesellen hinterher "geschenkt" bekamen, interessierte niemanden, so lange alles geräuschlos und skandalfrei ablief. Eifersucht war sozusagen verboten, und wenn eine Frau nach einem Zimmerausflug bald mit einem anderen Mann dessen Zimmer besichtigte, war das völlig normal und akzeptabel. Fifi hatte es bald in einer Nacht auf fünf Zimmergänge gebracht, was Babette ehrlich erstaunte. Fifi, die damals schon als Bürobotin in einem Chemieunternehmen arbeitete, erzählte ihrem Acko nicht, wo sie manche Nacht von Samstag auf Sonntag verbrachte, erst recht nicht, als sie bei einem dieser Singelboy-Treffen einen Mann kennenlernte, der ehrliches Interesse an ihr zu haben schien. Holger war ein sehr gut verdienender Chemiker, aber ein total unbeschriebenes Blatt, was Frauen betraf. Fifi brachte ihm sozusagen die Grundbegriffe der Erotik und Sexualität bei und lehnte es bald ab, für diese Lehrstunden Geldgeschenke anzunehmen. Sie erhoffte sich mehr und Holger bestärkte sie systematisch in diesem Irrtum. Holger und Fifi sahen sich also fast täglich in der Firma, aber sie durften und wollten sich dort nichts anmerken lassen und Fifi gewann bald den Eindruck, dass es Holger sogar sehr lieb war, wenn sie in der Firma auf Distanz und per "Sie" verkehrten. Doch so billig sollte er ihr nicht davonkommen, sie war fest entschlossen, ihn zur Rede zu stellen und eine Entscheidung zu ihren Gunsten zu erzwingen.

Babette war erstaunt, als Fifi sie eines Abends fragte, ob sie nicht mal wieder mit nach Bardenstein kommen könne.

"Ist es aus mit deiner großen Liebe?"

"Noch nicht, aber ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern."

 

Heute winkte Babette ihr aufgeregt zu: "Hast du eine halbe Stunde Zeit?"

"Wofür?"

"Alexander ist da und möchte gerne Modenschau veranstalten. Wir könnten doch mal als Kolleginnen auftreten."

Alexander war ein Ferkel, aber ein Ferkel mit Geld, wahrscheinlich impotent, ein Voyeur und ein nicht zu bremsender Fummler. Jede zweite Woche schleppte er einen Koffer voller Dessous an, die Babette vorführen und vor seiner Kamera an- und ausziehen musste. Die Dessous durfte sie neben dem Honorar behalten und das machte die halbe Stunde Modenschau zu einem lukrativen Job.

Fifi war einverstanden, Alexander überschlug sich vor Begeisterung und eine knappe Stunde später besaß Fifi etwas, womit sie ihr Köfferchen und ihr Portemonnaie füllen konnte. Sie hätte gut die doppelte Menge Scheine kassieren können, aber sie wollte sich nicht von Alexander anfassen lassen. Dafür bedankte sich Babette herzlich.

 

Stempels Leiche war gestern für das tagesjournal im dritten Fernseh-Programm zu spät gefunden worden. Das holte das dritte heute in aller Ausführlichkeit nach und Acko begriff Fifis Aufregung erst, als der Name OLDECO gefallen war.

"Kennst oder besser: Kanntest du diesen Holger St.?"

"Das muss der Doktor Stempel sein. Natürlich kenne – kannte ich den. Na, das wird ja eine Aufregung in der Firma sein."

Über Täter und Motiv konnten alle Beteiligten nur spekulieren, ebenso über den Anrufer, der die Polizei informiert hatte. An der Aussage der Polizei-Pressesprecherin, es gebe keine Spuren und Zeugen, zweifelte Acko. Er wusste aus eigener leidvoller Erfahrung, dass sich die Kripo zu Beginn einer Ermittlung nicht gern in die Karten gucken ließ. Was im Behördendeutsch "aus ermittlungstaktischen Gründen" hieß.

 

6.Am nächsten Morgen saß der Kollege Möller schon wieder am Schreibtisch, als Lisa Otten ins Präsidium kam. Neues gab es nicht.

"Zuerst zur OLDECO?"

"Am besten sofort." In der Firma schien niemand das tagesjournal zu sehen. Jedenfalls war kein Anruf eingegangen, der sich nach Holger St. erkundigen wollte.

 

7. Das Chemieunternehmen OLDECO war in einem supermodernen Hochbau am Stadtrand untergebracht.

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