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Blutlinie der Götter

René Pöplow

Blutlinie der Götter

Die Berrá Chroniken Band 1


Dieses Buch ist meiner geliebten Sarah gewidmet


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Blutlinie der Götter

René Pöplow

 

Blutlinie der Götter

 

 

Gewidmet

meiner geliebten Sarah

Vorwort

Dies ist die überarbeitete Version von „Blutlinie der Götter“. Die Unterschiede zur Printversion von 2010 sind, eine bessere Formatierung, grammatikalische Korrekturen und ein leserfreundliches Schriftbild. Dennoch sind letzte Fehler natürlich nicht auszuschließen. Aufgrund der Rahmenbedingungen für eBooks, entfallen leider die meisten grafischen Darstellungen der Landschaften und Völker. Diese könnt ihr euch jedoch jederzeit auf meinen Internetpräsenzen ansehen.

Die Berrá Chroniken basieren auf einigen Hörbüchern welche ich 2008 für eine Radiosendung produziert habe. Im ersten Kapitel versuche ich die Geschehnisse dieser Hörbücher kurz wiederzugeben, um dem Leser ein besseres Verständnis zur Vorgeschichte zu geben.

Ähnlichkeiten mit toten oder noch lebenden Personen sowie geschichtlichen Ereignissen sind Zufall und vom Autor nicht beabsichtigt.

Unerlaubte Vervielfältigung, Verbreitung, Verletzungen gegen das Urheberrecht oder das Verwenden von Buchinhalten zu unautorisierten Zwecken werden vom Rechteinhaber zur Anzeige gebracht.

Informationen über die Berrá Chroniken und andere Buchprojekte des Autors finden Sie unter www.elrikh.de und www.facebook.com/berra.chroniken

1. eBook Auflage 2013

Das Original ist von 2010

© René Pöplow

Sämtliche Rechte liegen beim Autor

Prolog

Die bisherige Reise war sehr anstrengend für den jungen Menschen gewesen. Fern von seinem Zuhause und der Familie, welche er liebte, begab er sich auf die Suche nach etwas von dem er nicht wusste was es war. Sein Herz konnte ihm nicht offenbaren wonach es begehrte. So war er gezwungen, dem inneren Ruf zu folgen, der in ihm schlummerte. Alles hatte er zurückgelassen. Und wofür? Für die wage Hoffnung, dass seine innere Begierde gestillt werden würde. Viele Augen ruhten auf ihm. Einige sahen seine Taten mit Wohlgefallen, andere würden alles dafür tun um ihn auf seinem Wege aufzuhalten. Doch auf welcher Seite standen die Götter? Und auf welcher Seite standen die Menschen welche ihn begleiteten? War es das Erbe seiner Ahnen welches ihm diesen Weg bescherte, oder waren es fremde Kräfte die sich seiner bemächtigen wollten? In einem Traum sah er ein Land welches übersät war von Feuer und Asche. War dies die Welt wie sie ihn erwarten würde wenn er scheiterte? Oder war dies der Ort an den er sich begeben musste um das drohende Unheil abzuwenden? Niemand konnte ihm diese Fragen beantworten. Er musste selbst am Rad des Schicksals drehen und sich seinen Weg durch diese Welt und ihre Gefahren suchen.

Die Prophezeiung

Er wird über die Meere segeln und den Samen des Bösen in sich tragen. Die Kinder der Dunkelheit werden sein Herz brechen und sein Blut schänden. Sobald dies geschieht, wird der Dunkelgott seine Seele besitzen, und mit ihrer Hilfe die Welt in Finsternis stürzen. Wenn die schwarzen Flammen das Fleisch des Einen küssen, ist der Dämon bereit sein Exil zu verlassen, und das Tor in die jenseitige Welt zu öffnen.

aus

„Entstehung der Götter“

unbekannter Verfasser

3. Zeitalter

 

Auf hoher See

Elrikh stand an Deck der Sturmtaucher und blickte in die ungewisse Zukunft. Seine Kleidung und auch er selbst waren von der gnadenlosen See nicht verschont geblieben. Mehr als einmal fragte Elrikh sich, ob er wohl eher vom Schiff gespült und ersaufen, oder vom Meerwasser durchtränkt und des Nachts erfrieren würde. Noch niemals zuvor war er an einem Ort gewesen wo sich Regen und Sonne einen derartigen Kampf lieferten. Beinahe jede Stunde wechselte die Farbe des Himmels zwischen einem strahlenden Blau und einem wolkenverhangenen grauen Schleier, aus dem sich der Regen wie aus Eimern über den Reisenden ergoss. Jeder Hitzewelle folgte unweigerlich ein kräftiger Schauer. Als Elrikh erneut der Geschmack des Marokha-Meeres auf der Zunge brannte, entschied er sich innerlich dafür lieber zu erfrieren, als über Bord zu stürzen und in den kalten Fluten der See zu ertrinken. Er konnte sich nicht erklären, wie Meerwasser, welches an der Küste von Obaru zum trinken verwendet wurde, hier draußen auf See so entsetzlich schmeckte. Immer wieder hörte er von den Seeleuten, dass sie bereits viele Kameraden an das Meer verloren hatten. Meistens hauchten sie ihr Leben mit einem Brennen in der Lunge aus und dienten danach den Fischen als Futter. Bei dem Gedanken daran fröstelte es den jungen Menschen. Ein Leben als Seefahrer käme für ihn nie in Frage. In den Jahren, in denen er das Handwerk eines Zimmermannes erlernte, hatte er an so manchem Schiff mitgebaut. Aber einmal auf einem dieser riesigen, hölzernen Bauten über die Meere zu segeln, daran hatte er selbst in seinen wildesten Träumen nicht gedacht. Es hatte Elrikh jedes Mal mit Stolz erfüllt wenn eines der fertig gestellten Schiffe zu Wasser gelassen wurde und die Menschen ihm und allen anderen die es errichtet hatten, lobend und anerkennend auf die Schulter klopften.

Seit nunmehr achtzehn Sonnenumläufen lag die Sturmtaucher unter vollen Segeln und tanzte auf den Wellen auf und ab. Immer das eine Ziel vor Augen, die gegnerische Flotte des Eisernen Imperiums zu stellen und zu versenken. Elrikh hatte in den vergangenen Tagen sehr viel über das Imperium erfahren. Die Seemänner erzählten sich so einiges über dieses umstrittene Reich. Meistens ging es um die so genannte „Stählerne Armee“, welche dort allgegenwärtig zu sein schien. Dieser Name wurde den Soldaten gegeben weil sie, noch um einiges mehr als andere Krieger, Wert darauf legten stets in voller Kampfmontur zu erscheinen. Nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Pferde, die Knappen und sämtliches Kriegsgerät waren bis aufs Äußerste mit kunstvoll geschmiedetem Eisen gepanzert. Es machte immer den Eindruck als würde eine gigantische Schlange aus Stahl durch das Land ziehen wenn die Soldaten zur Schlacht ritten.

Seit jeher war das Imperium reich an Erz. Manche behaupten, dass das Volk der Zwerge einst ihre Geheimnisse der Bergbaukunst an das Imperium verkaufte, bevor es diese Welt verließ um jenseits des Meeres ein neues Leben zu führen. Nachdem der damalige Imperator damit begann das Erz abzubauen und unzählige Schmieden errichten lies, bekam das Land den Namen „Eisernes Imperium“. Dass ein Reich, welches auf der Herstellung und dem Handel mit Waffen und Rüstungen aufgebaut war, eines Tages als Land des Krieges verschrien sein würde, lag auf der Hand. Und nun war die Zeit des Krieges anscheinend gekommen. Die Valantarflotte segelte auf direktem Kurs nach Komara, jenem Kontinent, den das Imperium sein Eigen nannte. Und die Sturmtaucher war eines der Schiffe, welches zu dieser gewaltigen Flotte gehörte. Zwar waren es keine edlen Ritter die Elrikh hier umgaben, doch waren sie nicht minder gefährlich. Das Schiff, auf dem er das Meer überquerte, stand unter dem Befehl von Rezzo dá Male. Er und seine Mannschaft von Söldnern hatten sich ihre Beteiligung an dieser Schlacht gut bezahlen lassen. Und das mit Recht. Nicht nur, dass sie beabsichtigten, eine der gefürchtetsten Armeen aller Zeiten anzugreifen, alleine die Reise über das unbezähmbare Meer kam Elrikh wie ein Ritt direkt in die Unterwelt vor. Der Tanz über die Wellen und durch den Sturm hatte nicht nur dafür gesorgt, dass er kaum Nahrung bei sich behalten konnte, das Wasser hatte außerdem jede Faser seines dicken braunen Umhangs durchnässt und ihm damit das Gewicht eines Felsbrockens verliehen. Die geschnürten Lederstiefel boten zwar, genau wie seine gepolsterte Kleidung, Schutz vor Kälte, jedoch nicht vor der Unbarmherzigkeit des Meerwassers. Es schien keinen Platz an Bord zu geben der nicht vom salzigen Nass umspült wurde. Weder an Deck noch in den Laderäumen fand man ausreichend Schutz vor Wasser und Kälte. Sein schulterlanges, dunkelblondes Haar hatte Elrikh mittlerweile zu einem engen Zopf gebunden, damit es ihn im Sturm nicht die Sicht nahm.

Wie war er nur in all das hineingeraten? Er war ausgezogen um auf Wanderschaft zu gehen und endlich die schönsten Orte seines Heimatkontinentes zu besuchen. Und nun stand er an Deck eines Kriegsschiffes welches eine feindliche Flotte jagte. Elrikh versuchte sich das Geschehene der letzten Zyklen ins Gedächtnis zu rufen.

Umlauf für Umlauf war er auf seinem Hengst Sinal durch die Landschaften geprescht und hatte sowohl wunderschöne, als auch finstere Orte gesehen. Während seiner Reise traf er in dem Gasthaus „Zur rülpsenden Kröte“ eine Familie, die ihren ältesten Sohn vermisste. Der Vater hatte ihn ausgeschickt um zur Stadt Inaros zu reiten und die Soldaten zu warnen, dass Seeräuber, welche sich später als Soldaten des Eisernen Imperiums zu erkennen gaben, in der östlichen Barinsteppe gesichtet wurden. Seitdem war der Junge mit Namen Alkeer nicht mehr von seiner Familie gesehen worden. Die Eltern machten einen dermaßen hilflosen Eindruck auf Elrikh, dass er nicht lange überlegte und ihnen seine Hilfe anbot. Er versprach ihnen nach Alkeer zu suchen und ihn zurück zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt erschien es ihm als eine einfach zu bewältigende Aufgabe. Niemals hätte er daran gedacht wie sehr diese Entscheidung sein Leben beeinflussen würde. Sein erstes Ziel war die Stadt Inaros. Dort gab es nicht nur bunte Menschenmengen, sondern auch Geschöpfe die er noch nie gesehen hatte. Händler aus allen Teilen der Welt schienen sich auf dem großen Marktplatz vor dem Stadtverwaltungsgebäude zu sammeln um lauthals ihre kostbaren Waren anzupreisen. In der Luft lagen unglaublich viele Gerüche die Elrikh noch nie vernommen hatte. Überall brannten Dufthölzer, die herrliche, teils aufdringliche Aromen verbreiteten. Speisen, deren Ursprung man nur erraten konnte, wenn man sie nicht kannte und von denen er die eine oder andere Kostprobe gereicht bekam, wurden von alten Frauen mit Bauchläden angeboten. Allerdings versagte ihm der Hunger, nachdem er ein Stück probierte welches so scharf gewürzt war, dass er meinte Feuer spucken zu können. Kaum zu glauben, dass es Menschen gab, die solche Speisen in großen Mengen verschlingen konnten. Einer davon stand damals direkt neben ihm an einem der Stände. Der dicke Mann hielt in jeder Hand ein halbes Dutzend Holzstäbe, an denen allerlei verschiedenes Fleisch und etwas, dass nach gebratenen Augäpfeln aussah steckten. Sein schwarzer Schnurrbart hätte eigentlich verhindern müssen, dass er so wohl beleibt war. Fleischreste und Öl tropften aus ihm heraus und sammelten sich auf Kinn, Bauch und Brust. Ihn schien es jedoch nicht zu stören, dass er aussah wie ein gemästetes Schwein mit Schnurrbart und Filzhut. Im Gegenteil. Grinsend und mit aufrichtiger Höflichkeit in den Augen bot er Elrikh einen der tropfenden Fleischspieße an. Mit einem gequältem Lächeln lehnte dieser dankend ab und drängte sich stattdessen weiterhin durch das dichte Gewühl, welches auf den Straßen von Inaros herrschte. Elrikh war überrascht als er zwischen den vielen fremdartigen Wesen auch Kobolde und Gnome sah. Diese beiden Rassen waren in den Dörfern die er kannte, eigentlich nie gerne gesehen. Haftete ihnen doch der Ruf als ewige Gauner, Betrüger und Störenfriede an. Diese Zeitgenossen allerdings schienen sich prächtig mit den Händlern und den reichlich vorhandenen Stadtbediensteten zu verstehen. Sie scherzten und hoben den einen oder anderen Humpen Malzbier zusammen. Im Bockental, seiner Heimat, waren sowohl Kobolde als auch Gnome keine willkommenen Gäste in den Schankstuben. Vielleicht lag es auch daran, dass die Grünhäute dort in der Wildnis lebten und andere Umgangsformen als ihre Artverwandten aus der Stadt gewohnt waren. Das letzte Mal als Elrikh einen Gnom gesehen hatte, erleichterte dieser sich gerade in einen großen Bierhumpen, den er danach einem Mann unter schob, welcher ihn zuvor als „verschrumpelten Trollschwanz“ beschimpft hatte. Lächelnd dachte er an dieses Erlebnis zurück und setzte alsdann seinen Weg durch die Gassen der Stadt fort. Nach einer kleinen Ewigkeit fand er schließlich die Stadtverwaltung und wurde von einem hilfsbereiten Beamten namens Kutor, zum Hafen von Alchor geschickt. Dort sollte sich Alkeer aufhalten. Anscheinend hatte man ihm gestattet auf einem der Kriegsschiffe als Bootsjunge anzuheuern. Auf seinem Weg zu der Hafenstadt durchquerte Elrikh schließlich den Kleewald. An diesem finsteren Ort wuchsen absonderliche Bäume die den Eindruck vermittelten als würden sie wundersame Gesänge von sich geben. Wanderer die den Wald durchquerten wurden von den sonderbaren Klängen verführt, so dass sie blind für jede Gefahr, in die morastigen Sümpfe liefen und dort ein qualvolles Ende fanden. Glücklicherweise war Elrikh in Begleitung von Sinal unterwegs. Sein Pferd schien einen guten Instinkt für die sicheren Wege durch die gefährlichen Sümpfe zu haben und trug ihn wohlbehalten an das Ziel seiner Reise. Im Hafen von Alchor angekommen fand Elrikh eine gewaltige Flotte von Kriegsschiffen vor, die sich bereit für die Überfahrt nach Komara machten. Schließlich fand er heraus, dass Alkeer auf einem der über achtzig Kriegs- und Versorgungsschiffe war, um in die Schlacht zu ziehen. Elrikh erkaufte für sich und seinen treuen Hengst einen Platz auf dem Söldnerschiff Sturmtaucher, um nach einem jungen Mann zu suchen, den er weder kannte noch wusste wie er aussah. Alles was ihm helfen konnte Alkeer zu erkennen war jene Beschreibung, die dessen Vater Kumar ihm gegeben hatte.

Seine Hoffnung setzte Elrikh nun auf etwas, dass er vor zwei Sonnenumläufen in einem Gespräch von einigen Söldneroffizieren heraushören konnte. Da hieß es, dass die Flotte in Kürze Land anlaufen würde, sofern sie die feindlichen Schiffe nicht innerhalb der nächsten Tage einholen könnte. Die Heimat des Feindes war nicht mehr weit entfernt. Die Kommandanten wollten es nicht riskieren, dass die Flüchtenden sich mit frischen Flottenverbänden stärkten und dadurch das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten veränderten. Deswegen wollte der Flottenmeister sie entweder rechtzeitig abfangen oder eine Inselgruppe, die sich einige Sonnenumläufe vor Komara befand ansteuern. So konnte die Flotte sich neu formieren und die Soldaten erhielten die Möglichkeit sich von der anstrengenden Überfahrt zu erholen. Da die feindlichen Schiffe einen zu großen Vorsprung hatten, würde es wohl nicht mehr lange dauern bis der Befehl den Kurs zu ändern und die Inselgruppe Rankhara anzulaufen offiziell gegeben wurde. Dann würde Elrikh die Chance erhalten sich unter den Besatzungen umsehen zu können, um Alkeer zu finden oder vielleicht auch nur jemanden, der wusste wer er war und auf welchem Schiff er diente.

Erneut schlug eine Welle gegen den Rumpf der Sturmtaucher und ergoss sich über die ohnehin schon rutschigen Planken. Der junge Bockentaler wurde aus seinen Erinnerungen gerissen und zurück in die unschöne Gegenwart geführt. Das spritzende Meerwasser regnete auf ihn hernieder. Elrikh versuchte erst gar nicht dem kalten Nass auszuweichen. Wohin hätte er auch gekonnt? Unter Deck hatte er es einfach nicht mehr ausgehalten. Der Gestank von Schweiß, kaltem Rauch, altem Essen und vergorenem Bier hing in der Luft, die seine Unterkunft erfüllte. Er würde lieber versuchen sich mit dem Unwetter anzufreunden, als den ganzen Tag im stinkenden Schiffsbauch zu verbringen. Das Einzige was Elrikh das Warten im kalten Sturm etwas erträglicher machte, waren die Gedanken an das Bockental und an das Mädchen Limar. Sie war die Enkelin von Olpa, einem Weisen aus Elrikhs Heimatdorf. Der alte Mann hatte das Mädchen seit dem Tod ihrer Eltern aufgezogen und war stets bemüht ihr eine schöne Kindheit zu bescheren. Limar war es, die Elrikh Wärme in sein Herz brachte wenn er an sie dachte. Und er wusste, dass sie ebenso für ihn empfand. Oft saßen sie gemeinsam an der alten Mühle die auf einem Hügel nahe dem Dorf stand und sprachen über ihre Zukunft. Limar schwärmte immer davon eines Tages eine große Familie zu haben. Wahrscheinlich war es das Verlangen Teil einer richtigen Familie zu sein, dass sie davon träumen ließ. Olpa hatte zwar immer gut für sie gesorgt, aber er war nun mal nur ihr Großvater. Sie hatte nie erlebt wie es ist mit einer Mutter und einem Vater aufzuwachsen. Deshalb war ihr Wunsch danach selbst eine Mutter zu werden wohl sehr gut zu verstehen. Limar vertraute solche Gefühle nicht jedem an. Dessen war sich Elrikh sicher. Umso geschmeichelter fühlte er sich jedes Mal wenn sie ihre Gedanken mit ihm teilte. Sein Herz sagte ihm, dass er derjenige sei, von dem Limar sprach wenn sie von ihrem zukünftigen Mann und ihren Kindern erzählte. Jetzt bedauerte er, vor seiner Abreise aus dem Bockental, nicht noch einmal mit ihr gesprochen zu haben. Aber woher hätte er damals wissen sollen welch lange Reise vor ihm lag?

„Gibt es schon neue Befehle für die Sturmtaucher?“, fragte Elrikh einen der Söldner als dieser gerade in die Kabine des Kapitäns treten wollte. „Sollte dem so sein wirst du es schon früh genug erfahren, Bursche!“ erwiderte der sichtlich angetrunkene Mann. „Klammer du dich nur weiter an der Reling fest und kotze dir die Seele aus Leib! Die Möwen freuen sich jedes Mal wenn sie ein zweites Frühstück serviert bekommen.“

Die Kleidung des Mannes sah aus als würde er sie schon seit Jahren am Leibe tragen, ohne sie zu waschen. Außerdem umgab ihn ein schwerer Branntweindunst.

Ohne weiter auf den jungen Bockentaler zu achten, drehte er ihm den Rücken zu und strich sich seine Haare glatt, ehe er in die Kapitänskabine wankte. Elrikh ärgerte sich über die Bemerkung des Saufbolds. Es hatte ihn einen Großteil seiner Barschaft gekostet sich einen Platz auf dem Schiff zu erkaufen. Kapitän dá Male wusste, dass es eine strenge Order gab keine Passagiere auf die Überfahrt mitzunehmen. Elrikh hatte nicht die Absicht bei ihm als Schiffsjunge anzuheuern, also musste er lange feilschen, um für sich und Sinal Platz zu erkaufen. Ob es die Gier nach Geld oder die Sorglosigkeit von dá Male war, welche ihm am Ende geholfen hatte, vermochte er nicht zu sagen. Ihm war nur wichtig, dass er einen Weg über das Meer gefunden hatte. Elrikh hatte nie verstanden warum Männer wie Rezzo einen so hochtrabenden Titel wie „dá“ in ihrem Namen trugen. Diese Bezeichnung diente dazu Rezzo als Kapitän zu betiteln und gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass er keinen militärischen Rang hatte, sondern lediglich ein Söldnerschiff kommandierte. Elrikh empfand es als irritierend, jemandem der sowieso als Kapitän bezeichnet wurde, einen zusätzlichen Titel zu geben. Aber wer war er schon, dass er es wagen würde die Regeln der Beamten in Frage zu stellen? Söldnern Kapitänstitel und Offiziersränge zuzusprechen passte so gar nicht in sein Bild das er von den glänzenden Rittern hatte. Allerdings wurde ihm mit jedem Tag der verging klarer, dass er bisher kaum etwas von der Welt und ihrer Ordnung gesehen hatte. Er ließ seine Augen über die unzähligen Schiffe wandern, welche zur Flotte gehörten und wurde sich abermals der großen Herausforderung bewusst Alkeer zu finden. Stets waren seine Gedanken auf dieses Ziel gerichtet.

Hoffentlich kommt bald der Befehl für den Landgang. Ich muss mich nach Alkeer umsehen. Aber was soll ich bloß tun wenn ich ihn gefunden habe? Wie sollen wir zurückkommen nach Obaru? Keines der Söldnerschiffe wird bereit sein seinen Kurs zu ändern, um uns in einem anderen Hafen an Land zu lassen. Und was mache ich überhaupt wenn Alkeer gar nicht nach Hause will?
Elrikh konnte nicht anders als ein kleines Stoßgebet zum Himmel zu schicken.

„Oh Ikaru, Gott der Gnade und der Vernunft. Hilf mir bei meiner Suche und gebe mir die Kraft der ich bedarf um ein Kind zu seinen Eltern zurückzubringen.“

Gerade als er unter Deck nach Sinal sehen wollte wurde sein Wunsch erfüllt. Rezzo dá Male trat vor seine Männer und verkündete die neuesten Befehle vom Flottenmeister. Seinem Äußeren sah man an, dass er aus den südlichen Gefilden Obarus stammte. Er hatte eine dunkel gebräunte Haut und war ein Mann von untersetzter aber kräftiger Statur. Sein Gesicht zierte ein dicker schwarzer Schnurrbart der ihm etwas Sympathisches verlieh. Die Kleidung war wie bei allen Kapitänen eines Söldnerschiffes ein bunt zusammen gewürfeltes Sammelsurium an edleren Stoffen, denen man auf den ersten Blick ansah, dass sie nicht zusammenpassten. An den Fingern und um den Hals trug er dermaßen viel Goldschmuck, dass er vermutlich wie ein Stein zum Meeresgrund sinken würde wenn er über Bord fiel.

„Die valantarische Armee sendet eine Gruppe Soldaten von einem ihrer Flaggschiffe auf die östlichste der Rankhara Inseln um sie auszukundschaften. Wir und eine Handvoll anderer Schiffe sollen vor Anker gehen und auf weitere Befehle warten. Landurlaub wird es also so schnell nicht geben!“

Das vorangegangene Gemurmel der Männer wandelte sich abrupt zu einem lautstarken Ausbruch gegen diese Neuigkeiten.

„Das war ja wieder mal klar! Während die edlen Herren Ritter sich an Land die Beine vertreten und sich von ein paar Dirnen die Zeit vertreiben lassen, dürfen wir ihre Ärsche beschützen und dem Feind im Falle eines Hinterhaltes als Zielscheibe dienen!“

Einer nach dem anderen machte seinem Unmut Luft und steigerte somit noch die Wut seiner Kameraden. Mit wild fuchtelnden Armen versuchte der Kapitän seine Männer zu beruhigen.

„Schluss mit dem Gekeife! Als ob es auf der Insel Weiber gebe die nur darauf warten, dass ein paar aufpolierte Ritter kommen, um ihnen den Rock hochzuheben. Auf Rankhara gibt es nichts außer Felsen und Wäldern. Wollt ihr etwa diejenigen sein, welche auskundschaften ob ein paar der Hurenböcke aus Rogharo einen Hinterhalt gelegt haben? Wir bleiben hier und warten auf neue Befehle vom Flottenmeister!“
Nachdem die Männer sich etwas beruhigt hatten ging Elrikh zu dá Male um mit ihm zu reden.

„Kapitän dá Male, ich muss mit euch sprechen.“

Mit einer abwehrenden Geste machte Rezzo dem jungen Menschen deutlich, dass er keinerlei Interesse hatte sich mit ihm zu unterhalten.
„Nicht du auch noch. Ich habe dir gestattet mit uns zu kommen, aber wenn du vor hast mir auf die Nerven zu gehen, dann werde ich noch einmal darüber nachdenken müssen ob zwanzig Kupferstücke genug sind für eine Überfahrt nach Komara!“

So einfach ließ sich Elrikh jedoch nicht wegschicken. Vielleicht lag es an dá Males übertriebenem Gehabe oder an der herablassenden Antwort des Seemanns, den Elrikh vorhin angesprochen hatte, dass der Bockentaler Mut erhielt sich mit dem Kapitän anzulegen. Fest entschlossen trat er dá Male in den Weg, als dieser sich davon machen wollte und stellte ihn zur Rede.

„Die Probleme welche ihr mit eurer Mannschaft habt interessieren mich nicht! Und ob die valantarischen Soldaten sich zum Vergnügen auf die Inseln begeben ist mir ebenso einerlei! Ich habe euch gutes Geld bezahlt damit ihr mich in die Nähe der Flotte bringt! Wenn ihr jetzt auf einmal merkt, dass dies eure Fähigkeiten übersteigt, dann sollte ich mir vielleicht überlegen mein Geld zu nehmen und auf ein anderes Schiff zu wechseln!“ Sichtlich überrumpelt fehlten dá Male die passenden Worte um auf diese Kühnheit zu reagieren. Elrikh nutze diesen Umstand aus und bearbeitete den Kapitän weiter. „Ich muss mit den Soldaten der anderen Schiffe sprechen. Unter ihnen ist jemand, den ich unbedingt finden muss. Es ist ein junger Bursche der nichts auf einem Kriegsschiff zu suchen hat. Seine Familie macht sich Sorgen und hat mich gebeten ihn zu finden und nach Hause zu bringen.“

Jetzt war es dá Male, der schlagartig das Wort ergriff und den jungen Heißsporn damit in Bedrängnis brachte.

„Jetzt hör mir mal gut zu, mein Junge. Viele Männer, die in diesem Krieg kämpfen, haben Familien welche sich um sie sorgen. So ist es nun mal in unserem Gewerbe. Wenn du wirklich glaubst, du könntest einfach zu den Soldaten spazieren und mit ihnen freundlich plaudern, dann irrst du dich. Du würdest keinen Fuß an Deck eines valantarischen Kriegsschiffes setzen können, ohne zu riskieren eine Klinge an die Kehle gesetzt zu bekommen. Wir sind ein Söldnerschiff. Männer wie wir sind nicht gerade beliebt bei den Rittern der valantarischen Armee. Und DU solltest dich sowieso nicht blicken lassen. Wenn unsere polierten Freunde bemerken, dass ich gegen die Vorschriften des Flottenmeisters verstoßen habe, kann es sehr ungemütlich für meine Mannschaft und mich werden.“ Dá Male beugte sich zu Elrikh herüber damit ihr Gespräch nicht von allen gehört werden konnte. „Damit wir uns nicht missverstehen mein junger, hitzköpfiger Freund. Zu glauben du könntest einfach so von einem Schiff zum anderen übersetzen, ist nicht nur völlig unmöglich, es ist kompletter Irrsinn. Offensichtlich hast du keine Ahnung in was für einer Lage du dich befindest! Du bist hier auf einem Söldnerschiff welches sich auf dem Weg zu einer Seeschlacht befindet. Die Tatsache, dass wir keine regulären Soldaten sind heißt nicht, dass auch wir nicht den Gesetzen der Heeresflotte unterliegen. Unsere Mannschaftsliste ist schon einige Tage vor unserer Abreise an den Flottenmeister gegangen. Sollten sie herausfinden, dass du nicht draufstehst, könnte es sehr ungemütlich für alle Beteiligten sein. Also halt besser dein vorlautes Mundwerk, bevor einer meiner Männer anfängt daran zu zweifeln ob es sich lohnt dieses Risiko einzugehen, nur um ein paar Kupferstücke mehr in der Tasche zu haben. Es könnte nämlich passieren, dass er dich lieber über Bord schmeißt bevor er Gefahr läuft, dass wir alle für diesen Befehlsbruch bestraft werden.“ Elrikh war sich nicht sicher ob seine Situation wirklich so ernst war oder ob dá Male ihn einfach nur zum Schweigen bringen wollte. „Vielleicht würden meine Männer dich ja auch gar nicht über Bord schmeißen. Sie könnten ebenso versuchen dich als blinden Passagier hinzustellen und vom Flottenmeister eine dicke Belohnung abgreifen weil sie dich gefasst haben. Und dein schönes Pferd im Laderaum würde sicherlich auch schnell einen neuen Besitzer finden. Ich schätze mal der Heerführer würde dich einem seiner Foltermeister überlassen, um herauszufinden ob du ein Spion aus Rogharo bist. Wenn du wüsstest wie diese Knochenbrecher vorgehen sobald sie an Informationen kommen wollen, würdest du wahrscheinlich keine so große Klappe mehr haben!“ Bei seinen letzten Worten musterte dá Male Elrikh von oben bis unten. „Du bist zwar noch ein wenig jung, aber das würde den Foltermeister bestimmt nicht davon abhalten dich auf seine Bank zu legen. Und nun lass mich in Ruhe! Ich habe zu tun!“

Mit einer herrischen Geste erstickte dá Male jeden Versuch Elrikhs das Gespräch noch einmal an sich zu reißen. Das Geräusch der flatternden Gewänder des Kapitäns war alles was er noch von ihm hörte. Irgendetwas muss passiert sein. Dá Male war zwar von Anfang an nicht begeistert, dass ich mit an Bord komme, jedoch hat er mich zu keinem Zeitpunkt dermaßen einzuschüchtern versucht. Entweder habe ich einfach nur einen schlechten Moment erwischt, um ihn um Hilfe zu bitten, oder etwas anderes bereitet ihm Kopfzerbrechen.

