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Blutland

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1.
  6. 2.
  7. 3.
  8. 4.
  9. 5.
  10. 6.
  11. 7.
  12. 8.
  13. 9.
  14. 10.
  15. 11.
  16. 12.
  17. 13.
  18. 14.
  19. 15.
  20. 16.
  21. 17.
  22. 18.
  23. 19.
  24. 20.
  25. 21.
  26. 22.
  27. 23.
  28. 24.
  29. 25.
  30. 26.
  31. 27.
  32. 28.
  33. 29.
  34. 30.
  35. 31.
  36. 32.
  37. 33.
  38. 34.
  39. 35.
  40. 36.
  41. 37.
  42. 38.
  43. 39.
  44. 40.
  45. 41.
  46. 42.
  47. 43.

Über die Autorin

Die Amerikanerin Delilah S. Dawson hat nach einem Kunststudium unter anderem als Lehrerin, Landschaftsmalerin und in einer Galerie gearbeitet. Ihr Lebenslauf umfasst aber auch eher ungewöhnliche Tätigkeiten wie das Herstellen von Luftballontieren, die Pflege von Reptilien und die Darstellung diverser Disney-Prinzessinnen. BLUTLAND – VON DER LEIDENSCHAFT GERUFEN ist Delilah S. Dawsons Debüt.

Delilah S. Dawson

BLUTLAND

Von der Leidenschaft
gerufen

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Silvia Gleißner

1.

Vor zwei Wochen hatte ich Mrs Steins Leichnam gefunden. Und nun war ich hier und wühlte in ihren Sachen herum. Es war nicht persönlich gemeint – ich hatte sie ja kaum gekannt. Und dieser Hausflohmarkt hier, der mir nun die Freiheit gab, in ihrem gruseligen alten Haus zu stöbern, war wahrscheinlich ihre eigene Idee gewesen – ein letzter Versuch, ihre Kinder zur Weißglut zu treiben.

Als ich das Schild sah, musste ich einfach anhalten. Für eine Sterbende war Mrs Stein erstaunlich paranoid gewesen. Außer dem Schlafzimmer im Erdgeschoss des alten viktorianischen Hauses, in dem sie ihre letzten Tage verbringen wollte, hatte ich nie etwas anderes zu sehen bekommen, und die Chance, jetzt darin auf Entdeckungsreise zu gehen, war einfach zu verlockend – das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Dazu kam, dass ich mich von den meisten meiner weltlichen Besitztümer verabschieden musste, als ich mich von Jeff trennte. Und ich hatte noch eine Stunde Luft, bis es Zeit für meinen nächsten Patienten war.

Ich schaute mir alles an, von vorne bis hinten. Zwar hatte ich weder das Geld noch den Lebensstil für unbezahlbare Antiquitäten, aber für kleine Kostbarkeiten war ich immer zu haben. Ein wenig Nippes, hübsche Bilder oder Modeschmuck könnten etwas Leben in mein leeres Apartment bringen. Das Beste entdeckte ich im Dachgeschoss – die paar Sonnenstrahlen, die hereindrangen, fielen auf Wände voller Bücher. Der reinste Himmel für mich.

Die Kette hing von einem alten Schmöker herunter. Zuerst wusste ich nicht recht, was ich davon halten sollte. Ich nahm sie in die Hand und zog daran. Das flache Medaillon glitt zwischen den Seiten heraus, und in meinem Bauch kribbelte es vor Aufregung, so wie wenn man eine Überraschung aus der Schachtel mit den Cornflakes holt. Klar, es war angelaufen und schmuddelig, aber trotzdem eine Überraschung. Vielleicht sollte sich mein Schicksal endlich doch mal zum Guten wenden.

Das Medaillon bezauberte mich – es war so alt und fremdartig. Ich hielt es ins spärliche Sonnenlicht und stellte mir vor, wie es glänzend um den Hals einer jungen Dame hing, als Teil einer epischen Geschichte voller Romantik, mit einem Prinz Charming, der sich nicht als ein überheblicher Arsch herausstellt, der einem die Seele aussaugt. Nicht dass ich verbittert wäre oder so. Ich wollte einfach nur ganz neu anfangen und dafür sorgen, dass mir dieser Abschied wirklich etwas Positives brachte.

Ist schon komisch, wie sich eine Beziehung schleichend verändern kann. Es fängt mit stürmischem Liebeswerben an, mit dutzendweise Rosen, Poesie und Tanzen. Er kauft dir eine Zahnbürste und räumt eine Schublade für dich frei. Du ziehst bei ihm ein. Du gibst bei Kleinigkeiten nach, einfach um ihn glücklich zu machen. Die Vorhänge. Dein Haar, weil er denkt, du solltest es wachsen lassen. Dann kommen die größeren Sachen. Das Scheckbuch. Dein Job. Und dann das eine wirklich große Ding, das Baby, das du verlierst, das Geschenk, das er dir nicht geben will. Seine Erleichterung bei deinem Schmerz macht etwas in dir kaputt, und das ist der schwerste Abschied von allen.

Und dann kommt der Tag, an dem dir klar wird, dass du im Grunde nur Spielzeug und Besitz eines Mannes bist, der dich komplett eingewickelt hat, bis du ein Vogel in seinem goldenen Käfig bist, beringt mit seinem perfekten Ehering, den er schon ausgesucht hatte, bevor er dich überhaupt getroffen hat. Dir wird klar, dass er nicht Pläne mit dir macht, sondern dich so manipuliert, dass du in seine Pläne passt, koste es, was es wolle. Dass du zu einem Abklatsch einer Illustriertenschönheit mutiert bist, mit nicht viel mehr im Kopf, und dass es nur allzu leicht war, die Kontrolle abzugeben. Und dann eines Abends schlägt er dich, und du kratzt dein letztes bisschen Würde zusammen und jagst den Bastard zum Teufel.

Du sagst »das war’s«. Und dann gehst du. Und irgendwann kommst du woanders hin und lernst wieder hallo zu sagen.

Also probierte ich es aus und sagte »hallo« zu dem Medaillon.

Allein bei seinem Anblick verspürte ich ein Gefühl von Glück, das ich schon ganz vergessen hatte. Ein Gefühl von Hoffnung, von Genuss. Ich hatte ganz vergessen, wie gut es sich anfühlt, wenn man etwas für sich aussucht, wenn man etwas sieht und sagt: »Das will ich haben.«

Es war hübsch, auf so eine leicht gruselig altmodische Weise. Auf einer Seite war ein großer flacher Stein – vielleicht ein Rubin, vielleicht auch nur Glas. Die andere Seite des Ovals hatte eine Schrift um den Rand, die sich nicht entziffern ließ, und in der Mitte eine Kompassrose. Ich hauchte das Metall an und rieb es an meinen Arbeitshosen, doch seine Geheimnisse blieben unter dem Dreck der Jahrhunderte sicher verborgen.

Gerade, als ich nach unten wollte, um das Medaillon zu bezahlen, tauchte eine kleine alte Frau neben mir auf und fragte: »Verzeihen Sie, Fräulein. Können Sie das lesen?«

»Ich will es gerne versuchen«, antwortete ich mit einem Lächeln.

Sie gab mir einen verkrusteten alten Salzstreuer, und ich las ihr den Preis vor, der mit Bleistift darauf geschrieben und schon ganz verschmiert war. Alte Leute wurden von mir magisch angezogen. Vielleicht, weil ich von Berufs wegen daran gewöhnt war, ihnen zu helfen. Vielleicht auch, weil ich nett aussah. Oder vielleicht, weil ich jedes Mal, wenn ich jemand Älteren sehe, an meine Großmutter denken und lächeln muss.

