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Boko Haram - Die Flucht aus der Hölle

Noch immer sind von den in der Nacht vom 16. auf den 17. April 2014 entführten nigerianischen Mädchen mehr als 200 in der Gewalt von Boko Haram. Einige konnten befreit werden, einigen gelang die Flucht. Diese Geschichte erzählt von einer Flucht.

Hamburg, im Juni 2017

Myriam Musaka

Boko Haram - Die Flucht aus der Hölle

Autobiographische Erzählung

Die Namen der Personen wurden aus Gründen der Diskretion und Sicherheit geändert.

MyriamMusaka@aol.de

Inhalt

1. Mein Dorf

2. Die Schule

3. Der Überfall

4. Im Lager der Gotteskrieger

5. Die schwarzen Fremden

6. In ein neues Leben?

7. Die Flucht

8. Warten

9. Das Boot

10. Lampedusa

11. Der Sturm

12. Die Engel

13. Die Fahrt

1. Mein Dorf

Die Sonne brennt ohne Erbarmen. Ich klammere mich an dieses Stück Holz, was mich nun gefühlt seit Tagen am Leben erhält. Ich kann nicht schwimmen. Das auf und ab der Wellen lässt mich und meinen Freund immer wieder zwischen Tal und Gipfel schweben. Ich möchte meine Familie wiedersehen, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Meine Finger krallen sich wieder fester an die nasse und weiche Planke, die mich auf dem Wasser treiben lässt.

Die Hitze steigt mehr und mehr in meinen Kopf. Das salzige Wasser ätzt in meinen Augen. Ich schließe sie und fange an zu dösen. Bilder der Vergangenheit steigen in mir auf:

Ich wohnte in einem kleinen Dorf in Borno, Nigeria. Wir waren eine glückliche Familie. Mein Vater hatte die meisten Tiere im Dorf und so mussten wir täglich unsere Rinder und Ziegen über die Savanne Nordnigerias treiben, damit sie fraßen und uns versorgen konnten. Das war die Aufgabe meiner zwei kleinen Brüder: Tayo war für die Ziegen zuständig und Samuel für die Rinder.

Das Hüten der Ziegen war nicht so einfach, denn sie waren störrisch und wollten nicht immer dahin, wo Tayo sie hinführen wollte. Wenn es an einem Tag mal besonders schlimm war, beschwerte er sich abends bei Mutter und meinte am nächsten Tag sollte sich Samuel um die Ziegen kümmern. Das lehnte der natürlich stets ab, weil er der Größere war und damit auch für die größeren Tiere zuständig zu sein hatte. Unsere Mutter tröstete dann Tayo immer, dass er doch ein großer Junge sei und mit so ein paar widerspenstigen Ziegen wohl fertig werden würde. Das beruhigte ihn und machte ihn stolz. Am nächsten Tag zog er wieder los.

Er brachte die Ziegen in einen kleinen Wald in der Nähe unseres Dorfes. Dort ließ er sie laufen, damit sie sich unter den Bäumen das beste Gras suchen konnten. Tayo traf dort auch die anderen Hütejungen aus unserem Dorf. Sie saßen dann alle unter einem Baum und spielten Tik-Tak-Toe. Aber sie hatten natürlich kein Papier, sondern malten sich ihre Kästchen mit den Fingern in den Sand. Steine und Stöckchen waren die Figuren. Wer zuerst drei in einer Reihe hat, war der Sieger.

Nach einigen Stunden ging es wieder ins Dorf zurück. Alle Jungen verstreuten sich und schauten nach ihren Ziegen. Tajo und die anderen Jungen hatten eine große Verantwortung, denn Ziegen sind teuer und für die Familien sehr wichtig, damit sie in der kargen Landschaft überleben konnten. Denn was man selbst produzierte, brauchte man nicht auf dem Markt zu kaufen.

Meine Schwester und ich hatten die Aufgabe, meiner Mutter beim Zubereiten der Speisen zu helfen, das Stanzen der Hirse gehörte von klein an dazu. Wir hatten in der Nähe des Dorfes ein paar kleine Felder, auf der wir die Hirse anbauten, für uns selbst aber auch um sie auf dem Markt zu verkaufen.

Auch beim Waschen haben wir unserer Mutter geholfen. Dafür mussten wir von der Wasserstelle das nötige Wasser holen. Es gab Eimer, die wir uns auf den Kopf stellten. Die Wasserstelle lag etwas außerhalb des Dorfes, aber wir gingen diesen Weg jeden Tag. Der Weg zur Wasserstelle war nicht so schlimm, aber der Rückweg, wenn wir den schweren Eimer Wasser auf dem Kopf hatten, war in der sengenden Hitze sehr anstrengend.