Trotz der Tatsache, dass der Kapitän vermutlich etwas übertrieben hatte in seinen Drohungen, beschlich Elrikh das Gefühl, dass er nicht in allen Dingen die Unwahrheit gesagt hatte. Das Bild von den Rittern in ihren glänzenden Rüstungen, wie er sie einst in Inaros gesehen hatte, verschwamm immer mehr. Sollte dá Male tatsächlich die Wahrheit gesagt haben als er über die Foltermeister sprach? Könnte es sein, dass hinter den edlen Rittern vom königlichen Hofe folternde Männer standen, welche nicht zögern würden einen jungen Mann wie ihn auf die Streckbank zu legen wenn sie den Verdacht hätten, er wäre ein Spion? Elrikh wollte nicht in die Lage geraten dies herauszufinden. Aber er musste einen Weg finden, um mit den Mannschaftsmitgliedern anderer Schiffe der Flotte zu sprechen wenn er Alkeer finden wollte. Seine Gedanken trugen ihn im Geiste nach Bockental. Ob seine Mutter schon den Brief erhalten hatte, welchen er vor dem Betreten der Sturmtaucher abgeschickt hatte? Er hatte nicht viel zu schreiben gewusst. Nur, dass es ihm gut ginge und er eine weite Reise unternehmen müsse, die ihn von Obaru weg führen würde. Elrikh war sich sicher, dass seine Mutter Verständnis für sein Handeln hatte.

Obwohl sein Vater ein rechtschaffener Mensch war, hatte seine Mutter stets mehr Einfluss auf ihn gehabt. Sie lehrte ihn, dass es wichtig sei sich zwar auch um seine Familie und Freunde zu kümmern, aber dass ein Fremder ebenso um Hilfe bedarf und man sie ihm niemals verweigern sollte. Immer wieder hatte sie sich als die gute Seele des Dorfes erwiesen, welche alle anderen zusammenhielt. Elrikh konnte sich noch daran erinnern wie die Dörfler einen Vagabunden bestrafen wollten, weil ihnen ein paar Hühner abhanden gekommen waren und er sich gerade in der Nähe aufhielt. Seine Mutter Gethela hatte sich schützend vor den armen Mann gestellt und verlangt, dass man zuerst Beweise für seine Schuld finden müsse, bevor man ihn richten könnte. Am Ende stellte sich heraus, dass ein Nachtfeuerfuchs in den Hühnerverschlag eingebrochen war und sich an einigen Tieren zu schaffen gemacht hatte. Um sich bei dem Vagabund zu entschuldigen nähten ihm einige der Bauersfrauen neue Gewänder und packten ihm etwas Proviant zusammen. Der Bauer, dem die Hühner gerissen wurden, schenkte ihm sogar einen edlen, handgeschnitzten Wanderstab der sich schon seit Generationen in seiner Familie befand. Der Vagabund konnte sein Glück kaum fassen und fiel vor Gethela auf die Knie um sich bei ihr zu bedanken. Doch Elrikhs Mutter wollte keinen Dank. Stattdessen rang sie dem Mann ein Versprechen ab. Wann immer er auf seinen Reisen die Möglichkeit hätte anderen zu helfen, oder ein Unrecht zu verhindern, müsse er alles tun um für Gerechtigkeit zu sorgen. Außerdem ermahnte Gethela die Bauern, dass man einen Menschen nicht dafür bestrafen konnte ein Huhn gestohlen zu haben, nur weil er sonst verhungert wäre. Die Gemeinde war überraschend einsichtig gewesen und jede Bauernfamilie hielt von diesem Tage an einen Platz an ihrem Tisch frei für den Fall, dass einmal ein hungriger Reisender vorbei käme. Elrikh erfüllte es mit Stolz, dass seine Mutter ein solches Werk vollbracht hatte. Solche Ereignisse waren es, die ihn in seinem Handeln beeinflusst hatten. Es war die Hilflosigkeit in den Augen von Alkeers Eltern, welche ihn daran erinnert hatte wie wichtig es ist einander zu helfen wenn man denn in der Lage dazu sei. An sie hatte er ebenfalls eine Botschaft geschickt. Viel konnte er ihnen ja nicht über die Lage ihres Sohnes berichten. Nur dass er auf einem Schiff der valantarischen Flotte nach Komara segelte. Aber bei weiterem Nachdenken war das wahrscheinlich schon zu viel für die Eltern von Alkeer. Elrikh erinnerte sich noch an die Worte des Vaters, als er mit diesem vor der Schankstube saß und sich den verlorenen Sohn beschreiben lies.

Alkeer ist ein guter Junge. Nur manchmal zu heißblütig. Als er noch klein war machten sich die anderen Jünglinge über seine roten Haare lustig. Hier, soweit im Süden, sind sie eher selten zu sehen. Das hat die anderen Kinder natürlich zu allerlei Schabernack angetrieben. Doch mein Sohn war schon seit jeher ein sehr stolzer Knabe. Wo andere sich ihres Aussehens wegen versteckt hätten, sprach er stolz von den rothaarigen Männern des Nordens, die die schlimmsten Monster töteten und auch den gefährlichsten Gegnern das Fürchten lehrten. Ich weiß nicht was im Laufe der Jahre passiert ist, aber aus diesem trotzigen Stolz wurde so etwas wie ein kleiner Rachefeldzug gegen diejenigen, die ihn als Kind hänselten. Es ging sogar soweit, dass er einem der Jungen die Nase brach und ihm drohte ihn im Fluss zu ertränken. Tief in meinem Herzen wollte ich es mir nie eingestehen. Aber ich befürchte in seinem Inneren haust etwas das ihn tatsächlich zu dieser Tat getrieben hätte.“

Zu gut war Elrikh der Gesichtsausdruck des Vaters in Erinnerung geblieben, den er während seiner Erzählungen annahm. Beinahe so, als müsse er flüstern, um keinen bösen Geist zu wecken. Was wusste er, dass er Elrikh nicht anzuvertrauen vermochte?

Fern der Heimat

„Du scheinst mir sehr weit von deiner Heimat entfernt zu sein.“
Die Krähe sah Alkeer an, als würde sie verstehen was er sagte. „Da scheinen wir zwei ja etwas gemeinsam zu haben. Auch ich bin unzählige Umläufe von meiner Familie entfernt. Doch ich zähle die Tage nicht mehr. Auf diese Weise lässt es mich den Trennungsschmerz wenigstens etwas vergessen.“

Die Krähe stieß ein leises Krächzen aus und flog von der Reling hinauf in eine der Takelagen am Hauptmast. Vielleicht hatte sie sich ja in dem engeren Strickwerk ein Nest gebaut. Alkeer hätte nicht gedacht, dass es Vögel so weit draußen auf See geben würde.

Wo sie wohl herkommt? Ob das Festland vielleicht gar nicht so weit von uns entfernt ist?

Er verwarf den Gedanken sofort wieder. In den letzten Umläufen war immer nur davon die Rede, dass man die gegnerische Flotte auf hoher See stellen würde. Da machte es keinen Sinn an Festland auch nur zu denken.

Anstatt sich mit einer verirrten Krähe zu beschäftigen sollte ich mich lieber wieder dem Gemüse widmen. Der fette Koch wird zwar sowieso nie mit meiner Arbeit zufrieden sein, aber wenn ich mit der Pulerei fertig bin, kann ich wenigstens noch unter Deck zu den Soldaten gehen und mir ein paar ihrer Geschichten anhören.

Schon immer hatte Alkeer seine Freude daran, Kriegern bei ihren Erzählungen über Schlachten in fernen Ländern und gegen fremde Wesen lauschen zu können. In seiner Fantasie malte er sich immerfort aus, er wäre einer von ihnen und würde auf einem stolzen Ross durch die Reihen der Feinde galoppieren, um seinen Soldatenbrüdern in der Schlacht beizustehen. Und wie es bei allen jungen Helden war, galt ihm in seiner Vorstellung natürlich stets der Platz des wackersten Helden mit übermenschlichen Kräften und in eine glänzende Rüstung gehüllt. Seine Feinde zitterten wenn er auf sie zukam und sein gewaltiges Schwert über den Kopf kreisen ließ. Er allein konnte gestandene Männer zu Dutzenden in die Flucht schlagen und würde dafür von seinem Volk als Held geehrt werden. Aber dies geschah nun mal nur in seiner Fantasie. Mit einem tiefen Seufzer griff Alkeer nach einem Erdapfel und begann ihn zu schälen. Damals in Inaros hatte er gehofft sich der Armee als Kämpfer anschließen zu können um mit anderen Soldaten in den Krieg zu ziehen. Seit frühster Kindheit wusste er, dass er eines Tages auf den Schlachtfeldern als großer Krieger stehen würde. Doch sein Vater hatte fortwährend dafür gesorgt, dass Alkeer sich mit Landarbeit beschäftigen musste, um die Familie zu ernähren. Nun allerdings hatten seine Eltern und Geschwister ihr Gut verlassen und Schutz innerhalb der Stadtmauern gesucht weil die Barinsteppe überfallen worden war. Es gab keinen Grund mehr für Alkeer auf seinen Traum zu verzichten. Seine Familie war in Sicherheit und hatte genug gespart, um davon eine Weile leben zu können. Solange die Gefahr einer Invasion durch das Imperium bestand, würde die Feldarbeit ohnehin nicht fortgeführt werden. Also konnte er ebenso gut das Glück auf einem Schiff der Valantarflotte suchen. Sein Großvater war ebenfalls ein erfolgreicher Soldat gewesen. Bedauerlicherweise fiel er in Ungnade, weil er einen Befehl seines vorgesetzten Offiziers verweigerte und somit viele Menschen ihr Leben verloren. Das hatte man Alkeer zumindest seit frühester Kindheit so erzählt. Die hohen Verdienste seines Großvaters aus der Vergangenheit schützten ihn vor einer Todesstrafe. Stattdessen wurde er aus dem Königreich verbannt. Sein Vater erzählte Alkeer einmal, dass er nun ein Leben als Einsiedler in einem Dorf der Reggits hinter dem Ostgebirge führen würde. Dass ein großer Krieger sich ausgerechnet unter das Volk der Halbwüchsigen mischte, war mehr als nur traurige Ironie. Die Reggits sind eine außerordentlich friedfertige Rasse. Früher siedelten sie zusammen mit den Menschen im Bockental. Doch vor einigen Jahrhunderten suchten sie sich hinter dem Ostgebirge eine neue Heimat. In alten Sagen heißt es, dass Reggits ein Gespür dafür haben wo sich Gold und Edelsteine verborgen halten. Angeblich können sie die Reichtümer auch noch tief unter der Erde und sogar durch dicken Fels erschnüffeln. Für Alkeer waren dies alles nur Kindermärchen. Warum sollte ein Volk, welches Gold riechen könne, ein Leben in Holzhütten und Baumhäusern führen? Sie könnten sich doch die schönsten Paläste und die größten Burgen bauen lassen, welche man für Geld nur kaufen könne. Leider sah nicht jedermann diese Erzählungen als Kindermärchen an. Denn sehr oft kam es vor, dass Angehörige des Reggitvolkes verschleppt und anschließend zur Goldsuche gezwungen wurden. Sie sollten ihre Entführer zu großen Goldadern und Edelsteinminen führen. Es gelang ihnen natürlich nicht diese Erwartungen zu erfüllen. Meistens wurden sie nach ein paar Tagen erfolgloser Sucherei wieder frei gelassen und konnten in ihr Dorf zurückkehren. Allerdings kam es auch des Öfteren vor, dass man sie an einen Baum aufgeknüpft oder in einem Fluss ertränkt vorfand. Somit beschlossen sie eines Tages den Völkern Obarus den Rücken zu kehren und ein Leben jenseits des Ostgebirges zu führen. Vermutlich wollte Alkeers Großvater nicht mehr an Krieg und große Schlachten erinnert werden. Also zog er aus und gesellte sich in das nun friedliche und zurückgezogene Leben der Reggits ein. In seinem Enkel jedoch, loderte seit seiner Geburt ein Feuer, das in ihm immer wieder den Wunsch weckte sein Leben mit dem Schwert in der Hand zu verbringen. Vor zwei Jahren hatte er heimlich versucht sich als junger Anwerber bei einem Ausbildungsfort einzuschleusen. Er gab sich als Waise aus und sagte, dass er unbedingt in der Armee dienen wolle. Die Beamten in Inaros und Elamehr arbeiten jedoch gründlich. Es hatte nur zwei Tage gedauert bis man herausgefunden hatte wer er war und einer seiner Vorfahren vor langer Zeit in Ungnade fiel. Diese Tatsache sorgte dafür, dass man ihm verbot eine Ausbildung als Soldat der valantarischen Armee anzutreten. Im Rekrutierungsbüro der Stadt Inaros hatte Alkeer Wandmalereien und Kupferstiche von der Ausbildungsstadt Elamehr im Westen Obarus gesehen. Man sah darauf junge Männer, die auf jede erdenkliche Art und Weise trainiert und geschult wurden. Nur um eines Tages für das Königreich in den Krieg zu ziehen. Die Malereien zeigten einige der Prüfungen, welche man als junger Soldatenschüler bestehen musste, um in der Armee aufgenommen zu werden. Es waren Bilder vom Kampf mit Schwert, Speer, Axt und Bogen zu sehen. Ebenso konnte man erkennen wie die Schüler über sehr lange Distanzen laufen und durch das kalte Meerwasser schwimmen mussten. Dinge wie Reiten und Jagen gehörten selbstverständlich auch zu ihren Aufgaben. Was Alkeer allerdings noch mehr faszinierte waren prunkvolle Kupferstiche, die an den Wänden hingen. Sie zeigten Erinnerungen aus dem Krieg gegen die Trolle. Man sah die menschlichen Verteidiger auf der Wehrmauer des Ostgebirges stehen, wie sie tapfer der Flut der Trollmonster die Stirn boten. Pikenträger in großer Zahl drängten die angreifenden Ungeheuer zurück, während Axtkämpfer im direkten Zweikampf mit ihnen standen. Die mächtige Kavallerie pflügte durch die Reihen der Angreifer und brachte sie mit Lanze und Schwert zu Fall. Überall lagen die toten Körper der Ungeheuer zwischen den felsigen Hängen der Berge und die Soldaten standen siegreich über ihnen. Ein anderer Kupferstich zeigte den großen König Valamehr. Das Bild war mit Gold umrandet und hob sich deutlich von allen anderen ab. Man sah Valamehr in voller Rüstung auf seinem Schlachtross sitzend und in der Hand die Standarte der vereinten Menschen haltend. Seine groben, jedoch gütigen Züge strahlten eine königliche Würde aus. Der vom Bart eingerahmte Mund zeigte ein mildes Lächeln. So zumindest empfand es Alkeer. Die kurz geschorenen Haare verliehen ihm ein markantes, diszipliniertes Aussehen. Auf einer der danebenliegenden Wandmalereien war zu sehen wie Valamehr die tapferen Soldaten für ihre Taten lobte und auszeichnete. Nach dem Trollkrieg wurden die Fähigsten von ihnen ausgesucht, um eine Elite zu gründen. Es sollten jene Ritter des Königs werden, welche in jeder künftigen Schlacht an seiner Seite ritten. Dass ihm solch ein Leben verwehrt sein sollte, war ein schwerer Schlag für den jungen Träumer. Niemals würde er als ehrloser Enkel eines Aufrührers ein Ritter des Königs werden. Erst als er den Stadtverwalter von Inaros vor den feindlichen Truppen warnte, die in der Barinsteppe gesichtet wurden, entschied dieser, Alkeer die Möglichkeit zu geben mit der Armee zu reisen. Von der Küchenarbeit hatte er allerdings nichts erwähnt. Aber was hätte Alkeer auch erwarten sollen? Dass man ihm eine Rüstung gab und zu den ausgebildeten Kriegern der königlichen Armee zählt? Das wäre wohl zu viel des Glückes gewesen. Nun lag es an ihm das Beste aus seiner Lage zu machen. Einen Freund hatte er in der Zeit auf See schon gewonnen. Gér Malek, einer der Gruppenführer und zugleich auch der Anführer der Blutschwerter, hatte Alkeer vor einigen Umläufen auf Deck bemerkt und sich tatsächlich mit ihm unterhalten. Gér Malek wirkte auf Alkeer keineswegs so arrogant oder überheblich wie dies bei einigen der anderen Offiziere den Anschein hatte. Er war für einen Mann seines Alters noch erstaunlich weit unten in der Hierarchie der Armee angesiedelt und schien sich daran nicht im Geringsten zu stören. Alkeer schätze den Gér auf ungefähr dreißig Dekaden. In diesem Alter waren die meisten Soldaten eigentlich in den Sitz eines Lór oder Mág erhoben worden. Die Rangfolge in der Armee war das Erste was er von Gér Malek gelernt hatte. Die Unterscheidung der verschiedenen Ränge innerhalb der Hierarchie und die Einhaltung einer perfekt ausgearbeiteten Befehlskette waren für Alkeer ein Zeichen der valantarischen Kultur. Außer vielleicht bei den Rogharern, gab es nirgendwo sonst, ein derart ausgeklügeltes Machtgebilde.

An oberster Stelle eines Verbandes stand der Kommandant. Kommandanten trugen vor ihren Namen die Bezeichnung Hó. Dann kamen die 1. Offiziere, die immer als Mág angesprochen wurden. Dann die 2. Offiziere mit dem Titel Lór und dann die Gruppenführer, denen man Gér vor die Namen setzte. Einfache Soldaten bekamen keinen zusätzlichen Rang. Berücksichtigte man nun, dass ein Truppenverband aus einem Hó, einem Mág, einem Lór, acht Gruppenführern und zweihundert Soldaten bestand, wurde einem klar wie gut durchdacht diese Armeeordnung ausgearbeitet war. Für jeden Abschnitt in der Befehlskette gab es Befugnisse und Einschränkungen. Selbst die Kommandanten mussten den Heerführern und diese wiederum dem König gegenüber Rechenschaft ablegen. So war ein Machtmissbrauch nicht mehr möglich.

Fast die ganze Nacht hatte Gér Malek damit zugebracht den jungen Burschen die Lehren der Armee beizubringen. Doch auch Alkeer hatte einiges zu erzählen. Malek zeigte sich ebenso interessiert für dessen Heimat und Familie, wie Alkeer sich für Kriegsgeschichten begeistern konnte. Malek wollte wissen wie das Leben in der Barinsteppe sei und ob dort alle jungen Männer so wie Alkeer aussahen. Mit Freude über Maleks Anteilnahme und gleichzeitig schmerzender Erinnerung begann Alkeer zu erzählen.

„Sobald man als Junge in das Alter kommt, in dem man kräftig genug ist, um bei der Feldarbeit zu helfen, werden einem Zöpfe gebunden und man bekommt mit jedem Lebensjahr eine Holzperle mehr in das Haar geflochten. Dies ist allerdings eine alte Tradition, die nicht mehr von allen vollzogen wird.“

Spielerisch ließ Alkeer eine der Perlen zwischen seinen Fingern wandern.

„Meine Familie ist jedoch sehr traditionsbewusst.“

Beide lachten und aßen ein Stück von ihrem Dörrfleisch. Alkeer empfand es als besondere Ehre, dass ein Gér sich zu ihm setzte, um mit ihm zu essen. Ein anderer Bootsjunge hatte ihm erzählt, dass dies eine Geste der Verbrüderung darstellte. Die einzelnen Krieger hielten sich auf den Schiffen nur innerhalb ihrer eigenen Gruppe auf. Falls jedoch ein Höhergestellter einen Untergebenen einer anderen Gruppe oder eines niederen Ranges bat mit ihm zu speisen oder eine Unterhaltung zu führen, wurde dies als Zeichen des Respekts und der Verbindung der Gruppen angesehen. Alkeer stand somit unter dem Schutz von Gér Malek und dessen Kampftruppe.

„Ich habe in den südlichen Gefilden Obarus noch nie jemanden mit roten Haaren gesehen. Ich dachte immer solche Menschen würden aus dem Norden kommen. Und selbst dort wären sie nur noch rar gesät.“
Alkeer ließ eine einzelne Strähne vor seinem Gesicht baumeln und beobachtete wie sich die Sonnenstrahlen an dem rotblonden Geflecht brachen.

„Tja, was soll ich sagen? Ich bin anscheinend mit dem Segen der Nordmänner beschenkt.“

Aufmunternd klopfte Malek ihm auf die Schulter.

„Die Nordmänner sind ein tapferes Volk. Leider leben sie sehr zurückgezogen. Dabei könnten wir ihren Beistand in diesen Tagen wirklich gut gebrauchen.“ Malek grinste. „Also halte deine roten Haare in Ehren. Oder wäre dir eine Glatze so wie ich sie habe lieber?“ Wieder lachten beide und stießen zum Abschluss ihres bescheidenen Mahls noch einmal die Becher zusammen. „Du hast doch gesagt deine Eltern wären Bauern. So sehen mir deine Sachen aber nicht gerade aus.“

Alkeer blickte an sich herab.

„Diese Kleidung war ein Geschenk von einem Beamten aus Inaros. Er sagte mir, dass sein Sohn einst diese Sachen getragen habe, allerdings vor einigen Zyklen verstorben sei. Da meine Familie ein eigenes Gehöft besitzt, müssen wir nicht die Kleidung der Arbeiter tragen. Wir säen und ernten selber. Für so was trägt man dann eher zweckmäßige Kleidung als prunkvolle Gewänder.“

Die Tatsache, dass er die Kleidung eines Verstorbenen trug, störte Alkeer nicht. Die weiche dunkelblaue Hose und das purpurne Hemd waren nicht nur sehr bequem, sie gaben ihm ein Gefühl von Reife. Als junger Bursche hätte man solch eine Kleidung in seiner Heimat nur zu Festtagen angezogen. Allerdings zwang ihn die stürmische See, sich seinen Umhang eng um den Körper zu schlingen. Zwar brachen die Wolken immer wieder auseinander und gaben den Blick auf den herrlichen blauen Himmel frei, jedoch ging die Sonne genauso schnell wie sie kam und überließ dem kalten Regen die Herrschaft über das Meer. Dass Alkeer einmal mit einem Gér Gespräche über seine Familie führen würde, die nicht damit endeten, dass man ihn für die Taten seines Großvaters verachtete, hätte er nicht gedacht. Überhaupt hatte Gér Malek ein sehr enges Verhältnis zu seinen Soldaten. Sah man sie zusammen, hätte niemand der nicht die Rangzeichen auf seiner Rüstung sah gedacht, dass er über den einfachen Soldaten stand. Hó Dukarus war nicht gerade begeistert von der Art und Weise wie der Gruppenführer mit seinen Untergebenen verkehrte. Dukarus war nicht nur der Kapitän der Klippenbrecher, er war gleichzeitig auch der Kommandant, unter dem Gér Malek Dienst tat. Er war der Meinung, dass es eine natürliche Rangordnung innerhalb einer Armee gab, die von jedem eingehalten werden sollte. Ein Befehlshaber, der ein zu enges Verhältnis zu seinen Soldaten unterhielt, würde früher oder später in die Situation kommen in der er aus Sorge um seine Kameraden seine Pflicht gegenüber dem König vernachlässigen könnte. Dementsprechend ungehalten sah Hó Dukarus wie Gér Malek und Alkeer sich freundschaftlich unterhielten. Eine Unterhaltung dieser Art war schon zwischen einem Gér und einem Soldaten kaum tragbar. Aber dass ein Gruppenführer sich derart vertraut einem Schiffsjungen gegenüber zeigte, wollte Hó Dukarus nicht dulden.

„Gér Malek!“ tönte es schon aus einiger Entfernung als sich Dukarus näherte. „Kann ich davon ausgehen, dass ihr und eure Männer dazu in der Lage seid in Kürze an Land zu gehen? Es handelt sich hierbei lediglich um einen Aufklärungsauftrag. Das dürfte eure Fähigkeiten doch wohl nicht übersteigen.“

Es sah ganz so aus, als würde Dukarus gar nicht erst versuchen seine fehlende Sympathie für Malek zu verbergen. Dieser jedoch wusste genau warum der Hó ihn dermaßen versuchte zu demütigen. Die Blutschwerter gehörten zu dem Besten, was die valantarische Armee auf diesem Schiff zu bieten hatte. Fünfundzwanzig Kämpfer, die in der Schlacht wie ein Mann agierten. So zumindest erzählten jene, die sie schon im Einsatz gesehen hatten. Dukarus wollte allerdings nicht eingestehen, dass eine Kampfgruppe, die in seinen Augen völlig undiszipliniert war, unter dem Kommando von Gér Malek die Spitze der valantarischen Kriegskünste darstellte. Er versuchte bei jeder Gelegenheit diese Tatsache herunterzuspielen und den Gruppenführer bloßzustellen. Stets sorgte er dafür, dass die Blutschwerter die gefährlichsten und aussichtslosesten Aufträge erhielten. Nichts wünschte sich Dukarus mehr, als die wilden Krieger fallen zu sehen. Im Gegensatz zu den anderen Kampfverbänden, bestand diese Gruppe aus einem bunt gemischten Haufen aller Menschenvölker Obarus. Ob aus dem Süden oder Norden, Mann oder Frau, alt oder jung, Schwertkämpfer oder Bogenschütze, alle waren sie in den Reihen der Blutschwerter zu finden. Die restlichen Kampfgruppen wurden strengstens nach Herkunft der Soldaten und ihren Waffengattungen getrennt. Alleine die Tatsache, dass Gér Maleks Truppe immer siegreich vom Schlachtfeld zurückkehrte, brachte ihm das Sonderrecht ein seine Krieger selbst zu bestimmen. Auch dies trug vermutlich dazu bei, dass Hó Dukarus einen Groll gegen ihn hegte. Ein Gruppenführer, der sich das Recht eines Heermeisters herausnahm, war nach seinen Idealen schlichtweg falsch. Egal wie schlagkräftig die Truppe war. In Dukarus Augen waren es Regeln und Gesetze, die dafür sorgten, dass die Valantarier siegreich blieben und nicht ein einzelner Kampferverband, der sich einen Dreck um militärische Ordnung kümmert.

Hó Dukarus wartete immer noch auf eine Antwort von Malek. Oder besser gesagt, auf eine Bestätigung. Denn schließlich hatte er aus seiner Sicht keine Frage gestellt, sondern einen Befehl gegeben. Als er sah, dass der Anführer der Blutschwerter ein Lächeln aufsetze und die Einsatzbereitschaft seiner Männer durch ein Nicken verkündete, stieg ihm das Blut in den Kopf.

Was bildet sich dieser Niedere eigentlich ein? Und wenn er noch so viele feindliche Soldaten abgeschlachtet hat, mir gegenüber hat er sich gefälligst angemessen zu verhalten.

Nur mit Mühe gelang es Dukarus nicht die Beherrschung zu verlieren und sich die Blöße zu geben von einem Untergebenen in Rage versetzt worden zu sein.

„Ich kann also trotz fehlenden Salutierens davon ausgehen, dass ihr meine Befehle verstanden habt und ausführen werdet?“
Malek wurde schlagartig ernst und erhob sich. Obwohl es für jeden auf den ersten Blick sichtbar war, dass er Dukarus gegenüber keinen Respekt verspürte, wusste er um die Macht und den Einfluss den der Hó innerhalb der Armee hatte. Der Orden der Blutschwerter hatte einige tausend Krieger auf den Schiffen verteilt. Doch auf diesem waren es nur fünfundzwanzig. Und Malek hatte nicht vor, seine Männer dafür leiden zu lassen, dass er Dukarus erniedrigen wollte.

„Jawohl, Hó Dukarus! Befehle werden ausgeführt!“

Alkeer entdeckte in diesem Satz einen merkwürdigen Unterton. Gér Malek betonte den Titel seines Kommandeurs derart deutlich, dass er Zweifel darüber aufkommen ließ ob dieser seinen Posten auch verdient hätte.
Ob es wohl noch mehr solcher Männer in der Armee gibt wie Gér Malek? Unter seinem Befehl hätte ich sicherlich nie Angst in die Schlacht zu ziehen. Wenn ich mir dagegen die höheren Offiziere ansehe kommen mir Zweifel, ob ein Leben zwischen ihnen erstrebenswert ist.

Auf Alkeers nachdenkliches Gesicht fiel der Schatten von Hó Dukarus. In seinem Blick sah er eine Arroganz, die sich schon fast in Verachtung zu steigern schien.

„Und du hörst nun auf die Zeit meiner Mannschaft zu vergeuden und wirst dich gefälligst wieder an deine Arbeit machen!“

Mit grimmiger Miene und nach oben gestreckter Nase drehte sich der Kapitän um und stolzierte in seine Kabine. Alkeer war sich nicht sicher ob Dukarus um seinen Großvater und dessen Schmach wusste oder ob er ihn in jedem Fall wie einen Straßenköter behandelt hätte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein Offizier ihn wegen seines Ahnen als Ausgestoßenen ansah.

„Lass dir wegen dem bloß keine Sorgenfalten ins Gesicht meißeln.“ versuchte ihn Gér Malek aufzumuntern. „Dukarus ist schlechter Dinge, weil er einer der wenigen Kommandeure ist, die keinen Kapitän als Untergebenen haben und deswegen selber das Kommando über das Schiff führen müssen. Ihm wäre es lieber den ganzen Tag mit den Offizieren unter Deck Landkarten und Schlachtpläne zu studieren. Aber die Richtlinien für die Schiffsführer sind sehr streng. Sollte er seine Pflicht als Kapitän der Klippenbrecher nicht nach besten Willen erfüllen, würde man ihn nicht nur des Kommandos entheben, er würde außerdem zu einem Mág oder vielleicht sogar hinunter zum Lór degradiert werden. Die Gesetze unserer Armee sind nun mal sehr streng.“

Maleks Worte zauberten ein Lächeln auf Alkeers Gesicht.
„Ich danke Euch für eure freundlichen Worte. Aber trotzdem sollte ich mich wieder meiner Arbeit widmen. Der Schiffskoch wird sehr ungehalten sein wenn ich nicht mit der Küchenarbeit fertig werde. Wenn ich die Wahl hätte würde ich mit euch an Land gehen, aber der Hó würde das nie gestatten.“

Malek sah Alkeer nach und musste lächeln. Er konnte sehen, dass der Junge Stolz hatte und sich trotzdem nicht zu schade war um Küchendienst zu leisten. Die jungen Rekruten in Elamehr hingegen ließen sich nach ihrem ersten Jahr auf der Armeeschule gerne von Mägden und Neulingen bedienen. Sie waren der Meinung, dass sie einen höheren Stand hatten, nur weil sie den ersten Zyklus der Ausbildung überstanden hatten. Von ihnen würde keiner mit solcher Zuversicht niedere Arbeiten verrichten, wie es bei Alkeer der Fall war. Deine Zeit wird kommen, mein Freund. Wahrscheinlich früher als dir lieb ist.

Als hätte sich ein dunkler Schatten seiner Gedanken bemächtigt, erstarb Maleks Lächeln schlagartig. Er wusste, dass das Schicksal nicht mit sich handeln ließ. Alkeer würde seine Bestimmung finden. Und Malek würde derjenige sein, der dafür sorgte, dass Männer wie Dukarus dies nicht verhinderten.

Gerade als er sich wieder an die Arbeit machen wollte, musste Alkeer an seinen Großvater denken.

Ich werde einen Weg finden die Ehre unserer Familie wiederherzustellen.

Er streifte mit seinen Fingern über den Anhänger, der seit einigen Generationen im Besitz seiner Familie war. Seine Großmutter verwahrte dieses Erbstück lange Zeit für ihren heranwachsenden Sohn. Es war ein flacher runder Anhänger aus Eisen, der in der Mitte einen matten dunklen Stein hatte, welcher ein wenig nach angelaufenem Glas aussah. Am äußeren Rand konnte man einige tiefe Kerben erkennen. Immer wenn Alkeer die Kühle des Anhängers auf seiner Haut spürte, empfand er ein Gefühl der Geborgenheit. Vielleicht lag es daran, dass er an seinen Großvater erinnert wurde. Vielleicht aber auch, weil er an seine Heimat und seine Familie dachte. Egal was es war, der Anhänger würde für ihn immer ein kleiner Trost sein solange er auf fremdem Boden reiste. Alkeer erinnerte sich noch wie er als Kind des Nachts einen schlimmen Alptraum vom Krieg hatte. Die Stimmen der vergangenen Schlachten hatten ihn im Schlaf aufgesucht und ihr Leid geklagt. Schweißgebadet rannte er in das Schlafzimmer seiner Eltern um Schutz zu suchen. Als sein Vater die Angst in den kindlichen Augen erblickte, wusste er um die Gräuel, welche sein Sohn in seinen Träumen gesehen haben musste. Weil er nicht wollte, dass seine Frau sich Sorgen um ihr Kind machte, nahm er Alkeer bei der Hand und führte ihn hinaus in den tiefen Wald. Auf einer kleinen Lichtung machten sie Halt und setzen sich auf einen großen Baumstumpf. Es musste ein Riese gewesen sein, der dort einst gestanden hatte bevor er gefällt wurde. Alkeer erinnerte sich noch gut an die Worte seines Vaters.

Stets war ich bemüht die Gedanken an deinen Großvater fortzujagen. Doch nun scheint mir die Zeit reif, um dir etwas über ihn zu erzählen. Doch eines musst du mir versprechen, mein Sohn. Nach der heutigen Nacht wirst du nie wieder über deinen Großvater sprechen. Weder mit mir, noch mit anderen Menschen. Sein Vermächtnis liegt schwer auf unserer Familie. Genauso wie es seine Taten in der Vergangenheit tun.“

Alkeer konnte nicht verstehen warum sein Vater dies von ihm verlangte. Bisher war er immer stolz auf das, was seine Familie erreicht hatte. Durch harte Arbeit hatten sie sich ein Gehöft aufgebaut, das eines der schönsten in ganz Valantar gewesen war. Alkeers Vater war bei den Bauern und Kaufleuten der Gegend jederzeit gern gesehen. Sie fragten ihn auch um Rat wenn es um die Aussaat ging und schätzten es, dass er sich für die Gemeinschaft der Steppe beim Stadtrat von Inaros einsetzte, wenn es darum ging, dass neue Steuern auf die Ernten erhoben werden sollten. Was war es das sein Vater vor diesen Menschen geheim halten wollte, das sein Ansehen schmälern könnte? Doch Alkeer war zu neugierig auf das was man ihm erzählen wollte, als das er es gewagt hätte diese Bedingung in Frage zu stellen.

Ich verspreche es dir, Vater. Niemand wird erfahren was du mir erzählst.“

Voller Sorge betrachtete Kumar seinen Sohn in dem Wissen, dass er ihm eines Tages von den Taten seines Ahnen erzählen musste.

Dein Großvater wurde nicht ohne Grund in das Exil verbannt. Einst war er ein großer Krieger der Menschen, der über jeden Zweifel an seiner Person erhaben war. Doch dann kämpfte er an der Seite von Fürst Valamehr gegen die Trolle und fiel in Ungnade, weil er einen Befehl verweigerte. Nach dem Krieg wurde Valamehr zum König von Valantar gekrönt. Weil mein Vater sein Ansehen im Krieg eingebüßt hatte, wurde er vom neuen Herrscher der Menschen verstoßen.“

Was war mit dir und Großmutter? Musstet ihr auch fortgehen?“
Kumar legte seinen Arm um die Schulter seines Sohnes und zog ihn zu sich heran.

Mein Vater kannte deine Großmutter bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und auch ich war noch nicht geboren. Nachdem er verbannt wurde, zog dein Großvater lange umher und fand schließlich Frieden in einem Dorf nahe der westlichen Küste. Im Laufe der Jahre lernte er dort deine Großmutter kennen und verliebte sich in sie. Als ihre Familie erfuhr, dass er vom König verstoßen wurde, war es bereits zu spät, um sie voneinander zu trennen. Sie war bereits mit mir schwanger und wollte nicht ohne ihn leben. Um sie zu schützen und ihr ein Leben in Frieden zu ermöglichen, verließ er sie und lebte fortan in der Einsamkeit des Ostgebirges. Nie wieder wurde über ihn gesprochen. Es hieß, dass mein Vater an einer Krankheit gestorben sei, noch bevor ich geboren wurde. Erst auf dem Totenbett erzählte mir meine Mutter die Wahrheit.“
„Aber Vater. Der Trollkrieg liegt über zwei Jahrhunderte zurück. Wie kann es sein, dass Großvater damals schon lebte?“

Ein tiefer Seufzer entrang sich Kumars Kehle.

Dein Großvater erhielt von den Elfen das Geschenk der Langlebigkeit. Als er deine Großmutter traf sah er zwar aus wie ein junger Mann, zählte jedoch schon über zweihundert Winter. Obwohl er wusste, dass er nie mehr ein Leben unter Menschen führen könnte, war die Liebe zu deiner Großmutter stärker als jeder Zweifel. Ich musste ihr versprechen, dass ich dir zu einem angemessenen Zeitpunkt von ihm erzähle. Ich weiß um dein Begehr ein Ritter des Königs zu werden, mein Sohn. In dir brennt dieselbe kämpferische Flamme wie in deinem Großvater. Ich wusste es schon als du noch klein warst. Der Wille zu siegen und alles dafür zu tun immer der Erste zu sein, hat dich genauso wie ihn geprägt. Ich warne dich Alkeer. Dein Wunsch ein großer Krieger zu sein kann leicht dein Handeln und Denken beeinflussen. Lasse nicht zu, dass dies geschieht. Mein Vater war berüchtigt für seinen Mut. Ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben stürzte er sich auf die Feinde und metzelte hunderte von ihnen nieder. Und wenn die Schlacht vorüber war, konnte man das Bedauern in seinen Augen sehen nicht noch mehr Gegner vernichten zu können.“
Alkeer sah seinem Vater tief in die Augen.

Woher kam dieser Wille all die Menschen zu töten? Warum war Großvater so?“

Kumar schämte sich für die Worte, die er seinem Sohn erzählte. Aber hätte er lügen sollen, nur damit Alkeer seinen Ahnen in guter Erinnerung behielt? Wenn er von derselben kämpferischen Seele erfüllt ist, dann muss er darauf vorbereitet sein.

Meine Mutter erzählte mir all dies über meinen Vater damit ich vorbereitet sei, falls auch in mir die Flammen der Kriegslust auflodern würden. Vielleicht hätten sie das auch eines Tages, hätte ich nicht vor vielen Jahren deine Mutter getroffen und mich in sie verliebt. Möglicherweise hat das mein inneres Feuer gelöscht bevor es übermächtig wurde. Mich verlangte es nie danach ein Krieger zu werden. Ich sehnte mich nach einem Leben in Frieden und Ruhe.“
Nach einer langen Pause brach Kumar das Schweigen.
Doch bei dir ist das anders, Alkeer. Ich sehe es in deinen Augen seit du geboren wurdest. Das Erbe deines Großvaters schwebt über dir wie ein Falke, der zum Sturzflug auf seine Beute ansetzt. Sobald du dem Verlangen in dir nachgibst, wird der Falke niederstoßen und dein Geist wird verblendet sein. Nachdem dein Großvater ins Exil geschickt wurde, behaupteten einige, dass es ein Fluch der Elfen sei, der ihn zu solch einer rasenden Bestie im Kampf machte. Aber ich weiß es besser. Die Elfen gaben ihm zwar ein langes Leben, aber die Götter belegten ihn und seine Nachkommen mit einem Verlangen Blut zu vergießen. Er schmerzt mich, wenn ich dich ansehe und in dir den Schatten dieses Fluches sehe.“

Ein erneuter Regenschauer riss Alkeer aus seinen Gedanken und holte ihn zurück in die Gegenwart. Die Erinnerungen an die warnenden Worte seines Vaters beschäftigten ihn immer noch.

Sollte mein Vater Recht gehabt haben mit seinen Ängsten? Schlummert in mir ein mordlüsterner Schlächter? Das kann ich nicht glauben. Alles was ich will ist ein Leben als Soldat zu führen. Natürlich gehört zu solch einem Dasein auch ein Leben mit Krieg und Kämpfen. Aber mein Geist und meine Seele gehören immer noch mir selbst. Kein Fluch und keine göttliche Vorsehung kann mich davon abhalten ich selbst zu sein.

„Du wirst es sehen Vater“, sprach Alkeer seine Worte in den Wind. „Ich werde ein edler Krieger sein. Stark und mutig. Aber auch gerecht und gnädig. Stets werde ich mein Leben dafür einsetzen die Schwachen zu schützen und das Böse zu bekämpfen. Du wirst es sehen.“
„Hey Bursche. Hör auf dich mit den Fischen zu unterhalten und mach dich wieder an die Arbeit!“

Der Ruf des übellaunigen Kochs riss Alkeer aus seinem Hochgefühl.
Tja. Bevor ich ein Schwert schwingen darf, sollte ich wohl erst mal das Schälmesser kreisen lassen.

Mit einem kleinen Schmunzeln über sich selbst und seine Träumerei machte er sich schließlich wieder an die Arbeit. Aber ein Gedanke ließ sich nicht so einfach aus seinem Geiste wischen.

Meine Zeit wird kommen.

Wolkenbrecher


Ihm gefiel nicht was er sah. Wolkenbrecher wusste, dass der Moment kommen würde, an dem das Unglück seinen Lauf nehmen und das Böse versuchen würde seine Klauen nach dem Jungen auszustrecken. Und obwohl er das seit vielen Dekaden wusste, besorgte ihn dieser Gedanke. Hatten er und seine Verbündeten sich gut genug auf die drohende Gefahr vorbereitet? Was würde wohl passieren wenn der Dämon sich des Jungen bemächtigt und ihn auf seine Seite zog? Würde noch Hoffnung bestehen das Unheil abzuwenden wenn es erst mal soweit käme? Wolkenbrecher wollte nicht mehr daran denken. Stattdessen wandte er seinen Blick von dem Schiff ab und flog nach Isamaria zurück, um seinen Freunden zu berichten was er gesehen hatte. Seine weißen Federn glänzten silbern im Sonnenlicht. Für andere Bewohner Isamarias war es manchmal das Schönste wenn sie einem silbernen Riesenadler beim Fliegen zusehen durften. Für die Adler selbst jedoch war das silberne Federkleid ein Zeichen von Jugend und Unreife. Erst im Laufe des Älterwerdens verschwanden die silbernen Strähnen und gaben den Anblick auf ihre endgültige Zeichnung frei. Bei den meisten seiner Artgenossen zeichnete sich schnell eine bräunliche Farbe ab. Bei einigen wenigen, glänzten die Federn bis ins hohe Alter in der Farbe von flüssiger Bronze. Obwohl Wolkenbrecher nun schon über achtzig Dekaden alt war, glänzte er im Sonnenlicht immer noch wie ein silberner Pfeil. Die Älteren behaupteten, dass dies ein ganz besonderes Zeichen war. Er jedoch strebte nicht danach sich von allen anderen Riesenadlern zu unterscheiden. Mit kräftigen Flügelschlägen beschleunigte er seinen Flug. Wolkenbrecher flog so hoch, dass er bereits jetzt das Ostgebirge am Horizont erkennen konnte. Am Fuße der Berge lag der Steinwald in trügerischem Schlummer und verbarg unter seinem Blätterdach sein wahres Gesicht.

Diese Menschen, dachte er bei sich selbst, als er auf seine Heimat zuflog. Der Gott des Windes selbst hat Isamaria seinen Namen gegeben. Eine Stadt für alle Lebewesen, die es leid waren auf der Erde zu wandeln und deswegen ihr Leben in den Wolken verbringen wollten. Um unsere Verbundenheit zum Himmel noch zu festigen, huldigen wir alle dem Windgott Tonarus. Der Name Isamaria steht für „Die den Himmel umarmen“. Und was machen die Menschen? Geben unserer Heimat den Namen „Wolkenstadt“. Das spricht für ihr fantasieloses Gemüt. Nur weil sich die Türme von Isamaria so hoch aus dem Ostgebirge erheben, dass sie bis in die Wolken reichen, heißt das doch nicht, dass unsere Stadt auf eben diesen errichtet wurde.

Wolkenbrecher versuchte seine Gedanken zu ordnen. Schließlich musste er dem Rat der Weisen einen lückenlosen Bericht erstatten. Dabei sollte er seine Ansichten bezüglich der Menschen für sich behalten. Im weitesten Sinne waren ja einige der Ratsmitglieder ebenfalls Menschen. Auch wenn sie eine höhere Bewusstseinsebene erreicht hatten. Der Riesenadler dachte an das was er gesehen hatte, seit er Isamaria verließ, um den Jungen zu finden. Es hatte einige Zeit gedauert bis er herausgefunden hatte, dass der junge Mensch, den er suchte, auf einem Schiff der Valantarflotte war um nach Komara zu reisen.

So würde also das Schicksal seinen Lauf nehmen? In Form einer Armee aus Menschen und Elfen, die dem Dämon den Gefallen taten den Jungen für ihn über das offene Meer zu tragen. Wie war es dem König von Valantar nur möglich gewesen so kurz nach dem Überfall der eisernen Armee eine Flotte bereitzustellen, um sie zu verfolgen? Hätten seine Kriegsbemühungen länger gedauert hätte der Rat gewiss bemerkt was vor sich ging und ihn zur Vorsicht gerufen. Doch nun war es zu spät dafür. Ob der Dämon da auch seine Finger im Spiel hatte?

Wolkenbrecher kam seinem Ziel immer näher. Schon jetzt konnte er die Umrisse von Isamaria erkennen. Es war eine Stadt wie es sie kein zweites Mal gab. Unzählige hohe weiße Türme, die durch Brücken miteinander verbunden waren, durchbrachen die Wolken und reckten sich hoch in den Himmel hinein. Winzig wirkende Häuser und etwas größere Hallen teilten sich den Platz zwischen diesen steinernen Riesen. Doch die höchsten Bauwerke waren Die acht Türme des Lebens. Diese beeindruckenden in der Form eines Achtecks angeordneten Türme symbolisierten einen Kreis, der für die Unendlichkeit des Lebens stand. Jedes Volk, welches im Rat der Weisen einen der ihren wusste, wurde durch einen der Türme dargestellt. Es wehten nicht nur die jeweiligen Banner der entsprechenden Herrscherhäuser, es gab auch unzählige malerische Darstellungen von den einzelnen Helden der Völker und ihren Geschichten. Zu dem Rat der Weisen zählten Menschen, Elfen, Zentauren, Trolle, Reggits, Feen und die Riesenadler, welche die eigentlichen Bewohner von Isamaria waren. Der achte Turm war einst den Schattenkindern aus dem Volk der Elfen zugesprochen worden. Sie bestanden darauf einen eigenen Platz im Rat der Weisen zu bekommen, da sie ein eigenes Reich auf dem Kontinent der Elfen bevölkerten. Die Schattenkinder jedoch mieden den Rat seit der Entstehung des valantarischen Königreiches. Nun wurden sie durch die Weisen des Elfenvolkes mit vertreten. Ihr Turm jedoch wurde verschlossen und ragt seit dem Tage ihrer Abreise wie ein dunkler Schatten in den Himmel. Keine Banner und keine Malereien verzieren seinen nackten, kalten Stein. Die Trolle wurden nach dem Krieg gegen die Menschen und Elfen in den Rat gebeten, um den Frieden der Völker zu wahren. Zu jedermanns Überraschung nahmen die Dickhäuter ihre Pflicht im Rat sehr ernst. Sie reisten zu jeder Versammlung der Weisen nach Isamaria und bemühten sich das Ansehen ihres Volkes gegenüber den anderen Bewohnern Obarus zu verbessern. Die Riesenadler jedoch sind die eigentliche Macht in Isamaria. Ihre magischen Fähigkeiten und die Tatsache, dass sie zu den ältesten Wesen auf Obaru zählen, gibt ihnen so etwas wie eine leitende Macht innerhalb des Rates. Zu Wolkenbrechers Bedauern gehörten noch nicht alle Rassen dem Rat der Weisen an. Er selbst hatte schon des Öfteren mit Abgeordneten der Sahlets Kontakt gehabt. Ihre magischen Fähigkeiten und die Tatsache, dass sie den Krötenwald beherrschten, sah er als wichtigen Grund an sie mit in die große Gemeinschaft einzubeziehen. Levithar war jedoch derjenige, der den Rat leitete und in Isamaria herrschte. Der alte Riesenadler hegte Misstrauen gegen das Volk der Sahlets und missbilligte ihre Anwesenheit im Ostgebirge deswegen. Wolkenbrecher sah zwar keinen Grund für dieses Misstrauen, dennoch stand es ihm nicht zu die Worte Levithars in Frage zu stellen. Dass sein Volk dafür mitverantwortlich sein würde wie das Schicksal der Welt ausfällt, beunruhigte den silbernen Riesenadler. Allerdings konnte er nicht umhin auch den Stolz zu fühlen, dem seine Abstammung ihm einbrachte. Sein Blick schweifte umher und er besah sich die Zeugen vergangener Jahrhunderte. Zwischen den Pässen des Ostgebirges erhoben sich die Wehrmauern aus den alten Tagen. Im dritten Zeitalter war das Bergmassiv eine der letzten Bastionen der Menschen gegen die Trolle gewesen. Die Überreste der Wehrmauern ragten noch immer hoch und breit aus den Felsen empor. Sie wurde gebaut bevor Valamehr auf Obaru auftauchte und das Heer der Menschen gegen die Trolle in die Schlacht führte. Um diesen Kampf zu gewinnen, brachte Valamehr die Elfen ins Ostgebirge. Sie waren mächtige Verbündete, welche die Menschen brauchten um gegen die überlegenen Feinde zu bestehen. Valamehr war bis zu diesem Zeitpunkt ein einfacher Fürst gewesen, der Herr einer kleinen Provinz auf Obaru war. Vom adeligen Blut, welches in ihm floss, war seinem Charakter jedoch wenig anzumerken. Er war ein Mann des Volkes, der sich nicht davor scheute in harten Zeiten selbst die Schaufel in die Hand zu nehmen, um beim Ackerbau oder der Ernte zu helfen. Als die Trolle damit drohten die Menschen auszurotten, beschloss Valamehr auf einem Schiff die Insel Vinosal zu besuchen. Auf ihr war das sagenumwobene Volk der Elfen beheimatet. Kein Mensch war jemals lebend von dort zurückgekehrt. Es hieß, dass die Elfen nichts mit der Welt der Menschen zu tun haben wollten. Umso mehr erschien es allen wie ein Wunder, dass Valamehr mit einer Armee des Elfenvolkes nach Obaru zurückkehrte und die Trolle aus den Gebirgen vertrieb. Diese letzte Schlacht des dritten Zeitalters, kostete Tausende Menschen das Leben. Viele der dickhäutigen grauen Ungeheuer wurden von den vereinten Armeen besiegt. Der größere Teil jedoch, zog sich in das Nordgebirge zurück, dass ihnen einige Zeit später bei Friedensverhandlungen als offizielles Refugium zugesprochen wurde. Seit diesem Tag, trägt das Nordgebirge den Namen Dunkelfels. Valamehr wurde als Retter des Volkes von Obaru geehrt und zum König der Menschen ernannt. Seine Heimatstadt Bekeera wurde jedoch während des langen Krieges von den Trollen völlig zerstört. Valamehr wollte nicht, dass man aus den Ruinen eine neue Stadt erbaut. Er sagte, dass es niemals wieder so sein würde wie früher und dass manche Dinge begraben bleiben sollten. Das Volk, welches vorher in Bekeera gelebt hatte, errichtete weiter nördlich eine neue Stadt und benannte sie nach dem alten Reich, Valantar. Sie wurde fortan die Hauptstadt der Menschen, welche auf Obaru lebten und gab gleichzeitig dem neuen Königreich seinen Namen. Und um sicherzugehen, dass man sich Valamehrs immer erinnern würde, wurde die Stadt Elamehr erbaut. Sie sollte dazu dienen die Ideale des großen Königs an kommende Generationen weiterzugeben und die edelsten und ehrbarsten Ritterschaften der Menschen hervorbringen. Im Laufe der Jahrhunderte jedoch, wurde das Königreich ebenso wie die valantarische Armee von Korruption und Machtgier ergriffen. Und die alten Werte wurden zu einem Werkzeug der Politiker, um ihre Interessen zu vertreten. Als die Elfen die Uneinigkeit der Menschen bemerkten, verließen sie Obaru und lösten das alte Bündnis. Im Laufe der Zeit entstand der Mythos, dass sie eines Tages wieder an der Seite der Menschen stehen würden. Und so wie es aussah war die Zeit dafür nun gekommen.

Wolkenbrecher hatte bei seinem Flug über den Hafen von Alchor etwa ein halbes Dutzend elfische Kriegsschiffe gesehen, die sich der valantarischen Flotte anschlossen. Jedoch war nicht ein einziges Besatzungsmitglied an Deck zu sehen und das Steuerrad war unter einem kleinen Schutzhaus verborgen.

Warum habt ihr euch versteckt? Ist euch die Welt außerhalb Vinosals derart zuwider, dass ihr euch den Augen der Menschen nicht zeigen wollt?
Obwohl Wolkenbrecher dem erhabenen Volk der Riesenadler angehörte, konnte er nicht umhin, an sich selber zu bemerken wie groß seine Abneigung gegen die Elfen war. Um ihre Traditionen und Sitten zu bewahren, hatten sie beschlossen sich von allen anderen Völkern der Welt abzuwenden und eine neue Heimat fern der anderen Kontinente zu besiedeln. Wolkenbrecher war zu jung, um den Aufbruch des Elfenvolkes miterlebt zu haben. Seine Ahnen waren es einst gewesen, die dafür gesorgt hatten, dass das Gleichgewicht in der Welt wieder hergestellt wurde. Doch die Menschen wollten nicht wahrhaben, dass das Volk der Riesenadler eine solche Macht besaß. Also erschufen sie Legenden über Götter, welche die Welt retteten und die Menschheit zu einer auserwählten Rasse erklärten. Wolkenbrecher zweifelte nicht an der Existenz der Götter, jedoch war er unzufrieden mit der mangelnden Ehrerbietung, die seinem Volk durch die Legenden von den Menschen widerfuhr.

Die Götter werden sich nicht dazu herablassen ihren Krieg auf die irdische Welt zu bringen. Aber die Dämonen der Unterwelt werden versuchen sich die Angst der Menschen zunutze zu machen, um sie auf die falschen Pfade führen. Die göttliche Magie der alten Zeit ist noch immer auf Berrá zu finden. Möge der Göttervater uns beistehen wenn es dem Bösen gelingt sich dieser Kräfte zu bemächtigen.

Wolkenbrecher sah die größte Gefahr von allen in der Menschheit. Unter ihr gab es nur einen, den er besonders gut leiden konnte. Es war der Einsiedler Rahbock. Er ehrte die alten Stämme und zeigte großen Respekt für das Volk der Riesenadler. Rahbock beherrschte, so wie alle Weisen des Rates, die Magie der Gedankensprache. Nachdem er in Isamaria zum Vertreter seines Volkes gewählt wurde, trafen er und Wolkenbrecher aufeinander. Der Riesenadler war damals noch ein Jüngling gewesen. Er fasste Vertrauen zu Rahbock, da er dessen Reinheit spüren konnte. Fortan waren sie Freunde geworden, die sich über viele Dinge unterhielten. Die alten Zeiten, die Götter, die Zukunft und auch über die Elfen wurde viel gesprochen. Rahbock hatte zwar bedauert, dass diese sich der restlichen Welt entfremdet hatten, zeigte aber stets Verständnis und sogar etwas das Wolkenbrecher als Mitleid deutete. Er erinnerte sich daran was sein Menschenfreund einmal zu ihm gesagt hatte.

Wie würdest du dich fühlen, wenn du nur noch unter deinesgleichen wärst, mein Freund? Die Götter erschufen die Welt und alle Lebewesen aus einem bestimmten Grund. Jede neue Lebensform sollte dabei helfen die anderen zu ergänzen. Als die Elfen beschlossen diesem Kreislauf zu entfliehen, wählten sie ein Leben der Unvollkommenheit. So perfekt sie auch in ihrem Wesen erscheinen, sind sie in ihrer Welt stets alleine. Solange sie sich der restlichen Welt verschließen, sind sie dazu verdammt ein Leben im Ungleichgewicht zu führen.“

Wolkenbrecher hatte nicht immer verstanden was Rahbock ihm mit seinen Worten sagen wollte, jedoch hatte er im Laufe seines Lebens einiges gelernt und so offenbarten sich ihm Erkenntnisse, die ihn Rahbocks Worten Glauben schenken ließen.

Vor einigen Jahren wurde der Riesenadler dazu bestimmt unter dem Volk der Federfeen zu leben. Diese verspielten Wesen hatten seine Geduld am Anfang auf eine harte Probe gestellt. Jedoch fand er auch unter ihnen schnell eine gute Freundin. Es war Kabuji. Sie lebte im Steinwald nahe dem Ostgebirge. Als Rahbock von der neuen Aufgabe seines Freundes erfuhr, zögerte er nicht lange und begleitete ihn in das Feenreich. Später zog er dann wieder über das Gebirge zurück in das Reggitdorf, in dem er nun seinen Lebensabend verbrachte wenn er nicht gerade in Isamaria war. Oft flog Wolkenbrecher über das Gebirge und besuchte seinen Freund. Am wohlsten fühlte er sich jedoch wenn sie sich in Isamaria trafen und dort lange Gespräche über die Welt und ihre Bewohner führten. Wolkenbrecher hatte den Eindruck, dass Rahbock ihm mit Absicht immer nur einen kleinen Teil seines Wissens offenbarte, damit er stets Neues zu erzählen hatte wenn sie sich trafen. Mittlerweile war der Riesenadler den Weisen ebenbürtig und wurde von Levithar sogar dazu auserkoren den Jungen zu finden und dem Rat zu berichten was außerhalb von Obaru vor sich ging.

Wolkenbrecher war sich sicher genug gesehen zu haben, um dem Herrscher Isamarias seine Fragen zu beantworten. Nun war es an dem Rat zu entscheiden ob man dem Schicksal einfach seinen Lauf lässt oder wie so oft in die Geschichte eingreifen sollte.



Verborgene Pfade


„Was soll das heißen? Wie kommst du darauf, dass ich die Hafensteuer nicht bezahlt habe? Vor zwei Umläufen haben wir angelegt und ich habe dich für vier Umläufe entgolten!“

Beschwichtigend hob der Hafenmeister die Hände und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Jener Mann der vor ihm stand war vor zwei Tagen mit seinem Schiff und einer Mannschaft bestehend aus Taugenichtsen und Tagedieben im Hafen von Alchor eingelaufen. Seit ihrer Ankunft hatte sich die Mannschaft ein Verbot für zwei Gaststuben eingefangen, und sollte nun dem Hafen verwiesen werden. Sie besoffen sich als gebe es kein Morgen und verfielen immer wieder in kleinere Handgemenge und Streitereien mit den Einwohnern. Sogar der Laufbursche des Hafenmeisters hatte eine Abreibung bekommen. Und das nur, weil er in einen von den Seemännern hinein gestolpert war und ihn aus Versehen mit etwas Eintopf übergossen hatte. Der arme Bengel bekam eine schallende Ohrfeige und wurde danach in das Hafenbecken geworfen. Und als sei das nicht genug, wurden ein paar der Raufbolde auch noch beschuldigt die Unschuld einiger junger Damen gestohlen zu haben. Wobei der Hafenmeister nicht daran zweifelte, dass der ein oder andere Vater auf diese Weise versuchte seine Tochter an den Mann zu bringen. Alchor war ein viel befahrener Hafen, in dem so mancher Seemann den warmen Busen einer Frau suchte wenn er länger auf Reisen war. Doch wie das nun mal so ist, schwindet das Verlangen nach einem warmen Busen spätestens dann, wenn der Vater der Wärmenden den Seemann als neues Familienmitglied begrüßt. Da nehmen die meisten Seeleute ihre Beine in die Hand und flüchten sich hinaus aufs Meer. Anständige junge Männer waren selten in diesen Zeiten. Und so mancher Vater tat sich schwer damit einen Gemahl für seine befleckte Tochter zu finden. Also versuchten sie diesen Kelch einfach an den nächsten Seemann weiterzureichen, der seinen Fuß auf das Festland von Alchor setzte. Hier bestand nun das Problem, dass dieser Kampf zwischen Liebhabern und Vätern die Geschäfte von Brook dá Cal, dem Kapitän der Wellenschneider, zunichte machte.

Der Stadtherr hatte keine Lust mehr sich mit Beschwerden von Gastwirten und gedemütigten Familien herum zu schlagen. Also sorgte er dafür, dass die Wellenschneider mitsamt ihrer Mannschaft den Hafen verlassen musste. Da Brook um seine Geschäfte fürchtete, versuchte er mit dem Hafenmeister handelseinig zu werden. Doch der dicke Mann zeigte wenig Interesse an den Problemen des Kapitäns und schien viel mehr damit beschäftigt zu sein sich Dreck aus seinem Backenbart zu pulen.

„Der Stadtherr hat verfügt, dass euer im Voraus bezahltes Geld die Gastwirte für jene Schäden entgelten soll, welche ihr seit eurer Ankunft verursacht habt. Ich kann daran nichts ändern. Seid froh, dass ihr so billig davongekommen seid. Der letzte Kapitän, welcher seine Mannschaft nicht im Griff hatte, wurde für sechs Umläufe in den Salztopf geworfen und anschließend musste er die Hälfte seiner Ladung an Lukamas abtreten.“

Beim Gedanken an den Stadtherrn Lukamas stieg dem Seemann das Blut in den Kopf. Kurz nach seinem Amtsantritt hatte er den so genannten „Salztopf“ bauen lassen. Es war ein Strafturm, der unten am Hafen in einem ausgetrockneten Becken erbaut worden war. Der Turm ragte gut sechzig Schritt in die Höhe und beheimatete in seinem Inneren mehr als hundert Gefängniszellen. Im Gegensatz zu einem Kerker, in dem entweder gar kein Fenster oder nur ein kleines war, wurden diese Zellen von großen Fenstergittern verziert. Die Sonne konnte also ungehindert auf die Inhaftierten niederbrennen und wurde durch die Salzschicht auf den Gitterstäben sogar noch verstärkt. Doch das war noch nicht alles. Um die Qualen der Gefangenen noch zu steigern, gab man ihnen nur selten etwas zu trinken. Seit Lukamas diesen Salztopf errichten ließ und die ersten Störenfriede ihr Ende in seinen Mauern fanden, herrschte zwar ein trügerischer Frieden in den Hafengassen, jedoch stieg der Hass der Seefahrer mit jedem weiterem Opfer, welches der Turm zu verschulden hatte. Auch Brook spürte Zorn in sich aufsteigen als er an Lukamas dachte.

Dieser aufgeblasene Beamte war schon heute Morgen am Hafen und hat uns angewiesen bis Sonnenuntergang die Stadt zu verlassen. Verdammt. Ich wusste es. Hätte ich bloß das Risiko der Klippen in Kauf genommen und wäre direkt nach Kamari gesegelt.

Wenn es etwas gab das Brook zutiefst verabscheute, dann war es jemandem in den Hintern kriechen zu müssen und ihm Honig ums Maul zu schmieren. Doch im Augenblick hatte er keine andere Wahl, als um die Gunst des Hafenmeisters zu buhlen.

„Ich warte noch auf einen Passagier aus Kamari. Würdet ihr mir gestatten meinen Aufbruch noch aufzuschieben bis er angekommen ist? Ich werde meinen Männer auch verbieten an Land zu gehen.“
„Aus Kamari? Das ist ein Ritt von mindestens zwanzig Umläufen. Und das auch nur wenn der Fluss gerade kein Hochwasser führt und man gut übersetzen kann. Gerne könnt ihr den Stadtherrn bitten euch noch zu gestatten solange hier zu bleiben. Ich jedenfalls vermag euch das nicht zu gewähren. Das liegt außerhalb meiner Befugnisse.“
Dieser miese Fettwanst. Ich wette wenn ich ihm ein paar Silbertaler auf den Tisch lege lässt er uns noch einen weiteren Tag ankern. Aber soweit werde ich es nicht kommen lassen. Diese Münzen kannst du dir abschminken, Schweinenase.

„Na gut“, entgegnete Brook mit einer gespielten Gleichgültigkeit. „Mir scheint ich habe keine Wahl. Ich möchte euch trotzdem noch um einen letzten Gefallen bitten.“

Der Seemann setzte ein gewinnendes Lächeln auf und zauberte aus seiner Tasche eine Flasche Branntwein hervor. Doch es handelte sich hierbei nicht um irgendeinen billigen Fusel. Dieser Branntwein stammte aus Trekhol. Ein Fürstentum, das zum Kontinent Komara gehörte. Die Brennmeister dieser Stadt ließen ihren Branntwein in unterirdischen Erdhöhlen einlagern. Und das meistens für viele Jahre. Je länger die Fässer dort unten zubrachten, umso stärker und intensiver schmeckte der edle Tropfen später. Branntwein aus Komara war im Moment eine sehr begehrte Handelsware. Der Hafenmeister wusste das und gierte dementsprechend auf die glänzende Flasche.

„Nur zu, sprecht. Wenn es in meiner Macht steht, werde ich euch gerne helfen.“

Brook dá Cal lachte in sich hinein.

Der Dickbauch hat schneller eingelenkt als ich erwartet hatte. Da muss aber einer einen entsetzlichen Brand haben.

„Der Passagier, den ich erwarte, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei euch nach mir und meinem Schiff erkundigen. Ich möchte euch bitten ihm eine Nachricht von mir zu überreichen, mehr nicht.“
„Wenn ich euch damit das Leben etwas leichter mache. Zu eurer Rechten seht ihr Papier und Feder. Schreibt eure Nachricht auf und ich werde sie verwahren bis euer Passagier eintrifft.“

Der Seemann bedankte sich und begann zu schreiben.

Wir wurden gezwungen den Hafen zu verlassen. Es gab einige Schwierigkeiten mit dem Stadtherrn. Ich werde zwei meiner Männer nach Valantar senden. Trefft euch dort mit ihnen im Gasthaus „Zum Kupferbecher“ im äußeren Bezirk. Sie bringen euch zu mir.

Brook dá Cal Kapitän der Wellenschneider


Der Seemann faltete den Brief geschickt zusammen und griff nach der Kerze, die auf dem Schreibpult stand. Einige dicke Wachskleckse tropften auf das Papier und versiegelten den wichtigen Brief. Vorsichtig drückte Brook seinen Ring in das weiche Wachs. Als er die Hand zurückzog, konnte man sein Siegel im Kerzenwachs erkennen. Zwei gekreuzte Säbel und ein Totenkopf würden dem Empfänger der Nachricht zeigen, dass Brook der Verfasser des Briefes war. Der Hafenmeister nahm das versiegelte Stück Papier entgegen und legte es zu einigen anderen auf seinen Tisch. Sein Blick haftete noch immer an der Flasche, welche Brook wie zufällig vor dem Schein einer Kerze hin und her drehte, so dass sich das Licht an der kupferfarbigen Flüssigkeit brach. Man konnte beinahe spüren wie der Hafenmeister innerlich seine Hand nach der Flasche ausstreckte.

„Wie werde ich erkennen, dass derjenige, der nach euch fragt, auch der ist, für den diese Nachricht bestimmt ist?“

„Ihr werdet ihn erkennen. Vertraut mir.“

Mit einer schnellen Bewegung ließ Brook die Flasche auf seiner Handfläche kreisen, packte sie mit der anderen Hand am Hals und stellte sie dem Hafenmeister auf seinen Tisch.

„Damit euch das Warten auf meinen Passagier nicht zu langweilig wird, möchte ich mir erlauben euch diesen edlen Tropfen zu übergeben. Er reifte neun Jahre in den Erdhöhlen Rogharos und gelangte so zu einem einzigartigen Aroma. Ich hoffe sehr er mundet euch.“

Der dicke Mann, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach in letzter Zeit nur den Branntwein der ortsansässigen Wirte hinuntergeschluckt hatte, grapschte nach der Flasche als würde sein Leben davon abhängen und beäugte sie mit einem ehrfürchtigem Glanz in den Augen. Mit einem Zwinkern verabschiedete sich Brook vom Hafenmeister und sprach noch einige leise Worte zu sich selbst.

„Der Fettsack wird die nächsten Tage einen Rausch haben wie er ihn noch nie erlebt hat. Und vermutlich auch nie wieder erleben wird.“
So gerne er das Gefühl der Rache noch ausgekostet hätte, wusste Brook, dass die Zeit langsam knapp wurde. Am Kai liefen ihm sofort einige seiner Männer über den Weg, die er umgehend aus schickte, um weitere Vorräte zu holen. Wenn alles so ablaufen würde wie er es sich dachte, müssten sie eine längere Zeit auf Proviantaufnahme verzichten.
Der verdammte Stadtherr wird nicht zögern mein Schiff beschlagnahmen zu lassen wenn wir nach Sonnenuntergang noch hier sind. Jetzt heißt es schnell sein.

Kaum dass er an Bord angekommen war, schnappte sich Brook seinen Stellvertreter und zog ihn mit unter Deck. Obwohl er seinen Leuten stets vertraute, gab es Dinge, die auch sie nicht unbedingt erfahren sollten. Brook war der Ansicht, dass ihn seine Männer umso mehr schätzten, wenn es Sachen gäbe, von denen nur er wusste. Auf diese Weise konnte er sie von Zeit zu Zeit mit seinen kühnen Vorhaben überraschen und beweisen was für ein ausgeschlafenes Köpfchen er hatte. Es gab nur einen Mann, den er in seine geheimen Pläne einweihte. Und das eigentlich auch nur damit er jemanden hatte, der ihm mögliche Schwächen seiner Überlegungen aufwies. Dieser Mann war Warek. Es lag nun schon einige Jahre zurück, dass sich ihre Wege zum ersten Mal kreuzten. Schon damals war Brook sofort klar geworden, dass Warek anders war als die anderen Seefahrer. Er konnte die innere Zerrissenheit in seinen Augen sehen. Auf der einen Seite gehörte sein Herz dem Meer und der Seefahrt, auf der anderen Seite schien er ein Leben in Frieden und Harmonie zu suchen. Doch egal wie angenehm besinnlich der ein oder andere Tag auf hoher See sein konnte, die Gefahr war ein ständiger Begleiter.

In der Ruhe seiner bescheidenen Kabine erzählte Brook seinem Freund was passiert war. Doch dieser schien, wie so oft, nicht ganz bei der Sache zu sein.

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“

Brook starrte ihn aus fragenden Augen an, nicht ahnend was für Dinge in seinem Geiste vor sich gingen.

„Tut mir leid. Ich war mit meinen Gedanken gerade woanders.“
„Ich wäre dir dankbar wenn du aufhören würdest zu träumen und stattdessen mal deine Ohren spitzt! Hör zu. Du nimmst dir einen Mann deiner Wahl und reitest mit ihm nach Valantar. Kauft euch zwei Pferde beim Schmied an der Stadtgrenze. Wir werden die Gäule bei Gelegenheit wieder ummünzen. Bleibt im Außenbezirk und lasst euch ja nicht einfallen näher in Richtung Stadtkern zu gehen. Leute wie wir sind dort nicht gern gesehen. Ich glaube, ich muss dich nicht erst daran erinnern was letztes Mal passiert ist als du und die Jungs dort Witwenabend feiern wolltet!“

Warek war überrascht, dass sein Freund ihm diese alten Geschichten immer noch vorhielt. Schließlich hatte er sich in den letzten Jahren stets nur zu seinem Vorteil verbessert. Seit er seine geliebte Iva zur Frau nahm und sie ihm sein erstes Kind schenkte, hatte Warek sein Leben in völlig neue Bahnen gelenkt. Ohne auf den Protestversuch seines ersten Offiziers einzugehen, fuhr Brook mit seinen Anweisungen fort.
„Ihr werdet in den Kupferbecher gehen und dort wartet ihr auf unseren Gast. Und um Himmels Willen, seid höflich! Ich brauche euch Halunken noch.“

Beim Blick auf die ausgebreitete Landkarte konnte sich Warek einen verwunderten Kommentar nicht verkneifen.

„Unser Gast kommt doch aus Richtung Osten. Da wird sie sowieso an Valantar vorbeikommen wenn sie hierher reitet. Warum die Umstände? Sie könnte direkt nach Valantar reisen, ohne erst den Weg nach Alchor vollenden zu müssen.“

„Weil ich es so sage! Der Stadtherr will uns hier weg haben. Und ich kann es nicht riskieren ihr eine Nachricht zu hinterlassen, die jeden zu uns führen würde. Deswegen sollst du sie unterwegs abfangen und zur Wellenschneider bringen.“ Brook wartete auf das zustimmende Nicken seines Freundes ehe er fortfuhr. „Und pass auf was du sagst. Es muss nicht gleich jeder wissen, dass es eine Frau ist, die an Bord kommt. Schon gar nicht, dass es eine so gefährliche Dame ist. Ich will kein unnötiges Aufsehen erregen. Sobald ihr euch mit ihr getroffen habt, reitet ihr zum nördlichen Rand des Kleewaldes unterhalb des Mia Stromes. Dort nehmt ihr ein Boot und fahrt bis zur Schleuse in Elamehr. Für den Hafen in der Soldatenstadt kriegen wir nur eine kurze Anlegeerlaubnis. Also vertrödelt unterwegs keine Zeit. In genau acht Umläufen legen wir an. Mit etwas Glück lässt man uns für achtundvierzig Stunden bleiben.“

Warek blickte seinen Kapitän an und wusste, dass es keinen Sinn hatte noch Fragen zu stellen. Das Einzige was er bekommen würde wäre ein Vortrag über Gehorsamkeit und Dergleichen. Darauf konnte er im Moment wirklich verzichten. So sehr ihn und Brook auch eine tiefe Freundschaft verband, der alte Seebär ließ sich nicht in seine Pläne reden. Besonders nicht wenn sie das Wohlergehen seiner Mannschaft betrafen. Allerdings war die Aussicht auf einige Tage im Kleewald auch nicht gerade verlockend. Von den Sumpfkreaturen einmal abgesehen, sagte man über die Bäume, welche im Kleewald wuchsen, dass sie so was wie lebendig wären. Angeblich kann man sie in den finsteren Nächten singen hören. Und ihr Gesang soll gestandene Männer dazu bringen wie kleine Kinder zu zittern. Seit jeher hatte Warek es geschafft solchen Orten aus dem Weg zu gehen. Nicht zuletzt weil seine Frau Iva ihm ständig damit drohte ihm sein bestes Stück abzuschneiden wenn er sich weiterhin in Gefahr begeben würde auf seinen Reisen. Seine Familie bedeutete Warek alles. Seine Kinder sollten nicht ohne Vater aufwachsen. Dennoch war er noch nie ein guter Bauer oder Handwerker gewesen. Er hatte vor, noch ein oder höchstens zwei Dekaden auf der Wellenschneider zu dienen, um dann mit dem Geld eine eigene Schankstube zu eröffnen. Das war etwas worauf er sich verstand. Bier und gutes Essen. Brook wusste noch nichts von seinen Plänen die Wellenschneider aufzugeben. Warek hatte es immer vermieden ihm von seinem Vorhaben Wind kriegen zu lassen. Nicht dass er glaubte Brook würde ihm im Wege stehen, aber er wollte einfach nicht, dass ihre Freundschaft unter einem Schatten des Zweifels an der Loyalität von Warek gegenüber seinem Kapitän stand.

„Ehrlich gesagt würde ich mich wohler fühlen wenn ich ein paar Männer mehr mitnehmen könnte. Wegen Valantar mache ich mir keine Sorgen, aber der Kleewald…“

„Vergiss den verfluchten Kleewald und seine Geschichten! Das ist nichts weiter als ein öder Sumpf mit ein paar Bäumen und Sträuchern. Da gibt es noch nicht einmal Räuber, weil niemand sich in dem Irrgarten aus Treibsand aufhalten will. Bleibt auf dem Weg und alles ist bestens. Je größer die Gruppe ist, welche nach Valantar kommt, desto größer ist die Gefahr, dass man euch genauer in Augenschein nimmt. Und unser Gast legt sehr viel Wert auf Diskretion.“

Warek war immer noch nicht ganz wohl in seiner Haut. Aber es würde nichts bringen noch weiter zu debattieren.

„In Ordnung. Ich werde Kumasin mitnehmen. Der Bursche braucht sowieso ein wenig Landurlaub. Außerdem quatscht er nicht soviel Blödsinn wie die anderen.“

Ein erfreuliches Lächeln schlich sich auf Brooks Gesicht. Offenbar hatte er damit gerechnet, dass Warek noch eine längere Zeit diskutieren wolle. Doch dass sein Freund sich so schnell von seinen Bedenken abbringen ließ, war endlich mal wieder etwas recht Erfreuliches.

„Na es geht doch. So kenne ich dich, mein Alter. Bevor ihr abreist, möchte ich, dass du noch mal in mein Quartier kommst. Ich habe da noch etwas, dass ich dir geben will.“

Brook sah Warek mit einem ernsten Gesicht an. Er wusste, dass die Mission, auf die er ihn schickte, nicht ganz ungefährlich sein würde. Aber es gab niemand anderes an Bord, dem er blind vertraute bis auf ihn.

„Geh nun. Suche Kumasin und bereitet euch auf eure Reise vor. Ich werde die anderen antreiben, um die Vorratskammern zu füllen. Außerdem sitzen immer noch einige von ihnen im Fischeimer. Vor Einbruch der Dämmerung sehen wir uns wieder!“

Ein zögerliches Nicken war alles was Warek erwidern konnte. Brook jedoch hatte keine Zeit, um sich den Sorgen seines Freundes anzunehmen. Für ihn und seine Mannschaft ging es hier um mehr als die Angst vor ein paar Schauermärchen über den Kleewald.

Er war sich sicher, dass jeder, den er schicken würde um den Rest der Mannschaft zu holen, ebenso im Fischeimer hocken bleiben würde wie sie. Darum fasste er sich ein Herz und außerdem noch seine Nase und beschloss seine Männer dort eigenhändig raus zu scheuchen. Auf dem Weg zur Schankstube ging Brook immer und immer wieder seine nächsten Schritte durch. Wenn alles nach Plan lief, würden Warek, Kumasin und ihr Gast noch vor Anbruch des vierten Tages in Elamehr ankommen. Die Zeit reichte aus, um die Wellenschneider entlang der Küste segeln zu lassen bis sie den Hafen von Elamehr erreicht hatten. Und Brook hätte immer noch einen Tag Zeit, um eine alte Freundin zu besuchen. Für die bevorstehende Reise war es von Vorteil sich noch einige Auskünfte einzuholen. Und er kannte da jemanden, der ihm diese beschaffen könnte.

Vor dem Fischeimer angekommen hielt Brook einen Moment inne und holte noch einmal tief Luft. Er war nun wahrlich nie zimperlich was den Gestank in Hafenkneipen anging, doch diese Schankstube übertraf alles was er auf seinen Reisen bisher erlebt hatte. Man mochte meinen, der Wirt hätte zum Abdichten seines Daches Fischfett verwendet. Besonders an heißeren Sommertagen wurde der Gestank unerträglich. Dazu mischten sich Düfte von altem Schweiß, frischem Blut und noch anderen Dingen, an die er im Moment lieber nicht denken wolle.

Was zieht meine Jungs nur immer wieder hierher? Ist es der billige Branntwein? Oder vielleicht die einäugige fette Hure, die immer so aufregend tanzt und dabei ihr Holzbein schwingt? Vielleicht ist es ja auch das gute Essen. Jenes, das sie sich oben rein schaufeln und das aussieht als wäre es bei anderen unten raus gekommen.

Mit einem unruhigen Gefühl im Magen schob Brook die Tür zur Schankstube auf und war sichtlich angestrengt sie nicht sofort wieder zu schließen. Der schale Bierdunst und der Gestank von altem Fisch vermischten sich zu einer bestialischen Mischung. Dicke Rauchschwaden waberten durch die zwielichtige Schankstube und verhüllten auf diese Weise wenigstens, dass man mehr erkannte als für das Auge gut war. Zu seiner Erleichterung sahen alle seine Männer so aus als könnten sie noch von alleine gehen und müssten nicht zur Wellenschneider getragen werden.

„Herhören Männer… Keuch, Röchel, Hust!“

„Na wenn das mal keine Neuigkeiten sind, Kapitän.“

Allgemeines Gelächter machte sich breit. Dá Cal musste sich zusammenreißen, um sich nicht auf der Stelle zu übergeben. Seiner Einschätzung nach gehörte das hier allerdings zum guten Ton. Mit wackeligem Schritt trat er an den Tresen und richtete erneut das Wort an seine Männer.

„Packt eure Sachen und schert euch zum Schiff! Wir haben es eilig! Wer nicht binnen einer Stunde an Bord ist, der kann von mir aus hierbleiben und den einäugigen Walfisch heiraten!“

Die erwähnte Dame sah Brook hasserfüllt an. Sie war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass er sie meinte.

„Warum denn so eilig, dá Cal?“ meldete sich der Wirt zu Wort. „Eure Männer sind doch gerade erst angekommen. Lasst ihnen doch ein wenig Vergnügen. Kommt. Setzt euch und esst etwas von unserem hausgemachten Eintopf.“

„Nein danke.“

„Seid ihr sicher? Es ist unsere Spezialität.“

„Und wenn ihr es noch so schön garniert und würzt. Gekochte Gnomkacke, bleibt gekochte Gnomkacke. Ich habe eher eine Vorliebe für Ogergrütze oder Zentaurenäpfel.“ Wieder setzte das Gelächter ein. „Jetzt erhebt endlich eure Ärsche und dann ab zum Schiff! Die Zeche braucht ihr nicht mehr zu bezahlen. Das Geld für euren Branntwein hat bereits der Stadtherr eingesackt. Ich bin mir sicher, dieser ehrenwerte Beamte wird den Herrn Wirt auszahlen!“

Die Augen des Wirtes wurden groß und er blickte auf die vielen Becher und Teller, welche die Männer geleert hatten und für die er kein Geld sehen würde.

„Das könnt ihr doch nicht…!“

„Richtig.“ schnitt ihm Brook das Wort ab. „Ich kann nicht! Aber der Stadtherr kann. Und nun haltet euer Fischmaul oder ich schlitze euch ein paar Kiemen in den Hals!“

Der Ausdruck in dá Cals Augen riet dem Wirt ihn lieber nicht noch weiter zu reizen. Da nahm er lieber das verlorene Geld in Kauf. Der Unmut der Seeleute über den überstürzten Aufbruch wurde durch die gesparten Münzen etwas abgemildert. Mit einem Lied auf den Lippen schlenderten sie in Richtung Hafen. Ihren Kapitän nahmen sie dabei in die Mitte und brachten ihn sogar dazu ein wenig mitzusingen. Aus voller Kehle schreiend spazierten die Seeleute durch die Straßen von Alchor und zogen dabei so manchen Blick auf sich. Die Gruppe hatte einige Flaschen Branntwein aus dem Fischeimer mitgehen lassen, die nun zwischen den Sängern herum gereicht wurden.


Ihr Name war Mathilde

Im Bett war sie ´ne Wilde

Am Herd war sie ne Wucht

Aber alt war ihre Frucht


Ihr Name war Marie

Verwehrt hat sie sich nie

Ihre Brüste waren groß

Doch das Loch, das war voll Moos


Ihr Name war Mimose

Hatte Lippen wie ´ne Rose

War schlank wie eine Lilie

Und hatte Warzen, ganz schön viele


Ihr Name war Elisabeth

War zu jedermann recht nett

Egal ob Junge oder Alte

Alle ließ sie an die Spalte


All die Weiber nass und prall

Finden wir doch überall

Doch so liebe wie mein Weib zu Haus

Sind so selten wie ne blaue Maus


Einige Lobpreisungen an das holde Geschlecht später, kam die Besatzung im Hafen an und wurde sogleich von Brook zur Arbeit getrieben. Den Wirt um die Zeche zu prellen war zwar sehr lustig, aber der würde sich bestimmt sofort beim Stadtherrn beschweren. Und da die Schiffsmannschaft ohnehin schon mit einem Fuß im Salztopf stand, wollte er es nicht riskieren mit der Stadtwache aneinander zu geraten.

Kurz bevor die Wellenschneider in See stach, trafen sich Warek und Brook in dessen Kabine. Ein unbehagliches Schweigen mischte sich in die ohnehin schon düstere Atmosphäre des Zimmers. Dá Cal hatte nicht viel übrig für herausgeputzte Kapitänskajüten. In den Behausungen von anderen Kommandeuren fanden sich stets Ansammlungen von Trophäen und Erinnerungsstücken an große Ereignisse. Waffen von getöteten Feinden und Flaggen von zerstörten Schiffen. Ganz zu schweigen von Raubfischskeletten, die gebleicht und auf Holzplanken genagelt wurden, bevor man sie gut sichtbar aufgehängte. Jederzeit sollte solch ein Zimmer eine gewisse Autorität und Würde ausstrahlen. Bei Brook war das anders. Er wusste, dass seine Männer ihn schätzten und seinen Befehlen gehorchten. Er hatte sich ihre Achtung in vielen Schlachten und auch bei weniger kriegerischen Begebenheiten verdient. Obwohl er eine enge Beziehung zu seinen Männern verspürte, setzte er in der Vergangenheit schon oft deren Leben aufs Spiel. Und nicht wenigen unter den Seeleuten schien dies zu oft vorzukommen. Kein Risiko war dem selbstsicheren Kapitän zu groß. Er unternahm waghalsige Manöver und scheute nicht davor zurück sich auf unberechenbare Seeschlachten einzulassen. Öfters schon verlor einer seiner Leute bei solchen Unternehmung sein Leben. Erst vor einigen Tagen verlor er einen seiner dienstältesten Männer. Bei der Jagd auf einen Knochenwal stürzte ein Harpunier über die Reling und wurde von den Fluten verschluckt. Es herrschte ein unbarmherziger Sturm und die Wellenschneider musste darum kämpfen nicht Schlagseite zu kriegen und zu kentern. Brook nahm darauf keine Rücksicht. Er war der festen Überzeugung zu wissen was er seinem Schiff und seiner Besatzung zumuten könne. Jedoch machte nicht nur der eisige Sturm den Männern zu schaffen. Der Knochenwal hatte nicht vor sich als leichte Beute darzubieten. Er ging immer wieder auf direkte Konfrontation mit der Wellenschneider und krachte mit seinem harten Schädel gegen die Bordwand. Man hätte glauben können, dass der Wal der Jäger und das Schiff die Beute wäre. Doch Brook ließ sich davon nicht abschrecken. Er befahl seinen Männern die Harpunen zu greifen und den Wal dazu zu bringen sich seitlich zum Schiff zu bewegen. Dann wollte er den Riesen mit der großen Baliste zur Strecke bringen. Doch so einfach er sich diesen Plan vorgestellt hatte war er nicht. Stürmischer Regen peitschte über das tosende Meer und machte es den Seeleuten beinahe unmöglich sich auf den Beinen zu halten. Das salzige Meerwasser brannte in den Augen und mehr als einmal drohte das Hauptsegel in diesem wütenden Sturm zu reißen. Den Harpunieren war es einfach nicht möglich ein freies Wurffeld zu bekommen. Die Wellen peitschten gut fünf Schritte über die Reling hinaus in die Höhe und nahmen ihnen somit die Sicht auf ihr begehrtes Ziel. Also befahl Brook einigen Männern in die seitlichen Auslegerkörbe zu steigen und den Wal von dort aus zu treiben. Als dieser jedoch erneut gegen die Schiffswand stieß, stürzte Kobahl aus dem Ausleger hinein in die kalte, undurchdringliche See. Seine Kameraden erkannten sofort, dass sie nichts mehr für ihn tun konnten. Das Unwetter war einfach zu stark. Der Einzige, der sich davon augenscheinlich nicht beeindrucken ließ, war Brook dá Cal. Den Verlust seines langjährigen Freundes ignorierend ging er an der Baliste in Stellung und jagte dem Knochenwal zwei mannsgroße Sperre in die Seite. Mit den daran befestigten Tauen lenkten seine Männer dann den Weg der Beute und trieben sie erneut in Brooks Schussfeld. Als dieser dem mächtigen Meeresgeschöpf zwei weitere Pfeile in den Kopf trieb, war der Kampf gewonnen. Doch niemand jubelte als der Wal tot auf dem Meer trieb. Jeder dachte an den Kameraden, welchen sich das Meer geholt hatte. Jedoch verlor niemand ein Wort über den toten Kobahl in Gegenwart von Brook. Die Seemänner wussten, dass ihr Kapitän seine eigene Art hatte, um den Verlust eines seiner Mannschaftsmitglieder zu bewältigen.

Vier Tage später erreichte die Wellenschneider den Hafen von Alchor. Der tote Wal wurde für viel Silber verkauft und ermöglichte es somit, dass Brook seiner Besatzung einen großen Lohn auszahlen konnte. Tagelang verbrachten sie ihre Stunden damit das Silber in den umliegenden Schankstuben zu versaufen. Der Einzige, der wusste, dass Brook nichts von dem Erlös, den der Wal gebracht hatte, für sich behalten hatte, war Warek. Er wusste, dass Brook Schuldgefühle wegen Kobahl hatte. Dem Kapitän ging es außerdem nie darum viel Geld anzuhäufen. Seinem Vertrauten erschien es eher als prüfe sich der alte Seebär jeden Tag aufs Neue. Vielleicht suchte er auch den Tod.

„Wo bist du mit deinen Gedanken, mein alter Freund?“

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