Logo weiterlesen.de
Blutsbrüder

Über die Autoren

Michael Jentzsch, Jahrgang 1975, ist Lehrer und lebt mit seiner Familie bei Bremen. Ben und er sind bis heute befreundet, schreiben und besuchen sich.

Benjamin Kwato Zahn wurde 1973 in Nimba geboren. Er ist verheiratet und hat inzwischen vier Kinder. Er lebt fast ausschließlich von der Landwirtschaft und Ziegenzucht, seine Frau Debbie besitzt eine Nähmaschine und verdient als geschickte Schneiderin Geld zum Unterhalt der Familie hinzu.

Michael Jentzsch · Benjamin Kwato Zahn

BLUTSBRÜDER

Unsere Freundschaft in Liberia

BASTEI ENTERTAINMENT

Unseren Frauen und Kindern,

die uns auf unserer Suche treu begleitet haben.

Follow your dreams, pikings!

VORWORT

Blutsbrüder ist die Geschichte einer Freundschaft, die auch heute noch aktuell ist: 2008 rückte durch den Beginn des Prozesses gegen den Diktator Charles Taylor, der Liberia ins Unglück stürzte, um seine Machtansprüche durchzusetzen, dieses afrikanische Land wieder in den Blickpunkt der Europäer.

Als ich Michael Jentzsch im Sommer 2005 kennenlernte, war ich Bildungssenator in Bremen. Damals ahnte ich noch nichts von seiner Lebensgeschichte, von der Vergangenheit in Afrika. Ich sah einfach einen engagierten jungen Lehrer, der ehrenamtlich ein Schulbasketballprojekt auf die Beine gestellt hatte, das ich nur zu gern unterstützte. Seine Sportbegeisterung war mitreißend, und ich merkte rasch, dass er in der Lage war, andere für die gute Sache zu motivieren. Woher diese Fähigkeit kam, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst als Michael Jentzsch mir später erzählte, dass sein Vater als Missionar in Afrika gearbeitet hatte und dass er selbst viel von der Motivationsfähigkeit seines Vaters und die gesammelte internationale Erfahrung mit in den Unterricht nahm, wurde mir klar, was ihn antrieb. Seine Lebensgeschichte und sein daraus resultierendes Engagement haben mich enorm beeindruckt.

Insgesamt starben in diesem brutalen Konflikt über eine Viertelmillion Menschen, eine Million Menschen wurden in Nachbarländer vertrieben, tausende Kinder wurden zu Soldaten und mussten töten. In meiner jetzigen Position als UN-Berater engagiere ich mich besonders in Afrika, und es liegen mir auch die Kindersoldaten dieses Kontinents und ihre Rettung und Reintegration in die Gesellschaft sehr am Herzen. Wie rettet man ein Kind aus solch einer Vergangenheit? Nur durch echte Anteilnahme und praktische Hilfe. Die Freundschaft zwischen zwei Menschen so unterschiedlicher Herkunft wie Benjamin Kwato Zahn aus Liberia und Michael Jentzsch aus Deutschland ist ein Beispiel dafür, wie sehr wir uns gegenseitig bereichern und unterstützen können und dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen unserer Welt gibt, die nicht überwunden werden können. Es braucht Lehrer wie Michael Jentzsch und Freundschaften wie die zwischen ihm und Ben, um gerade bei jungen Menschen das Interesse für andere Kulturen zu wecken und die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen und ihre Sorgen und Nöte ernst zu nehmen. Deswegen fördere ich, wo immer es geht, Patenschaften zwischen Schulen in Deutschland und Afrika.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder von uns einen Beitrag für mehr Verständnis und eine sicherere und friedlichere Welt leisten kann. Eine kleine Chance, dies zu verwirklichen, bietet der Sport. Der faire sportliche Wettstreit hat eine friedens- und toleranzfördernde Wirkung. Michael Jentzsch bringt diese Möglichkeit als Sportlehrer in seinen Unterricht ein. Wie er bin ich der Ansicht, dass Sport und Leistungsbereitschaft zwei wichtige Faktoren für eine Veränderung im Kleinen wie im Großen sind. Die Zukunft unserer Welt sind die Kinder. Ich glaube fest daran, dass sie gefordert werden wollen und müssen. Auf faire Weise einen Wettkampf zu gewinnen, eigene Fähigkeiten zu entdecken und Teil einer Mannschaft zu sein, schafft persönliche Stärke und ein inneres Gleichgewicht. Es hilft, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Das Einhalten sportlicher Fairness und sportlicher Regeln in sozialen Gefügen ist äußerst wichtig für das menschliche Zusammenleben.

Sicher ist nicht jeder Konflikt damit zu lösen. Aber die Veränderung muss in den Köpfen geschehen, und wir müssen uns bewusst werden, dass sich etwas ändern muss.

Afrika ist der Kontinent der verlorenen Hoffnung, ein oft vergessener Kontinent. Doch wenn jeder von uns ein wenig dazu beiträgt, können wir diesem Teil der Welt und seinen Kindern helfen. Nicht nur mit Spenden, sondern mit Respekt, Fairness, Menschlichkeit, und vor allem – mit echter Freundschaft.

Senator a.D. Willi Lemke

Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden

TODESANGST

Ben läuft vor mir zwischen den Palmen hindurch. »Hey, warte, Ben!«, rufe ich, aber er rennt nur noch schneller durch den heißen Sand und ist auch schon am Wasser. Übermütig springt er in eine Welle hinein. Sein schwarzer Kopf, ein Bein, ein Arm tauchen im weißen Schaum auf. Ich muss lachen und spurte jetzt ebenfalls ins Wasser und lasse mich von der unbändigen Kraft einer Woge herumwirbeln. Als meine Füße Halt auf dem sandigen Meeresboden gefunden haben, schaue ich mich nach Ben um, kann ihn aber nirgends entdecken.

»Ben?«

Ich suche ihn verdutzt. Auf einmal verschwindet die Sonne hinter einer schwarzen Wolke … der ganze Himmel scheint sich zu verdunkeln. Was ist hier los? Wo ist Ben? Um mich herum schimmert das Wasser dunkelrot, und wie aus weiter Ferne höre ich Bens Stimme.

»Mikel, hilf mir!«

Ich sehe ihn plötzlich einige Meter entfernt von mir, wild mit den Armen rudernd.

»Ben, ich komme!«, schreie ich und schwimme in seine Richtung. Aber wie von einer gefährlichen Strömung werde ich immer wieder zurückgezogen.

»Mikel, mein Bruder, lass mich nicht allein! Lass mich nicht sterben!«

Seine Schreie gellen über die tosenden Wellen hinweg. Ich schwimme, so schnell ich kann. Und als ich meine Hand nach ihm ausstrecke, meine ich, für den Bruchteil einer Sekunde seine Fingerspitzen zu berühren. Ich kann mich nur wie in Zeitlupe bewegen, und meine Hand greift ins Leere.

