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Bob, der Streuner

Über den Autor

James Bowen ist Straßenmusiker und lebt in London. Er fand Bob, den Streuner, im Frühling 2007. Seitdem sind die beiden Freunde unzertrennlich.

Neuigkeiten und Informationen über James und Bob findet ihr unter: www.luebbe.de oder auf Bobs deutscher Facebook-Seite Bob, der Streuner oder auf James’ internationaler Facebook-Seite James Bowen & Streetcat Bob.

James Bowen

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Die Geschichte einer außergewöhnlichen Katze

Aus dem Englischen von
Ursula Mensah

BASTEI ENTERTAINMENT

In liebevollem Gedenken an Graham Jenkins und Jane Marguerita Howden, und all denen gewidmet, auf deren absolute Unterstützung Bob und ich zählen können und die immer für uns da sind. Ohne euch wären wir heute nicht hier.

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Kapitel 1

Weggefährten

»Das Glück liegt auf der Straße«, sagt ein berühmtes Sprichwort. »Man muss es nur aufheben. Aber die meisten Menschen gehen achtlos daran vorüber.«

Im Laufe meines Lebens habe ich leider schon zu oft bewiesen, dass diese Worte wahr sind. Das änderte sich erst im Frühjahr 2007, als ich mich mit Bob angefreundet habe.

Zum ersten Mal war ich ihm an einem düsteren Donnerstagabend im März begegnet. Seit dem späten Nachmittag lag ein Hauch von Frost in der Luft. Deshalb war ich früher als sonst von der Arbeit nach Hause gekommen – ich arbeitete damals als Straßenmusiker in Covent Garden, dem Ausgehviertel von London.

Der Aufzug war mal wieder außer Betrieb, also mussten meine Freundin Belle und ich die Treppe nehmen. Die Lampe im Flur war auch kaputt, sodass wir uns an der Wand entlangtasten mussten. Plötzlich sah ich in der Dunkelheit ein Augenpaar aufblitzen. Ich ging darauf zu und fand einen roten Kater, der auf der Fußmatte vor einer der Erdgeschosswohnungen kauerte.

Er starrte mich neugierig an, als wolle er fragen: »Wer bist du denn, und was machst du hier?«

Ich hockte mich neben ihn und sprach ihn an: »Hallo, Kumpel. Ich habe dich noch nie gesehen. Wohnst du hier?«

Er ließ mich nicht aus den Augen, als ob er sich fragen würde, mit wem er es da zu tun hatte. Vorsichtig streichelte ich ihm über den Nacken. Damit wollte ich ihm meine guten Absichten zeigen, aber auch herausfinden, ob er ein Halsband trug. Er hatte keines. Aber er genoss die Streicheleinheiten. Sein Fell war stumpf, und ich spürte kahle Stellen. Bestimmt war er hungrig. So stürmisch, wie er sich an mich schmiegte, war mir schnell klar, dass er dringend einen Freund brauchte.

»Ich glaube, er ist ein Streuner«, sagte ich zu Belle.

Sie kannte meine Schwäche für Katzen und erwiderte mit gespielter Strenge: »Nein, James, du kannst ihn nicht mitnehmen.« Sie deutete auf die Fußmatte. »Der gehört bestimmt den Leuten, die hier wohnen.«

Belle hatte recht. Eine Katze passte momentan so gar nicht in mein Leben. Ich hatte schon genug Probleme damit, für mich selbst zu sorgen.

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Am nächsten Morgen war der Kater immer noch da. Ich streichelte ihn und wieder schnurrte er vor Freude.

Im Tageslicht zeigte sich auch, was für ein wunderschönes Tier er war. Er hatte einen ausgeprägten Katerkopf und strahlend grüne Augen. Aber sein Gesicht und seine Beine waren übersät von Kratzwunden und Schrammen, wahrscheinlich war er in einen Kampf oder Unfall verwickelt gewesen. Auch sein Fell war in einem schlechten Zustand. Es war dünn und stumpf und hatte sogar kahle Stellen, an denen die nackte Haut zu sehen war. Er tat mir so leid.

Hör auf, die Katze zu bemitleiden. Kümmere dich lieber um dich selbst, schimpfte ich im Stillen mit mir. Schweren Herzens ließ ich ihn zurück, um den Bus nach Covent Garden zu erreichen, wo ich mit meiner Musik ein bisschen Geld verdienen wollte.

