Logo weiterlesen.de
Blutspur in East End

Steve Hogan

Blutspur in East End

PROLOG

Tricia Lloyd bekam weiche Knie. Ihr zitterten die Hände, und das lag nicht nur an dem feuchtkalten Wind. Es war viel zu frisch für Anfang September. Eisige Böen wehten von der Themse her und strichen durch Tricias schulterlanges blondes Haar.

Die Zwanzigjährige schaute nach links und rechts. Tricia war von einem Dutzend Menschen umgeben, die dicht zusammenblieben. Sie gehörte zu den jüngsten Teilnehmern der Stadtführung „Jack the Rippers London“.

Tricia lebte erst seit kurzer Zeit in der Stadt. Sie wollte nicht nur im Nachtleben der Millionenmetropole feiern gehen, sondern auch etwas über die Geschichte der britischen Hauptstadt erfahren. Außerdem hatte Tricia eine Schwäche für alles Mysteriöse. Deshalb hatte sie sich für einen geführten Spaziergang angemeldet, der zu den Tatorten des geheimnisumwitterten Serienmörders führte. Jetzt fragte sie sich allerdings, ob das eine gute Idee gewesen war. Aber als Tricia in die Gesichter der anderen Teilnehmer blickte, wusste sie, dass nicht nur ihr mulmig zumute war. Die anderen wirkten genauso angespannt. Oder lag es nur an der schlechten Beleuchtung durch die uralten Straßenlaternen?

Tricia ärgerte, dass sie so ängstlich war. Schließlich hatte niemand sie gezwungen, an der Tour teilzunehmen. Sie konzentrierte sich auf die Erklärungen des Touristenführers Arnold Feathers. Der kauzige Schnurrbartträger hätte vom Alter her ihr Großvater sein können. Feathers hatte vor seiner Pensionierung als Sergeant bei der Army gedient, wie er erzählt hatte. Entsprechend laut und volltönend war seine Stimme.

„Ladys und Gentlemen, wir befinden uns hier an dem Ort, wo am 8. September 1888 die Prostituierte Annie Chapman ermordet wurde. Sie war höchstwahrscheinlich das zweite Opfer von Jack the Ripper.“

„Höchstwahrscheinlich?“, wiederholte eine ältere Schwedin, die schon mehrere Fragen gestellt hatte. Laut ihrem Namensschild hieß sie Kerstin. „Also ist nicht sicher, wie viele Menschen dieser Killer auf dem Gewissen hat?“

„Man geht heute von insgesamt fünf Opfern aus: Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catharine Eddowes und Mary Jane Kelly. Allerdings sind die Meinungen geteilt. Es wäre möglich, dass der mysteriöse Killer noch weitaus mehr Frauen auf dem Gewissen hat.“

„Und man weiß wirklich nicht, wer Jack the Ripper war?“, wollte Tricia wissen. Feathers lächelte ihr zu, was allerdings eher wie ein Zähnefletschen aussah. Er warf einen Blick auf ihr Namensschild, bevor er antwortete.

„Nein, Tricia. Es gibt abenteuerliche Theorien über Jack the Ripper. Manche Leute haben den damaligen Thronfolger Prinz Albert verdächtigt – sogar der Schriftsteller Lewis Carroll wurde zeitweise als Täter in Betracht gezogen. Er hat übrigens Alice im Wunderland geschrieben. Tatsache ist: Jack the Ripper konnte nie gefunden werden. Vielleicht irrt er ja immer noch durch Whitechapel, wer weiß? Viel verändert hat sich hier seit dem Jahre 1888 jedenfalls nicht.“

Die letzten Sätze sagte Feathers mit einem Augenzwinkern, aber Tricia fand seinen Spruch nicht witzig. Jack the Ripper konnte unmöglich noch leben. Er hätte mehr als 150 Jahre alt sein müssen, um im 21. Jahrhundert Angst und Schrecken zu verbreiten. Mit einer Sache hatte der Fremdenführer allerdings recht. Whitechapel war nach wie vor ein ärmliches und heruntergekommenes Viertel. Daran hatte sich seit den Ripper-Morden nichts geändert.