»Mikel!«, schreit Ben.

Ich blicke in seine weit aufgerissenen, verzweifelten Augen.

»Ist Ihnen nicht gut? Möchten Sie etwas Wasser?« Eine Stewardess beugt sich über mich und sieht mich besorgt an.

Ich komme nur langsam zu mir. Was mache ich in diesem Flugzeug? Wo sind Julika und die Kinder?

Als hätte sie meine Gedanken erraten, erklärt mir die junge Frau von der Brussels Airlines: »Sie sind auf dem Flug nach Liberia. Wir landen in einer guten Stunde in Monrovia.«

Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich nicke stumm.

»Haben Sie schlecht geträumt?«, fragt sie noch und reicht mir einen Becher mit Wasser.

Ein schlechter Traum … Ja.

Es ist nicht irgendein schlechter Traum. Dieser Alptraum reißt mich schon seit einigen Jahren immer wieder aus dem Schlaf. Ich erwache schweißgebadet und kann danach nur mühsam Bens verzweifelten Blick aus meinen Gedanken vertreiben. Das Weiße der Augen in seinem dunklen Gesicht hat sich mir eingebrannt und lässt nun keine anderen Farben mehr zu.

Ben, wo bist du? Lebst du noch? Diese beiden Fragen hämmern abwechselnd in meinem Kopf. Bis vor kurzem schien es aussichtslos, auf Antworten zu hoffen. Doch jetzt bin ich auf dem Weg in das Land meiner Kindheit und Jugend, wo ich Ben zum ersten Mal begegnete. Einem liberianischen Jungen, der mein bester Freund wurde, mein Blutsbruder.

AFRIKA

Als ich fünf Monate alt war, reisten meine Eltern, Heinz und Erika, mit mir und meiner drei Jahre älteren Schwester Angelika in den Niger. Meine Eltern, evangelische Missionare, hatten sich im Jahr 1975 verpflichtet, bei einem zentralafrikanischen Missionsprojekt in Dungas mitzuarbeiten. Mein Vater als Missionar und Entwicklungshelfer, meine Mutter als Krankenschwester in einer Krankenstation. So kam es, dass ich in vielerlei Hinsicht wie jedes andere Dorfkind im Niger aufwuchs. Es gibt ein inzwischen stark verblasstes Foto, auf dem mich meine Mutter in einem Tuch auf dem Rücken trägt – so wie die schwarzen Frauen. Schlafend mache ich einen ziemlich zufriedenen Eindruck.

Ich lernte als Erstes, statt nach Spielsachen nach Wurzeln, Gräsern und Sand zu greifen, und wir hatten nicht nur Hunde als Haustiere, sondern auch einen kleinen Rhesusaffen, mit dem ich auf unserem Hof herumtollte. Meine Schwester und ich bekamen natürlich auch aus Kinderbüchern vorgelesen, hatten Legos und eine Ritterburg, aber wenn ich die Wahl hatte, spielte ich lieber mit meinem schwarzen Freund Salisu im Sand, verkleidete mich als Indianer oder zog mit meiner Steinschleuder umher. Salisu und ich durften manchmal auch schon mit den älteren Jungen auf die Vogeljagd. Für die Kinder im Dorf war es selbstverständlich, ein Tier zu töten und der Familie nach Hause zu bringen, wo es gegrillt oder gekocht wurde. Alle halfen mit, die Familie zu ernähren. Auch in diesem Sinne wuchs ich typisch afrikanisch auf. Ein weißes Kind in der Steppe Zentralafrikas.

Abgesehen von wenigen Heimaturlauben lebten wir sechs Jahre lang im Niger. Und wir wären noch länger geblieben, wenn wir das Land nicht hätten verlassen müssen. In nur wenigen Wochen mussten wir alle Zelte abbrechen, weil mein Vater wegen Predigen des Landes verwiesen wurde. Ich kann nur vermuten, wie ich mich damals gefühlt habe. Meine Erinnerung setzt erst nach der Rückkehr nach Deutschland ein; die Jahre im Niger liegen wie im Dunkel versunken. Vielleicht hänge ich deshalb so sehr an den Geschichten, die mir meine Eltern über die Zeit dort erzählt haben, und an meinem Kinderalbum. Beim Anschauen dieser Fotos aus meinen ersten sechs Lebensjahren kann ich mich immer wieder aufs Neue meiner afrikanischen Wurzeln vergewissern. Denn wenn ich sonst an meine Kindheit denke, sehe ich als erste eigene Erinnerung einen deutschen Wald vor mir und davor ein großes Schloss. Ich, ein hellblonder Junge, stehe am Ufer eines Zuchtteichs in der Nähe und ziehe mit einer heimlich gebauten Angel aus einer Büroklammer und einer Schnur einen dicken Karpfen an Land. Dort, in Sinsheim, im Hauptquartier der Deutschen Missionsgesellschaft, wo wir nach der fluchtartigen Ausreise aus dem Niger eine Wohnung gestellt bekamen und in einer Gemeinschaft mit anderen Missionarsfamilien lebten, dort ist mein erstes Zuhause. An das Kinderzimmer, das ich mit meiner Schwester Angelika teilte, an frische Kuhmilch und Marmeladentoasts zum Frühstück, Indianerspiele im Wald, Einschulung in meine Grundschulklasse, Fußballspielen mit Klassenkameraden … daran erinnere ich mich gut.

Schon damals hörte ich gern die Geschichten aus Afrika; ich mochte es, die bunten Kleider anzuziehen, die wir von dort mitgebracht hatten; ich fühlte mich dadurch als etwas Besonderes. Doch vertraut war mir Sinsheim. An einem Nachmittag, als ich vom Spielen im Wald nach Hause kam, saßen meine Eltern in unserer Küche mit einem Gast zusammen, der ihnen auf Englisch etwas zu erklären schien. Auf dem Küchentisch lagen Fotos und Karten, und meine Eltern lauschten den Worten des Fremden und nickten abwechselnd. Angelika saß in einer Ecke auf einem Hocker und verfolgte das Gespräch der Erwachsenen mit ernster Miene. Sie verstand etwas Englisch, wenn sie es auch noch nicht flüssig sprechen konnte. Ich schaute sie fragend an. Während ich mich neben sie auf den Boden setzte, flüsterte sie: »Wir haben ein neues Angebot für eine Mission. Wir gehen zurück nach Afrika.«

Zurück nach Afrika? Ich wollte nicht zurück nach Afrika. Ich hatte meine Freunde in Sinsheim, ich liebte den Wald, den Fischteich vor der Tür. Hier war ich zu Hause. »Bist du sicher?«, fragte ich.

