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Bob und wie er die Welt sieht

Über den Autor

James Bowen ist der Autor des internationalen Bestsellers BOB, DER STREUNER. Er fand den Straßenkater Bob 2007 und nahm ihn auf. Das ungleiche Paar ist seitdem unzertrennlich. Beide leben im Norden Londons.

James Bowen

Bob und wie er
die Welt sieht

Neue Abenteuer mit dem Streuner

Aus dem Englischen von
Ursula Mensah

Dieses Buch widmen wir all den stillen Helden des Alltags, die Obdachlosen und Tieren in Not helfen.

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Inhaltsangabe

1 Der Nachtwächter

2 Neue Kunststücke

3 Das Bob-Mobil

4 Ein seltsames Paar

5 Ein Geist im Treppenhaus

6 Der Müll-Inspektor

7 Die Katze auf dem Dach

8 Keiner ist blinder

9 Bobs große Nachtwanderung

10 Zwei Welten

11 Zwei coole Kater

12 Glücksmomente mit Bob

13 Staatsfeind Nr. 1

14 Stolz und Vorurteil

15 Mein Retter

16 Doktor Bob

17 Urinstinkte

18 Warten auf Bob

Epilog: Für immer

Danksagung

Wer eine Katze hat, braucht das Alleinsein nicht zu fürchten.

Daniel Defoe

Könnte man Menschen mit Katzen kreuzen, würde dies die Menschen veredeln, aber die Katzen herabsetzen.

Mark Twain

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1

Der Nachtwächter

Es war einer dieser Tage, an denen einfach alles schiefläuft.

Los ging es schon vor dem Aufstehen, weil der Wecker nicht klingelte und ich verschlief. Deshalb verließen mein Kater Bob und ich viel zu spät das Haus, um den Bus zu erwischen, der uns täglich von meiner Wohnung in Tottenham, einem nördlichen Stadtteil von London, nach Islington brachte, wo ich die Obdachlosenzeitung The Big Issue verkaufte. Wir saßen gerade mal fünf Minuten im Bus, als die nächste Panne passierte.

Bob saß wie immer auf dem Sitz neben mir und döste mit halb geschlossenen Augen. Plötzlich hob er ruckartig den Kopf und sah sich argwöhnisch um. In den zwei Jahren, die er jetzt bei mir war, hatte ich gelernt, seine Vorahnungen ernst zu nehmen. Sekunden später füllte sich der Bus mit ätzenden Rauchschwaden. Der Busfahrer verkündete mit aufgeregter Stimme, die Fahrt sei hier und jetzt zu Ende. Er forderte uns Passagiere auf, sofort und »auf der Stelle« auszusteigen.

Das darauf folgende Chaos war zwar nicht vergleichbar mit der Evakuierung der Titanic, aber der Bus war ziemlich voll, und alle Fahrgäste drängelten und schubsten mit viel Ellbogeneinsatz zu den Ausgängen. Ich verließ mich lieber auf Bob, und der hatte es gar nicht eilig. Deshalb warteten wir, bis sich der Tumult gelegt hatte, und stiegen als Letzte aus. Eine weise Entscheidung, wie sich schnell herausstellte. Drinnen hatte es zwar bestialisch gestunken, aber es war wenigstens warm gewesen.

Der Bus war genau vor einer großen Baustelle zum Stehen gekommen. Durch diese Lücke in der Häuserreihe pfiffen uns eisige Sturmböen, denen wir Passagiere jetzt ungeschützt ausgeliefert waren, gnadenlos um die Ohren. Zum Glück hatte ich heute Morgen trotz aller Eile beim Verlassen der Wohnung noch einen besonders dicken Schal um Bobs Hals geschlungen.

Die Ursache für die Rauchschwaden im Bus war schnell gefunden. Es war nur ein überhitzter Motor, aber der Fahrer musste trotzdem auf einen Mechaniker warten. Also standen die meisten von uns über eine halbe Stunde zitternd und frierend am Straßenrand und warteten auf den Ersatzbus.

Der morgendliche Berufsverkehr tat sein Übriges, und so brauchten wir an diesem Tag tatsächlich geschlagene 90 Minuten bis zu unserer Haltestelle in Islington. Wir waren unendlich spät dran. Ich würde die Mittagspause der Geschäftsleute verpassen, eine lukrative Zeit für den Verkauf der Big Issue.

Die letzten fünf Minuten Fußweg zu unserem Stammplatz an der U-Bahnstation Angel dauerten leider auch wieder länger. So war das immer, wenn ich Bob dabei hatte. Manchmal lief er an der Leine neben mir her, aber meistens saß er auf meiner Schulter. Da hatte er den besten Überblick, wie ein kleiner Pirat im Aussichtskorb auf dem höchsten Mast seines Schiffes. Sogar in einer Stadt wie London waren wir beide kein alltäglicher Anblick. Deshalb kamen wir selten mehr als zehn Schritte am Stück voran. Immer wieder wurden wir angehalten, weil jemand Bob streicheln oder ein Foto von uns machen wollte.

Gestört hat mich das noch nie. Bob ist ein wunderschöner Kater mit einer ganz besonderen Ausstrahlung, und er genießt die Aufmerksamkeit von Fremden – solange sie ihm wohlgesinnt sind. Aber genau das kann man bei Fremden nie wissen.

Die Erste, die uns aufhielt, war eine kleine Frau mit russischem Akzent. Sie hatte vom Umgang mit Katzen genauso viel Ahnung wie ich vom Vortragen russischer Gedichte.

»Oh, koschka, so hübsch«, säuselte sie bei Bobs Anblick und blieb vor uns stehen. Sie hatte uns in der Camden Passage erwischt, einem schmalen Durchgang mit vielen Restaurants, Bars und Antiquitätenläden, der auf der südlichen Seite von Islington Green entlangläuft. Ich blieb stehen, damit sie Bob gebührend bewundern konnte, aber sie streckte sofort ihre Hand aus und wollte ihn an der Nase berühren.

Das war ein schwerer Fehler. Bob reagierte instinktiv auf diesen »Angriff«. Er wehrte ihre Hand mit einem blitzschnellen Pfotenhieb ab, wobei er gleichzeitig ein lautes, empörtes »iiiiiauuuuuu« von sich gab. Diese kratzbürstige Reaktion, wenn auch ohne Krallen, hatte die Dame so erschreckt, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mir Zeit zu nehmen, um sie zu beruhigen.

»Is’ ok, is’ ok. Ich wollte nur freundlich sein«, stotterte sie, aschfahl im Gesicht. Sie war schon älter, und ich hatte Angst, sie würde gleich mit einen Herzanfall zusammenklappen. »So etwas sollten Sie nie tun, wenn Sie ein Tier nicht kennen«, erklärte ich ihr in ruhigem, höflichem Ton. »Wie würden Sie denn reagieren, wenn ein Fremder Ihnen zur Begrüßung gleich ins Gesicht grapschen würde? Sie haben Glück, dass er Sie nicht gekratzt hat.«

»Ich wollte ihn nicht böse machen«, jammerte sie.

Jetzt tat sie mir leid. »Los, ihr beiden, vertragt euch«, versuchte ich zu vermitteln. Aber Bob hatte keine Lust. Er stellte sich stur. Erst nach einem Versöhnungs-Leckerchen erlaubte er ihr gnädig, ihm sanft über den Nacken zu streicheln. Die russische Frau hörte nicht mehr auf, sich zu entschuldigen, und wollte uns einfach nicht weitergehen lassen.

»Es tut mir so leid, so sehr leid«, wiederholte sie ständig.

»Kein Problem«, versicherte ich ihr wiederholt. Ich wollte einfach nur weiter.

Als wir uns endlich losgeeist hatten und an der U-Bahn-Station ankamen, legte ich, wie üblich, meinen Rucksack für Bob als weiche Unterlage auf den Boden und drapierte die Zeitschriften, die ich am Vortag von unserem Big Issue-Großhändler erstanden hatte, um ihn herum. Mein Ziel war es, an diesem Tag mindestens zwei Dutzend Magazine zu verkaufen, denn wie üblich waren wir mal wieder pleite.

Aber an diesem Tag hatte sich alles gegen mich verschworen, sogar das Wetter.

Seit dem späten Vormittag hingen unheilvolle, stahlgraue Wolkenbänke über der Stadt. Noch bevor ich die erste Zeitung verkauft hatte, platzten sie auf, und ich musste mit Bob in eine nahegelegene Unterführung zwischen einer Bank und einem Bürogebäude flüchten.

Bob ist wirklich sehr belastbar, aber er hasst Regen. Vor allem, wenn es dabei so eiskalt ist wie an diesem Tag. Er scheint bei Regen regelrecht zu schrumpfen. Sein Fell, das sonst hell wie Orangenmarmelade leuchtet, bekommt einen traurigen Graustich. Kein Wunder, dass weniger Leute als sonst seinetwegen stehen blieben. In Folge verkaufte ich auch weniger Zeitschriften.

Den ganzen Tag wollte es einfach nicht mehr aufhören zu regnen. Bob hatte keine Lust mehr, bei diesem Wetter noch länger auf der Straße herumzuhängen. Er bombardierte mich mit vernichtenden Blicken und rollte sich ein wie ein rotpelziger Igel. Natürlich verstand ich seinen Groll, aber ich musste an unsere finanzielle Misere denken. Das Wochenende stand vor der Tür und ich brauchte Geld, um uns bis Montag mit Lebensmitteln und Katzenfutter zu versorgen. Aber mein Stapel an Zeitschriften wurde einfach nicht kleiner.

Die Krönung dieses verhexten Tages war ein junger Polizist, der am Nachmittag auftauchte und ganz offensichtlich ein Opfer für seine schlechte Laune suchte. Das passierte mir zwar immer wieder, aber genau an diesem Tag konnte ich die erzwungene Verkaufspause gar nicht gebrauchen. Ich kannte das Gesetz. Ich war berechtigt, hier meine Zeitschriften zu verkaufen. Mein Verkäuferausweis war der Beweis dafür, und solange ich kein öffentliches Ärgernis erregte, durfte ich mich hier aufhalten. Vom Morgengrauen bis zum Abendrot. Dummerweise war ihm auch noch langweilig, und so bestand er darauf, mich zu durchsuchen. Keine Ahnung, was er gerne bei mir gefunden hätte, wahrscheinlich Drogen oder eine gefährliche Schusswaffe, aber diesen Gefallen konnte ich ihm leider nicht tun.

Er war sichtlich enttäuscht, aber anstatt mich endlich in Ruhe zu lassen und weiterzugehen, fing er an, mich über Bob auszuquetschen. Ich erklärte ihm, dass mein Kater ordnungsgemäß registriert und gechippt war. Damit konnte ich ihm zwar auch keine Freude machen, aber er zog endlich Leine – mit einer Miene, die fast so grimmig war wie das Wetter an diesem Tag.

Ich hielt noch ein paar Stunden durch, aber nach Büroschluss am frühen Abend, als auch die Angestellten nach Hause geflüchtet waren, gab ich auf. Die Straßen füllten sich mit Pub-Besuchern und randalierenden Jugendlichen.

