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Blutrote Sehnsucht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. 24. Kapitel
  30. 25. Kapitel

Über die Autorin

Susan Squires wuchs in Kalifornien auf und studierte an der UCLA Englische Literatur. Nachdem sie jahrelang einen »ordentlichen« Job ausgeübt hatte, entdeckte sie ihre Liebe zum Schreiben wieder. Ihre außergewöhnlichen Liebesromane wurden mehrfach für Romance-Preise nominiert.

Für Jennifer Enderlin, die es vermutlich müde ist, dass ihr so viele Bücher gewidmet werden. Aber sie muss es hinnehmen, weil sie solch ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist. Sie sagte genau zum richtigen Zeitpunkt: »Mehr.« Und es ist auch für Henry, ohne den diese Bücher überhaupt nicht existieren würden.

1. Kapitel

Transsylvanien,
Provinz des Habsburgerreiches,
September 1820

Sie ließen ihre Hände über seinen Körper gleiten. Sechs Hände strichen über seine Brust, über seine Hüften und Schenkel und die prallen Armmuskeln bis zu der Stelle, wo seine Handgelenke über seinem Kopf gefesselt waren. Ihre Fingernägel kratzten ein wenig, beinahe drohend. Er wusste, was bevorstand. Die Steinbank, auf der er lag, war hart unter seinem nackten Gesäß und seinen Schultern, aber es war zumindest warm im Zimmer. Sie liebten Hitze, die ein wahrer Luxus im Winter in den Karpaten war. Erhellt wurde der Raum nur von dem Feuer, das in dem mächtigen steinernen Kamin brannte und ihre Gesichter in dem flackernden Licht fast unwirklich erscheinen ließ. Ihre Augen glühten rot. Jetzt würden sie ihn sich gefügig machen. Ihr leises Stöhnen erfüllte das Gewölbe tief im Fels unter dem Kloster. Er kannte inzwischen jede Nische und Spalte dieses Raumes, der seine Folterkammer und vielleicht auch seine Rettung war.

»Nehmt ihn euch heute gründlich vor, Schwestern!«, flüsterte eine von ihnen, deren Brüste seinen Bauch streiften.

»Verdient er das Vertrauen unseres Vaters?«, raunte eine andere an seinem Ohr.

Er spürte das Ziehen in seinen Lenden, dem nachzugeben er nicht wagte, und hatte keine Ahnung, ob sie dieses Bedürfnis herbeiführten oder ob er selbst es war. Eine Zunge glitt über seine Brustwarze, und er konnte gar nicht anders, als sich ihr entgegenzubiegen. Die Ketten rasselten. Eine Hand umfasste seine Hoden. Er spürte das leichte Kratzen spitzer Zähne an seiner Kehle. Sie wollten heute Nacht Blut. Er wartete auf den Schmerz. Wie würde er ihre »Zuwendungen« in den endlos langen nächsten Stunden ertragen?

Buße. Du verdienst es, sagte er sich. Tausend Jahre Qual würden deine Verbrechen nicht sühnen. Aber du hast eine Chance, Erlösung zu erlangen, und sie werden dir dazu verhelfen.

Er atmete, wie sie es ihn gelehrt hatten, richtete seine Gedanken ganz nach innen und suchte nach einer Insel der Kontrolle. Seine Schultern entspannten sich. Jegliche Gefühlsregung verließ ihn nach und nach. Der Schmerz beim Öffnen seiner Halsschlagader war nur ein Begleitumstand, mehr nicht. Eine von ihnen trank sein Blut, während die anderen seine körperliche Erregung schürten.

Aber jetzt war er bereit zu allem, was auch immer sie mit ihm vorhaben mochten. Er würde tun und werden, was nötig war. Ganz gleich, was es ihn kostete, er würde Buße tun.

Cheddar Gorge, Wiltshire,
März 1822

»Ich werde nicht ewig leben, Ann.« Ihr Onkel Thaddeus blickte unter seinen buschigen weißen Augenbrauen zu ihr auf und faltete die Zeitung, die er las. »Mein Herz ist nicht in Ordnung.«

»Unsinn, Onkel. Du bist viel zu stur zum Sterben.« Ann van Helsing setzte sich in ihren Lieblingssessel und lächelte ihren Onkel an. Er war nicht stur, aber es ärgerte ihn, wenn sie behauptete, er sei es. Heute Abend wollte sie ihren Onkel nicht über das Sterben reden hören, auch wenn seine Haut in letzter Zeit wie Pergament aussah und er bei der geringsten Aufregung schon schwerer atmete. In der Bibliothek, in der sie saßen, brannte ein anheimelndes Feuer im Kamin, dessen Prasseln und Knacken fast das Klopfen der Äste gegen das Fenster und das Pfeifen des Windes draußen übertönte. Verführung, der letzte Roman von Jane Austen, lag offen auf einem zierlichen Tisch mit fein geschnitzten Beinen. Ann hielt ihren hölzernen Seitenwender darüber, den sie benutzte, weil sie die Seiten nicht direkt berühren konnte, da sie von zu vielen Menschen in der Leihbücherei angefasst worden waren. Aber es war so gemütlich in der Bibliothek, dass sie den Moment nicht mit Gerede über Tod und Sterben verderben wollte.

»Diesmal wirst du mich nicht vom Thema ablenken, junge Dame.« Ihr Onkel legte seine Zeitung beiseite und stemmte seine massige Gestalt aus dem roten Ledersessel vor ihr hoch. »Und ich bin nicht stur.«

Ann verkniff sich ein Lächeln und blickte zu seinem besorgten Gesicht auf, das ihr so lieb geworden war. Er meinte es nur gut mit ihr. »Nun, vielleicht könnten wir uns dann ja auf … einen dickfelligen Charakter einigen?«

Aber Onkel Thaddeus war nicht zum Scherzen aufgelegt. »Du weißt, was dich vielleicht nach meinem Tod erwartet.« Seine Augen verdunkelten sich, seine Stimme war rau vor Emotion. »Dann musst du versorgt sein, Ann.«

»Das bin ich. Mein Vater hat sehr gute Vorsorge für mich getroffen. Ich habe reichlich Geld und Eigentum«, erwiderte sie schulterzuckend, als wäre es das, wovon ihr Onkel sprach. Maitlands beispielsweise war ein Geschenk ihres Vaters an sie. Da er es durch die Heirat mit ihrer Mutter erlangt hatte und es somit nicht an den Brockweir-Titel gebunden war, konnte er darüber verfügen, wie er wollte. Anns Onkel, der den Titel und die dazugehörigen Ländereien besaß, figurierte als ihr Vermögensverwalter, wenn auch nur dem Namen nach, seit sie volljährig geworden war.

»Das meinte ich nicht, Ann.« Mit grimmig zusammengezogenen Brauen begann ihr Onkel, auf seinen Absätzen zu wippen, und steckte die Hände in die Hosentaschen. Ann sagte nichts und hoffte, dass seine Gedanken einen fröhlicheren Weg einschlagen würden. Dann räusperte er sich. »Dein junger Cousin scheint ein netter Kerl zu sein.«

Ann warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Dieser … Aal? Der ist entschieden zu glatt, Onkel, ganz zu schweigen davon, dass er Hängebacken hat. Das wirst du doch nicht bestreiten wollen, oder?«

Ihr Onkel war klug genug, nicht auf das Thema »Hängebacken« einzugehen. »Du bist nur nicht an Stadtmenschen gewöhnt, Ann, so zurückgezogen, wie du auf dem Land gelebt hast. Er ist die letzten sechs Jahre auf dem Kontinent gewesen. Es gibt nichts Besseres als große Reisen, um Kultiviertheit zu erlangen.« Er räusperte sich wieder. »Und er scheint interessiert an dir zu sein.«

»Das mag ja sein, aber ich bin absolut nicht interessiert an ihm.« Sie sah, dass ihr Onkel zu einer Erwiderung ansetzte, und zog die Brauen hoch. »Du weißt, dass du mich mit diesem Gerede höchstens noch in meiner Entschlossenheit bestärken wirst, Onkel Thaddeus«, warnte sie.

Er biss sich auf die Lippe. »Die Leute halten dich deines Äußeren wegen für schwach«, murmelte er. »Wenn sie wüssten, wie starrsinnig du bist …«

In gespielter Empörung lehnte sich Ann zurück. »Ich bin die Nachgiebigkeit in Person, Onkel«, sagte sie mit einem Lächeln, weil sie wusste, dass er sie liebte, egal, wie schwierig sie auch war.

»Ich habe ihn eingeladen, bei uns zu wohnen«, erwiderte ihr Onkel.

Ihr Lächeln verblasste. »Du hast was?«

»Ich … ich dachte, ihr solltet einander besser kennenlernen.« Er wich ihrem Blick aus.

»Ich will diesen aalglatten … Kerl nicht auf Maitlands Abbey haben!«, sagte Ann empört.

»Er gehört nach Maitlands. Wenn dein Vater es dir nicht überschrieben hätte, wäre es an Erich gegangen. Er ist der Letzte der Van Helsings. Und ich glaube, er hat nicht viel. Kannst du Maitlands nicht wenigstens für eine gewisse Zeit mit ihm teilen?«

Wenn er es so ausdrückte … »Du hast mehr Anspruch auf Maitlands als er. Es ist dein Zuhause. Und du kannst einladen, wen du willst.«

»Ich will Maitlands nicht«, entgegnete ihr Onkel ruhig. »Sobald ich weiß, dass du versorgt bist, werde ich nach Hampshire ziehen.«

Versorgt? Was sollte das denn heißen? »Du denkst doch nicht etwa, wir würden ein Paar … Du weißt, dass eine Heirat für mich ausgeschlossen ist, nach dem, was Mutter zugestoßen ist.«

»Sicher, Ann. Natürlich weiß ich das«, erwiderte er mit einer beschwichtigenden Handbewegung. Doch er hatte noch nicht aufgegeben, das konnte sie in seinen Augen sehen. »Aber nicht alle Ehen sind … mit körperlicher Intimität verbunden.«

Die Härchen an Anns Armen richteten sich auf. Der bloße Gedanke an intime Beziehungen mit diesem dickbäuchigen Faun von einem Mann, dessen Mund und Glupschaugen sie an die eines Fisches erinnerten und dessen hochfahrendes, herablassendes Auftreten sie zutiefst abstieß, war mehr, als sie ertragen konnte.

»Na schön, von mir aus kann er kommen«, sagte sie, weil sie es ihrem Onkel nicht verweigern konnte. Doch alles hatte seine Grenzen. »Aber glaub ja nicht, dass ich mich wie ein preisgekröntes Kalb auf dem Viehmarkt zur Schau stellen lassen werde.« Sie drohte ihm mit dem Finger. »Ich werde nie heiraten. Und schon gar nicht diesen Erich van Helsing.«

»Sei einfach nur höflich und zuvorkommend zu ihm.«

Ann biss sich auf die Unterlippe. »Du weißt nicht, was du da verlangst.« Doch sie lächelte ihn an. »Aber dir zuliebe werde ich es tun. Und um Kraft zu sammeln, sollte ich mich jetzt besser zurückziehen, glaube ich.« Nachdem sie ihrem Onkel eine Kusshand zugeworfen hatte, verließ sie die Bibliothek. Erich van Helsing unter ihrem Dach und um sich zu haben, würde mehr als lästig sein. Nachdenklich stieg sie die Treppe zum dritten Stock hinauf. Dort, unter dem Dachgesims, lag das Kinderzimmer, der einzige Ort, an dem sie sich sicher fühlte. Leise, um nicht den Türklopfer in Bewegung zu setzen, zog sie die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen, als könnte sie so die Tatsache ausgesperrt lassen, dass ihr Onkel wirklich gebrechlich war und sie einen Albtraum von Hausgast haben würde.

Zumindest hatte sie ihren Zufluchtsort, das Kinderzimmer. Prüfend blickte sie sich um. Das schmale Bett mit der farbenfrohen Tagesdecke stand unter dem Mansardenfenster, an dem der Wind jetzt rüttelte. Auf der kleinen Frisierkommode waren Tiegelchen und Pinsel aufgereiht. Bücherregale, die an der Innenwand vom Boden bis zur Decke reichten, schirmten das Zimmer vor dem Rest der Welt ab. Zwei schon etwas abgegriffene Puppen saßen auf dem Fensterbrett. Die Teppiche, die auf dem Boden lagen, hatte ihr inzwischen lange verstorbenes Kindermädchen Malmsy geknüpft. Alles hier war Ann vertraut. Sie ging zu den Puppen und berührte eine, wobei sie ausschließlich Erinnerungen an ihre eigene Kindheit überkamen. Sie vermisste ihre Malmsy, die sich um sie gekümmert hatte, seit sie ein kleines Kind gewesen war. Malmsy war die Einzige, deren Berührung keine Qual für sie gewesen war, die Einzige, die sie je umarmt hatte. Natürlich war ihre Amme gestorben, bevor das volle Ausmaß von Anns Leiden zutage getreten war. Ann fragte sich, ob nach ihrem fünfzehnten Geburtstag vielleicht sogar Malmsys Berührung eine Qual für sie gewesen wäre.

Das schmerzliche Verlustgefühl, das sie nie ganz losließ, durchflutete Ann wieder. Menschliche Berührungen blieben ihr verwehrt. Sie ließ sich in den kleinen Sessel vor ihrer Frisierkommode sinken. Obwohl er für ein Kind gefertigt war, passte sie immer noch hinein. Das Gesicht, das sie aus dem Spiegel anschaute, sah aus, als gehörte es nicht in diese Welt. Weißblondes Haar umrahmte zarte Gesichtszüge, eine gerade, kleine Nase und einen fein geschnittenen Mund. Die grauen Augen sahen aus, als sähen sie Gespenster, was sie in gewisser Weise ja auch taten, oder zumindest doch, wenn sie etwas berührte. Ihre Haut war blass, fast durchsichtig. Alles in allem sah sie viel zu zerbrechlich aus für diese Welt. Was ebenfalls den Tatsachen entsprach.

Ihr Onkel hatte recht, was ihre Zukunft anging. Auch wenn sie sich bemühte, ihre Ängste mit einem Schulterzucken und einem Lächeln vor ihm zu verbergen, waren ihre Aussichten doch ziemlich düster. Ihr Fluch war, dass sie durch bloße Berührung alles über andere erfuhr. Menschen zu berühren, brachte eine Flut von Bildern aus deren Vergangenheit mit sich und ließ Ann ihre Gefühle und den unverfälschten, oft widersprüchlichen Kern ihrer Natur erkennen. Aber nicht nur für sie waren Berührungen ein Schock, sondern fast ebenso sehr auch für die jeweilige Person, die die Erfahrung machte. Selbst Dinge anzufassen, rief Eindrücke von all den Menschen, die den Gegenstand im Laufe seiner Existenz berührt hatten, in ihr hervor. Wenn sie nicht aufpasste, wurde sie von all den auf sie einstürmenden Informationen derart überwältigt, dass sie nicht einmal mehr denken konnte.

Dieser Fluch, der auf allen Frauen ihrer Familie lastete, hatte ihre Mutter in den Wahnsinn getrieben, und früher oder später würde er auch Anns Verstand verwüsten. Wahrscheinlich würde sie dann in einer Zelle enden, mit Ketten um ihre zarten Fußknöchel, auf schmutzigem Stroh am Boden liegend und schreiend, bis sie zu heiser war, um auch nur zu krächzen.

Ihr ruhiges Leben hier, unter dem Schutz ihres Onkels, hatte das Unvermeidliche bisher abgewendet, doch wenn er starb, würde Friedensrichter Fladgate einen Weg finden, sie einzuliefern. Sie war ein Albtraum für das Dorf, die »Andersartige«, die Dinge wusste, die niemand wissen durfte. Alle in der Ortschaft waren überzeugt davon, dass ihre Geheimnisse nicht sicher waren, solange Ann auf Maitlands Abbey lebte.

Und wenn sie heiratete? Dann war das Irrenhaus ihr sicher. Es schauderte sie bei dem Gedanken, dass ein Mann sie anfasste und mit einer Fülle von Bildern und Erfahrungen überschüttete. Der Wahnsinn hatte ihre Mutter genau in jener Nacht ereilt, in der Ann gezeugt worden war. Es war das erste Mal gewesen, dass ihre Eltern versucht hatten, eheliche Beziehungen aufzunehmen. Am nächsten Morgen war ihre Mutter nackt und sabbernd aufgefunden worden. Im Jahr darauf war sie in einer Anstalt verstorben. Das war kurz nach Anns Geburt gewesen, und ihr Vater hatte vor lauter Reue und Schuldbewusstsein einen Entschluss gefasst, der einem Selbstmord gleichkam. Er hatte sich freiwillig für Wellingtons Vorhut in Salamanca gemeldet – was zwar definitiv ein selbst auferlegtes Todesurteil war, ihm aber trotzdem ermöglichte, in geheiligtem Boden bestattet zu werden.

Nein, Ann würde ganz bestimmt nicht heiraten. Sie würde nie im Leben einen Mann anfassen, wenn sie es verhindern konnte. Und die Dorfbewohner irrten sich. Sie wollte ihre Geheimnisse gar nicht wissen. Und auch ihr Onkel hatte unrecht. Es gab nichts, was Erich van Helsing tun konnte, um sie zu »versorgen«.

Konnte sie nicht einfach weiter hier mit ihrem Onkel leben? Eine leise innere Stimme sagte ihr, es sei nicht fair ihm gegenüber, dass er sich hier aufhalten musste und nicht in seinem eigenen Zuhause sein konnte. Aber es war ja nicht so, als hätte er Familie dort. Er war Junggeselle geblieben, weil er nicht hatte riskieren wollen, ein weibliches, mit dem Familienfluch gestraftes Kind wie sie zu zeugen.

Ann verzog das Gesicht. Es war nicht zu vermeiden, dass sie eines Tages allein und ohne Freunde dastehen würde.

Seufzend zog sie das Kleid aus, das sie so geändert hatte, dass es sich vorne schließen ließ. Sie hatte nur vier Kleider, die alt genug waren, um bequem zu sein. Es war zu aufreibend, sich an ein neues zu gewöhnen, weil die Erlebnisse des Webers, der Näherin und der Verkäuferin sie immer wieder bestürmen würden, bis das Kleid eine Zeit lang getragen war und sie verblassten. Ann öffnete die Bändchen des kleinen Korsetts, das sie ebenfalls abgeändert hatte, um sich ohne Hilfe einer Zofe entkleiden zu können, und streifte ein altes Leinennachthemd über. Der inzwischen weich gewordene Stoff schmiegte sich an ihren Körper, als sie unter die Steppdecke kroch, die Malmsy für sie genäht hatte. Heute Nacht würde sie einmal nicht an ihre Zukunft denken.

Sie hoffte nur, nicht wieder von Träumen heimgesucht zu werden.

London,
März 1822

Ein halbes Dutzend Zeitungen auf dem Tisch vor sich, saß Stephan Sincai allein im Café des Hotels Claridge, als die Sonne unterging. Die anderen Hotelgäste befanden sich im Restaurant, aus dem er das Klirren von Porzellan und Gläsern und Stimmengewirr hören konnte. Stephans mürrisches Gesicht pflegte die angeregten Gespräche dort zum Verstummen zu bringen. Oder vielleicht waren es auch die elektrisierenden Schwingungen in der Luft, die jemanden seiner Gattung stets begleiteten. Menschen spürten diese Energie. Das Café, das abends verlassen war, war seinen Zwecken sehr viel dienlicher. Bei Tageslicht boten ihm die Fenster einen guten Ausblick auf die Ecke Brook Street und Davies Street, doch jetzt war in dem dunklen Glas nur sein eigenes Spiegelbild zu sehen. Es hatte sich seit … Ewigkeiten nicht verändert: schwarze Augen, schwarzes Haar, das ihm in leichten Wellen bis auf die Schultern fiel, hohe Wangenknochen und ein sinnlicher Mund mit vollen Lippen, die von tiefen Linien umgeben waren.

Drei Tage waren seit dem Mord in der Whitehall Lane vergangen. Die Londoner Zeitungen berichteten immer noch ganz groß darüber. Die Polizei war ratlos, was den Täter anging. »Als hätte er sich in Luft aufgelöst«, hieß es allerorts.

Und genau so war es auch.

Das würden die englischen Behörden jedoch nie erraten. Was wussten sie schon von den Fähigkeiten, die der Parasit in seinem Blut, sein Gefährte, ihm verlieh? Stephan sah aus wie jeder andere Mann. So wie auch der Schatzkanzler wie jeder andere Staatsdiener ausgesehen hatte. Aber der Schein trog. Sie waren Vampire. Stephan war schon so geboren worden, der Schatzkanzler jedoch war von diesem Abtrünnigen Kilkenny zu einem Vampir gemacht worden. Und das war Stephans Schuld. Er starrte auf das Gesicht, das sich in dem dunklen Glas des Fensters widerspiegelte. Er hatte den Schatzkanzler ermordet, weil es seine Aufgabe war zu bereinigen, was er auf die Welt losgelassen hatte, und den Bund der in Vampire verwandelten Menschen auszurotten, die die englische Regierung zu übernehmen drohten. Stephan hatte der Kreatur den Kopf abgerissen und dann die Macht des Gefährten herbeigerufen, um sich in Luft aufzulösen, wie es nur seine Spezies konnte.

Niemand würde es je erfahren. Die Fähigkeiten seines Gefährten gingen über ihr Vorstellungsvermögen hinaus. Er war der wahre Vampir. Er verlangte, dass seine Gattung Menschenblut trank, und wenn der Hunger sie packte, konnten sie sich ihm nicht verweigern. Im Gegenzug dazu gab er ihnen jedoch die Macht, sich von einem Ort an einen anderen zu versetzen, und verlieh ihnen geschärfte Sinne und unglaubliche Kraft. Stephan konnte sich einen schwächeren Geist durch pure Willenskraft gefügig machen, und der Parasit, der sein Blut teilte, heilte jegliche Verletzung seines Wirts, sodass er buchstäblich unsterblich war. Das machte ihn zum personifizierten Bösen für die Menschen. War er das? Stephan konnte sich diese Frage heute Abend nicht beantworten.

Er verdrängte die Erinnerung an die schreckliche Tat, die er begangen hatte. Töten war seine Aufgabe. Er war der Harrier, der Jagdhund. Er musste seine Aufgabe vollenden, um für seine Vergehen gegen die Ältesten zu büßen. Und er würde weiter töten müssen. Er konnte nur hoffen, dass er dem gewachsen sein würde.

Stephan wandte sich wieder den Zeitungen zu und überflog die kleinen Artikel mit den Nachrichten aus den Provinzen. Hier in England wurden sie »Grafschaften« genannt, und alle endeten auf »-shire«, aber niemand sprach je alle Silben aus. Was für faule Menschen in diesem Land lebten! In den letzten drei Tagen musste er an die hundert Zeitungen gelesen haben. Die Hoteldiener brachten ihm Abend für Abend ganze Stapel.

Ein Kribbeln lief durch seine Adern. Dagegen würde er etwas unternehmen müssen, denn es war nicht gut, den Hunger zu stark werden zu lassen. Nur ein Schlückchen. Genug, um sich zu stärken, und nicht genug, um seinen Spender, wer immer das auch sein würde, zu verletzen. Stephans Selbstkontrolle war noch immer nicht perfekt, und er musste bei Kräften bleiben. Hoffentlich würden seine Bemühungen genügen! Die Ausgeglichenheit der Welt und die seines eigenen Verstandes hingen davon ab.

Stephan schlug eine Seite der Zeitung um und knickte sie. Er konnte sich nicht mal die Angst erlauben, dass er scheitern könnte. Im Moment war ihm nicht einmal die kleinste Gefühlsregung gestattet. Er schob das Weinglas beiseite, um Platz für eine Regionalzeitung aus der südlich von Bath liegenden Domstadt Wells zu schaffen, und begann mit der Seite mit den Nachrichten …

Da! Sein Blick glitt zu einem sehr kurz gehaltenen Artikel über einen mutmaßlichen Tierangriff zurück. Der Körper des unglücklichen Mr. Marbury sei völlig ausgeblutet gewesen. Stephan las die Notiz noch einmal. Wieso stand nichts von Verletzungen darin? Sie mussten doch mindestens zwei kleine Bisswunden gefunden haben. Aber davon wurde nichts erwähnt. Vielleicht wollten sie die dortige Bevölkerung nicht verängstigen. Die Leiche war in Shepton Mallet westlich von Wells gefunden worden. Es war der zweite Todesfall dieser Art in der Gegend, und nun durchkämmten sie die Wälder dort nach Wölfen, hieß es.

Jetzt überflog er den Rest der Zeitung und fand, wonach er suchte. Eine Epidemie, bei der es sich um Influenza handeln könne, so wurde in einem anderen Artikel berichtet, verbreite sich in der Gegend um Cheddar Gorge. Sie verursache eine seltsame Mattigkeit bei den Erkrankten und mache sie ganz ungewöhnlich blass. Man spekulierte, ob nach Überflutungen durch den River Axe nicht Insektenstiche die Ursache der Krankheit sein könnten. Warum die Behörden an Insektenstiche dachten, schrieb die Zeitung nicht, aber Stephan konnte es sich denken. Er war überzeugt davon, dass die Erkrankten zwei kleine Einstichwunden aufwiesen.

Tote? Epidemien? Kilkennys Kreaturen waren nicht mal vorsichtig, verflucht noch mal!

Stephan schlug die Zeitung zu und sah sich eine Karte an, die er in der Jermyn Street gekauft hatte. Er suchte Bath, Wells, Shepton Mallet und Cheddar Gorge heraus. Gut. Wenn diese Kreaturen auch nur ein Fünkchen Vernunft besaßen, würden sie in einiger Entfernung von zu Hause töten, sich aber in der Nähe ihres Nestes ernähren. Was bedeutete, dass Cheddar Gorge der vielversprechendste Zielort war.

Er faltete die Karte zusammen und erhob sich von dem Tisch mit den Stapeln von Zeitungen und den Überresten seines Essens. Er musste Rubius informieren. Unverzüglich würde er eine Nachricht schreiben und den Ältesten davon in Kenntnis setzen, dass er einen Teil von Kilkennys Vampirarmee aufgespürt hatte. Dann würde er die Botschaft so schnell wie möglich durch einen Kurier nach Horazu befördern lassen, wo die Dorfbewohner von Tirgu Korva sie zum Kloster Mirso hinaufbringen würden. Das würde ein teurer Spaß werden, doch das spielte keine Rolle, denn er hatte Geld genug. Und endlich näherte er sich seinem Ziel, das auch Rubius’ Ziel war.

Zunächst einmal würde er sich jedoch stärken. Dann musste er einen Mietstall aufsuchen und sich nach einem brauchbaren Pferd umsehen. Danach ging es nach Cheddar Gorge. Mit etwas Glück würde er dort Kilkenny und zumindest einen Teil der Armee von Vampiren finden, die dieser Mistkerl, die Wurzel allen Übels, schuf. Stephan wagte nicht einmal, sich Hoffnungen zu machen, dass er seine Aufgabe würde vollenden und zu Rubius und nach Mirso würde zurückkehren können, denn Hoffnung war ein Gefühl, und Gefühle waren ihm nicht mehr gestattet.

2. Kapitel

Ann saß an einem Ende der langen Tafel in Maitlands’ großem Speisesaal, zur Rechten ihres Onkels und ihrem Cousin gegenüber. Sie hatte sich geweigert, Van Helsing in dem gemütlichen kleineren Speisezimmer zu bewirten, in dem sie und ihr Onkel für gewöhnlich speisten, weil sie nicht wollte, dass er die Atmosphäre dort verdarb. Die Dienstboten hatten mit emsiger Begeisterung die Schutzbezüge aus dem eleganten Speisesaal entfernt und Böden und Einrichtung auf Hochglanz poliert. Das Feuer in den mächtigen Kaminen an beiden Enden des großen Raumes verbreitete eine angenehme Wärme. Die heute nur noch minimale Dienerschaft hatte es immer bedauerlich gefunden, dass ein so großer Teil des Hauses ungenutzt blieb. Aber an diesem Abend wurde ja zumindest der Speisesaal wieder benutzt, obwohl die Stimmen der drei Speisenden darin hallten und es hundert Kerzen brauchte, um ihn zu erhellen.

Ann schaute zu den hochmütig blickenden Brockweir-Ahnen auf, deren Porträts in schweren goldenen Rahmen an den Wänden hingen. Wenn man genau hinsah, konnte man im Licht der Kristalllüster den Wahnsinn in den Augen einiger der Frauen glitzern sehen, die alle sehr prachtvoll im Stil vergangener Zeiten gekleidet waren. Der Raum war mit roten Wänden und sehr viel schimmerndem Holz versehen, auf der elegant gedeckten Tafel funkelten Kristall und Silber. Ann hatte natürlich ihr eigenes Silberbesteck, Porzellan und Glas aus dem alltäglichen Speisezimmer mitgebracht.

Trotzdem fühlte sie sich unbehaglich an dem langen Tisch. Der Stuhl, auf dem sie saß, war lange Zeit nicht mehr benutzt worden, und dennoch konnte sie das Flüstern vergangener Nächte um sie herum spüren. Scharen von Gästen waren früher in diesem Raum bewirtet worden. Das helle Lachen der Damen und das dröhnende der Herren waren natürlich nur für ihre Ohren wahrnehmbar. Ein Mann, der sich für sehr bedeutend hielt, hatte als Letzter auf diesem Stuhl gesessen, der geächzt hatte unter seinem Gewicht. Aber es waren auch noch andere, schwächere Echos hier zu hören … die bis zu ihrer Mutter zurückgingen. Auch sie hatte einst auf diesem Stuhl gesessen.

Van Helsings Stimme brachte Ann schlagartig in die Gegenwart zurück.

»Was für ein schönes Stück von Grinling Gibbons«, rief er und zeigte auf den kunstvollen silbernen Tafelaufsatz in der Mitte des Tischs. Seine stark hervortretenden hellblauen Augen taxierten allem Anschein nach schon seinen Wert. Sein blondes Haar würde sich bald lichten, sein fliehendes Kinn verlor sich fast in den Hängebacken. Seine Lippen waren mehr fleischig als voll, das genaue Gegenteil von sinnlich. Irgendwie wirkten sie sogar … schlaff. Ann dachte, dass seine Küsse wahrscheinlich widerlich nass sein würden, und erschauderte bei dem Gedanken. Unter einem mit lächerlich breiten Schulterpolstern versehenen Rock trug er eine Weste, die aussah, als würden ihre Knöpfe jeden Moment abspringen. Im Grunde waren es jedoch weder sein Übergewicht noch sein an einen Fisch erinnerndes Gesicht, was Ann an ihrem Cousin so abstieß, sondern sein Gesichtsausdruck. Sie konnte nicht näher bestimmen, was es war, doch irgendetwas … stimmte nicht damit.

»Der indische Botschafter schenkte sie Anns Vater in der Zeit, als er Lord Woolseys Sekretär war«, bemerkte Onkel Thaddeus, während er geräuschvoll seine Hummersuppe schlürfte. Er war blass und sah gar nicht gut aus an diesem Abend, gab sich aber alle Mühe, ihren Gast zu unterhalten.

»Ein wertvolles Erbstück also.« Van Helsing lächelte. Wie konnte ein Lächeln so … schmierig sein?

Ann verdrängte das Geflüster ihres Stuhls in den Hintergrund ihres Bewusstseins. »Ich wollte das Ding eigentlich schon in den Schrank verbannen«, sagte sie eine Spur zu unbekümmert. »All diese blutrünstigen Tiger, die Elefanten jagen … Und mit den Palmen, Affen und Blumen am Boden finde ich es zu unruhig, ja fast geschmacklos.« Ann löffelte die Suppe und blickte dann auf, um zu sehen, ob sie Van Helsing verunsichert hatte, indem sie seinen Geschmack infrage stellte. Tief im Innersten war er nämlich gar nicht sicher, dass er hierhergehörte. Und das war gut so. Sollte er doch ruhig selbst merken, dass es das Beste für ihn wäre weiterzuziehen.

Ihr Blick glitt zu Polsham, der bereitstand, um ihrem einzigen noch verbliebenen Diener, Peters, und Mrs. Simpson, die das wunderbare Abendessen zubereitet hatte, sowie ihrer Gehilfin Alice das Zeichen zu geben, den zweiten Gang zu bringen. Polsham unterdrückte ein Lächeln. Er mochte Van Helsing auch nicht. Ann zog die Brauen hoch, und Polsham setzte wieder eine ausdruckslose Miene auf. Das entlockte ihr ein Lächeln. Mit seiner herrischen, selbstgefälligen Art hatte ihr Cousin sich bei den Dienstboten nicht beliebt gemacht.

»Das wäre eine Schande, finde ich«, murmelte Van Helsing. »Ich habe auf meinen Reisen durch die Hauptstädte Europas kein feineres Stück mit exotischen Motiven gesehen. Waren Sie schon in Europa, Ann?«

Ein eindeutiger Seitenhieb. Er musste wissen, dass sie nicht verreisen konnte.

»Ann ist nie mehr als einen Nachmittagsritt von Maitlands entfernt gewesen, Mr. van Helsing«, warf ihr Onkel ein und winkte Polsham.

»Nun ja, das Landleben hat natürlich auch was für sich.« Er sagte es, als wäre es eine höfliche Lüge, was es für ihn ja zweifellos auch war. Polsham, Peters und Alice kamen mit großen zugedeckten Platten aus der Küche, und Ann bemerkte den furchtsamen Blick, den Alice Van Helsing zuwarf. Hatte sie geweint? Die Stimme des Cousins leierte weiter. »Dennoch. Venedig, Paris, Wien, Madrid … nachdem Old Boney festgesetzt wurde, ist der Kontinent nun wieder Englands Spielplatz. Sie sollten wirklich einmal hinfahren, Miss van Helsing.«

»Ich habe kein Verlangen danach, in Europa herumzuvagabundieren«, erwiderte sie kühl – was unter den gegebenen Umständen auch nur der Wahrheit entsprach. »Meine Bücher sind mein Fenster zur Welt.« Polsham, Mrs. Simpson und Alice nahmen gleichzeitig die silbernen Deckel von den Platten, unter denen Fasan, Schinkenbraten und in Butter gedünstete Krabben zum Vorschein kamen.

Du liebe Güte, dachte Ann, Mrs. Simpson will dem kleinen Lackaffen doch tatsächlich imponieren! Schweigen herrschte, als die Köchin sich zurückzog, um gleich darauf mit einem Tablett mit verschiedenen Gemüsesorten zu erscheinen. Sie richtete die Schüsseln um Onkel Thaddeus an, während Polsham den Männern Burgunder und Ann Fruchtlikör einschenkte. Alice war davongeeilt und nicht wieder erschienen.

»Ich glaube, die Pastinaken und der Lauch in Sahnesauce werden Eurer Lordschaft heute ganz besonders munden«, sagte Mrs. Simpson, bevor sie sich unter Verbeugungen zurückzog, als Anns Onkel sich bedankte.

Ann beschloss, Alice nach dem Essen zu suchen, um herauszufinden, was geschehen war. Sie befürchtete das Schlimmste, obwohl ihr Cousin erst einen Nachmittag im Hause war. Die Männer bedienten sich großzügig von allen Speisen. Der Cousin blickte auf. »Miss van Helsing, wollen Sie dieses Festessen denn gar nicht kosten? Lassen Sie mich Ihnen etwas von dem Fasan servieren.«

Ihrem Onkel zuliebe ertrug sie sein Bemühen, so höflich es ihr möglich war, und fragte sich, wie sie den Rest des Abends überstehen sollte. Zum Glück würde der Flegel zumindest in der nächsten halben Stunde mit seinem Essen beschäftigt sein.

Doch nicht einmal diese kleine Erholung sollte ihr gegönnt sein.

»Bücher …«, nahm er nachdenklich den Faden wieder auf. »Sie sind ja wohl kaum ein Ersatz für die Wirklichkeit. Natürlich lieben viele junge Damen Romane, und die Flucht vor der Realität ist haargenau der Zweck dieser Art von Büchern.« Er schenkte ihr ein herablassendes Lächeln. »Sie lesen sicher auch Romane, Miss van Helsing.«

»Ich lese alles«, entgegnete sie gekränkt. »Auch Romane.«

»Vermutlich alles, was für eine junge Dame angebracht ist, wollen Sie sagen, nicht? Ihr Onkel bewahrt Sie doch gewiss vor allem, was Ihr Feingefühl verletzen könnte.«

Onkel Thaddeus schwenkte seine Gabel. »Keineswegs, mein Guter. Ann liest, was sie will, Zeitungen, Londoner und Pariser Magazine, politische Abhandlungen, Kriegsberichte, Predigten, Philosophen, Dichter … Was Sie sich nur vorstellen können. Immer wieder lässt sie sich von Polsham das eine oder andere Buch aus der Leihbücherei in Wells oder von Meyler’s in Bath holen. Sie schreibt sogar Briefe an die Herausgeber in London. Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich für all die Postsendungen bezahle! Der arme Bote kann die Pakete kaum zur Tür hinaufschleppen.«

»So ein Blaustrumpf ist meine Cousine?«

Ann hätte Van Helsing ohrfeigen können für das herablassende Grinsen, das er ihr schenkte. »Blaustrumpf? Das ist eine Bezeichnung, die sich Männer ohne Selbstbewusstsein ausgedacht haben, um gebildete Frauen zu verunglimpfen«, versetzte sie. »Aber auf Sie trifft das doch gewiss nicht zu, Mr. van Helsing«, fügte sie in zuckersüßem Ton hinzu.

Ihren Onkel konnte sie jedoch nicht täuschen. »Ärgere deinen Cousin nicht, Ann. Van Helsing …«

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche, Sir, doch nennen Sie mich bitte Erich. Beide. Wir sind schließlich Verwandte.« Erich hatte schon wieder dieses schmierige Grinsen im Gesicht.

Ihr Onkel lächelte, als bemerkte er nicht, wie unaufrichtig und anbiedernd dieses Angebot war. »Nun gut, Erich, dann verraten Sie mir, woher Sie diesen prachtvollen Fuchs haben, den Sie reiten.«

Sag nichts mehr, befahl sich Ann, als die Männer sich über Pferde unterhielten. Du bist schon unhöflich genug gewesen. Sie behielt sogar ihre Meinung über Van Helsings prächtigen Fuchs für sich. Ann wäre jede Wette eingegangen, dass diese Kröte hinter Alice her gewesen war. Zum Glück beschäftigte ihr Onkel ihn während des Essens, und auch danach lud er ihn ein, sich mit ihm auf ein Glas Portwein und etwas von dem guten einheimischen Käse in die Bibliothek zurückzuziehen.

»Warum kommst du nicht in einer halben Stunde nach, Liebes?«, sagte er zu Ann, als er sich vom Tisch erhob. Zu ihrer Besorgnis schwankte er ein bisschen.

»Dein Gehstock, Onkel Thaddeus«, flüsterte sie, weil sie ihm den Stock weder anreichen noch seinen Arm nehmen konnte, um ihn zu stützen.

»Ja, ja. Du machst dir zu viele Gedanken, meine Liebe.« Aber er griff nach dem Stock.

In einer schmeichlerischen Weise nahm Van Helsing seinen Arm. Er sieht wie ein fetter Geier aus, dachte Ann. »Lassen Sie mich Ihnen helfen, Sir.«

Und dann waren sie fort, und Ann ließ sich auf ihren Stuhl zurücksinken. Sie musste wirklich ein ernstes Wort mit ihrem Onkel reden. Verwandt oder nicht, »Erich« war schlichtweg unerträglich. Aber würde ihr Onkel ihn noch vor die Tür setzen, nachdem er ihn schon eingeladen hatte? Wahrscheinlich nicht. Das hieß, sie hatten ihn am Hals. Was, wenn er tatsächlich Alice nachstieg? Die junge Frau war weiß Gott keine Heilige. Mrs. Simpson machte sich schon Sorgen, dass sie mit dem jungen Hausburschen aus dem Hammer und Amboss im Dorf poussierte. Aber Ann gefiel der Blick nicht, den die Küchenhilfe Van Helsing zugeworfen hatte. Sie musste einen Weg finden, Alice wenigstens vor ihm zu schützen.

Polsham brachte ihr Tee. Sie zwang sich, Ruhe zu bewahren, und strich ihr Kleid über dem Schoß glatt. Es war ihr bestes. Ihr Onkel hatte darauf bestanden, dass sie es heute trug. Im Grunde liebte sie es, sich fein zu kleiden, und hätte gern hundert Kleider besessen, alle nach der neuesten Mode, wenn es ihr möglich gewesen wäre. Dieses hier hatte die weiten Ärmel und die etwas tiefer angesetzte Taille, die vor einigen Jahren modern gewesen waren. Es war aus dem Stoff eines Kleides gefertigt, das sie schon mit siebzehn getragen hatte. Aber das silberne Kunstseidengewebe brachte ihre Augen und ihren makellosen Teint perfekt zur Geltung, und sie trug dazu die Perlen, die ihr Vater ihr vor seinem Tod vor fast zehn Jahren geschenkt hatte.

Ann lächelte im Stillen, als sie die Perlen berührte. Alle dachten, sie sei nie gereist. Aber sie kannte das Schmuckgeschäft in Amsterdam, in dem die Perlen aufgezogen worden waren, und das aquamarinblaue Wasser, in dem ein braunhäutiger, nackter Junge nach ihnen getaucht war.

Sie riss sich von ihren Träumereien los, als die große Standuhr in der Ecke zweimal schlug. Die halbe Stunde war vorüber, es wurde Zeit, sich in die Löwengrube zu begeben oder, in diesem Fall, in die Bibliothek. Polsham und seine Gehilfen begannen, den Tisch abzuräumen, noch bevor sich die Tür des Speisesaales hinter ihr geschlossen hatte.

Die Eingangstür zur Bibliothek war offen. Ann blieb stehen, als sie Van Helsings Stimme hörte. Ihr Onkel, der neuerdings leicht fror, saß mit dem Rücken zur Tür am Kamin. Van Helsing konnte sie nicht sehen. »Ich werde kein Hehl daraus machen, Erich. Ann ist eine … nun ja, etwas ungewöhnliche junge Frau, und ich finde, dass Sie das wissen sollten.«

»Junge Frauen sind generell recht seltsame Geschöpfe, finde ich.«

Ach ja?, dachte Ann und wollte schon eintreten, um dieser lächerlichen Unterhaltung ein Ende zu bereiten, als ihr ein schrecklicher Gedanke kam, der sie abrupt den Schritt verhalten ließ. Ihr Onkel würde ihrem Cousin doch wohl nicht alles über sie erzählen? Das ging ihn überhaupt nichts an! Sie blieb im Schatten der Tür stehen, wo sie nicht gesehen werden konnte.

»Es ist mehr als das, befürchte ich …« Onkel Thaddeus räusperte sich, aber offensichtlich konnte er nicht fortfahren.

»Keine Sorge, Mylord«, sagte Van Helsing. »Ich habe gehört, was die Dorfbewohner reden.«

»Und was reden sie?«, erwiderte ihr Onkel mit unüberhörbarer Resignation in der Stimme. Ann war nicht sicher, ob sie es ertragen würde zu hören, was die Dorfbewohner über sie tratschten.

»Dass sie eine Hexe ist, die weiß, was andere denken«, antwortete Van Helsing ruhig. »Dass sie einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, der es ihr ermöglicht, einem Menschen ins Herz zu sehen. Was aber natürlich alles Unsinn ist.«

Ihr Onkel stand auf und begann, auf und ab zu gehen.

Lach!, flehte Ann ihn im Stillen an. Als wäre es zu verrückt, um wahr zu sein. Das ist es, was ich tun würde.

»Ich habe Ihnen ja gesagt, dass Ann etwas Besonderes ist, Erich.«

Nein! Erzähl es ihm nicht!

»Und jetzt werden Sie sagen, es stimmte, was die Dorfbewohner denken.« Van Helsing kicherte. »Aber sagen Sie ruhig, was immer Sie auch in Umlauf bringen wollen. Ich verstehe schon. Sie ist ein schönes Mädchen und dazu noch reich. Es ist verständlich, dass Sie Mitgiftjäger entmutigen wollen.«

»Ann ertrüge weder das übliche Umwerben, noch könnte sie normale eheliche Beziehungen unterhalten, Erich.« Die Stimme ihres Onkels war jetzt sehr bestimmt und fest. »Sie … sie mag es nicht, berührt zu werden.«

»Welche Frau mag das schon?« Van Helsing lachte. »Jedenfalls nicht so, wie wir Männer sie berühren wollen.« Es lag etwas in seiner Stimme, was … bedrohlich klang. »Männer und Frauen sind nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt, Lord Brockweir.«

»Nein, es ist mehr als das. Seit Anns fünfzehntem Geburtstag … nun ja, seitdem verabscheut sie es, berührt zu werden.«

Ein kurzes Schweigen entstand. Ann wünschte, sie könnte Van Helsings Gesicht sehen – doch diesen Wunsch verspürte sie nur so lange, bis Cousin Erich weitersprach. »Ich möchte nur Ihre Erlaubnis, Ihrer Nichte meine Bewunderung zu zollen, Lord Brockweir.« Seine Stimme triefte geradezu vor scheinheiliger Aufrichtigkeit. »Mit dem gebotenen Respekt. Sie ist ein Engel. Sollte ich das große Glück haben, ihre Zuneigung zu gewinnen, würde ich sie wie eine zarte Treibhausorchidee behandeln, sie vergöttern und beschützen.«

Glaub ihm nicht, Onkel! Ich brauche ihn nicht einmal zu berühren, um dir sagen zu können, dass er ein Lügner und ein Schwindler ist. Aber sie sah, dass ihr Onkel sein Brandyglas zu einem Toast anhob.

»Dann wünsche ich Ihnen viel Glück bei Ihrer Werbung, junger Mann. Ich werde tun, was ich kann, um sie zu unterstützen.«

Onkel! Wie konnte er ihr nur so in den Rücken fallen! Ann fühlte sich verraten und verkauft, als sie auf dem Absatz herumfuhr und nach oben lief.

Südlich von Bath ritt Stephan durch die Nacht. Das Licht tagsüber war nur schwer zu ertragen gewesen, obwohl er bis unter die Augen vermummt gewesen war. Da er keine Zeit verlieren durfte, war er durchgeritten, doch nun begann er zu ermüden, trotz der Kraft, die er besaß. Sein Pferd war jedoch ausgeruht, da er es in Bath gewechselt hatte, und trug ihn in einem leichten Galopp über die breite Straße, über der der Mond ein Versteckspiel mit den schweren Wolken eines herannahenden Gewitters trieb. Stephan konnte schon den Regen riechen.

Seine Gedanken schweiften ab zu Kilkenny, den er als die Wurzel des Übels bezeichnet hatte, das er zu bereinigen gedachte. Aber das stimmte nicht. Das Übel war er selbst, weil Kilkenny von Asharti zum Vampir gemacht worden war und Stephan wiederum für Asharti und all die Verbrechen, die sie in der Welt begangen hatte, verantwortlich war.

Mit Beatrix hatte es begonnen. Er hatte die schöne, schon als Vampirin geborene Beatrix in den Straßen von Amsterdam gefunden, wo sie, gerade mal siebzehn, von ihrer Mutter im Stich gelassen und ohne eine Ahnung, was sie war oder wie es weitergehen sollte, ihr Unwesen getrieben hatte. Sie hatte wahllos Kehlen aufgeschlitzt, um an Blut heranzukommen. Er hatte sie aufgenommen. Wie hätte er auch anders handeln können? Ein geborener Vampir war etwas Seltenes und Kostbares. Er hatte sie zu seinem Mündel gemacht, sie gezähmt, erzogen und ernährt. Vielleicht hatte er die kleine Wildkatze, die sie war, sogar damals schon geliebt.

Und dann war ihm bewusst geworden, dass er mit Beatrix eine Chance hatte, seine einzige vielleicht, etwas gegen die Ungerechtigkeit zu unternehmen, die, wie er glaubte, den von den Ältesten seiner Gattung fortgeführten Regeln innewohnte. Diese Regeln besagten, dass Vampire, die durch die Aufnahme von Vampirblut geschaffen wurden, getötet werden mussten. Rubius, der Älteste, erklärte es damit, dass das Gleichgewicht zwischen Vampir und Mensch bewahrt werden musste. Selbstverständlich konnte man nicht in der Welt herumziehen und Vampire erschaffen. Aber wenn durch ein Versehen ein Vampir entstand, sollte man sie nicht sterben lassen. Das war Mord in Stephans Augen. Rubius sagte jedoch, dass in Vampire verwandelte Menschen wahnsinnig wurden, weil sie nicht schon mit der Last des ewigen Lebens, der körperlichen und geistigen Kraft und der Notwendigkeit, Blut zu trinken, um ihren Gefährten zu ernähren, geboren worden waren.

Stephan hatte das nicht geglaubt, naiv, wie er damals gewesen war. Er hatte gedacht, wenn er einen geschaffenen Vampir in etwa dem gleichen Alter wie Beatrix fände, könnte er beide ernähren, beide lieben und beweisen, dass sowohl geborene als auch geschaffene Vampire zu gleichermaßen wertvollen Mitgliedern ihrer Gesellschaft werden konnten. Und dass Rubius dann die Regeln ändern würde.

Was für ein Narr er doch gewesen war! Und nicht nur in dieser Hinsicht.

Er hatte die zweite Vampirin für sein Experiment gefunden, als er auf dem ersten Kreuzzug Robert Le Bois hinterhergejagt war und versucht hatte, ihn einzuholen, bevor er Jerusalem ausplünderte. Stephan hatte das Blutvergießen verhindern wollen, denn Le Bois war jemand, der Gemetzel liebte …

Jerusalem,
1191

»Willst du sie, Sincai?« Mit seiner massigen Faust hielt Robert Le Bois eine junge Araberin an ihrem langen dunklen Haar gepackt. Sie war das schönste Geschöpf, das Stephan je gesehen hatte. Die Frau hatte eine gerade Nase, einen großzügigen, sinnlichen Mund, schwarze, von Kajal umrahmte Augen und einen vollkommenen Körper, von dem das durchsichtige Tuch, das von ihren Schultern fiel und mit einem perlenbestickten Netz um ihre Hüften gebunden war, mehr offenbarte als verbarg. »Ich bin ihrer ebenso überdrüssig wie die Männer meines Regiments.«

»Ich weiß nicht, wie du bei all den Massakern, die du verübt hast, noch Zeit für körperliche Vergnügen finden konntest, Le Bois«, sagte Stephan und betrachtete das Mädchen prüfend. Sie roch nach Zimt und Ambra, und er konnte die Ausstrahlung spüren, die sie umgab. Sie war eine erst kürzlich geschaffene Vampirin und auch im richtigen Alter. Er warf Le Bois einen Blick zu. Dieser Rohling hatte sie mit dem Gefährten aus seinem Blut infiziert und sie dann gezwungen, noch mehr Vampirblut zu sich zu nehmen, um sie immun zu machen. Andernfalls hätte die Infektion mit dem Gefährten sie getötet.

»Diese Ungläubigen sind bedeutungslos, Sincai. Ich befreie Jerusalem vom Ungeziefer und tue es im Namen Gottes.« Le Bois lachte und leerte einen Pokal mit Honigwein, während er seine Faust noch fester um das Haar des Mädchens schloss.

»Warum hast du sie verwandelt?«, fragte Stephan mit angespannter Stimme. »Du kennst die Regeln.«

»Weil sie so länger durchhalten.« Le Bois schleuderte seinen metallenen Pokal quer durch den Raum, wo er auf der anderen Seite gegen ein Brettspiel prallte und die Würfel durcheinanderbrachte, was einen empörten Aufschrei der betrunkenen Spieler zur Folge hatte. »Benimm dich nicht wie ein altes Weib, Sincai. Ich kenne die Regeln. Ich werde sie töten, wenn wir mit ihr fertig sind.«

»Ich glaube nicht, dass es den Regeln nach akzeptabel ist, Vampire zu erschaffen, wenn man sie dann später tötet, Le Bois.« Stephan trank misstrauisch einen Schluck von seinem eigenen Wein und sah sich um. Er hatte Le Bois nicht einholen können. Als er Jerusalem erreicht hatte, war die Stadt bereits gefallen. Le Bois und seine Offiziere hatte er in einer Moschee gefunden, in der sie sich häuslich eingerichtet hatten. Die herrlichen blauen und grünen Kacheln waren angeschlagen an den Wänden. Breitschwerter und Piken waren achtlos dagegengeworfen worden. Alle Wertgegenstände hatte man schon fortgeschafft. Die Straßen draußen verschwanden unter Strömen von Blut und hallten von den Schmerzensschreien der Besiegten wider. Stephan und seine Männer waren entsetzt. Zwölfhundert Juden waren bei lebendigem Leib in einer Synagoge verbrannt worden, verstümmelte Männer mit abgetrennten Gliedern lagen sterbend in ihrem Blut. Und alles im Namen Christi. Dennoch hatte Le Bois erreicht, wofür sie alle zweitausend Meilen weit geritten waren und zahllose Kämpfe ausgefochten hatten. Warum konnte er den Mann trotzdem nicht mögen?

Le Bois verengte die Augen. »Du bist zu nachsichtig mit geschaffenen Vampiren, Sincai. Das habe ich schon von dir gehört. Du solltest dich schämen.«

Stephan zuckte die Schultern. »Was kümmert es dich, wie ich mit ihr verfahre?« Die Augen des Mädchens waren nicht furchtsam, sondern wie benebelt. Er fragte sich, wie lange diese Bestien sie schon in ihrer Gewalt haben mochten.

Le Bois grinste und stieß das Mädchen weg, das vor Stephan auf die Knie fiel. »Bei all deinem Gerede von den Regeln solltest du sie besser einhalten. Rubius würde es nicht gefallen zu erfahren, dass du sie am Leben gelassen hast.«

Stephan sah das Mädchen nicht an. »Ich brauche kein Kindermädchen, Le Bois.« Dann bückte er sich, zog das Mädchen, ohne den Blick von Le Bois abzuwenden, am Ellbogen auf die Beine, tippte sich grüßend mit einem Finger an die Stirn und kehrte dem lauthals lachenden Le Bois den Rücken zu.

So war Asharti in sein Leben getreten. Gott, wie einfältig er gewesen war! Er hatte geglaubt, sie sei genau die Richtige für sein Experiment. Oder seine Rebellion, wie Rubius es nannte.

Und was war bei dieser Rebellion herausgekommen? Stephan hatte versucht, Beatrix und Asharti in gleicher Weise als seine Mündel aufzuziehen. Er hatte sich bemüht, beiden zu zeigen, dass sie geschätzt wurden. Aber er hatte versagt. Versagt, weil er sich in Beatrix verliebt hatte und damit Asharti zu Eifersucht und Ausschreitungen getrieben hatte. Man könnte es auch Wahnsinn nennen. Angefacht von Ashartis Machthunger, hatte das Böse sich auf der Welt verbreitet, bis das Universum nahezu umgekehrt worden war und jegliches Gleichgewicht zwischen Mensch und Vampir verloren war …

Wann war ihm klar geworden, was aus ihr wurde?

Burg Sincai,
Transsylvanien, 1104

Wütend auf Asharti, stürmte Stephan in das Zimmer, das er erst vor kurzer Zeit verlassen hatte. Der Verwalter der Burg hatte ihm widerstrebend berichtet, dass der Junge, der das Holz für die Köchin hackte, hatte weggeschickt werden müssen. Er war in Ashartis Zimmer ohnmächtig geworden, wahrscheinlich wegen der Verletzungen an seinem Nacken und an der Innenseite seiner Ellbogen, und hatte hinausgetragen werden müssen.

Stephan wusste, bei wem die Schuld daran zu suchen war. Er beauftragte Rezentrov, den Verwalter, den Jungen zu suchen und sich um ihn zu kümmern, bevor er selbst hinaufging, um Asharti zur Rede zu stellen. Sie war immer wilder und rebellischer geworden. Die Geschichte ihrer Spezies, die er sie zu lehren versuchte, interessierte sie genauso wenig wie die Regeln, nach denen sie zu leben hatten.

Die Tür zu Ashartis Zimmer sprang auf und schlug gegen die Wand.

Stephan hatte keine Ahnung, was er erwartet hatte, aber ganz sicher nicht den Anblick, der sich nun seinen Augen bot. Sie hatte einen weiteren starken jungen Mann in dem Bett, das er selbst so kürzlich erst verlassen hatte. Der nackte Junge lag auf dem Rücken, Asharti saß rittlings auf ihm und bewegte sich im Rhythmus seiner Stöße, während sie gleichzeitig an seinem Nacken saugte. Ihr Haar fiel ihr wie ein schwarzer Vorhang über das Gesicht, ihr Morgenrock aus kostbarem Brokat verbarg ihren hinreißenden Körper. Der Junge gab Laute von sich, die irgendwo zwischen Furcht und Ekstase lagen, als Asharti sich lustvoll stöhnend ihrem Höhepunkt näherte.

»Asharti!«, brüllte Stephan.

Sie blickte sich nicht nach ihm um, zog aber ihre Zähne aus dem Hals des Jungen und lehnte sich zurück, als ein heftiges Erschauern sie durchlief. Dann tat sie einen tiefen, beruhigenden Atemzug. »Stephan. Wie schön, dich gleich zweimal in einer Nacht zu sehen!«

»Geh von dem Jungen runter!«

Sie gehorchte, zog den Morgenrock um sich zusammen und ließ sich in die Kissen auf dem breiten Bett fallen. Der Junge rang nach Atem. Er hatte hässliche Wunden an seinen Lenden. Stephan wusste, wie sie zustande gekommen waren. Asharti vergnügte sich damit, diesen Jungen zu quälen, so wie sie sich auch mit dem Küchenjungen amüsiert hatte. Stephan ging zum Bett und legte zwei Finger auf den Puls des Burschen. Er schlug sehr unregelmäßig.

