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Blutorangen

Informationen zum Buch

»Verena Boos verbindet großes Erzähltalent mit historischer Präzision.« Jan Brandt

Für die junge Spanierin Maite ist das Studium in München vor allem eine Chance, ihrem konservativen Elternhaus zu entfliehen. Ihre Heimat Valencia, berühmt für den Handel mit makellosen Orangen, wird ihr allmählich fremd. Sie verliebt sich in Carlos, der aus einer deutsch-spanischen Familie stammt, und befreundet sich mit seinem Großvater Antonio. Der alte Emigrant berichtet von nie gehörten Ereignissen und erzählt doch nicht alles. Eines Tages wird aus der Zuhörerin eine Fragerin: Wie gelangte ihr Vater in eine deutsche Uniform?

»Verena Boos verknüpft deutsche und spanische Geschichte über einen Zeitraum von achtzig Jahren hinweg, mit Eindringlichkeit und narrativer Vielfalt. Der Leser hält einen erstaunlichen und höchst lesenswerten Debütroman in den Händen, der mit einer enormen Stoffvielfalt aufwartet, wie man sie nur von großen Romanciers kennt.« Thomas Lehr

Empathy is, first of all, an act of imagination, a storyteller’s art.

Rebecca Solnit

I. DIE LAGEN DES LANDES

Null

August 2004

Sieben liegen da. Gleich holt man sie raus.

Es wird still. Es wäre Zeit, Pause zu machen. Jetzt steigen die Archäologen mit ihren Pappkartons hinab, und dann ist die Grube wieder leer.

Auch für sie kommt etwas zu einem Abschluss. Sie ist ganz ruhig. Sie geht in die Hocke und lauscht der eigenen Erschöpfung. Der Himmel so groß, das Land so mächtig. Der Blick geht über die spröde Landschaft, sie sieht den Boden stauben und fühlt die Sonne brennen, hört, wie die Zeit versiegt.

Ein Strauß Nelken liegt mit einem Foto am Grund der Grube. Als die erste Kiste hochgetragen wird, stimmt jemand ein Lied an, die Leute fallen nach und nach ein, ihr Gesang geleitet die Toten zurück ins Leben. Dieser Moment ist das Auge eines Zeitwirbels, der vom Urknall bis ans Ende aller Tage reicht. Diese fünfundsechzig Jahre, in denen die Mörder das Unrecht in Kraft hielten, werden nicht mehr sein als eine Erschütterung, ein Beben im Antlitz der Erde.

Das Telefon in ihrer Hosentasche vibriert. Sie tastet durch den Stoff und drückt den Anruf weg.

Sie hat sich nicht in das Gästebuch eingetragen, das auf einem klapprigen Tisch ausliegt, sich nicht auf Video aufnehmen lassen. Sie muss andere Worte finden, an einem anderen Ort. Wenn sie hier fertig sind, ruft sie an. Vielleicht ist sie willkommen, sitzt heute Abend mit ihnen am Tisch, findet Worte.

Das Telefon vibriert sofort wieder. Sie richtet sich auf und bewegt sich in den Schatten der Steineiche, erkennt erst dort die Nummer ihrer Eltern in Valencia. Sie zögert zu lange. Sie erinnert sich kaum an ihre Stimmen. Sie geht zurück zur Grube und wundert sich, woher sie ihre Nummer haben.

Wenn sie sie zu Hause fragen, was sie hier gemacht habe, sie würde sagen, wir haben eure Toten ausgegraben. Das Leben gefeiert, derer, die hier liegen, und das der anderen, die weitergelebt haben. Sie hat sich hier die Hände schmutzig gemacht und endlich ihre Schuldigkeit getan. Es wird Zeit, dass sie den Boden bestellt, ihr eigenes Haus baut. Er soll seine Schuld selbst tragen. Sie hat das Gefühl, durchlässiger geworden zu sein. Die Verhärtungen sind aufgebrochen, eine Knochenarbeit, wahrscheinlich ist sie deshalb so müde. Sie ist ein Teil dieser Geschichte. Ist durch sie hindurchgegangen.

Es vibriert ein drittes Mal. Sie entfernt sich von den Lebenden und von den Toten. Unter der Steineiche nimmt sie das Gespräch an. Sie lehnt im Schatten am Stamm, massiert ihren wetterfühligen Knöchel und sieht, wie der tätowierte Schmetterling zur Stimme ihrer Schwester mit den Flügeln schlägt.

Ist ein schlechter Moment.

Die Stimme in der Leitung überschlägt sich, von Tränen erstickt und dennoch schneidend: Bei dir ist es immer schlecht. Aber es geht im Leben nicht nur nach dir, Arschloch!

Ihre Schwester hat ihr Vokabular erweitert, sie wildert im fremden Revier.

Und dann weiß sie es.

Sie sieht ihre Hand, ein Nagel ist eingerissen. Sie hat sich die Hände schmutzig gemacht, und es ist alles zu spät. Der Wind zerrt an den Blumen, wirbelt Staub auf, fährt in die Seiten des Gästebuchs und trägt die Worte davon. Ist er gegangen.

Die Lage des Landes

März 1939

Was übrig bleibt: Dynamit, Munition, defekte Gewehre. Alles hinein in die Kuhle. Drei Leute oben, zwei unten. Schnell. Schweigsam. Vom Eselskarren die Kisten abladen. Tastend durch die Dunkelheit. Zum Karren, Kiste greifen, sieben Schritte, acht, dann in die Knie gehen und vorsichtig, vorsichtig nach unten reichen. Das Zeug soll hochgehen, aber nicht zu früh.

So wird es gewesen sein: Einer der italienischen Bomber, gestartet von Mallorca in Richtung Valencia, schoss über sein Ziel hinaus, warf seine Ladung nicht über dem Hafen ab, traf nicht Schiffe oder Fischerhäuser und nicht die Calle de la Paz, sondern erreichte das Hochland. Das ist erst ein paar Wochen her. Eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Eine Bombe aus heiterem Himmel. Sie zerfetzte die dünne Schicht Gras, sprengte Steine in alle Richtungen. In der Tiefe dämmte eine kompakte Schicht Lehm ihre Wucht.

Was einmal dämmte, kann es ein zweites Mal. Im Wald vergraben wäre besser gewesen, man wäre wieder rangekommen. Die anderen haben ihn überstimmt. Das Zeug soll weg, ganz weg, es kommt in das Loch draußen auf den Feldern, dort jagt man es in die Luft. Niemand soll rankommen, nicht die Richtigen, nicht die Falschen. Republikanische Soldaten fliehen schon über die Pyrenäen. Frankreich und England haben Franco anerkannt, in den Geschichtsbüchern wird irgendwann einmal, bald schon, ein anderes Datum stehen für das Kriegsende, aber in seinem Buch der Niederlage steht der 27. Februar 1939.

Niemand redet. Die Angst steckt in allen. Man traut nicht einmal mehr den Schäfern, nicht den Schafen, nicht der Erde selbst. Die Räder ächzen über die Böschung. Er setzt sich unter die Steineiche. Die Hände eiskalt, das Hemd klebt ihm am Rücken. Er wartet, bis er sicher sein kann, dass der Esel zurück ist in seinem Stall, die Kameraden in ihren Häusern sind. Sie trauen auch ihm nicht, aber er war bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Vor ein paar Abenden stand Manolo an der Hintertür, Freund aus Kindheitssommern, ein Freund, der noch einen Mann brauchte. Er selbst konnte ein Abenteuer gebrauchen. Dieses Risiko ist seine Rache an der Aussichtslosigkeit, an seinem Vater und seinem Kind und seinen Brüdern, an diesem Leben, das ihn hier hält.

Die Stille zieht wie Unterdruck am Trommelfell. Nach und nach dringen der Wind, das Rascheln von Getier im Gras, das Knarzen seiner Lederschuhe durch. Eine Karawane von Pinien und Eichen auf den Bergrücken schultert die graue Fläche des Himmels. Das Land liegt breit, leicht geneigt. Nach oben hin der Wald. Weit unten ein Gehöft.

Er dürfte gar nicht hier sein. Nicht in diesem Dorf, nicht zu dieser Jahreszeit. Valencia ist voller Soldaten, Politiker, Funktionäre, die alle auf eine Flucht hoffen. Nur sie verschanzen sich in den Bergen. Seine Eltern verstehen nicht, dass weder der Krieg noch das, was auf ihn folgen muss, in Valencia gefährlicher ist als hier.

Hier glauben sie sich sicher. Das Dorf ist das Dorf. Sie antworten ihm nicht auf seine Fragen, was aus der Kanzlei des Vaters werden soll und was aus ihm. Wovon sie leben wollen, ob er wieder Wein anbauen soll wie die Vorfahren. Sie glauben nicht, dass Francos Gesindel auch ihr Schneckenhaus in den Bergen finden und unter einem gewichsten Stiefel zermalmen wird. Der Krieg hat den Vater schier den Verstand verlieren lassen. Ein Sohn zerstört in Francos Namen alles, was die Republik mühsam erschaffen hat. Der andere geriet, wie er sollte, aber was haben sie davon.

Er ist dem Vater als einziger Sohn geblieben, und so sitzt er fest. Sie träumten von Paris, Julia von der Couture, er von der Sorbonne. Er vermisst seine Brüder und bringt es nicht übers Herz zu gehen.

Er steht auf und schüttelt die Kälte aus den Gliedern. Er wiegt die Granate in der Hand wie ein schweres Buch, gerade mal ein Pfund Nitramit. Gerade mal drei Jahre, da hatte er nur Bücher im Kopf. Er hat es denkend und schreibend durch den Krieg geschafft, sie mussten ihm zeigen, wie man entsichert.

Seine Hand zittert. Hoffentlich reicht die Wucht des Aufpralls, um auszulösen, hoffentlich braucht er nicht die Reserve, um das Zeug hochgehen zu lassen, das im Matsch des Grundwassers steht. Der Verschluss löst sich leicht. Vom Rand des Kraters misst er seinen Vorsprung in Richtung Wald. Er zielt und wirft.

Ein Lärm, grandios wie die Böller zu San José. Drei Jahre verflüchtigt in einem einzigen Knall. Die Druckwelle wirft ihn dem Wald entgegen. Die Bäume schimmern im Licht der Explosion. Er hört seinen eigenen Jubelschrei.

II. ERKUNDUNG

Der Druck seiner Hände

August 1990

Kommt er? Irene, der Chauffeur, die Mittagssonne und sie. Warten, ob er nun mitfährt. Die Sommerhitze ist plump, wölbt sich über den Asphalt und verflüssigt sich an den Rändern. Sie verflüssigt auch Geräusche, ein Auto, Liedfetzen, around the world ya ya ya, fährt vorbei. Maite zieht am Ausschnitt ihrer Bluse und lässt Luft an ihre Haut, aber auch das bringt keine Erleichterung. Es sind kaum Menschen auf der Straße. Essenszeit. Ein Hund pinkelt an eine Palme, die Bewässerungsschläuche an den Stämmen sind trocken. Der Chauffeur hat in der zweiten Reihe geparkt und blockiert eine Spur. Irene hält ihr Gesicht in den Luftstrahl der Klimaanlage. Der Chauffeur steht in der Sonne und hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Weil Maite sich nicht in den Wagen setzt, tut er es auch nicht.

Es ist wie immer. Es hätte einfacher sein können. Doch Maite wollte, dass er weiß, dass sie in München nicht ins Spanische Kolleg zum Heiligen Apostel Jakobus zieht. Stattdessen hat sie sich in der Studentenstadt angemeldet. So verlief ihr letzter Vormittag zu Hause wie immer. Seine flache Hand, die auf den Tisch niederfuhr, dass das Besteck klirrte. Seine laute Vaterstimme und ihre schrille Tochterstimme. Irene, die ihren kümmerlichen Hals zwischen die Schultern zog. Der Blick von Mama zu ihr, immer zu ihr, und ihr Machtwort: »¡Teresa!¡Ya está!«

Ihr Vater warf seine Serviette auf den Teller, wo sich das Leinen mit Olivenöl vollsog. Er stand auf und ging, sie hörte die Schlafzimmertür knallen. Ihre Mutter fischte die Serviette aus der goldgrünen Lache.

Immerhin nannte Mama sie noch nicht Maria Teresa. Maria Teresa ist höchste Alarmstufe bei ihrer Mutter und Normalzustand bei ihrem Vater, der auf dem vollen, doppelten, gut katholischen Namen beharrt, so viel Zeit muss sein. Irene ist es egal, sie hat sich an die Kurzform gewöhnt, wie sie sich immer an alles wird gewöhnen können. Sie wird heiraten und unter die Obhut eines anderen Mannes wechseln. Ihr älterer Bruder denkt wie der Vater und ruft sie natürlich auch wie dieser, der andere ist schon so lange fort und so selten hier, dass es keine Rolle spielt, bei welchem Namen er sie nennt. Maribel stellt sich auf niemandes Seite, sie sagt hija mía und mi niña. Mama lässt zumindest die Jungfrau Maria weg.

Sie schaute Maite durchdringend an. »Was ist?«, wiederholte sie Maites Frage, als äffte sie sie nach. Irene kicherte. Sie hatte ihren Hals noch nicht wieder aus den Schultern geschoben. »Und du sei still!« Der militärische Ton hat bei Irene schon immer besser funktioniert. »Im Ernst? Was hast du dir dabei gedacht?«

»Alle Studenten wohnen da. Du bekommst als Erasmus einen Platz, quasi automatisch. Da leben deutsche und ausländische Studenten zusammen. International. Viel gemischter.« Keine Kontrolle. Sie will nicht in einem spanischen Wohnheim wohnen. Wenn sie endlich nach München kommt, noch dazu in dieser aufregenden Zeit, will sie sich nicht in einer Art Konvent einsargen lassen, wo täglich Eucharistie gefeiert wird und Musik auf den Zimmern verboten ist. Könnte sie ja gleich hierbleiben. »Willst du deutsch sprechen oder international gemischt sein? Na?«

Maribel räumte den Tisch ab. Maite schüttelte den Kopf und hielt ihren Teller fest. Sie trägt ihr Geschirr immer selbst in die Küche. Ihr Vater spottete, dann dürfe sie auch nicht essen, was Maribel einkauft und zubereitet, Maite spuckte damals das Essen zurück auf den Teller. Sie kaufte trocken Brot im Laden um die Ecke, musste sich trotzdem zu den Mahlzeiten zu ihnen setzen. Maribel, um die es doch ging, konnte sie nicht verstehen, nannte sie albern und steckte ihr etwas zu, eine Orange hier, ein Sandwich dort. Mama legte eines ihrer Machtworte ein. Seither isst Maite, was auf den Tisch kommt, lässt sich aber nicht von Maribel bedienen und trägt ihr Geschirr selbst in die Küche.

»Lauf nicht wieder davon!« Maite blieb stehen, Teller und Glas in den Händen. »Und verdreh nicht die Augen! Wir hätten darüber reden können.« Das Besteck auf dem Teller klirrte. Maites Stimme rutschte weg. Sie hasste es, wenn sie die Kontrolle verlor. Das Messer glitt vom Teller.

»Ich hätte mit dir reden können? Er hatte das mit der Unterkunft klargemacht, über seine Kontakte zum Opus, was weiß ich. Mich hat keiner gefragt! Mich fragt nie jemand!«

»Das ist doch keine Verschwörung, Teresa. Aber dann seid ihr zwei ja quitt. Auge um Auge. Keiner redet. Jeder tut, was er will. Du bist kein Iota besser, dass du das weißt.«

Sie tat alles, um anders zu sein. Sie reagierte doch nur auf seine Befehle, wenn auch nicht so, wie er das wollte. Sie wäre gern friedlich. Würde Mama nur einmal ihre Partei ergreifen. Ein einziges Mal. »Du hast mich auch nicht gefragt.« Die Wut schob sich nach oben und presste ihr Tränen in die Augen.

Mama rief ihr noch nach: »Wohnen dort Jungen und Mädchen zusammen?«

Maite schloss die Küchentür mit einem Knall und lehnte sich dagegen. Sie glaubte, ein Schnalzen der Zunge zu hören, als wollte Maribel sie tadeln, aber sie war sich nicht sicher. Maribel räumte weiter die Küche auf. Dann halt nicht. Alle schienen froh zu sein, dass sie ging.

»Wo bleiben die denn?« Maite dreht sich nicht zu Irene um. Schneeweißchen mit dem Kirschenmund. Schminkt sich die Lippen knallrot. Wenn sie das täte, würde ihr Vater sagen, sie sehe aus wie eine Hure, sie solle sich das abwaschen. Maite bleibt in der Sonne stehen. Sie kneift die Augen zusammen. Ein Schweißtropfen rinnt zwischen ihren Schulterblättern hinunter. Mit der Zunge bugsiert sie ihren Kaugummi auf die andere Seite. Wenn er zum Fenster hinausblickt, soll er sie hier warten sehen.

Der Hauseingang steht offen. Tief in diesem schwarzen Loch, am Ende des Foyers, vorbei an der Portierskabine, die gewundene Marmortreppe hinauf, einmal um das Metallgehäuse des Aufzugs herum, hinter einer schweren Tür aus poliertem Holz, die er immer mit drei Metallbolzen verriegelt, ringt ihr Vater mit sich.

Maite blickt hoch, als würde die Entscheidung am Fenster getroffen. Soll er halt hierbleiben. Sie wickelt eine Haarsträhne auf, bis die Fingerspitze violett wird.

»Wenn er nicht gleich kommt, müssen wir fahren. Du verpasst deinen Zug!«

»Ihre Schwester hat recht, Señorita Maria Teresa«, sagt der Fahrer. Zwanzig Jahre und formell wie am ersten Tag.

»Kannst ja ein paar Ampeln auslassen.«

Sie zieht eine Locke lang, hebt ihre Haare im Nacken an, doch kein Wind geht. Sie spuckt den Kaugummi aus.

Wäre es nach ihr gegangen, hätte es ein Koffer weniger sein können. Aber ihr Vater hält Deutschland wohl für Sibirien.

Er konnte keine Ahnung haben, was es bedeutet, im Hochsommer Klamotten für einen russischen Winter einzukaufen. Die Kaufhausangestellte brachte eine phänomenale Scheußlichkeit aus dem Lager, so schlimm konnte kein Winter werden, dass sie diesen Pullover brauchte.

»Mama, bitte.«

»Den nehmen wir.«

»Mama, bitte. Gib mir das Geld, ich kauf in München einen.«

»Das kannst du immer noch. Stell dich nicht so an. Er meint es nur gut.«

Das war die Art ihrer Mutter: Er wollte einen warmen Pullover, sie kaufte einen warmen Pullover. Sie fragte sich vermutlich gar nicht mehr, was sie denken würde, wenn sie selbst dächte. Sie klappte die goldene Schnalle ihres Portemonnaies zu, ihr Nagellack passte zur Farbe der Tasche. Der Pullover fuhr mit ihnen im Taxi nach Hause, durch die Julihitze in die abgedunkelte Wohnung, wurde noch einmal neu zusammengelegt und kam zu den anderen warmen Sachen für München. So schlau, ihn einzupacken und erst dort zu entsorgen, war Maite dann doch.

Das Gepäck also voller Winterkleidung, auf die ihr Vater bestanden hat. Dazu Bücher und das große Wörterbuch, der Name »Langenscheidt« ein Zungenbrecher auch nach dem Abitur an der Deutschen Schule. Das Kuschelkissen. Ein Schuhkarton voller Zitronen, von Maribel sorgsam in Zeitungspapier verpackt, sie hat versprochen, bald Orangen zu schicken und darauf zu achten, dass sie in Seidenpapier eingewickelt sind. Schinken, Chorizo und Butifarra. Im fremden Land ein wenig Heimat auf der Zunge. Ein Spürhund würde durchdrehen.

Sie muss klingeln, damit zumindest ihre Mutter zum Bahnhof mitkommt. Da schlägt die Metalltür des Aufzugs. Der Chauffeur öffnet die vordere Tür und nimmt Haltung an. Mama eilt aus dem Hauseingang, schön wie eine Diva aus den Fünfzigern, Ingrid Bergman, nicht ganz so geschmeidig, der Vater ist ja auch nicht Cary Grant. Im Gehen rafft sie ihr geblümtes Kleid, eine Strähne ist aus ihrer Frisur gerutscht. Sie steuert auf Maite zu. Maite steigt ein und rutscht in die Mitte.

Im Hauseingang erscheint ihr Vater. Er blickt sich um, den Gehsteig hinauf und hinunter, als kontrolliere er das Terrain, so viel Zeit muss sein. Er nickt seinem Fahrer zu. Sein heller Sommeranzug sitzt so gut, als wäre er doch Cary Grant. Eine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Alles Übrige glatt. In einer kontrollierten Bewegung gleitet er auf den Beifahrersitz. Vom Rücksitz starrt Maite auf sein Ohr, graue Härchen, die sich in der Muschel kräuseln. Er zieht einen Kamm aus der Tasche und glättet seine Frisur. Sie möchte ihm in den Nacken spucken, ihm einen Stoß geben, dass die Haare in breiten Strähnen nach vorn fallen. Aus dem Augenwinkel nimmt sie wahr, dass Mama sich das Haar aus der Stirn streicht, fühlt ihre Hand auf der eigenen. Der Fahrer gibt Gas. »Wenn ich jetzt den Zug ver…«

Der Schmerz ist scharf. Ihre Mutter behält die Hautfalte so lange zwischen den Fingerspitzen, bis sie sicher sein kann, dass sie Maite zum Schweigen gebracht hat.

Am Bahnhof muss alles schnell gehen.

»Du hättest fliegen sollen.«

»Mama!« Flugangst richtet sich nicht nach der Menge Gepäck. »Ich krieg das hin.«

»Nimm dir ein Taxi, wenn du in München ankommst.«

Maite dreht Locken ein.

»Lass das doch.« Mama klopft ihr auf die Hand. Nimmt sie in den Arm. Ihre Stimme nahe an Maites Ohr: »Pass gut auf dich auf, mi vida. Ich hoffe, dass sich deine Träume …«

In der Umarmung riecht Maite das Parfum, das immer dasselbe gewesen ist, und spürt ein Brennen in ihrem Hals. Mamas zierliche, goldberingte Finger, ein Umschlag wechselt die Seiten. Während Maite ihn in ihrer Hosentasche versenkt, schämt sie sich der Tränen, dann scheppert aus den Lautsprechern der letzte, dringende Aufruf für den Zug nach Barcelona.

Ihr Vater tritt vor sie hin. Er fasst sie an den Schultern. Eine Armlänge. Er könnte tatsächlich ihr Großvater sein. Maite blickt ihm direkt in die Augen. Sie ist fast so groß wie er. Sie versteht nicht, was er sieht, wenn er sie anschaut, stolz wird er nicht sein. Warum auch. Ist sie auch nicht.

»Pass auf dich auf«, sagt er. Sie nickt. Ein einziges Mal seinem Blick standhalten.

»Mach was draus.« Sie nickt.

»Komm heil wieder.« Sie schaut auf ihre Schuhe.

»Gott sei mit dir.«

Das musste jetzt noch sein. Der Druck seiner Hände an ihren Schultern. Dann lässt er los.

Was übrig bleibt

August 2004

Einsteigen und Türen schließen. Auch die schlafloseste Nacht mündet irgendwann in einen Morgen, das Taxi wartet vor der Haustür und bringt Antonio zum Bahnhof. Und wie du damals gekommen bist, so trittst du also die Rückreise an. Dieser Gedanke stellt sich Antonio in den Weg, unerbittlich wie die bleischweren Schwingtüren, als er den Münchner Hauptbahnhof betritt.

Er wollte diese Reise mit dem Zug machen. Als könnte er die Entscheidung noch offenlassen, als wäre sie nicht längst seiner Kontrolle entglitten. Gerade du müsstest wissen, dass man aus einem fahrenden Zug nicht mehr aussteigt.

Aus dem Tritt gekommen.

Er hätte den Stock mitnehmen sollen. Antonio stützt sich auf die Brüstung des Abgangs zu den U-Bahnen, um sich nicht an seiner Schwiegertochter festhalten zu müssen. Er sagt, um die Pause zu füllen: Das ist alles, was vom alten Bahnhof übrig ist.

Du und dein Bahnhof. Was meinst du genau?, fragt Margot.

Die zwei Bögen. Links. Sind mir nie aufgefallen, sagt sie. Das letzte gemauerte Überbleibsel, die Ziegel klein wie Spielklötze inmitten der großformatigen Wandplatten des neuen Bahnhofs.

Er hat den alten Bahnhof noch gesehen in seiner italienischen Bauweise und dem ganzen faschistischen Gepränge, damals, auch wenn er das Dekor des Führers nicht so recht wahrnahm. Er war ein bisschen in Eile, damals, musste schauen, dass er fortkam.

Jahre später war der Bahnhof nicht mehr und Hitler auch nicht. Nach dem Krieg kam Julia mit dem Kind aus dem Flüchtlingslager in Angoulême, Julia sah München mit Augen, die den unversehrten Süden Frankreichs auf der Netzhaut bewahrten. Sie fuhren in eine Trümmerlandschaft ein, Häuserreste und einzelne Schornsteine, Kalksteinfelsen in der Landschaft, der Bahnhof ein ausgebranntes Gerippe. Die Stahlkonstruktion warf in der Abendsonne ihren Schatten auf die Reste der Kopfwand, wo eine einzelne Statue in ihrer Nische verblieben war. Geröll wie verschütteter Grieß. Nach dem Bürgerkrieg waren sie auf ihrer Flucht durch Barcelona gekommen, dort fehlten einzelne Häuser, man konnte sich die Stadt zusammenreimen. Hier in München stand nichts mehr, die Menschen sortierten, was einmal Stadt gewesen war, auf kleine Loren, allerorten Holzverschläge und Bretterwände, Schilder nach links und nach rechts, die Julia nicht verstehen konnte, sie mussten anmuten wie Wegweiser ins Verderben.

Julia hätte damals schon in die entgegengesetzte Richtung fahren können, wer kein Blut an den Händen habe, der müsse nichts befürchten, daran glaubte Julia, das verlogene Versprechen Francos. Sie hatte Antonio Bettelbriefe aus Frankreich geschrieben, lass uns zurückkehren. Doch Francos Weißbrot war nicht für Leute wie ihn gedacht und ausgerechnet ein deutscher Bauernhof der sicherste Ort. Statt hierherzukommen, hätte sie nach Barcelona fahren können oder nach Valencia, in jenen Bahnhof mit seinen Türmchen und Zinnen und bunten Blumenranken, in jene besoffene Farbenpracht, wo ein Wandmosaik mit Blättern und Rosenblüten buen viaje wünschte, in jene irrsinnig schöne Halle, wo man an Schaltern aus gedrechseltem Holz sein Billett kaufte, wo sich die Lichter in den Kacheln der Decke und im Marmor des Bodens spiegelten, wo man auf Bänken rund um die Säulen saß wie unter Bäumen, unter Orangenfrüchten aus Keramik und in der Illusion, dass hier der Sommer niemals endet. Julia glaubte, dass Spanien möglich gewesen wäre, doch sie war zu ihm gekommen, nach Deutschland, wo Stahlbrücken in der Luft abbrachen, wo alles Glas zersprungen war und es sich lebte wie in Schwarzweiß.

Das Gefühl des Versagens macht kurzatmig.

Margot bleibt stehen: Mach langsam.

In diesem Tempo kommt er nie zu diesem verdammten Zug.

Ihre Augen sagen: Lass dir Zeit.

Die Frau seines Sohnes wird für ihn immer dieses halbwüchsige Mädchen bleiben, das damals auf der Eckbank zu ihm stakste und von hinten die Arme um seinen Hals schlang und sagte, dann heirate ich dich, wenn Julia dich nicht mehr will. Einen Takt harter Stille sagte keiner etwas, dann hieb ihr Vater ihm eine Handvoll Trost auf die Schulter. Margot dämmerte, dass ihr Satz zu groß geraten war, und atmete an gegen ihre Verlegenheit. Pau stieg auf der Eckbank über die Rücken der Sitzenden und verschwand, keiner konnte seinen Zorn nachvollziehen, und Antonio verstand seinen Sohn erst viel später, als Margot kein Mädchen mehr war. Sie kam zum Studieren nach München, Pau machte nicht viele Worte darum, dass Margot seine Liebe geworden, immer gewesen war. Er hatte warten können, dass aus dem Mädchen eine Frau, aus der Spielgefährtin eine Gefährtin fürs Leben wurde, doch damals in der Bauernküche musste sich ihr Satz wie Verrat angefühlt haben.

Von heute auf morgen zog Pau aus, so wie Julia Jahre zuvor. Abrupte Abgänge schienen beiden im Blut zu liegen. Keiner hat je gefragt, keiner außer vielleicht Margot, wie es Antonio bei all dem erging. Er hielt die Wohnung weiter, weiß man’s, sie war die einzige Konstante, die er seinem Sohn bieten konnte, wenn so vieles andere sein Vertrauen nicht wert zu sein schien, angefangen bei den abwechselnd verlustig gegangenen Eltern, erst er selbst in diesem Zug, 1940, einsteigen und Türen schließen, da war Pau noch nicht einmal drei, und später Julia, in jenem verfluchten Jahr 1956, in einem Zug der Gegenrichtung, mit dem sie über Ulm, Stuttgart, Straßburg, Paris ihr Kommen wieder zurücknahm. Doch Pau war es ernst mit Margot, wie Pau alles ernst war im Leben, und als der kleine Carlos zur Welt kam, suchte Antonio eine Wohnung für sich allein. Das Ehebett zog er nicht mehr um.

Einsteigen und Türen schließen. Das beschäftigt ihn, wenn er abends mit einem Glas Utiel-Requena in dieser Wohnung für sich allein am Fenster sitzt. Auf dem Dachfirst besingt die immergleiche Amsel den Tag. Er nennt den Vogel Romeo, doch keine Julia wartet, auf keinen von euch. Erlebnisse, die lange vergraben gelegen haben, nehmen wieder Raum ein. Der Himmel war plötzlich voller Vögel. Einsteigen und Türen schließen, es beschäftigt dich zur Nacht im Bett, wenn der Kopf nicht zum Kissen passt und das Laken schwer wird. Es ist niemand da, der dein Seufzen hören könnte. So stellst du langsam die Füße auf den Boden, du schwingst schon lang keine Beine mehr aus dem Bett heraus, einen Fuß nach dem anderen setzt du auf den Boden und wartest, dass der Schwindel vergeht und die Nachtluft die Angst trocknet. Führst den Wecker ganz nah vor die Augen, seine mildgrünen Zeiger schneiden dir die Nacht in Stücke. Dann stemmst du dich in den Widerstand deiner Gelenke hinein. Die Dielen sind kühl unter deinen Sohlen, kühler noch die Fliesen in der Küche. Vor dem Fenster steht die Linde im stillen Innenhof, du öffnest die Scheiben, erst die inneren, musst dich auf jeden Handgriff konzentrieren, immer weniger geht von selbst. Wie ein Kind, das lernt, mit der Schere zu hantieren. Du möchtest nicht noch einmal als Kind anfangen, nicht in diesem Leben. Erst die inneren, dann die äußeren, der rechte Fensterflügel klemmt, so lange du denken kannst. Vom Fenster zwei, drei Schritte zum Plattenspieler. Seit Wochen liegt dieselbe Platte auf dem Teller. Du weißt blind, wie weit du die Abtastnadel über die Platte führen musst, Knistern wie Reisigfeuer, dann ertönt die Musik. Ginge jetzt unten im Hof jemand vorbei, so hörte er durch die Blätter der Linde leise den Gesang einer Frau, sähe einen Lichtreflex im Weinglas auf der Fensterbank. Du rückst den Stuhl näher an die Nachtluft, spürst jedes Rohr des Korbgeflechts, füllig warst du nie, aber jetzt ist da gar nichts mehr, was die Eindrücke mildert. When I am laid in earth. Remember me. Was bleibt, was bleibt übrig von einem Leben? Du lässt dich von der Musik in den Zug hieven, aus dem Erdreich heben, hinauf in diese körperlose, seelenbefreite Leichtigkeit der Trauer. Forget my fate. Einsteigen und Türen schließen. Die Fahrt von damals und diese heutige Reise. Die Rückkehr zum Vater, nach so vielen Jahren. Du hast weite Kreise gezogen, aber warst du je davongekommen? May my wrongs create no trouble. Was keiner sieht und niemand hören kann: was du getan und alles, was du unterlassen hast. Die Schmach, gerannt zu sein. Diese Leute, die einfach in den Zug zurückgingen. Die Musik versichert dir, dass es einen unzerstörbaren Kern gibt. Einen letzten Ort, unerreichbar für das Wüten der Welt. Vor dem Fenster die Linde, vor deinem Auge dieser Zug und diese Strecke, und immer noch glaubst du den Flügelschlag der Vögel als Knallen zu hören. Remember me, but forget my fate. Du öffnest die Fensterflügel ein wenig mehr. Die Nachtluft beruhigt, doch die Angst bleibt.

Margot eilt zum Postkasten, sie faselt etwas vom Schulamt und ihrer Pensionierung, Antonio hört nur halb zu und antwortet ihr abwesend, horcht noch den Tönen nach.

Zuweilen fragt er sich, hätte er damals, als er wieder allein blieb, auf den Bauernhof zurückkehren können? Sie hätten ihm ein zweites Mal Zuflucht gewährt. Er hätte ganz regulär dort leben können, nicht verlogen und versteckt als falscher Franzose wie während des Krieges. So zufrieden wie da draußen auf dem Land war er nie mehr. Keine andere Zeit leuchtet so im Gedächtnis, obwohl Krieg war, obwohl er, von allen verlassen, bei dieser fremden Bauernfamilie leben musste, harte Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und Einsamkeit rund um die Uhr. Dann kam Julia, Antonio hatte sie sehnsüchtig erwartet, eine kleine Kammer eingerichtet, gespart auf einen Ball für Pau und ein Schultertuch für sie. Wegen Julia zogen sie nach München, noch vor der Währungsreform, Julia wollte in eine richtige Stadt, egal wie wenig davon übrig war, und von Wohnungsnot und Zuzugsbeschränkungen nichts hören. Hatte er nicht alles unternommen, um sie zu halten?

Antonio streckt sein Kreuz durch. Aufrecht bleiben. Aufrecht bleiben, auch wenn die Erinnerungen in einen einfahren wie Züge in diesen Bahnhof. Aufrecht bleiben und nicht wanken. Wie Züge haben die Erinnerungen eine begrenzte Aufenthaltsdauer, irgendwann ziehen sie wieder hinaus, hinterlassen ihre Gerüche und Geräusche, bringen Menschen und nehmen sie wieder mit, und nicht immer ribbelt es ihn auf wie nach Julia. Sie verließ ihn, und er brachte sie noch zum Zug. Da war dieser Bahnhof eine Baustelle, geschichtsvergessen und laut, während sein eigenes Leben gerade alle Regler herunterfuhr. Julia berührte ihn mit einem Finger an der Brust und stieg in den wartenden Zug. Man fühlt die Stelle ihrer Berührung, und als der Zug anrollt, da ist es, als hätte sie den Anfang eines Fadens in der Hand behalten und zöge einen langsam auf, Reihe für Reihe, Masche für Masche, Faser für Faser, bis nichts mehr übrig ist als Fusseln am Boden.

Wegen Julia waren sie nach München gegangen, doch in München geblieben ist er schließlich wegen Pau. Und hinterher stellte sich heraus, dass gerade der in der Nähe der Bauerntochter hätte bleiben wollen. Aber kein Wort hat er je gesagt. Pau sah ihm stumm dabei zu, wie er sich abmühte, aus den Fusseln etwas Neues zusammenzustricken. Antonio hatte sich gegen seinen Vater und für diesen Sohn entschieden, und der schwieg ihn nun aus seinem Leben. Er begann, dieses Leben abzuschirmen und jede Spur seiner Herkunft zu tilgen. Paul schrieb sich ab da selbst so, wie ihn die Deutschen immer genannt hatten, als könne man einen Menschen einfach umetikettieren. Aber das war Paus Freiheit, genau jene Freiheit, für die Antonio ihn als Päckchen an seinem Herzen aus Spanien herausgetragen hatte, dort hätte man ihm den katalanischen Namen abgezogen wie ein Fell und einen Pablo aus ihm gemacht. Beim Oktoberfest war dieser Paul nicht von seinen Freunden zu unterscheiden, nicht im Aussehen und wohl auch nicht im Suff, selbst eine Lederhose organisierte er sich. Zwei saubere Bayern waren sie geworden, der Paul und er, der Toni vom Großmarkt, und wie manch andere Deutsche auch haben sie sich eingerichtet in ihrer Wortlosigkeit.

Pau sollte mehr Möglichkeiten und ein besseres Leben haben als sein Vater, der auch ein schlauer Kopf war und doch sein ganzes Leben nur die Hände gebrauchen konnte. Der Pfarrer hatte zugesehen, dass der Junge aufs Gymnasium kam. Dass sie mit der Kirche nichts zu tun hatten, darauf kam der Pfaffe nicht, Spanier hatten katholisch zu sein, alle, Antonio ließ ihn in dem Glauben, wenn er behilflich sein konnte, dass der Junge seinen Weg machte, sollte es ihm recht sein. Dass er dann ausgerechnet ein Fach für die Hände wählte, aber was gab es dagegen schon einzuwenden. Jetzt steht seine Fabrik in Sichtweite des Hofes, und die Bauerntochter hat er auch bekommen. So hat zumindest Pau seinen Traum erfüllt, das ist doch was.

Ein Auge tränt. Vielleicht eine Wimper. Antonio sieht auch wieder so schlecht. Er wartet, bis sich sein Herzschlag beruhigt hat und der Schmerz durch ihn hindurchgezogen ist. Die Trennwände sind dünn geworden, die Grenzen zwischen den Erinnerungen, zwischen den Jahren, zwischen Lebenden und Toten, alles beginnt sich zu vermischen.

Ohne den schlauen Kopf wäre er im Zug geblieben. Er wäre in jenem Reich, unter einem Steinblock, auf dieser Treppe zugrunde gegangen oder im Elektrozaun, er wäre durch den Kamin gegangen wie die anderen. Der Schmerz, überlebt zu haben, ist ein alter Bekannter, hartnäckig und quälend wie Rheuma. Mit Rheuma kann man sehr alt werden.

Es müssen Monate sein, seit er das letzte Mal am Bahnhof gewesen ist. Wo Automaten stehen und Glumpert verkauft wird, ersteht die Halle in seinem Gedächtnis, wie sie früher war. Julia kommt 1946 ins Chaos der Zerstörung und verabschiedet sich 1956 in einer nagelneuen Halle. Ein paar Jahre später stehen hier die Gastarbeiter herum, südländische Menschen wie er selbst, Antonio sieht sie umhergehen und scherzen oder auf ihre Fußspitzen starren. Sie trafen sich an den Ticketschaltern, die Halle war nicht so schön wie ein Rathausplatz oder eine Rambla, aber besser als nichts, das Gleis eine Nabelschnur nach Hause, keiner sprach es aus, aber alle waren gelähmt vor Heimweh, Gestrandete, einem Gefühl von Kommen und Gehen ausgeliefert. Er teilte ihre Sehnsucht nach dem Licht am Mittelmeer, nach dem Schaben der Grillen und Sonnenwärme auf der Haut. Der Geruch von Gambas al ajillo und der Geschmack wirklich reifer Tomaten. Nördlichste Stadt Italiens klang da wie ein Witz. Antonio half ihnen weiter, so gut er konnte, Menschen, die zum Arbeiten kamen und mit etwas Glück gastlich behandelt wurden. Es sprach sich herum, dass da jemand war, der sich auskannte, die Sprache beherrschte, sein Name stand in Briefen und auf Zetteln in den Hosentaschen der guten Anzüge, in denen seine Landsleute dem neuen Land unter die Augen traten.

Sie kamen erst einmal in ein Nebengebäude des Bahnhofs, die wenigen Spanier, die vielen anderen, und wider besseres Wissen fragte sich Antonio, ob es derselbe Trakt war, in dem er als Zwanzigjähriger, im Sommer 1940, jene Henkersmahlzeit aus Kartoffeln gegessen hatte, bevor der Zug ohne ihn weitergefahren war. Sein Enkel machte fünfundzwanzig Sommer später erste Schritte an italienischen und griechischen Händen, und Antonio sah harte Kerle weich werden. Er hatte seine Jahre am Band schon hinter sich, wusste genau, was es hieß, morgens um drei auf dem Markt Kisten abzuladen. Die Deutschen hatten die Blaskapellen und Begrüßungskomitees längst vergessen und verachteten die dunkelhaarigen, lauten Menschen in ihrem Bahnhof, die dauerhafter waren als Gäste, die tagsüber Zeit hatten, die im Wohnheim keine Ruhe fanden oder keine wollten. Die Deutschen wussten nicht oder wollten nicht daran erinnert werden, dass diese verarmten Leute zum Arbeiten kamen, weil die Alliierten Spanien nicht wie Deutschland vom Faschismus befreit hatten. Lieber eine stabile faschistische Diktatur als eine Volksfrontregierung. Weil aber mit Franco ein Faschist an der Macht war, verweigerten die Amerikaner Spanien den Zugang zum Marshallplan. Das war nur konsequent. Muchas gracias, Mister President.

Margot hakt sich bei ihm unter. Geht’s noch?, fragt sie.

Das ist fast zum Lachen, weil wenn es hier schon nicht mehr geht, dann kann er sich direkt in die Erde legen. Wer würde sich an ihn erinnern, an ihn und sein Leben und seinen Vater. Er hat noch viel Strecke vor sich und Zeit.

Er war nicht darauf eingestellt, noch einmal nach Spanien zu fahren. Da hat einer zwei Länder und doch keins, zwei Sprachen und keine richtig. Das Spanien, das er einmal als seins bezeichnet hat, gibt es nicht mehr, seit er zwanzig war. Es ist untergegangen, die Nabelschnur abgerissen, übrig blieb nur eine schlecht heilende Wunde. Im Deutschen lebt Antonio schon drei Viertel seiner Zeit. Im Deutschen hat sich sein Sohn eingerichtet, die Sprache gehört seinem Enkel. Darauf war er eingestellt: noch ein paar gute Jahre in München. Hoffentlich würde sich Carlos erinnern, wo er begraben sein will, zur Sicherheit hat er es auch dessen Frau gesagt, auf sie ist Verlass in diesen Dingen. Mit den Enkeln hat er sein Sterben geregelt, nicht mit Pau, Pau will vom Sterben nichts hören. Der hält sich raus aus allem und ist auch auf dieser Reise nicht dabei. Antonio war bereit abzutreten, und jetzt geht alles noch einmal los. Das ist die Hoffnung: dass die Dinge wieder mit dir zu tun haben: dass die Fenster sich leichter öffnen lassen: ein leichterer Aufbruch, wenn es so weit ist. Noch arbeitet die Pumpe.

So, wie du damals gekommen bist, trittst du die Rückfahrt an, das ist natürlich Unsinn. Die heutige Reise ist anders als jene 1940 und alle in der Zwischenzeit, seine Geschäftsreisen in Sachen Obst und Gemüse, am Anfang mit dem alten Audi, irgendwann München–Valencia mit dem Flieger und weiter in den Süden nach Almería, Antonio lebte davon, dass ganze Landschaften unter Plastikplanen verschwanden, fand das Ausmaß erschreckend, Geschäfte gemacht hat er trotzdem damit. Es hatte nichts mit ihm zu tun, als wäre ein anderer unter seinem Namen gereist, hätte in seinem Namen verhandelt. Als hätte ein anderer Angst gehabt. Nur der Besuch am Grab der Mutter, das warst du.

Antonio musste auf eine Gelegenheit warten, um ihr Grab zu besuchen. Die Nachricht von ihrem Tod war um Monate verspätet im Flüchtlingslager bei ihm angekommen. Er erfuhr nicht, woran sie gestorben war. Ob sie sich einfach ins Bett gelegt und das Leben aus sich hatte herausrinnen lassen. In Angoulême hat er seine Trauer bei der Waldarbeit zersägt, im Café im Spülwasser versenkt. Er wartete auf andere Verhältnisse in Spanien, doch die Verhältnisse änderten sich nicht, stattdessen verschlug es ihn hierher, als Fremdarbeiter hat er still gewartet, irgendwann war auch dieser Krieg vorbei. Er ging weiterhin am selben Ort der gleichen Arbeit nach, von einem Tag auf den anderen kein Fremdarbeiter mehr, sondern Displaced Person. Während man ihn vorher gefährlich oft gefragt hatte, wo er hergekommen war, Franzose, der er vorgab zu sein, hörte er nun, ob er nicht bald wieder dorthin zurückkehren würde. Aber wo hätte er hingehen sollen, er war höchst offiziell eine Person ohne Ort und ohne Mitte, das erste Etikett in Jahren, das ihn korrekt beschrieb. Es gab nur ein Hier, aber kein Wohin, und eine Vergangenheit, die aufgehört hatte, Heimat zu sein. Diese antikommunistischen Imperialisten machten Franco salonfähig. Das, nach Krieg und Flucht, nach dem Lager und diesem Zug, war die absolute und immergültige Niederlage. Wie konnten sie, nachdem sie Dachau befreit hatten, Miranda de Ebro hinnehmen, bis 1947, ein Konzentrationslager deutscher Machart? Wo hättest du da noch hinsollen.

Er wartete ein Vierteljahrhundert, dann stellte das kalte Herz von Franco seinen Dienst ein, und Antonio ließ sich den Weg zu ihrer Grabnische in Valencia weisen: eine Marmorplatte bester Qualität, der Name und das Datum, das Antonio erst hier erfuhr. Eine mit Goldlack ausgefüllte Gravur franquistischer Insignien. Sein Bruder hatte sich um alles gekümmert und wohl auch dafür gesorgt, dass die Wohnung nicht unbewohnt blieb. Der Nachbar wusste nicht, wohin Möbel, Bücher, persönliche Gegenstände gekommen waren, warum Kontor und Kanzlei betrieben wurden und Antonio noch nie eine Peseta gesehen hatte. Was es immerhin gab, man wird ja bescheiden, war ein kleines Kästchen mit den intimsten Dingen: ein Porträt des Vaters und das Hochzeitsfoto, ein wenig Schmuck. Der Ehering, schmal und nach langen Jahren Tragens etwas zerdrückt, den hätte man ihr im Tod auch lassen können. Familienbilder mit allen drei Söhnen und den Großeltern, die Söhne mit dem Schweizer Kindermädchen. Der Schlüssel fürs Haus im Dorf.

Nicht einmal seiner Mutter vertraute er an, was ihn nicht losließ. Ob es wirklich keine Möglichkeit gegeben hatte. Ob der Vater hätte leben können. Auch das ist die Hoffnung: dem Toten seinen Namen und ein Grab, ein anständiges, gemeinsam mit der Mutter, wo er hingehört. Eine neue Platte, mit dem Hochzeitsbild der beiden.

Der Duft von Brezn treibt Antonio die Spucke im Mund zusammen, er leckt über seine trockenen Lippen, Erinnerung an resche Kruste und Salzkristalle. Willst du da was?, fragt Margot. Wir haben aber auch zum Essen dabei. Die Mutter der Kompanie. Wäre sie eines Tages nicht mehr da, Pau wäre verloren. Der Laden würde zusammenbrechen.

Am Stand der Metzgerei riecht es deftig aus dem Häuschen heraus. Auf seinen Wegen durch die Stadt hatte Antonio stets das Gefühl, dass es schon wieder irgendwo eine neue Filiale gab. Carlos hat ihm einmal erklärt, was Lichtverschmutzung ist, und diese Läden waren etwas Ähnliches, Fleischereismog, grün-rote Lämpchen auf einem Stadtplan, sie sind überall. Egal wie lang er weg aus Spanien ist, ein bocadillo con jamón ist ihm immer noch lieber als eine Leberkässemmel. Antonio schüttelt den Kopf, da will er nichts, er kauft sein Fleisch prinzipiell beim Josef in der Feinkosthalle.

Einmal die Woche geht er durch die Oberländerstraße, dreht seine Runden über den Großmarkt auf der Suche nach seinen Papierchen, die Leute wissen seit Jahren Bescheid und legen sie ihm beiseite. Er schaut vorbei am Stand, wo ein paar wenige von seinen früheren Mitarbeitern übrig sind, wünscht guats Gschäft um der alten Zeiten willen. Noch immer steht sein Drehstuhl mit dem abgewetzten grünen Bezug im Büro, der Kassettenrecorder und daneben die abgenudelten Bänder, italienische Opern, Zarzuelas. Maite hat seine Leute – ihre Leute – gut im Griff, hat sich ihren Stand erarbeitet. Als wäre sie erst hier erwachsen geworden. Jetzt begegnen ihr die Burschen mit einer hemdsärmligen Galanterie, aber auch nur, weil die wissen, dass sie die Kisten zur Not selbst umstapelt. Noch so ein Kopfmensch, aus dem ein Arbeiter wurde, freiwillig. Antonio hat sie für ein halbes Jahr nach Mailand geschickt und für ein halbes nach Paris. Sie hat dort das harte Handeln und den gelassenen Umgangston gelernt, die richtige Mischung aus Kalkulation und Kulanz, sie sagt, Geschenke fürs ganze Jahr hast du gestern schon bekommen, wenn ein Kunde zum hundertsten Mal nach Rabatt fragt, ihr Handschlag ist fest. Nur manchmal, wenn ihr ein Mann überheblich kommt, geht sie an die Decke, noch gibt es den alten Prokuristen, der sie dann wieder runterholt. Antonio soll nicht ans Telefon gehen, sagt sie, doch manchmal ergeben sich nette Gespräche mit Lieferanten von früher, und wenn es Französisch braucht, ist sie doch froh, dass er da ist und an ihrer statt parliert. Auf einer elektrischen Platte steht eine Moka Express, aber der Kaffee ist ihm zu stark, ein entkoffeinierter Südländer ist er geworden, trinkt seinen Kaffee lieber beim Imbiss vom Weihrauch und nimmt manchmal sogar einen Leberkäs dazu. Bahnhof und Markthallen, die Oberlichter, die Stahlträger, die karge Leichtigkeit der Gebäude aus den Fünfzigern, hier wie dort blüht er auf im Gewebe fremder Sprachen und in den Geräuschen von Geschäftigkeit: das trockene Rollen von Koffern, das Surren elektrischer Gepäckwagen und der Ameisen in den Hallen, die Rufe und Durchsagen: das Leuchten in den Augen, wenn Arme sich ausbreiten, die Ungleichzeitigkeit der Schrittfolgen von Suchenden und Eilenden: die Sinnlichkeit von Obst und Gemüse, von frischem Gebäck und bunten Zeitschriften. Das Gefühl von Weite. Das Gefühl von Möglichkeiten.

Sie stehen immer noch vor dem Metzgerhäuschen, und Margot schaut ihn fragend an. Er trinkt zu wenig, Carlos kritisiert das immer. Ein Wasser vielleicht. Mit oder ohne? Was frag ich. Margot hat losgelassen. Immer ohne.

Die Weite ist tatsächlich nur ein Gefühl. Der Blick zum Horizont ist blockiert von der Glasfront über den Gleisen. Die Linien und Flächen zerfließen, Antonio kann das Geflecht von Fenstersprossen, Säulen, Kabeln, Leitungen und Stromabnehmern nicht mehr entwirren. Er hat ein Leben lang beobachtet und weiß, wie die Dinge aussehen. Jetzt noch diese Geschichte ans Licht fördern, dann ist gut. Carlos steht am Zug, seine Sonnenbrille schwarz wie eine Blindenbrille. Wo ist das Gepäck? Antonios Stimme besteht kaum gegen eine Durchsage am Gleis.

Alles schon drin, Opa. Aufblitzen von Zähnen. Noch so ein Zug rast durch die Erinnerung, schnell und kurz, dieselben Zähne graben sich in einen Steckerlfisch, da war sein Schneidezahn noch nicht abgebrochen, Kinderglück in den Mundwinkeln, dieses Kind hat immer alles mitgegessen, Fisch mit Gräten, Äpfel mit Butzen, Kirschen mit Kernen. Das waren die guten Jahre, die besten, die Nachmittage mit Carlos, nicht ohne Pannen, aber Carlos war gut zu haben, und Margot ließ ihn machen, dankbar. Dabei war das Kind für ihn das größte Glück. Er trieb seine Leute an, damit er den Marktstand pünktlich schließen konnte. Italienische Kollegen verspotteten ihn als mamma, für ihn war das ein Kompliment. Er nahm Carlos mit an den Bahnhof und ins Centro Español, mit Carlos erlebte er die Jahre, die er bei Pau verpasst hatte, du hängst an ihm vielleicht mehr als an deinem Sohn, wenn du das denkst, wird dir heiß vor Scham.

So schnell kannst gar nicht schauen, Opa.

Nein, so schnell kann er nicht mehr schauen.

Einsteigen. Türen schließen. Die Hilfe von Margot, die seine Hand ergreift und ihn in den Zug zieht, und die von Carlos, der von hinten stützt, lässt er über sich ergehen. Aber es stimmt schon, dass es das Einsteigen erleichtert.

Souveräne Republik

September 1990

Das Zimmer in der Studentenstadt riecht noch nach Farbe. Die Wand ist so blank wie dieser Neuanfang. Maite projiziert darauf ihr Leben in München, hier verschwimmen die Konturen ihres zu kleinen Zimmers in Valencia, der Blick auf die Mauer des Nachbarblocks, der schwere, uralte Schreibtisch mit den Schrammen auf der Platte. Im Wohnheim ist das Mobiliar schlicht, hell, anonym. Hier ist es verboten, Bilder an die Wand zu hängen, willkommen in Deutschland. Maite schiebt das Bett von einer Ecke in die andere, einfach weil es geht, und legt ihr Kissen ans Kopfende, ein Farbklecks inmitten von so viel Weiß. Der Blick aus dem Fenster raus ins Grüne. Die ersten Tage in München sind ein Taumel. Maite streift durch die Stadt, irrt durch die wild orangefarbenen Passagen der U-Bahn am Marienplatz. Das Türkis zweier Kirchtürme von seltsamer Form. Das Grün der Wiesen und Bäume im Englischen Garten, warum eigentlich Englisch? Das Blau-Weiß überall, Flaggen, Servietten, Tischdecken und Postkarten, schenkt sich nichts mit den neun Streifen Gelb und Rot in Valencia. Das Grau vieler Gebäude und auch des Flusses. Graues Licht. Eine graue-gelbe Stadt. Die Uni, herrschaftlich und schön, ganz anders als das Hochhaus in Valencia. Sie sucht, findet. Einschreibung als Erasmus-Studentin an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften, danach wird es einfacher, man verrät ihr die Tricks, ein U-Bahn-Ticket und ein Konto bei der Sparkasse, eine Telefonkarte, sie spricht mit Maribel, und noch bevor ihre Mutter an den Apparat kommen kann, ist die Karte leer, und sie muss zurück zur Post für eine neue. Der Wechselkurs ist kompliziert, die Scheine in ihrer Tasche haben wenig Nullen, Maite versucht, den Überblick zu behalten, wie viel Geld sie ausgibt, es erscheint ihr schmerzhaft viel.

In ihrer Wohngemeinschaft sitzt sie an ihrem ersten Sonntag um halb elf beim Frühstück statt in der Kirche. Der Kaffee ist grauenvoll, täglich nimmt sie sich vor, eine Mokakanne zu kaufen, und jedes Mal vergisst sie es im Lauf des Tages. Mit dem Spülschwamm würde Maribel nicht einmal den Fußboden wischen. Hannah wohnt hier am längsten und versucht, einen Mindeststandard an Sauberkeit durchzusetzen, insgeheim nennt Maite sie Doña Quijote. Schimmelndes Essen im Kühlschrank ist das kleinere Problem. Der Tiefpunkt, vorläufig, war eine Halal-Schlachtung in der Dusche. In der Zeitung liest Maite Artikel über die Vereinigung der beiden Deutschlands, über den Fall der Mauer und den Zusammenbruch der Sowjetunion, der ihren Vater hatte triumphieren lassen, als hätte er noch eine Rechnung offen. Nach den Jahren am Deutschen Gymnasium kann sie gut Deutsch. Lesen ist leicht. Aber beim Zuhören stößt sie täglich an ihre Grenzen, an neue Wörter und Sätze, die so in keinem Lehrbuch vorkamen. Ein Sprachklang, der unvertraut ist und schwer verständlich, ihre Lehrer redeten anders. Beim heiligen Jakobus in der Dachauer Straße wäre es einfacher gewesen, aber einfach ist nicht das, was sie will. Bei einem Abendessen schläft sie am Tisch ein.

Die spanischen Austauschstudenten kennen sich in kürzester Zeit, und obwohl es nicht das ist, was sie will, ist Maite dankbar für den Klang der eigenen Sprache und die Gewohnheiten, in die sie sich fallen lassen kann wie in einen alten Sessel. Frühstückskekse und Schinken von daheim, sie ist nicht als Einzige mit einem Koffer voller Essen angereist. Sie bevölkern den Partykeller des Wohnheims und die Bars im Univiertel. Sie erkunden das Ufer der Isar, fasziniert beobachten sie nackte Menschen am Fluss und Wellenreiter unter einer Brücke mitten in der Stadt. Gemeinsam stehen sie im Hofbräuhaus vor der Blaskapelle, bis ein Kellner mit übermenschlich großem Tablett sie ruppig zur Seite schiebt. Sie kaufen überdimensioniertes, köstliches Salzgebäck zu überdimensionierten Preisen und trinken Bier aus überdimensionierten Gläsern, den Jungs gefallen die Dekolletés, alles hier scheint größer zu sein als anderswo. Sie teilen sich einen Tisch mit gutgelaunten Italienern und noch besser gelaunten Australiern. Den Jungs imponieren die Kotzrinnen aus Edelstahl mit Haltegriffen, eine Errungenschaft deutscher Ingenieurskunst. Maite trägt das Bier, das sie zu viel hatte, gerade noch so nach Hause und übergibt sich in ein schlecht geputztes Klo ohne Haltegriffe. Es ist aufregend, es ist anstrengend, es ist wunderbar.

Am 1. Oktober erklären die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in New York das wiedervereinte Deutschland zum souveränen Staat, in der Küche laufen der Fernseher und die Vorbereitungen für die große Party zwei Tage später. Nachts steht Maite bierselig vor dem Spiegel im Gemeinschaftsbad und erklärt sich selbst zur souveränen Republik.

In diesem Licht sind ihre Augen fast schwarz. Fremd. Maite geht näher ans Glas, bis sie heller erscheinen, das eine nussbraun, das andere mehr bernsteinfarben, und noch näher, bis sie den Einsprengsel in ihrer linken Iris sehen kann. Die Wimpern sind rechts länger als links. Ein Stück zurück, Pupille und Iris und Wimpern werden zu einem Auge, eines wird zu zweien. Sie dreht den Kopf und versucht, ihr Profil im Spiegel zu erkennen. Jeden Tag fährt sie durch eine U-Bahn-Station mit dem Namen »Freiheit«. Was will sie eigentlich in München, in diesem Land, das sich gerade neu erfindet? Sie will keine abfälligen Blicke mehr. Sie will diese Anspannung loswerden, die sich in Wutausbrüchen entlädt, aber nie auflöst. Sich für etwas schämen, ohne zu wissen, wofür. Ihre Mutter, die eigentlich eine andere sein möchte. Das alles soll nicht ihr Problem sein. Sie will keine Rechenschaft ablegen, mit wem sie ihre Zeit verbringt. Sie kann hier einfach. alles. allein. entscheiden. Die Maite im Spiegel stößt auf und schwankt ein wenig.

In der Souveränen Republik Maite geht man abends lange weg und bleibt morgens lange im Bett. Sie stülpt die Oberlippe hoch und versucht die Nase zu erreichen, von vorn gesehen sitzen ihre Nasenflügel ein bisschen schief. Sie ist neu in einer fremden Stadt, manchmal einsam, doch nie so allein, wie wenn alle zu Tisch saßen. Sie ist auf sich selbst gestellt, schon einen ganzen Monat lang. Sie hätte niemals gedacht, dass ein September so kalt sein kann, und noch ist es nicht Winter. Sie wünschte sich die schwüle Hitze, die beständige Sonne Valencias zurück. Wenige Tage waren warm und schön gewesen, die Luft glasklar. Die Berge standen vor der Stadt zum Greifen nah, doch Maite schmerzten der Kopf und ihr Knöchel. In der Souveränen Republik Maite friert man lieber, als jenen scheußlichen Rollkragenpullover anzuziehen. Das Geld ihrer Mutter hat sie für andere Dinge ausgegeben. Sie bringt es nicht über sich, den Pullover wegzuwerfen. Er meint es doch nur gut, sagte ihre Mutter, und vielleicht wollte er tatsächlich, dass sie es warm hätte.

Maite schließt ihre Tür und hört den Klang des Schlosses zu Hause, drei Stahlbolzen, die in ihre Löcher greifen. Sie hat sich immer über sein Sicherheitsdenken lustig gemacht. Maite schlüpft unter die dünne Decke, die sie hier erst hatte kaufen müssen, und vermisst den Geruch ihrer Mutter. Irenes tänzelnde Schritte über den Flur, ihre luftigen Kleider und federleichten Tücher, ihre Blicke, manchmal vertraulich und manchmal feindlich. Jede Woche dasselbe Sonntagsritual, ätzend, doch schön.

Der Onkel und seine Söhne machen Feuer und justieren mit viel mannhaftem Hin und Her die Pfanne. Ihre Mutter und ihre Tante arbeiten schweigend nebeneinander in der Küche, gehen geschäftig ein und aus, decken den Tisch, holen Kaninchen und Huhn aus dem großen Kühlschrank, einen Teller mit Oliven für die Kinder, später Käse und Presswurst. Wenn das Feuer die richtige Intensität hat, genau die richtige, erschallt der Ruf, dass es losgehen kann: Fleisch, Gemüse, die Gewürze, Safran, das Wasser, es zischt und dampft und raucht aus der Paellera, und wenn der Reis eingerührt ist, kehrt Ruhe ein. Dann muss die Paella das Ihre tun. Was jetzt nicht gelungen ist, gelingt nicht mehr. Irene, Maite und ihre Cousins liegen in Liegestühlen auf der Veranda. Ihr Vater streift durch das weitläufige Areal, zwischen schmalen Lippen eine schmale Zigarette, die er mit seinen schwarz verfärbten Fingerspitzen hält. Er macht einen Schritt zu dieser Seite oder zu jener, sagt ab und zu ein Wort, beteiligt sich nicht an der Arbeit. Francisco junior gesellt sich zu ihm, schält beiläufig eine Orange, sie reden ganz vertraulich, konspirativ, bestimmt über die Arbeit. Er wird wie ihr Vater, ist ihm auf eine Weise ähnlich, dass er dessen alte Uniformen auftragen könnte, wenn sich nicht die Mode bei der Guardia Civil geändert hätte, selbst die gehen mit der Zeit.

Onkel Luis und seine Jungs sehen dann schon nicht mehr ganz so sonntäglich gesteift aus und nehmen sich ein kühles Bier wie Sportler nach der Partie, kicken mit ein paar Pinienzapfen. Und wenn Luis unbeschwert lacht und seinen dicht behaarten, berußten Arm um die weißen Hemdschultern seines Bruders legt, zuckt der zusammen, und Maite ist, als wisse Luis das genau und mache es absichtlich. Irgendwann wuchten zwei Mann die Paella aus dem Feuer und lassen sie ein wenig ruhen. In der Tischmitte ist ein Platz ausgespart, das Tischtuch mit mehreren Lagen Zeitungspapier vor Ruß geschützt. Gleich Kellnern neigen sie die Pfanne, um das Meisterwerk zu zeigen, und alle müssen loben und rufen Ah und Oh. Luis, die beiden Cousins und Maite nehmen an der Pfanne Platz, löffeln direkt aus der Paella heraus, hier geht das, weil der Hausherr es so macht, und Maite wäre nicht bei Verstand, wenn sie diese Gelegenheit ausließe. Es riecht nach Holz und Rauch, nach Öl und Gemüse und Fleisch, und Onkel Luis schanzt Maite die großen Bohnen zu, die sie besonders mag.

In der Souveränen Republik Maite gibt es sonntags keinen Kirchgang, aber auch keine Paella. Maite überkommt Heimweh, ganz plötzlich. Sie denkt an Maribel, die nachmittags mit Mama durchgeht, was sie am nächsten Tag einkaufen und kochen soll, ihr Klappern in der Küche, das knisternde Schaben ihrer billigen Strümpfe, ihr Geruch nach Seife, Schweiß und Zwiebeln. Ihre Handschrift auf einem Zettel: ein Schuss Essig wenn du magst und vergiss nicht Herd ausmachen.

Als Kind siebte Maite bei Maribel in der Küche Mehl. Man schüttelt und ruckelt, klopft gegen den Handballen, das Mehl weht fein heraus. Im Sieb bleiben feste Kügelchen zurück.

Wenn Maite nachts heimkam, hörte ihr Vater den Schlüssel im Schloss und erschien in seinem lächerlichen Altherrenpyjama im Flur, ohne das Licht anzumachen, ein Schatten vor dem blassen Licht des frühen Morgens, als könne sie Sodom und Gomorrha einschleppen wie einen bösartigen Virus. Wutstumme Begegnungen im Flur, Schläge ins Gesicht, aber sonst kaum Berührungen. Irene, die immer alles richtig macht. Die unbeholfenen Vermittlungsversuche ihrer Mutter, die am Ende immer, immer auf ein Machtwort gegenüber Maite hinausliefen. Die ungezählten Stunden eingeschlossen in diesem Zimmer, mit dem Blick auf die verdammte Wand gegenüber, zumeist war es Maite selbst, die einem Stubenarrest zuvorkam. Der Knöchel, den sie sich brach, als sie aus dem Fenster auszusteigen versuchte. Der Schlüssel in ihrem Innern. Auch das war Heimat. Es gehört zu ihr wie die Kindheitsnarben von aufgeschürften Knien, die fast unmerklich dunklere Stelle ihrer Haut, wo sie sich einst verbrannt hat. Er kann seine toten Schmetterlinge festpinnen, die in den Schubladen im Wohnzimmer verstauben, so konnte er mit seinen Gendarmen umgehen. Aber nicht mit ihr.

Die Mehlkügelchen kann man mit einem Löffel durch das Sieb pressen oder ganz behutsam herauspicken, aber früher oder später zerfallen sie einem zwischen den Fingerspitzen zu Staub. Komm zurück, hat ihr Vater am Bahnhof gesagt. Den Druck seiner Hand an ihrem Arm hat sie lange gespürt wie eine Prellung. Es sind nur einige Monate, aber es ist ein Anfang. Der Regierung der Souveränen Republik Maite wird etwas einfallen.

So different, this man

August 2004

Margot blickt auf das Postamt und schaut dem Heran- und Wegfahren der Trambahnen zu. Eigens einen Zug früher hat sie genommen, damit genug Zeit für alles bleibt. Sie steckt sich eine Zigarette an, die erste des Tages, und als sie daran denkt, dass sie ihr Leben lang nicht recht Spanisch gelernt hat, zieht sie gleich noch einmal. Das kann ja heiter werden.

Der Paul wollte sie nach München fahren, aber es ist unter der Woche, und sie weiß doch, wie es ihn in die Firma zieht. Seit sie entschieden haben, dass er verkaufen wird, ist er auf vorauseilendem Entzug, er klammert sich an die verstreichende Zeit, stemmt sich gegen die Zeiger der Uhr. Der Buster Keaton vom Staffelsee. Soll er in seinen Betrieb gehen. So hat sie eine wunderbare Zugfahrt erlebt, am Starnberger See entlang, auf dem schon die ersten Boote unterwegs waren. In Tutzing stieg eine Horde Sommerfrischler in den Zug der Gegenrichtung, sie würden schwäbeln oder sächseln und Rapport erstatten, wo man gut einkehrt und das wievielte Jahr sie schon in die Gegend kommen. Am amüsantesten sind jene, die auf der Hinfahrt schon die Brotzeit auspacken, ein Typus, der sich bereits während der Schulzeit ausformt, es gibt welche, die sind immer am Kauen. Margot hörte Joan Baez auf ihrem neuen iPod, der neu nur für sie ist, seit Carlos sich einen echt neuen zugelegt hat. Sie hat sogar daran gedacht, vor der Reise den Akku aufzuladen.

Das sind ihre letzten Sommerferien, Margot reckt ihr Gesicht in die Sonne. Den ganzen August und den halben September frei. Im neuen Schuljahr wird sie nach jeder gehaltenen Stunde ihre Aufschriebe wegschmeißen. Mit jedem Tag wird ihr Arbeitszimmer leerer werden. Das Leben leichter. Margot nimmt einen tiefen Zug und legt den Kopf in den Nacken. Na ja, das Leben war bis hierher gar nicht schlecht, es war eigentlich schön, und wenn’s nicht schön war, hat man sich’s schön gemacht. Gutes Alter, um zu gehen, da hat man noch was von seiner Zeit. Leisten können sie es sich. Dem Paul ist es gut gegangen mit seiner Fabrik. Auch mit dem Workaholic auf Entzug wird es schön werden, wirst sehen. Paul hat die Schnapsidee, dass er das Angeln anfangen will, Paul, der keine Minute stillsitzen kann, ohne eine Zeitung in die Hand zu nehmen oder einen Kaffee zu trinken. Er würde alle Fische davonrascheln, ihren Kommentar fand er nicht lustig. Es liegen schon die ersten Anglerkataloge im Wohnzimmer herum. Ihr Stummfisch fängt das Angeln an.

Margot genießt das Knistern des Tabaks vor ihrer Nase, den trockenen Rauch an den Poren in ihrer Mundhöhle. Sie wäre bereit für Enkelkinder. Lange genug verheiratet sind die beiden ja. Sie hat mitbekommen, wie Maites Schwester Kind um Kind bekam, dass man geradezu den Überblick verlor. Beim ersten ist Maite Patin, da war der Jubel noch groß. Mit jedem weiteren Kind der Schwester, ohne dass sich ein eigenes einstellte, nahm Maites Begeisterung ab, obwohl sie es zu verbergen versuchte. Carlos tat’s mit einem Schulterzucken ab, das Leben sei auch so schön, und dann wurde er grantig, Margot solle sich nicht einmischen. Maite arbeitet wie ein Ochse auf dem Markt, aber klar, wer sollte sie vertreten, der Carlos müsste sich halt ums Kind kümmern. Wenn sie daran zurückdenkt, welch eine Freude der Onkel Toni mit dem Carlos hatte.

Onkel Toni, Margot schmunzelt, das ist er all die Jahre geblieben. Obwohl er weder Toni heißt noch ihr Onkel ist. Mein Gott, sie hätte sich denken können, dass da irgendwas faul sein musste, als sie, weil das halt Ende der Sechziger so war, ihrem Vater vorwarf, einen Zwangsarbeiter eingesetzt zu haben, wenn der Zwangsarbeiter noch nach dem Krieg mit ihnen auf dem Hof lebte und Onkel genannt wurde.

Die Enkel erlebt man anders als das eigene Kind. Mehr Zeit, weniger Sorgen. Wie beengt sie damals hausten, als Carlos auf die Welt kam, in ihrer Studentenbude auf der Schwanthalerhöhe. Paul ein Arbeiterkind und sie selbst vom Bauernhof. Paul gründete seinen Betrieb, und sie schaffte Kind und Studium und Job. Kellnerte und las William Carlos Williams in der Zigarettenpause. So different, this man – And this woman: – A stream flowing – In a field. Das Glück war der Schwiegervater, einen Katzensprung entfernt in Sendling, der kam angeradelt nach der Schicht auf dem Großmarkt und nahm ihr den Carlos ab, damit sie sich aufs Staatsexamen vorbereiten konnte. Brachte Obst und Gemüse mit, hatte sich eigens einen Kindersitz auf sein Radl montiert. Die beste Kindsmagd war er gewesen, die sie sich vorstellen konnten, mit einer unendlichen Geduld und Einsatzbereitschaft.

Der Paul bemühte sich, aber mit dem kleinen Kind konnte er nicht viel anfangen. Bei dem einen Kind blieb’s dann auch. Diesen Schlag, von der eigenen Mutter verlassen zu werden, hat der Paul nie verwunden, eine Verletzung, die ihn in seinem Vatersein geprägt hat, grad so, als verdächtige er sich, eines Tages ohne Vorwarnung aus Carlos’ Leben zu verschwinden. Dabei ist er sesshaft wie ein Bauer, ihr Bruder Vinzenz mit seiner Berghütte ist ein Landstreicher dagegen. Pauls Rezept gegen seine Beschwerden war nicht mehr Präsenz, sondern weniger. Nicht mehr Kinder, sondern nur eins.

Antonio hat mit Carlos Bücher gelesen, das Kind konnte seinen Namen schreiben, als es in den Kindergarten kam, und in diesen Momenten musste Margot sich in Erinnerung rufen, dass er nicht immer Industriearbeiter und Packer auf dem Großmarkt gewesen war. Die Träume vom Studieren in Paris, alles perdu. Zwangsarbeiter. Und die sind auch noch damit durchgekommen. Da haben sich zwei Hallodris gefunden. Vielleicht war ja der Sinneswandel ihres Vaters, sie studieren zu lassen, nicht vom Himmel gefallen, vielleicht hat sie das am Ende dem Antonio zu verdanken, das müsste sie ihn mal fragen. Perlen vor die Säue, wirklich, wenn sie und Paul hätten Bauern werden müssen. Sie grinst und drückt die Zigarette aus. Ein Fahrer am Taxistand lehnt an seinem Auto und lächelt zurück. Südländisch. In seinem lachsfarbenen Poloshirt muss er eigentlich Italiener sein. »Glücklicher Tag heute?«

»Kann nicht klagen.«

»Sicher, dass Sie nirgendwo hinfahren möchten? Taxi?« Er schiebt die Sonnenbrille auf die Stirn. Definitiv. Nur Italiener haben diesen Knochen an der Stirn, an dem eine Sonnenbrille hält.

»Nein danke, mille grazie«, lacht sie und denkt, an den Gardasee könnte man auch mal wieder fahren, und, diese leichte Sommerstimmung steht in einem seltsamen Widerspruch zum Anlass der Reise, und überhaupt, wo bleiben die denn.

Als sie ihr Feuerzeug an die zweite Zigarette hält, hört sie Carlos’ Stimme ganz nah an ihrem Ohr. »Schon mal eine Raucherlunge von innen gesehen?«

Sie verbrennt sich fast die Nasenspitze. Diese sportlichen Gesundheitsfanatiker, die im Rettungsdienst arbeiten. Diese Klugscheißer, die in ferner Vergangenheit mal ein paar Semester Medizin studiert haben und glauben, sie wüssten Bescheid. Sie herzelt ihn schon, aber die anderen sind gar nicht da.

»Die stehen am Eingang, der Taxifahrer hat uns zum Nordeingang gefahren, und der Opa wollte partout aussteigen, mit dem Fuß hat er die Tür aufgestemmt, weil man sich das Geld fürs Ums-Eck-Fahren ja sparen kann, dabei war’s nicht mal sein Geld.«

Antonio steht vor der Halle, eingehakt bei der Lieblingsschwiegerenkelin, der einzigen, die er hat und die mit ihm so sanftmütig ist wie mit sonst niemandem, nicht einmal mit Carlos. Er trägt eine cremefarbene Sommerjacke und einen Sonnenhut. Er hat wieder zu viel Eau de Cologne aufgetan, Margot beugt sich für eine leichte Umarmung zu ihm. »Neu?«, fragt sie, und er nickt, stolz wie ein Kind am Tag der Einschulung.

»Wir waren gestern noch shoppen«, sagt Maite, und da fallen Margot auch Antonios leichte Trekking-Schuhe auf, sie hebt anerkennend die Brauen. Er winkt abwiegelnd mit der Hand. Wenn sie Antonio so sieht, wie er zufrieden und guter Dinge dasteht, dann hat sie vielleicht unrecht. Dann tut ihm das vielleicht doch gut.

Paul und sie waren gegen die Reise gewesen, zu anstrengend für einen alten Mann. Die Fahrt war noch das wenigste. Wer konnte wissen, ob es nicht zu viel würde, körperlich, von allem anderen ganz zu schweigen. Antonio hielt dagegen, ob er den ganzen Tag im Sessel sitze oder im Zug, da sei ihm doch der Zug lieber, mehr als vier Stunden schlafe er sowieso keine Nacht. Und dann, wie zu sich selbst, aber doch für alle hörbar, er habe eine ganz andere Zugfahrt überlebt. Was will man da noch sagen.

Paul ist überhaupt gegen die ganze Aktion. Eine Zeitlang hielt er Maite für eine Art Rädelsführerin, sie soll doch andere nicht hineinziehen in die Fehde mit ihrem Vater. Carlos stellte klar, dass der erste Impuls von Julia gekommen war, da konzentrierte Paul sich intensiv darauf, die Haut von der Salami zu ziehen, denn während Maite ihrem Vater nichts durchgehen lässt, hat Paul kein schlechtes Wort für seine Mutter.

Egal was zwischen Julia und Antonio im Argen lag, es hätte ja nicht gleich Frankreich sein müssen. Ein anderer Stadtteil hätte auch gereicht. Statt die Schande selbst auszuhalten, hat sie Paul und Toni die Schmach vor die Füße gekippt wie Gülle. Sie hatte sich heimlich einen Entwurf gemacht, ein Schnittmuster für ein Leben allein, hatte alles mit sich ausgemacht und hielt es für das Beste, Antonio und Pau zurückzulassen in diesem Deutschland, das ihr wirklich unerträglich gewesen sein musste, wo ihrer Ansicht nach die Frauen ausnahmslos in grob gestrickten Westen herumliefen und keine Brüste hatten oder viel zu große, wo die Kleider ohne Taille waren und die Röcke bis unters Knie reichten. Hätte sie mal nur ein paar Jahre länger durchgehalten. Nicht einmal so eine Epiphanie wie das Dirndl hatte sie bei ihrem Mann und ihrem Sohn halten können und auch nicht die Nymphenburger Damen, für die sie nähte und deren abgelegte Eleganz sie sich weigerte aufzutragen. Ein Gespräch am Küchentisch, bei dem keiner viel sagte, den knappen Erklärungen Pauls nach zu schließen, und Margot hat keinen Grund, daran zu zweifeln. Paul ungläubig, dann panisch, dann voller Wut, schließlich rächte er sich mit klebrigem Schweigen. Was er bis zur Abreise tat, daran kann er sich nicht erinnern, eine Woche, die in alle Richtungen davonsprang wie eine umgekippte Steige Orangen. Seine Erinnerung, aber was weiß man schon sicher nach so vielen Jahren, setzt wieder ein am letzten Tag. Sie überqueren den Innenhof, Onkel Toni koffertragend wie ein Lakai, Julia hebt eine Hand, und Paul schließt das Fenster mit einem Knall, er hat sich eingeschlossen und verweigert seiner Mutter den Abschied, das würde er bereuen, aber diesen Fehler konnte er nur selbst machen.

Später das Hickhack rund um Carlos’ Hochzeit, ob sie nun käme oder nicht, ob sie mit einem Täter an einem Tisch sitzen könne. Der Onkel Toni konnte das verkraften. Morgen haben die beiden Hochzeitstag, dass sie den nicht vergisst. Sieben Jahre. Man buchte für Julia einen Flug und stornierte ihn wieder, nur um ihn ein paar Wochen später in Eile für ein Vielfaches des Preises erneut zu buchen, Paul musste am Vorabend der Hochzeit, als alle weiß Gott Besseres zu tun hatten, ins Erdinger Moos fahren und seine Mutter am Flughafen abholen. Er tat das mit einer unterwürfigen Beflissenheit, die Margot schmerzte, so als wäre er siebzehn und könne Julia durch gutes Betragen doch noch erweichen zu bleiben. Nur gut, dass Paul bei der Reservierung im Gasthof nicht dabei gewesen war. Sie buchten das halbe Hotel für die neue Verwandtschaft aus Spanien, die Seniorchefin fragte, ob denn die Schwiegermutter auch käme. Stämmig und herb in ihrem rustikalen Dirndl, zuckte sie mit den Schultern, dass die sich das traut, nachdem sie euch so hat sitzenlassen, magst noch einen Kaffee? Das Dorf vergisst nichts. Der Geschmack in Margots Mund war bitter genug, versüßt nur dadurch, dass nicht ihr Paul hier am Tresen stand, der hätte den Kaffee sogar noch genommen.

Margot hakt sich bei Antonio unter, um ihn zu stützen, aber es darf nicht so aussehen. Sie gehen durch die Flügeltüren in die Schalterhalle. Vor ihnen schwankt ein turmhoher Rucksack auf den Beinen von Carlos, Maite zieht zwei Koffer, sie geht zur Seite geneigt, in das Gewicht einer Umhängetasche gelehnt, unter den Arm geklemmt eine Wasserflasche aus Plastik. Diese jungen Dinger können keinen Schritt tun ohne eine Flasche Wasser.

Margot lotst Antonio in Richtung des Briefkastens am Durchgang zum Gleisbereich.

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