»Papa würde sehr gern dorthin … glaube ich.«

Papa. Immer durfte Papa entscheiden. Und ich? Ich wollte weder nach Afrika noch sonst wohin.

Der Besucher verabschiedete sich, und mein Vater brachte ihn zur Tür. Die Karten und Fotos blieben auf dem Küchentisch liegen, nur die Kaffeetassen stellte meine Mutter zusammen. Sie nahm uns Kinder gar nicht wahr.

»Ich will auf keinen Fall hier weg!«, sagte ich fest entschlossen in die Stille hinein.

Meine Mutter drehte sich erschrocken zu mir um. »Aber Michael, du weißt doch, dass wir nicht für immer hierbleiben können. Wir sind schon viel zu lange hier. Es wird Zeit, dass wir wieder eine richtige Aufgabe haben. Und in Liberia gibt es so viele Menschen, die unsere Hilfe gebrauchen können.«

Mir waren die Menschen in Liberia gleichgültig, für mich zählten meine Freunde – Karsten und Henrik, beide Kinder von anderen Missionaren –, die vielen dicken Fische, die ich noch angeln wollte, obwohl es verboten war, die Klassenkameraden, die Indianerspiele im Unterholz …

Ohne ein weiteres Wort floh ich aus der Küche und die Treppe hinunter, an meinem Vater vorbei, der gerade die Tür schließen wollte, hinaus in die Abenddämmerung.

»Michael! Es ist gleich Zeit fürs Abendbrot, komm sofort wieder ins Haus – und wasch dich vor dem Essen.«

Mein Vater erhob selten die Stimme. Aber wenn er es tat, duldete er keinen Widerspruch. Ich gehorchte und kehrte mit hängendem Kopf um.

Als ich in die Küche kam, half ich Angelika mürrisch, den Tisch zu decken. Später beim Tischgebet hörte ich nicht auf die Worte meines Vaters, sondern betete inständig, dass wir nie, nie, nie nach Afrika zurückgehen würden.

Doch meine Eltern nahmen schon nach wenigen Tagen das Angebot an, als Missionare der Deutschen Missionsgesellschaft nach Liberia zu reisen, wo mein Vater als Cheftechniker bei der ELWA-Radiostation, dem größten christlichen Mittelwellensender Afrikas, arbeiten würde. ELWA stand für »Eternal Love Winning Africa« – »Ewige Liebe gewinnt Afrika«, wie mir Angelika stolz erklärte, die es sichtlich genoss, mal wieder mehr zu wissen als ihr kleiner Bruder.

In den letzten Wochen vor der Abreise versuchten meine Eltern, mir den Umzug schmackhaft zu machen. »Wir wohnen direkt an einem Strand.« – »Dort kannst du angeln und schwimmen, wann immer du willst.« – »In Liberia scheint jeden Tag die Sonne, und du kannst Kokosnüsse direkt von den Palmen vor unserem Haus pflücken.« – »Wir sind dort viele Missionarsfamilien, und du findest sicher viele neue Freunde.«

»Kann ich dort auch surfen lernen?«, fragte ich einmal. Ich hatte auf einem Foto von der Küste Liberias Surfer gesehen. Noch am selben Abend hatte ich im Bett gelegen und mir vorgestellt, wie es sich wohl anfühlte, mit einem Surfbrett über das glitzernde Meer zu gleiten.

Doch der Traum vom Wellenreiten linderte den Abschiedsschmerz nicht. Je näher der Tag der Abreise rückte, umso stärker mischte sich die Wut auf meine Eltern mit Verzweiflung. Weder meine Zornesausbrüche noch mein Jammern brachten sie dazu, ihren Entschluss zu ändern.

Im August 1983 saßen wir in einem Flieger auf dem Weg nach Liberia – unserer neuen Heimat. Ich verspürte immer noch Angst. Während des Flugs kreisten meine Gedanken immer wieder um dieselben Fragen: Würde ich wirklich neue Freunde finden? Die Missionarskinder, die auf dem ELWA-Gelände lebten, stammten aus vielen verschiedenen Ländern, nur deutsche Kinder gab es dort noch keine. Wie lange würde es dauern, bis ich Englisch so gut beherrschte, dass ich mich mit den anderen verständigen konnte? Und würde ich in der Schule überhaupt mitkommen? Ich fühlte mich schrecklich allein und hilflos und klammerte mich an die Armlehne meines Sitzes.

Meine Mutter bemerkte es und legte einen Arm um mich. »Es wird schon alles gut, wart nur ab.« Sie lächelte aufmunternd. »Wenn wir angekommen sind und es noch nicht zu spät ist, darfst du gleich zum Strand!«

Mein Vater grinste und zwinkerte mir zu, und Angelika sagte großmütig: »Du lernst bestimmt ganz schnell Englisch. Ich kann doch auch nur ein bisschen.«

Der Zuspruch half. »Darf ich noch mal die Fotos angucken?«, fragte ich.

Mein Vater griff tief in seine verbeulte schwarze Handtasche, die unter dem Sitz verstaut war, und zog die Reisemappe mit den Bildern und Prospekten hervor. »ELWA« stand auf der Broschüre, die ganz oben lag. Ich blätterte sie schnell durch, dann nahm ich den kleinen Stapel Fotos und sah mir jedes einzelne zum vielleicht hundertsten Mal an: das große Gelände mit den flachen Häusern, die von Palmen gesäumte Straße aus rötlichem Lehmboden, das Schulgebäude – eine Privatschule – mit Fußballfeld und Baseballplatz, der Strand, das Meer, »der Atlantische Ozean«, wie mir mein Vater erklärt hatte. Das Blau des Meeres und der weiße Sand hielten meinen Blick für eine Weile gefangen. Ob es dort wirklich Haie gab, wie Henrik und Karsten vermutet hatten? Welche Abenteuer würde ich wohl erleben? Mir fielen die Worte meiner Mutter ein, die sie Tante Christa, ihrer Freundin, am Telefon erzählt hatte: »In Liberia werden wir 98 Prozent Luftfeuchtigkeit haben.« Beinahe ehrfürchtig hatte ihre Stimme geklungen. Besorgt hatte sie hinzugefügt: »Und Malaria gibt es dort wohl auch.«

Ob sie wie ich Angst vor dem fremden Land hatte? Ich legte die Fotos in die Mappe zurück und gab sie meinem Vater. An den Arm meiner Mutter gelehnt, schloss ich die Augen und ließ meine Gedanken vom monotonen Geräusch der Maschine forttragen.

»Michael, wir landen in ein paar Minuten«, sagte meine Mutter und strich mir über den Rücken. Sofort war ich hellwach. Ich streckte mich und beugte mich so gut es ging vor, um aus dem kleinen Fenster, an dem Angelika saß, blicken zu können. Dörfer und Hütten mit blitzenden Wellblechdächern lugten wie Inseln aus dem grünen Urwald. Ansonsten lag braun-grünes Land unter uns, auf das die Sonne brannte. Enttäuscht sank ich in meinen Sitz zurück. Zum Glück lenkten mich das Anschnallen, die Durchsagen und die Maschinengeräusche ab.

Nach der Landung in Monrovia schlug uns auf der Gangway feuchte Hitze entgegen. Ich hätte am liebsten sofort meine komplette Kleidung gegen meine Badehose getauscht, aber daran war jetzt nicht zu denken. Im Flughafengebäude wurden Taschen, Jacken und alle möglichen anderen Dinge hektisch hin und her gereicht, und schon bald bewegten wir uns im Strom der anderen Passagiere auf den Ausgang zu. Dort kam ein Schwarzer auf uns zu, der ein Schild mit der Aufschrift »ELWA-Radio-Station« hochhielt. Er nahm meiner Mutter den Koffer ab und führte uns zu einem Geländewagen. Die meiste Zeit über fuhren wir auf einer staubigen Straße durch kleine Dörfer. Überall lag Abfall. Am Straßenrand spielten Kinder, die uns zuwinkten und manchmal sogar einige Meter mitliefen. Als wir an einem Markt vorbeifuhren, strömten beißender Rauch und der verlockende Geruch nach gebratenem Fleisch in unseren Wagen. Ich war froh, als der Fahrer den Wagen später auf eine Straße lenkte, von der aus wir endlich das Meer sehen konnten. Ich lehnte mich zurück und atmete die salzige Luft ein.

Es dämmerte bereits, als unser Wagen die Kontrollschranke am Eingang des ELWA-Geländes passierte. Wieder liefen ein paar schwarze Kinder neben dem Wagen her. Unser Fahrer hupte mehrere Male, und sie verstreuten sich lachend in alle Himmelsrichtungen.

»Dort ist die Radiostation«, erklärte der Fahrer meinem Vater und zeigte auf ein größeres Gebäude am Ende einer Straße.

»Dann müssen das die Generatoren sein …«

»Richtig, Mr Jentzsch. Es gibt im ELWA-Dorf außerdem ein Krankenhaus, eine Tischlerei, eine Druckerei und sogar eine kleine Apotheke – dahinten, das kleine Haus hinter dem Jeep. Dort bekommen Sie Medikamente.«

»Wie viele Familien leben hier?«, fragte meine Mutter.

»Etwa achtzig Missionarsfamilien, hat mal ein Missionar gesagt. Und dann gibt es noch eine ganze Menge schwarzer Familien. Wir haben unsere Häuser aber am Rand des Geländes.«

Der Fahrer bog in eine Straße ein, die rechts und links wie zur Begrüßung mit Palmen gesäumt war. Ich setzte mich auf, um mehr zu sehen. Das musste die Straße zu unserem Haus sein, genau so schaute sie auf den Fotos aus. Und tatsächlich, bald darauf hielten wir vor einem Haus mit Veranda, das ich von den Bildern kannte. »Wir sind da!«, rief unser Vater freudig und sprang als Erster aus dem Wagen.

»Welcome to Liberia!«, rief ein großer Mann, der aus unserem Haus trat und zuerst meine Eltern und dann uns Kinder herzlich begrüßte. »I’m Dave. Welcome to Liberia! You´ll love it, kids!«

Nachdem wir zusammen die Koffer ausgeladen hatten, war es schon dunkel. Eine einzelne Laterne nahe dem Haus spendete schwaches Licht. Das Meer konnte nicht weit weg sein, so laut hörte ich es rauschen.

Dave war ein amerikanischer Missionar, er arbeitete seit zwei Jahren im ELWA-Krankenhaus, wie er uns erzählte. Jetzt führte er uns durch das Haus. Doch ich hatte nur einen Gedanken: Ich wollte unbedingt das Meer sehen – auch wenn es bereits dunkel war. »Darf ich zum Strand? Nur einmal gucken?«, fragte ich.

Mein Vater zögerte und wandte sich mit der Frage auf Englisch an Dave. Der Amerikaner schüttelte heftig den Kopf und riss dabei die Augen auf, als hätte ich eine Nachtwanderung durch den Dschungel vorgeschlagen. Er zog meinen Vater zur Seite und flüsterte ihm etwas zu. »Hartmän« war alles, was ich verstand. Mein Vater stotterte daraufhin nur: »Ach, Michael, du – du kannst doch gleich morgen früh an den Strand.«

Enttäuscht schluckte ich die aufsteigenden Tränen hinunter.

»Heute war ein anstrengender Tag«, sagte meine Mutter sanft. »Wir essen noch etwas, und dann schlaft ihr euch erst einmal richtig aus.«

Sie hatte ihren Satz noch nicht ganz beendet, als jemand vor der Tür »Bok! Bok!« rief.

Eine ältere schwarze Frau mit einem dampfenden Topf in den Händen öffnete die quietschende Moskitoschutztür und trat ein. Dave stellte sie als »Old Ma Annie« und als unsere zukünftige Haushaltshilfe und Köchin vor. Sie zeigte meiner freudig überraschten Mutter etwas in der Küche, während Dave mit Vater zur Garage hinausging. Angelika und ich liefen noch einmal durch die Zimmer und fragten uns, ob wir wohl jeder ein eigenes bekämen.

Nachdem Old Ma Annie und Dave gegangen waren, setzten wir uns an den Tisch im Wohnraum, der schon für vier Personen gedeckt war. Meine Mutter lud Reis und Soße auf die Teller. Es schmeckte mir, und ich langte ein zweites Mal zu. Danach überfiel mich eine solche Müdigkeit, dass ich weder ans Meer noch an ein eigenes Zimmer dachte. Mutter holte die Schlafsachen aus den Koffern und brachte mich in das Zimmer, das vorn zur Veranda hinausging.

»Träum etwas Schönes, Michael. Deine erste Nacht im eigenen Zimmer«, flüsterte sie und gab mir einen Gutenachtkuss.

Diesen ersten Morgen werde ich niemals vergessen. Ich erwachte von einem dumpfen Klatschen in der Ferne. Noch bevor ich die Augen öffnete, nahm ich die schwüle Hitze wahr. Liberia! Ich war nicht mehr in Sinsheim. Ich streifte das dünne Laken von meinem Körper und setzte mich auf. Verschlafen blinzelte ich zum Fenster hinüber, doch die grellen Sonnenstrahlen ließen mich hinter den schützenden Eisenstäben nur verschwommen Farben erkennen: ein schimmerndes Rot, Brauntöne, kräftiges Grün, ein weißer Streifen und darüber ein alles überstrahlendes, funkelndes Türkisblau. Ich rieb mir mehrfach die Augen, bis ich endlich sicher war, dass ich nicht nur die Straße, Palmen und eine Wiese, sondern auch den Strand und das Meer von meinem Zimmer aus sehen konnte. Die rostigen Gitter vor dem Fenster nahm ich kaum noch wahr.

Mich hielt nichts mehr im Bett. Ich stürzte zum Fenster, das in acht längliche Scheiben unterteilt war, auf denen eine weiße Kruste lag. Neugierig stieß ich mit der Nase an, und ohne lange zu überlegen fuhr ich mit der Zunge über das Weiß … und schmeckte das salzige Meer. Jetzt erst entdeckte ich den Hebel, mit dem ich das Fenster öffnen konnte. Ein leichter, duftender Morgenwind wehte herein.

Ich wollte so schnell wie möglich an den Strand und ins Wasser. »Wenn ihr das sehen könntet, Jungs … Ich wohne direkt am Meer«, flüsterte ich aufgeregt. Wie gern würde ich jetzt mit Karsten und Henrik die Gegend erkunden. Das Geräusch der Brandung trieb mich weiter an; hastig griff ich in meinen Koffer, holte eine kurze Hose heraus und lief barfuß auf den Flur hinaus.

Auf der anderen Seite des dunklen Gangs öffnete Angelika ihre Zimmertür. »Von meinem Fenster aus kann ich das Meer sehen!«, rief ich ihr zu und stürmte weiter in die Küche und dann auf die Veranda, wo bereits meine Eltern saßen und mit Blick aufs Meer frühstückten.

»Guten Morgen, ihr beiden, ihr scheint in Liberia ja noch zu Frühaufstehern zu werden«, begrüßte uns mein Vater und zwinkerte mir zu. »Doch gar nicht so schlimm hier, oder?«

»Wahnsinn, Paps!«, rief ich. »Darf ich jetzt endlich zum Meer?«

»Aber nur kurz, dann wird erst einmal gefrühstückt. Und wir wollen auch noch ein paar Dinge mit euch besprechen.«

»Okay, Paps. Nur einmal zum Meer laufen!«, rief ich und war schon weg.

Ich sprang in großen Sätzen über unsere Wiese, sprintete über die Straße, und schon spürte ich den feinen Sand zwischen den Zehen. Er fühlte sich schon am frühen Morgen so heiß an, dass ich nicht anders konnte, als immer schneller zu laufen. Angelika, die in Sandalen hinterherkam, schaute sich neugierig um. Ich aber hatte nur Augen für die beiden Surfer, die weit draußen auf dem offenen Meer mit den Wellen spielten …

»Komm, Mama wartet mit dem Frühstück«, unterbrach Angelika mein Staunen. »Du kannst den Mund wieder zuklappen, Mikel!« Sie nannte mich schon bei meinem englischen Namen.

Beim Zurücklaufen drehte ich mich immer wieder um. Ich wollte mir sicher sein, dass das alles nicht bloß ein Traum war. Hier gab es so viel zu entdecken, und ich freute mich darauf.

Als wir auf die Veranda zurückkamen, rührte meine Mutter gerade ein weißes Pulver in eine Kanne mit Wasser und goss mir und Angelika jeweils ein Glas voll. »Milchpulver aus China«, erklärte sie und lachte über mein verdutztes Gesicht. »Kein Vergleich zu frischer Milch, aber durchaus trinkbar.«

Dazu gab es Toast mit Marmelade – wie zu Hause. Und bittere Chinintabletten gegen die Malaria.

Nach dem Frühstück schenkten sich unsere Eltern noch Kaffee nach, und mein Vater zog mich zu sich auf die Rattanbank auf der Veranda. Ich machte es mir in seinem Arm gemütlich und ließ die Beine über die Banklehne baumeln.

»Wir sind jetzt in einem fremden Land, und hier ist einiges anders als in Deutschland«, begann er. »Angelika, du hast ja noch Erinnerungen an unsere Zeit im Niger. Dir wird nicht alles so fremd vorkommen. Aber für dich, Michael, wird hier vieles fremd sein. Wenn du erst einmal Englisch kannst –«

»Ich kann ihm ja helfen!«, rief Angelika und richtete sich in ihrem Stuhl auf.

»Ja, das wäre nett von dir«, erwiderte mein Vater, blickte Angelika aber ermahnend an, da er es nicht mochte, unterbrochen zu werden. Dann fragte er: »Wisst ihr schon, dass es hier richtige Urwälder gibt? Mit Schimpansen, Elefanten und sogar Leoparden?«

Ich hatte schon in einem der Prospekte einen afrikanischen Wald gesehen – jedoch ohne Elefanten und Leoparden.

»In den Gebieten außerhalb des ELWA-Dorfes lauern viele Gefahren«, setzte mein Vater seine Rede fort. »Deshalb ist es wichtig, dass ihr niemals ohne Begleitung das Gelände verlasst. Es gibt hier auch alles, was ihr braucht.«

»Und was fehlt, Kleidung, Schulhefte … besorgt Paps in Monrovia«, fügte meine Mutter hinzu.

»Kann ich noch etwas zu trinken haben, Mama?«, war mein einziger Kommentar. Meine Mutter verschwand in der Küche. Elefanten und Leoparden interessierten mich mehr als Schulhefte.

»Als was arbeitest du denn jetzt hier, Paps?«, fragte Angelika.

»Wenn irgendetwas Technisches, eine Maschine oder Geräte, kaputtgehen, dann werde ich gerufen. Ich behebe zum Beispiel Störungen der Radioübertragung.«

»Hören hier denn viele Radio?«, wollte ich wissen.

»In Liberia ist das Radio König der Medien. Es gibt hier viele Analphabeten –«

»Leute, die nicht lesen können!«, unterbrach Angelika fröhlich, senkte aber schnell den Blick, als Papa sie rügend anschaute.

»Ähm, richtig. Und in den weit abgelegenen Dörfern gibt es oft nicht mal eine Zeitung zu kaufen, sodass das Radio für die Menschen, die dort leben, die einzige Nachrichtenquelle ist. Stellt euch mal vor, das ELWA-Programm wird in über vierzig Sprachen ausgestrahlt. Und die Menschen werden darüber informiert, ob ein Kind geboren wurde, wer gestorben ist, und sogar wer heiratet. Oft ist das Radio für die Bevölkerung im Landesinneren die einzige Möglichkeit, etwas über Verwandte in der Stadt zu erfahren. Dave sagte, dass ELWA sehr bekannt sei und von allen hier im Lande gehört werde. Vielleicht kommt ihr beiden ja auch mal ins Radio!«

Die Vorstellung fand ich aufregend.

»Und was macht Mama?«, fragte Angelika.

»Ich sorge für euch, ist das keine Arbeit?« Mutter lachte. Sie war mit einem Tablett, auf dem vier gefüllte Gläser standen, auf die Veranda zurückgekehrt. Noch nie hatte ich so ein leuchtend lilafarbenes Getränk gesehen.

»Kool Aid mit Traubengeschmack, das trinken alle amerikanischen Missionare hier.« Sie reichte jedem ein Glas.

Ich probierte vorsichtig. Noch bevor ich das klebrige Zeug runtergeschluckt hatte, verzog ich das Gesicht. Den anderen ging es nicht anders.

»Ist das süß!«, knurrte mein Vater.

»Sind ja auch zehn Löffel Zucker pro Mischung drin. Sonst schmeckt es nicht, sagte mir Pat. Sie und Dave haben uns ein paar Lebensmittel und jede Menge von diesem Kool Aid in den Kühlschrank gestellt.«

Immerhin erfrischte es.

»Mama wird aber nicht nur uns versorgen, sondern auch noch im Gästehaus helfen. Sie bereitet die Häuser vor, in denen zum Beispiel die Missionare aus dem Hinterland, die mit ihren Familien an der Küste Urlaub machen, wohnen und schlafen.«

Ich trank das restliche Kool Aid in einem Zug und bat meine Eltern um Erlaubnis, das Stationsgelände erkunden und die Schule suchen zu dürfen. Ich wäre am liebsten einmal das ganze Dorf abgelaufen, so neugierig war ich.

»Sei aber vorsichtig. Und zum Mittagessen bist du wieder hier«, mahnte mein Vater. Er zog einen Lageplan aus der Hosentasche und erklärte mir den Campus.

»Und zieh dir diesmal etwas an die Füße. Hier gibt’s Mangofliegen«, ermahnte mich Mutter.

»Und was ist an denen so schlimm?«

»Die legen ihre Eier in den Sand, und wenn sie an Füße gelangen, nisten sie sich unter der Haut ein. Dann schlüpfen irgendwann Larven aus der Haut.«

»Echt?«

»Echt!«

Ich rannte trotzdem überglücklich in mein Zimmer und zog mir Sandalen und ein Hemd an, dann stürzte ich aus dem Haus und lief die Hauptstraße entlang und zu der Abbiegung, die wir am Abend zuvor mit dem Auto genommen hatten. Die Häuser der anderen Missionarsfamilien ähnelten unserem, manchmal saß jemand auf der Veranda und grüßte mich. Kinder in meinem Alter sah ich keine. Das Schulgebäude musste gleich um die Ecke sein. Und tatsächlich, in der nächsten Straße gab es einen großen Baseballplatz und daneben einen Gebäudetrakt. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen, es waren noch Schulferien. Obwohl die Sonne noch nicht hoch am Himmel stand, rann mir der Schweiß über das Gesicht, und mein Hemd fühlte sich feucht an. Was könnte jetzt schöner sein, als ins kühle Wasser zu springen? Und es war auch noch genug Zeit, bis ich wieder zu Hause sein musste.

Das Rauschen des Meeres hörte ich schon von weitem, und geschützt vom offenen Meer durch ein Felsenriff entdeckte ich eine kleine Bucht. Krachend brachen sich die Wellen in einiger Entfernung vom Ufer, und ich zog Sandalen und Hemd aus und lief auf sie zu, um mich von ihnen herumwirbeln zu lassen. Diese unbändige Kraft des Meeres hätte einem anderen Kind vielleicht Angst gemacht, aber mich spornte sie nur an, mich mit ihr zu messen. Mit dem Rücken gegen die Wellen, den Halt verlieren und wiederfinden, über dieses Spiel vergaß ich völlig die Zeit.

Auf einmal entdeckte ich an Land einen schwarzen Jungen, der mich von einer Felsennische aus zu beobachten schien. Er mochte ungefähr in meinem Alter sein. Ob er hier in der Nähe wohnte? Der Junge hockte ganz ruhig da und blickte zu mir herüber, fast so, als würde er auf mich aufpassen. Ich stapfte aus dem Wasser, tat aber zunächst so, als hätte ich ihn nicht bemerkt. Erst als ich angezogen war, schaute ich zu ihm hinauf und hob die Hand zum Gruß. Er lächelte kurz, stand auf und lief über den Felsen in Richtung Straße fort.

Jetzt musste ich wieder an meine Freunde in Deutschland denken. Sie fehlten mir noch immer. Aber ich wollte nicht so schnell zurück. Ich war im Paradies angekommen! Das Meer, die Sonne, das Herumstreunen; selig machte ich mich auf den Nachhauseweg.

An den ersten Tagen war unsere Familie ständig bei irgendwem eingeladen, da uns die anderen Missionare aus der Nachbarschaft kennenlernen wollten. So hörten meine Eltern bei gemeinsamen Essen in vielen Gesprächen alles Mögliche über den ELWA-Campus. Beinahe alle Missionare, die auf dem Gelände lebten, arbeiteten auch hier – als Redakteure oder Moderatoren für das Radioprogramm, als Servicepersonal für die Strom- und Wasserversorgung und Instandhaltung des Campus oder als Ärzte, Ärztinnen oder Pfleger im Krankenhaus. Wir lernten auch Lehrer unserer Schule kennen, aber zu mehr als zu einer Begrüßung kam es nicht.

Für meine Eltern waren die vielen Informationen natürlich interessant, für mich war es eine Qual, still am Tisch zu sitzen und endlosen Gesprächen zu folgen, von denen ich kaum ein Wort verstand. Hin und wieder flüsterte mir Angelika eine Übersetzung ins Ohr, aber ich hatte den Eindruck, dass sie selbst auch nicht wusste, worum es im Einzelnen ging. Und die Jungen und Mädchen, die ungefähr in unserem Alter waren, hatten alle Freunde, mit denen sie sich in fließendem Englisch unterhielten. Wenn mich jemand etwas fragte, konnte ich nur mit den Schultern zucken. Das gefiel mir gar nicht.

Abends setzten wir uns im Wohnzimmer zusammen, und unsere Eltern erzählten uns, was sie Neues erfahren hatten. Die meisten der achtzig Familien hatten Kinder. Und wenn alle Familien zu den regelmäßigen Gottesdiensten in der Turnhalle der Schule oder zu gemeinschaftlichen Festen zusammenkamen, ging es scheinbar sehr lebendig zu. Am Sonntag würden wir unseren ersten Gottesdienst miterleben.

Ich war insgeheim aber über jede Minute froh, die ich allein oder mit Angelika draußen verbringen durfte. Am liebsten wollte ich alles auf eigene Faust entdecken und fühlte mich wie in einer meiner Karl-May-Geschichten, die ich meist noch vor dem Zubettgehen las. Dennoch freute ich mich, als meine Eltern am dritten Tag nach unserer Ankunft, einem Samstag, vorschlugen, gemeinsam mit uns Kindern zum Strand zu gehen. Sie hatten aus Deutschland Schnorchel mitgenommen, und wir waren alle gespannt auf den ersten Blick unter Wasser.

Angelika und ich schnappten uns jeder eine Schnorchelbrille und schwammen hinaus zu einem dunklen Riff im Wasser. Als wir am Rand des Gesteins entlang tauchten, entdeckten wir wunderschöne Korallenhöhlen, die im einfallenden Sonnenlicht in allen möglichen Farben schimmerten und blitzten. Knallgelbe Fischschwärme umgaben uns, tiefblaue kleine Fische bewachten die winzigen Höhlen. Ich verharrte staunend in der Schwerelosigkeit. Angelika schwamm ganz nah an die Korallen heran. Plötzlich ruderte sie hektisch mit den Armen und Beinen und gab mir unverständliche Zeichen. Sie paddelte panisch zum Strand, wo meine Eltern noch immer damit beschäftigt waren, den schattigsten Platz zu finden.

Ich schob die Taucherbrille hoch und folgte Angelika. »Schlangen, hier sind Schlangen!«, hörte ich sie schreien. »Ich bin gebissen worden!«

Mein Vater half meiner Schwester aus dem Wasser. Er und meine Mutter beugten sich besorgt über sie.

Tatsächlich sahen wir kleine blutende Bissspuren an Angelikas linkem Knöchel. »Wir bringen dich sofort ins Krankenhaus«, ordnete Mama an, während Papa die Schwimmsachen zusammenpackte. »Michael, zieh dir eine trockene Hose an, du kommst mit uns.«

Ich ärgerte mich über Angelika und diese blöden Bissspuren, die uns jetzt den Tag verdarben. Da ich mir aber auch Sorgen um meine Schwester machte, gehorchte ich ohne Widerrede.

Mein Vater trug Angelika schnell zum Parkplatz. Dort lieh er sich ein Auto von einem der ankommenden Missionare, und wir rasten in einer roten Staubwolke zum Krankenhaus, wo wir gleich in ein Behandlungszimmer geführt wurden.

Die behandelnde junge Ärztin war erst vor wenigen Tagen aus Deutschland angereist. Sie hieß Esther. Sie sah sich die verletzte Stelle genau an, bat dann aber ratlos eine liberianische Krankenschwester um ihre Meinung. Diese zuckte mit den Schultern und erklärte etwas auf Englisch. Ich verstand nur ihre Worte zum Schluss: »Don’t worry, God is in control.«

Esther und meine Eltern tauschten sich leise auf Englisch aus, was Angelika die Tränen in die Augen trieb. Sie hatte große Angst. Meine Mutter sagte: »Wir können erst einmal nicht mehr tun, als abzuwarten. Aber Esther und ich sind ja da, also mach dir keine Sorgen. Papa packt zu Hause ein paar Sachen zusammen, falls wir hierbleiben müssen, und kommt später wieder.« Sie strich Angelika über die Wange, setzte sich zu ihr auf die Liege, und wir beteten gemeinsam.

Vater gab Angelika einen Kuss und mir einen freundschaftlichen Klaps und nickte uns von der Tür noch einmal aufmunternd zu.

»Kannst du uns eine Geschichte aus Dungas erzählen?«, bat Angelika nach einer Weile und schluchzte kurz jämmerlich auf.

»Warum nicht, das lenkt uns alle ab.«

Der letzte Rest Ärger über den abgebrochenen Schwimmausflug verflog sofort, denn ich liebte es, die Geschichten aus Dungas zu hören. Die Sorge um meine Schwester hielt noch an, obwohl sie bisher weder Fieber noch Pocken im Gesicht hatte, wie ich es mir auf dem Weg hierher ausgemalt hatte.

Mutter wandte sich nun erklärend an Esther. »Wir waren vor einigen Jahren im Niger, ich habe dort die Krankenstation geleitet. In Afrika lernt man wirklich Gelassenheit … in allen Lebenslagen.«

Esther nickte mit einem gequälten Lächeln. »Und in Dungas habt ihr gelebt?«

»Ja, Dungas ist ein Dorf im Osten Nigers, etwa zwei Stunden Autofahrt südlich von der Großstadt Zinder«, erklärte Mutter. »Eine einfache ländliche Gegend in der Sahelzone, vor der Sahara, wo die Hausa- und die Fulanivölker beheimatet sind. Wir haben miterlebt, wie die letzten Seen in dieser Gegend ausgetrocknet sind. Bei Temperaturen um die vierzig Grad täglich kein Wunder.« Meine Mutter hielt inne und strich Angelika besorgt über die Stirn, aber die schüttelte ihre Hand ab, als Zeichen, dass sie lieber weitererzählen solle.

»Ich arbeitete als Krankenschwester und medizinische Fachkraft für alle Notfälle, während Heinz mit seinen Männern die Brunnen grub, sich um die Technik in der Krankenstation kümmerte, Kranke transportierte und als Prediger die umliegenden Dörfer in der Wüste besuchte. Ich hatte es nicht leicht als Krankenschwester, denn die Menschen suchen zuerst den Medizinmann auf. Und wenn seine Zauberei nichts bringt, wird der islamische Imam zu Rate gezogen. Der schreibt mit Tinte Abschnitte aus dem Koran auf eine hölzerne Tafel, die dann wieder abgewaschen werden. Das Tintenwasser gibt er der kranken Person zum Trinken. Davon soll sie geheilt werden. Ich bekam meist erst die hoffnungslosen Fälle in die Klinik geliefert.«

»Erzähl Esther doch mal die Geschichte mit dem abgehackten Arm oder die mit dem ekligen Hals, Mama! Bitte!«, rief ich.

»Ja, ja, erst die von dem abgehackten Arm und dann die von dem ekligen Hals«, bettelte auch Angelika.

Mutter und Esther schmunzelten.

»Also gut.« Mutter legte den Arm um Angelika und zwinkerte mir zu. »Am zweiten Tag in Dungas kam ein verletzter Mann zu uns in die Klinik. Das halbe Dorf begleitete ihn. Der Mann hatte sein Handgelenk mit Blättern verbunden, die ich vorsichtig abnahm. Da spritzte mir auch schon das Blut entgegen.«

Angelika verzog angewidert das Gesicht.

»Weiter, erzähl weiter!«, rief ich.

