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Bodyguard mit Herz

1. KAPITEL

Mit ihrem dreijährigen Sohn auf dem Arm verließ Tess Kendrick den Privatjet ihrer Großmutter und ging die Treppe zum Rollfeld hinunter. Als ihnen im heißen Sommerwind von Virginia der ohrenbetäubende Turbinenlärm entgegenschlug, vergrub der kleine Mikey den Kopf an der Schulter seiner Mutter.

Am Fuß der Treppe verbeugte sich ein Mann aus dem Sicherheitsdienst ihrer Großmutter respektvoll vor Tess, während ein uniformierter Steward ihr Gepäck in dem bereitstehenden schwarzen Lincoln SUV verstaute.

Es war ein gutes Jahr vergangen, seit ihr Scheidungsskandal sie ins Exil gezwungen hatte. Auch wenn dieses Exil ein Königspalast am Mittelmeer war, wo ihre Großmutter mütterlicherseits sie und Mikey jederzeit herzlich willkommen hieß, hatte Tess es nicht länger in diesem goldenen Käfig ausgehalten.

Einsamkeit, Heimweh und der Wunsch nach einem eigenständigen Leben hatten sie nun nach Camelot, Virginia, zurückgebracht. Hier lag das Anwesen ihrer Familie etwas außerhalb der pittoresken kleinen Stadt. Es war der Ort, wo sie geboren und aufgewachsen war und wo ihre Eltern heute noch lebten. Vor allem aber war es ihr Zuhause.

„Brauchen Sie Hilfe mit dem Kind, Ma’am?“

„Danke, es geht schon.“ Sie hob den flachsblonden Jungen ein Stückchen höher auf ihre Hüfte und rückte sich die übergroße Schultertasche auf der anderen Seite zurecht. Ihre Nervosität war ihrem freundlichen Lächeln nicht anzusehen. „Und vielen Dank für die Begleitung. Sie waren alle sehr freundlich.“

Der ernste Mann mit dem starken französischen Akzent verneigte sich ehrerbietig. „Es war uns ein Vergnügen, Ma’am. Ich bringe Sie zum Wagen.“ Er ließ sie vorgehen, ohne ihr Lächeln erwidert zu haben.

Beinahe kam es Tess so vor, als wäre ihm in seiner Stellung jede Gefühlsregung untersagt. Schon als Kind, wenn sie mit ihren Geschwistern ihre Großmutter besucht hatte, war ihr aufgefallen, dass ein Lächeln offenbar nur den engsten Bediensteten der königlichen Familie erlaubt war. Sosehr Tess ihre Großmutter auch liebte, die Formalitäten im Palast hatten ihr nie gefallen.

Ihr Sohn hatte unter der strengen Etikette allerdings nicht gelitten. Der Junge hatte in der Zeit, bevor sie mehr oder weniger gezwungenermaßen das Land verlassen hatten, weitaus mehr Unterdrückung erfahren als im Palast, und das von seinem eigenen Vater, ihrem Exmann.

Unwillkürlich drückte Tess ihren Sohn fester an sich, als sie auf den wartenden Wagen zuging. Sie wollte jetzt ein Haus kaufen und ihre Arbeit in der Kendrick Foundation fortsetzen. Vor allem aber wollte sie die letzten Jahre vergessen, in denen ihr Prinz sich in einen Frosch verwandelt und ihren Ruf von Grund auf zerstört hatte.

Leider gab es keine Möglichkeit, den Lügen ihres Exmannes entgegenzutreten, ohne dadurch noch größeren Schaden am eigenen Ruf anzurichten. Ihr blieb nur die Hoffnung, dass die Menschen sie so in Erinnerung hatten, wie sie sie von früher kannten, und nicht so, wie ihr Exmann sie dargestellt hatte. Sicher würde mit der Zeit etwas Gras über ihre Scheidung gewachsen sein.