Beunruhigt hob er den Jungen auf die Arme. »Rezentrov!«, rief er. Der Burgverwalter war ihm furchtsam nachgegangen und spähte durch die Tür ins Zimmer. »Bring ihn in die Küche!«, befahl Stephan. »Verbinde seine Wunden, gib ihm etwas Wein zu trinken und versuch, ihn dazu zu bringen, etwas zu essen! Ich komme gleich hinunter.« Stephan legte den jungen Mann auf den Gang vor der Tür und schloss sie hinter sich. Dann wandte er sich Asharti zu.

Sie beobachtete ihn mit einem Lächeln um ihre Mundwinkel und unter den Decken zusammengerollt wie eine Katze.

»Was glaubst du eigentlich, was du tust?«, fuhr er sie an.

»Mir die Zeit vertreiben.« Keine Spur von Reue, nicht einmal die Erkenntnis ihrer Sünde lag in ihrer Haltung oder ihrer Stimme.

Stephan ballte die Hände zu Fäusten. »Du wirst die Dienerschaft nicht anrühren und dich schon gar nicht an ihnen stärken! Das hatte ich dir ausdrücklich verboten. Versorge ich dich etwa nicht? Erst gestern habe ich dich und Beatrix auf Nahrungssuche mitgenommen. Und niemand ist dabei zu Schaden gekommen«, fügte er nachdrücklich hinzu.

»Du versorgst mich, so gut du kannst, Stephan.« Sie blickte unter halb gesenkten Wimpern zu ihm auf. »Nur haben einige von uns größeren Appetit als andere.«

»Du hättest ihn umbringen können – und den Küchenjungen auch!«

»Was kümmert mich das?«, versetzte sie und kuschelte sich noch tiefer in die Decken.

»Die Regeln sind …«

»Veraltete Vorstellungen für alte Männer. Du wirst doch wohl nicht einer von ihnen sein?«, entgegnete sie mit einer Impertinenz, die die gespielte Besorgnis ihrer Stimme nicht verbergen konnte. »Ich dachte, du wolltest diese Regeln widerlegen.«

»Die irrigen, ja. Aber du weißt so gut wie ich, dass nur unsere Diskretion uns unsere Anonymität bewahrt. Diese Anonymität verhindert Krieg zwischen Menschen und Vampiren. Sie erhält das Gleichgewicht. Von Moral werde ich erst gar nicht reden, da ich sicher bin, dass ich damit nichts bei dir erreichen werde. Doch es ist unmoralisch, mit Menschen zu spielen.«

»Wie unsicher du bist, Stephan! Sie sind nichts, und wir sind mächtig. Wir können uns alles nehmen.«

Er schöpfte tief Atem. Er durfte nicht den Glauben daran verlieren, dass er ihr diese … Härte nehmen konnte, die sie so gleichgültig gegenüber Leiden anderer machte. »Nehmen ist nicht der Weg zur Zufriedenheit, Asharti.«

Sie verengte die Augen. »Nehmen ist der Weg der Welt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Niemand wird mir je wieder etwas nehmen, Stephan. Jetzt bin ich diejenige, die nimmt.«

Er bestritt gar nicht, dass sie gelitten hatte. Aber sie durfte diese Erfahrung nicht in einen Zwang verwandeln, anderen Schmerzen zu bereiten, wie sie ihr einst zugefügt worden waren. Ließ der Teufelskreis sich noch durchbrechen?

»Und du bist auch nicht besser«, fügte sie hinzu, und er konnte sehen, wie ihre Augen sich vor Gehässigkeit verengten. »Von mir nimmst du nur, während du Beatrix schier vergötterst. Von ihr willst du Liebe. Und von mir? Nur Fleischeslust. Doch da ich daran gewöhnt bin, dazu benutzt zu werden, klappt das doch ganz gut, nicht wahr?«

»Nein, Asharti. So ist das nicht.« Aber so war es eben doch. Sie hatte recht damit, dass er Beatrix liebte. Vielleicht wollte er auch Asharti lieben, doch wie sollte das möglich sein, wenn er so klar und deutlich die zunehmende Finsternis in ihrer Seele sehen konnte?

Sie lachte – dieses kehlige, etwas heisere Lachen. »Belüg dich selbst, Stephan, aber nicht mich!«

Sich selbst zu belügen war etwas, wozu er sich niemals würde überwinden können. Es war seine Schuld, seine Verantwortung, dass Asharti durchgedreht war, das Böse verbreitet und auf der ganzen Welt Vampire geschaffen hatte, von einem hemmungslosen Streben nach Macht getrieben, damit niemand ihr je wieder wehtun konnte. Er hatte sie nicht getötet, nicht einmal, als er erkannt hatte, was sie war. Er hatte sie zweimal verschont, einmal in Transsylvanien und einmal in einer Pariser Kathedrale. Daher war er doppelt gestraft mit der Schuld für ihre Sünden. Wenn er Glück hatte, konnte er es wiedergutmachen und Frieden erlangen, indem er das Enthaltsamkeitsgelübde auf Mirso ablegte. Wenn nicht, würden die Höllenqualen, die seine Schuldgefühle ihm bereiteten, auf ewig weitergehen.

Stephan lenkte sein Pferd auf den Hof vor der Dorfschenke von Cheddar Gorge. Es regnete in Strömen, und Pferd und Reiter waren so durchnässt, dass das Fell des Tieres in der kühlen Nachtluft dampfte. Stephan saß ab und übergab die Zügel dem Stallknecht, der aus dem Vorbau geeilt kam. Dann schnallte er die Reisetasche vom Sattel ab und ging, fest entschlossen, seiner Müdigkeit nicht nachzugeben, auf den Gasthof zu.

Die Gespräche verstummten, als er die Tür öffnete und im Eingang den Matsch von seinen Stiefeln stampfte und sein nasses Haar ausschüttelte. Beim Aufblicken sah er, wie die einheimischen Männer und Frauen ihn anstarrten. Aus den Bierkrügen in den Händen der Serviermädchen tropfte Schaum auf die blank gescheuerten Dielenbretter. Stephan ließ seinen Blick über die gaffenden Gäste gleiten, woraufhin alle schnell wegschauten. Der Wirt räusperte sich und trat vor, dabei rieb er sich nervös die Hände. Das Gespräch wurde leise wieder aufgenommen, aber die Stimmen klangen irgendwie befangener als zuvor.

»Was kann ich für Sie tun, Sir?« Der Mann hatte lockiges graues Haar, das ihm bis über die Ohren hing.

»Ich brauche ein Zimmer«, sagte Stephan. »Und ein warmes Essen.«

»Ja, ja, natürlich. Molly, begleite den Herrn zu dem Zimmer, das Mr. van Helsing geräumt hat.« Er winkte einem ungepflegt aussehenden, schielenden Mädchen.

»Das ist nicht nötig. Lassen Sie nur meine Tasche hinaufbringen.« Stephan gab sie der jungen Frau und knöpfte seinen Umhang auf.

»Und wo möchten Sie essen?«

»In diesem Nebenraum dort.« Stephan deutete mit dem Kopf auf eine Tür, als er seinen Umhang ablegte.

»Sehr wohl, Sir.« Der Wirt erkannte offenbar die Qualität des Umhangstoffes oder den Schnitt des Rocks darunter. Vielleicht war es aber auch der goldene Siegelring, den Stephan trug. »Ich schicke Ihnen gleich Molly, damit sie Holz nachlegt. Möchten Sie ein heißes Bier gegen die Kälte?«

»Brandy«, sagte Stephan knapp und ging zu dem ruhigen Nebenraum hinüber. Er saß schon vor dem Kamin, als das Mädchen kam und das Feuer schürte. Ein Junge von ungefähr zwölf Jahren brachte unter höflichen Verbeugungen den Brandy. Die Gäste im Schankraum unterhielten sich schon wieder sehr viel ungenierter, nachdem Stephan sich ins Nebenzimmer zurückgezogen hatte. Sie konnten ja nicht wissen, wie deutlich er sie trotzdem hörte.

Er bestellte ein Hirschsteak und Röstkartoffeln, die der Wirt ihm empfohlen hatte. Der Brandy wärmte ihn, und so lehnte er sich bequem zurück, um zuzuhören. Doch entgegen seiner Annahme, dass das allgemeine Gesprächsthema die »Influenza«-Epidemie sein würde, beschäftigte die Dorfbewohner etwas völlig anderes.

»Der junge Van Helsing scheint voranzukommen«, bemerkte ein Mann amüsiert.

»Er hat’s schon bis unter ihr Dach geschafft«, stimmte ein anderer zu. »Das nenn ich einen Fortschritt.«

»Von mir aus kann er die da oben gern haben«, sagte eine Frau und brach in gackerndes Gelächter aus.

»Glaubt ihr, er weiß, was sie ist?«, fragte der erste Mann.

»Denkst du, das interessiert ihn? Ihm geht’s ums Geld, Frau, nur ums Geld.«

»Ich würd mit keiner Hexe herumspielen«, sagte sie.

»Sie ist keine Hexe, sondern einfach nur ein verrücktes Frauenzimmer. Es sind ihre Augen und das weiße Haar, weswegen du sie für eine Hexe hältst. Aber das ist … Aberglaube, mehr nicht.«

»Ach, ja? Und was ist damit, dass sie Dinge weiß, die sie nicht wissen kann?«, versetzte die Frau scharf. »Das ist Hexenkram. Ich würde so eine nicht zur Ehefrau haben wollen.«

»Ich schon«, rief der Mann, der zuerst gesprochen hatte, lachend, »wenn ich all ihr Land und Geld dazubekäme. Der Ehemann wird alles kriegen. Und wenn er’s erst mal hat, dann braucht er sie bloß noch einweisen zu lassen.«

»Die hätte man schon vor langer Zeit einsperren sollen! Dann wären wir alle sicherer.«

Der Wirt servierte Stephans Essen höchstpersönlich. Das Klappern des Geschirrs übertönte für einen Moment das Gespräch im Schankraum. Als der Wirt sich unter Verbeugungen zurückzog, schloss Stephan jedoch die nahe Unterhaltung aus seinem Bewusstsein aus und horchte auf andere, schwächere Gespräche, die aber immer noch recht gut verständlich waren. Zwei Männer sprachen über Kühe. Jemand erzählte, dass der Kaplan in Winscombe heiraten würde.

Und dann: »Den Knecht meines Cousins drüben in Shipham hat’s erwischt. Er hat sich diese Influenza eingefangen und kommt einfach nicht mehr auf die Beine.«

Das könnte sich als interessant erweisen, dachte Stephan.

»Whisky mit Zitrone, sag ich immer.«

»Jetzt liegt auch noch seine Schwester flach. Ein paar fiese Stiche hat sie hier oben am Nacken. Der Doktor sagt, sie wären von Insekten, aber für mich sehen sie mehr nach Rattenbissen aus.«

»Ich hab noch nie gehört, dass Influenza von Rattenbissen ausgelöst wird«, wandte jemand anders ein.

Eine kurze Pause entstand. »Könnte es sein, dass wir hier … von der Plage sprechen?«, flüsterte der erste Mann.

Stephan wusste, dass es sich nicht um Influenza handelte. Und es waren auch keine Insekten oder Ratten, was die Leute krank machte. Aber eine »Plage« könnte man es sehr wohl nennen. Er befand sich auf der richtigen Spur. Kilkennys Vampire hielten sich irgendwo hier auf. Sie benötigten einen abgeschiedenen Ort, und angesichts der Anzahl der Erkrankten musste sich mehr als ein Vampir hier herumtreiben. Drei oder vier vielleicht. Stephan aß mechanisch, ohne auch nur einen Bissen zu genießen. Er hatte schon lange keine Freude mehr am Essen; durch seine furchtbare Aufgabe war es zu einer bloßen Notwendigkeit geworden, sich mit Nahrung zu versorgen.

Vier Gegnern würde er vielleicht nicht gewachsen sein. Aber wenn er versuchte, sie sich einen nach dem anderen vorzunehmen, würden die anderen sich beim ersten Toten trennen, und er, Stephan, hätte seine Chance vertan. Nein. Er hatte keine Wahl. Er musste sie zusammen erwischen. Doch zunächst einmal musste er sie finden.

Leer stehende Häuser. Oder … war diese Gegend nicht bekannt für ihre Höhlen? Kein gemütlicher Aufenthaltsort, aber wer wusste schon, wie primitiv diese Vampire waren? Vielleicht gefielen ihnen ja Höhlen. Stephan schob seinen Teller zurück und stand auf. Morgen würde er einen Grundstücksmakler aufsuchen und sich nach leer stehenden Häusern in der Gegend erkundigen. Am frühen Abend könnte er sich die angebotenen Objekte zeigen lassen und danach bis in die frühen Morgenstunden die Höhlen durchforsten.

Eigentlich hatte er auch heute Nacht noch Zeit dazu. Der Stallknecht würde ihm etwas über Höhlen sagen können. Und unter geistigem Zwang würde der Bursche auf jeden Fall reden, ob er wollte oder nicht. Die Vampire würden heute Nacht auf der Jagd sein, doch Stephan würde ihren Unterschlupf erkennen, falls er ihn entdeckte. Vielleicht war es das Beste, ihn zu finden, solange sie sich dort nicht aufhielten. Und wenn sie dann vor Tagesanbruch zurückkamen, würde er sie schon erwarten …

Stephan verdrängte seine Müdigkeit nach dem langen Ritt. Es wurde Zeit, sich auf die Jagd zu machen, solange noch acht Stunden Dunkelheit vor ihm lagen.

3. Kapitel

Mit wild pochendem Herzen ging Ann in ihrem einstigen Kinderzimmer auf und ab. Sie konnte dem Onkel sein Verhalten nicht übel nehmen. Er versuchte nur, für ihre Zukunft vorzusorgen, so unangebracht seine Bemühungen auch waren. Aber ihrem Cousin konnte sie sehr wohl böse sein. Van Helsing konnte sie nicht lieben, es war unmöglich. Sie hatte ihn weniger als ein halbes Dutzend Mal gesehen. Deshalb ließ sein Verhalten eigentlich nur den Schluss zu, dass er wollte, was sie besaß, aber nicht sie selbst. Wahrscheinlich wusste er von dem Geld, das ihr Vater für sie angelegt hatte. Sie hatte zwölftausend Pfund Einkünfte im Jahr und keine Hypotheken auf ihrem Besitz. Die Tatsache, dass sie und ihr Onkel relativ bescheiden lebten, bedeutete nur, dass die Ländereien und die Häuser ihrer Pächter alle gut in Schuss waren und der größte Teil des Einkommens daher wieder in die Fonds zurückfloss. Hinzu kam, dass sie nicht unattraktiv war, wenn man darüber hinwegsehen konnte, dass sie den Eindruck machte, nicht ganz mit dieser Welt verbunden zu sein. Oder über ihre Augen. Doch ihre äußere Erscheinung war höchstens noch ein zusätzliches Plus, aber sie verriet nicht, wer und was sie war. Es waren ihre Augen, die ihr Wesen am deutlichsten erkennen ließen. Vermutlich war das auch der Grund, warum Van Helsing nur sehr ungern ihren Blick erwiderte.

Aber all das spielte keine Rolle, weil sie ohnehin nicht heiraten konnte. Sie konnte andere Menschen ja nicht einmal berühren, geschweige denn einen Ehemann nehmen. Und ihr Onkel glaubte doch wohl nicht, dass Van Helsing sich mit einer Ehe ohne eheliche Beziehungen zufriedengeben würde! Morgen würde sie mit ihrem Onkel reden und dafür sorgen, dass er ihren Cousin wegschickte, ob das nun von guten Manieren zeugte oder nicht.

Ann rang nach Atem, als sie plötzlich merkte, dass sie keuchte. Sie fühlte sich auf einmal völlig außer Kontrolle, so verrückt, wie sie von jedermann gehalten wurde. Dagegen gab es nur ein Mittel, und das war Ruhe.

Sie ergriff ein wollenes Umschlagetuch und eine Kerze und trat vor den reich verzierten Kamin. Langsam ließ sie ihre Hand über die kunstvolle Schnitzerei an dem Holzpaneel auf der rechten Seite gleiten, worauf es leise klickte und sich lautlos öffnete. Ann atmete schon etwas leichter, als sie die Dunkelheit dahinter sah. Hier war das Gegenmittel gegen das fürchterliche Abendessen und Van Helsings Gespräch mit ihrem Onkel. Geduckt betrat sie den düsteren Gang, den sie so gut kannte. Auf Zehenspitzen schlich sie die alte Steintreppe hinunter und achtete darauf, weder die Wände des schmalen Ganges noch die Eingänge zu verschiedenen anderen Räumen Maitlands’, an denen sie vorbeikam, zu berühren. Niemand benutzte diesen Gang noch, und niemand außer ihr wusste davon. Schließlich ebnete sich der Boden, und ein steinerner Rundbogen mit einem ausgezackten Muster romanischen Stils kennzeichnete das Ende des Tunnels.

Ann trat in die schier grenzenlose Steinkrypta hinaus, die sich unter der ursprünglichen Abtei befand. Der Geruch von altem Gestein, feuchter Erde und dem Staub von Jahrhunderten hüllte sie ein. Ihre kleine Kerze vermochte die Dunkelheit kaum zu durchdringen. Die nächstgelegenen Rundbögen, die die Decke stützten, erhoben sich direkt vor ihr. Schon als kleines Mädchen hatte sie jede Ecke dieses verborgenen Heiligtums erforscht. Daher wusste sie, dass ihr Licht, wenn es weit genug reichte, die steinernen Särge mit in den Deckel geschnitzten Ahnenfiguren offenbaren würde, die die Mauern säumten, und auch die Seitenkapellen, in denen die Wände eingebrochen waren und dicke Brocken feuchten Lehms den Fußboden bedeckten. Mehrere große Kamine befanden sich an den Wänden. Ann hatte keine Ahnung, ob sie sich zum Heizen dort befanden oder einmal einem unheilvolleren Zweck gedient haben mochten. In den beiden kleinen, intakt gebliebenen Kapellen standen Altäre und reich verzierte Becken zum Einsalben der Toten. Doch nichts hier konnte ihr Angst einjagen.

Dies war ihr geheimer Zufluchtsort. Die bei der Einnahme durch Heinrich VIII. zerstörten Bögen der Abtei über ihr waren gotisch, weil sie jüngeren Datums als die Krypta waren. Die Mauern, die oben noch standen, waren immer noch mit dem Teil von Maitlands Abbey verbunden, der bewohnt war wie zur stummen Erinnerung daran, dass alles auf dieser Erde vergänglich war. Die Brockweirs hatten es nicht nötig, eine gotische Narretei auf dem Besitz zu errichten, um Schwermut und Gedanken an die Vergänglichkeit der Zeit heraufzubeschwören. Das Gebäude hatte seine eigenen Ruinen. Der unversehrte Teil war viele Male verändert und das gotische Gemäuer komfortabler gestaltet worden von nachfolgenden Generationen, die die Krypta unter den Ruinen mit der Zeit vergaßen. Ann hatte sie nur des versteckten Ganges wegen gefunden.

Ihre Schritte hallten durch den großen Raum, als sie zu der Treppe hinüberging, die zu einem weiteren schmalen Tunnel führte. Nun kroch sie unter dem Boskettgarten auf den verwilderteren Teil des Besitzes zu. Nach einer kleinen Ewigkeit, wie es ihr schien, sah sie die Stufen, die zu der Steintür in dem Monument hinaufführten, das sich hinter den gepflegten Gärten auf der anderen Seite der Wiese und dicht am Wald erhob. Sie stieg die Stufen hinauf und drückte gegen die Tür, die nicht einmal in den Angeln quietschte und sich so mühelos öffnete, als wäre sie neu und nicht mehrere Hundert Jahre alt. Ann trat in die Nacht hinaus. Die Sterne strahlten heller nach dem Regen, und zwischen all den anderen Konstellationen konnte sie klar die Milchstraße erkennen.

Ruhe. Wie konnte man keine Ruhe angesichts solch unerschütterlicher Grenzenlosigkeit verspüren? Ann blickte sich zu den leblosen steinernen Männern in langen Roben um, die über ihr aufragten. Waren sie Priester? Die Inschrift auf dem Denkmal war von der Zeit und den Elementen schon lange ausgelöscht worden. Die Tür zu dem Geheimgang befand sich im Sockel ihrer Statuen. Sie verstanden Grenzenlosigkeit. Aber Ann streckte nicht die Hand aus, um sie zu berühren, weil die Skulpturen von menschlichen Händen geschaffen worden waren und sie keine fremden Erinnerungen in sich heraufbeschwören wollte.

Stattdessen wandte sie sich dem Wald zu und stieg die Anhöhe zu der Schlucht hinauf. Sie war voller Bäume und Steine, die noch nie berührt worden waren. Bäume bewahrten nur den Verlauf der Jahreszeiten in sich, die gelegentlichen Erschütterungen durch Sturm oder Feuer, doch keine Emotion, keinen Verrat, keinen Kummer oder Ärger. Ann glaubte, eine gewisse … Befriedigung in Bäumen zu verspüren, eine fast unmerkliche Freude an ihrem Dasein und ihrem Wachstum. Aber ihr Lieblingsplatz lag höher oben, verborgen zwischen dem Gestein über dem Fluss. Ein steinerner Zufluchtsort, denn das Gestein von Höhlen war sogar noch ruhiger als Bäume.

Mit entschlossenen Schritten durchquerte Ann den Wald.

Auch Stephan schritt durch den Wald hinter der Ortschaft auf die Schlucht zu, die wie ein glatter Schnitt durch die Mendip Hills verlief. Sie waren eigentlich mehr als Hügel, und die Straße, die dem Verlauf der Schlucht folgte, stieg steil an. Das Beste war, sich von der Straße fernzuhalten, soweit es möglich war, und deshalb schlug er den Weg zwischen den Bäumen hindurch ein. Anders als zu Hause in Transsylvanien bestand der Wald hier aus Laub- und Nadelbäumen. Es war eine fast stockdunkle Nacht, kein Mond stand am Himmel, und Schatten aus tiefem und noch tieferem Schwarz waren das Einzige, was auf das Vorhandensein von Bäumen und Felsen hinwies. Aber Stephan bewegte sich mit sicheren Schritten durch das Labyrinth, denn die Nacht war seine Zeit. Die Luft hier war erfüllt vom Geruch verfaulender Blätter und von dem frischen, würzigeren von Tannennadeln.

Der Pferdeknecht hatte gesagt, die Hügel seien voller Höhlen, die meisten allerdings ohne Zugang von der Außenseite. Das klang nicht sehr vielversprechend. Aber es gab auch eine größere Höhle, die vor langer Zeit entdeckt worden war, mit vielen Abzweigungen und Nebengängen. Dort wollte Stephan beginnen. Mit grimmiger Entschlossenheit bahnte er sich einen Weg durchs Unterholz und versuchte, nicht an die grausige Aufgabe zu denken, die vor ihm lag. Sie war der Preis. Der Preis, den er so schnell wie möglich zahlen wollte, um seine Vergehen wiedergutzumachen. Asharti war sein Fehler, ihre Verbrechen konnte er nur sich selbst anlasten. Vielleicht hätte er sie zum Guten bekehren können, wenn seine Liebe zu Beatrix nicht gewesen wäre.

Beatrix … Eine Zeit lang hatte er gedacht, sie erwidere seine tiefen Gefühle, und hatte begonnen, das Leben als mehr als nur eine endlose Serie ermüdender Begegnungen mit menschlicher Gier und Grausamkeit zu sehen. Er hatte festgestellt, dass die Welt noch Möglichkeiten bot, wenn er sie durch Beatrix’ junge Augen sah. Aber dann kam die Stunde der Erkenntnis …

Burg Sincai,
in den Bergen Transsylvaniens,
1105

In der Dunkelheit des Stalles, zwischen den Tieren überall um ihn herum, öffnete Stephan die Augen, als Beatrix auf ihn zukam. Der angenehme Geruch frisch gemähten Heus vermischte sich mit dem kräftigeren von Pferden – und einem Hauch des moschusartigen Duftes ihrer leidenschaftlichen Umarmungen in dem Stall. Als er sich aufsetzte, rutschte ihm die Decke bis zur Taille herunter und entblößte seine nackte Brust. Wann hatte Beatrix ihn allein gelassen? Er musste in einen erschöpften Schlaf gefallen sein. Sein Magen verkrampfte sich vor Kummer. Beatrix dachte, er empfände keine Liebe für sie, weil er versucht hatte, auch Asharti zu lieben. Und Asharti hasste ihn, weil sie im Grunde ihres Herzens wusste, dass er nur Beatrix liebte. Dass er nun auch mit Beatrix schlief, hatte ihren Schmerz nicht mildern können.

Es gab keinen vernünftigen Ausweg aus diesem verworrenen Experiment, auf das er sich eingelassen hatte, und nun würde Beatrix ihn verlassen. Asharti auch. Bei ihr kümmerte es ihn herzlich wenig, doch Beatrix lag ihm eben sehr am Herzen. Er blickte in ihre dunklen, unschuldigen Augen, die Schmerz, aber auch Entschlossenheit verrieten.

Und da kam sie ihm – die Erkenntnis, die mit ätzender Tinte die Geschichte einer öden, leeren Zukunft in sein Herz schrieb: Beatrix würde ganz gewiss fortgehen. Sie war unschuldig und naiv genug, um ihn zu lieben, da ihre Sicht der Welt begrenzt war und er ihre Vorstellungen von Liebe erfüllen konnte. Doch die erste Liebe war fast nie von Dauer. Beatrix war über ihn hinausgewachsen.

Jetzt stand sie in der Tür und nahm all ihren Mut zusammen, um es ihm zu sagen. Sie wusste noch nicht, dass ihre Liebe zu ihm enden musste, auch wenn er selbst nie aufhören würde, sie zu lieben. »Wir gehen fort, Stephan. Beide. Ich bin nur gekommen, um es dir zu sagen.«

Er nickte. »Ich verstehe.« Er hielt sich ganz steif, um sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen. Es gab noch Hoffnung auf Frieden in ihrem Herzen, wenn auch nicht in seinem. Er musste versuchen, ihr zu diesem Frieden zu verhelfen. »Du wirst mich noch hassen, bevor du mir verzeihst. Zumindest hoffe ich, dass du mir vergeben kannst. Aber sieh zu, dass du zuerst dir selbst verzeihst.«

»Sie hat sich nichts zu verzeihen«, ertönte Ashartis scharfe Stimme hinter ihnen. Beatrix drehte sich abrupt zu ihr herum. Asharti trug schon Reisekleidung.

»Hast du mir nicht zugetraut, ihm Lebewohl zu sagen?«, fragte Beatrix.

»Ich traue ihm nicht, Schwester.« Sie deutete auf Stephan. »Lass uns gehen.«

»Sei dein eigener Herr, Beatrix!«, flüsterte Stephan. »Und solltest du mich brauchen, komme ich.«

»Sie wird dich nicht brauchen«, höhnte Asharti. »Ich werde sie alles lehren, was sie wissen muss.«

Beatrix stand da wie gelähmt und starrte ihn an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Nun komm schon, Schwester!«, fuhr Asharti sie an. Langsam wandte sich Beatrix ab.

Stephan wollte sie aufhalten, doch was hätte das genutzt? Sie liebte ihn nicht, und er hatte kein Recht, sie anzuflehen, es zu tun. Er war alt und verdorben, während sie jung und frisch war, mit tausend Lebenszeiten vor sich, um die Liebe zu erfahren, die sie ihm nicht schenken konnte.

Asharti streckte die Hand aus. Ihre Augen röteten sich schon. Beatrix ging zu ihr, und Asharti griff nach ihrem Handgelenk. Beatrix machte einen tiefen Atemzug, und Stephan konnte sehen, dass sie ihren Gefährten rief. Galle stieg in seiner Kehle auf. Er hatte kein Recht, Beatrix mit seiner Liebe zu beschmutzen. Sie war über ihn hinausgewachsen.

Eine unruhige Dunkelheit verhüllte die beiden jungen Frauen – und dann waren sie auch schon verschwunden.

Stephan blickte sich um, nicht sicher, wo er war oder wie er hierhergekommen war. Die Lichter des Dorfes blinkten durch die Bäume unter ihm. Liebe war nichts für ihn. Wie lange hatte er Beatrix geliebt? Siebenhundert Jahre? Mehr oder weniger. Noch lange, nachdem sie ihn vergessen hatte. Und vor elf Jahren hatte er Asharti für ihr Verbrechen, durch Napoleon die Weltherrschaft an sich reißen zu wollen, nicht bestraft, weil Beatrix ihn darum gebeten hatte. Aber ohne es zu wollen, hatte er Asharti ausgerechnet an den einen Ort verbannt, an dem sie die Macht hatte erlangen können, nach der sie von Anfang an gestrebt hatte. Das war sein Verbrechen. In ihrem Exil hatte sie eine Armee von Vampiren erschaffen und ganz Nordafrika eingenommen. Es war pures Glück gewesen, dass sie aufgehalten wurde, bevor sie die Welt regieren und Menschen in Vieh verwandeln konnte, das allein seines Blutes wegen gezüchtet wurde.

Jetzt konnte er seine Verbrechen vielleicht endlich sühnen. Stephan hatte eine umfassende Ausbildung erhalten, um Rubius’ Mordbube zu werden. Und er würde Ashartis Hinterlassenschaften beseitigen, so gut er konnte. Vielleicht würde er dabei sterben. Aber das kümmerte ihn nicht – bis auf die Tatsache, dass durch sein Scheitern die Welt mit erschaffenen Vampiren infiziert würde, die wiederum andere erschufen, bis keine Menschen mehr blieben, um den Durst eines Vampirs zu stillen. Wenn er seine Aufgabe jedoch erfüllte …

Der Schrei einer Frau zerriss die stille Nacht. Er kam ganz aus der Nähe. Stephan wusste, was einen solchen Schrei auslöste, und schlüpfte daher schnell zwischen den Bäumen hindurch, dorthin, wo das Geräusch entstanden war.

Es war fast noch eine Meile bis zu ihrer Höhle. Ann bewegte sich durch die Dunkelheit, so schnell sie konnte. Dieser Teil des Weges wand sich hinter dem Dorf den Berg hinauf. Die Lichter der Schenke lagen direkt unter ihr. Aber sie war nie ängstlich nachts allein im Wald. Schon lange nicht mehr. Die Dorfbewohner machten einen großen Bogen um sie, es gab keine Wölfe so weit südlich, und herumhuschende kleine Tiere schreckten sie nicht. Sie hatte weit mehr zu befürchten als ein Kaninchen oder einen Rehbock.

Deshalb bemerkte sie auch kaum das leise Rascheln in den Büschen neben dem Pfad, bis sie um eine Ecke bog – und dort wie angewurzelt stehen blieb. Eine Frau in Bauernrock und Bluse lag ausgestreckt auf dem mit nassem Laub bedeckten Waldboden. Ihre Brust unter der aufgerissenen Bluse war weiß wie Schnee und bebte unter ihren schweren Atemzügen. Eine Gestalt kauerte über ihr, das Gesicht an ihren Hals gepresst. Von der Körpergröße her musste es sich dabei um einen Mann handeln. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Ann, die beiden bei einem Schäferstündchen gestört zu haben, doch irgendetwas an den starren Augen der Frau und ihren merkwürdig verdrehten Gliedern deutete darauf hin, dass hier etwas weit weniger Natürliches im Gange war.

Und dann hob der Mann den Kopf.

Ann keuchte. Seine Augen … glühten! Es war kein Lichtreflex, denn wo sollte in einer solch dunklen Nacht die Quelle sein? Der Mann hatte rote Augen, und seine Eckzähne waren unnatürlich lang und spitz. Etwas Dunkles tropfte aus seinem Mund. Ann erkannte plötzlich den Geruch von Blut und schlug sich in sprachlosem Entsetzen eine Hand vor den Mund.

Der Mann sprang auf und stürzte auf sie zu. Jetzt schrie Ann doch auf. Sie durfte sich nicht von einer solchen Kreatur berühren lassen! Würgende Angst stieg in ihr auf. Sie fuhr herum und rannte los, wobei sie spüren konnte, wie er nach ihr griff. Die Röcke mit einer Hand gerafft, hetzte sie den Pfad hinunter und betete zu Gott, dass sie nicht fallen möge. Sie konnte den Mann hinter sich hören und seinen Atem fühlen. Es war, als vibrierte er in der Luft um sie herum, als trommelte er zusammen mit der Furcht in ihrer Brust. Dann hörte sie ein Knurren und einen dumpfen Schlag. In dem Moment verfing sich ihr Fuß in einer Baumwurzel. Ann stürzte und sah sich noch im Fallen zu dem erwarteten Angreifer um.

Da war niemand … aber in einiger Entfernung hinter ihr rappelten sich zwei Männer vom Boden auf und blieben, halb angriffslustig, halb verteidigend, in gebückter Haltung voreinander stehen. Einer war der Mann, den sie gesehen hatte. Seine Augen waren nicht mehr rot, und auch seine Zähne wirkten wieder ganz normal, als er mit einem knurrenden Geräusch die Lippen zurückzog. Seine Haut war blass, sein Haar von einem hellen Braun und glatt. Er war schlank und hatte kaum Muskeln an den Unterarmen, die unter seinen aufgerollten Hemdsärmeln zu sehen waren. Trotzdem war er ein Monster, das seinen Gegner anzischte wie eine Schlange.

Woher war der zweite Mann gekommen? Er musste die Bestie, die sie verfolgt hatte, angegriffen haben. Als der Mann sich jetzt aufrichtete, sah Ann, dass er groß und breitschultrig war und eine dichte Mähne schulterlanger schwarzer Haare hatte. Er war gut gekleidet. Seine Augen waren wie schwarze Kohlen in der Dunkelheit, doch zumindest waren sie nicht rot. Ein Teil von Ann fand ihn ausgesprochen gut aussehend, klassisch schön vielleicht sogar auf den ersten Blick – aber dann musste sie ihre Einschätzung ein wenig revidieren. Er hatte hohe Wangenknochen, eine etwas zu große Nase unter einer breiten Stirn, und seine Lippen … Ah, Lippen sagten viel über einen Mann aus. Seine waren voll und sinnlich, jetzt jedoch zu einem grimmigen Strich verzogen. Die tiefen Furchen rechts und links von ihnen bewahrten sein Gesicht davor, wirklich von der Art zu sein, die man an Statuen sah. All das war aber nur ein Eindruck, den Ann in einem kurzen Moment der Angst und der Erleichterung erhielt.

»Was wollen Sie?«, fauchte der Angreifer den hochgewachsenen Mann an.

»Das weißt du.« Die Stimme ihres Retters klang wie ein tiefes Rumpeln in seiner breiten Brust. Er sprach mit einem ...

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