»Dem Mann war die Hand mit einem Schwert fast vollständig abgetrennt worden. Wie das passiert war, erfuhr ich nicht mehr, denn er sank ohnmächtig in meine Arme. Sogleich stimmte der Begleittrupp die Totenklage an. Im ersten Moment wusste ich gar nicht, was ich tun sollte. Dann besann ich mich, verband den Mann und legte ihm eine Infusion. Der Blutverlust war ohnehin schon arg. Heinz fuhr den Mann nach Zinder ins Krankenhaus. Dort wurden ihm die abgeschnittenen Sehnen wieder reingestopft und die Wunde einfach zugenäht. Die Ärzte lachten über die Unfähigkeit der deutschen Krankenschwester. Später stellte ich fest, dass Wunden durch Schwerthiebe eine der häufigsten Verletzungen der Fulani-Männer waren – gleich nach Kamelbissen. Es war nämlich üblich, dass die Männer mit Schwertern um eine Frau kämpften. Dabei verletzten sie sich bisweilen lebensgefährlich.«

Angelika setzte sich auf und trank von dem Wasser, das auf dem Tischchen neben der Liege für sie bereitstand. »Und jetzt der eklige Hals!«

»Na gut … wenn ihr unbedingt wollt … Eines Abends saßen wir gemütlich im Schein der Petroleumlampen – es gab in Dungas keinen elektrischen Strom –, und wir hörten mit einem batteriebetriebenen Kassettenrekorder Musik aus Deutschland. Auf einmal klopfte es an unsere Tür, und ein Bote aus einem Fulani-Dorf bat uns mitzukommen, da sich jemand verletzt habe. Weil wir euch Kinder natürlich nicht allein im Haus lassen konnten, nahmen wir euch mit und stiegen in unseren Landrover. Schnell stellte sich heraus, dass der Bote noch nie zuvor Auto gefahren war und aufgrund der hohen Geschwindigkeit die Orientierung verlor. Er fluchte wild, dass sich der Mond und die Bäume viel zu schnell bewegen würden. Zum Glück kamen wir an einer Hütte vorbei. Der Bote fragte nach dem Weg und fand sich wieder zurecht.

Um Mitternacht erreichten wir endlich den verletzten Mann. Er lag im Mondschein vor seiner Hütte und versuchte, etwas zu trinken. Anschließend hielt er die Schale schnell an seinen Hals, weil ein großer Teil der Flüssigkeit aus einer klaffenden Wunde wieder herausfloss. Eine lange Untersuchung war nicht nötig, um zu erkennen, dass jemand versucht hatte, dem Mann den Hals durchzuschneiden.«

Jetzt war es Esther, die das Gesicht verzog.

»Die Speiseröhre war durchgeschnitten!«, rief ich ihr zu.

»Richtig«, fuhr Mutter fort. »Wundersamerweise waren die Arterien verschont geblieben. Aber der Mann drohte nun zu verhungern und zu verdursten. Und die große Schnittwunde würde sich ohne Behandlung entzünden.

Wir nahmen ihn mit in die Klinik. Ich versorgte die Wunde und legte dem Mann eine Infusion wegen des Flüssigkeitsmangels. Heinz fuhr ihn noch in derselben Nacht zum Krankenhaus in Magaria. Der Mann überlebte tatsächlich den Transport und die OP! Weißt du, Esther, in Afrika ist alles anders! Daran gewöhnst du dich noch.«

»Na, da muss ich noch viel lernen«, gab Esther zurück und fragte Angelika, wie sie sich fühle.

»Viel besser«, sagte diese und lächelte verschmitzt. »Ich glaube, ich habe mir eine harmlose afrikanische Schlange ausgesucht.«

»Vielleicht war es bloß eine Muräne«, sagte meine Mutter. Sie und Esther lachten erleichtert.

Ich war vor allem froh, dass wir nicht die Nacht im Krankenhaus verbringen mussten.

Mein Vater holte uns ab. Beim Abschied baten wir Esther: »Komm uns doch mal besuchen!«

Vom Krankenhaus zu uns war es nicht weit, aber noch bevor wir unser Haus erreicht hatten, war es nach kurzer Dämmerung stockfinster. Nur die Sterne leuchteten am schwarzen Abendhimmel. An diese abrupten Sonnenuntergänge mussten wir uns erst gewöhnen. Am Morgen war es nicht anders. Liberia liegt genau auf der Äquatorlinie, und innerhalb von fünf Minuten wechseln sich tiefschwarze Nacht und helllichter Tag ab. Jeden Morgen ab sechs Uhr weckten mich die Sonne oder die Wellen, deren gleichmäßiges Herandonnern wir auch bei geschlossenen Fenstern hörten. Für die Schulzeit war diese Aufstehzeit genau passend, und der erste Schultag nahte.

Nach dem gemeinsamen Frühstück um 6.30 Uhr fuhr mein Vater uns am ersten Tag um sieben Uhr mit dem Mofa zur ELWA-Academy. Der ganze Campus lachte, als Papa, Angelika und ich angesaust kamen – ich auf Papas Schoß, Angelika hinter ihm und wir alle ohne Helme auf dem kleinen Zweirad.

Von nun an gingen Angelika und ich wochentags von 7.30 bis 12.30 Uhr zur Schule. Die ELWA-Academy besuchten jedoch nicht nur die Kinder der Missionare, sondern auch einige Diplomatenkinder und Kinder von liberianischen Geschäftsleuten, die das Schulgeld aufbringen konnten – insgesamt waren es um die 200 Kinder aus 19 verschiedenen Nationen. Sämtliche Lehrer kamen aus Amerika, waren hochmotiviert und engagiert. Und so gab es außer dem Unterricht am Vormittag jeden Nachmittag ein großes Sport- und AG-Angebot: Rhetoriktraining, Chor, Tier-Patenschaften in einem kleinen Zoo in der Stadt, Baseball, Tanz, Gymnastik und vieles andere. Es lag sicher auch an meinen Verständigungsschwierigkeiten, dass mir zu Beginn erst einmal nur der Sportunterricht Spaß machte. Mein Englisch war so dürftig, dass ich mich meist darauf beschränkte, mit yes oder no zu antworten – auch wenn ich die Frage gar nicht verstanden hatte, was mir bei den anderen Kindern nicht gerade Sympathiepunkte einbrachte. Es schien beide Seiten zu nerven. Dakota, ein afroamerikanischer Junge mit großer Brille, der in meine Klasse ging, ärgerte mich deshalb vom ersten Tag an. Er stellte mir irgendwelche Fragen, und egal ob ich mit Ja oder Nein antwortete, es lachten alle. Ich nahm mir vor, schnell besser Englisch zu lernen. Ich wollte es Dakota irgendwann heimzahlen, dass er mich vor den anderen bloßstellte.

In seiner Mittagspause holte uns mein Vater mit dem Mofa wieder ab. Zu Hause aßen wir alle zusammen die Mahlzeit, die Old Ma Annie oder Mutter für uns zubereitet hatte. Meist gab es Reis und dazu Fleischsoße oder angelfrischen Barracuda oder Hai und Süßkartoffeln. Auch verschiedene Eintöpfe und Suppen mit Huhn-, Python und sogar Elefantenfleisch bereitete Old Ma Annie zu.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Blutsbrüder" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen