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Bogenschütze Kunibert

Autor:

Klaus Milde, evangelischer Pfarrer in Bernkastel-Kues und selbst leidenschaftlicher Bogenschütze, lebt bereits seit über zwanzig Jahren unterhalb der Burg Landshut. Den Bogenschützen Kunibert hat er aber um ein paar Jahrhunderte verpasst, da er erst 1963 geboren wurde.

Danksagung

Der mittelalterliche Wind hat ein wenig Zeit gebraucht, um uns neue Abenteuer von Kunibert und seinen neuen Freunden herbeizuwehen. Ein frischer Wind hingegen weht durch die Illustrationen von Carina Fraede, die die Figuren dieses dritten Kunibert-Bandes lebendig werden lässt. Ihr gilt mein allerherzlichster Dank für ihre Mithilfe.

Weiterhin danke ich meiner Freundin Sylvia Fehres für ihre Jagd nach den bösen Rechtschreibfehlern, für die Gestaltung des Buches und des Umschlags und für ihre Hilfe bei der Veröffentlichung. Ob dieses Buch ohne sie das Licht der Welt erblickt hätte, ist wirklich fraglich. Geschichten zu schreiben, ist eine Sache – diese zu veröffentlichen noch einmal eine ganz andere.

Klaus Milde

Bernkastel-Kues, im April 2018

Inhalt

Der Bauch

Kunibert jagt Beeren

Das hat er nun davon

Kleine Dinge – lange Wege

Bruder Fidelius

Die frommen Sandalen

Flämmchen

Burg Rheinfels

Es nieselt

Die Höhle

Erst graut es nicht, dann graut es ihnen

Pfefferminz

Der König der Zwiebeln

Allerlei Späße

Der Wettstreit

Es liegt was in der Luft

Die Post ist da

Die Zahnärztin kommt

Das dicke Ende

Der Bauch

Kunibert schleckte sich die Finger ab. Hmm, das war lecker gewesen. Gebratener Tannenbaum mit Schokoladensoße und Schlagsahne. Eine Köstlichkeit und eine Schande, dass er schon satt war. Ganze vier Zweige hatte er gegessen, dazu ein großes Stück Wurzel. Aber jetzt ging wirklich nichts mehr in den Bauch hinein.

Natürlich war das kein echter Tannenbaum gewesen. Der hätte ja ohnehin in keiner Bratpfanne Platz gefunden. Gebratener Tannenbaum war eine Weihnachtsspezialität von Eva. Dazu wurde jede Menge Pampe – also zusammengestampftes Allerlei – in eine Tannenbaumform gebracht und dann mit Schokolade und Schlagsahne überzogen. Das Ganze kam dann auf den Herd, bis die Schokolade kleine Blubberbläschen hervorbrachte. Kunibert konnte davon gar nicht genug bekommen. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass dieses Festessen anderen schon bei dem Gedanken den Magen umdrehte, weil eben zusammengepappte Pampe mit Schokoladensoße und Schlagsahne kurz aufgebraten nicht jedermanns Sache ist.

Eva, die Hexe, war ohnehin eine hervorragende Köchin, auch wenn Kunibert immer etwas besorgt blickte, wenn sie für das Mittagessen einige ihrer Hexenfläschchen öffnete. Diese Flüssigkeiten schwelten in grünlichen Farben unheilvoll und rochen heftig unangenehm. Auch war auf den Fläschchen ein Totenkopf aufgemalt, was ihn zudem ein wenig nachdenklich stimmte. Allerdings schmeckten ihre Speisen einfach himmlisch, sodass er sich mit dem Gedanken beruhigte, dass es sich bei diesem schimmernden Gebräu wohl um eine Art Geschmacksverstärker handeln musste.

Jedenfalls ging es ihm hervorragend, bis auf eine kleine Tatsache. Kunibert war – wenn es dieses Wort schon im Mittelalter gegeben hätte – megamäßig fett geworden.