Ich fühlte mich ausgelaugt und leer: Ich hatte mit Mühe und Not zehn Zeitungen verkauft und nur einen Bruchteil von unserem üblichen Tagessatz eingenommen. Ich habe lange genug von Dosenbohnen zum Sonderpreis und Brot vom Vortag gelebt, um zu wissen, dass ich nicht verhungern würde. Ich hatte noch genug Geld für zwei Dosen Katzenfutter und zum Auffüllen der Gas- und Stromuhren. Aber ich würde am Wochenende arbeiten müssen, um meinen Vorrat an Zeitschriften vor dem Montag loszuwerden. Das hätte ich mir gern erspart, denn der Wetterbericht hatte weiterhin Regen angekündigt, und ich war müde und erschöpft.

Auf der Heimfahrt im Bus wurden mir die Glieder schwer, ein sicheres Zeichen für eine Grippe im Anmarsch. Mir tat alles weh und ich hatte Hitzewallungen. Na toll, das fehlt mir gerade noch, dachte ich und kuschelte mich tiefer in meinen Sitz, um ein kleines Nickerchen zu halten.

Der Himmel war inzwischen tintenschwarz, sodass man die Straßenlampen früher eingeschaltet hatte. Bob fand das hell erleuchtete London bei Nacht immer faszinierend. Während ich abwechselnd einnickte und wieder hochschreckte, starrte er wie gebannt aus dem Fenster.

Der Verkehr zurück nach Tottenham war genauso schlimm wie am Morgen auf dem Weg in die Stadt. Der Bus bewegte sich im Schneckentempo vorwärts. Kurz nach der Haltestelle Newington Green war ich fest eingeschlafen.

Ein leichtes Tappen auf meinem Oberschenkel und das Kitzeln von Schnurrhaaren auf meiner Wange holten mich aus dem Tiefschlaf. Als ich die Augen öffnete, schwebten Bobs Nase samt riesengroßer Katzenaugen genau vor meinem Gesicht, während er mit seinen Vorderpfoten mein Knie bearbeitete.

»Was ist?«, nuschelte ich leicht genervt.

Bob legte den Kopf schief, als deute er Richtung Ausstieg. Dann sprang er von seinem Sitz und lief den Mittelgang entlang, wobei er mir über seine Schulter wiederholt beunruhigte Blicke zuwarf.

»Wo willst du hin?«, wollte ich ihm gerade nachrufen, als mein Blick das Fenster streifte.

»Oh, Mist«, fluchte ich, als ich sah, wo wir waren. Wie von der Tarantel gestochen, schoss ich hoch, schnappte meinen Rucksack und konnte gerade noch rechtzeitig den Halteknopf drücken. Ohne meinen kleinen Nachtwächter hätten wir auch noch unsere Haltestelle verpasst.

Auf dem Heimweg vom Bus holte ich mir in der Apotheke noch ein paar billige Grippetabletten. Im nächsten Laden kaufte ich ein paar Snacks für Bob und einen Beutel seiner Lieblingssorte, Hühnchen in Soße. Irgendwie musste ich mich ja bei ihm entschuldigen und bedanken. Wir hatten einen grauenhaften Tag hinter uns und Grund genug für eine Runde Selbstmitleid. Aber als ich zu Hause in meiner kleinen, warmen Wohnung Bob zusah, wie er mit Hingabe sein Futter verschlang, wurde mir klar, dass es nichts zu jammern gab. Hätte ich unsere Bushaltestelle verschlafen, wären wir jetzt immer noch da draußen. Der Wind trieb den Regen vor sich her und klatschte ihn gegen unsere Fenster. Ich hätte mir wahrscheinlich eine Lungenentzündung einfangen statt der leichten Grippe.

So gesehen, war ich doch gut davongekommen und ein wahrer Glückspilz. Die Sichtweise ist entscheidend, frei nach dem alten Sprichwort: Es ist schöner, sich an Dingen zu erfreuen, die man erreicht hat, als über alles zu jammern, was man nicht besitzt.

Nach dem Abendessen machte ich es mir mit einer warmen Decke auf der Couch gemütlich. Dazu gab es einen Grog aus Honig, Zitrone, heißem Wasser und einen Schuss Whiskey aus einer Miniflasche, die schon lange in der Küche herumgelegen hatte. Mein Blick fiel auf Bob, der zufrieden zusammengerollt in seinem Körbchen neben der Heizung schlummerte. Die Widrigkeiten des Tages hatte er längst abgehakt. In diesem Moment hätte er nicht glücklicher sein können. Ich nahm mir vor, die Welt in Zukunft verstärkt mit seinen Augen zu betrachten. Schließlich gab es inzwischen so vieles in meinem Leben, woran ich mich erfreuen konnte.

Vor etwa zwei Jahren hatte ich Bob verletzt im Erdgeschoss meines Mietshauses gefunden. Als ich ihn im düsteren Hausflur entdeckte, sah er ziemlich mitgenommen aus. Seinen Kampfspuren nach zu urteilen, war er von einem anderen Tier angegriffen und verletzt worden.

Anfangs dachte ich noch, er gehöre irgendwelchen Nachbarn, aber da er mehrere Tage an der gleichen Stelle hockte, nahm ich ihn mit nach oben in meine Wohnung und pflegte ihn gesund. Für seine Medizin legte ich mein letztes Geld auf den Tisch, aber das war er mir wert. Es war schön, ihn um mich zu haben, und wir hatten gleich eine starke Bindung zueinander.

Damals hielt ich das Ganze noch für eine kurzfristige Zweckgemeinschaft. Er war ganz offensichtlich ein Streuner, und ich ging davon aus, dass er sich aus dem Staub machen würde, sobald es ihm besser ginge. Aber da hatte ich mich getäuscht. Er wich mir nicht mehr von der Seite. Als es ihm besser ging, nahm ich ihn jeden Tag mit nach draußen, um ihm seine Freiheit zurückzugeben. Und jeden Tag lief er mir nach, wenn ich zur Arbeit ging. Abends tauchte er spätestens im Hausflur wieder auf, um die Nacht bei mir zu verbringen. Es heißt, Katzen suchen sich ihren Menschen aus und nicht umgekehrt. Als er mir eines Tages bis zur Bushaltestelle an der Tottenham High Road hinterhergeschlichen war, wurde mir klar, dass er sich für mich entschieden hatte. Obwohl wir fast zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt waren, musste ich ihn verscheuchen. Widerwillig verschwand er in der Menschenmenge, und ich war sicher, er würde nicht mehr zu mir nach Hause zurückfinden. Aber gerade als mein Bus losfahren wollte, tauchte er wie ein orangefarbener Pfeil aus dem Nichts wieder auf, sprang ins Businnere und fläzte sich wie selbstverständlich auf den Sitz neben mir. Und das war’s.

Seither sind wir unzertrennlich, zwei verlorene Seelen, die auf den Straßen von London ihren Lebensunterhalt zusammenkratzen.

Wir waren Seelenverwandte und halfen uns gegenseitig bei der Verarbeitung unserer schwierigen Vergangenheit. Bob bekam von mir Zuwendung, Futter und ein Dach über den Kopf, und dafür schenkte er mir neue Hoffnung und eine sinnvolle Aufgabe. Er bereicherte mein Leben mit Loyalität, Liebe und Spaß, aber auch mit einem Verantwortungsgefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte. Durch ihn steckte ich mir wieder Ziele und sah die Welt mit anderen Augen.

Mehr als zehn Jahre meines Lebens war ich drogensüchtig und obdachlos gewesen. Mein Zuhause waren Toreinfahrten, Obdachlosenunterkünfte oder billige Absteigen in und um London. Meine Erinnerungen an diese verlorenen Jahre sind voller Lücken und schemenhafter Bilder. In einem Nebel der Gleichgültigkeit taumelte ich von einem Tag zum anderen. Das Heroin betäubte meine Einsamkeit und die Scham über mein klägliches Dasein.

Als Obdachloser war ich für die meisten Menschen unsichtbar. Und so vergaß ich mit der Zeit, wie man sich in der normalen Welt benimmt und vor allem, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht. Ich war ein Seelenloser, für meine Umwelt so gut wie tot.

Aber mit Bobs Hilfe wurde ich langsam wieder lebendig. In großen Schritten bewältigte ich mein Drogenproblem, machte zuerst einen Heroinentzug und schaffte es auch, die Ersatzdroge Methadon abzusetzen. Noch nahm ich regelmäßig Medikamente, aber das Licht am Ende des Tunnels war bereits zu sehen. Schon bald würde ich ganz ohne Hilfsmittel auskommen.

Das war nicht ganz so einfach, wie es sich jetzt anhört. Einmal süchtig, immer gefährdet. Zwei Schritte vor, einen zurück. Dazu kam mein Arbeitsplatz auf der Straße. Nächstenliebe war dort ein Fremdwort. Ständig musste man auf der Hut sein, Ärger gab es reichlich, besonders für mich. Ich schien Probleme anzuziehen wie ein Magnet. So war das schon immer gewesen.

Ich wollte nicht ewig auf der Straße arbeiten. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie und ob ich das je schaffen würde, aber ich war zumindest wild entschlossen, es zu versuchen.

Aber für den Moment war ich zufrieden mit dem, was ich bisher erreicht hatte. Für die meisten Menschen war das vielleicht nicht viel. Ich hatte nie genug Geld, meine Wohnung war weder schick eingerichtet noch in bester Lage, und ich hatte kein Auto. Aber im Gegensatz zu früher hatte ich wieder einen Platz in der Gesellschaft. Ich hatte eine eigene Wohnung und meinen Job als Big Issue-Verkäufer. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich eine Perspektive – und ich hatte Bob. Auf seine Freundschaft und Hilfe auf unserem gemeinsamen Weg in die Zukunft konnte ich mich verlassen.

Ich stand auf, um früh ins Bett zu gehen. Vor meinem tief schlafenden Bob blieb ich kurz stehen und kraulte ihm sanft das Nackenfell.

»Wo wäre ich heute wohl ohne dich, mein kleiner Freund?«

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2

Neue Kunststücke

Wir sind alle Gewohnheitstiere. Bob und ich sind da keine Ausnahme. Dazu gehört unser Morgenritual. Manche Leute brauchen das Radio, um wach zu werden, andere ihre Gymnastik, und die meisten brauchen eine Tasse Tee oder Kaffee. Bob und ich brauchen Zeit zum Spielen.

Sobald ich wach werde und mich im Bett aufsetze, schält sich auch Bob aus seinem Körbchen, das bei mir im Schlafzimmer steht. Gemächlich schlendert er zu mir herüber, setzt sich vor mich hin und starrt mich erwartungsvoll an. Wenn ich noch schlaftrunken vor mich hin starre, gibt er aufmunternde Laute von sich. Er klingt dann fast wie ein vibrierendes Mobiltelefon. Brrrrrr, brrrrrrr.

Beachte ich ihn dann immer noch nicht, wechselt er die Tonlage. Aus »miau« wird ein trauriges, flehendes »Uwäääääh«. Manchmal stützt er sich mit den Vorderpfoten auf der Matratze ab und streckt sich zu mir hoch, sodass seine Nasenspitze fast die meine berührt. Dann tippt er eine Pfote nah an mein Gesicht, als wollte er sagen: »Hallo, wie lange willst du mich noch ignorieren? Ich bin schon ewig wach und habe einen Mordshunger, also, wo bleibt mein Frühstück?« Wenn ich dann noch immer nicht in die Gänge komme, fährt er die Charmeoffensive auf. Er kann perfekt den »Gestiefelten Kater« aus den Shrek-Filmen imitieren. Dann steht er auf meinem Bett und starrt mich mit seinen großen, leuchtend grünen Augen und schräg gelegtem Kopf hingebungsvoll an. Dabei sieht er so umwerfend süß und unwiderstehlich aus, dass er mir immer ein Lächeln entlockt. Und alles kriegt, was er haben will.

Ich bewahre immer eine Packung seiner Lieblingssnacks in der Schublade vom Nachtkästchen neben dem Bett auf. Manchmal, wenn ich noch müde bin, kommt er aufs Bett zum Kuscheln, und da gibt es auch schon die ersten Häppchen. Aber meistens werfe ich die Stückchen auf den Teppich und beobachte Bob, wie er ihnen eifrig hinterherjagt. Katzen sind flinke und geschmeidige Tiere. Bob schafft es sogar, diese Kügelchen im Flug abzufangen, wie ein Kricket- oder Baseballspieler. Er springt hoch und fängt sie mit der Pfote auf. Manchmal schnappt er sie sogar direkt aus der Luft mit dem Mäulchen auf. Das muss man gesehen haben.

Wenn ich mal richtig müde bin oder keine Lust zum Spielen habe, kann er sich auch gut allein beschäftigen. Wie an jenem Sommermorgen, als ich im Bett lag und Frühstücksfernsehen schaute. Es sollte ein heißer Tag werden, und bei uns im fünften Stock war es jetzt schon kaum noch auszuhalten. Bob hatte sich an einem schattigen Plätzchen des Schlafzimmers eingerollt und schien fest zu schlafen. Zumindest sah es so aus.

Bis er mit einem Ruck hochfuhr und auf mein Bett sprang. Er federte sich von der Matratze ab wie von einem Trampolin und landete hoch oben an der Wand hinter mir. Dort berührte er mit allen vier Pfoten die Wand und katapultierte sich so wieder zurück auf mein Bett.

»Verdammt, Bob …?«, rief ich völlig überrumpelt. Aber Bob ignorierte mich. Stattdessen starrte er höchst konzentriert auf meine Bettdecke. Als ich seinem Blick folgte, sah ich ihn: einen kleinen Tausendfüßler, der sich in eine Falte meiner Bettdecke verirrt hatte. Bob machte sich bereit, ihn zwischen seinen Zähnen zu zermalmen.

»O nein, Bob, das lässt du schön bleiben!«, warnte ich. Schließlich können Insekten für Katzen giftig sein. »Du hast keine Ahnung, wo der schon überall war!«

Er warf mir einen vernichtenden Blick zu. »Spielverderber« hieß das wohl.

Bobs Schnelligkeit, Kraft und Beweglichkeit haben mich schon immer sehr beeindruckt. Jemand hat mal gesagt, Bob müsse eine Maine Coon, einen Luchs oder eine andere Art von Wildkatze in seinem Stammbaum haben. Alles ist möglich. Seine Vergangenheit ist ein Buch mit sieben Siegeln. Ich weiß nicht, wie alt er ist, und ich habe keine Ahnung, wie er gelebt oder überlebt hat, bevor ich ihn fand. Nur ein DNA-Test könnte Auskunft über seine Herkunft geben. Aber wozu? Bob ist Bob. Mehr brauche ich nicht zu wissen.

Aber ich war nicht der Einzige, der dem unwiderstehlichen Charme von Bob verfallen war. Im Frühjahr 2009 waren Bob und ich schon ein Jahr als Big Issue-Verkäufer unterwegs. Anfangs hatte man uns eine Verkaufsstelle an der U-Bahn-Station Covent Garden im Zentrum von London zugewiesen. Aber inzwischen waren wir in den Stadtteil Islington, an die U-BahnHaltestelle Angel umgezogen. Dort waren wir die einzigen Straßenverkäufer, und Bob hatte sich einen kleinen, treuen Stamm von Bewunderern aufgebaut.

Soviel ich wusste, war ich der einzige Big Issue-Verkäufer mit Katze in ganz London. Aber auch wenn es ein zweites Paar gegeben hätte, die andere Katze hätte Bob im Umgang mit Kunden nicht das Wasser reichen können. Nur er zog die Menschen in Scharen in seinen Bann und schenkte jedem einen Glücksmoment.

In der ersten Zeit, als Bob und ich uns gerade erst zusammengetan hatten, war ich noch als Straßenmusiker unterwegs. Damals saß Bob meist reglos wie Buddha vor mir und beobachtete interessiert das geschäftige Treiben um ihn herum. Die Passanten fanden das entzückend; vielleicht hat er sie aber auch hypnotisiert, denn sie blieben stehen, streichelten ihn und redeten mit ihm. Viele von ihnen wollten auch unsere Geschichte hören. Dann durfte ich erzählen, wie wir uns gefunden haben und ein Team geworden sind. Aber das war’s dann auch.

Seit wir jedoch The Big Issue verkauften, war Bob viel aktiver geworden. Ich hatte auch mehr Zeit, mich zu ihm auf den Boden zu setzen und mit ihm zu spielen. Daraus waren ein paar kleine Kunststücke entstanden.

