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Böses Spiel in Friesland

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als Meister des Friesenkrimis spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

1

Die Türglocke ertönte.

Ich schrak zusammen. Hastig blickte ich auf meine goldene Armbanduhr. Es war siebzehn Uhr.

Das wird Gregor sein, dachte ich und verscheuchte meine depressiven Gedanken, denn auch den edlen Zeitmesser mit garantierter Präzision hatte sie mir geschenkt. Ich schluckte, dem Heulen nahe. Ich musste hart sein gegen mich selbst und gegen den Käufer, der, falls er sich nicht als ein windiger Hochstapler entpuppte, mir bzw. Gregor zweihundertfünfzigtausend Euro für meinen Bungalow geboten hatte.

Ich wischte mir unsichtbare Tränen aus den Augen, stand für Sekunden an der Balkontür und schaute auf das eingedunkelte Tief, das meinen Gartenrand umspülte. Der Steg, an dem die Jolle lag, ragte zwei Meter in den Kanal hinein. Das Boot, dachte ich und kämpfte erneut gegen den mich ständig bedrohenden Nervenzusammenbruch an.

Der Klang der Türglocke ließ mich erneut erzittern. Ich durchquerte den langen Korridor und öffnete die schwere Holztür. Auch sie hatte sie selbst entworfen. Der Schreiner hatte aus massivem Holz ihre Vorstellungen verwirklicht. Alles, der Teppich, auf dem ich stand, und selbst die verblasste Fußmatte, die unter den Füßen Gregors, meines väterlichen Freundes und Saunakumpels, lag, trug ihre Handschrift.

Gregor musterte mich mit beruhigenden Blicken. »Bevor ich mir auf deiner vergoldeten Klingel einen starren Zeigefinger hole, lass mich eintreten«, sagte er.

»Entschuldigung, Gregor!« Mein Blick erfasste den Nachbarn, der geduckt Unkraut zupfte und mich absichtlich nicht sehen wollte. Alle Bewohner unserer langen Bungalowzeile verhielten sich wie er. Sie gingen mir aus dem Weg. Ich bedauerte das nicht, denn ich selbst wollte niemandem begegnen. Froh und glücklich, das schien mir, konnte ich nie mehr werden! Was mich wunderte, auch das war eine Erfahrung, die nur tiefes Leid, vielleicht auch Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit alleine gebären können, war mein neues Verhältnis zum Ablauf der Zeit. Vor dem grässlichen Geschehen – ich neige immer noch zu der Ansicht, dass es geplant war, dass es schon vor meiner Geburt feststand und ich schicksalhaft hineingewebt wurde – hatte die Zeit für mich einen Ordnungssinn. Jetzt verschwanden ihre Konturen und das Gestern, Heute und Morgen flossen ineinander über.

Gregor bemerkte nicht, als er mein Haus betrat, dass ich bereits während der wenigen Minuten x-mal gedanklich abgetaucht war, in das, was unerklärlich geschehen war. Er sagte: »Junge, ich muss mit dir reden. Hast du einen Lütten kalt stehen?«

Das wusste er, davon konnte er ausgehen. Was mich betraf, so war es nur mein mir anerzogenes Pflichtbewusstsein, das mich davon abhielt, mir stündlich oder gar viertelstündlich vor Kummer die Flasche an den Hals zu setzen. Aber ich wusste, wenn ich damit beginnen würde, dass dieser Weg zu meinem Abstieg führen musste. Ich konnte es mir nicht erlauben, schwer atmend die Rolle vor- und rückwärts am Reck vorzuturnen und dabei auf das Mitleid meiner Schüler zu hoffen, die zu solchen Gefühlen in ihrem Alter nicht fähig waren. Sie würden meine Leistungen belächeln.

Gregor kannte den Weg. Er ging in die Küche, schritt an den Kühlschrank, nahm die eiskalte Doornkaatflasche aus dem Gefrierschrank, erwischte ein sauberes Glas im Aufbauschrank und goss es voll.

»Wir müssen noch spülen, Junge«, sagte er mit ernstem Gesicht und dachte dabei an die Kaufpreisforderung, die er für mich herauszuhandeln beabsichtigte. Mir war das alles völlig egal. An Geld zu denken war für mich das Letzte.

»Komm!«, sagte Gregor und drehte den Warmwasserhahn auf.

Ich hörte den leisen Knall der Gasheizung und hätte am liebsten nach der Flasche gegriffen und mich auf das französische Bett geworfen, in dem ich jetzt genau vier Wochen allein schlief.

Während Gregor, er war hoch gewachsen, sein Haar war schlohweiß, die Jacke über eine Stuhllehne hängte, sich die Ärmel hochkrempelte und das Spülmittel in die Edelstahlmulde tropfen ließ, dachte ich an meine kleine Tochter Anja, die nur knapp zwei Jahre alt werden durfte. Vor mir erschienen die Bilder, wenn ich sie liebkoste, ihre kleinen Ärmchen nahm und Patschhändchen mit ihr spielte und sie sich wohlfühlend im Badewasser an den Rand der Wanne lehnte und ihre kleinen Zehen sich im Rhythmus vor Freude auf und ab bewegten.

Ich griff nach dem Geschirrtuch, während Tränen in mein Gesicht rollten, und trocknete Tassen, Teller und Schüsseln ab.

»Hajo, reiß dich zusammen. Du bist ein gläubiger Christ und musst den Tatsachen ins Auge schauen! Erika und Anja sind, wenn ich deinen Thesen Glauben schenken sollte, ohne Qualen. Sie sind bei ihm!« Dabei wies er mit seinem schlohweißen Kopf zur Decke, und in seinen Augen lag der zweiflerische Blick seiner siebzigjährigen Lebenserfahrung. Sein kämpferisch wirkender, weißer, gestutzter Schnurrbart erschien mir wie ein Haltebalken. Gregor fuhr fort, wobei er mit Kraft die Speisereste vom Geschirr rieb. »Wenn ich dein Haus ohne die Möbel vorführen müsste, könntest du gut zwanzigtausend Euro verlieren.«

»Geld!«, stöhnte ich.

»Sieh es als Schmerzensgeld an.«

»Ich kann sie nicht zurückkaufen«, antwortete ich und weinte. Mir wurde bewusst, dass ich die wundervollen Möbel, die Erika in Frankreich während unserer vielen Ferienfahrten ausgesucht hatte, nie weggeben würde. Ich konnte an ihnen vorbeigehen, meine Hände über Eichenkanten gleiten lassen und an sie denken. Aber das Zimmer von Anja, die Wiege, die Steiftiere, die Strampelhöschen und alles das, was noch sauber in akkuraten Stapeln lag, wollte ich hier zurücklassen. Hoffentlich hat der Käufer Kinder, dachte ich.

»Anjas Zimmer bleibt hier!«, sagte ich und wunderte mich über die Härte meiner Forderung.