Mich um meine Großmutter zu kümmern, das ist eine meiner größten Freuden und zugleich eine meiner größten Sorgen. Ich kann bei ihr sein und ihr helfen, all die Aufgaben erledigen, die zur Pflege alter und kranker Menschen gehören, und die sie niemals einem fremden Menschen aufhalsen würde, weil ihr das viel zu peinlich wäre. Aber gleichzeitig muss ich zusehen, wie sie stirbt, und das bricht mir das Herz. Meine Mutter war lange fort und mein Dad lebte mit seiner neuen Frau am anderen Ende des Landes, und so ist sie die einzige Familie, die ich habe. Die Stunden, die ich jeden Tag mit ihr verbringe, sind mir kostbar. Ich kann kaum glauben, wie viel Zeit mit ihr ich verschenkt und stattdessen mit Jeff in Birmingham vergeudet habe.

Die alte Dame neben mir hatte dasselbe Feuer, das meine Großmutter zu so etwas Besonderem machte, eine Mischung aus guten Umgangsformen und Forschheit, die ich hoffentlich geerbt habe. Die Art, wie sie den unbotmäßigen Salzstreuer mit schmalen Augen musterte, erinnerte mich daran, wie ich als kleines Mädchen mit Nana auf Einkaufstour in Sachen Antiquitäten unterwegs gewesen war und ein Bonbon nach dem anderen gefuttert hatte, während sie mit den Verkäufern feilschte. Doch leider blieb mir nicht mehr viel Zeit, bis ich bei Mr Rathbin sein musste, und danach warteten noch vier weitere Patienten auf mich.

Gerade als ich den Mund öffnete, um mit einer Entschuldigung zu entschlüpfen, ging mein Piepser los. Es war die Nummer der Zentrale, gefolgt von der 911.

Mit einem »bitte entschuldigen Sie mich« stürmte ich an der überraschten alten Dame vorbei und die schmale Treppe hinunter.

»Muss eine Ärztin sein«, hörte ich sie noch zu jemandem sagen, bevor ich außer Hörweite war.

Könnte, wollte, sollte, dachte ich und erinnerte mich an die Nacht, als Jeff meine Bewerbungen für die medizinische Hochschule zerrissen und in den Müll geworfen hatte. Doch dann korrigierte ich mich:

Ich kann immer noch Ärztin werden, wenn ich will. Nichts hält mich davon ab, verdammt. Ich kann sein, was oder wer auch immer ich sein will. Niemand wird mir jemals wieder vorschreiben, was ich zu sein habe.

Wieder im Auto, griff ich in meine Tasche nach dem Handy, um im Büro anzurufen. Stattdessen fand ich das Medaillon. Ich starrte es an und rief mir in Erinnerung, dass ich kein Dieb bin, dass ich noch nie in meinem Leben etwas gestohlen habe … zumindest nicht mit Absicht.

Doch irgendetwas, für das ich keine Erklärung hatte, hielt mich davon ab, noch einmal ins Haus zu gehen und die Sache in Ordnung zu bringen. Die Frau, die den Hausflohmarkt durchführte, war beschäftigt und wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass das Medaillon existierte. Und die kürzlich verstorbene Mrs Stein würde es nicht vermissen. Es war kein Preis dran. Trotzdem tauchte in meinem Kopf ein wildes Bild auf, von Streifenwagen mit Blaulichtern, die meinen kleinen Wagen in der Einfahrt umzingelten, während mich Polizisten mit gezogenen Waffen aufforderten, die Hände hochzunehmen. So vieles in den letzten drei Jahren meines Lebens hatte die Angst diktiert.

Ich steckte den Kopf durch die Kette und ließ mein langes dunkles Haar darüberfallen. Dabei konnte ich es mir nicht verkneifen, mir selbst im Autospiegel listig zuzugrinsen. Das Medaillon war schwer und hing tiefer als die meisten meiner Halsketten, genau über dem Herzen. Ich steckte es unter mein Arbeitshemd und das T-Shirt darunter. Der schwere stumpfe Gegenstand fühlte sich gut auf der Haut an, und ich fragte mich, welche Art Metall sich wohl unter dem Belag verbergen mochte. Wenn es erst mal gereinigt war, konnte ich die Kette vielleicht kürzen lassen.

Oder es würde mein Geheimnis bleiben, einfach so, weil ich es konnte.

2.

Ist dieses Ding aus Kryptonit, oder was?«, murmelte ich vor mich hin. »Es ist zwecklos.«

Nana schaute nicht mal von ihrem Kreuzworträtsel auf, als sie fragte: »Was ist zwecklos?«

»Dieses Medaillon sauber zu kriegen. Ich habe alles ausprobiert, was du so unter deinem Spülbecken stehen hast. Ich werde noch wahnsinnig.«

Ich besah mir die Reihe an Reinigern und Putzutensilien, die über den Küchentisch verteilt lagen. Alles hatte ich ausprobiert. Nächster Schritt: Presslufthammer.

Sie verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Tish, Herzchen, bitte sag jetzt nicht, dass du eben ein wertvolles antikes Schmuckstück mit Bleiche malträtiert hast?«

»Yep«, sagte ich.

»Ach du heiliges Klohäuschen«, ließ sie sich von ihrem Rollstuhl aus vernehmen, und ihr Gesicht runzelte sich wie ein vertrockneter Apfel. »Du wirst es noch ruinieren. Mit alten Dingen muss man vorsichtig umgehen. Zeige etwas Respekt.«

»Was würdest du empfehlen?«, fragte ich sie. Wenn sie nicht noch ein gutes altes Südstaatenrezept auf Lager hatte, das helfen könnte, dann war es hoffnungslos.

»Geduld«, meinte sie mit einem Lächeln. »Bring es morgen zu einem Juwelier, bevor du es ruinierst. Du bist zu ungestüm. Hast du es schon geöffnet?«

»Bisher war ich viel zu sehr damit beschäftigt, es sauber zu kriegen, um nachzusehen, was drin ist«, gab ich zurück. Aber, um ehrlich zu sein, hatte ich mir das für später aufgehoben, wenn ich allein war. Ich wollte es auskosten und für mich behalten, als mein kleines Geheimnis.

Als sie sich wieder ihrem Kreuzworträtsel zuwandte, versuchte ich es noch ein letztes Mal mit der Bleiche, nur für alle Fälle. Und während ich so in der Stille vor mich hinschrubbte, hörte ich es. Das Geräusch, das ich mehr als alles andere hasste. Ihr mühsames Atmen. Es ging ihr nicht gut heute Abend, aber das würde sie nie zugeben. Ich hatte es so eingerichtet, dass sie die letzte Station meiner täglichen Runde war, sodass ich immer genügend Zeit für sie hatte. Ich hielt all meine Arbeitsschritte als ihre Pflegerin schriftlich fest, um sicherzugehen, dass sie ihre Medikamente für die Chemo und gegen die Übelkeit hatte. Und danach machte ich ihr das Abendessen warm, half ihr dabei, ihren Schal um ihr inzwischen spärliches Haar zu wickeln, und brachte sie ins Bett. Sie schaffte es nicht mehr alleine, und das hasste sie.

»Brauchst du mehr Demerol, Nana?«, fragte ich sachte.

Ihr Mundwinkel verzogen sich wieder nach unten und ihre Augen wurden schmal. »Nein, ich brauche keines mehr, vielen Dank auch, Fräulein«, sagte sie. »Erzähl du mir nicht, wie ich mich fühle.« Seit dem letzten Rückfall war sie da kratzbürstig. Wir hatten gedacht, sie sei auf dem Weg der Besserung, doch offenbar fand ihr Krebs, aller guten Dinge sind drei.

»Ich will nur, dass es dir gut geht«, antwortete ich. »Weil ich dich liebe.«

»Ich bin lieber bei Sinnen, als vollgepumpt mit Medikamenten«, sagte sie, und ihre Augen blitzten. »Wenn ich schon nicht mehr viel Zeit habe, dann kannst du verdammt sicher sein, dass ich die in wachem Zustand und so aktiv wie möglich verbringe.«

»Aber es ist Zeit zum Schlafengehen, Nana«, gab ich mit einem leisen Lachen zurück. »Du brauchst deinen Schlaf.«

»Wenn jemand Schlaf braucht, dann du, Süße«, meinte sie. »Alte Knochen schlafen nicht mehr so leicht. Nun, warum machst du nicht Schluss für heute, damit du ausgehen und genießen kannst, dass du noch jung bist?«

»Ich bin fünfundzwanzig«, sagte ich. »Das ist nicht sehr jung.«

»Ich bin vierundachtzig«, konterte sie. »Du musst eben für uns beide jung sein. Geh auf eine Party, oder was ihr jungen Leute so tut. Geh und triff dich mit einem netten jungen Mann.«

»Ich glaube nicht, dass ich schon soweit bin«, antwortete ich.

Der letzte nette junge Mann, mit dem ich mich getroffen hatte, hatte mich beinahe zerbrochen. Ich war noch nicht bereit, mich wieder einfangen zu lassen. Und ich war auch nicht bereit, das, was von mir noch übrig war, zu teilen.

Darüber dachte ich nach, während ich unser allabendliches Ritual vollzog. Ich dachte an Bars und Bücherläden, Online-Verabredungen und kleine Karten, die an attraktive Männer ausgehändigt wurden. Nichts davon erschien mir verlockend. Und es war auch nicht so, als würde ich bei der Arbeit auf irgendwelche heiratsfähigen Junggesellen treffen. Meine Patienten waren sämtlich über siebzig, bis auf einen, der war dreißig und lag im Koma.

Ich breitete die Decken über Nanas dünne Ärmchen und ihren aufgeblähten Bauch und schenkte ihr mein strahlendstes Lächeln. Danach sorgte ich dafür, dass sie ihre Fernbedienungen hatte, ihr Buch mit den Kreuzworträtseln, Kuli, schnurloses Telefon und ihren »Ich bin gestürzt und kann nicht allein aufstehen«-Knopf.

»Gute Nacht, Nana. Bis morgen früh. Ich hab dich lieb«, sagte ich.

»Sag das nicht immer so, als würdest du es zum letzten Mal sagen«, grummelte sie mürrisch. »Irgend jemand außer mir muss schließlich so tun, als würde ich ewig leben.«

»Du wirst ewig leben«, sagte ich. »Bis ich so alt bin wie du, und dann wirst du mir endlich beibringen, wie man deinen berühmten Schokoladenkuchen macht.«

»Vielleicht«, meinte sie. »Wenn du brav bist.«

Morgen früh um acht würde ich wieder bei ihr sein, um ihr aus dem Bett und in ihren elektrischen Rollstuhl zu helfen. Fast alles andere konnte sie noch selbst machen, und sie wollte ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben und in ein Heim ziehen. Ich half ihr gerne. Als ich Jeff verlassen hatte, war sie die Erste, die ich anrief, in Tränen aufgelöst, von einer Telefonzelle aus, draußen in der klirrenden Kälte. Mein Handy hatte ich zurückgelassen, weil ich Jeff keine Möglichkeit hatte geben wollen, mich zu finden.

»Komm einfach nach Hause, Tish«, hatte sie gesagt. »Wir Everett-Frauen stehen alles durch. Komm einfach nach Hause.«

Und ich war nach Hause gekommen. Ein paar Wochen lang hatte ich bei ihr gewohnt, dann hatte sie mir Geld angeboten, um die Kaution für mein Apartment zu bezahlen. Es berührte mich, wie gut sie verstand, dass ich Raum für mich brauchte, um mich selbst wiederzufinden. Ich war abgebrannt, und sie hatte es als vorzeitiges Erbe bezeichnet. Seitdem hatten wir uns gegenseitig Halt gegeben und eine Beziehung voller Freundschaft und Zuneigung zueinander aufgebaut – mit einer Regel: Wir sprachen nie über ihre Krankheit und nie über meine Vergangenheit.

Auf der Heimfahrt stöberte ich in meiner alten CD-Box. Ja gut, ich hatte einen ganzen iPod voll mit Musik, aber das war alles Zeug, das Jeff ausgesucht hatte; Lieder, die wir zusammen gehört hatten. Ich wollte meine alten Lieblingsstücke, Lieder, die mir das Gefühl gaben, stark und hübsch und wild und jung zu sein. Die Art Musik, die Jeff als unreif und einen Teil der »alten Tish« bezeichnet hatte. Ich kurbelte die Autofenster herunter, ließ die milde Luft der Frühlingsnacht herein und sang aus voller Kehle mit. Ich liebte den Wind in meinen Haaren und das Pochen des Medaillons gegen mein Herz im Rhythmus der Musik. Das hätte ihm auch nicht gefallen. Er hätte mich in diesem wehleidigen Tonfall gefragt, ob mir die Diamanten, die er mir geschenkt hatte, etwa nicht gut genug wären.

Nö. Deshalb hatte ich sie auf meinem Weg nach draußen auch in den Müllschlucker gekippt und den Knopf gedrückt.

Wieder in meinem kleinen Apartment, fühlte ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit unbeschwert. Als wäre der Besitz des Medaillons ein Trost für mich, ein weiterer Ausdruck dafür, wer ich war. Ich mochte laute Musik. Ich kümmerte mich um meine Großmutter. Zuhause warteten ein gutes Buch und ein geretteter Kater namens Mr Surly auf mich. Zum Abendessen gab es Käsetoast und Tomatensuppe. Und ich hatte ein antikes Medaillon vom Dachboden meiner verstorbenen Patientin gestohlen.

Während ich mich auszog und in meinen Pyjama schlüpfte, behielt ich das Medaillon um meinen Hals im Kommodenspiegel permanent im Blick. Ich wollte es nicht abnehmen. Die Tatsache, dass ich etwas hatte, das ich nicht haben sollte, hatte etwas Aufregendes für mich.

Es war an der Zeit, es zu öffnen. Ich betastete den Rand auf der anderen Seite des Scharniers, konnte aber keine Schließe finden. Ich versuchte es mit den Fingern aufzubekommen, aber es gab nicht nach. Ich ging ins Badezimmer und versuchte es mit einer Nagelfeile aufzubrechen, so wie eine Muschel, doch das Ding war überhaupt nicht gewillt, seine Perle preiszugeben. Mr Surly sah mir vom Badezimmertresen aus zu. Sein Schwanz zuckte; er wirkte amüsiert.

Mit einem müden Seufzen wedelte ich mit den Fingern vor dem Medaillon herum und sagte: »Medaillon, enthülle deine Geheimnisse!«

Natürlich funktionierte das nicht. Solche Sachen funktionieren nie.

Ich fuhr mit den Fingern darüber. Es musste doch einen Weg geben. Dann drückte ich auf den Stein auf der Vorderseite, und das Medaillon sprang auf.

Ich schnappte nach Luft, als eine scharlachrote Flüssigkeit herausplatzte und Tropfen davon auf meine Hand spritzten.

Was auch immer das war, es brannte, und ich ließ das Medaillon auf den Tresen fallen. Dort drehte es sich einen Moment lang und verteilte eine Reihe roter Punkte auf dem Stein.

Ich ließ kaltes Wasser über meine Hand laufen. Die Flecken hörten auf zu brennen, aber sie gingen nicht ab. Ich schäumte sie mit antibakterieller Seife ein, aber die Flecken gingen immer noch nicht ab, also griff ich zur Nagelbürste. Als ich in den Spiegel schaute, sah ich mich selbst dort stehen, in einem uralten Trägerhemd und schlabberigen Pyjamahosen, wie ich meine Hand schrubbte, bis sie ganz wund und gerötet war. Die Flecken wirkten jetzt sogar deutlicher, also gab ich es auf.

Ich fragte mich unwillkürlich, welche Sorte Witzbold aus alten Zeiten eine Säure, die rote Flecken verursachte, in ein Medaillon füllte und es dann in einem Buch versteckte? Das Ding war ja seine eigene Diebstahlsicherung.

Und nun lag es ganz unschuldig auf dem Badezimmertresen inmitten einer Vielzahl böser roter Flecken. Sinnlos, die jetzt gleich wegputzen zu wollen.

Dann schaute ich genauer hin und bemerkte, dass die roten Tropfen winzig kleine Löcher in den Granit geätzt hatten, wie Pockennarben. Kleine rote Löcher, in soliden Stein gebrannt. Verwirrt fuhr ich mit dem Finger darüber. Das ergab keinen Sinn – ich müsste ebenfalls lauter Löcher in der Haut haben. Hatte ich aber nicht.

Aber darüber dachte ich jetzt nicht groß nach, denn ich war viel neugieriger auf das Medaillon selbst, das jetzt endlich offen war. Das rote Zeug war herausgelaufen, also hob ich es auf und hielt es ins Licht.

Drinnen, unter Glas, war ein zierliches Porträt in Aquarell. Der Mann war faszinierend, und ich war wie gebannt von seinen durchdringenden Augen, die mich herausfordernd unter feinen, aber scharf gezogenen Brauen ansahen. Sein langes dunkles Haar sah aus, als habe er es nur Augenblicke zuvor aus einem ordentlichen Zopf gerissen und als Ausdruck der Rebellion offen hängen lassen, um den Maler zu ärgern. Sein Mund war schmal mit einem leicht unbarmherzigen Zug, die Lippen zu einem wissenden Schmunzeln verzogen. Seine Wangenknochen waren so scharf modelliert, dass man Papier damit hätte schneiden können. Er trug ein weißes Hemd mit hohem Kragen, der lässig offen stand, und um den Hals hing eine nicht gebundene indigofarbene Krawatte.

Ich liebte Jane Austen, also war dieser Schurke mit Krawatte ganz mein Fall, sowas wie ein besonders ungezogener Mr Darcy. Er war das komplette Gegenteil des stämmigen, adretten, durch und durch amerikanischen Jeff – noch ein Punkt für den geheimnisvollen Fremden.

Ich konnte beinahe sehen, wie eine Gedankenblase über seinem Kopf auftauchte. Trau’ dich.

»Mich trauen? Was denn?«, fragte ich.

Darauf gab er keine Antwort.

Ich riss meinen Blick von dem Bild los und betrachtete die andere Seite des Medaillons, vielleicht war ja dort ein Porträt seiner Herzensdame. Doch stattdessen waren dort Worte eingraviert, und ich konnte sie beinahe erkennen.

»Viernes toa meo,«, flüsterte ich und fuhr die Buchstaben mit dem Finger nach. Ich konnte ein paar Brocken Französisch und Spanisch, gerade genug, um ein Sandwich zu bestellen und zur Toilette zu finden, und die Wörter kamen mir seltsam vertraut vor, aber sie ergaben keinen Sinn. Vielleicht Portugiesisch? Oder Esperanto?

»Wer bist du?«, fragte ich laut. »Und welche Frau hat dich an ihrem Herzen getragen?«

Auch darauf gab er keine Antwort. Wahrscheinlich würde ich es nie erfahren. Es sei denn, ich ging morgen noch mal zu dem Hausflohmarkt und stöberte auf dem Dachboden nach Hinweisen. Vielleicht schlummerte irgendwo in dem Haus ein größeres Porträt, das mir entgangen war, oder irgendetwas stand in dem Buch. Ich war so mit der alten Dame und dem Medaillon beschäftigt gewesen, dass ich es gar nicht aufgemacht oder auch nur auf den Buchdeckel geschaut hatte. Aber es würde ganz einfach zu entdecken sein – ein Buch in tiefem Blutrot, das sich von all den anderen, verstaubten, braunen Schmökern abhob. Deshalb hatte ich es überhaupt erst entdeckt. Ich beschloss, morgen noch mal zu dem Hausflohmarkt zu gehen, klappte das Medaillon zu und hängte es mir wieder um den Hals, unter mein Hemd. Ich kam mir ein wenig albern vor.