Alles fing damit an, dass Bob den Alleinunterhalter mimte. Er war schon immer sehr verspielt gewesen, also hatte ich immer das eine oder andere Spielzeug aus seiner Sammlung für ihn im Rucksack. Er warf es hoch, schleuderte es weg und jagte ihm hinterher. Sein absolutes Lieblingsteil war ein kleines graues Mäuschen, das ursprünglich mit Katzenminze gefüllt gewesen war.

Aber die Nähte waren längst vom wilden Spielen aufgeplatzt, und übrig geblieben war ein zerfledderter, schmuddeliger kleiner Lappen. Als Maus war das Teil zwar auch grau gewesen, aber der klägliche Rest war mehr schmutzig als grau. Bob hatte wirklich jede Menge Spielzeug, fast alles Geschenke von seinen Bewunderern, aber mit der »Schmuddelmaus«, wie ich sie nannte, spielte er immer noch am liebsten.

Manchmal, wenn wir vor dem U-Bahnhof Angel saßen, trug er seine Schmuddelmaus stolz im Maul, als wäre sie eine ganz besonders wertvolle Trophäe. Mal schob er sie mit den Pfoten herum, dann packte er sie mit den Zähnen am Schwanz und schleuderte sie durch die Luft, sodass sie in hohem Bogen wegflog. Wie ein übermütiger Gaul galoppierte er dann hinterher, warf sich auf sie, und das ganze Spiel begann von Neuem. Bob war ein leidenschaftlicher Mäusejäger, und ich nehme an, das war seine tägliche Trainingseinheit. Mit dieser »Nummer« hielt er die Passanten auf, und ich habe Pendler erlebt, die täglich bis zu zehn Minuten selbstvergessen dastanden, nur um Bob beim Spielen zu beobachten.

Wenn nichts zu tun war, setzte ich mich zu ihm auf den Boden und spielte mit ihm. Anfangs übten wir Händeschütteln. Ich streckte meine Hand aus und Bob seine Pfote, um meine Hand festzuhalten. Wir wiederholten nur ein Spiel von zu Hause, aber unsere Zuschauer waren entzückt. Sie blieben stehen, um uns zuzusehen, und wir wurden oft fotografiert. Wenn ich für jeden Kommentar wie »Oh, wie süß« oder »Das ist ja hinreißend« – übrigens meist von weiblichen Passanten – ein Pfund bekommen hätte, würde ich schon lange nicht mehr auf der Straße herumsitzen.

Es gibt wahrlich schönere Dinge im Leben, als sich bei jedem Wetter draußen einen abzufrieren. Wie etwa mit Bob zu spielen. Dass wir dabei den Passanten ein Unterhaltungsprogramm boten, war zweitrangig. Mit Bob zusammen verging die Zeit einfach schneller, und die Arbeit machte mehr Spaß. Natürlich verkaufte ich dadurch auch mehr Zeitungen. Aber das war nur ein zusätzlicher Segen, den Bob mit sich brachte.

Wir verbrachten so viele Stunden vor dem Eingang der U-Bahn-Station Angel, dass wir unser Kunststück weiter ausbauten.

Bob war verrückt nach seinen Katzensnacks, und mir fiel auf, dass er jeden noch so extremen Aufwand betrieb, um an sie heranzukommen. Wenn ich so ein Kügelchen hoch über seinen Kopf hielt, stellte er sich auf seine Hinterbeine und versuchte, es mir mit einem gezielten Pfotenhieb aus der Hand zu schlagen. Dabei umfasste er zuerst mit beiden Vorderpfoten mein Handgelenk, um sich zu stabilisieren. Dann löste er eine Pfote und angelte damit nach seinem Snack. Unsere Kunden waren begeistert. Es muss mittlerweile Hunderte von Leuten geben, die mit Bildern von Bob auf ihren Handys und Kameras herumlaufen, wie er sich auf den Hinterbeinen zum Himmel streckt.

Aber wir haben dieses Kunststück noch weiterentwickelt. Sein Griff um mein Handgelenk war immer so fest wie ein Schraubstock. Also fing ich an, ihn langsam und vorsichtig hochzuheben, sodass er ein paar Zentimeter vom Boden abhob.

Meistens blieb er so ein paar Sekunden in der Luft hängen, bevor er entweder losließ oder ich ihn wieder sanft absetzte. Natürlich vergewisserte ich mich immer, dass er weich landen würde – meist auf meinem Rucksack.

Je besser unsere »Show« wurde, desto mehr Zuschauer blieben stehen und umso spendabler wurden sie – und das betraf nicht nur die höheren Verkaufszahlen unserer Zeitschrift The Big Issue.

Auf unserem Platz am U-Bahnhof Angel haben wir auf diese Weise viele nette Menschen kennengelernt. Sie haben Bob mit Snacks und Leckereien verwöhnt, und die meisten haben dabei auch mich nicht vergessen. Sogar Kleidungsstücke bekamen wir geschenkt; vieles davon war liebevolle Handarbeit.

Bob hatte schon eine ganze Sammlung von Schals in allen Farben und Mustern. Es waren so viele, dass ich gar nicht mehr wusste, wohin damit – mindestens zwei Dutzend. Er war auf dem besten Weg, für seine Schalsammlung so berühmt zu werden wie Imelda Marcos für ihre Schuhe.

Manchmal war all die Liebe, Zuneigung und Unterstützung, die man uns entgegenbrachte, wirklich überwältigend. Wachsam blieb ich trotzdem, denn Neider würde es immer geben. Man musste immer auf der Hut sein.

Wie an jedem Freitag kurz vor Feierabend bereitete ich mich auf die heißeste Verkaufsphase der Woche vor. Die Masse der Pendler, die an den Eingängen des U-Bahnhofes hinein und hinaus drängten, wurde von Minute zu Minute dichter. Während ich auf der Straße herumtigerte, um The Big Issue anzupreisen, scherte sich Bob keinen Deut um die wogende Menschenmenge um ihn herum. Er lag bewegungslos und entspannt auf meinem Rucksack. Nur seine Schwanzspitze bewegte sich wie in Zeitlupe mal nach rechts, mal nach links.

Erst als der Andrang gegen 19 Uhr etwas nachließ, bemerkte ich die Frau, die neben uns stehen geblieben war. Keine Ahnung, wie lange sie schon da stand, jedenfalls starrte sie mit einem geradezu besessenen Blick unentwegt auf Bob. Sie murmelte Unverständliches vor sich hin und schüttelte immer wieder den Kopf, als wäre sie mit meiner Arbeit unzufrieden. Ich hatte keine Lust, mich mit ihr auseinanderzusetzen. Es war viel wichtiger, noch die letzten Exemplare unserer Wochenzeitschrift loszuwerden.

Aber sie sah das leider anders.

»Junger Mann! Sehen sie nicht, dass Ihre Katze leidet?«, sprach sie mich an.

Dem Aussehen nach hätte sie Lehrerin oder Schuldirektorin auf einer elitären Privatschule sein können. Sie war um die vierzig, sprach dieses nasale, überbetonte Englisch und trug ein zerknittertes Tweedkostüm, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Aber mit ihrem unhöflichen Auftreten hätte sie wohl kein Bewerbungsgespräch überstanden. Obwohl sie mich gar nicht kannte, blaffte sie mich so unverschämt und in aggressivem Ton an, dass ich sie nur ignorieren konnte. Mir war sofort klar, dass ich eine Unruhestifterin vor mir hatte. Aber sie ließ nicht locker.

»Ich beobachte Sie jetzt schon eine ganze Weile, und Ihre Katze schlägt mit dem Schwanz. Wissen Sie, was das heißt?«, keifte sie giftig.

Ich zuckte nur mit den Schultern. Mir war klar, dass sie ihre Frage selbst beantworten würde.

»Es heißt, dass sie sich nicht wohlfühlt. Sie beuten dieses Tier aus und sind ein schlechter Katzenvater.«

Seit Bob und ich zusammen auf der Straße arbeiteten, muss ich mir solche Vorwürfe immer wieder anhören. Aber ich bin ein höflicher Mensch, und so begann ich mich zu verteidigen, anstatt ihr zu sagen, sie solle sich um ihre eigenen Probleme kümmern.

»Diese Art der Schwanzbewegung heißt, dass er sich wohlfühlt. Wenn er nicht hier sein wollte, Gnädigste, dann könnte ich ihn nicht aufhalten. Er ist eine Katze. Und Katzen entscheiden selbst, bei wem sie leben wollen. Er könnte jederzeit gehen, er ist kein Gefangener!«

»Und warum hängt er dann an der Leine?«, trumpfte sie mit selbstgefälliger Miene auf.

»Die trägt er nur zu seinem Schutz, hier und wenn wir in der Stadt unterwegs sind. Er ist nämlich schon mal vor Schreck weggelaufen und war total verängstigt, weil er mich nicht wiederfand. Er läuft frei herum, wenn er mal muss. Also, wenn er ihrer Meinung nach bei mir so unglücklich ist, wäre er doch spätestens dann über alle Berge, meinen Sie nicht?«

Ich hatte diese Diskussion schon hundert Mal geführt und wusste, dass meine Argumente 99 Prozent meiner Widersacher besänftigten. Aber diese Person gehörte zu dem leidigen einen Prozent, das mir niemals glauben würde. Sie war eine von diesen selbstgefälligen, rechthaberischen Menschen, für die nur die eigene Meinung zählt. Alle anderen hatten unrecht, und wehe, man war so unverschämt, ihre Meinung nicht zu teilen.

»Nein, nein, nein! Es ist allgemein bekannt, dass ein Schwanzwedeln bei Katzen ein Zeichen von Unmut ist«, regte sie sich weiter auf. Ihr Gesicht war inzwischen rot angelaufen. Sie fuchtelte mit den Armen in der Luft herum und umkreiste uns bedrohlich.

Bob beäugte sie misstrauisch; er begriff schnell, wenn es ungemütlich wurde. Jetzt erhob er sich und tastete sich in geduckter Haltung im Rückwärtsgang an mich heran, bis er zwischen meinen Beinen stand. Er war in Alarmbereitschaft und bereit, auf meine Schulter zu flüchten, sollten sich die Dinge weiter zuspitzen.

Inzwischen waren ein paar Neugierige stehengeblieben, um herauszufinden, was hier los war. Das kam mir sehr gelegen, denn so hatte ich Zeugen, falls die Schulmeisterin noch unverschämter werden sollte.

Wir stritten noch ein paar Minuten herum, wobei ich wirklich versuchte, sie zu beruhigen, indem ich ihr von uns erzählte.

»Wir sind seit über zwei Jahren unzertrennlich. Er wäre nicht länger als zwei Minuten bei mir geblieben, wenn ich ihn schlecht behandeln würde«, gab ich beispielsweise zu bedenken. Aber sie blieb stur. Welches Argument ich auch vorbrachte, sie blieb beim Kopfschütteln und den sich ständig wiederholenden Anschuldigungen. Es war sehr frustrierend.

»Warum einigen wir uns nicht darauf, dass wir uns uneinig sind«, schlug ich irgendwann entnervt vor.

»Pffff, Ihnen glaube ich kein Wort, junger Mann«, war ihre abfällige Antwort, wobei sie ihre Worte noch mit Drohgebärden in meine Richtung unterstrich.

Als sie sich endlich abwandte und immer noch kopfschüttelnd und vor sich hin grummelnd abzog, war ich unendlich erleichtert. Die wogende Menschenmenge am Eingang des U-Bahnhofes hatte sie schnell verschluckt.

Ich sah ihr nach, wurde aber schnell von ein paar kaufwilligen Kunden abgelenkt. Glücklicherweise waren sie besser gelaunt als diese unangenehme Person. Ihr Lächeln war Balsam für meine Seele.

Als ich einer Kundin gerade ihr Wechselgeld aushändigte, hörte ich einen Katzenlaut, der mir durch Mark und Bein ging. Es war ein lautes, durchdringendes Wiiiiiiiau. Ich fuhr auf dem Absatz herum und erblickte die Frau im Tweedkostüm. Sie war zurückgekommen! Und sie hatte sich Bob gekrallt.

Sie hatte ihn tatsächlich hochgehoben. Es war ihr gelungen, sich von hinten anzuschleichen und den völlig überrumpelten Bob vom Rucksack zu grapschen. Sie presste ihn ungeschickt und viel zu fest an sich. Mit einer Hand hatte sie ihn unter seinem Bauch gepackt, die andere presste sie auf seinen Rücken. Es sah aus, als hätte sie noch nie in ihrem Leben ein Tier auf dem Arm gehalten. Sie umklammerte ihn wie ein großes Stück Fleisch vom Metzger oder ein Riesengemüse vom Markt.

Bob war außer sich vor Wut über diesen Übergriff fremder Hände. Er zappelte und wand sich wie eine Wildkatze, um sich zu befreien. »Verdammt, was tun Sie da?«, schrie ich sie an. »Lassen Sie ihn sofort runter, oder ich rufe die Polizei.«

»Ich muss ihn in Sicherheit bringen«, kreischte sie fanatisch und mit hochrotem Gesicht.

O mein Gott, sie will mit ihm abhauen, dachte ich und wollte gerade meine Zeitschriften auf den Boden werfen, um ihr durch die Straßen von Islington hinterherzujagen.

Aber dann fiel mir ein, dass Bobs Leine immer noch an meinem Rucksack festgezurrt war. Sie hatte ihr Vorhaben nicht gut durchdacht. Für einen Moment verharrten alle Beteiligten in einer Art Schockstarre. Aber dann sah ich, wie sich ihre Augen an der Leine entlang bis zum Rucksack vortasteten.

»Das wagen Sie nicht!«, drohte ich und stürzte zu ihr hin, um sie aufzuhalten.

Bob nutzte diesen Moment der Ablenkung für die Flucht. Mit einem erneuten schrillen Wiiiiiiiau befreite er sich aus dem Klammergriff der Verrückten. Er hatte ihr seine Krallen tief in den Arm gedrückt. Darüber erschrak sie so sehr, dass sie ihn einfach fallen ließ.

Mein kleiner Kämpfer landete ziemlich unsanft auf dem harten Asphalt, aber anstatt wegzulaufen, blieb er empört aufgeplustert vor ihr stehen und zeigte ihr fauchend und knurrend die Zähne. So böse hatte ich Bob noch nie erlebt.

Und diese Möchtegern-Entführerin besaß die Frechheit, mir die Schuld für sein Benehmen zu geben.

»Da, sehen Sie es, er ist wütend.« Anklagend zeigte sie auf Bob und wandte sich beifallheischend an die umstehenden Passanten, die unseren Disput interessiert verfolgten.

Ich war fassungslos: »Natürlich ist er wütend. Sie haben ihn ohne seine Zustimmung hochgehoben. Das erlaubt er nur mir, sonst niemandem!«

Aber so leicht gab sie sich nicht geschlagen. Vor ihrem Publikum fühlte sie sich sicher und war bereit zu spielen.

»Nein, er ist böse, weil Sie ihn schlecht behandeln!«, behauptete sie frech. »Das sieht doch jeder. Deshalb gehört er Ihnen weggenommen! Er will nicht bei Ihnen sein.«

Erwartungsvoll hielten alle den Atem an und für einen Moment war es mucksmäuschenstill. Letztendlich war es Bob, der die Stille durchbrach.

Er bedachte die Frau mit einem letzten, verächtlichen Blick und stolzierte dann hoheitsvoll zu mir. Er rieb seinen Kopf an meinem Bein und schnurrte laut und vernehmlich, als ich mich zu ihm hinunterbeugte, um ihn zu streicheln.

Dann setzte er sich vor mich hin und sah mich erwartungsvoll an. Das hieß so viel wie: »Können wir jetzt ein bisschen spielen?« Ich kannte diesen Blick. Also steckte ich die Hand in meine Hosentasche und holte ein Leckerchen hervor. Sofort stellte sich Bob auf seine Hinterbeine und umfasste mein Handgelenk mit seinen Pfoten. Ich ließ die Belohnung in sein Mäulchen fallen und erntete damit ein hörbares »Aaaahhhh« vom Publikum hinter mir.

Manchmal konnte Bob eben selbst mich noch überraschen mit seinem Gespür für Stimmungen. Das war einer dieser Momente. Bob hatte das Publikum auf seine Seite gezogen. Er hat allen seinen Standpunkt klargemacht: »Ich gehöre zu James und bin sehr glücklich bei ihm. Und wer etwas anderes behauptet, hat unrecht. Ende der Geschichte!« Die meisten Zuschauer hatten sein Verhalten genau so verstanden. Ein paar der Gesichter kannte ich, es waren Kunden, die regelmäßig The Big Issue bei mir kauften oder stehen blieben, um Bob zu streicheln. Endlich kamen sie uns zu Hilfe und sagten der seltsamen Lady die Meinung.

»W

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