Dafür konnte man aber keinesfalls den Inhalt der Hexenfläschchen verantwortlich machen und auch nur bedingt Eva die Schuld in die Schuhe schieben, weil sie eben so lecker kochte. Schuld war alleine Kunibert, der sich alles in den Mund stopfte, was hier und da so herum stand und einigermaßen zu verdauen war.

Seitdem Kunibert und Eva aus Versehen geheiratet hatten, war er in die Breite gegangen. Eigentlich hatten die beiden gar nicht vor, zu heiraten. Es war ein Unfall gewesen. Ursprünglich wollten sie lediglich dem Burgkaplan helfen, die Trauung von Friedrich und Agnes zu proben, weil der geistliche Herr doch so schrecklich nervös war und sich pausenlos verplapperte. Also hatten Kunibert und Eva mit dem Kaplan in der Kapelle die Hochzeit geübt und auch brav „Ja“ gesagt, was dann nicht rückgängig zu machen war. Da kannte das Mittelalter keine Schlupflöcher. Wer vor dem Altar Gottes einmal „Ja“ gesagt hatte, der konnte sein Widerrufsrecht in den Ofen schieben. Von wegen „nur aus Spaß“ – das gab es nicht.

Kurze Zeit später hatte dann auch der Burgherr Friedrich von Ehrenberg seine Agnes geheiratet. Die anschließende Hochzeitsfeier war über alle Ländergrenzen als die Ehrenburger Buttercremetortenschlacht bekannt geworden.

In die riesige Buttercremehochzeitstorte hatte Kunibert seine Eva und schließlich auch Friedrich seine Agnes geworfen. Anschließend hatten sich alle Hochzeitsgäste an der Tortenschlacht beteiligt und es gab niemanden, der nicht von oben bis unten mit Buttercreme verschmiert war. Seit diesem Tage war Kunibert in die Breite gegangen, sodass er sich ernsthaft vorgenommen hatte, etwas gegen den Schwabbel zu unternehmen.

Nun bestand eine naheliegende Möglichkeit darin, einfach weniger zu essen, aber dazu war – was auch immer – ja alles einfach viel zu lecker. Also blieb nur der andere Weg übrig, der mit viel Schweiß und Anstrengung verbunden war: Mittelalterliches Joggen.

Nun, mittelalterliches Joggen unterschied sich vom heutigem Joggen lediglich darin, dass man es noch nicht „Joggen“ nannte und außerdem anschließend nicht duschte – was man aber den Menschen von damals nicht zum Vorwurf machen konnte, denn leider war ja die Dusche noch gar nicht erfunden worden.

Wie dem auch sei – Kunibert knetete nachdenklich seinen Schwabbel und entschloss sich für die zweite Möglichkeit: Laufen und Schwitzen. Aber erst morgen, denn man soll ja nichts überstürzen und der Plan stand nun schon einmal fest, dachte Kunibert und schob sich eine dicke Marzipankugel in den Mund. Ja, morgen würde er um die Ehrenburg laufen, zwei oder drei Mal, die Berge rauf und runter und schwuppdiwupp wäre der Bauch verschwunden. Darauf noch eine Marzipankugel. Also an Marzipan konnte er sich ja dumm und dusselig futtern. Das war noch leckerer als Pampe.

Am nächsten Morgen wurde er wüst wachgerüttelt. »Kunibärtchen! Aufstehen, du wolltest laufen, laufen, laufen!« Eva rüttelte ihn alles andere als liebevoll aus dem Schlaf. Keine Frage, diese Frau musste eine Hexe sein. Kunibert wollte nicht laufen, laufen, laufen, sondern schlafen, schlafen, schlafen. Außerdem konnte er es überhaupt nicht leiden, wenn Eva ihn „Kunibärtchen“ nannte und das mit betont langem „ä“, nur um ihn zu ärgern.

»Warum kannst du mir den Bauch nicht einfach weg -hexen?« Kunibert richtete sich auf und schaute seine Frau mit vorwurfsvollen Augen an.

»Ich kann diesen Bauch deswegen nicht einfach weghexen, weil ein Tollpatsch von Bogenschütze…warte mal… ich glaube, er hieß Kunibert…, weil dieser Vollholzlöffel Schuld daran hat, dass ein großer, bösartiger Drache meinen letzten Zauberstab verbrannt hat. Leider sind seitdem meine Möglichkeiten etwas eingeschränkt. Außerdem brauchte ich für eine solche stolze Wampe, wie du sie vor dir trägst, mindestens zwei Zauberstäbe.«

»Immer muss man alles alleine machen…«, brummelte Kunibert und kletterte aus dem Bett. Erst mal aus dem Fenster gucken. Wenn er Glück hatte, regnete es vielleicht und dann sollte er auf keinen Fall „laufen, laufen, laufen“, denn sonst lief auch das Näschen wegen eines bösen Schnupfens.

Aber so sehr Kunibert auch guckte – am strahlend blauen Morgenhimmel war kein einziger Regentropfen zu sehen. In weiter Ferne war eine klitzekleine Wolke zu erahnen. Kunibert drehte sich zu Eva um. »Hast du die Wolke gesehen? Das gibt bestimmt bald Regen. Am besten, ich verschiebe das Laufen auf morgen oder noch besser auf übermorgen. Sicher ist sicher.«

Aber als Kunibert dann bemerkte, dass Eva die linke Augenbraue ein wenig verächtlich hochzog, da fühlte sich der Bogenschütze doch bei seiner Ehre gepackt und ohne weitere Klagen zog er seine Laufholzschuhe an. Die liefen wie von selbst. Er warf Eva noch einen letzten „Was-bin-ich-doch-nur-für-ein-Held“-Blick zu und trabte aus dem Schlafgemach. Jetzt hatte ihn der Ehrgeiz ergriffen und mit federnden Schritten überquerte er den Burghof der Ehrenburg. Aus dem Stall wieherte ihm Sir Henry, sein treues Pferd, hinterher. Für einen Augenblick spielte Kunibert mit dem Gedanken, auf Sir Henry um die Burg zu joggen, was wahrscheinlich viel angenehmer wäre. Aber dann dachte er daran, dass er ja abnehmen wollte und nicht sein Pferd. Also biss er die Zähne zusammen und lief aus dem Burgtor hinunter ins Tal. Obwohl der Weg zunächst eine ganze Zeit lang bergab verlief, ging Kunibert schon bald die Puste aus. Als er unten im Dorf ankam, war er fix und fertig. Dabei war das die leichte Strecke bergab gewesen. Erst jetzt kam der schwierige Weg bergauf, zurück zur Burg. Es vergingen viele, viele Stunden und der Tag wollte sich schon gerade schlafen legen, als Kunibert auf allen Vieren in die Burg zurückgekrochen kam. Doch schon ein wenig besorgt erwartete ihn Eva an der Zugbrücke. »Na, wie war es?«

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Kunibert fand gerade noch die Kraft, den Kopf zu heben, um freundlich zu antworten. »Das war echt super! Das mache ich morgen direkt noch einmal.« Eva runzelte die Stirn, weil sie annahm, dass ihr Kunibert sie gerade auf den Arm nahm, auch wenn er dazu im wahrsten Sinne des Wortes wohl nicht mehr in der Lage gewesen wäre.

Aber tatsächlich. Kaum hatte der Burghahn in den frühen Morgenstunden den ersten Sonnenstrahl begrüßt, wälzte sich Kunibert aus dem Bett. Alles tat ihm weh – nur sein Bauch war prächtig wie eh und je. Also hinein in die Joggingholzschuhe und ab in den Wald.

Diesmal kam Kunibert sogar schon am Nachmittag zur Burg zurück und auch wenn er hin und wieder umfiel, musste er doch nicht mehr auf Händen und Knien krabbeln. »Ich schaffe das – und wenn es das Letzte ist, was ich mache!«, keuchte Kunibert. Eva und die übrigen Burgbewohner sorgten sich jetzt ernsthaft um ihren Bogenschützen. Aber Kunibert ließ sich nicht mehr von seinem Lauftraining abbringen. Sir Henry kam seit einiger Zeit jeden Morgen mit, aber nicht als Reittier, sondern er feuerte den Bogenschützen mit munteren Worten an und schreckte auch nicht davor zurück, dem guten Kunibert, wenn der mal eine Spur langsamer wurde, ordentlich in das Hinterteil zu beißen.

Eines Tages war der Bauch weg. Kunibert musste ihn wohl irgendwo auf dem Weg zwischen Burg und Dorf verloren haben. Er hat ihn auch nie wiedergefunden. Allerdings hatte er auch nicht wirklich nach ihm gesucht. Jedenfalls lief Kunibert - was das Zeug hielt - jeden Morgen weiter – auch ohne Bauch. Und an besonders guten Tagen, da schaffte er es sogar, Sir Henry ins Hinterteil zu beißen, wenn dieser zu langsam war.

Kunibert jagt Beeren

»Füße, meine Füße sind wieder da.« Kunibert strahlte Eva an. »Guck mal. Da unten sind sie.«

Eva verdrehte die Augen. »Da unten waren deine Füße schon immer. Du hast sie nur wegen deines Bauches nicht mehr sehen können. Aber es ist jetzt bereits vier Wochen her, dass du wieder so platt wie ein Bügelbrett bist und trotzdem tust du jeden Morgen aufs Neue so, als würdest du deine Füße gerade frisch zum ersten Mal entdecken. Kunibert, du nervst! Alle, selbst die Küchenmäuse, haben mitbekommen, dass du wieder rank und schlank bist und niemand so locker um die Burg läuft wie du. Wir sind schrecklich stolz auf dich. Aber hör bitte damit auf, mir deine Füße unter die Nase zu reiben…ach, was rede ich, geh einfach weg. Raus, husch, troll dich!«

Kunibert brummelte vor sich hin, schlüpfte in seine Bogenstiefel und schlurfte betont langsam zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und zeigte mit dem Finger auf seine Stiefel. »Guck mal Schuhe!« Er konnte es einfach nicht lassen. Aber damit hatte Eva gerechnet. Als Kunibert von seinen Stiefelspitzen wieder aufsah, hatte Eva schon den Suppenkessel mit der Hühnersuppe in der Hand und schüttete den Inhalt ihrem Oberbogenschützen mitten ins Gesicht.

»Guck mal, fliegende Hühnersuppe!«, rief Eva der Suppe hinterher und Kunibert zu. Die Suppe war zum Glück gerade mal lauwarm und lief so schnell sie konnte an Kunibert hinunter und in seine Stiefel. Eva besser nicht mehr ärgern, nahm sich Kunibert vor, drehte sich um und stapfte mit der Hühnersuppe in den Stiefeln unter glucksenden Geräuschen in den Hof. Natürlich hätte er sich auch umziehen können. Aber diesen Triumph gönnte er seiner Frau doch nicht. Dann lieber einen ganzen Tag nach Hühnersuppe riechen. Auch hatte die Suppe schon angefangen zu trocknen, sodass die ganze Sache nur noch halb so schlimm war.

Kunibert nahm seinen Bogen und lief in den Wald. Er wollte ein paar Brombeeren schießen und Eva damit wieder versöhnen. Eva liebte Brombeeren. Sie behauptete zwar immer, dass man Brombeeren gar nicht schießen müsse, sondern ebenso gut einfach nur pflücken konnte, aber das war natürlich Unsinn und wirres Gerede. Es war allgemein bekannt, dass Brombeeren böse zubeißen konnten, wenn sich leichtsinnige Finger näherten. Da ging Kunibert lieber auf Nummer sicher, hielt ein paar Meter Abstand und pirschte so leise er konnte durch den Wald - einen spitzen Pfeil auf der Sehne seines Bogens.

In der Zwischenzeit war Eva zum Herrn der Burg, Fried -rich von Ehrenberg, gegangen und hatte ihm ihr Leid geklagt. Aber der war längst im Bilde. Auch die übrigen Leute auf der Burg konnten Kuniberts Laufgeschichten nicht mehr hören. Menzel, der Schmied, war einmal so genervt, dass er mit dem Hammer hinter Kunibert herjagte. Der hatte sich natürlich nur kaputt gelacht und hüpfte wie ein Hoppelhase nach links und rechts, schlug Haken und selbst als die übrigen Burgmannen sich an der Verfolgung beteiligten, war Kunibert nur aus der Burg geschlüpft und keiner hatte mehr eine Chance, ihn noch einzuholen.

»Könnt Ihr ihm nicht irgendeine wichtige Aufgabe übertragen?«, fragte Eva den Burgherren. »Mit einem Pinsel die Burg abstauben zum Beispiel oder die Verliese auskehren, das Ende der Welt suchen oder die Mosel leerschöpfen… irgend etwas, dass ihn wieder von dieser Lauferei abbringt. Ich will meinen alten Kunibert wiederhaben und nicht diese aufgeblasene Sportskanone.«

Friedrich von Ehrenberg grübelte und grübelte. Insgeheim bewunderte er seinen Oberbogenschützen für dessen Selbstdisziplin. Allerdings hatte die arme Eva nicht unrecht. Kuniberts Bauch war zwar weg, aber das war ihm zu Kopf gestiegen und seitdem stimmte da in der Rübe etwas nicht mehr so ganz.

»Ich werde mir etwas einfallen lassen«, versprach der Burgherr und entließ Eva mit einem freundlichen Nicken. Seine Frau Agnes tätschelte lächelnd sein Bäuchlein. »Mein Bester! Die eine oder andere Runde um die Burg könnte dir aber auch nicht schaden.«

Das tat weh. Eine Zorneswelle rauschte durch den Burgherren. Dieser vermaledeite Bogenschütze. Oh ja, er würde eine Aufgabe für Kunibert finden, die sich gewaschen hatte. Sein Lauftraining konnte der erst mal für lange Zeit vergessen.

Kunibert ahnte von all dem natürlich überhaupt nichts. Er schlich mit seinen glucksenden Stiefeln durch den Wald und wunderte sich, wieso sich nicht mal eine unvorsichtige Brombeere blicken ließ. Da hörte er seine innere Stimme laut »Kunibert!« rufen. Kunibert blickte sich um. Doch hinter ihm war niemand, so sehr er auch spähte. Aber innere Stimmen kommen ja auch gar nicht von hinten, sondern von innen, wie der Name eben schon sagt. »Kunibert, was machst du da?«, raunte ihm seine innere Stimme zu. Langsam dämmerte es dem Bogenschützen, wer da sprach. Meistens meldete sich seine innere Stimme nur als Spaßbremse, wenn Kunibert etwas machen wollte, was er lieber lassen sollte. Dann lag ihm die innere Stimme so lange in den Ohren, bis ihm jegliche Lust auf verlockende Dummheiten vergangen war. Aber das waren meist Situationen, die irgendwie mit „Gut und Böse“ zu tun hatten und nicht, wenn es um so alltägliche Dinge wie „Brombeeren schießen“ ging.

»Was willst du?«, brummte Kunibert seiner inneren Stimme zu.

»Ich kann das nicht länger mitansehen. Das ist so peinlich!«

»Was denn?«, fragte der Bogenschütze verwundert.

»Was du da gerade machst!«, presste die innere Stimme hervor. »Das ist so oberpeinlich!«

»Das ist überhaupt nicht oberpeinlich!«, entrüstete sich Kunibert. »Ich schieße Brombeeren, wie tausende, hunderte, wenn nicht hunderttausende andere Menschen jeden Tag.«

»Glaube mir, Kunibert. Das macht sonst niemand außer dir. Aber das meine ich nicht einmal.«

»So, das meinst du nicht einmal. Was meinst du denn dann?«

»Was glaubst du, warum dir bisher noch keine einzige Brombeere über den Weg gelaufen ist?«, fragte die Stimme sehr eindringlich.

»Ja, keine Ahnung. Was weiß denn ich?« Kunibert zuckte mit den Schultern. »Ich kann mir das auch nicht erklären. Vielleicht sind sie heute besonders schreckhaft und haben sich deswegen gut versteckt.«

»Versteckt? Wo könnten die sich denn versteckt haben?«

»Na, hinter den ganzen Blättern. Du stellst aber manchmal wirklich dumme Fragen.«

»Siehst du hier irgendwo irgendwelche Blätter an den Büschen und Bäumen?«, fragte die innere Stimme nun schon ein wenig ungeduldig.

»Deine Fragen werden immer merkwürdiger. Wie kann ich denn Blätter an den Bäumen und Büschen sehen, wenn es doch Winter ist und alle Blätter auf dem Waldboden liegen.«

»Das sollten wir kurz mal festhalten!«, ließ sich die innere Stimme vernehmen. »Und wann wachsen die Brombeeren so gewöhnlich?«

»Bin ich hier der Rätselkaspar?«, grummelte Kunibert. » Die blöden Brombeeren gibt es immer von Juli bis Oktober, über den Daumen gepeilt. Das weiß doch jedes Kind.«

Da lächelte die innere Stimme. »Genau, lieber Kunibert. Und nun versuche mal einen Zusammenhang herzustellen: Keine Blätter an den Bäumen…und…Juli bis Oktober? Dämmert es langsam?«

Aber heute dämmerte es beim guten Kunibert nur sehr schwerlich. Was auch nicht verwunderlich war, denn ohne Bauch lässt es sich gar nicht so leicht denken.

»Kannst du mir vielleicht noch einen kleinen Tipp geben?«, bat Kunibert seine innere Stimme. »Ich komme jetzt gerade irgendwie nicht drauf.«

Da schrie die innere Stimme mit aller Kraft: »Es ist Winter, du Hohlleuchte! Da wächst in der Regel überhaupt nichts! Wir haben zugegeben zur Zeit einen recht milden Winter, aber das ändert an der Sache nichts. Hier gibt es nirgendwo auch nur eine Brombeere!« Kunibert wäre ja am liebsten augenblicklich vor Scham im Boden versunken. Denn jetzt dämmerte es gerade gewaltig.

»Kann das vielleicht unter uns bleiben? Es ist mir wirklich furchtbar peinlich, weißt du.«

Da wurde die innere Stimme ganz freundlich. »Ich werde schweigen wie ein Grab.«

»Das ist furchtbar nett von dir. Ich wollte doch nur Eva etwas mitbringen, weil ich sie verärgert habe und ihr mit meinem Laufen ziemlich auf den Keks gegangen bin. Deswegen habe ich gar nicht daran gedacht, dass es zu dieser Zeit gar keine Brombeeren geben kann. Weißt du was? Ich werde ihr ein paar Blumen schießen. Eva liebt Blumen. Sie steckt dann immer ihre Nase tief da rein und macht Hatschi.«

Es dauerte noch eine kleine Weile bis die innere Stimme Kunibert klar machen konnte, dass das mit den Blumen und dem Winter ungefähr so war, wie mit den Brombeeren und dem Winter, sodass Kunibert fast mit leeren Händen zur Burg zurückgekommen wäre. Doch dann stolperte er über eine ziemlich große Wurzel und dachte – vom Geistesblitz getroffen: »Was für eine ziemlich große Wurzel.«

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Er zog sein Bogenschützenmesser hervor und begann in Windeseile, etwas Schönes für Eva zu schnitzen.

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