Die Wahrheit über ihre Ehe mit Bradley Michael Ashworth III. kannte außer Tess jedoch niemand. Sie war so erzogen, dass sie mit niemandem über Dinge sprach, für die sich die Klatschpresse interessieren könnte. Nicht einmal ihre Familie hatte von den Schwierigkeiten in ihrer Ehe erfahren. Sie wussten nur, dass Brad angekündigt hatte, die Scheidung in aller Öffentlichkeit auszutragen, wenn Tess nicht bereit gewesen wäre, die Schuld am Scheitern der Ehe auf sich zu nehmen.

Die Scheidung hatte sich trotzdem zum öffentlichen Skandal ausgeweitet. Allerdings wussten ihre Eltern nicht, dass Tess Brads Wünschen nur entsprochen hatte, weil er sie mit Fotos erpresst hatte, die ihren Vater mit einer anderen Frau zeigten. Wären diese Fotos an die Presse gelangt, hätte es einen noch größeren Skandal gegeben. Ganz davon zu schweigen, dass es ihrer Mutter das Herz gebrochen hätte.

Der Wind wehte ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Tess lächelte ihren Sohn an, als sie sich die Strähne hinters Ohr schob. Wenigstens brauchte sie nicht zu befürchten, dass sie Brad hier begegnete. Er kümmerte sich um den Immobilienbesitz seiner Familie in Florida. Überhaupt war jetzt Ferienzeit, sodass ihr vorerst kaum Bekannte über den Weg laufen würden.

Als sie den Wagen erreichte, betrachtete sie den Mann, der ihr die Tür aufhielt und nur aus Muskeln und Testosteron zu bestehen schien. Er war gut eins neunzig groß, hatte breite Schultern, schmale Hüften, trug einen dunklen Anzug mit Krawatte und strahlte Autorität aus. Seine Augen waren hinter der schwarzen Sonnenbrille verborgen, aber Tess wusste, dass er nicht sie ansah, sondern nach potenziellen Gefahren Ausschau hielt.

Er war ihr Bodyguard von Bennington’s, dem Sicherheitsdienst der Familie. Die Frau, die Tess eigentlich angefordert hatte, eine ehemalige Geheimdienstagentin, die sie schon zu Highschoolzeiten begleitet hatte, war erst in zwei Wochen verfügbar. So lange würde sie sich mit diesem Muskelberg mit dem rasierten Kopf und der Statur eines Footballspielers arrangieren müssen. Er war ihr von ihrem Bruder Cord empfohlen worden.

Tess kannte Jeffrey Parker von Fotos, die Bennington’s ihr gemailt hatte, und wusste bereits, dass er umwerfend gut aussah. Doch das interessierte sie im Moment weniger als sein hervorragender Ruf. Als Senatorenkinder waren sie und ihre Geschwister daran gewöhnt, von Paparazzi verfolgt zu werden. Doch sie war nie so gnadenlos gejagt worden wie in der Zeit, bevor sie letztes Jahr das Land verlassen hatte. Spätestens seit damals wusste sie einen guten Bodyguard zu schätzen.

Cord hatte ihr versichert, dass sie keinen besseren bekommen konnte als den Mann, den er Bull nannte.

Kaum hatte er die Wagentür hinter ihr zugeklappt, erschien er auch schon auf der gegenüberliegenden Seite, um ihren Sohn im Kindersitz anzuschnallen. Ihr Bodyguard griff im selben Moment zum Sicherheitsgurt wie sie selbst. Als sie plötzlich seine Hand auf ihrer spürte, blickte sie zu ihm hoch.

Da er die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben hatte, sah sie ihm in die Augen. Auf seinem Datenblatt war seine Augenfarbe mit blau angegeben. Diese schlichte Information beschrieb bei Weitem nicht das ungewöhnlich klare und intensive Blau seiner Augen.

„Wir schaffen das schon allein“, sagte Tess.

„Lassen Sie mich das machen, Ma’am.“

„Wirklich, wir …“

„Wir fahren nirgendwohin, bis ich mich nicht selbst überzeugt habe, dass das Kind sicher ist. Sie sagten, Sie wollen so wenig Aufsehen erregen wie möglich. Je eher Sie mich meine Arbeit machen lassen, desto schneller sind wir hier weg.“

Er hatte seine Hand nicht weggenommen und schien es auch nicht vorzuhaben. Also zog Tess schließlich ihre Hand weg und lehnte sich zurück.

Warum dieser Mann so handelte, war ihr klar. Er tat das, worum sie ihn gebeten hatte, indem er dafür sorgte, dass ihre Ankunft so diskret wie möglich ablief. Warum sie aber beim Kontakt mit seiner Hand eine Hitze verspürt hatte, dass sie meinte, ihre Wangen müssten glühen, dafür hatte sie keine Erklärung parat. Wahrscheinlich war es nur eine Überreaktion ihrer gereizten Nerven.

„Wie fühlt sich das an, kleiner Mann?“ Parker lächelte ihren Sohn an, der ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrte. „Zu fest?“

Mikey schüttelte den Kopf und musterte ihn weiter. Parkers Haar war so kurz geschoren, dass die Farbe unmöglich zu bestimmen war, aber seine Augenbrauen und dichten Wimpern waren dunkel. Irgendetwas an seinem warmherzigen und freundlichen Lächeln veranlasste Mikey zu einer schüchternen Erwiderung.

Auf Fremde reagierte der Junge sonst eher zurückhaltend. Vor allem auf die Wachen im Palast, diese großen, fremden Männer, die ihn ohnehin ignoriert hatten.

Parker ließ den Gurtverschluss einrasten und schloss die Wagentür. Er stellte das Gepäck, das nicht mehr in den Kofferraum passte, auf den Beifahrersitz und setzte sich ans Steuer. Offensichtlich hatte ihr Wunsch, möglichst wenig der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein, für ihn oberste Priorität, denn erst jetzt nahm er sich die Zeit, sich vorzustellen.

Er blickte Tess im Rückspiegel an. „Ich bin Jeff Parker, Miss Kendrick. Nennen Sie mich einfach Parker. Soweit ich informiert bin, möchten Sie direkt zu Ihrem Familienanwesen. Bleibt es dabei?“

Eben noch ein warmherziges Lächeln für ihren Sohn und nun perfekte Professionalität. Im Stillen gab Tess ihrem Bruder recht. Dieser Mann konnte ziemlich einschüchternd wirken. Sie setzte ein entschlossenes Lächeln auf. „Sie wissen, wie Sie dorthin kommen?“

„Sicher, Miss Kendrick.“

Er kannte nicht nur den Weg zu dem Grundstück nahe der Kleinstadt Camelot, sondern wusste auch über Theresa Amelia Kendrick, ehemals Theresa Amelia Kendrick Ashworth alles, was im Internet und in den Bennington’s-Akten über sie verfügbar war. Wie immer hatte er sich umfassend über seine Klienten informiert, bevor er einen Auftrag übernahm.

Dass sie nicht in Richmond, dem nächstgelegenen internationalen Flughafen gelandet war, sondern auf dem kleinen Regionalflughafen für Privatjets und Kleinflugzeuge, erleichterte seine Aufgabe erheblich. Ihre Ankunft hatte keinerlei Aufsehen erregt, auch wenn das königsblaue Wappen von Luzandria auf dem Jet weithin sichtbar war. Fast jeder in Amerika wusste, dass Luzandria das Land war, das Katherine Kendrick eines Tages regiert hätte, wenn sie nicht als junge Frau den damaligen Senator William Kendrick geheiratet und auf die Krone verzichtet hätte. Doch die Maschine blieb nicht lange genug, um besondere Beachtung zu finden. Sie würde nach dem Betanken unverzüglich den Rückflug nach Europa antreten.

Parker war sicher, dass die Ankunft seiner Klientin geheim geblieben war. Nachdem er das Flughafengelände über eine Nebenstraße verlassen hatte, warf er einen Blick in den Rückspiegel.

Tess Kendrick strich ihrem Sohn über das blonde Haar, während sie leise mit ihm redete.

Sie war größer, als Parker es sich vorgestellt hatte, und auch schlanker. Irgendwie wirkte sie auf ihn zerbrechlicher als auf den Fotos. Aber Fotos konnten leicht täuschen, besonders die von reichen und verwöhnten Menschen. Verwöhnt war sie zweifellos. Man sah es an ihren gepflegten Haaren und den perfekt manikürten Händen. Mit dem weißen Designer-Hosenanzug, der für einen Transatlantikflug gänzlich ungeeignet schien, demonstrierte sie förmlich, wie viel Zeit und Geld sie für ihre Pflege übrig hatte.

Ihr brünettes Haar war im Nacken mit einer Spange zusammengehalten, was das fein geschnittene Gesicht betonte. Sie trug mehrere Goldketten von unterschiedlicher Länge. Die längste verschwand im tiefen V-Ausschnitt ihres Jacketts.

Parker ignorierte die leichte Erregung, die er bei diesem Anblick empfand. Er sah wieder nach vorn auf die Straße. Schon vorhin, als er ihre Hand gespürt hatte, war er von seinen heftigen Reaktionen überrascht worden. Aber er hatte sie als eine einfache Körperreaktion auf eine schöne Frau abgetan. Auf eine verwöhnte Frau, die zehn Jahre jünger war als er mit seinen sechsunddreißig Jahren, wie er sich in Erinnerung rief.

Bis auf ihre sinnliche Ausstrahlung beeindruckte ihn seine neue Klientin in keiner Weise.

Nach allem, was er gehört hatte, war ihr Ehemann genauso fassungslos gewesen wie der Rest der Welt, als sie plötzlich die Scheidung einreichte und mit ihrem gemeinsamen Sohn das Land verließ. Niemand hatte eine plausible Erklärung dafür. Selbst ihre Freundinnen, die sie zum Teil seit ihrer Schulzeit kannten, hatten nicht mehr über sie sagen können, als dass Tess in ihrer Ehe nicht mehr ganz so glücklich gewirkt hatte wie früher. Tess selbst hatte sich öffentlich nicht zu ihrer Scheidung geäußert. Sie hatte alle Erklärungsversuche ihrem Exmann überlassen.

Dieser hatte in einigen Interviews vor dem Gerichtssaal zögerlich zugegeben, seine Frau habe ihm gesagt, sie langweile sich in der Ehe und könne sich nicht vorstellen, nur mit einem Mann glücklich zu werden.

Ein Mann, der mit so einer Frau verheiratet war, musste einem einfach leidtun.

Parker hatte Respekt vor der Ehe, ohne dass er diese Lebensform für sich selbst in Betracht zog. Er war mit seinem Beruf verheiratet. Und dieser Beruf passte nun einmal nicht zu einem Ehemann und Vater. Ein Vater sollte für seine Kinder da sein, Parker aber wusste nie genau, wo er sich am nächsten Tag aufhalten würde. Die Frau auf dem Rücksitz hatte bei ihrer Eheschließung ein Versprechen gegeben, das sie jetzt gebrochen hatte. Aus Langeweile, wie er sich mit einem unmerklichen Kopfschütteln in Erinnerung rief. Sie hatte einem Mann den Sohn weggenommen und ihn mit ihrem Verhalten öffentlich gedemütigt. Auch das fand Parker alles andere als bewundernswert.

Es ist aber auch nicht mein Job, sie zu mögen, ermahnte er sich. Solange er seine Kollegin vertrat, hatte er Tess Kendrick als Fahrer und Bodyguard zur Verfügung zu stehen. Er musste sie vor Reportern oder anderen aufdringlichen Personen schützen. Und in seiner Freizeit bereitete er die Sicherheitsmaßnahmen für eine bevorstehende Juristenkonferenz vor und blieb per Handy in Verbindung mit dem Einsatzteam, dessen Leitung er kürzlich übernommen hatte.

Mit all den Aufgaben, die er zurzeit bewältigen musste, hätte Parker diesen zusätzlichen Auftrag gar nicht übernommen, wenn Cord Kendrick bei Bennington’s nicht ausdrücklich um ihn gebeten hätte.

Die Fahrt vom Flughafen dauerte keine zehn Minuten. Sie führte durch Korn- und Erdnussfelder und endete in einem bewaldeten Villenviertel, in dem die meisten Häuser von der Straße aus nicht zu sehen waren. Auch die Kendrick-Villa lag auf einem nicht einsehbaren Grundstück.

Als Parker vor dem eisernen Tor anhielt, beugte Tess sich vor. „24, 16, 57.“

Er tippte den Code ein und wartete, bis sich die Tore geöffnet hatten. Dann fuhr er langsam die alleeähnliche Zufahrt entlang. Unter dem Blätterdach spürte man förmlich die wohltuende Frische des Schattens. Nach einer Biegung kam das dreistöckige Herrenhaus mit einem beeindruckenden Säulengang in Sicht. Davor erstreckte sich eine gepflegte Rasenfläche, in deren Mitte eine Fontäne sprudelte.

Durch seine Arbeit war Parker an ein gewisses Maß an Extravaganz gewöhnt. Seine Kunden wollten auf ihren Yachten, in Luxushotels oder auf ihrem riesigen Grundbesitz beschützt werden. Was ihn dabei am meisten beeindruckte, waren die vielen Angestellten, die zum Erhalt solcher Anwesen notwendig waren.

Diese Angestellten erwartete er nun zu sehen, als er im Säulengang anhielt. Doch die hohen Doppeltüren blieben verschlossen.

Er stieg aus und öffnete Tess und Mikey die Tür.

Als er den schlafenden Jungen herausheben wollte, wehrte Tess ab.

„Ich trage ihn schon“, sagte sie. „Wenn Sie vielleicht die Koffer nehmen würden. Hier ist mein Hausschlüssel.“ Sie hielt ihm ein Schlüsselbund hin. „Der silberne ist für die Haustür.“

Während Parker noch darüber nachdachte, wie merkwürdig es war, dass sie offenbar von niemandem erwartet wurden, half er Tess beim Aussteigen.

Sie bedankte sich, ging mit ihrem Sohn auf dem Arm zum Kofferraum und wartete darauf, dass Parker die Haube öffnete.

Er tat ihr den Gefallen und gab ihr den blauen Harry-Potter-Rucksack für ihren Jungen. Da er nicht wusste, wie er ihr sagen sollte, dass er nicht als Butler engagiert war, nahm er vier Koffer, klemmte unter jeden Arm zwei und ging damit die Treppe zur Haustür hinauf. Er schloss auf, nahm wieder das Gepäck und folgte ihr ins Innere des Hauses.

„Lassen Sie die Koffer hier im Foyer stehen, und kommen Sie bitte mit.“ Um das Kind nicht aufzuwecken, sprach sie leise und wartete auch Parkers Antwort nicht ab.

Sie durchquerten die Eingangshalle in Richtung der geschwungenen Doppeltreppe, vorbei an einem runden Tisch in der Mitte, über dem zwei Stockwerke höher ein Kristallkronleuchter hing. Im Vorbeigehen warf Parker einen Blick in die Zimmer, deren Türen offen standen. Sämtliche Vorhänge waren zugezogen, die meisten Möbel mit Tüchern verhüllt. Was ihm aber am meisten auffiel, war die gespenstische Stille im Haus, die vermuten ließ, dass es unbewohnt war.

Während er seiner Auftraggeberin folgte, begann er zu ahnen, dass dieser Job vielleicht komplizierter werden würde, als er bisher geglaubt hatte.

Sie verließen die Halle durch eine Tür unterhalb der Treppe und befanden sich nun im Personalflügel, was sich an der einfachen und zweckmäßigen Möblierung unschwer erkennen ließ. Er folgte Tess in ein geräumiges Zimmer. Auf der einen Seite standen ein Doppelbett und eine Kommode, auf der anderen ein kleiner Schreibtisch und eine Sitzecke.

Wortlos legte sie den Jungen auf das Sofa, zog ihm die Schuhe aus und deckte ihn mit einer Decke zu, die sie aus seinem Rucksack nahm. Als er sich rekelte, strich sie ihm beruhigend über den Kopf.