Die Straßen waren schmal und mit Mülltonen übersät. Es gab verwahrloste Hinterhöfe und verschachtelt gebaute Schuppen. Ohne Feathers hätte sich wahrscheinlich jeder Teilnehmer der Führung in diesem Gassenlabyrinth hoffnungslos verirrt. Tricia achtete deshalb darauf, nicht den Anschluss an die Gruppe zu verlieren.

Feathers setzte den Rundgang fort. „Ladies und Gentlemen, wir begeben uns jetzt zum Fundort der Leiche von Elizabeth Stride, die von ihren Freunden Long Liz genannt wurde. Sie war eine Prostituierte, genau wie alle anderen Opfer von Jack the Ripper. Und auch der Körper von Long Liz wurde durch den Serienmörder grausam verstümmelt.“

Obwohl Whitechapel immer noch ein dicht bevölkerter Stadtteil war, herrschte nach Einbruch der Dunkelheit Totenstille. Oder kam Tricia das nur so vor? Es konnte hier gar nicht so ruhig sein wie in der Kleinstadt Shrewsbury, aus der sie stammte. London war schließlich die Party-Hochburg Großbritanniens, eine internationale Mode- und Medien-Metropole. Doch davon spürte man in den schmutzigen Gassen von Whitechapel nichts. Hier war wirklich die Zeit stehen geblieben, seit Jack the Ripper mit dem Messer in der Tasche durch den Nebel geschlichen war.

London hatte eine schaurige Vergangenheit, und es gab sogar ein Museum, das sich ausschließlich mit den spektakulären Kriminalfällen der britischen Hauptstadt beschäftigte. Auch dem berühmten Detektiv Sherlock Holmes wurde in London gehuldigt. Doch Holmes und sein Assistent Dr. Watson waren nur erdachte Romanfiguren, während Jack the Ripper wirklich hier sein Unwesen getrieben hatte.

Tricia war angespannt. Sie konnte sich der unheimlichen Ausstrahlung dieses Ortes nicht entziehen. Eigentlich war sie von gruseligen Begebenheiten und Geheimnissen fasziniert, sonst hätte sie sich wohl kaum freiwillig für diese Tour angemeldet. Abends im Bett verschlang sie blutrünstige Thriller geradezu, und auch im Kino versäumte sie selten einen Mystery- oder Fantasy-Film, der ihr eine Gänsehaut bescherte.

Doch in Whitechapel war sie an einem wahren Schauplatz des Grauens gelandet.

Auf dieses Kopfsteinpflaster unter ihren Schuhsohlen war das Blut der Frauen gespritzt, von diesen schäbigen Häuserwänden hatten ihre Schreie widergehallt. Hier hatte Jack the Ripper seine wehrlosen Opfer gnadenlos niedergemetzelt.

Tricia musste zugeben, dass Feathers seine Sache ausgezeichnet machte. Er konnte packend erzählen. Mit wenigen Sätzen verstand er es, die Atmosphäre des Jahres 1888 lebendig werden zu lassen. Das Rattern der Fuhrwerke, die Gesänge der Trinker in den sogenannten Ginpalästen, der schwarze Rauch aus unzähligen Öfen und Schiffsschornsteinen – Tricia fühlte sich in die Vergangenheit versetzt. Der Rundgang war nicht einen Moment langweilig. Trotzdem war sie erleichtert, als die Führung an der U-Bahn-Station Aldgate East endete. Dort hatte sie auch zwei Stunden zuvor begonnen.

„Ladies und Gentlemen, ich wünsche Ihnen eine gute Nachtruhe in der Stadt Jack the Rippers.“ Mit diesen makabren Worten verabschiedete Feathers seine Gruppe.

Tricia wollte nur noch nach Hause. Sie bezweifelte, dass sie an diesem Abend ein Auge zubekommen würde. Sie nahm sich vor, von ihrem Festnetzanschluss aus Carol anzurufen. Mit ihr konnte sie über alles reden. Es gab keinen Menschen auf der Welt, dem sie sich näher fühlte. Noch nicht einmal ihren Eltern.

Der Gedanke an ihre beste Freundin verlieh Tricia neuen Mut. Doch dieser Moment dauerte nicht lange, denn nach einer Weile verspürte sie ein unangenehmes Kribbeln im Nacken. Spielte ihr die Fantasie einen Streich, oder wurde sie tatsächlich verfolgt? In der U-Bahn schien es niemand auf sie abgesehen zu haben. Der Waggon war mit jungem Partyvolk gefüllt. Die Leute fuhren ins West End, wo sich die angesagten Clubs und Discos von London befanden.

Tricia musste an der Station Moorgate umsteigen, um nach Camden Town zu gelangen, wo sie lebte. Immer wieder schaute sich die Zwanzigjährige nervös um. Doch sie konnte niemanden entdecken, der hinter ihr herschlich. Als Tricia in Camden Town ankam, war sie schon wieder etwas lockerer geworden. In den Pubs des quirligen Stadtteils war noch viel los. Musik dröhnte auf den Gehsteig. Ein Streifenwagen der Metropolitan Police fuhr langsam Richtung Chalk Farm. Doch die Nebenstraße der Camden High Street, in der Tricia wohnte, war menschenleer.

Bis auf Tricia und ihren Verfolger.

Er hatte sie nur in Sicherheit wiegen wollen, das begriff sie nun. Die dunkle Gestalt war die ganze Zeit hinter ihr gewesen. Tricia begann zu laufen, aber ihr Verfolger hatte sie bereits eingeholt. Sie riss den Mund auf, um zu schreien, doch die behandschuhte Linke ihres Verfolgers drückte ihr die Kehle zu. Tricia sah das Messer kurz aufblitzen, bevor es in ihren Oberkörper eindrang.

Hilf mir, Carol! Bitte, hilf mir, flehte sie stumm. Dann hatte die ewige Nacht sie für immer geschluckt.

1. KAPITEL

Aufgeregt rutschte Carol Garner auf ihrem Sitz hin und her, wobei sie ununterbrochen aus dem Zugfenster schaute. Den größten Teil der Fahrt von Shrewsbury nach London hatte sie sich mit ihrem MP3-Player vertrieben. Doch nun schaltete sie den Sound der Black Eyed Peas aus.

Die Bahn hatte bereits die Außenbezirke der Hauptstadt erreicht. Und Carol wollte London nicht nur sehen, sondern auch hören, riechen und schmecken. Es kam ihr so vor, als würde plötzlich eine andere Luft durch den Waggon wehen. Sie hatte mehrmals umsteigen müssen, seit sie am frühen Morgen aus ihrem verschlafenen Heimatstädtchen abgereist war.

Der Typ auf der Sitzbank ihr gegenüber grinste spöttisch. Er sah eigentlich gar nicht mal so übel aus, eine Art Justin-Timberlake-Verschnitt. Aber Carol hatte das Gefühl, er würde sich über sie amüsieren, was sie überhaupt nicht ausstehen konnte.

„Was ist denn so lustig? Habe ich einen Pickel auf der Nase?“, fuhr sie ihn entnervt an.

„Das nicht, Kleine. Aber es ist einfach zum Totlachen, wenn eine Provinztussi das erste Mal nach London kommt.“

Carol war gekränkt. „Du hast wohl den absoluten Durchblick, was? Woher willst du denn wissen, dass ich nicht in der Hauptstadt lebe?“

Arrogant zuckte Carols Gegenüber mit den Schultern. „Lebenserfahrung.“

Nun war es Carol, die lachen musste. Lebenserfahrung! Der Typ war gewiss nur ein paar Jahre älter als sie, also allerhöchstens fünfundzwanzig. Und er führte sich auf, als ob er schon den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hätte. Carol konnte auch ironisch sein, wenn sie wollte.

„Du musst ja echt ein weiser alter Mann sein. Hast du dich liften lassen? Wie heißt du überhaupt?“, fragte sie spöttisch.

„Joe. Und du?“

„Carol.“

„Sei nicht sauer auf mich, Carol. Ich finde es okay, wenn Leute vom Dorf fortwollen. Das ist verständlich. Es kann ja nicht jeder ein echter Londoner sein, so wie ich.“

Carol ließ sich nicht für dumm verkaufen. „Wenn du also in London lebst, wieso bist du dann in Milton Keynes eingestiegen? Das ist doch auch ein Provinzkaff, oder nicht?“

„Stimmt genau. Ich lebe nicht in London, ich habe dort nur meinen Job. London ist dreckig, teuer, kriminell – das ist nicht mehr meine Stadt. Da wohne ich lieber in Milton Keynes.“

„Und lachst über Leute, die nach London wollen? Wie albern ist das denn?“

„Du wirst schon erleben, wie gefährlich diese Stadt sein kann.“

Carol hatte überhaupt keine Lust, sich von diesem blöden Joe runterziehen zu lassen. Trotzdem verschlechterte sich ihre Laune. Plötzlich hatte sie das Gefühl, sich vor diesem Fremden rechtfertigen zu müssen. „Es geht dich zwar nichts an, aber London ist die große Chance meines Lebens! Ich habe nämlich einen Studienplatz an der Westminster School bekommen. Das ist eines der besten Colleges in England, aber das wirst du als gebürtiger Londoner natürlich wissen. Und ich werde mit meiner besten Freundin in einer Wohngemeinschaft zusammenleben.“

Carol war immer aufgeregter geworden, je mehr sie diesem eingebildeten Typen erzählte.

Joe ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Immer cool bleiben, Carol. Das ist der wichtigste Rat, den ich dir geben kann. Zieh dein Ding durch und lass dich nicht beirren – auch nicht von mir.“

„Vielen Dank für deine Weisheit, Opa.“ Sie ärgerte sich eigentlich hauptsächlich über sich, weil sie sich von diesem aufgeblasenen Schwätzer niedermachen ließ. Es konnte ihr doch völlig egal sein, was Joe über sie dachte.

Zum Glück fuhr der Zug nun in den Bahnhof Euston ein. Alle Passagiere standen gleichzeitig auf, als ob ein lautloses Kommando ertönt wäre. Im Gedränge verlor Carol Joe sofort aus den Augen. Sie bedauerte es nicht. Dieser Kerl hatte ihr gründlich die Stimmung vermiest. Außerdem hatte sie mit ihren beiden großen Reisetaschen alle Hände voll zu tun.

Doch Tricia wollte sie vom Bahnhof abholen und konnte dann eine von den Taschen tragen. Beim Gedanken an ihre beste Freundin verflog Carols schlechte Laune. Natürlich hatten sie jeden Tag telefoniert und gechattet, seit Tricia vor ein paar Monaten einen Job in London ergattert hatte. Carol wollte nachkommen, sobald sie einen Studienplatz in der Hauptstadt bekam. Und an diesem Septembertag war es endlich so weit. Das Semester startete erst in einigen Wochen. Carol hatte also genug Zeit, um ihre neue Heimat kennenzulernen.

Aber wo war Tricia?

Carol kam sich etwas verloren vor, nachdem sie auf den Bahnsteig getreten war und auf ihre Freundin wartete. Normalerweise war Tricia immer pünktlich. Es sah ihr gar nicht ähnlich, Carol zu versetzen.

„Ich hole dich selbstverständlich ab, das ist doch klar. Meine Chefin gibt mir morgen den ganzen Tag frei, weil ich so viele Überstunden angesammelt habe“, hatte sie ihr gestern noch am Telefon mitgeteilt. „Außerdem habe ich heute Abend etwas vor. Ich weiß aber noch nicht, ob ich mich das traue. Auf jeden Fall werde ich dir morgen alles darüber erzählen.“

Tricia tat gern geheimnisvoll. Darum hatte Carol nicht versucht, Einzelheiten herauszubekommen. Trotzdem hätte Tricia allmählich auftauchen können. Nervös fuhr sich Carol durch ihr kinnlanges kastanienfarbiges Haar. Ob Tricia verschlafen hatte? Sie nahm ihr Handy und rief die Nummer ihrer besten Freundin im Speicher auf. Doch Tricias Apparat war ausgeschaltet. Carol checkte, ob irgendwelche Anrufe in Abwesenheit auf ihrem eigenen Handy eingegangen waren. Aber niemand hatte versucht, sie zu erreichen.

Auch Tricia nicht.

Nach einer halben Stunde beschlich Carol ein mulmiges Gefühl. Außerdem bekam sie auf dem zugigen Bahnsteig kalte Füße. Sie nahm ihre beiden Reisetaschen und ging zum Informationsschalter von British Rail in der Bahnhofshalle. Vor ihr war ein Osteuropäer an der Reihe, der nur gebrochen Englisch sprach. Carols Geduld wurde auf eine weitere Probe gestellt. Immer wieder versuchte sie zwischendurch, Tricia zu erreichen. Vergeblich. Aber dann stand sie endlich vor der uniformierten Angestellten. „Ich bin mit meiner Freundin verabredet. Wir müssen uns irgendwie verpasst haben. Könnte sie ausgerufen werden?“, fragte sie.

„Selbstverständlich, Miss. Wie heißt denn Ihre Freundin?“

Carol nannte der Service-Mitarbeiterin den Namen. Gleich darauf griff diese zu ihrem Mikrofon. „Achtung! Miss Tricia Lloyd wird gebeten, zur Information in der Wartehalle zu kommen. Miss Tricia Lloyd, bitte!“

Carols Unruhe wuchs. Beim Anblick jeder jungen Frau, die auch nur entfernt Ähnlichkeit mit Tricia hatte, verspürte sie Erleichterung. Doch die Hoffnung wurde jedes Mal zerstört, wenn Carol erkannte, dass es nicht Tricia war. Carol wartete eine Viertelstunde neben dem Informationsschalter. Dann gab sie auf, während sie einen Anflug von Panik unter Kontrolle zu bekommen versuchte.

Offenbar war Tricia überhaupt nicht zum Bahnhof Euston gekommen. Abermals versuchte Carol, ihre Freundin über das Handy zu erreichen, wieder ohne Erfolg. Inzwischen machte sie sich ernsthaft Sorgen. Sie spürte, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Carol und Tricia verband eine sehr intensive Freundschaft. Wenn es der einen von ihnen nicht gut ging, spürte die andere das meistens sofort.

Carol beschloss, mit der U-Bahn nach Camden Town zu fahren, wo Tricia sich eine Wohnung mit einer gewissen Eve Sutton teilte. Carol sollte als dritte Mitbewohnerin einziehen.

Nachdem sie sich auf den Weg gemacht hatte, merkte sie schnell, dass London eine riesige, unübersichtliche Stadt war. Man konnte sich leicht verirren und in die falsche U-Bahn steigen. Doch irgendwann war Carol schließlich an ihrem Ziel angelangt und schleppte erschöpft ihre beiden Reisetaschen aus der Station Camden Town. Nach der langen Zeit in den stickigen überfüllten Waggons war ihr nicht mehr kalt, ganz im Gegenteil. Der Schweiß rann ihr über den Rücken, und ihr Gesicht war knallrot, wie sie im Vorbeigehen an einer Schaufensterscheibe erkannte. Carols Spiegelbild sah genervt und abgekämpft aus.

Auf der Camden High Street ging es turbulent zu. Fliegende Händler boten exotische Snacks an, und aus den offenen Fenstern der Pubs wummerten die Bässe. Man sah Asiaten und Afrikaner, kamerabehängte Touristen und zerlumpte Bettler. Der Stadtteil war genauso lebendig, wie Tricia ihn immer beschrieben hatte. Doch momentan hatte Carol für die faszinierende Vielfalt von Camden Town kein Auge. Sie wollte nur noch eins – nämlich ihre Freundin treffen. Carol fragte eine alte Dame nach dem Weg, die ihr Auskunft geben konnte. Keine fünf Minuten später bog sie in die Seitenstraße ab, wo Tricia lebte.

Carols Herz krampfte sich zusammen, als sie den Streifenwagen erblickte. Er parkte auf dem Bürgersteig vor einem der schmalen Reihenhäuser, aus denen der ganze Straßenzug bestand. Das üble Gefühl verstärkte sich, als Carol näher kam. Das Polizeiauto stand tatsächlich vor dem Haus, in das sie einziehen wollte.

Der Eingang wurde von einem uniformierten Bobby bewacht. Er schaute Carol ins Gesicht, als sie ratlos vor dem Gebäude stehen blieb. Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie tun sollte. So einsam und verloren hatte sie sich noch nie im Leben gefühlt.

„Bitte gehen Sie weiter, Miss“, sagte der Polizist freundlich. Er konnte nicht viel älter sein als sie. „Hier gibt es nichts zu sehen.“

„Ich wohne aber hier.“ Carol war geschockt, weil sich ihre Stimme plötzlich so dünn und brüchig anhörte. „Das heißt, ich werde ab heute hier wohnen. Meine Freundin wollte mich vom Bahnhof abholen, aber sie ist nicht gekommen.“

Der Bobby hob seine Augenbrauen so weit, dass sie beinahe den Rand seines blauen Helms berührten. „Ihre Freundin – meinen Sie Tricia Lloyd?“, fragte er zögernd.

„Ja, Tricia.“ Carol wurde beinahe hysterisch. „Was ist mit ihr? Ist ihr etwas zugestoßen?“

Der Polizist trat zur Seite und gab den Weg frei. „Am besten reden Sie mit Inspektorin Shepley. Ich nehme Ihr Gepäck, Miss.“

Carols Nerven lagen blank, und ihr wurde schwindelig. Sie ließ die Reisetaschen auf der Straße stehen und rannte ins Haus. In dem schmalen Flur führte eine steile Treppe ins erste Stockwerk. Dort oben war es ruhig, während aus einem Raum am Ende des Ganges Stimmen drangen. Carol eilte dorthin und riss die Tür auf, ohne anzuklopfen.

In der Küche saßen drei Personen an einem Tisch. Eine Frau im Alter von Carols Mutter, eine junge Frau Anfang zwanzig sowie ein weiterer uniformierter Polizist. Die ältere Frau hatte einen Schreibblock vor sich und blickte ungehalten an Carol vorbei. Hinter ihrem Rücken war nämlich der andere Bobby erschienen, der draußen gestanden hatte.

„Konstabler Baker, ich wollte nicht gestört werden. Das habe ich ernst gemeint“, sagte sie.

„Entschuldigen Sie, Madam. Aber das hier ist eine Freundin des – Opfers.“

„Des Opfers?“ Carols Stimme hatte noch nie so schrill geklungen. „Ich will sofort wissen, was mit Tricia passiert ist!“

Die ältere Frau stand auf. „Ich bin Inspektorin Victoria Shepley von der Metropolitan Police. Leider wurde Ihre Freundin Tricia Lloyd am gestrigen Abend ermordet, und zwar nur einen Steinwurf von hier entfernt. Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen.“

Wie durch einen Nebelschleier drangen die Worte zu Carol, bevor ihr schwarz vor Augen wurde. Wenn der Polizist sie nicht gehalten hätte, wäre sie zu Boden gegangen. Irgendwie gelang es den Anwesenden in der Küche, sie auf einen Stuhl zu setzen.

Die junge Frau holte ein Medikament aus der Hausapotheke und reichte es ihr mit einem Glas Wasser. „Hier, Carol. Bitte nimm das. Ich bin Eve, Tricias Mitbewohnerin. Du darfst nicht zusammenbrechen, das hätte Tricia nicht gewollt.“

Carol gehorchte und schluckte die Tablette. Wenige Minuten später ging es ihr wirklich schon etwas besser. Aber was hieß das schon? Tricia war tot. Wie sollte Carol nun weiterleben? Sie kannten sich von frühester Kindheit an. Es war, als sei ein Teil von Carol selbst gestorben.

Erst nach einer Weile löste sich das dumpfe Gefühl auf, und Carol konnte die Tränen über den entsetzlichen Verlust Tricias nicht mehr zurückhalten. Eve legte schwesterlich den Arm um ihre Schultern, aber das nutzte nicht viel.

Die Inspektorin war eine resolute Frau, die an eine strenge Lehrerin erinnerte. Dazu passte auch der konservative Hosenanzug, den sie trug. Victoria Shepley war eine Frau von spröder Schönheit, die ihre Attraktivität hinter äußerer Härte verbarg.

„Sie müssen Carol Garner sein. Eve Sutton hat uns mitgeteilt, dass Tricia Lloyd sie heute erwartet hat. In der Aufregung hat leider niemand daran gedacht, Sie zu benachrichtigen. Sie sind jetzt sehr aufgewühlt, Miss Garner. Ich werde morgen wiederkommen, um Sie zu befragen. Allerdings sind die ersten 48 Stunden nach einem Mord entscheidend, um den Täter zu fassen. Je mehr Zeit vergeht, desto größer sind die Chancen des Täters, zu entkommen.“

Carol biss die Zähne aufeinander, trocknete ihre Tränen und putzte sich die Nase. Sie war von einem Gedanken besessen: Der Mörder durfte nicht länger frei herumlaufen. „Ich will mithelfen, diesen Mistkerl zu fangen. Stellen Sie jetzt Ihre Fragen“, sagte sie mit fester Stimme.

„Danke, Miss Garner. Sie sind sehr tapfer.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Blutspur in East End" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen