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Böse Erinnerungen

1. KAPITEL

Konstantin war wieder aus dem Koma erwacht! Überglücklich löste Marlene sich aus seiner Umarmung.

„Du hast es geschafft“, flüsterte sie.

„Dank dir“, erwiderte er selig lächelnd.

Geschmeichelt wehrte sie ab. „Und den Ärzten, deinen Eltern, meiner Mutter und allen anderen, die für dich da waren.“

„Die sind alle nicht so wichtig wie du“, beharrte er. Sie runzelte die Stirn. „Ich wollte aufgeben. Aber du hast mich aufgehalten. Du warst mein Schutzengel.“ Seine Worte irritierten sie sichtlich. „Wahrscheinlich war es nur ein Traum …“, sagte er nachdenklich. Ein Traum, in dem Marlene vorgekommen war. „Du bist der Grund, warum ich weiterleben wollte. Weil ich dich liebe. Mehr als alles auf der Welt.“

Nun war Marlene komplett überfordert. Fassungslos starrte sie Konstantin an.

In diesem Augenblick betrat Michael das Krankenzimmer.

„Herr Riedmüller, ich brauche Sie noch ein bisschen“, sagte der Arzt. „Mit der CT sind die Untersuchungen noch längst nicht abgeschlossen.“

„Ich musste mich nur schnell bei Marlene bedanken“, erklärte Konstantin. „Ohne sie …“ Er brach ab und musterte sie versonnen.

Marlene und Michael wechselten einen verwunderten Blick.

„Ich gehe dann mal“, meinte sie dann. „Nicht, dass ich noch schuld daran bin, wenn du wichtige Untersuchungen verpasst.“

„Komm bald wieder“, bat Konstantin.

„Das mache ich“, versprach sie und verließ hastig den Raum.

Wahnsinn! Konstantin war wieder aufgewacht! Als Marlene in sein leeres Zimmer gekommen war, hatte sie schon das Schlimmste befürchtet. Was für eine Angst sie um ihn gehabt hatte … Gott sei Dank war das vorbei. Und wie er sich gefreut hatte, sie zu sehen … Aber dass er plötzlich sagte, er würde sie über alles lieben – das konnte er doch nicht ernst meinen. Wahrscheinlich war er nur vollkommen überwältigt gewesen. Bestimmt umarmte er Michael gerade genauso überschwänglich. Sie durfte da nicht zu viel hineininterpretieren …

Michael hatte seine Untersuchungen inzwischen fortgesetzt. Konstantin war in erstaunlich guter Verfassung.

„Ihre Reflexe sind absolut normal“, stellte der Arzt fest. „Und auch sonst – Ihrem Körper scheint das Koma kaum etwas ausgemacht zu haben.“

„Ich fühle mich ausgezeichnet“, bestätigte der Patient. „Vor allem dank Marlene …“

„Sie war oft bei Ihnen, hat Ihnen vorgelesen …“, meinte Michael.

Doch Konstantin unterbrach ihn. „Ich habe ihre Stimme gehört!“

„Aber es gab auch noch ein paar andere …“ Wieder kam Michael nicht dazu, den Satz zu vollenden.

„Ich weiß, das hat Marlene auch schon erzählt.“ Seine Eltern würde Konstantin gleich anrufen. „Aber wenn Marlene nicht gewesen wäre – für sie hat es sich gelohnt zurückzukommen.“ In Michael regte sich leise Eifersucht. „Toll, wenn man so geliebt wird“, fuhr Konstantin jetzt voller Begeisterung fort. „Und jemanden so liebt, dass man jede Sekunde mit ihm verbringen möchte. Ich hoffe, Sie haben auch so jemanden.“ Langsam nickte Michael. Sein Patient schien unter einer erheblichen Verwirrung zu leiden. „Dann wünsche ich Ihnen, dass Sie mit demjenigen genauso glücklich sind wie ich mit Marlene.“

Doris und Werner saßen im Wohnzimmer. Sie las ihm aus den in der Zeitung abgedruckten Romankapiteln von Julius König vor.

„Was für ein Kitsch“, höhnte sie. „Dass so etwas veröffentlicht wird …“

„Es scheint Leute zu geben, denen das gefällt“, erwiderte der Senior desinteressiert.

„Alles nur PR“, ätzte sie. „Für die wir benutzt werden.“

„Herr König behauptet, er hätte nichts damit zu tun, dass die Namen der Vorbilder seiner Romanfiguren an die Öffentlichkeit gelangt sind.“ Die Sache hatte im Fürstenhof für Wirbel gesorgt.

„Ich hätte große Lust, ihn rauszuwerfen“, sagte Doris. „Und wegen übler Nachrede zu verklagen.“

„Lass es“, versuchte Werner, sie zu besänftigen. „Damit lenkst du nur noch mehr Aufmerksamkeit auf die Geschichte.“ Und sie würden nie zur Ruhe kommen.

„Mich regt im Moment einfach jede Kleinigkeit auf.“ Doris seufzte. Die Ungewissheit wegen Konstantin zerrte an ihren Nerven.

Da klingelte das Telefon. Doris nahm den Anruf entgegen und konnte es kaum glauben, als sie die Stimme ihres Sohnes hörte.

„Du bist wach?!“, rief sie und strahlte Werner an. „Wir hatten solche Angst um dich. Was sagen die Ärzte?“

„Doktor Niederbühl ist sehr zufrieden“, antwortete Konstantin am anderen Ende der Leitung. „Er war total erstaunt, wie gut ich das alles überstanden habe.“

Es war schon Abend, und bei Natascha meldete sich immer noch die Mailbox. Sie war nach München gefahren wegen eines Termins und wusste noch gar nicht, dass Konstantin wieder aufgewacht war. Marlene war noch immer ganz aufgeregt.

Sie hatte für Michael und sich gekocht. Nach dieser ganzen Anspannung kam sie vor Hunger beinahe um.

„Und ist mit Konstantin alles in Ordnung?“, erkundigte sie sich beim Essen bei ihrem Freund.

„Physisch schon“, antwortete Michael knapp. Ihre Miene wurde sofort besorgt – er hatte sie heute auch nicht mehr zu Konstantin gelassen. „Wir dürfen ihn noch nicht überfordern“, erklärte er. „Er ist in einem guten Zustand. Allerdings noch ein bisschen – desorientiert.“

„Was heißt das?“, fragte Marlene ängstlich.

„Normalerweise ist so etwas nach ein paar Tagen vorbei.“ Früher hatte man diesen Zustand „Durchgangssyndrom“ genannt. „Wenn es länger dauert, muss man es natürlich behandeln. Wie jede andere Psychose auch.“

„Psychose?!“, wiederholte sie erschrocken.

Er nickte. „Ein organisches Psychosyndrom. Das tritt in der Regel nach Operationen oder schwereren Verletzungen und Traumata auf. Dauert maximal ein paar Tage.“

„Wie äußert es sich denn?“, hakte sie nach.

Michael zögerte. Es fiel ihm schwer, ihr die Wahrheit zu erzählen. „Als eine Art Bewusstseinsverschiebung.“ Auffordernd blickte sie ihn an – natürlich reichte ihr diese Antwort nicht. „Im Augenblick wäre es nicht gut, ihn darauf hinzuweisen, dass es nicht stimmt, was er denkt“, sprach Michael weiter. „Es könnte ein Schock für ihn sein.“

„Was denkt er denn?“ Langsam wurde sie ungeduldig.

„Dass er mit dir zusammen ist.“

Kira war bei Xaver eingezogen. Und nun verbrachten sie die erste Nacht miteinander in der gemeinsamen Wohnung. Sie lagen bereits im Bett, und Xaver konnte nicht anders: Er musste seine Freundin die ganze Zeit verliebt angucken.

„Warum starrst du mich so an?“, fragte Kira lachend. „So kann ich niemals einschlafen. Und wir müssen früh raus morgen …“ Außerdem war sie hundemüde.

Aber Xaver konnte den Blick einfach nicht von ihr abwenden. „Wäre dir ein Schlafzimmerblick lieber?“, frotzelte er.

„Augen zu und Ruhe im Karton!“ Spielerisch schlug Kira mit ihrem Kopfkissen nach ihm.

„Kann ich nicht, wenn du neben mir liegst“, erwiderte er. Wieder holte sie mit ihrem Kissen aus. „Na warte!“

Und schon waren sie mitten in einer fröhlichen Kissenschlacht.

Nils zeigte Sabrina gerade einige Yoga-Übungen. Doch nun drangen die Geräusche aus Xavers Wohnung auch zu ihnen.

„Das ist ja nicht zum Aushalten“, stöhnte Nils. „Es gibt nichts Schlimmeres in der Nachbarschaft als frisch verliebte Pärchen.“

„Entspann dich“, meinte Sabrina. „Freu dich doch für die beiden!“

„Nicht so einfach bei diesem Krach.“ Man hörte Kira vor Vergnügen laut quietschen, und irgendein Gegenstand fiel polternd um. „Jetzt reicht’s! Ich gehe hoch.“

Sabrina hielt ihn zurück. „Locker bleiben“, mahnte sie. „Was die können, können wir noch viel besser.“ Sie ging zur Anlage, stellte laute Musik an und begann zu tanzen. „Was ist? Nicht rumstehen! Mitmachen!“ Lächelnd zog sie Nils an sich. „Jetzt bin ich der Coach. Und das ist deine erste Lektion.“

Er zögerte. Doch dann ließ er sich von ihrer guten Laune anstecken. Gemeinsam tanzten sie durch das Wohnzimmer.

Charlotte hatte heute endlich Julius’ Romanmanuskript zu lesen bekommen.

„Spannend“, sagte sie, nachdem sie damit fertig war. „Wirklich.“

„Aber es war dir doch zu kitschig?“, wandte er vorsichtig ein.

„Man braucht einen Moment, um sich auf deinen Stil einzulassen“, entgegnete sie zögernd. Er brummte. „Du weißt, ich lese sonst eher andere Literatur. Aber deine Geschichte ist wirklich sehr emotional. Ich habe die ganze Zeit gehofft, dass der Stallknecht und die Gräfin zusammenkommen.“

„Wie im wahren Leben …“ Er warf ihr einen verliebten Blick zu.

„Es ehrt mich, deine Gräfin sein zu dürfen.“ Sie gab ihm einen Kuss. „Und ich bin sicher, du wirst Erfolg haben mit deinem Werk.“

„Hoffentlich sieht der Verlag das auch so.“ Julius hatte heute seine letzte Fassung rausgeschickt.

Charlottes Handy meldete eine SMS. „Von Werner. Sein Sohn ist aus dem Koma aufgewacht …“

„Gott sei Dank!“ Julius war ehrlich erleichtert. Er machte sich Vorwürfe, weil er das defekte Stromkabel, das zu Konstantins Unfall geführt hatte, nicht rechtzeitig entdeckt hatte.

„So gibt es für meinen geliebten Stallknecht ein doppeltes Happy End“, stellte Charlotte liebevoll fest.

„Und der Fürst kann sich über die Genesung seines Sohnes freuen“, ergänzte Julius lächelnd.

Als Marlene spät in ihr Zimmer kam, war sie noch immer aufgewühlt. Sie durfte einfach nicht ernst nehmen, was Michael ihr da erzählt hatte. Auch wenn sie sich so oft gewünscht hatte, dass Konstantin sie liebte. Er war im Moment nicht er selbst. Oder hatte sein Unterbewusstsein während des Komas etwa gespürt, dass sie die Richtige für ihn war? Aber das war doch Blödsinn. Er hatte eben ihre Stimme gehört, als sie ihm vorgelesen hatte. Dadurch hatte sich irgendetwas in seinem Hirn kurzgeschlossen. Konstantin war einfach verwirrt.

Am nächsten Morgen besuchten Doris und Werner ihren Sohn. Er konnte sogar schon im Krankenhauspark einen Spaziergang mit ihnen machen. Und ohne das Pflaster, das er wegen der OP noch trug, hätte man denken können, dass er nie krank gewesen war.

„Bis auf die kleine Gedächtnislücke kurz vor dem Unfall fühlt sich alles an wie immer“, berichtete Konstantin. Natürlich sollte er sich in der nächsten Zeit noch schonen. Allerdings stellte er äußerst interessierte Fragen wegen der bevorstehenden Barkeeper-Meisterschaft. „Jetzt, wo ich halbwegs wieder fit bin, hätte ich auch wieder Lust mitzumachen. Ich lag schließlich lange genug im Bett.“

„Den Wettbewerb kannst du auch nächstes Jahr noch gewinnen“, wollte Werner ihn bremsen.

Auch Doris war der Meinung, es sei zu früh für solche Anstrengungen.

„Gegen mich haltet ihr also wieder zusammen“, witzelte Konstantin.

„Wir sind nicht gegen dich“, erwiderte sein Vater. „Aber es war lange unklar, ob du überhaupt wieder aufwachst. Das zerrt an den Nerven.“

Wieder stimmte Doris ihm zu.

„Eine gute Seite hat die Geschichte wohl“, stellte Konstantin fest. „Ihr seid wieder öfter einer Meinung.“

„Wir arbeiten daran“, entgegnete Werner.

„Zumindest reden wir normal miteinander“, ergänzte Doris. „Und streiten nicht gleich.“

Der Senior wollte das Thema nicht weiter vertiefen. „Jetzt hoffen wir erst mal, dass du bald aus dem Krankenhaus entlassen wirst.“

Konstantin nickte eifrig. „Ich will so schnell wie möglich zu der Frau, die ich liebe: Marlene.“ Doris und Werner tauschten einen gequälten Blick. Dr. Niederbühl hatte sie schon darüber informiert, dass ihr Sohn nach dem Koma an einer Bewusstseinsverschiebung litt. „Sie muss sich ja Gott sei Dank keine Sorgen mehr machen“, fuhr er nun fort. „Und wir beide können wieder glücklich sein.“

Kurz nachdem seine Eltern gegangen waren, erhielt Konstantin Besuch von Marlene. Sie hatte sich ein wenig überwinden müssen, bevor sie sein Zimmer betrat. Es war nicht leicht für sie, mit der ganzen Situation umzugehen.

Konstantin begrüßte sie stürmisch. „Ich wollte mich schon selbst entlassen, damit ich zu dir kann! Ich habe dich so vermisst!“ Sie nickte überfordert. „Du mich nicht?“

Verlegen lächelte sie ihn an. „Du erinnerst dich also an alles?“, fragte sie dann ausweichend. „Bis auf den Moment vor dem Unfall?“

Er bejahte. „Das ist aber alles ganz normal, hat der Doc mir erklärt. Retrograde Amnesie nennt man das.“

„Auch wie wir …“ Marlene stockte. „… uns kennengelernt haben?“

„Klar!“, rief er und summte dann die ersten Töne von „I’m through with love“. „Du singst natürlich viel besser als ich“, meinte er dann. „Und damals, in der Bar, war es besonders schön. Wahrscheinlich, weil Liebe im Spiel war.“

Marlene zerriss es beinahe das Herz. „I’m through with love“ – das hatte nicht sie gesungen, sondern ihre Mutter. Aber Michael hatte gesagt, man dürfe Konstantin jetzt nicht mit der Wahrheit konfrontieren – das könne ungeahnte Folgen haben. Also bestätigte sie, dass sie das Lied damals für ihn gesungen hatte.

„Es gibt Momente, in denen ändert sich alles“, stellte er lächelnd fest. „Und das war einer davon.“

Marlene verabschiedete sich nach kurzer Zeit wieder. Sie behauptete, wegen einer Sonderanfertigung viel zu tun zu haben mit ihrem Schmuck. Er war sichtlich enttäuscht. Und bestand auf einem Kuss zum Abschied. Hilflos spielte sie das Spiel mit und küsste ihn kurz auf den Mund.

Es war so verrückt! Konstantin liebte sie! Und Marlene freute sich nicht, sondern fühlte sich total unwohl. Denn es stimmte nicht. Weil Konstantin noch nicht wieder ganz gesund war. Aber als er sie vorhin so angeschaut hatte … Am liebsten hätte sie ihn … Sie musste sich diese Gedanken verbieten!

Kaum war sie zurück im Fürstenhof, kam ihre Mutter ihr strahlend entgegen. „Hallo, mein Liebling!“, begrüßte Natascha sie bester Laune. „Frag mich mal, wie es gestern in München gelaufen ist! Carlo hat große Pläne mit mir. Endlich jemand, der mein Talent erkennt.“ Marlene schwieg. „Freust du dich nicht?“ Nataschas Miene wurde besorgt. „Ist was mit Konstantin?“

„Hast du deine Mailbox immer noch nicht abgehört?“, stöhnte Marlene genervt.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. Sie hatte zwar gesehen, dass Marlene und auch Dr. Niederbühl versucht hatten, sie zu erreichen, hatte die Nachrichten aber noch nicht abgehört. „Ist was passiert?“

„Konstantin ist wieder aufgewacht“, sagte Marlene jetzt.

„Was?! Das ist ja großartig!“ Natascha wollte sofort zu ihm.

„Warte!“, hielt Marlene sie zurück. „Er ist noch etwas verwirrt.“ Sie verstummte. Auffordernd sah ihre Mutter sie an. „Er glaubt, er wäre mit mir zusammen. Nicht mit dir.“

Natascha brach in ein ungläubiges Lachen aus. „Das ist ja wohl ein Scherz! Was hast du ihm denn eingeredet, als er im Koma lag?“

„Nichts!“, beteuerte ihre Tochter. „Er glaubt das wirklich. Organisches Psychosyndrom heißt das.“ Natascha starrte sie fassungslos an. „Er glaubt, ich bin seine große Liebe.“

„Selbst wenn er im Augenblick noch etwas durcheinander ist – das ändert sich sofort, wenn er mich sieht.“ Damit rauschte Natascha davon.

Und Marlene gelang es nicht mehr, sie aufzuhalten. Dabei durfte Konstantin doch jetzt nicht verunsichert werden, indem man ihn mit der Wahrheit konfrontierte!

„Schon seltsam, dass er denkt, er sei jetzt mit Marlene Schweitzer zusammen und nicht mit ihrer Mutter.“ Auch Werner fand diese Bewusstseinsverschiebung bei seinem Sohn mehr als merkwürdig.

„Obwohl sie mich so angeherrscht hat …“, entgegnete Doris. „Mir ist die Tochter wesentlich lieber als diese selbstverliebte Sängerin. Vielleicht ist er durch den Sturz ja zur Vernunft gekommen.“

Für den Senior war das allerdings eher ein Grund, sich weiterhin Sorgen um Konstantin machen zu müssen. Nun blickte er Doris über die Schulter und sah, dass sie gerade in einem Dossier über Immobilien las. „Du beschäftigst dich wieder mit Immobilien?“

Sie nickte. „Die Leitung des Hotels habe ich ja wieder dir übertragen.“ Und sie konnte nicht den ganzen Tag untätig herumsitzen.

„Hast du Lust, mit mir auszureiten?“, schlug Werner da spontan vor.

Überrascht sah sie ihn an. Und willigte dann nur allzu gern in diesen Vorschlag ein.

2. KAPITEL

Natascha schossen Tränen der Erleichterung in die Augen, als sie Konstantin wach auf seinem Bett sitzen sah.

„Ich hab es ja immer gewusst: Du bist so stark.“ Langsam ging sie auf ihn zu.

„Frau Schweitzer …“, begrüßte er sie höflich. „Schön, dass Sie mich besuchen. Obwohl ich auf jemand anderen gehofft hatte.“

Natascha gelang es nur mit Mühe, sich zu beherrschen. „Marlene“, sagte sie tonlos. Er nickte eifrig. „Du erinnerst dich also wirklich nicht an uns?“

„Entschuldigen Sie, aber da gibt es sicher nichts, an das ich mich erinnern sollte“, erwiderte er irritiert.

„Das ist doch nicht dein Ernst!“, platzte sie heraus.

„Frau Schweitzer, ich weiß, Sie wären gern mehr als nur die Mutter meiner Freundin …“ Natascha schnappte nach Luft. „Aber Ihre Sympathie ist einseitig.“

„Möglicherweise weiß es dein Kopf nicht mehr, aber dein Körper erinnert sich bestimmt“, murmelte sie und küsste Konstantin liebevoll.

„Bitte!“ Abwehrend hob er die Hände. „Hören Sie auf, meine Situation auszunutzen! Ich bin durch das Koma immer noch geschwächt. Dass Sie mir einreden wollen, zwischen uns wäre mal etwas gewesen …“

„Da ist etwas zwischen uns!“, unterbrach sie ihn heftig.

„Wir haben uns immer gut verstanden“, erklärte er. „Und ich möchte, dass das so bleibt. Also hören Sie bitte auf, mir Avancen zu machen.“

„Du kannst doch nicht alles vergessen haben!“, platzte es aus ihr heraus. „Wie viel Spaß wir hatten! Vor allem im Bett! Hast du jemals mit Marlene geschlafen?“

„Das geht Sie gar nichts an“, antwortete er würdevoll. „Frau Schweitzer – ich weiß nicht, was mit Ihnen passiert ist, während ich nicht bei Bewusstsein war. Aber zwischen uns gab es keine Liebesbeziehung. Und auch keine Affäre. Ich liebe Ihre Tochter. Bitte akzeptieren Sie das!“

Schluchzend rannte Natascha hinaus.

Kurz darauf kam Michael und stellte Konstantin einige Fragen zu seiner Vergangenheit. Der Patient konnte problemlos erzählen, wie seine Eltern sich kennengelernt hatten und wie er selbst an den Fürstenhof gekommen war und seinen Zwillingsbruder Moritz getroffen hatte.

„Ich erinnere mich auch an die ganze komplizierte Geschichte mit Theresa“, fügte Konstantin hinzu.

„Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an Theresa Burger denken?“, hakte Michael nach.

„Was soll die blöde Fragerei?“, entgegnete Konstantin unwillig. „Ich erinnere mich an alles, außer an die paar Minuten vor meinem Sturz.“ Michael nickte. „Und zu Theresa: Inzwischen habe ich kein Problem mehr, an sie zu denken. Weil ich Marlene liebe.“ Michael schluckte. „Was mich viel mehr interessiert: Was ist mit ihr? Sie war vorhin so komisch. Distanziert. Als ob ich sie verärgert hätte.“

„Sie haben keine Ahnung, weswegen?“, fragte Michael.

Konstantin verneinte. „Vielleicht hat es irgendwas mit ihrer Mutter zu tun“, vermutete er dann. „Die hat eben so getan, als wäre ich mit ihr zusammen. Völlig absurd!“ Er lachte auf. Hilflos betrachtete Dr. Niederbühl seinen Patienten. „Jedenfalls habe ich Marlene Rosen geschickt“, berichtete Konstantin nun. „Zusammen mit einer Entschuldigung – für was auch immer. Aber sie muss wissen, wie sehr ich sie liebe.“

„Sie sollten sich mehr um Ihre Gesundheit kümmern als um Marlene!“ Michael klang schroffer, als er es gewollt hatte. „Sie haben die Belastungen, denen Sie ausgesetzt waren, noch längst nicht verarbeitet. Glauben Sie mir! Ich bin schließlich Ihr Arzt!“ Und jetzt brauchte Michael erst einmal eine Pause.

„Der Kerl ist vollkommen verrückt geworden!“ Aufgelöst stürmte Natascha in Marlenes Laden. „Unterstellt mir, ich würde nicht mehr richtig ticken! Dabei spinnt er!“

„Du wolltest mir ja nicht glauben“, entgegnete Marlene.

Natascha hatte sich einfach nicht vorstellen können, dass es so schlimm war. „Das ist doch alles nicht wahr!“ Sie seufzte theatralisch. „Tagelang habe ich mir Sorgen um ihn gemacht.“ Marlene warf ihr einen skeptischen Blick zu. „Und jetzt wacht Konstantin endlich wieder auf und ist geisteskrank!“

„Mama, du übertreibst!“ Konstantins Zustand würde schließlich nicht von Dauer sein. „Michael meint, das Ganze hält höchstens ein paar Tage an.“

„Ich weiß nicht, ob ich das aushalte!“, rief Natascha hysterisch. „Man muss ihm die Wahrheit doch klarmachen können!“

„Das hast du doch versucht“, entgegnete ihre Tochter trocken. „Mal ganz abgesehen davon könnte die Wahrheit ein Schock für Konstantin sein. Du hättest gar nicht mit ihm reden dürfen, aber …“

„Es soll ein Schock für ihn sein, wenn er erfährt, dass er mit mir zusammen ist?!“ Nun reichte es Natascha endgültig. „Das ist alles deine Schuld! Du hast ihn verhext! Oder hypnotisiert! Die ganze Zeit hast du an seinem Bett gesessen und auf ihn eingeredet. Da muss man ja durchdrehen!“ Wütend funkelte sie Marlene an.

Und ausgerechnet jetzt kam auch noch ein Blumenbote herein und brachte einen Rosenstrauß. Von Konstantin. Für Marlene. Dabei lag ein Brief, in dem er noch einmal beteuerte, wie sehr er sie liebte. Natascha hätte sich am liebsten die Haare gerauft.

Sabrina war bester Stimmung. Gestern Abend war aus ihrer und Nils’ Tanzeinlage noch eine richtige Party geworden. Nachbarn hatten die Musik gehört und waren dazugekommen, und sogar Nils hatte viel Spaß gehabt.

Nur Xaver beschwerte sich heute bei den beiden, dass Kira und er nicht hätten schlafen können wegen der Musik.

„Warum seid ihr nicht einfach runtergekommen?“, fragte Nils betont locker.

„Weil wir beide heute früh arbeiten mussten!“, antwortete Xaver ungehalten.

„Das hat dich sonst doch auch nicht vom Feiern abgehalten“, konterte Nils.

„Da war ich auch noch nicht in der Geschäftsleitung“, erwiderte Xaver.

„Oh, Mister Oberwichtig.“ Sabrina verdrehte die Augen.

„Schon klar – ihr denkt jetzt, ich bin total spießig“, meinte Xaver. „Aber der Lärm hat einfach genervt. Das wird man ja wohl mal sagen dürfen.“

Kaum war er gegangen, brachen Sabrina und Nils in schallendes Gelächter aus.

Julius hatte gleich in der Früh einen Anruf von seinem Verlag erhalten: Man war dort ganz begeistert von der letzten Fassung seines Manuskriptes. Eine Lektorin wollte sich noch heute im Fürstenhof mit ihm treffen, um ein paar Details zu besprechen.

Er hatte sich mit Gerlind Vierbrock – so hieß die Lektorin – im Restaurant des Fürstenhofs verabredet. Und zunächst machte sie ihm große Komplimente für seinen Roman.

„Ich sehe großes Potenzial“, erklärte sie. „So etwas Warmes und Anrührendes wie Ihr Manuskript habe ich lange nicht mehr gelesen. Und glauben Sie mir: Auf meinem Schreibtisch landen jede Menge Manuskripte.“ Julius lächelte geschmeichelt. „Sie haben es wirklich geschafft, dem Genre der mittelalterlichen Liebesgeschichte neues Leben einzuhauchen“, fuhr Frau Vierbrock fort. „Wir haben deshalb Großes mit Ihnen vor.“

„Fangen wir doch erst mal mit diesem Buch an“, meinte Julius, nun doch etwas überfordert.

„Als Auftakt einer Reihe!“, sagte sie begeistert. „Vor allem Frauen werden von Ihrem Roman nämlich begeistert sein. Und wenn sich eine Leserin erst einmal auf die Geschichte eingelassen hat, will sie mehr. Das sollten wir ihr natürlich bieten.“

„Ich soll eine Fortsetzung schreiben?“ Die Lektorin nickte. „Darüber habe ich auch schon nachgedacht“, gab Julius zu.

„Umso besser“, erwiderte sie erfreut. „Dafür wären natürlich ein paar kleine Änderungen am bestehenden Text nötig …“

Marlene hatte Michael berichtet, wie sehr sich Natascha über ihren Besuch bei Konstantin aufgeregt hatte. Und er konnte Marlenes Mutter sehr gut verstehen.

„Es ist auch für mich nicht leicht, Herrn Riedmüller bei seiner Schwärmerei für dich zuzuhören“, gestand er. Aber im Moment konnten sie leider nichts anderes tun, als abzuwarten. Marlene wollte wissen, ob es nicht doch besser wäre, Konstantin mit der Wahrheit zu konfrontieren. Michael verneinte. „Für ihn ist das, was er glaubt, absolute Realität. Und wenn ich ihm jetzt sage, dass das nicht stimmt, würde ihn das sehr verunsichern. Das wäre ein Schock für ihn. Und man weiß nicht, was der auslösen könnte.“ Immerhin war Konstantin gerade erst aus einem längeren Koma erwacht und hatte darüber hinaus eine schwere OP hinter sich. „Es geht nicht. Sonst denkt er am Ende noch, er wäre verrückt.“

„Was für eine verdrehte Situation!“ Marlene stöhnte.

„Vielleicht ist es besser, du gehst erst mal auf Abstand zu ihm“, schlug ihr Freund vor.

„Bist du eifersüchtig?“, fragte sie.

„Na ja …“ Hilflos hob er die Schultern. „Bei der Vorgeschichte …“

„Keine Sorge. Konstantins Erinnerungen werden zurückkehren.“ Liebevoll schmiegte sie sich an Michael. „Ich bin mit dir zusammen. Und möchte das auch lange bleiben.“ Aber ganz so klar, wie sie sich äußerte, waren Marlenes Gefühle in Wahrheit nicht …

Unkonzentriert saß sie danach in ihrem Laden und arbeitete an einer Kette. Da stand plötzlich Konstantin vor ihr.

„Haben sie dich entlassen?“, fragte sie erstaunt.

„Nö.“ Er grinste. „Ich bin einfach gegangen.“

„Aber …“

Er schüttelte den Kopf. „Jetzt fang du nicht auch noch damit an: Ich soll vorsichtig sein und mich schonen. Freu dich lieber, dass ich hier bin.“

„Tue ich doch“, entgegnete sie und dachte fieberhaft darüber, wie sie am besten reagierte.

„So siehst du aber nicht aus“, fand er.

„Ich mache mir nur ein bisschen Sorgen“, räumte sie vorsichtig ein.

„Brauchst du nicht. Mir geht’s gut. So gut wie schon lange nicht mehr.“ Impulsiv nahm er ihr Gesicht in beide Hände.

„Was tust du da?“, flüsterte Marlene.

„Das, was ich die ganze Zeit tun wollte, seit ich wieder wach bin.“ Und dann küsste er sie voller Leidenschaft. Marlene wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Und sie konnte doch gar nichts anderes tun, als seinen Kuss zu erwidern. „Ich habe mich so nach dir gesehnt …“, hauchte er. „Komm, lass uns nach oben gehen …“

Sie musste all ihren Willen aufwenden, um sich von ihm zu lösen. „Bitte hör auf! Bitte! Es geht einfach nicht.“

„Warum?“ Konstantin verstand die Welt nicht mehr.

Marlene holte tief Luft. „Wir sind kein Paar. Wir sind nicht zusammen und waren es auch nie.“ Ungläubig starrte er sie an. „Du leidest an einem Durchgangssyndrom, das hat Michael mir erklärt. Und in deinem Fall ist es relativ stark ausgeprägt …“ Es fiel ihr so schwer, die richtigen Worte zu finden. Zumal Konstantin das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand. „Tatsache ist: Du bist mit meiner Mutter zusammen.“

„Niemals!“ Er lachte auf. „Wenn du weiter versuchst, so einen Quatsch zu erzählen …“

„Es stimmt, Konstantin, leider.“ Schnell korrigierte sie sich. „Also leider für dich, weil du dich offensichtlich nicht erinnerst.“

Er spürte ihre Verlegenheit. „Marlene, was soll das alles?! Als du an meinem Bett gesessen hast – du hast gesagt, du liebst mich! Über alles!“

Marlene zuckte zusammen. Das hatte sie tatsächlich gesagt. Aber wie konnte er das gehört haben? „Ich … Das war anders gemeint. Ich liebe dich als Freund. Als Menschen, um den ich mir Sorgen gemacht habe. Aber wir sind kein Paar.“

Er schloss die Augen. „Aber ich sehe uns. Wie ich dich aus dem See gerettet habe, wie wir getanzt haben, zusammen gesungen haben und gelacht …“ Das stimmte ja auch alles. „Und dann hast du mir Goethe-Gedichte vorgelesen.“ Marlene nickte. „Wir haben miteinander geschlafen …“ Voller Begehren sah er sie an.

„Das haben wir nie, Konstantin.“ Es schmerzte sie sehr, dass er sie an diesem Punkt offenbar mit Natascha verwechselte. „Das musst du geträumt haben.“

Er schwieg eine Weile. „Warum bist du nicht einfach ehrlich zu mir?“, fragte er schließlich todtraurig. „Und sagst mir, dass du dich von mir trennen willst?“ Seine Miene wurde bitter. „Ich weiß, dass ich dich liebe. Schade, dass du es vergessen hast.“ Damit ging er hinaus.

Und Marlene wusste einfach nicht, was sie tun sollte. Hatte sie nun den Schock bei ihm ausgelöst, vor dem Michael sie gewarnt hatte? Sie musste ihren Freund sofort anrufen und ihm erzählen, was passiert war. Aber wie sollte sie Michael denn sagen, dass Konstantin sie geküsst hatte? Und wie sich das angefühlt hatte? Trotzdem musste Michael wissen, dass Konstantin sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen hatte. Und dass sie ihn nicht länger hatte anlügen können. Hoffentlich war das kein Fehler gewesen! Hoffentlich …

Michael traf die aufgelöste Marlene im Park und versuchte, sie zu beruhigen. Er konnte ja verstehen, dass sie Konstantin die Wahrheit hatte sagen müssen. Selbst wenn Marlene ihm gar nichts von dem Kuss erzählt hatte.

„Wenn Konstantin jetzt etwas passiert, ist das meine Schuld“, klagte sie.

„Er wird schon nicht gleich durchdrehen.“ Tröstend zog Michael seine Freundin an sich und küsste sie liebevoll. „Du hast nun mal kein Talent zu lügen.“

„So ist das also!“ Wie ein wilder Stier kam Konstantin auf die beiden zugeschossen. „Wie lange geht das schon? Hat es schon vor meinem Unfall angefangen? Oder haben Sie Marlene einfach nur getröstet, als ich im Koma lag?“ Wütend funkelte er Michael an, dann wandte er sich an Marlene. „Ich habe dir vertraut! Ich dachte, du bist eine Frau, die ehrlich ist, die mich von Herzen liebt! Dass du mich derart hintergehst …“

„Herr Riedmüller!“ Michael griff nach Konstantins Arm.

Aber Konstantin packte ihn sofort am Kragen. „Finger weg! Sonst vergesse ich mich!“

„Hör auf!“, flehte Marlene. „Bitte, Konstantin! Wir waren wirklich nie ein Paar! Du bist mit meiner Mutter zusammen!“ Er schnaubte nur. „Wenn du uns nicht glaubst, dann frag deine Familie! Oder deine Freunde!“

Zornig war Konstantin wieder abgerauscht. Und Marlene war nun vollends durcheinander.

„So aufgebracht habe ich ihn noch nie erlebt“, stellte sie kopfschüttelnd fest. „Wie er auf dich losgegangen ist …“

„Er ist eifersüchtig“, meinte Michael. Vermutlich wäre es wirklich besser gewesen, Marlene hätte Konstantin nicht die Wahrheit gesagt. „Aber was passiert ist, ist nun mal passiert.“

„Ich konnte ihm nicht länger etwas vorspielen“, verteidigte sich Marlene. „Weil … Er hat mich geküsst, Michael.“

Dass ihrem Freund das nicht gefiel, war ihm anzusehen. Aber er riss sich zusammen. „Es ist nicht deine Schuld.“ Er seufzte. „Okay. Aber jetzt bin ich tatsächlich eifersüchtig.“

Sie wollte sich erklären. „Du weißt, dass Konstantin und ich uns sehr nahestehen. Er ist ein guter Freund. Nicht mehr und nicht weniger. Und er liebt meine Mutter. Er war vom ersten Moment an verrückt nach ihr. Und jetzt …“ Marlene konnte das selbst ja überhaupt nicht verstehen.

„Ich schon.“ Michael bemühte sich um Souveränität. „Ich verstehe nicht, wie es einen Mann auf diesem Planeten geben kann, der sich nicht in dich verliebt. Manche müssen eben erst ins Koma fallen. Andere dir einfach nur in ...

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