Ihr fürsorglicher Umgang mit dem Kind überraschte Parker. Er hatte sie nicht für einen mütterlichen Typ gehalten. Noch mehr aber wunderte er sich über ihr unbehagliches Lächeln, mit dem sie an ihm vorbei in die Küche ging.

Sie schaltete das Licht an und drehte sich zu ihm um. „Sie können das Zimmer benutzen, wo Mikey jetzt schläft. Es gehört unserer Haushälterin“, erklärte sie höflich. „Rose ist den Sommer über bei meinen Eltern in den Hamptons. Das übrige Personal hat auch Urlaub. Im Moment halten sich nur der Stallmeister und seine Frau auf dem Gelände auf. Sie wohnen über den Ställen. Und der Gärtner. Er lebt in dem Cottage unten am See. Rose hat ein eigenes Bad. Sie dürfen aber auch gern den Pool und den Fitnessraum benutzen.“

Tess beobachtete ihn, wie er ihr mit emotionsloser Miene zuhörte und gleichzeitig alle Einzelheiten im Raum aufnahm, einschließlich des angrenzenden Wirtschaftsraums mit Hinterausgang. Sie war sicher, dass seinem prüfenden Blick nichts entging, auch wenn seine Mimik nichts über seine Gedanken verriet.

Dieser Mann machte sie nervös. Die Anstrengungen der Reise und ihre Müdigkeit verstärkten ihre Verunsicherung noch zusätzlich. Aber sie war von klein auf dazu erzogen, in jeder Situation Haltung zu bewahren. Sie würde sich auch von diesem Muskelprotz und seinem Schweigen nicht aus der Fassung bringen lassen.

„Ich nehme an, Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht“, begann sie, während sie sich zur Seite drehte. „Sie wissen sicherlich, was über mich geredet wurde, bevor ich das Land verlassen habe.“

Sie drehte sich wieder zu ihm und schaute ihm in die verwirrend blauen Augen. Er stand im Eingang. Mit der rechten Hand hielt er sein linkes Handgelenk umfasst.

„Das meiste, ja“, bestätigte er.

Tess wollte sich lieber nicht vorstellen, was er von all dem Schmutz dachte, und sie wollte auch gar nicht darauf eingehen, denn sie brauchte ihn als Bodyguard an ihrer Seite. Und was noch wichtiger war, sie brauchte ihn als Verbündeten.

„Sie wissen ja, dass die Presse gern die Tatsachen verdreht und für ihre Zwecke ausschlachtet. Das gilt auch in meinem Fall.“ Sie verschränkte die Arme und lehnte sich gegen die Kochinsel.

Bevor er sie fragen konnte, warum sie die Meldungen nicht dementiert hatte, fuhr sie fort: „Mein Bruder sagte, ich könne Ihnen vertrauen. Abgesehen von meiner Familie kenne ich niemanden mehr, zu dem ich Vertrauen habe. Also habe ich mich auf das Urteil meines Bruders verlassen. Er sagte auch, dass Sie für nahezu alles zu haben seien.“

Sie sah, dass er ganz leicht eine Augenbraue hob. Das war seine einzige Reaktion.

„Ich wollte meine Pläne nicht am Telefon erklären, aber ich möchte, dass Sie ein paar Dinge für mich erledigen. Hoffentlich macht Ihnen das nichts aus.“

Parker hatte im Laufe der Jahre gelernt, auf Menschen und Situationen vorbereitet zu sein. Überraschungen erlebte er nur selten. Aber mit so viel Offenheit hatte er nicht gerechnet. Diese Frau stand da und strahlte mit ihrem hoffnungsvollen Lächeln eine Art von Einsamkeit aus, die er selbst nur allzu gut kannte.

Er verdrängte diesen unerwünschten Gedanken und musterte Tess eindringlich. „Sie können Ihrem Bruder glauben. Bei mir sind Sie absolut sicher. Allerdings weiß ich nicht, ob er Sie mit seiner Beschreibung über mich nicht doch etwas irregeführt hat.“ Wenn die Situation es erlaubte, amüsierte er sich auch gern mal. Aber er bezweifelte, dass Cords kleine Schwester nach einer guten Pokerrunde Ausschau hielt oder ihn als Begleitung in Nachtclubs brauchte. Auf derartige Neigungen hatte er keinerlei Hinweise gefunden. „Ich halte mich an die Regeln, Miss Kendrick, und arbeite immer im Rahmen der Legalität.“

Sie sah ihn entsetzt an. „Ich würde nie etwas Illegales von Ihnen verlangen.“

„Dann sagen Sie mir doch bitte, worum es geht.“

„Termine vereinbaren, Besorgungen machen.“ Sie zuckte mit den Schultern, als ginge es um Belanglosigkeiten. „Vielleicht mal auf Mikey aufpassen. Aber höchstens für ein paar Minuten. Und auch nur, wenn es gar nicht anders geht“, fügte sie hastig hinzu.

Parker unterdrückte ein Stöhnen. Er war ihr Bodyguard und nicht ihr persönlicher Sklave. Und erst recht kein Babysitter. „Bei allem Respekt, Miss Kendrick, aber meine Aufgaben sind in dem Vertrag mit Bennington’s klar definiert. Ich sorge für Ihre Sicherheit, im privaten Bereich und in der Öffentlichkeit. Wenn Sie einen persönlichen Assistenten brauchen, müssen Sie jemanden einstellen. Dasselbe gilt für ein Kindermädchen.“

Er beobachtete sie, wie sie sich eine Haarsträhne aus dem perfekt geschminkten Gesicht strich. Unwillkürlich wanderte sein Blick zum V-Ausschnitt ihres Seidenjacketts. Ein verführerischer Anblick.

Dass Tess Kendrick es gewohnt war, ihren Willen durchzusetzen, verriet schon allein ihre Erscheinung und ihre Körperhaltung. Doch die erwartete Offensive blieb aus.

„Das ist ja mein Problem“, sagte sie fast entschuldigend. „Wenn ich nur wüsste, wen ich einstellen … wem ich vertrauen kann.“ Sie zuckte die Achseln. „Ich möchte meinen Aufenthalt hier noch möglichst lange geheim halten. Sobald die Presse davon erfährt, fangen die Spekulationen wieder von vorn an.“

Nun sah sie ihn fast flehend an. „Ich möchte doch nur, dass Sie mir beim Kauf eines Hauses helfen. Wenn ich mich selbst darum kümmere, wird sofort bekannt, dass ich wieder hier bin. Aber wenn Sie die Termine abmachen und bei der Besichtigung vielleicht als Interessent auftreten …“ Sie ließ den Satz im Raum stehen. „Sobald ich etwas Passendes für Mikey und mich gefunden habe, übergebe ich die Sache unseren Anwälten. Und dann brauche ich noch ein Auto“, fiel ihr ein, als sie im Geiste ihre To-do-Liste durchging.

„Was ist mit Ihren Brüdern?“, fragte Parker. „Können die Ihnen nicht helfen?“

„Gabe hat keine Zeit.“ Ihr ältester Bruder war Gouverneur in Virginia. Tess wollte ihn aber vor allem deshalb nicht um Hilfe bitten, weil der Presserummel um ihre Scheidung seinem Ruf ohnehin schon geschadet hatte.

„Und Cord?“

„Cord ist mit seiner Frau segeln. In den Florida Keys“, fügte sie hinzu, um zu unterstreichen, dass er keinesfalls verfügbar war. „Ich würde ja meine Schwester fragen, aber sie wohnt über eine Stunde entfernt und hat zwei kleine Kinder. Abgesehen davon würden wir zu zweit auch zu viel Aufsehen erregen.“

Die beiden Kendrick-Schwestern zusammen in der Öffentlichkeit, das wäre allerdings eine Einladung für die Klatschreporter, dachte Parker.

„Es würde auch nicht lange dauern“, versuchte sie ihn zu überreden.

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