»Da werde ich schon einen Dreh finden«, sagte Gregor und zog den Stöpsel aus dem Spülbecken. »Hast du die übrigen Zimmer in Ordnung?« Seine Worte drängten mich in die Wirklichkeit zurück.

Wir gingen gemeinsam durch das Haus. Gregor ordnete Deckchen, zog an Teppichen, ließ die Toilettenspülung noch einmal aufbrausen und wischte im Bad den Spiegel blank. »Gut«, sagte er, »setzen wir uns und warten auf den Käufer.«

Gregor hatte mir eine Eigentumswohnung mit meinem Geld gekauft. Aber nur zum Teil. Die Bausparbeträge blieben erhalten, die Hypotheken hatte er für mich abgelöst, und nach Verhandlungen mit Banken hatte er mir vorgerechnet, dass ich für die Sechzig-Quadratmeter-Wohnung ab jetzt tausend Euro zu zahlen hätte. Ich hatte ohne die Verträge zu lesen Gehaltsabtretungen unterschrieben, denn ich brauchte für mich nicht viel. Einige Flaschen Bier am Abend, Tabak für etwa zehn Pfeifen und meine kargen Mahlzeiten.

Ich hatte die Möbel im Wohnzimmer in der Anordnung platzieren lassen, wie sie in Carolinensiel in unserem Bungalow am Kanal gestanden hatten. Das Segelboot, eine einfache Jolle, wollte ich nicht mehr sehen. Sollte der Käufer, der jetzt durch die Räume des Bungalows schritt, die Erika damals mit Liebe ausgefüllt hatte, mit seinen Kindern den Weg durch die Schleuse suchen und bei schönem Sommerwetter die Inseln ansteuern.

Das Schiff hatte eine zentrale Bedeutung für unser damaliges Glück. In ihm träumten wir vom eigenen Haus, und ich glaube immer noch, dass wir Anja in ihm zeugten, als wir verliebt unter einer verwöhnenden Julisonne, die hinter Wangerooge im Meer versank, das Segel weggenommen hatten und uns nackt im Boot mit der Flut vom aufbrisenden Wind dem Jachthafen hatten träumend entgegentreiben lassen.

Meinen Lieblingssessel, ein mit rotem Samt bezogenes Sitzmöbel, dessen Füße ein geflochtener Volant verbarg, hatte ich wie »zu Hause« an die Stehlampe gerückt, die Erika rein zufällig bei einem Bummel durch Lyon gesichtet hatte. In diesem Sessel hatte ich abends oft gesessen. Den Kanal, an dem entlang sich die hübschen Bungalows reihten und diese von den weitläufigen grünen Wiesen trennte, hatte ich seit meinem Umzug nicht mehr aufgesucht.

Meine Wohnung lag zehn Minuten vom Bismarckpark entfernt und gestattete mir vom Balkon den Blick in die verkehrsreiche Moltkestraße, auf das grüne Dach des Wasserturms und auf die stillstehenden Flügel der einzigen erhaltenen Mühle der Stadt. Meinen Schulweg konnte ich von hier ohne Auto zurücklegen. Das war mir lieb.

Gregor hatte sich seit einigen Tagen nicht sehen lassen. Im Vorbeigehschnack mit Bekannten erfuhr ich, dass es seiner Frau nicht gut ging. In dem Alter verständlich, dachte ich.

In die Sauna war ich einige Male nicht gegangen, da ein Kollege erkrankt war und ich seinen Handballkurs übernommen hatte. Der Sportunterricht, vor dem grässlichen Ereignis Teil meiner Lieblingsstunden, ödete mich an, da es mir nicht mehr gelingen wollte, die saloppen Redensarten der Schüler mit Humor zu kontern, und mich das Gefühl, bei den jungen Leuten »in« zu sein, verlassen hatte. Lieber stand ich vor ihnen, wenn sie im Klassenzimmer den Kurvenverläufen meiner sie fordernden gebrochenen rationalen Funktionen nachgingen, verbissen auf die Tasten ihrer Rechner hauten und ich zwischendurch meine Gedanken jenseits der Trennungslinie ansiedeln konnte, die mein Leben erschüttert hatte.

Meine Kollegen ließen mich in Ruhe. Der Tisch im Lehrerzimmer, an dem ich all die Jahre gesessen hatte, blieb mein Tisch. Nur das übliche »Moin« duldete ich und suchte die Isolation. Alle wussten Bescheid. Keiner lud mich zur Party ein. Selbst der Stammtisch hielt sich zurück. Wenn ich mir abends die Bücher zurechtlegte, den Unterrichtsstoff sicher vor mir sah, betrat ich hin und wieder den Balkon und meine Gedanken übersprangen die siebenundzwanzig Kilometer Luftlinie zum Bungalow am Kanal, in dem jetzt eine glückliche Familie lebte. Nur das Kinderzimmer regte mich zu Träumen an, wenn ich an Anja dachte, wie Erika sie dort ins Bettchen gelegt und vor der Tür die Schuhe ausgezogen hatte, um sich anzuschleichen und sich davon zu überzeugen, dass sie sicher in die Nacht ging.

Gregor besuchte mich am Abend. In seinem aristokratischen Gesicht schienen die Falten tiefer zu sein als sonst. »Ich habe die Abrechnung mitgebracht«, sagt er, als ich ihm den gekühlten Schnaps eingoss.

»Davon will ich nichts wissen«, sagte ich und holte mir auch ein Glas.

Gregor klappte die Akte zu. »Prost«, sagte er und schluckte den kalten Schnaps. »Das tut gut!« Er lehnte sich zurück in den Sessel und schaute sich um. »Das Bild wirkt hier fantastisch«, meinte er und blickte liebevoll auf das im Sturm schräg vor dem Wind liegende Lotsenschiff, das mit prallen Segeln Windjammern entgegenfuhr.

»Ich weiß, Gregor«, sagte ich. Mir war bekannt, dass er mir jede Kaufpreisforderung erfüllen würde, um das Bild zu erwerben. Mehr noch als bei ihm lag das Interesse an dem historischen Bild bei seiner Frau, da der Vater der siebzigjährigen Dame das historische Schiff vor mehr als siebzig Jahren gelenkt hatte. »Wie geht es deiner Frau?«, fragte ich deshalb.

Gregor blickte mich traurig an. »Ich habe sie ins Krankenhaus gebracht. Der Chefarzt ließ mir keine Hoffnung.«

»Krebs?«, fragte ich den alten Freund. Gregor nickte.

Als Gregor mich verlassen hatte, bereitete ich meinen Unterricht vor und setzte mich danach in meinen Lieblingssessel, schaltete die Stehlampe aus Lyon ein, zündete zusätzlich eine Kerze an, rauchte eine Pfeife und trank dazu ein Bier. Lange saß ich, die Ruhe genießend, ohne meinen kommenden und gehenden Gedanken eine Richtung zu geben, als die Flamme der Kerze leicht aufflackerte und ich schlagartig wie im Traum die schrecklichen Bilder vor mir sah …

Nur ein Katzensprung sollte es werden, als wir im frühen Dunkel des Dezembers das faltbare Kinderbett in den Kofferraum legten, die gepackten Reisetaschen für ein Wochenende dazu schoben. Ich schnallte die kleine Anja, die quengelnd und missmutig den Besuch bei Oma und Opa abzulehnen schien, im Kindersitz auf der Rückbank an.

»Kann es losgehen?«, fragte ich mit prüfenden Blicken und kontrollierte, ob nicht versehentlich etwas vergessen worden war.

Erika stieg ein. Sie hatte unseren Zweitschlüssel zu unserer Nachbarin gebracht. Für alle Fälle.

»Wir schaffen es früh genug«, sagte ich, um Erika zu beruhigen. »Kein Schnee und kein Frost.«

Sie schaute prüfend in den dunklen Wolkenhimmel und hielt sich bereit, unsere Tochter während der Reise zu unterhalten.

»Nur noch einige Schultage, dann haben wir Ferien«, sagte ich mit Vorfreude und startete den Wagen für unsere Wochenendreise nach Münster, dem Wohnort meiner Schwiegereltern.

Ich kannte mich bestens aus. Die Zufahrtsstraße in die Stadt nahm ich jeden Morgen. Bei dem lebhaften Gegenverkehr war an Überholmanöver nicht zu denken. Ich fuhr in der Kolonne mit LKW-Geschwindigkeit. Das monotone Geräusch des Motors unterbrach gelegentlich Anja, wenn sie vor Freude juchzte, während Erika mit ihr spielte. Die Scheibenwischer schoben mit exakten Strichen die Regentropfen und den Schneematsch eines Schauers zur Seite. Der Brummer vor mir schwenkte aus und verschwand im grellen Licht einer Tankstelle. Vor meinem Blick lag der dunkle Asphalt, der die Scheinwerferstrahlen des Gegenverkehrs spiegelte.

Während mein Wagen gleichmäßig dahinglitt, tauchten meine Gedanken in den auf Hochtouren laufenden Weihnachtsrummel ein. Ich bin kein Tierfeind, finde aber weder an Katzen, Hunden oder Pferden so viel Gefallen, dass ich sie um mich haben möchte. Eine sichtbare Bissnarbe an meinem Bein hatte ein frecher rotbrauner Spitz hinterlassen, und das war vor knapp fünfundzwanzig Jahren. Mein Vater hatte mir Geld und einen Krug in die Hand gedrückt und mich zur Gaststätte geschickt, um Bier zu holen. In der Vorhalle des Restaurants war der Hund wie ein Teufel auf mich losgegangen. Noch heute sehe ich, wie der Krug auf den Steinplatten zerschlug, aus meiner Hand das Silbergeld rollte und ich auf dem Boden lag, den Schmerz spürte und zusah, wie sich der hochgewachsene Wirt, der süddeutsch sprach, vergeblich bemühte, den Spitz von meinem Bein zu trennen. Erst der hinzugerufene Arzt brachte die Rettung. Seit meiner Kindheit meide ich daher Hunde, wechsle die Bürgersteige, wenn sie, von ihren Haltern sträflich vernachlässigt, frei herumtollen.

Erika sprach in meine Gedanken: »Hajo, bekommen Anja und ich einen dieser niedlichen Hausfreunde zu Weihnachten?«

Ich wollte Erika meinen im Unterbewusstsein verankerten Hundehass vorenthalten. »Ich überlege mir das noch«, antwortete ich zögernd.

Vor mir deuteten die Lichter an, dass sich Westerstede näherte. Rechts neben mir lagen die riesigen Treibhäuser einer Großgärtnerei. Das Licht der Scheinwerfer des mir entgegenkommenden Autos auf der nassen Fahrbahn blendete mich. Unerwartet huschte plötzlich etwas Dunkles in den Strahl meines linken Scheinwerfers. Im Bruchteil einer Sekunde erkannte ich zwei glühende, grünlich aufleuchtende Punkte.

»Ein Hund!«, schrie ich und trat heftig auf die Bremse und fühlte gleichzeitig den harten Schlag, den der Aufprall des Tieres gegen die Vorderpartie meines Wagens hervorgerufen hatte.

Heute weiß ich, dass mein Tritt auf das Bremspedal zu hart und forsch ausgefallen war. Ich hielt den Wagen nicht mehr. Er scherte aus seiner Spur aus, schoss auf den Straßengraben zu. Vor meinen Augen dehnte sich die Autoscheibe, sie wuchs an und bog sich zu einer runden Scheibe wie bei einer Hubschrauberkanzel. Ich sah, wie mein Wagen einen Straßenpfahl traf und ihn in die Luft wirbelte. Wie in einer Zeitlupenaufnahme sah ich jede Drehung, die er vollzog. Mit meiner ganzen Kraft hielt ich das Steuerrad fest, versuchte gegenzusteuern, um über die schräge Seitenböschung den Wagen auf die Straße zurückzubringen. Es gelang mir nicht, dem Graben zu entfliehen. Mein Wagen donnerte voll gegen den dunklen Pfeiler der kleinen Brücke.

Das letzte Bild, das ich mit in eine schwere, dumpfe Ohnmacht nahm, waren die vielen Zacken in der Glasscheibe, die sich ganz langsam zu riesigen Spinnennetzen ausweiteten, durch die ich einem Licht entgegenzufliegen schien.

Von all dem, was danach geschah, erfuhr ich erst viel später. Der Fahrer des Wagens, der uns in Distanz gefolgt war, hatte beobachtet, wie wir plötzlich von der Fahrbahn verschwunden waren. Es war ihm gelungen, mich aus dem verkeilten Schrotthaufen zu bergen. Ein Mopedfahrer hatte sich mutig auf die Bundesstraße gestellt und den Verkehrsfluss abgestoppt. Hilfreiche Menschen waren zur Tankstelle gehastet und hatten den Notrettungswagen angefordert, der sich im wahnsinnigen Tempo mit Blaulicht, für Anja und Erika vergeblich, der Unfallstelle genähert hatte. Die jungen Ärzte hatten gegeben, was sie konnten. Ihre Bemühungen, mir meine Familie zu erhalten, blieben ohne Erfolg. Für Tage lag ich in einem tiefen, dumpfen Heilschlaf, von dem ich nur traumhafte Visionen in Erinnerung behalten habe. Hätte ich gewusst, was der Oberarzt mir mit bleichem, überarbeitetem Gesicht eröffnen würde, als ich unruhig den Weg in die Wirklichkeit zurücksuchte, ich hätte mich entschlossen, nie mehr aufzuwachen, denn im Koma liegend hatte ich selbst die Beerdigung meiner kleinen süßen Tochter Anja und meiner geliebten Erika verpasst. Nach meiner Genesung blieb mir nur noch der bittere Gang zu ihren Gräbern.

»Die Zeit heilt alle Wunden«, sagte Gregor, als er mich nach dem Saunabesuch in meine Wohnung begleitete. Wir stillten unseren Durst mit Bier.

Die Presse bangte mit der arbeitenden Bevölkerung um eine Landesbürgschaft, die den durch Billigimporte angeschlagenen Maschinenkonzern über die Runden retten und damit die wichtigen Arbeitsplätze erhalten helfen sollte. Themen gab es genug. Wir unterhielten uns über Krisen und Insolvenzen. Das Parteienkarussell drehte sich in Berlin. Verlässliche Sicherheiten gerieten unter Diskussionsdruck. Machtwechsel für wen? Machtwechsel für was? Außerdem hatte das Schicksal Gregor einen harten Schlag versetzt. Wir hatten seine Frau beerdigt, und er und ich wussten, was Leid bedeutet.

Als ich Gregor an die Straße führte, spielte das Wetter verrückt. Sonnenstrahlen erstarben hinter sich entleerenden schwarzen Wolken, die Schneematsch auf die Stadt warfen. Wir verabredeten uns, um gemeinsam die Gräber auf dem Friedhof aufzusuchen.

Während Gregor den Absprung aus seiner Kanzlei suchte, um seinem Schwiegersohn Platz zu machen, verspürte ich neue Kraft in mir und wünschte mir mehr noch als früher den von meinen Schülern akzeptierten Rang zurück.

Auch Gregor erholte sich ein wenig. Wir fuhren in regelmäßigen Abständen zum Friedhof, zupften Unkraut von den Gräbern und begossen, wenn es notwendig war, die Pflanzen. Mein Schuldienst begann mich wieder auszufüllen und die Noten, die ich unter die Klassenarbeiten setzte, stiegen an und damit erfreulicherweise auch die Schülerleistungen. Ich hatte mich vom Doornkaat ferngehalten und auch die zwischendurch gerauchten Zigaretten zahlenmäßig eingeschränkt.

Gregor dagegen, mit seinen siebzig Jahren, musste seine Leere noch überwinden. Die Sauna, in der es lustig zuging und wortreich Anekdötchen und Witze kursierten, hielt ihn aufrecht, und ich war mir sicher, dass er ebenfalls bald seine Krise überwinden würde.

Ich war sehr stolz auf seine Freundschaft. Für mich war er während meiner schweren Zeit der einzige Halt gewesen. Er führte meinen Prozess gegen den Hundehalter und dessen Versicherung, die mit mir kriminell erscheinenden Mitteln versuchte, den Pfad der Gerechtigkeit zu verlassen, um mir trickreich weiteren Schaden zuzufügen. Mir war mittlerweile jedes Ergebnis recht, da ich meine Ruhe anstrebte.

Nach einigen Tagen erschien Gregor bei mir mit der Frage: »Hajo, fährst du mit zum Ölhafen? Ein kleiner Deichbummel und hinterher etwas Ablenkendes für den Magen.«

Ich wusste, dass er gern hinter den Scheiben des Ölhafenrestaurants saß und über den Deich die riesigen Tanker beobachtete, die an der Pier lagen. Sein Fernweh hatte ewig auf ihm gelastet, und Beruf und Familie hatten aus ihm das gemacht, was sich millionenfach wiederholt, nämlich einen treu sorgenden Vater und Ehemann, der bald Großvaterfreuden entgegensah. Nun war er zu alt geworden, um die Planken eines Schiffes zu betreten. Zwar besaß Gregor das Geld, eine Kreuzfahrt zu buchen, aber die Angst des Alters vor Krankheit und Sekundentod und der Gedanke, fernab von der Stadt zu leben, deren Geschicke er in den Krisen- und Aufbaujahren mitgestaltet hatte, hielt ihn zu Hause in der leeren Wohnung.

Im Restaurant aßen wir ein Spezialgericht, »Haifischfilet«. Die Katzenhaie, die rund um Helgoland gefangen werden, haben ihren Preis. Gregor bezahlte.

Plötzlich hatte ich eine Idee. Er und ich waren alleine. Mein Blick erfasste den dunklen Wolkenhimmel, der das Grün des Deiches matt eintrübte, und die vor den Löschköpfen vertäuten wuchtigen Tanker, die Wind und Wetter trotzten. Ihre Aufbauten ragten in das Grau des Nachmittags.

»Gregor, die ›Finnjet‹ übertrifft noch an Größe diese Tanker!«, sagte ich und beobachtete seine Augen, in die ein helles Strahlen einzog. »Gregor, wie wäre es, wenn wir uns im Sommer im tiefen Norden eine Hütte nehmen würden?«

»Mach keine Witze«, sagte er ernst.

»Nein«, antwortete ich. »Mein Vorschlag steht!«

Gregor blickte lange auf das Meer, das den Küstenstreifen nur schemenhaft zeigte. »Ausgezeichnet!«, sagte er. »Ich will mich wohl darum kümmern.«

Heute weiß ich, dass ich Gregor nicht hätte animieren dürfen, denn mit dem sich langsam abzeichnenden Frühling näherten sich mir Ereignisse, die mich, hätte ich sie erahnt, vielleicht auf den Rathausturm zum Sprung in die Tiefe angeregt hätten, um ihnen zu entfliehen.

Ich hatte lange in den kalten Februarmorgen hinein geschlafen, denn mein Leistungskurs in Mathematik, den hauptsächlich nur Schüler meiner Klasse besuchten, sicherlich die Folge meines unfreundlichen Benehmens in der letzten Zeit, begann erst zur vierten Stunde. Über die Stadt wölbte sich das häufige Grau. Ein Kälteeinbruch hatte über Nacht Frost gebracht, und ich stand frierend im Schlafanzug auf dem Balkon und sah zu, wie zarte Schneeflocken auf die Erde tanzten.

Blitzartig fielen mir die Gräber ein, und mich beschlich das Gefühl, als müsse ich meiner ausgelöschten Familie Schutz vor der Kälte bieten. Ich heulte ein wenig und kam mir sehr einsam vor.

Einen Tee, dachte ich nach Wärme suchend und mir wurde bewusst, dass ich heute Geburtstag hatte.

Bevor ich den Wasserkessel aufsetzte, zog ich mich an. Ich wollte meinen Tee mit der Hingabe der Ostfriesen zubereiten. Es gab keinen Kuchen und auch die Kerzen fehlten. Auf das Klingeln des Telefons musste ich nicht horchen, wenn der Wasserkessel den heißen Dampf ausflötete. Die Handgriffe hatte ich eingeübt. Eineinhalb Maß aus der Teedose mit dem Löffel, von dem Anja den bitteren Saft gegen ihre Angina hatte quäkend nehmen müssen, in die vorgewärmte Teekanne. Ein Guss heißes Wasser zum Ziehen. Ich stellte die Kanne auf das Stövchen. Als ich das Teelicht anzündete, zogen meine Gedanken zum Friedhof, huschten über Gräber. Aber es waren nicht nur Anjas und Erikas Ruhestätten, die mit Immergrün bepflanzt waren, nein, auch das Grab meines Vaters, der ein miesepetriger, geiziger Kleinbürger war und sich nur selbst kannte. Daneben lag die Mutter, die ihr Leben in Hingabe erst ihm, dem beherrschenden Vater, dann mir und meinem Bruder gewidmet hatte. Sie waren vor Jahren kurz nacheinander verstorben, an Krebs.

Mein Bruder, der seit seinen jungen Jahren nur ein Ziel gekannt hatte, die Stadt und uns so schnell wie möglich zu verlassen, fuhr als Kapitän auf einem dieser großen Tanker, legte wahrscheinlich auch in Wilhelmshaven an, besuchte mich aber nie. Ich, der Musterschüler, der die Schule ohne Schwierigkeiten nahm, war ihm suspekt. Meine Schwiegereltern, kernige, christliche, fromme Menschen, waren konservative Beamte. Sie hatten zu mir jede Beziehung abgebrochen und fanden den Frieden mit ihrer Tochter und ihrem Enkelkind im täglichen Gottesdienst. Für mich fiel da kein »Vater Unser« ab. Im Gegenteil, sie hatten sich als Nebenkläger gegen mich in den Prozess gehängt und gaben mir die Schuld am tragischen Geschehen. Ich bin mir heute noch sicher, dass ich den Köter zu Brei gerollt hätte und mein Fuß statt auf die Bremse auf das Gaspedal gedrückt hätte, wenn Erika nicht bereits am ersten Adventstag, als sie für Anja aus dem Kalender das Schokoladenstückchen genommen hatte, damit angefangen hätte, um einen Rauhaardackel zu betteln. Ihre Kindheit in dem steifen, toten Beamtenhaus, ohne Geschwister, mit den ewigen Ansprüchen nach Gradlinigkeit, dem Hin- und Herschieben der Löffel und Gabeln vor dem Tischgebet, mit dem leeren Blick nach irgendwo, hatte sie ständig dazu verdammt, sich in Selbstgesprächen mit Teddybären und Stofftieren zu unterhalten, um nach ihrer seelischen Entfaltung zu suchen. Anja und ein »Hündchen« waren zu Bestandteilen ihrer Glücksvorstellungen geworden.

Ich löste mich von diesen Gedanken, goss das Teewasser in die Kanne, um endlich mein Geburtstagsfrühstück mit Schwarzbrot und Schinken einzunehmen. Ich kaute und fand so recht keinen Geschmack. Der Tee war gut. Er wärmte mich auf. Ich hatte zwei Möglichkeiten. Das karge Frühstück oder Wartezeiten im Lehrerzimmer abzusitzen.

Ich stand auf. Die Post war schon da. Hatte mein Bruder vielleicht doch …? Ich sah im Fach den Briefumschlag. Doch die Hoffnung erstarb. Der Stempel zeigte den eckigen Rathausturm unserer Stadt. Gregor hatte mir eine Karte geschickt. Ich legte das übliche Kaufhauskärtchen auf den Tisch. Wenigstens einer, dachte ich, als mich mollige Wärme umgab.

Entschlossen schritt ich in mein Schlafzimmer, schaute angewidert auf das leere Bett und Erikas weiß bezogenes Kissen, das unberührt und ordentlich wirkte. Ich nahm das Foto von der Wand, das Erika und Anja zeigte. Den Hintergrund bildete unsere Jolle mit gerefften Segeln. Ich hastete in die Küche, stellte das Foto an die Kanne, suchte die halb abgebrannte Kerze und zündete sie an.

Es war seltsam. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr allein war. Ich blickte mich um. Mein Atem ging schnell, und als ich auf die Kerze schaute, überraschte mich das Flackern ihrer bläulichen Flamme. Schockartig überfiel mich die Gewissheit, dass Anja und Erika um mich waren. Ich saß starr vor dem Tisch und weinte erlöst und glücklich.

Wie lange Erika und Anja am Geburtstagsmorgen um mich waren, kann ich heute nicht mehr sagen. Spöttern und Zweiflern – wie ich vermutete, gehörte auch Gregor zu ihnen – kann ich nur entgegenhalten, dass ich mich als Sportlehrer fit und gesund fühlte, fieberfrei war und als Mathematiklehrer über genügend logische Grundlagen verfügte. Was andere erleben, geht mich nichts an. Ich kann nur sagen, dass es so und nicht anders war!

Als sich die Flamme der Kerze aufrichtete, blickte ich auf die Uhr. Ich musste zum Dienst. Den Docht der Kerze löschte ich mit angefeuchteten Fingerkuppen, langte zur Schultasche und zog mir meinen Parka über. Der Schneefall hatte zugenommen. Die Flocken waren dichter, und durch die Straßen schob sich mühsam der Verkehr.

Zum ersten Mal nach langer Zeit pfiff ich ein Lied. Es war eine Melodie von Dvořák, die nicht allzu bekannt war, aber Erika und mich mit Erinnerungen verband. Die kalte Luft verließ in weißen Wölkchen meinen Mund.

Noch auf der Straße vor dem wuchtigen Schulgebäude hörte ich das Klingeln. Aus den Türen quollen mir Schülermassen entgegen. Ich war froh, dass ich heute keine Aufsicht hatte, denn für den schwerfälligen, korpulenten Schulleiter war es einfach anzuordnen, dass Schneeballschlachten auf dem Schulhof zu unterlassen seien. Aber jeder Kollege, der sich mutig den jungen Menschen, die den Schnee zu Geschossen formten, näherte, wurde im Handumdrehen zur beliebten Zielscheibe.

Meine mir enger vertrauten Kollegen, mehr eine Clique unter hundertvierzig Lehrkräften, sahen mich überrascht an, als ich das Lehrerzimmer betrat und ihren Tisch ansteuerte. Sie schoben mir einen Stuhl zu und gratulierten mir zu meiner Verwunderung zum Geburtstag. Hatten sie bemerkt, dass ich seit meiner Teestunde innerlich eine Veränderung durchlebt hatte?

Ich beteiligte mich an den salopp geführten Gesprächen und konnte wieder über die Witze lachen, die halfen, den Dienst an der Jugend aufzulockern. Der anschließende Unterricht verlief aufgeräumt und leicht. Auch meine Schüler und Schülerinnen verhielten sich munter und gelöst. Als Enno, der in dem dörflichen Vorland unserer Stadt wohnte und unser bester Leichtathlet war, meine Ergebnisse der Übungsaufgabe mit dem Taschenrechner in der Hand anzweifelte und grinsend sagte: »Ich habe eine neue Methode entdeckt!«, wusste ich, dass es seit Newton und Gauß für Enno hier nichts mehr zu entdecken gab, ließ mir aber von dem mittelmäßigen Mathematikschüler seine Lösungswege offenlegen. Ich fand schnell den Denkfehler und sagte: »Enno, wenn du das Abitur bestehen willst, dann wende bitte die Mathematik an, die ich hier vermittle und lass die ›Knöpfchendrückmethode‹ draußen.« Ich klopfte ihm verzeihend auf die Schulter und führte die Stunde zu Ende wie geplant.

Als die Schüler bereits die Klasse verlassen hatten, trug ich die Lerninhalte sorgfältig ins Klassenbuch ein, denn unser Direktor benutzte die Bücher als Wochenendfundgrube und liebte Bürokratie über alles. Ich klappte das grüne Buch zu, das meinen Dienst wie die Scheibe eines Fahrtenschreibers in einem LKW kontrollierte, und schritt ans Fenster.

Mein Blick reichte bis zu den Hochhäusern vor dem Deich des stillgelegten Hafenbeckens. Noch immer schneite es. Ich sah den zertretenen Schnee, der den Schulhof bedeckte. Auf dem Parkplatz standen nur noch wenige Autos. Mir fiel die Anmut eines Mädchens auf, das ihr langes Haar durch die Hände gleiten ließ, wobei sie zierlich den Kopf seitlich beugte. Es war gertenschlank, trug Jeans und Stiefel. Ich dachte an Erika, denn die Ähnlichkeit war auffallend.

Zu meiner Überraschung näherte sich Enno ihr. Ein Bild von Mann. Die breiten Schultern, der schlanke Körper und sein unverkennbarer gelöster Gang, der nicht übertrieben schlaksig wirkte. Das Mädchen ging ihm entgegen. Enno schlang seine Arme um ihren Oberkörper und küsste sie. Ich schaute nicht weg. Ich schämte mich nicht, den glücklichen jungen Menschen zuzuschauen. Ein schönes Paar!, dachte ich und mir wurde bewusst, dass ich heute fünfunddreißig Jahre alt geworden war.

Die jungen Leute schoben mit den Händen den Schnee von den Scheiben des Polos. Als Enno die Tür des Wagens aufschloss, verließ ich den Fensterplatz, nahm das Klassenbuch und schritt durch den langen Korridor, in den die Putzfrauen mit Reinigungsgeräten drangen. Ich hatte nicht gewusst, dass Enno ein Auto besaß.

Am Nachmittag besuchte ich Gregor, um noch mal mit ihm über unsere Ferienfahrt zu reden und mich für den Geburtstagsgruß zu bedanken. Er saß in seinem Büro, vor dem verschnörkelten Schreibtisch, an dem schon sein Vater gesessen hatte.

»Weißt du, Hajo, ich hatte mir vorgenommen, wenn ich die Praxis drangeben würde, all das nachzuholen, was ich aus beruflichen Gründen versäumen musste. Auf eine Bibliothek ungelesener Bücher, die nur zur Wohnungszierde herumstehen, wollte ich mich stürzen. Und was fange ich alter Esel mit meiner Freizeit an? Ich helfe meinem Schwiegersohn!« Gregor lachte und schlug mit seiner Hand auf die Akten, die aufgeschlagen vor ihm lagen.

»Was hältst du von unserer Reiseabsicht?«, fragte ich ihn.

Er bestellte bei seiner Vorzimmerdame für uns Tee.

»Eine hervorragende Idee! Ich war noch nie in Finnland«, sagte er.

In seinem aristokratischen Gesicht las ich Vorfreude. Wie ein Lord des englischen Oberhauses, dachte ich, als ich ihn betrachtete, wie er da saß, umgeben von den antiken Möbeln, unter den Blicken seiner Ahnen, die stumpf von verblassten Ölgemälden in Halskrausen und herausgeputzten Gehröcken von den Wänden uns zuzuschauen schienen.

Seine pummelige Sekretärin servierte den Tee in altem Geschirr. Gregor griff in die Schublade und legte mir daumendicke Kataloge vor. »Es sind hübsche Objekte dabei«, sagte er. »Nicht billig. Aber wozu sparen?«

Ich nahm die Kataloge entgegen. »Eine Art Geburtstagsgeschenk«, antwortete ich.

Gregor lachte. »Noch immer Sentimentalitäten?«, fragte er.

Ich winkte ab.

»Ich habe eine Vorauswahl getroffen und die entsprechenden Angebote gekennzeichnet«, sagte Gregor. »Aber die Arbeit, sie auf der Finnlandkarte herauszufinden, überlasse ich dir. Bei den Ortsbezeichnungen ist das ein nervenaufreibendes Suchspiel.«

Wir tranken den Tee und rauchten gegen unsere Absprache, ohne Selbstvorwürfe, Zigaretten.

»Zeit habe ich genügend und die Vorfreude auf vier Wochen Abkoppelung vom Schulstress werden mir das Suchspiel zur echten Freude gestalten«, antwortete ich.

Nach dem Tee ließ ich Gregor mit seinen Akten allein.

Zu Hause räumte ich auf und freute mich auf den Abend, wenn ich mich beim Kerzenlicht gedanklich in ein Land begeben konnte, von dem Kenner nie aufhörten zu schwärmen. Natürlich zehrte ich von der Hoffnung, dass Erika und Anja mich, wenn ich mich in den Lieblingssessel niederlassen würde, zwar nicht körperlich, aber mit ihren Seelen umgeben würden.

Ich aß eine Schnitte, betrat den Balkon und warf einen Blick auf die Stadt. Es schneite nicht mehr. Nur wenige Autos befuhren die Straßen, die schwarz unter mir lagen. Ein Strahler beschien die Kuppe der Mühle. Sie hielt die angeleuchteten Flügel wie eine gespreizte Hand in den Abend.

Ich verließ den Balkon und rückte mir den Sessel zurecht, packte die Kataloge aus und breitete sie auf dem kleinen Tisch aus, als die Türglocke läutete. Ich ging zum Korridor und drückte den Knopf des Türöffners.

Will Gregor mit mir vielleicht noch einen Schnaps trinken?, fragte ich mich.

Die Geräusche von Fußtritten deuteten an, dass es nicht mein Freund sein konnte. Während mich Neugierde erfasste, öffnete ich die Wohnungstür und sah zu meiner Verblüffung, wie Enno sportlich die Treppenstufen nahm und ein Mädchen an der Hand hinter sich her zog. Meine Überraschung war perfekt, und ich bemühte mich, freundlich dreinzuschauen, damit die beiden nicht bemerkten, wie unangenehm mir ihr Besuch war, denn wenn man sich während des Unterrichts zurückversetzt in das Alter der Schüler, versucht, in ihre Mentalität zu schlüpfen, sich um ihre Sprache bemüht, mit ihnen, um die Freude am Lernen aufrechtzuerhalten, herumblödelt, dann fühlt man nach dem nicht knapp bemessenen Stundenmaß Erschöpfung und sucht nach Abwechslungen und Ruhe, fernab vom Trubel der Schule. Es ging mir oft so, dass ich für ein kleines Abendbrot, ein paar Matjes, eine Bauernwurst oder ein Krabbenbrot durch die Stadt schlenderte und doch zu Hause aß, weil ich überall Schüler vermutete, die sich kumpelhaft sofort an meinen Tisch setzen würden. Diese abweisende Haltung ist vergleichbar mit der Situation eines Arztes, der nach Praxisschluss nicht den Kreis kranker Menschen aufsuchen möchte.

Enno schaute mich freundlich an. Seine schöne Freundin stand hinter ihm und reichte mir einen Blumenstrauß.

»Herzlichen Glückwunsch!«, sagte sie, wobei ihre dunklen Augen vor Sympathie strahlten.

Es war wahrscheinlich ihre große Ähnlichkeit mit meiner verunglückten Erika, die mir die Tränen in die Augen trieb. Ich nahm den Blumenstrauß entgegen und führte meine Besucher ins Wohnzimmer. Schüchtern setzten sie die Schritte, lugten neugierig seitlich, denn Pauker umgibt privat immer ein ominöses Fluidum. Vielleicht rührt das von ihrem Amt, das sie ermächtigt, Menschen beurteilen zu dürfen und zu müssen.

Enno hielt die Hand seiner Freundin, als er sagte: »Wo Sie heute Geburtstag haben – die Klasse hat – wir haben uns gedacht – ich bin abgeordnet worden und habe Elke mitgebracht«, sagte er stockend.

»Eine nette Überraschung!«, antwortete ich. »Sucht euch einen Platz!«

Gut, dass ich aufgeräumt habe, dachte ich und holte Bier, ohne zu fragen, was die jungen Leute trinken wollten.

»Bier?«, fragte ich und beide nickten. »Ich habe auch Sprudel«, ergänzte ich.

»Danke«, sagte Elke, die auf der Couch so saß, als wäre Erika verjüngt zurückgekehrt. Enno trug noch eine hellbraune Sommerfarbe, obwohl draußen der späte Winter Regie führte. Wir tranken Bier und Enno erzählte, wie sie sich nach meinem Unfall um mich gesorgt hätten. Mir tat das tiefe Mitgefühl gut. Es bestätigte meine Arbeit, die ich nicht mit dem Blick auf Uhr und Plan abschuftete, sondern sie nur im Sinne des Weiterkommens meiner Schüler im Auge behielt, wobei die bis zu dreißig heranwachsenden Persönlichkeiten auf alles, was ich unternahm, verschieden reagierten.

Ich holte Gläser und goss das Bier ein. »Ihr seid ein wahres Geburtstagsgeschenk für mich«, sagte ich und hob mein Glas.

Wir tranken ein paar Schlucke, dann stand ich auf und suchte nach einer Vase. Mir fiel ein, dass es die ersten Blumen waren, die in meine Eigentumswohnung gelangt waren. Umständlich hantierte ich an dem hauchdünnen Plastikband herum, das den wunderschönen Strauß zusammenhielt, bis Elke aufsprang und fragte: »Herr Oberstudienrat, darf ich das für Sie erledigen?«

»Gerne«, antwortete ich, zeigte auf die Tür. »Drüben ist die Küche, da finden Sie Wasser.« Ich wandte mich Enno zu. »Ihr solltet doch kein Geld ausgeben«, sagte ich vorwurfsvoll und fragte: »Woher wusstet ihr von dem Termin?«

Enno lachte. »Herr Beruto, haben Sie vergessen? Im vorigen Jahr waren wir an diesem Termin kegeln! So was merkt man sich.«

Ich betrachtete seine Freundin, die anmutig die Blumen ordnete und die Vase auf den Tisch stellte. Sie trug wie am Morgen Jeans und Stiefel und unter der lässig umgehängten Lederjacke formte ihr straffer Busen die Wolle ihres Rollkragenpullovers. Wehmütig dachte ich an die Zeit, als Erika sich im Bungalow am Kanal mit Blumen umgab, die ich ihr in Abständen gekauft oder die Freunde zu geselligen Stunden mitgebracht hatten.

Enno konnte, wenn er weiterhin sein Trainingsprogramm ernst nahm, ein Großer im Zehnkampf werden. Er startete für den TSV Olympia und hielt den Niedersachsenrekord. Deshalb fragte ich ihn: »Wie steht es um deine sportlichen Pläne, Enno?«

Er lehnte sich zurück, lachte und antwortete schlagfertig: »Wenn mein Sportlehrer mir Bier ausschenkt, schlecht! Nein, das war ein Scherz. Ich will an der Deutschen Meisterschaft teilnehmen. Die Einladung des Verbandes liegt bereits auf meinem Schreibtisch.«

»Großartig«, sagte ich und spürte ein freudiges Kribbeln, das in mir hochstieg, denn auch mir verdankte er einen Teil seines Erfolges. Ich schaute in sein scharf geschnittenes Gesicht, das Zeichen seines sportlichen Ehrgeizes erkennen ließ. Er trug sein Haar mittellang, und seine gelassene Haltung verriet, dass er sich auf ein Polster von Energiereserven verlassen konnte.

Elke hatte sich zu uns gesetzt. Sie stellte das Foto, das Anja und Erika vor der Jolle zeigte, an die Vase. Mir tat ihr kleines Zeichen des Mitgefühls gut und ich fragte sie: »Fräulein Elke, Ihren Freund kenne ich nun schon seit Jahren, von Ihnen hat er mir nie etwas erzählt.« Ich mied den direkten Blick in das hübsche Gesicht, denn Enno sollte nicht spüren, dass seine Freundin mich wegen der verblüffenden Ähnlichkeit mit meiner verstorbenen Frau so sehr faszinierte.

»Da gibt es nicht viel zu berichten«, lachte sie und setzte sich zu Enno auf die Couch. »Enno und ich haben schon gemeinsam mit Puppen gespielt und im Sandkasten unseres Fehntjer-Hofs Kuchen gebacken«, gab sie bereitwillig Auskunft. Sie strich Enno, der in der unverkrampften Haltung des Sportlers die Beine von sich gestreckt hielt und mich unentwegt grinsend ansah, über das Haar. Doch als Elke fortfuhr: »Enno war früh Waise«, sah ich, wie sich ein Schatten über sein Gesicht legte. Elke redete ungeniert weiter. »Seine Eltern kamen bei Glatteis mit ihrem Auto von der Straße und ertranken im Dase-Tief. Enno war damals sieben Jahre. Wir sind Nachbarn.«

Ich schrak zusammen wegen der erschütternden Parallelen. Natürlich war mir bekannt, dass Enno bei seinem Großvater lebte.

Enno zog die Beine an sich. »Das liegt lange zurück«, sagte er gefasst. »Großmutter und Großvater bewirtschafteten unseren Hof weiter, das machen die Alten heute noch. Sie brachten mich gelegentlich zu Elkes Eltern, wenn sie für mich keine Zeit hatten.« Er nippte am Glas. »Ich habe nie etwas vermisst«, sagte er, stupste Elke an und fuhr fort: »Meine Freundin ist ein Plappermaul!«

Elke neigte sich vor. »Enno hat recht. Ich bin älter als er, ich muss die Regie übernehmen.« Dabei lachte sie und warf ihr langes Haar zur Seite, wie ich es von Erika kannte.

»Besuchen Sie auch noch eine Schule?«, fragte ich.

Elke winkte ab. »Ich studiere bereits an der Fachhochschule Wirtschaftswissenschaften. Meine Überlegungen dabei sind ganz nüchtern, denn die Landwirtschaft wird bei dem rasanten Fortschritt der Technik mit dem gleichzeitigen Drang nach einer grünen Umwelt Möglichkeiten bieten, die Enno, der ebenfalls auf den Hof der Großeltern warten kann wie ich auf den Fehntjer-Hof, attraktiv. Mein Studium soll mir dabei den wissenschaftlichen Hintergrund bieten.«

Enno blieb stumm.

Ich schaute ihn fragend an.

»Vorher möchte ich noch Deutscher Meister werden«, warf er lachend ein.

Ich dachte mir, dass seine Elke ihn in Zukunft antreiben, ihm Ziele zuweisen würde, wie meine Erika auch mich angetrieben hatte, wenn sie mir vorrechnete, dass man als Studiendirektor fünfhundert Euro brutto mehr verdienen konnte. Ich hatte diese Gespräche gehasst, da mir das vermehrte Ansehen persönlich keinen Antrieb bieten konnte. Akten und Druck von oben sollten mir nicht das Lächeln aus meinem Gesicht vertreiben.

Unser Gespräch floss locker dahin. Schließlich stand Elke auf, wies auf die Zeiger ihrer Armbanduhr und deutete an, dass sie bei dem Winterwetter mit ihrem Polo nur nach Hause kriechen konnten.

Ich begleitete sie in den Korridor, bedankte mich noch einmal herzlich für die Blumen und ihren Besuch.

2

Gregor besuchte mich am Nachmittag des nächsten Tages. Wir tranken Tee und gingen mit Vorfreude auf unsere Finnlandreise die Prospektseiten durch. Auf dem Tisch lag die ausgebreitete Karte. Wir verglichen die Angebote, suchten nach Vor- und Nachteilen der einzelnen Hütten, die uns in kleinen Bildchen, meist in Farbe, die Orientierung erleichtern sollten, und legten uns auf einige Objekte fest. Die Rangordnung glich schließlich einer Bundesligatabelle, denn die Sicherheit, das gewünschte Haus zu bekommen, schrumpfte mit dem Blick auf den Kalender.

Ich nahm die Unterlagen, ging zum Telefon und rief den Reiseveranstalter an. Die »Finnjet« war zu unserem Ferientermin noch nicht ausgebucht, und die Gesellschaft wollte sich bemühen, ein Haus unserer Spitzengruppe für uns zu reservieren.

Als Gregor mich verließ – er hatte noch Schreibtischarbeit aufzuholen –, fiel mir flüchtig ein, dass Enno während der fünften und sechsten Stunde den Mathematikunterricht versäumt hatte.

Ich betrat meinen Balkon, blickte lange hinaus und stellte fest, dass die Sonne den letzten Schnee verdampft hatte, während jetzt schwere Wolken von See her über die Stadt zogen.

Mein Blick streifte die Mühle, die als letzte Zeugin unserer hunderttausend Einwohner zählenden Stadt in Erinnerung rief, dass vor mehr als hundert Jahren hier, wo jetzt dichter Verkehr um viergeschossige Wohnhäuser floss, bäuerliches Leben mit weiten Feldern die Landschaft beherrscht hatte.

Meine Gedanken führten mich in die Zeit zurück, in der ich noch selbst Schüler war, und ich sah schemenhaft meinen alten, knochigen Lehrer vor mir, der wegen seiner Glatze den Spitznamen »Heinrich der Kahle« erhalten hatte und als Zugezogener immer wieder darauf aufmerksam machte, dass die Fläche, auf der »eure« Heimatstadt steht, er sagte nie »unsere«, einst eine Sumpf- und Moorwiese gewesen war, als der Preußenkönig vor etwa zweihundertfünfzig Jahren seine Sträflinge und Widersacher in diese Nordseeecke verbannt hatte, damit sie bei dem Versuch, in dem von Sturmfluten bedrohten Land, in dem Schlangen, Mücken und Moore jedes Leben bedrohten, zu überleben, ihm und seinem Volk einen Zugang zu den Meeren schaffen würden.

Von dieser Zeit hatte sich nichts Vorzeigbares mehr in meiner Stadt erhalten. Ich blickte in die Richtung, in der in dreißig Kilometern Luftlinie das Land noch grün war und in dem Elke und Enno in der Nähe eines Hochmoores lebten und im Aufblühen der seit langen Jahren verächtlich angesehenen bäuerlichen Arbeiten ihre Zukunft sahen.

Das erbarmungslose Schrillen des Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Ich verließ den Balkon und konzentrierte mich auf unsere Reisepläne. Vielleicht waren die von uns gewünschten Hütten vergeben? Ich langte zum Katalog und nahm das Telefon auf.

Verwundert schluckte ich, denn ich erkannte am Ende des Drahtes die Stimme Ennos. Sein »Hier spricht Enno!« ging mir eiskalt unter die Haut. Was ist los mit ihm?, fragte ich mich. Ich fühlte, wie mein Herz schneller schlug, und fand dafür keine Erklärung. Ich horchte nervös in die Muschel.

»Herr Beruto, es geht um Leben und Tod! Kommen Sie!«

Der Telefonkontakt war abgebrochen. Schwer atmend stand ich in der Diele. Mein Lieblingsschüler Enno war in Gefahr! In welcher? Was bedrohte ihn? Er rief mich! Aber wohin?

Ich blickte auf meine Armbanduhr. Sie zeigte zwei Minuten vor fünf an. Was konnte ich unternehmen?

Elke! Seine Freundin!, dachte ich. Ihr Hof? Wie hatte sie ihn genannt?

Während ich angestrengt nachdachte, spürte ich, dass sich meine Poren wie in der Sauna schlagartig öffneten und mir der Schweiß am ganzen Körper ausbrach.

»Enno! Ich komme!«, flüsterte ich. Aber wohin?

Schlagartig fiel es mir ein. Elke lebte auf dem Fehntjer-Hof, der in der Nähe von Jever am Moor lag. Der Ort hieß Upplewarf.

In Sekundenschnelle entschloss ich mich, die Auskunft anzurufen. Die Polizei konnte ich hinterher immer noch einschalten.

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