An diesem Abend kam ich spät nach Hause – es war schon fast zehn Uhr. Schnell lief ich in den Flur, wo ich das Rotpelzchen vermutete. Aber er war weg. Ich war enttäuscht, aber gleichzeitig auch sehr erleichtert.

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Als ich am nächsten Morgen die Treppe herunterkam, blieb mir fast das Herz stehen. Der kleine Kater war wieder da und saß genau dort, wo ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Er sah allerdings noch schwächer und ungepflegter aus als am Vortag. Er zitterte am ganzen Körper. Ihm musste schrecklich kalt sein, und bestimmt war er auch hungrig.

»Na, immer noch hier?«, fragte ich leise und strich ihm über den Rücken. »Siehst aber gar nicht gut aus heute!«

So konnte das nicht weitergehen. Ich klopfte an die Wohnungstür, vor der er saß.

Ein unrasierter Mann öffnete. »Entschuldigen Sie bitte die Störung, ist das Ihre Katze?«, fragte ich ihn.

Er streifte den Kater mit einem teilnahmslosen Blick. »Nein. Hab ich nichts mit zu tun.«

Er knallte die Tür wieder zu, und da wusste ich, was zu tun war.

»Du kommst jetzt mit zu mir«, informierte ich das Häufchen Elend.

Ich holte die Schachtel Trockenfutter aus meinem Rucksack, die ich immer dabei hatte, um Katzen und Hunden etwas zustecken zu können, wenn ich auf der Straße Gitarre spielte. Einladend schüttelte ich die Schachtel hin und her, und der Kater kam sofort mit.

Mühsam schleppte er sich die Treppen hinauf und ich sah, dass sein Hinterbein verletzt war. In meiner Wohnung angekommen, fand ich noch einen Rest Milch im Kühlschrank, den ich in einer Schale mit etwas Wasser mischte, bevor ich sie ihm vorsetzte. Milch ist für Katzen nämlich gar nicht so gut verträglich, wie viele Menschen meinen. In wenigen Sekunden hatte er alles aufgeschleckt.

Zum Glück hatte ich noch Thunfisch zu Hause, der zusammen mit dem Trockenfutter eine sättigende Mahlzeit ergab. Ich stellte ihm die Schüssel hin, und er verputzte alles gierig schmatzend.

Der Arme ist ja total ausgehungert, dachte ich.

Nach dem Essen rollte er sich zufrieden unter der Heizung im Wohnzimmer zusammen, und ich durfte mir sein verletztes Bein näher ansehen. Die Wunde eiterte bereits und sah aus wie die Bisswunde eines Hundes oder Fuchses. Er ließ mich die Verletzung mit Wasser abtupfen und sogar mit Wundspray behandeln. Die meisten Katzen wären durchgedreht, aber er blieb ganz ruhig liegen und sah mir interessiert zu.

Den Rest des Tages verbrachte er unter der Heizung. Zwischendurch erkundete er meine Wohnung, sprang überall hoch und kratzte an allen Möbeln. Er war ein richtiges Energiebündel. Ein junger, unkastrierter Kater eben, die sind meistens sehr wild und ungestüm.

Als ich abends zu Bett ging, folgte er mir ins Schlafzimmer und kuschelte sich am Fußende meines Bettes zu einem Ball zusammen. Sein sanftes Schnurren in der Dunkelheit weckte in mir ein längst vergessenes Gefühl von Geborgenheit. Ich war nicht mehr allein – zum ersten Mal seit langer Zeit.

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Am Sonntag stand ich früh auf, denn ich wollte versuchen, den Besitzer meines neuen Mitbewohners ausfindig zu machen. Es gab immer irgendwelche Aushänge von vermissten Katzen an Straßenlaternen und Bushaltestellen in der Nachbarschaft. Nur für den Fall, dass ich den Besitzer gleich fand, nahm ich den Kater mit. Dafür bastelte ich eine Leine aus mehreren Schuhbändern, die ich ihm zu seinem Schutz anlegte. Ganz selbstverständlich lief er so neben mir die Treppen hinunter.

Draußen angekommen, zog er dann allerdings ungeduldig an dem hinderlichen Strick. Wahrscheinlich wollte er sein Geschäft erledigen. Ich nahm ihm das Band ab, woraufhin er sofort in den Büschen vor dem Häuserblock verschwand. Kurz danach tauchte er wieder auf und ließ sich die ungewohnte Leine brav wieder überstreifen.