An der Wasserstelle trafen sich Mädchen und Frauen aus dem Dorf und erzählten sich was es neues gab. So wurde das Warten bis wir an der Reihe waren, nie langweilig. Das Wasser kam bei uns nicht aus einem Brunnen, sondern aus einem Wasserhahn. Den hatte das Dorf schon vor einem Jahr installieren lassen, denn das war viel praktischer: Das Wasser war frisch und sauber.

Wenn wir Glück hatten, trafen wir an der Wasserstelle Osman. Osman war der Sohn des Bürgermeisters. Er hatte eine „Sharet“ – das ist eine Karre mit zwei Rädern, vor die man einen Esel spannen kann. Wenn Osman da war, konnten wir unsere Eimer mit auf den Karren stellen. Aber wenn der Karren voller schwerer Wasserkanister war, liefen wir neben dem „Sharet“ her, damit der Esel nicht noch mehr ziehen muss. Wenn es ihm nämlich nicht gefiel, blieb er einfach stehen und ging keinen Schritt mehr vorwärts und wir hatten dann Mühe ihn wieder in Trab zu bringen.

An einem Tag in der Woche – meist war es der Sonnabend – gab es ein besonderes Ereignis. Wenn wir unsere Arbeit erledigt hatten, konnten wir zum Dorfplatz gehen. Dort trafen sich dann alle Kinder des Dorfes und hörten Tante Belem und Onkel Uba zu. Die beiden sind Griots – Geschichtenerzähler. Sie erzählten uralte afrikanische Geschichten, brachten uns traditionelle Tänze bei und sangen mit uns alte Lieder. Das war immer der schönste Tag in der Woche, denn wir lachten fiel und unsere Gedanken folgten den Geschichten. Meist ging es um alte Zeiten, wo es in Afrika große Reiche mit Königen gab.

***

Einmal in der Woche war in Tokombere Markttag. Das war zu Fuß ungefähr zwei Stunden von unserem Dorf entfernt, aber mit dem „Sharet“ ging es schneller. Meine Mutter nahm mich sehr oft mit auf den Markt, damit ich ihr beim Einkaufen und Tragen helfen konnte.

Markttag ist für alle in unserer Gegend ein wichtiger Tag. Aus dem gesamten Umkreis kommen die Menschen um etwas zu kaufen oder zu verkaufen. Mein Onkel ist Töpfer. Er ist der Bruder meiner Mutter und meist durften wir auf seiner „Scharet“ mitfahren. An diesem Tag zogen meine Mutter und ich uns immer die schönsten Kleider an. Wir wollen heute einen Eimer mit Hirse verkaufen und mit dem Geld dann etwas Gemüse und Fisch einkaufen. Nicht weit von Tokombere fließt ein kleiner Fluss und so gibt es auf dem Markt immer auch Fischhändler, die ihre am Morgen gefangenen Fische auf dem Markt verkaufen. Meine Mutter prüft den Fisch immer sehr genau, ob er auch frisch ist und nicht schon älter. Dann wird gefeilscht. Der Händler sagt einen Preis und meine Mutter schlägt die Hände vor das Gesicht und klagt über die vielen Münder, die sie zu stopfen habe. Aber der Fischhändler kennt meine Mutter natürlich und weiß, dass sie etwas übertrieben hat. Aber sie einigen sich trotzdem auf einen Preis, den meine Mutter bereit ist zu zahlen. Das Handeln gehört bei uns in Afrika einfach immer dazu.

***

Mein Vater war Maurer und arbeitete in der Woche manchmal in Chibok oder noch weiter weg. Wir waren katholisch und mein Vater hatte auch in unserem Dorf die kleine Kirche gebaut. Am Sonntag kam ein Priester in unser Dorf und wir feierten mit vielen aus dem Dorf die heilige Messe.

Danach trafen sich alle auf dem Dorfplatz. In der Mitte stand eine Hütte, deren Pfeiler aus Tierköpfen geschnitzt waren. Das Strohdach schützte alle vor der sengenden Sonne. Der Dorfälteste und die Oberhäupter der Familien trafen sich dort, um alle wichtigen Angelegenheiten des Dorfes zu besprechen. Auch der Priester blieb am Montag noch einige Zeit da, um mit Rat zu helfen.

Die Jungen durften während dieser Zeit Fußball spielen. Mein Bruder Tayo war 10 Jahre und spielte sehr geschickt mit dem Ball. Sein Traum war es Fußballspieler zu werden und dann für unsere Nationalmannschaft zu spielen. Die Jungen hatten sich am Rande des Dorfes einen kleinen Platz abgesteckt. Die Tore waren aus Bananenstauden gebaut. Wenn Tajo am Sonntagabend nach Hause in unsere Hütte kam, war er immer sehr müde. Aber er war glücklich und erzählte von seinen Heldentaten auf dem Fußballplatz.

Wir Mädchen saßen herum und redeten oder flochten unsere Haare. Oder wie spielten verstecken. Am Sonntagnachmittag waren die Erwachsenen alle mit sich selbst beschäftigt, so dass es rund um die Hütten sehr leer war. Wir gingen aber nie in andere Hütten hinein. Das tat man nicht.

Wir hatten ein schönes Leben. Mein Vater verdiente durch seine Arbeit immer etwas Geld, so dass es uns eigentlich sehr gut ging. Wir hatten stets zu essen.

An einem Sonntagabend kam er vom Rat der Männer im Dorf zurück. Wir hatten uns alle hingesetzt, um das Abendessen zu nehmen. Vater betete. Nach dem Gebet hielt er inne bat alle ihm zuzuhören. Dann sagte er, dass ich auf die Schule in Chibok gehen durfte. Er hatte das im Rat besprochen und alle waren damit einverstanden. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Um ein Kind zu erziehen braucht man ein ganzes Dorf!

***

Und jetzt trieben mich die Wellen und mein Stück Holz, an das ich mich klammerte, auf diesem Meer. Ich würde mein Dorf und meine Familie nie wiedersehen. Aber ich wollte diesen Gedanken nicht weiter zulassen und so versuchte ich weiter an die Welt zu denken, aus der ich herausgerissen wurde.

2. Die Schule

Die Schule in Chibok lag ungefähr eine Tagesreise von unserem Dorf entfernt.

Als ich das erste Mal die Schule sah, pochte mein Herz wie wahnsinnig. Es war ein langes einstöckiges Gebäude mit einem Dach aus Blech. Mein Vater brachte mich zu dem Leiter der Schule – es war eine Frau. Die Schule war gleichzeitig auch Internat. Es war eine staatliche Schule, aber es gab auch einige Frauen, die alle hoch geschlossene weiße Kleider trugen – es waren Dienerinnen Christi – Nonnen. Sie dienten unserem Jesus und kein anderer Mann durfte sie je berühren. Auch meine Mutter wünschte sich, dass meine Liebe zu Christus so groß würde, dass ich nur ihm dienen wollte. Aber das lag nicht in meinem Sinn. Ich hatte andere Pläne.

Am ersten Tag in der neuen Schule bekamen wir alle erst einmal unser Schuluniform. Die Schuluniformen sind ein Erkennungsmerkmal einer jeden Schule und werden überall getragen. Unsere war blau. Ich lernt viele Mädchen kennen, die aus Chibok kamen, aber auch andere die ich wie aus einem der Dörfer kamen, die teilweise weit entfernt lagen.

Die erste Zeit ist es mir schwergefallen, meine Familie nicht jeden Tag zu sehen. Ich vermisste meine Mutter, meine Brüder und meine kleine Schwester und die Tage, an denen uns Tante Belen und Onkel Uba die Geschichten erzählten vom alten Afrika. Aber hier in der Schule lernten wir auch viel über unsere Vorverfahren. Aber das waren keine Geschichten, sondern die Wahrheit, wie sich unser Leben abgespielt hatte und wie es dann vor 500 Jahren von weißen Männern verändert worden war.

Wir blieben immer mehrere Wochen in der Schule und durften dann wieder für eine Woche oder auch länger nach Hause. Mein Vater holte mich meist ab und brachte mich auch wieder hin. Aus unseren Nachbardörfern gab es auch Mädchen, die auf diese Schule gingen und so wechselten sich mein Vater und die Väter der anderen Mädchen mit dem Bringen und Holen oft ab.

Unter den anderen Mädchen war Esther. Ich habe sie erst in der Schule kennengelernt. Sie kam aus einen anderen Dorf, das aber gar nicht so weit von unserem entfernt lag. Esther war etwas älter als ich und immer wahnsinnig fröhlich. Sie war Christin, so wie ich. Aber wir hatten auch muslimische Mädchen in unserer Schule. Die trugen immer ein Kopftuch.

Jeder der die Aufnahmeprüfung schaffte und das Geld hatte, konnte auf die Schule gehen, egal welcher Religion er angehörte.

Mit Esther habe ich oft zusammen gelernt, aber auch viel gealbert. Ihr Vater lebte mit ihrem älteren Bruder meist in Abuja. Da hatten sie ein Handelsgeschäft mit Kühlschränken, Fernsehern und anderen Waren, die er gebraucht aus Europa kaufte. Der Bruder seiner Frau lebte in Deutschland und von dort schafften sie alle zwei Monate in einem Container gebrauchte Waren nach Port Harcourt. Von dort wurde alles mit Lkw abgeholt und in Abuja verkauft.

Esthers Vater hatte viel Geld und so kam er mit einem Pick-up, wenn er uns abholte, um uns zurück in die Dörfer zu bringen.

Immer wenn ein neuer Schulabschnitt begann, musste mein Vater das Schulgeld bezahlen. Davon wurden die Lehrer, aber hauptsächlich das Essen bezahlt. Wenn er uns nicht zur Schule brachte, gab er es mir, damit ich es im Büro des Schulleiters abgeben konnte oder ich bekam es von Mutter, wenn er nicht im Dorf war.

Eines Sonntags wurde ich von Esther und ihrem Vater Kenji abgeholt. Mein Vater war arbeiten und nicht im Dorf. Ich verabschiedete mich von Mutter und meinen Geschwistern für die nächsten Wochen. Mutter redete mit Kenji. Dann stieg dieser ein und wir fuhren los. Esther und ich scherzten und hatten Spaß zusammen. Esther hatte ein Handy. Das Funknetz funktionierte nicht überall. Aber es gab Spiele auf dem Handy und so war es auf der Fahrt nie langweilig.

Kenji brachte uns in das Büro, wo wir uns wieder für den nächsten Schulabschnitt eintragen mussten. Dann bezahlte er das Schulgeld für Esther und für mich. Vor der Tür schaute ich ihn an. „Es ist ok. Ihr sollt beide was lernen!“ Dann nahm er mich in den Arm und drückte auch seine Tochter. Der nächste Schulabschnitt konnte beginnen.

Lesen und Schreiben haben wir schon auf der Grundschule gelernt und auch Rechnen. In den letzten zwei Jahren kamen dann weitere Fächer hinzu wie Geographie, Naturwissenschaften und Biologie. Wir lernten viel über Tiere und Pflanzen.

Ich mochte die Stunden am liebsten, wo uns Schwester Nora etwas über andere Länder erzählte. Schwester Nora war weiß und kam aus Nordamerika. Sie hatte uns ihre Stadt vorgestellt. Es war Vancouver. Sie erzählte uns auch viel über Europa und Rom, wo der Papst seine Residenz hatte.

Die meisten Lehrer kamen aber aus unserem Land. Neben einigen katholischen Lehrern gab es muslimische Lehrer.

Der Unterricht war von montags bis samstags. Am Sonntag ging Schwester Nora mit uns immer in Chibok in eine katholische Kirche. Manchmal kam dort der Bischof von Maiduguri und feierte die heilige Messe mit uns.

Ich besuchte die Schule nun schon seit drei Jahren. Wir hatten in dieser Zeit viel gelernt.

Nun sollten wir uns auf unsere Prüfung vorbereiten, damit wir eine weitere Ausbildung machen konnten, die uns auf die Universität in Abuja oder Lagos vorbereitete. Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg. Zunächst musste ich diese Prüfung in zwei Wochen schaffen, um den zweiten Teil der ‚Sekundär Schule‘ besuchen zu dürfen.

Ich war 17 Jahre, aber viele Mädchen waren auch jünger als ich. Die jüngsten waren 15 Jahre.

Wir alle waren sehr aufgeregt und wollten unsere Prüfung auf jeden Fall schaffen.

3. Der Überfall

Wir lagen in unseren Betten im großen Saal und versuchten zu schlafen. Die Lichter im Hause wurden so nach und nach ausgelöscht. Es war Vollmond, so dass wir durch die schmalen und vergitterten Fenster Schatten und Konturen der kleinen Stadt erkennen konnten. In dieser Woche sollten wir uns auf die Prüfung vorbereiten.

Es war kurz nach Mitternacht, als wir plötzlich von lauten Schreien geweckt wurden. Ich hörte lautes Knallen und wollte schauen, was passierte. Durch unser Fenster sah ich Personen in Soldatenanzügen durch das Tor in den Hof stürmen. Die beiden Wachmänner, die das Tor beschützen sollten, rannten weg. Die Männer in den Jeeps hatten Maschinengewehre, die sie in die Luft abfeuerten.

So nach und erkannte ich, wie unsere Lehrer in den Hof getrieben wurden.

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