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Blutsünde

Über die Autorin

Henrike Heiland, geboren 1975, studierte Neuere Englische Literatur in Gießen und Durham und sammelte währenddessen Theatererfahrung als Schauspieldramaturgin und Opernregieassistentin. Nach ihrem Studium war sie als Drehbuchlektorin und als Redakteurin für internationale TV-Koproduktionen tätig. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin.

BASTEI ENTERTAINMENT

But I won’t sit idly by

(Ahhh …)

I’m planning a big surprise

I’m gonna fight

For what I want to be

»Waiting Room«, Fugazi

I. DIE SÜNDEN DER VÄTER

Liebster Vater,

Du hast mich letzthin einmal gefragt,

warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wusste Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten …

»Brief an den Vater«, Franz Kafka

HANNAH, 1936

Sie stand im Hinterhof und übergab sich gerade, als er zu ihr trat.

»Bist du krank?« Er klang besorgt und reichte ihr sein Taschentuch. Sie nahm es nicht. »Ich habe deine Nachricht gerade erst gefunden.«

»Lass uns schnell hineingehen. Ich muss dir etwas sagen.«

»Was ist denn mit dir, bist du krank?«, fragte er wieder, als er ihr in das Versteck auf dem Dachboden gefolgt war. »Warum bist du nicht in der Schule?«

Sie drehte ihren Kopf schnell zur Seite, als er ihr wie sonst auch immer einen Kuss geben wollte.

»Wir müssen weg, hat mein Vater gesagt.« Sie spürte, wie sich ihr Magen wieder zusammenzog, wie die Übelkeit in ihrer Kehle aufstieg. Doch diesmal kam die Übelkeit von der Aufregung.

»Weg?« Ernst sah sie ängstlich an. »Wieso? Hat man euch …«

»Gestern Nacht ist der Cousin meiner Mutter abgeholt worden.«

»O Gott!« Ernst ließ sich auf eine große Holztruhe sinken. Er blickte unruhig umher, als fürchtete er, jemand könnte sie entdecken. Dabei hatte sie noch nie jemand erwischt, in dem ganzen Jahr nicht.

»Vater hat etwas organisiert. Er hat schon im letzten Jahr damit angefangen, Sachen zu verkaufen«, sagte sie, während sie unsicher vor ihm stand. »Aber er erzählt mir nichts. Er hat nur heute Morgen zu Mutter gesagt, keiner von uns soll aus dem Haus gehen, er kommt am Abend wieder. Bis dahin sollen wir das Wichtigste gepackt haben.«

Ernst nickte langsam. »Soll ich mit meinem Vater reden? Er ist mit dem Gauleiter befreundet und …«

»Auf keinen Fall«, rief sie und war selbst darüber erschrocken, wie heftig ihre Stimme klang. »Auf keinen Fall«, wiederholte sie etwas leiser und ruhiger. »Selbst wenn er es könnte, würde uns dein Vater nicht helfen. Er hasst uns.«

»Er kennt euch doch gar nicht!« Ernst stand auf, und für einen Moment sah es so aus, als wollte er sie in seine Arme nehmen. Doch fast sofort ließ er seine Hände wieder sinken, steckte sie in die Hosentaschen und begann, auf und ab zu gehen.

»Kann ich mitkommen?«, fragte er endlich. »Das ginge ganz einfach. Ich könnte meinem Vater sagen, dass ich zu den Olympischen Spielen nach Berlin möchte. Sie beginnen ja bald. Und dann komme ich einfach nicht wieder. Er wird mich erst vermissen, wenn ich schon über alle Berge bin. Was meinst du?« Er blieb stehen und sah sie an.

Daran hatte sie noch nie gedacht. Konnten sie ihn mitnehmen? Wäre es nicht herrlich, mit Ernst zusammenzusein, für immer? An einen Ort zu gehen, wo sie gemeinsam leben konnten, wo sie sich nicht verstecken mussten? Sie würde ihren Vater fragen müssen. Aber kaum, dass sie diesen Gedanken gefasst hatte, hörte sie schon seine Antwort: Das Leben aller riskieren wegen einem, der zu den anderen gehörte? Und ihre Mutter würde sagen, dass sie noch viel zu jung wäre, um sich für ihr Leben zu binden. Ach, wenn sie wüsste, dass es schon längst vorbei war, dass sie sich schon auf ewig gebunden hatte!

»Nein. Das geht nicht.«

»Aber wir müssen uns wiedersehen«, sagte er und klang entschlossen. »Es kann doch nicht ewig so weitergehen!«

»Ja, das müssen wir.« Sie dachte nach. »Ich kann dir Briefe schreiben, oder? Mit einem falschen Namen und einer falschen Adresse. Du kannst zwar nicht zurückschreiben, aber so weißt du wenigstens, wie es mir geht«, schlug sie vor. »Und vielleicht kannst du mir ja doch eines Tages schreiben.« Sie wurde munter bei diesem Gedanken, auch wenn es nur eine schwache Hoffnung war.

Ernst nickte. »Das machen wir.« Dann ging er wieder auf und ab, und sie bekam Angst, dass man seine Schritte in der Wohnung unter ihnen hören könnte.

»Ich weiß etwas«, sagte er und blieb mit einem Ruck stehen. »Komm her zu mir.«

Sie gehorchte, und er nahm sie endlich in seine Arme.

»Du liebst mich doch, nicht wahr? Sag es mir!«

»Natürlich liebe ich dich«, antwortete sie und versuchte, nicht zu weinen.

»Wenn das alles vorbei ist, treffen wir uns wieder. Und weißt du wo? Wir treffen uns in Berlin.«

»In Berlin!« Hannah war im Gegensatz zu ihm noch nie aus Königsberg weggewesen. Sie kannte nur diese Stadt, in der sie vor sechzehn Jahren geboren worden war. »Warum in Berlin?«

Er ließ sie los, setzte sich auf die Truhe. »Ich werde auch weggehen. Zurück nach Berlin. Wir werden uns dort treffen, das verspreche ich dir. Selbst, wenn ich nie einen Brief von dir bekomme, werden wir uns wiedersehen.«

»Aber wo dort? Die Stadt muss doch so riesig sein!«

»Im Café Kranzler. Am Ku’damm. Also, am Kurfürstendamm. Kannst du dir das merken?«

Sie wiederholte es leise. Unter »Kurfürstendamm« und »Café Kranzler« konnte sie sich nichts vorstellen, aber sie würde es nie mehr vergessen. »Was ist das Café Kranzler?«

»Oh, das ist ein ganz vornehmes Café, du wirst schon sehen. Dort treffen wir uns, und dann, wenn es spät am Abend ist, gehen wir in ein Tanzlokal am Ku’damm und tanzen die ganze Nacht durch!« Er lächelte sie an, und sie sah Angst in seinem Blick.

»Versprochen?«, fragte sie und begann, die Übelkeit wieder zu spüren.

»Versprochen. Ganz fest. Nichts auf dieser Welt wird mich davon abhalten. Selbst wenn Berlin zu Staub zerfällt! Und das ist ja wohl das Unwahrscheinlichste, was man sich vorstellen kann, nicht wahr?«

Sie zuckte die Schultern. Berlin … Dann fiel ihr etwas ein.

»Ernst, du musst mir einen Gefallen tun, ja?«

»Welchen?«

»Mutter und ich haben all unsere Sachen schon gepackt. Mutter sagt, wir dürfen nur das Nötigste mitnehmen. Ich habe dir doch von den Bildern erzählt, die mir mein Onkel geschenkt hat? Man kann sie zusammenrollen, dann nehmen sie ganz wenig Platz weg. Aber Mutter hat mir verboten, sie mitzunehmen. Sie sagt, ich soll sie hierlassen. Sie hat sie nie gemocht. Aber ich will nicht, dass jemand sie findet oder kaputt macht. Kannst du sie nehmen? Bitte!«

»Ja, natürlich. Ist das alles? Nur die Bilder?«

Sie kniete sich neben die Holztruhe, auf der er saß, fasste mit ihrer schmalen Hand darunter und zog vorsichtig eine Papierrolle hervor, die sie mit einem samtenen blauen Haarband zusammengebunden hatte.

»Ich habe sie aus den Rahmen herausgenommen. Es sind Aquarelle. Es passiert ihnen doch nichts, wenn man sie zusammenrollt?«

Ernst nahm die Rolle, zog die Schleife des Samtbandes auf, löste den Knoten und breitete die Bilder vor sich auf dem Boden aus. Es waren Alpenlandschaften.

»Die sind schön«, sagte er.

Hannah lächelte. »Ja. Du passt doch gut darauf auf?«

Ernst nickte. »Ich werde sie notfalls mit meinem Leben beschützen«, sagte er feierlich, stand auf und beugte sich über sie, um ihre Stirn zu küssen.

»Dein Vater und seine Leute mögen den Maler nicht«, sagte sie dann. »Du darfst sie ihm nicht zeigen.«

»Ach, mein Vater«, sagte er und senkte den Kopf. »Der soll mich doch in Ruhe lassen.« Er rollte die drei Bilder wieder sorgfältig zusammen und machte mit dem blauen Band eine Schleife.

Sie nahmen sich in die Arme; ein letztes Mal spürte sie seinen Körper, fühlte über seinen Haare, strich über sein Gesicht. Ein letztes Mal sog sie seinen Geruch ein und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen. Ein letztes Mal. Sie sah die Angst in seinem Blick, auch wenn er versuchte, sie vor ihr zu verbergen. Auch sie hatte Angst. Angst, dass sie sich nie wiedersehen würden. Nicht in Königsberg, nicht am Kurfürstendamm.

1.

Mike hielt den Pflasterstein fest in der Hand. Bereit zum Wurf. Die Leute vom Fernsehen waren seit zwei Stunden im Haus. Mike hatte gedacht, es ginge schneller. Hoffentlich verschwanden die bald. Er hatte keine Lust mehr zu warten. Aber was sollte er sonst tun? Nun war er schon mal hier. Wie hatten Baader und Ensslin das gemacht, hatten die sich auch stundenlang die Beine in den Bauch gestanden, wenn sie was vorgehabt hatten? Die hatten bestimmt alles besser geplant. Aber Mikes Aktion war ja auch eine spontane Eingebung gewesen. Trotzdem ein Statement. Genauso wichtig.

Er legte den Stein direkt vor sich auf den Zaunpfosten, so dass er ihn problemlos wieder greifen konnte, und drehte sich eine Zigarette. Im Schnitt rauchte man fünf Minuten an einer. Die Zeit verging dann schneller. Außerdem war so der Gestank von den Hasenställen leichter zu ignorieren.

Als die fünf Minuten vorbei waren, warf er den filterlosen Stummel ins Gras zu den anderen und trat die Glut aus. Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass sie früher hier Tiere gehabt und Kartoffeln angebaut hatten. Es waren doch Kartoffeln gewesen? Egal. Diese Spießer. Jetzt hatten sie alles eingesät, und die Scheune hinterm Haus stand leer. Bis auf die blöden Hasen.

Scheißwetter. Dreißig Grad und er mit seinen Stiefeln. Seit vier Stunden in der Sonne. Vier Stunden und fünf Minuten. Eine Ewigkeit bei der Hitze. Umsonst, dachte er, ich lass es einfach. Doch in diesem Moment kamen sie plötzlich, die drei Idioten. Der mit der Kamera, der mit der Tonangel und der Blödmann mit den Fragen. Die Idioten gingen zu ihrem Angeber-Audi. Spießerkarre. Mike fuhr sich mit den Händen über das schwitzende Gesicht und rieb sich die klebrigen Hände am T-Shirt ab. Den Stein wieder in der Hand, jeden Muskel im Arm zum Wurf angespannt, die Augen zusammengekniffen, den Angeber-Audi im Visier. Nur Sekunden bis zum Aufprall, mitten durch die Frontscheibe, dachte er und zielte.

Jemand riss ihm den Stein aus der Hand und zerschrammte ihm dabei die Handfläche.

»Ey, spinnst du?«, schrie Mike und drehte sich um.

»Die Frage ist wohl eher, ob du spinnst«, sagte Andreas Reeken, sein Onkel ruhig. »Du wolltest denen doch nicht ernsthaft einen Stein an den Kopf schmeißen? Bist du komplett übergeschnappt?«

Mike verdrehte die Augen. Nach dem Schrecken musste er erst wieder runterkommen. Er wollte sich nicht aufregen, das passte nicht zu ihm. Also wischte er sich das Blut seiner verschrammten Hand an der karierten Hose ab, die er unter den Knien abgeschnitten hatte, und sagte so cool wie möglich: »Mach dich locker, okay? Nur die Karre, und die ist doch eh versichert!«

Er hatte ein paar Kratzer oberhalb des Daumenballens, nur wenig Blut, so wenig, als hätte er sich mit Papier geschnitten.

»Und warum die Scheiße?« Sein Onkel legte den Stein auf den Pfosten, gegen den Mike nun lustlos mit seinen Stahlkappen trat.

»Ey, hör mal, es wär nix passiert! Die hätten die Kamera wieder angeschmissen und Großaufnahme auf mich, und dann wär es vielleicht in die Nachrichten gekommen.«

Sein Onkel glotzte ihn nur verständnislos an. »Was wäre in die Nachrichten gekommen? Dass ein pubertierender Möchtegernpunker mit ’nem Steinchen nach Journalisten schmeißt?«

Wieder verdrehte Mike die Augen. Die Idioten vom Fernsehen stiegen in ihren Audi. Sie sahen zu ihnen rüber, einer winkte sogar noch zum Abschied, bevor sie aus der Hofeinfahrt in die enge Straße einbogen. Blinker rechts, und dann vorbei an der Kriegsgräberstätte Golm, weiter über Usedom und Anklam, ab zur Autobahn. Sein Onkel winkte zurück. Höflich. Spießig.

»Das mit dem Uropa kommt doch jetzt ins Fernsehen«, begann Mike, wieder mit Engelsgeduld.

»Ja, deshalb waren die gerade da. Regionalfernsehen, die bringen vielleicht eine halbe Minute, und bestimmt nicht in den Nachrichten.«

»Genau, und eine halbe Minute über den Arsch ist eine halbe Minute zuviel, deshalb wollte ich eine Gegendarstellungsdemo!«

»Aha.«

»Du bist doch sonst so schlau und kapierst alles! Also, noch mal zum Mitdenken: Die hätten mich doch dann gefilmt, und vielleicht ist dir ganz nebenbei mein T-Shirt aufgefallen. Lesen könnt ihr doch bei der Bullerei?« Mike zog sein schwarzes Shirt nach unten, als ob man es nicht so schon gut genug lesen könnte. Er zeigte mit dem linken Mittelfinger auf die einzelnen Wörter. »Kein – Bock – auf – Nazis«, las er laut vor, als hätte er einen Dreijährigen vor sich. »Jetzt kapiert?«

Andreas rieb sich die Schläfen. »Opa Karl ist kein Nazi. Wie oft hatten wir das Thema schon?«

Mike zuckte mit den Schultern und fing an, sich wieder eine Zigarette zu drehen. »Mir egal, was der erzählt. Ich glaub ihm kein Wort. Er ist ein Scheißnazi. Und dafür kommt er auch noch ins Fernsehen. Ihr seid alle Scheißnazis. Ihr Bullen sowieso.« Er war stolz, dass er nicht schrie. Die Erwachsenen schrien immer. Er blieb cool, und das ließ sie noch lauter schreien. Seinen Onkel zu provozieren, war schwieriger. Das hatte er bisher noch nicht geschafft, und auch jetzt hatte es nicht geklappt; sein Onkel lachte.

»Junge, du hast so einen Knall! Zum Glück geht das irgendwann vorbei. Kommst du jetzt mit rein oder willst du dich noch bis zum Abendessen lächerlich machen?«

»Ey, mit dieser Pädagogenscheiße wärst du mal echt besser Lehrer geworden. Ich komm da nicht mit rein!«

»Soll ich dir ein Stück Kuchen rausbringen? Mit oder ohne Sahne?«

»Frag doch mal die Fernsehidioten, ob sie noch ’nen Komiker brauchen.«

»Warum bist du überhaupt mitgekommen? Gab’s keinen Babysitter für dich?«

Jetzt bepisst er sich gleich vor Lachen über seinen eigenen dämlichen Witz, dachte Mike.

»Ich hab ’nen Standpunkt zu vertreten«, antwortete er stolz. Er wollte noch mehr dazu sagen, merkte dann aber, dass sein Onkel abgelenkt war. Mike folgte seinem Blick.

Ein Mercedes A-Klasse fuhr langsam die Straße herunter, kam am am Haus vorbei und hielt dann an. Der Rückwärtsgang wurde eingelegt, und das Auto hielt direkt vor der Hofeinfahrt. Eine Frau stieg aus. Sie war alt, nicht so alt wie sein Uropa, aber alt. Mitte Sechzig vielleicht. Mike ging einen Schritt vor, um sich neben Andreas zu stellen. Beide gaben sich keine Mühe, ihre Neugier zu verbergen.

»Was ist MR für ein Kennzeichen?«, fragte Mike.

»Marburg.«

»Wo ist das denn?«

»Oh, warte … In Hessen, glaub ich. Auf jeden Fall in Westdeutschland.«

»Haben wir da Verwandtschaft?«, fragte Mike weiter.

»Weiß nicht. Nee.«

Die Frau stand unsicher vor dem Haus und sah sich um. Sie entdeckte die beiden und hob zaghaft die rechte Hand, um ihnen zuzuwinken. Sie trug eine lange Stoffhose und eine Bluse. Nachdem sie ihr klimatisiertes Auto verlassen hatte, würde sie zerfließen in der Hitze.

»Suchen Sie jemanden?«, rief Andreas.

»Wohnt hier ein Karl Rohde?«, fragte die Frau.

Andreas ging ihr am Zaun entlang entgegen.

»Wollen Sie ihm gratulieren?«, hörte Mike ihn fragen. Was die Frau antwortete, interessierte ihn nicht. Seine Neugier war befriedigt. Wer zu seinem Uropa wollte, konnte auch nur ein Scheißnazi sein. Er konnte ohnehin nichts mehr hören. Die beiden gingen ins Haus.

Mike ließ sich ins Gras fallen, direkt unter den alten Apfelbaum. Schatten. Die Sonne war heftig. Kurz überlegte er, ob er sich noch eine drehen sollte, ließ es dann aber sein. Er rauchte sowieso nicht auf Lunge. Stattdessen fummelte er an seinen Boots und löste die Schnürsenkel noch ein Stück weiter. Ganz ausziehen ging nicht. Er wollte bereit sein, für den Fall, dass er doch noch Gelegenheit bekam, sein Statement abzugeben. Vielleicht kamen ja doch noch ein paar Knipser von einem lokalen Käseblatt vorbei.

Mike lag unter dem Baum und starrte auf die Blätter. Sie raschelten nicht. Es war windstill. Die Surfer kotzten heute garantiert ab. Das würde er am liebsten auch tun. Einfach auf die Türschwelle. So dass jeder reintrampelte. Der Gedanke gefiel Mike, er musste grinsen, als er sich ausmalte, wie die feine Geburtstagsgesellschaft in seiner Kotze ausrutschte.

Dann wurde ihm wieder langweilig. Seit elf Uhr morgens hing er hier herum und protestierte gegen seinen Uropa, aber keiner nahm von ihm Notiz. Weit und breit war ja auch kein Mensch in diesem Kaff zu sehen. Bis auf ein paar dämliche Touris, die auf dem Weg zum Hafen am Haus vorbeifuhren. Kamminke. Das Ende der Welt.

Die Sache mit dem Fernsehen hatte ihm Andreas ja unbedingt vermiesen müssen. Vielleicht könnte er jetzt vor dem Fenster Krawall machen und sein Shirt zeigen. Sie hatten ihn zwar alle schon gesehen und ignoriert, aber dann würden sie bestimmt noch mal über ihn und sein Statement reden.

Mike stand auf, um durch das Fenster ins Wohnzimmer zu sehen, wo die ganze Geburtstagsgesellschaft saß. Uropa Karl hatte zwei Töchter: Mikes Oma, die mit ihrem Mann da war, und die Schwester von Oma. Omas Schwester war mit ihrem Sohn und seiner neuen Frau da. Die Schwester von Oma hatte noch eine Tochter und einen Sohn, aber die konnten heute nicht. Von seinen kleinen Cousins und Cousinen war deshalb zum Glück keiner da. »Kuck mal, der Mike, der hat so lustige bunte Haare!« Das reichte einmal im Jahr an Weihnachten. Sein Onkel war wie immer ohne Begleitung gekommen. Hatte der überhaupt schon mal eine Freundin gehabt? Vielleicht war er schwul. Was interessierte ihn das. Seine Eltern saßen neben Andreas. Die anderen Leute kannte er nicht. Einer war der Bürgermeister, das hatte er mitgekriegt. Der Bürgermeister hatte seine Frau dabei. Die dicke Frau, die die ganze Zeit nur auf Plattdeutsch von ihren Katzen quasselte, wohnte nebenan. Ihr Mann war lange nicht so dick und sprach überhaupt nicht. Der Rest waren Nachbarn oder Leute aus dem Dorf. Schleimer.

Die fremde Frau, die eben gekommen war, stand in der Tür zum Wohnzimmer. Komisch. Alle starrten sie an. Die Frau hatte ihre Hände ineinander verkrampft. Mist. Irgendetwas war passiert, und er hatte es verpasst.

Uropa Karl stand nun von seinem Stuhl auf. Wollte er eine Rede halten? Scheiße, er musste irgendwie rein, um sich das anzuhören. Er spürte, dass etwas nicht stimmte. Etwas ganz Großes passierte da gerade. Und er stand hier draußen.

Aber Uropa Karl hielt keine Rede, er ging zur Terrassentür und kam raus. Gleich würde er um die Ecke kommen, zu Mike. Aber er wollte nicht mit dem Nazi reden, schon gar nicht alleine. Mike rannte zurück zu dem Apfelbaum. Wie lange war er schon nicht mehr auf einen Baum geklettert? Seit der Grundschule, vermutlich.

Von dem dicken Ast, auf dem er nun saß, konnte er alles sehen: die Straße vor dem Haus, die Terrasse hinter dem Haus, die Hasenställe, die Scheune. Die leeren Felder dahinter. Bis nach Polen konnte er schauen. Uropa Karl stand immer noch auf der Terrasse. Er presste die Hände auf die Ohren. Durch das Wohnzimmerfenster sah Mike, dass Andreas der fremden Frau einen Stuhl hinstellte und etwas zu ihr sagte.

Sie weinte. Die anderen schwiegen. Die Nachmittagshitze schien jedes Geräusch zu schlucken. Auch die Schritte von dem Typen, der jetzt oben an der Straße vor dem Haus stand. Der Typ hielt etwas in der Hand, eine Flasche. Irgendetwas steckte im Flaschenhals. In der anderen Hand hielt er den Stein, den Mike hatte werfen wollen.

Der Stein flog durch das Wohnzimmerfenster, das zur Straße führte. Erschrockene Schreie kamen von drinnen. Der Mann hielt ein Feuerzeug an die Flasche. Die Flasche flog hinterher und explodierte in einem Feuerball.

Mike schrie und ließ sich vom Baum fallen. Er weinte. Seine Eltern waren rausgerannt, mit Oma und Opa, sie schrien auch alle. Omas Rock brannte, Papa riss ihr den Rock runter und sprang auf die Flammen. Die alte Frau schämte sich ohne Rock. Komisch, in einem solchen Moment daran zu denken. Komisch, in einem solchen Moment so etwas zu bemerken. Opas Hose hatte gebrannt. Er klopfte wie besessen darauf herum, obwohl schon längst keine Flammen mehr zu sehen waren. Mama versuchte, ihn festzuhalten, aber plötzlich schlug er um sich, schlug auf sie ein und schrie immer weiter, bis Papa dazwischenging.

Die Haare der dicken Nachbarin brannten. Sie brüllte und ruderte mit den Armen. Ihr Mann zog sein T-Shirt aus und warf es ihr über den Kopf. Das T-Shirt fing Feuer. Er riss es schnell wieder weg, zwang sie zu Boden, rief nach Wasser. Omas Schwester löschte die Haare der Frau mit dem Inhalt der Teekanne. Mike sah, dass noch Leute im Haus waren. Sie kämpften gegen das Feuer und um ihr Leben, fanden schließlich den Weg nach draußen, aber keiner war unversehrt. Die Flammen breiteten sich auf die Möbel aus und erfassten die Tapeten und Bilder.

Jetzt waren alle draußen – alle bis auf zwei. Andreas und die fremde Frau. Oder das, was einmal Andreas und die fremde Frau gewesen waren. Sie waren zwei menschliche Fackeln in einem wilden, wahnsinnigen Tanz, die sich mehr und mehr ineinander verhakten, miteinander verschmolzen inmitten der anderen Flammen, bis sie zu Boden sanken.

Jetzt brannten auch die Vorhänge. Die Fensterrahmen, denn sie waren aus Holz. Die Scheiben explodierten. Wie tausend Nadeln brannte es auf Mikes Haut, im Gesicht, überall. Wie tausend kleine Schüsse von winzigen Soldaten. Er spürte einen tiefen Schmerz am Bein. Er schrie immer weiter, bis er das Bewusstsein verlor.

Jemand schüttelte ihn.

»Nicht einschlafen, Junge, nicht einschlafen, bleib bei mir!«

Papa. Über sich sah er den Apfelbaum. Den Himmel. Er hörte immer noch Schreie. Das Reetdach hatte Feuer gefangen.

»Hörst du mich? Hallo! Kannst du mich hören!«

Mit seinem Mund stimmte etwas nicht. Die Lippen brannten. Wie Feuer. Sie waren geplatzt. Sein Bein fühlte sich komisch an.

»Lass die Augen auf. Nicht einschlafen, okay? Siehst du mich? Wie viele Finger sind das?«

Drei Finger. Er zeigte seinem Papa ebenfalls drei Finger, sah, dass sie bluteten. Die andere Hand auch. Papa machte was mit Mikes Bein, wickelte etwas herum. Genau konnte er es nicht erkennen. Ihm fielen die Augen zu. Wieder schüttelte ihn sein Vater.

»Gleich kommt ein Krankenwagen. Und jetzt warte hier. Nicht einschlafen, hörst du? Setz dich hin, bleib wach! Ich bin sofort wieder da. Der Notarzt kommt gleich.«

Aber er brauchte eine Ewigkeit. Sie waren ja am Ende der Welt. Hier würde nie ein Krankenwagen hinfinden.

Mike wachte auf. Es mussten Stunden vergangen sein, denn draußen vor dem Fenster war es stockfinster. Hier drinnen war alles weiß. Ein steifer weißer Bettbezug. Es roch steril. Wenigstens roch es nicht verbrannt.

Seine Arme waren bandagiert. Sein Kopf, sein Gesicht, überall Verbandszeug. In einem Arm steckte eine Kanüle, an der ein Schlauch befestigt war. Eine Infusion.

Alles tat irgendwie weh. Am meisten sein Bein. Ein dumpfer Schmerz, den er nicht genau orten konnte. Es war auch mehr so ein Schmerz, von dem er wusste, dass er da war, ihn aber spürte, als wäre er weit weg. Er versuchte, das Bein zu beugen. Es ging nicht. Es war dick bandagiert.

Ein kleines gelbes Licht brannte. Der schwache Schein verriet die Umrisse eines Mannes auf einem Stuhl. Es war nicht sein Vater und auch kein Arzt. Jetzt bewegte sich der Mann.

»Hey, na? Gut geschlafen?«

Mikes Stimme versagte, als er antworten wollte. Er krächzte nur. Der Mann gab ihm einen Becher mit Wasser.

»Hier, trink was.«

Er trank einen Schluck. Es tat weh in der Kehle. Trotzdem trank er alles aus und gab den Becher zurück.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Erik. Also Erik Kemper, vollständig. Du heißt Michael?«

»Mike«, korrigierte Mike. »Wo ist mein Vater? Wie geht’s ihm? Und Mama?«

»Deine Eltern sind okay … Du weißt doch noch, was passiert ist?«

»Klar, dieser Arsch hat ’nen Molli geworfen. Wo sind meine Eltern?«

»Die sind in einem anderen Krankenhaus, aber sie kommen so bald sie können wieder her.«

»Was für ein anderes Krankenhaus? Was ist mit ihnen?«

»Nichts. Sie kümmern sich nur um die anderen Leute, die im Haus waren.«

»Hey, hören Sie mal, ich bin alt genug, also sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben!« Langsam wurde Mike ungeduldig.

Der Typ zögerte einen Moment. »Deine Eltern waren die ganze Zeit hier bei dir, aber jetzt sind sie bei deinem Opa und deiner Oma.«

»In dem anderen Krankenhaus.«

»Genau.«

»Wieso sind die in einem anderen Krankenhaus? War das hier voll oder was?«

»Sie hatten Brandverletzungen und sind nach Wolgast gebracht worden, weil man da wohl besser auf so was vorbereitet ist. Wir sind hier in Anklam.«

»Wie geht es Oma und Opa?«

»Das wissen wir, wenn deine Eltern wieder da sind.« Der Mann klang ernst.

»Mama und Papa sind aber nicht …«

»Nein.«

»Aber Andreas …?«

»Ja. Dein Onkel, richtig?«

»Und die Frau, die zuletzt gekommen war, mit der A-Klasse.« Die Erinnerung kehrte zurück und mit ihr der Horror. Seltsam gedämpft nahm er die Gefühle wahr, die in ihm aufkamen. Sofort verstand er. »Haben die mir irgendwelche Tabletten gegeben?«

»Natürlich. Was gegen die Schmerzen und was zur Beruhigung. Du hast richtig viel Glück gehabt. Ich kenne Leute, denen hat so eine Fensterscheibe die Augen zerschnitten.«

»Igitt.«

»Sie dachten zuerst, du würdest eine Bluttransfusion brauchen.«

»Echt? Wow!«

»Am Bein hat eine Glasscherbe eine Ader erwischt, das hat wohl stark geblutet.«

»Eine Schlagader?«

»Äh – nein, so schlimm war es auch wieder nicht. Aber frag lieber den Arzt. Der kennt sich da besser aus.« Der Typ hob hilflos die Schultern. Mike freute sich immer, wenn die scheiß Erwachsenen nicht weiterwussten.

»Hast du gesehen, wer den Molli geworfen hat?«

Mike überlegte. Er schloss die Augen. »Baseballkappe. Ne Jeans.«

»T-Shirt?«

»Muscleshirt. Und Stiefel.«

»Stiefel?«

»Ja was weiß ich denn, Turnschuhe waren es nicht, und Sandalen und Flip Flops auch nicht. Stiefel halt. Schwarze Stiefel! Mehr konnte ich nicht erkennen.«

»Unter oder über den Jeans?«

»Ich glaube drunter. Mehr hab ich nicht gesehen.«

»Doch, hast du. Wie alt war er?«

»Älter. Aber lang nicht so alt wie du.«

»Danke. Ich bin zweiundvierzig. Also war der Mann vielleicht dreißig?«

»Im Ernst: Ich hab keine Ahnung. Ich hab kein Gesicht gesehen. Zwanzig, dreißig, ich weiß es nicht.«

Der Mann, der Erik hieß, nickte nachdenklich. »Kannst du dir vorstellen, warum er das gemacht hat?«

Und ob er das konnte. Mike richtete sich auf und rutschte bis zur Bettkante. »Klar! Weil mein Uropa ein Scheißnazi ist, aber natürlich hat’s mal wieder die Falschen getroffen!« Trotz der Medikamente beschleunigte sich sein Puls. Ihm wurde schwindelig, und er fing an zu husten. Der Mann gab ihm wieder Wasser. Mike fühlte die Tränen und wie sie in seinen Augen brannten. Er versuchte, sie zurückzuhalten, aber er hatte keine Chance. Er weinte und weinte, immer mehr, immer lauter. Der Mann, der Erik hieß und den er noch nie gesehen hatte, setzte sich zu ihm aufs Bett und legte ihm den Arm um die Schultern.

»Ich hab gesehen, wie er verbrannt ist, und die Frau auch«, heulte Mike.

Der Mann zog ihn fester an sich.

»Andreas war mein Kollege«, sagte er nur. Auch wenn dieser Erik nicht weinte, konnte Mike spüren, dass er es am liebsten getan hätte.

»Ich will wissen, wer das war.«

Mike schluckte, schluchzte, nickte. Er wischte sich die Tränen weg, das viele Verbandszeug an den Händen nahm das Wasser auf.

»Okay«, sagte er tapfer. »Okay. Also sind Sie auch bei den Bullen, wie Andreas.«

»Schlimmer, ich bin der Leiter der Mordkommission. Ich bin Andreas’ Chef. War.«

»Oh nee, der?« Es war spontan gekommen. Mike, sonst so vorlaut, erschrak vor sich selbst. »Entschuldigung.«

»Schon gut. Genau der bin ich. Konnte mich nicht so gut leiden, der Andreas, hm?«

Mike musste grinsen. »Besserwisserwessi hat er über Sie gesagt. Dabei ist er dasselbe in Ost. War.« Mit einem Blick verständigten sie sich über den Fehler, den sie beide gerade gemacht und korrigiert hatten. Von Andreas würde es keine Gegenwart mehr geben.

»Na, dann ist ja erst mal alles klar. Sind das deine Klamotten?« Er zeigte auf einen Haufen auf dem kleinen Tisch, neben dem er eben noch gesessen hatte. Unter dem Tisch standen Mikes Stiefel. Der Bulle holte sie vor.

»Yep«, antwortete Mike.

»Sechzehnloch.«

»Klar.«

»Rotschwarz, chic!«

»Bordeaux-schwarz«, sagte Mike, nicht ohne Stolz. »Neu.«

»So ’ne farbliche Vielfalt gab’s zu meiner Zeit noch nicht.«

»Wie jetzt, zu Ihrer Zeit?«

Der Bulle grinste. »Glaub bloß nicht, dass ich in deinem Alter sehr viel anders drauf war als du.«

»Ach du Scheiße. Das sind ja tolle Aussichten.« Trotz allem musste Mike lachen. Erik, der Bulle, lächelte.

»Glauben Sie bloß nicht, dass ich später dann auch mal in so ’nem Anzug wie Sie rumlaufe!« Mike musterte mit gespieltem Entsetzen Eriks Aufmachung: schwarzer Anzug, weißes Hemd.

Der Bulle lachte diesmal nicht, sondern wurde ernst.

»Du sagst, dein Uropa war ein Nazi und glaubst, dass deshalb jemand versucht hat, ihn umzubringen.«

»Der lebt noch, oder?«

»Ja. Ihm ist nicht viel passiert. Ein paar Schrammen, ein kleiner Schwächeanfall, aber es ist alles unter Kontrolle.«

Dass er dem alten Nazi den Tod wünschte, hatte Mike schon oft behauptet. Jetzt allerdings war die Lage ganz anders. Er war erleichtert, dass Uropa Karl noch am Leben war. Trotz allem.

»Warum warst du draußen?«, wollte Erik wissen.

»Ich feiere nicht mit dem Nazi.«

»Hast du ihm nicht mal gratuliert?«

Mike schüttelte den Kopf. »Wozu gratulieren? Als ob’s ’ne Leistung wäre, alt zu werden. Neunzig, na und? Und dann noch so einer wie der.« Aber er merkte selbst, dass seiner Ablehnung der Nachdruck fehlte.

»Warum bist du dann mitgekommen?«

Mike deutete auf den Klamottenhaufen. »Da liegt mein T-Shirt. ›Kein Bock auf Nazis‹ steht drauf. Ich dachte, ich sag ihm das mal, und den anderen auch.«

»Guter Junge.« Erik nickte anerkennend. »Fällt dir denn jemand ein, der sonst noch ein Problem mit deinem Uropa hatte?«

Mike überlegte. »Nee, im Gegenteil. Die haben ihn alle vollgeschleimt, als ob’s was zu erben geben würde.«

Als er es gesagt hatte, fiel ihm auf, dass er dem Bullen gerade ein Motiv genannt hatte. »Also … Ich hab das jetzt nicht so gemeint, wie …«

Die Tür ging auf, und eine Frau kam eilig herein. Hinter ihr betraten seine Eltern das Zimmer. Die Frau packte Erik an der Schulter und sagte nur: »Raus hier.« Worüber Mike aber viel mehr staunte, war, dass Erik ihr gehorchte. Eigentlich hatte er gedacht, der Typ sei ganz cool.

Als Erik draußen war, umarmten ihn seine Eltern. Seine Mutter weinte und küsste ihn. Sein Vater fragte ihn, wie es ihm ging. Tätschelte seinen Kopf, als sei er ein Baby. Endlich hörten sie auf.

»Was hat der Mann mit dir besprochen?«, fragte die Frau, die Erik rausgeschmissen hatte. Warum konnte die einen Polizisten verscheuchen? Das konnte nur eins bedeuten: Sie war auch bei den Bullen und hatte das Sagen. Also ranghöher, oder wie das hieß, als dieser Erik. Obwohl – nein. Viel einfacher. Erik war gar nicht zuständig. Sie waren ja in Anklam.

Mike beschloss, dass er sie nicht leiden konnte. Sie war ungefähr so alt wie seine Mutter. Vielleicht ein, zwei Jahre jünger, also so knapp unter vierzig. Sie hatte den gleichen Ton drauf wie Mama, wenn ihr mal wieder was an ihm nicht passte. Und weil er sich sicher war, diesmal nichts, aber auch rein gar nichts falsch gemacht zu haben, fand er es ziemlich daneben, dass diese Kuh ihn so von der Seite anmachte. Außerdem sah sie richtig scheiße aus. Sie trug ein kurzärmeliges Hemd in Beige und hatte ihre straßenköterblonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Als wäre das nicht schon schlimm genug, hatte sie ihr Hemd auch noch in die Hose – eine Jeans von der langweiligen Sorte – gesteckt. Ihre Sneakers machten das Bild perfekt: Gekleidet wie ein Mann, dachte Mike.

»Ich hab dich was gefragt«, sagte sie ungeduldig, als er immer noch nicht geantwortet hatte. »Also? Was wollte er von dir?«

»Die Frau ist von der Polizei«, erklärte sein Vater. »Sie ist zuständig für das, was gestern Nachmittag passiert ist.«

Mike zog die Augenbrauen zusammen. Es tat weh wegen der Schnitte im Gesicht. »Der Typ war auch ein Bulle.«

»Mike, bitte!« Da war er wieder, dieser Ton. Von seiner Mutter. Mike sah zum Fenster, wo die schwarze Nacht in einen dunkelblauen Morgen überging.

»Er ist aber nicht für den Fall zuständig«, sagte die Kuh. »Er darf gar nicht mit dir darüber sprechen, schon gar nicht, wenn deine Eltern nicht Bescheid wissen.«

Oh Mann, gewann die regelmäßig Wettbewerbe für den unsympathischsten Polizisten der Welt?

»Der hat überhaupt nichts mit mir beredet«, antwortete Mike betont cool. Ganz ruhig, nur nicht laut werden. »Der saß nur hier, bis ich wach geworden bin, und dann hat er mich gefragt, wie’s mir geht und ob ich was trinken will.« Zur Bestätigung zeigte er auf den Becher mit Wasser. »Und meine Klamotten hat er mir gebracht.« Mist, das konnten sie vielleicht nachprüfen. »Also glaub ich jedenfalls. Wir haben uns über meine Stiefel unterhalten. Die sind nämlich neu.«

Die blöde Kuh sah kurz auf seine Stiefel, sagte aber nichts.

»Na also, er hat nur nach dem Jungen gesehen«, sagte sein Vater.

»Klar. Na gut. Dann erzähl mir doch mal jetzt, was du gesehen hast.«

»Ich? Wann?« Mike machte große Augen. Dann merkte er, dass er das Katz-und-Maus-Spiel mit der Frau nicht durchhalten konnte. Die Bilder waren wieder da. Andreas und die Fremde, ineinander verkrallt und lichterloh brennend. Als würden zwei Fackeln tanzen. Mike biss die Zähne zusammen, bis es knirschte, aber es half nichts. Er fing an zu weinen.

»Ich weiß, es ist schwer, aber es ist wichtig, wir müssen doch wissen …«

»Lassen Sie ihn«, sagte seine Mutter.

»Gehen Sie! Er bricht uns zusammen!« Papa, ganz auf der Seite seines Sohns, wie immer, wenn es drauf ankam.

Die Frau ging. Mike weinte. Alles sah er vor sich, alles. Was auch immer sie ihm an Medikamenten gegeben hatten, es war nicht genug gewesen. Er wurde hysterisch. Und dann begriff er plötzlich.

»Ich bin daran schuld!« Er stieß Mutter und Vater von sich. »Ich bin schuld!« Seine Eltern starrten ihn an, schnappten nach Luft.

»Mike, was soll das denn? Oder hast du das Ding etwa geworfen?«, fragte sein Vater.

»Der Stein! Er hat meinen Stein genommen! Ohne meinen Stein wär der Molli doch vielleicht gar nicht so weit ins Zimmer geflogen!«

Schweigen, nur sein Schluchzen. Er bemerkte die Hände seiner Mutter, die sich an den Seiten ihres Rocks festkrallten. Die Hände seines Vaters, die sich über das Gesicht wischten.

»Was für ein Stein?«, fragte sein Vater.

»Ich wollte den Journalisten einen Pflasterstein aufs Auto werfen, aber Andreas hat ihn mir abgenommen, und nachher kam der Mann und hat den Stein ins Fenster geschmissen und den Molli hinterher!«, brachte Mike unter Schluchzen hervor.

»Ich hab immer gesagt, der Junge endet im Gefängnis, aber du mit deiner blöden …«, sagte seine Mutter mit kalkweißem Gesicht.

»Das reicht jetzt!«, entgegnete ihr sein Vater heftig. »Rechtlich gesehen kann ihm keiner was, und außerdem hat er doch gar nichts getan.«

»Mein Bruder würde wahrscheinlich noch leben!«, brach es aus ihr hervor.

»Astrid! Er kann nichts dafür, dass ein Verrückter einen Molotowcocktail auf uns geworfen hat!«

Seine Mutter heulte und heulte und war total durchgedreht. Papa legte einen Arm um ihre Schultern. Sie schlug nach ihm, er packte sie und schob sie zur Tür.

»Mike, ich muss mich um Mama kümmern«, sagte er, und sie gingen.

Mike heulte weiter. Als die Tür schon wieder aufging, machte jemand das große Licht an. Die Neonleuchten blendeten ihn. Er wischte sich wie vorher schon die Tränen mit den bandagierten Händen ab. Papa, dachte er. Aber es waren zwei Krankenpfleger, die ein Bett hereinschoben. Schnell drehte er den Kopf weg. Sie sollten nicht sehen, dass er heulte.

»Na, Junge, bist du wach?«, fragte der eine. »Jetzt kommt Gesellschaft. Dann bist du nicht so allein.« Das Bett wurde neben seins gestellt. Er horchte auf die Geräusche, die sie machten, als sie dem Patienten seine Infusion erklärten und das Bett aufschüttelten.

»Nur ein paar Kratzer, der Kleine da drüben hat viel mehr abbekommen. Ansonsten sind Sie gut drauf!«, sagte einer der Pfleger. Und dann: »Wenn einer was braucht, klingeln, wir sind da.«

Die Pfleger gingen wieder. Mike drehte den Kopf, um seinen neuen Zimmergenossen zu begutachten. Er hatte es schon geahnt. Es war der Scheißnazi. Uropa Karl.

2.

Schon bevor der Wagen zum Stehen gekommen war, hatte Micha die Tür aufgerissen und angefangen, sich zu übergeben.

»Du hättest mich fahren lassen sollen«, stöhnte er, als er fertig war.

»Ich quetsch mich nicht für ein paar hundert Kilometer in deinen Mini«, sagte Erik. »Ich frag mich immer, wie du da reinpasst. Du bist doch noch größer als ich. Wie groß bist du, zwei Meter?«

»Du hättest mich ja dein Auto fahren lassen können, wenn ich selbst fahre, geht’s.«

»Was mich sehr wundert, bei deinem Fahrstil. Hast du das schon immer?«

Micha holte tief Luft und schloss fest die Augen. »Das war schon so, als ich noch ganz klein war. Deshalb fahr ich jeden Meter selbst, seit ich den Führerschein hab. Auf der Autobahn ging’s ja noch, aber hier …«

Die Straßen auf Usedom waren eng und kurvig. Viele Alleen wirkten so schmal, dass Erik, der die Strecke nicht kannte, bei Gegenverkehr unwillkürlich auf die Bremse gestiegen war. Nicht, dass ihnen viele Autos entgegengekommen wären, aber dieses unregelmäßige Beschleunigen und Bremsen hatte Micha den Rest gegeben.

Sie standen in einem kleinen Waldstück kurz hinter dem Ort Usedom, nach dem die Ostseeinsel benannt worden war. Nicht mehr lange, und sie würden ihr Ziel erreicht haben.

Erik sah auf die Uhr: gleich sieben Uhr morgens. Sie hatten auf dem Parkplatz des Anklamer Krankenhauses ein wenig gedöst und sich dann vor einer guten Stunde auf den Weg in Richtung Kamminke gemacht. An der Zechiner Brücke hatten sie warten müssen, da diese gerade für durchfahrende Schiffe geöffnet war, aber weil es früh am Morgen war, stauten sich wenigstens noch nicht die touristischen Blechschlangen auf den Zufahrtswegen zur Ostsee.

Die Standpauke vor Mikes Krankenzimmer von Kollegin Thiele aus Anklam war Erik egal gewesen. Er wusste selbst, dass er sich gerade zu weit aus dem Fenster lehnte. Micha Anders, sein Stellvertreter bei der Mordkommission in Rostock, wusste es auch und war trotzdem mitgekommen.

»Meinst du, die von der KTU sind noch da?«, fragte Micha. Er hielt sich mit beiden Händen am Dach von Eriks Volvo fest.

»Keine Ahnung. Risiko.«

»Die Thiele taucht bestimmt auf. Die ist ja nicht blöd. Die weiß, dass wir hinfahren.«

Erik nickte und stieg nun ebenfalls aus. Er ging um das Auto herum zu Micha und fischte eine Zigarettenschachtel aus dessen Hosentasche.

»Auch eine?« Er grinste und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Dann suchte er nach einem Feuerzeug.

»Bleib mir weg mit dem Zeug! Ich kann jetzt echt nicht.«

»Dann geht’s dir wirklich schlecht.«

»Nee, ich kotz nur so zum Spaß«, langsam kam wieder etwas Farbe in Michas Gesicht. »Was weißt du eigentlich über die Thiele?«, wechselte er das Thema.

Erik überlegte kurz und inhalierte tief. »Natalie mit Vornamen, glaub ich. Ist seit neunzehn Jahren dabei, gleich nach der Schule hat sie angefangen und sich seit der Wende hochgearbeitet. Ich hab sie mal vor Ewigkeiten auf einem Lehrgang kennen gelernt. Tougher als fünf Kerle, jedenfalls versucht sie das. Sei froh, dass du ihr heute Nacht nicht auch noch in die Arme gelaufen bist.«

»Meinst du, sie beschwert sich über dich?«

»Hat sie schon längst. Aber was erwartet die? Dass wir zu Hause sitzen und Däumchen drehen, wenn ein Kollege von uns stirbt? Da scheiß ich doch auf Zuständigkeiten!«

Micha zuckte mit den Schultern. »Das gibt richtig viel Ärger.«

»Wegen der Thiele?«

»Wegen dir.« Micha stieg ein und knallte die Tür zu. Dann ließ er das Fenster runter. »Was ist jetzt, fahren wir weiter?«

Erik warf die Kippe auf den Boden. Im selben Moment fiel sein Blick auf das Hinweisschild: »Waldbrandgefahr«. Er hob sie wieder auf und steckte sie in den Aschenbecher seines Wagens.

»Mister Vorbild des Jahres«, lästerte Micha.

»Hey, eben noch fast mein Auto vollkübeln und jetzt Sprüche reißen. Ein bisschen Zurückhaltung wäre angesagt, glaube ich.«

»Sei froh, dass ich dir nicht auf deinen schicken Anzug gereihert hab. Wieso hast du dich eigentlich so rausgeputzt? Warst du im Konzert oder was? Noch eine schwarze Krawatte, und du siehst aus, als kämst du von einer Beerdigung.«

Erik stieg auf die Bremse. Micha, der sich noch nicht angeschnallt hatte, stützte sich am Armaturenbrett ab.

»Sag mal, spinnst du?«, brüllte Micha.

Erik brüllte zurück: »Du faselst hier was von Beerdigung! Überleg mal, warum wir hier sind! Geschmackloser geht’s wohl nicht!«

Wortlos schnallte sich Micha an und blickte starr nach vorne. Erik fuhr wieder los. Nach einigen Minuten eisigen Schweigens sagte er: »Ich komm wirklich gerade von einer.«

»Beerdigung?«

»Ja. Frag nicht.«

Sie schwiegen weiter.

Es ging über malerische Alleen, vorbei an hochsommerlich gelben Feldern, die von Kiefernwäldern begrenzt wurden, bis die Straße wieder durch ein dunkles Waldstück führte. Die hellen Sonnenstrahlen, die durch die Blätter brachen, irritierten Erik. Es sieht aus wie in einem Märchenwald, dachte er.

»Kennst du diese eine Geschichte von Stephen King«, brach Micha plötzlich die Stille. »Da suchen die immer nach Abkürzungen, um schneller irgendwo anzukommen, und die Abkürzungen werden immer abgefahrener, also mit ganz komischen Pflanzen und schrägen Tieren, die es sonst nirgendwo gibt, und dann kürzen die Leute so extrem ab, dass sie selbst immer jünger werden …«

»Basiert auf Einsteins Relativitätstheorie«, unterbrach Erik und freute sich.

»Woher weißt du denn so was?« Micha klang erschüttert.

»Allgemeinwissen.«

»Klugscheißer.«

Erik verriet nicht, dass er es von seiner Tochter aufgeschnappt hatte und im Grunde gar nichts darüber wusste. Er dachte an Cordelia und drehte die Musik ein bisschen lauter, denn die CD war, wie fast alle, die er besaß, von ihr. The Verve: Bittersweet Symphony.

»Na, jedenfalls sieht’s hier so aus, wie ich mir das in der Geschichte von dem King immer vorgestellt hab. Mich wundert echt, dass du so was weißt.«

»Und mich wundert, dass du liest.«

Aus der asphaltierten Straße wurde plötzlich Kopfsteinpflaster. Dann lichtete sich das Wäldchen, und wenige hundert Meter weiter kamen sie vor einer Absperrung zum Stehen.

»Polen«, sagte Micha.

»Die hätten ja auch mal irgendwo ein Schild hinstellen können.« Erik wendete den Wagen und fuhr wieder zurück. Dann sah er, was er eben übersehen hatte, den Wegweiser nach Garz und Kamminke, das Hinweisschild auf den Golm. Erik blinkte links, bog ab, und wenn er eben schon gedacht hatte, er sei im Märchenwald gelandet, dann wurde nun alles noch viel verwunschener. Sie mussten unter einer stark bewachsenen alten Eisenbahnbrücke hindurch, deren Durchfahrt kaum mehr Platz als für ein Auto bot. Wie das Tor zu einer anderen Welt, dachte Erik.

»Das steht, glaube ich, alles unter Naturschutz«, murmelte er, als er langsam um eine scharfe Rechtskurve hinter der Eisenbahnbrücke bog. Micha interessierte sich gerade herzlich wenig für die landschaftlichen Schönheiten. Er riss wieder die Autotür auf und übergab sich. Erik bremste.

»Sag doch was«, schrie er verärgert. »Das ist gefährlich!« Und dann, als er sich etwas beruhigt hatte: »Außerdem klebt jetzt bestimmt die Hälfte am Auto.«

Micha drehte den Kopf nach rechts. »Nein. Das Auto ist okay. Kann ich doch nicht vorher wissen, wann ich kotzen muss.«

Erik wartete noch, bis Micha sich wieder erholt hatte, fuhr dann langsam weiter durch den Wald, bis sich dieser öffnete. Zur Rechten erschien ein rosa gestrichenes Gehöft, ungefähr einen Kilometer weiter kam die Ortschaft Garz, ein winziges Nest, dessen ganzer Stolz ein ebenfalls winziges Feldsteinkirchlein war, umringt von einer Mauer aus Findlingen. Neben der Kirche stand ein hölzerner Glockenturm. Hinter Garz ging es weiter durch sanfte Hügel und gelbe Getreidefelder, bis sie endlich nach einer Biegung wieder Häuser sahen. Häuser und einige Aufsteller, die Werbung für die Gastronomie in Kamminke machten.

Kleine Häuser duckten sich am Straßenrand. In der nächsten Biegung fand sich gegenüber einer Gaststätte die Abzweigung zum Golm. Fast sah es aus, als endete die Ortschaft hier, doch Erik hatte sich getäuscht. Nach einem unbebauten Stück Land kamen wieder Häuser, jedoch zunächst nur auf einer Straßenseite. Der Moränenhügel zur Rechten war zu steil zum Bebauen.

Hinter den Häuschen zur Linken sah man weite grüne Felder, die bis zur polnischen Grenze reichten. Die klare Gliederung der einstigen Grenzanlage war bis heute sichtbar, auch wenn das meiste abgebaut war. So gerade war der Grenzstreifen, als hätte man seinerzeit mit einem Lineal gearbeitet. Wahrscheinlich hatte man das wirklich. Auf polnischer Seite lugten die Dächer einer Gartenkolonie hervor.

Kamminke machte den harmonischen Eindruck eines verschlafenen Fischerdörfchens. Ein Seeadler kreiste am Himmel, auf den Wiesen hinter den Häusern stand ein Storchenhorst. Jedes Haus, an dem sie vorüberkamen, sah anders aus. Hier ein komplett renoviertes, dort ein verfallenes Gebäude, da ein Reetdach, rote Backsteinziegel, glänzende neue schwarze Dächer. In einem Vorgarten wimmelte es von Gartenzwergen, beim Nachbarn blühten die sattesten Blumen, der nächste hatte nicht einmal seinen Zaun repariert.

Das Haus von Karl Rohde lag wie die Nachbargrundstücke etwas niedriger als die Straße. Nicht so tief wie die Häuser, die Erik noch weiter vorne am linken Straßenrand gesehen hatte. Diese hatten ihren Eingang gute eineinhalb Meter unter dem Niveau des Gehsteigs gehabt.

Natürlich war alles abgesperrt. Ein Streifenwagen stand auf dem Hof. Sie waren also schon da. Erik beschloss, zunächst weiterzufahren.

Wenige Meter weiter wechselte der glatte Asphalt wieder in Kopfsteinpflaster. Ab hier waren beide Seiten der Straße bebaut, ein enger Abzweig führte den Hügel hinauf, gesäumt von mehreren Häuschen. Erik fuhr geradeaus, bis er zum kleinen Hafen des Ortes kam.

Das Wasser glänzte silbern in der Morgensonne, der Himmel strahlte in wolkenlosem Blau. Es waren jetzt schon über zwanzig Grad.

»Netter Hafen«, sagte Erik. Micha hatte die Augen geschlossen.

»Sind wir an der Ostsee?«, fragte er, ohne die Augen zu öffnen.

»Stettiner Haff. Du hast doch die Karte, kuck doch mal rein.«

»Ich kann beim Autofahren nicht auch noch lesen. Dann muss ich noch schlimmer kotzen.«

»Das geht noch schlimmer?«

»Leck mich.«

»Mach die Augen auf. Wir fahren nicht mehr. Am besten lassen wir das Auto hier und sehen uns ein bisschen um, was meinst du?«

Erik schaltete den Motor aus und stieg aus, ohne eine Antwort abzuwarten. Micha blinzelte vorsichtig. Glücklich über die Aussicht auf festen Boden unter den Füßen, stieg er aus dem Volvo und atmete tief durch.

»Tut das gut, frische Luft!«, seufzte er.

Erik zählte fast dreißig Campingwagen, die direkt am Haff standen. Die ersten trägen Touristen schlurften bereits umher und starrten sie neugierig an. Sie halten uns für ein schwules Urlauberpärchen, dachte Erik. Sollen sie ruhig.

Auf dem Wasser lagen ein paar kleine Fischerboote. Hinweisschilder nötigten die Aufmerksamkeit des Hafenbesuchers auf einen winzigen Biergarten, der direkt auf der Mole zu finden war.

Erik schlug den Weg ein, den sie gekommen waren – wieder weg vom Hafen – und ließ den fremden Ort auf sich wirken.

Dieser Zipfel von Usedom hatte mit den Touristenmassen der fein herausgeputzten Kaiserbäder, die heute noch dem Glanz der vorletzten Jahrhundertwende nachzutrauern schienen, nichts zu tun. Wer hierher kam, suchte etwas anderes: Stille, Ruhe, Abgeschiedenheit. Hier konnte man nichts anderes tun, als auf das Wasser zu schauen.

Als sie die Straße zurück zu Karl Rohdes Haus gingen, meldete sich hinter jedem dritten Zaun ein Hund. Zwei einheimische Frauen jenseits der sechzig standen an einem Gartentor und unterhielten sich auf Plattdeutsch. Sie grüßten Erik und Micha mit einem schwer zu ignorierenden »Goden Dach«, was die beiden brav erwiderten, und starrten den Männern ungeniert nach. Sie glauben wohl tatsächlich, dass wir schwul sind, dachte Erik.

Zwei Uniformierte erwarteten sie bereits, als sie an Karl Rohdes Haus ankamen. Sie waren aus ihrem Streifenwagen ausgestiegen und kamen ihnen gemütlich entgegen.

»Die Kollegin Thiele kommt gleich«, sagte der ältere der beiden. Sie hielten es nicht für nötig, sich vorzustellen. Erik legte auch keinen gesteigerten Wert darauf.

»Ach, wie das?«, fragte er nur.

»Hat uns gesagt, wir sollen die Augen offen halten und uns sofort rühren, sobald wir ein HRO-Kennzeichen sehen.«

»Mit einem Typen Mitte vierzig, nicht mehr ganz so fit, einem albernen Anzug und einer Frisur wie selbst geschnitten«, fügte der Jüngere grinsend hinzu.

Unwillkürlich fuhr sich Erik mit den Händen durch die Haare, obwohl er wusste, dass die beiden ihn verarschen wollten.

»Hat sie das gesagt, ›nicht mehr ganz so fit‹?«, fragte Großmaul Nummer eins seinen Kollegen.

»Na ja, eigentlich hat sie gesagt, er wär nicht der Dünnste.« Nun lachten die beiden Uniformierten.

»Richtige Scherzkekse hier oben«, gähnte Micha und ging an den beiden vorbei, um sich umzusehen.

»Moment, Freundchen, nicht so hastig. Erst, wenn die Thiele hier ist!«

Erik hatte keine Lust auf alberne Machtspielchen. Er rief Micha zurück, und sie gingen die Straße weiter hinunter in Richtung Ortsausgang.

»Tief durchatmen«, sagte Erik.

»Als ob ich mich über die Trottel auch noch aufregen würde. Dazu ist mir viel zu schlecht.«

»Immer noch?«

Micha winkte ab. »Kann dauern.«

»Na dann sei froh, dass du nie zur Marine musstest.«

»Bin ich. Jeden Tag. Fliegen geht auch nicht. Was suchen wir überhaupt, oder vertreten wir uns nur die Füße, bis die Tante aus Anklam antanzt?«

Erik zuckte die Schultern. »Was wissen wir bis jetzt? Karl Rohde, der Opa von Andreas, hat seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert. Die ganze Bude war voll mit Gästen. Gegen halb vier kommt jemand vorbei und wirft von der Straße aus einen Molotowcocktail durch das Fenster, das er zuvor mit einem Pflasterstein eingeschmissen hat. Keiner hat ihn gesehen, außer dem Jungen. Mike hat mir gesagt, der Mann trug eine Baseballkappe und ein Muscleshirt, Jeans und Stiefel. Keine Tasche, keine Plastiktüte, nichts. Er kam zu Fuß. Und jetzt denk mal scharf nach.«

»Zu Fuß mit einer Benzinflasche in der Hand, und keiner hat ihn gesehen.«

»Jemand muss ihn gesehen haben. Und wie soll er hierhergekommen sein, etwa mit dem Bus?«

»Vielleicht mit dem Auto, das er in der Nähe abgestellt hat. Die Straße da vorne ist zu eng, um zu parken. Außerdem werden die Gäste von Karl Rohde ja auch irgendwo geparkt haben, da war’s dann bestimmt ziemlich voll vor dem Haus.«

»Die haben entweder in der Hofeinfahrt geparkt oder in diesen Straßenbuchten, die hier überall sind. Sind das Ausweichbuchten oder kann man da wirklich parken?«

Micha schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich beides. Woher soll ich das wissen? Wenn hier so viele Autos standen, wäre doch eins mehr gar nicht aufgefallen.«

»Aber Mike hat gesagt, er kam zu Fuß«, beharrte Erik.

»Wollen wir nicht erst mal warten, was die aus Anklam sagen? Die haben doch bestimmt die Nachbarn befragt. Was wir hier machen, ist doppelte Arbeit. Zeitverschwendung. Und Ärger gibt’s sowieso. Was genau hast du jetzt eigentlich vor?«

»Kuck mal hier.« Erik zeigte auf eine ungepflegte Wiese mit wild wachsenden Hecken und vereinzelten Bäumen, über die ein Weg führte, breit genug, um mit dem Auto darauf fahren zu können. Am Gehsteig standen Glas- und Plastikcontainer. »Wenn ich mein Auto irgendwo unauffällig abstellen wollen würde, dann doch hier, oder? Wenn jemand vorbeikommt, denkt der, ich bringe nur Müll weg. Oder man parkt so, dass der Wagen von dem Gestrüpp verdeckt ist.«

»Ich weiß nicht … Im Hafen auf dem Parkplatz fällt ein Auto noch weniger auf, da stehen doch immer mal welche, auch von außerhalb.«

»Ja, aber dann müsste man durch das ganze Dorf latschen. Wie viele Leute haben uns angestarrt? Und es ist noch früh am Tag. Am hellen Nachmittag fällt hier bestimmt jeder auf.«

»Sind dann nicht viel mehr Urlauber unterwegs?«

Erik schüttelte den Kopf. »Früher konnte man von hier aus mit dem Schiff rüber nach Polen und steuerfrei einkaufen. Aber seit Polen in der EU ist, lohnt sich das nicht mehr so richtig.«

»Woher weißt du so was eigentlich so genau?«, fragte Micha.

»Reiseführer.«

»Oha.«

Natalie Thiele kam in einem grauen Golf. Sie bremste scharf, als sie die beiden sah, und blieb neben ihnen stehen.

»Einsteigen«, sagte sie nur schroff durch das heruntergelassene Fenster. Erik beugte sich zu ihr hinunter.

»Bitte was?«

»Sie steigen jetzt alle beide ein, und dann unterhalten wir uns.«

Micha und Erik sahen sich an. Sie dachten wohl beide das Gleiche. Warum nicht? Was sollten sie sonst tun? Wenn sie etwas herausbekommen und an dem Fall näher dran sein wollten, mussten sie sich mit der Thiele einigermaßen gut stellen. Kaum saßen sie im Wagen, beide demonstrativ auf der Rückbank, gab sie Gas und fuhr durch den Ort, vorbei am Tatort, bis fast zum Hafen. Kurz davor bog sie links in eine noch engere Straße, dann hielt sie auf dem Parkplatz des Gasthauses »Haffblick«.

Sie setzten sich an einen der Tische, die vor dem Lokal standen. Thiele ließ die beiden kurz alleine, um mit dem Chef des »Haffblicks« zu reden.

»Wir bekommen ausnahmsweise jetzt schon einen Kaffee.« Thiele klang nun etwas entspannter. »Ich weiß, dass Sie sich von Ihrem Vorgesetzten in Rostock sämtliche Details haben geben lassen«, sagte sie zu Erik. »Das heißt, wir sind ermittlungstechnisch wohl auf demselben Stand. Seit Sie mit ihm gesprochen haben, hat sich nicht viel getan. Sie wissen wahrscheinlich sogar noch mehr als ich, weil sich der Junge geweigert hat, mir auch nur einen Piep zu sagen. Er mag mich nicht so gerne, wie er Sie mag.«

»Herr Kemper ist nun mal ein Charmeur«, erklärte Micha trocken. Thiele starrte Micha mit einem Blick an, als sähe sie ihn gerade zum ersten Mal.

»Und Sie?«, fragte sie.

»Micha Anders, ich bin sein Stellvertreter. Oder wollten Sie wissen, ob ich auch ein Charmeur bin?«

Nun schwiegen sie alle und lauerten, wer als Nächster etwas sagen würde.

Es war der Chef des Lokals: »So, der Kaffee für die Herrschaften. Wenn Sie etwas essen wollen, darf ich Sie nach drinnen ans Frühstücksbuffet verweisen. In ein paar Minuten geht’s los.« Er war ein paar Jahre jünger als Erik, Mitte dreißig, sehr schlank und hatte sehr kurze Haare. Mit einem freundlichen Lächeln servierte er den Kaffee und verschwand wieder nach drinnen.

»Kollege Kemper, Sie sagen mir jetzt, was Sie von dem Jungen erfahren haben«, sagte Thiele resigniert, als sie wieder alleine waren.

Erik erzählte es ihr.

»Das ist so gut wie gar nichts.« Thiele rührte Zucker in ihren Kaffee. »Ich spreche nachher noch mal mit ihm, vielleicht ist er dann kooperativer.«

»Viel Glück«, rutschte es Erik heraus. Thiele hörte auf zu rühren.

»Wie meinen Sie das?«

»Verbohrter Junge. Spricht nur mit Leuten, die ihm passen. Das ist alles.«

Sie nahm sich Zeit mit der Antwort. »Vergessen Sie’s. Ich lasse Sie nicht noch mal zu ihm, wenn ich es vermeiden kann. Sie haben mit dem Fall nichts zu tun. Abgesehen davon, dass ich Sie um Amtshilfe bitten werde. Erzählen Sie mir von Ihrem Kollegen Andreas Reeken.«

»Was wollen Sie wissen?«

»Ich habe doch schon gesagt, dass ich mit Helmut Reuter gesprochen habe.« Reuter war der Leiter des Fachkommissariats, dem Erik als Leiter der Mordkommission unterstand. »Ich habe ihm alles erzählt, was wir haben, und er hat mich an Sie verwiesen. Außerdem hat mein KPI-Leiter bereits mit Ihrem KPI-Leiter telefoniert. Also?«

Die Leiter der Kriminalpolizeiinspektionen hatten sich also schon unterhalten. Erik zuckte mit den Schultern. Er betrachtete Natalie Thiele nun ganz offen und in aller Ruhe, während sie zurückstarrte. Wer zuerst wegsieht, dachte Erik. Er würde es nicht sein. Sie hatte ein attraktives Gesicht mit klaren grünlichen Augen, einer geraden Nase und einem eckigen Kinn. Sie war nicht geschminkt, hatte es aber auch nicht nötig. Die glatten Haare hatte sie schlicht zu einem Zopf zurückgebunden. Jede andere Frau hätte sich blonde Strähnchen gemacht, um ihrem Haar mehr Glanz zu geben, sie nicht. Sie tat wohl alles, um nicht als Weibchen zu gelten. Ihre praktische Kleidung unterstrich dieses Anliegen. Nun sah sie weg. Diese kleine Schlacht hatte er gewonnen.

»Ich habe zuerst eine Frage an Sie«, sagte Erik. »Warum haben die Sanitäter so lange gebraucht?«

»Der Notruf war nicht eindeutig. Erst wurde nur ein Wagen losgeschickt. In Heringsdorf ist eine Notfallstation, mit Blaulicht braucht man aber trotzdem schon mal gut und gerne zwanzig Minuten. Je nach Verkehr dauert es länger. Bei dem Wetter besteht die Insel fast nur aus Blechlawinen, besonders am Wochenende. Da will jeder in die Kaiserbäder.«

»Zwanzig Minuten. Das ist zu lang.«

»Allerdings. Der Notarzt hat sofort Hubschrauber angefordert.

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