Der vertraut mir ja blind, dachte ich erstaunt. In diesem Moment gelobte ich, für ihn da zu sein, solange er mich brauchte.

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Auf der anderen Straßenseite wohnte eine Frau, die als Katzenmutter bekannt war. Alle Streuner in unserem Viertel wussten, dass es in ihrem Hinterhof immer Futter gab. Keine Ahnung, wie sie sich das leisten konnte.

»Ist der aber schön«, sagte sie beim Anblick meines Katers.

»Kennen sie ihn?«, fragte ich erwartungsvoll, als sie ihm ein Leckerchen zusteckte.

Aber sie schüttelte den Kopf. »Nein, den habe ich noch nie gesehen. Der kommt bestimmt aus einem anderen Stadtteil von London. Wahrscheinlich wurde der arme Kerl hier ausgesetzt.«

Ich hatte das Gefühl, sie könnte recht damit haben, dass diese Gegend nicht sein Revier war.

Als wir wieder auf der Straße standen, ließ ich ihn frei. Ich wollte sehen, ob er sich gleich aus dem Staub machen würde. Aber er sah mich nur mit seinen großen grünen Augen an, als wolle er sagen: »Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Kann ich nicht bei dir bleiben?«

Wer war er? Gab es eine Familie, die nach ihm suchte? Vielleicht gehörte er einer älteren Person, die verstorben war. Oder war er etwa ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk für eine Familie, die ihn nicht mehr wollte, als er größer und wilder wurde? Besonders die roten Katzen drehen manchmal ganz schön durch und wüten in ihrem Spieltrieb herum, vor allem, wenn sie nicht kastriert sind.

Ich stellte mir vor, wie seine früheren Besitzer ihn mit einem genervten »Jetzt reicht’s« am Straßenrand aussetzten.

Katzen haben einen sehr guten Orientierungssinn, dennoch hatte mein vierbeiniger Gast anscheinend nicht versucht, nach Hause zurückzufinden. Vielleicht war er bei seiner vorherigen Familie auch nicht glücklich gewesen und hatte beschlossen, sich eine neue zu suchen.

Den besten Hinweis auf sein Vorleben bot jedoch seine schlimme Verletzung. Die Wunde war bereits ein paar Tage alt und sah aus, als hätte er sie bei einem Kampf abbekommen. Demzufolge müsste er ein Streuner sein.

In London gab es schon immer viele Straßenkatzen, die ziellos herumstreunten und sich ihr Futter in Abfällen suchten oder es von Menschen mit Herz erbettelten. Sie sind in dieser Stadt unerwünscht und kämpfen jeden Tag um ihr Überleben. Viele von ihnen sind wie dieser rote Kater misshandelte, gebrochene Kreaturen.

Vielleicht hat er ja einen Seelenverwandten in mir gesehen, wer weiß?!

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Kapitel 2

Die Genesung

In meiner Kindheit in Australien hatten wir eine süße, flauschig-weiße Babykatze. Wer weiß, wo sie herkam – wahrscheinlich aus einer illegalen Tierhandlung –, jedenfalls war sie von keinem Tierarzt untersucht worden, bevor meine Mutter sie nach Hause brachte. Das arme Ding war voller Flöhe.

Leider haben wir das nicht gleich gesehen. Ihr Fell war so dicht, das die Flöhe sich darin gut versteckt hatten. Als wir es endlich bemerkten, war es schon zu spät und die arme Kleine starb an Blutverlust. Damals war ich gerade erst fünf oder sechs Jahre alt. Es war ein schreckliches Erlebnis für mich, und auch meine Mutter war sehr traurig.

Bis heute denke ich oft an das arme Katzenbaby. Während ich an diesem Wochenende Zeit mit dem kleinen Streuner verbrachte, ging mir diese Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. Sein Fell war wirklich in einem fürchterlichen Zustand. Wenn ich nichts unternahm, würde er vielleicht genauso enden wie das kleine weiße Kätzchen aus meinen Kindertagen.

Am Sonntagabend stand meine Entscheidung fest.

»Das wird dir nicht passieren«, sagte ich zu dem verwahrlosten Kater. »Ich bringe dich morgen zum Tierarzt.«

Am Montag stand ich früh auf und gab ihm eine Schüssel Thunfisch mit Trockenfutter. Da er mit seinem verletzten Bein den neunzigminütigen Fußmarsch zur Tierambulanz nicht schaffen würde, schnappte ich mir eine grüne Plastikkiste, um ihn darin zu tragen. Aber der Kater war mit dieser Notlösung nicht einverstanden und versuchte ständig herauszuklettern, sodass ich mich bald geschlagen geben musste.

»Na, komm her, dann trage ich dich eben!«

Ich wollte ihn auf den Arm nehmen, aber er kletterte gleich weiter auf meine Schulter. Dort blieb er zufrieden sitzen, und ich konnte die leere Kiste den ganzen langen Weg bis zur Tierambulanz mitschleppen.

Die kostenlose Praxis, die von der RSPCA, der größten englischen Tierschutzorganisation, betrieben wurde, war voller verletzter Hunde samt ihren schlecht gelaunten Herrchen und Frauchen. Im Warteraum saß der Kater abwechselnd auf meinem Schoß und auf meiner Schulter. Er war ziemlich unruhig. Kein Wunder, immerhin wurde er von fast allen wartenden Vierbeinern angeknurrt.

Erst nach viereinhalb Stunden wurden wir endlich aufgerufen: »Mr Bowen? Sie sind dran.«

Der Tierarzt hatte den abgestumpften Gesichtsausdruck eines Menschen, der in seinem Leben schon viel Schlimmes gesehen und erlebt hat.

»Wo ist das Problem?«, fragte er.

Ich erzählte ihm, dass ich den Kater bei mir im Hausflur gefunden hatte, und zeigte ihm seine Verletzung.

»Hm, ja, es ist offensichtlich, dass er Schmerzen hat«, sagte der Tierarzt. »Ich verschreibe Ihnen Tabletten dagegen und Antibiotika. Wenn die Wunde in zwei Wochen nicht verheilt ist, sollten Sie wiederkommen.«

»Könnten Sie bitte auch nachsehen, ob er Flöhe hat?«, bat ich.

Daraufhin untersuchte der Arzt noch sein Fell, schüttelte dann aber den Kopf: »Nichts zu sehen. Aber zur Sicherheit verschreibe ich Ihnen auch noch eine Kur gegen Flöhe. Junge Katzen sind da generell sehr anfällig.«

Als ob ich das nicht wüsste, dachte ich und sah wieder mein weißes Katzenbaby vor mir.

»Schauen wir noch nach, ob er gechippt ist«, sagte der Tierarzt.

Der Kater hatte keinen Chip, was meine Theorie bekräftigte, dass er wirklich ein herrenloser Streuner war.

»Sie sollten ihm unbedingt einen Mikrochip einpflanzen lassen«, riet er mir. »Außerdem sollte er bald kastriert werden. Diese wichtige Operation ist für Streuner kostenlos.«

Ich dachte daran, wie wild er durch die Wohnung tobte und mit mir spielte, und stimmte dem Arzt mit einem Kopfnicken zu. »Gute Idee.«

Der Tierarzt tippte etwas in seinen Computer und druckte mir ein Rezept aus. Dann waren wir entlassen. Ich ging sofort zur nächsten Apotheke und legte das Rezept auf den Tresen.

»Das ist aber ein Hübscher!«, sagte die Apothekerin in ihrem weißen Kittel. »Meine Mutter hatte auch mal einen roten Kater. Er war der beste Freund, den sie je hatte. Treu und ergeben. Wunderbarer Charakter. Er saß immer neben ihr und ließ die Welt an sich vorüberziehen. Selbst wenn eine Bombe neben ihm explodiert wäre, er wäre ihr nicht von der Seite gewichen. Macht zweiundzwanzig Pfund, mein Lieber.«

Ich zuckte unmerklich zusammen.

»Zweiundzwanzig Pfund? So viel?« Mein gesamtes Vermögen betrug gerade mal dreißig Pfund.

»Leider ja«, antwortete sie lächelnd, aber mit einem unerbittlichen Blick.

Ich legte ihr meine dreißig Pfund auf den Tisch und nahm das Wechselgeld entgegen. Das war richtig viel Geld für mich. Ein ganzer Tagesverdienst. Aber ich hatte keine andere Wahl, ich konnte meinen neuen Freund doch nicht im Stich lassen.

»Sieht aus, als müssten wir eine Weile miteinander auskommen«, teilte ich dem Kater auf meiner Schulter mit, als wir uns auf den langen Heimweg machten. »Für die nächsten zwei Wochen gehst du nirgendwohin, verstanden? Nicht, bis du alle deine Medikamente genommen hast«, legte ich die Spielregeln fest. »Wer außer mir sollte sonst darauf achten, dass du deine Tabletten regelmäßig einnimmst?«

Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich war voller Energie, seit ich mich für ihn verantwortlich fühlte. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich mich um jemand anderen als mich selbst kümmern.

Am Nachmittag kaufte ich erst einmal Katzenfutter. Das kostete acht Pfund, womit dann auch tatsächlich mein letztes Geld weg war. Am späten Nachmittag ließ ich meinen schnurrenden Untermieter allein in der Wohnung zurück und machte mich mit meiner Gitarre auf den Weg nach Covent Garden. Ab sofort hatte ich zwei Mäuler zu stopfen.

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In den nächsten Tagen päppelte ich den kleinen Patienten auf. Dabei lernten wir uns auch besser kennen, und inzwischen hatte ich auch einen Namen für ihn gefunden: Bob. Die Idee kam mir, als ich meine Lieblingsserie Twin Peaks auf DVD guckte. In der Serie kam ein verrückter Typ namens Killer Bob vor. Er hatte eine gespaltene Persönlichkeit, benahm sich meist ganz normal, konnte aber von einer Sekunde auf die nächste völlig durchdrehen. Mein roter Streuner hatte dieselben Stimmungsschwankungen. Meist gab er das glückliche und zufriedene Schmusekätzchen. Aber wenn er seine verrückten fünf Minuten hatte, raste er wie ein Irrer durch die Wohnung und attackierte mit ausgefahrenen Krallen, angelegten Ohren und fauchendem Kampfmauzen gnadenlos meine Einrichtung. Bob war definitiv der passende Name für den Kater.

Inzwischen war ich mir sicher, dass Bob ein Streuner war. Er verweigerte nämlich konsequent das Katzenklo, das ich extra für ihn gekauft hatte. Bei jedem Ruf der Natur musste ich mit ihm rausgehen. Er verrichtete sein Geschäft dann auf der kleinen Grünanlage vor unserem Häuserblock. Wenn ich ihn vor der Haustür absetzte, raste er zu den Büschen, scharrte wie wild ein Loch in die Erde und vernichtete dann jegliche Beweise, indem er alles wieder sorgfältig zudeckte.

Wir fanden schnell einen gemeinsamen Tagesrhythmus. Am Vormittag ließ ich Bob allein in der Wohnung und fuhr nach Covent Garden. Dort spielte ich so lange Gitarre, bis ich genug Geld verdient hatte, um für uns beide einzukaufen. Wenn ich nach Hause kam, wartete er schon an der Wohnungstür auf mich. Dann folgte er mir zum Sofa, und wir sahen zusammen fern. Ich brauchte nur mit der Hand neben mich auf das Sofa zu klopfen und schon war Bob da und setzte sich zu mir.

Wenn es Zeit für seine Tabletten wurde, musste ich mich allerdings etwas mehr anstrengen. »Los, Kumpel, komm mit«, ermunterte ich ihn, doch sein Blick sprach jedes Mal Bände: »Muss das sein?«, schien er zu fragen.

Aber er wehrte sich nie, wenn ich ihm die Tablette ins Maul schob und ihn dann so lange unter dem Kinn kraulte, bis er sie heruntergeschluckt hatte. Die meisten Katzen drehen schon durch, wenn man nur versucht, ihre Kiefer auseinanderzukriegen. Aber aus irgendeinem Grund vertraute Bob mir blind.

Bob war ein ganz außergewöhnlicher Kater. Einen Kater wie ihn hatte ich noch nie getroffen.

Damit meine ich aber nicht, dass er ein Engel war. Auf der Suche nach Futter randalierte er regelmäßig in der Küche und warf dabei meine Töpfe und Pfannen um. Der Kühlschrank und sämtliche Küchenmöbel waren schnell voller Kratzspuren.

Aber ich brauchte nur zu rufen: »Nein, Bob, geh da weg!«, und schon verzog er sich gehorsam. Das zeigte mir, wie intelligent dieser Kater war. Und wieder kam ich ins Grübeln über seine Vergangenheit. Würde ein Streuner wirklich auf einen Menschen hören? Ich bezweifelte es.

Ich genoss Bobs Gesellschaft, aber ich wollte mich nicht allzu sehr an ihn gewöhnen, denn früher oder später würde er seine Freiheit wiederhaben wollen. Er war keine Wohnungskatze. Aber solange er bei mir war, sollte es ihm an nichts fehlen, das war mir sehr wichtig.

Am nächsten Morgen begleitete ich Bob wieder nach unten zur Morgentoilette. Er lief immer zu denselben Büschen zwischen den Häusern. Wahrscheinlich steckte er sein Revier ab, das machen Katzen so. Wie immer dauerte es ein paar Minuten, bis er alles erledigt hatte.

Er war auf dem Weg zurück, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte, als hätte er etwas Ungeheuerliches entdeckt. Dann sprintete er los und hatte blitzschnell etwas im Gras gefangen.

Es war eine kleine graue Maus, keine fünf Zentimeter groß. Das arme Ding hatte keine Chance.

»Nicht fressen, Bob!«, rief ich warnend. »Mäuse können Krankheiten übertragen.«

Ich lief zu ihm hin und wollte ihm die Maus wegnehmen, doch damit war Bob gar nicht einverstanden. Er gab einen Laut von sich, der zwischen Fauchen und Knurren lag. Aber ich ließ nicht locker.

»Gib das sofort her, Bob!«

Er warf mir einen störrischen Blick zu: »Warum sollte ich?«

Zum Glück fand ich in meiner Manteltasche ein Leckerchen. »Hier Bob, für dich!«, sagte ich und hielt es ihm hin. »Das ist besser für dich.«

Er überlegte kurz und gab dann nach. Schnell zog ich die Maus am Schwanz von ihm weg und warf sie in den nächsten Mülleimer.

Katzen sind Raubtiere. Viele Leute wollen es zwar nicht wahrhaben, dass ihre süßen Fellnasen im Freien zu Mördern werden, aber das liegt nun mal in ihrer Natur. Sofern sie die Chance bekommen das rauszulassen. In manchen Ländern gibt es ein nächtliches Ausgangsverbot für Katzen, weil sie die heimische Vogel- und Nagerwelt buchstäblich ausrotten.

Bob der Killerkater hatte gerade seinem Namen alle Ehre gemacht. Seine Vorstellung als kaltblütiger, blitzschnell zuschlagender Jäger war beeindruckend gewesen. Ohne zu zögern wusste er sofort, was er wie zu tun hatte.

Ob Bob früher darauf angewiesen war, täglich seine Beute zu jagen, um etwas zu fressen zu bekommen? Ob er bei Menschen aufgewachsen ist oder schon immer in der Natur überleben musste? Wie war er zu dem Kater geworden, der er heute war? Wenn er sprechen könnte, hätte er bestimmt viel zu erzählen.

Auch in dieser Beziehung hatten Bob und ich viel gemeinsam.

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Kapitel 3

Mein bisheriges Leben

Weil ich auf der Straße gelebt hatte, war ich vielen Leuten ein Rätsel.

Immer wieder wurde ich gefragt, wie es dazu kommen konnte. Wahrscheinlich, weil die Menschen dann ihr eigenes Leben mit anderen Augen betrachten und zufriedener sein können, nach dem Motto: »Und ich habe gedacht, mir ginge es schlecht. Aber es könnte echt schlimmer sein. Zumindest muss ich mich nicht so durchschlagen wie dieser arme Kerl.«

Es gibt viele Gründe, warum jemand obdachlos wird, die aber häufig gar nicht so unterschiedlich sind. Meist spielen Drogen, Alkohol und Familienprobleme eine große Rolle. Genau wie bei mir.

Ich wurde in Surrey im Süden Englands geboren. Doch meine Eltern ließen sich bald scheiden, und meine Mutter zog mit mir nach Melbourne in Australien, als ich drei Jahre alt war. Meine Mutter arbeitete dort für eine große Firma, die Kopierer herstellte, und wurde schnell eine der erfolgreichsten Verkäuferinnen.

Zwei Jahre später zogen wir schon wieder um, von Melbourne nach Westaustralien. Dort blieben wir, bis ich neun war. Meine Kindheit in Australien war toll. Die weite Landschaft war der perfekte Spielplatz, um die Welt zu entdecken, und hätte jedes Kinderherz höherschlagen lassen.

Ich hatte nur ein Problem. Durch die vielen Umzüge fiel es mir extrem schwer, in der Schule Freunde zu finden.

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Viel Spaß!



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