Nun, da das Geheimnis des Medaillons gelüftet war, sickerte das wirkliche Leben zurück in meine Gedanken. Nach dem heutigen Abend mit Nana war ich beunruhigter denn je. Wenn ihre Schmerzen stärker geworden waren und sie es mir nicht sagen wollte, erzählte sie es dann ihrem Arzt? Wurde der Krebs schlimmer, oder waren die Medikamente der Chemo das Problem? Und noch schlimmer – wo wäre sie jetzt, wenn ich nicht direkt aus Alabama zurückgekommen wäre? Manchmal glaubte ich, ich war das Einzige, was sie noch am Leben hielt.

Ich konnte schon immer schnell einschlafen, und meine Träume brachten mir oft die Lösungen für meine Probleme. Ich hoffte, heute Nacht würde ich die Antworten finden, die ich brauchte.

3.

Mir war kalt, und ich griff nach meiner Decke. Doch da war nichts.

Shirt und Hosen waren auch nicht da.

Ebenso wie mein Bett.

Nun, das war merkwürdig.

Ich öffnete die Augen und stemmte mich von dem kalten Stein hoch. Ich war vollkommen nackt. Abgesehen von dem Medaillon, das noch immer um meinen Hals hing. Aber es war nicht länger fleckig von Alter und Schmutz. Es war perfekt und glänzte, und das strahlende Gold schimmerte im bläulichen Licht des frühen Morgens. Um mich war es totenstill.

Einen Moment lang spürte ich Panik. Ich hielt die Arme vor meiner Brust verschränkt und suchte mit den Augen den ungewöhnlich stillen Wald um mich herum ab. Die Steinplatte befand sich auf einer nebligen Lichtung, umgeben von einem gespenstischen Ring aus Birken. Ein paar Vögel fingen zu zwitschern an und durchbrachen damit die Stille. Aber irgendwie hörte sich ihr Gesang falsch an.

Und dann lachte ich über mich selbst:

Natürlich – ich träumte.

Nur wieder einer von meinen verrückten Klarträumen.

Schon mein ganzes Leben lang hatte ich Träume, die realistisch, farbenfroh und mit sämtlichen Sinneseindrücken ausgestattet waren, und an Momente wie diesen hier war ich ziemlich gewöhnt. In meinen Träumen ließ ich all die Selbstzweifel und Sorgen hinter mir, die mich die letzten Jahre über verfolgt hatten. Hier war ich nichts weiter als die reine, unverfälschte Tish – das Ich, das ich sein wollte. Ich genoss es, dass es keine Konsequenzen für irgendwas gab. In meinen Träumen war ich frei. Und, jawohl, regelmäßig nackt.

Keine große Sache. Ich konnte alles tun, was ich wollte.

Zeit, die Welt zu entdecken.

Ich hopste von der Steinplatte und wischte kurz über meine Traum-Kehrseite. Langsam drehte ich mich einmal im Kreis herum und suchte nach einem Weg, dem ich folgen konnte, irgendein Zeichen, wohin der Traum mich führen würde.

Ich erschrak, als ich ihn dort entdeckte, an eine der Birken gelehnt. Nur Sekunden zuvor war ich allein gewesen, da war ich mir sicher, und plötzlich war er da, wie durch Magie.

Es war der Mann aus dem Medaillon. Er hatte dasselbe unverschämte, verwegene und wissende Lächeln, dasselbe widerspenstige Haar. Ein Bein hatte er angewinkelt, mit der Sohle des zugehörigen hohen schwarzen Stiefels gegen den Baum gestellt, und seine Arme waren über der Brust verschränkt, sodass sein schwarzer Mantel sich an den Schultern spannte.

»Du bist hier«, sagte er schlicht.

»Kenne ich dich?« Die Frage kam mir überheblicher über die Lippen als beabsichtigt.

»Noch nicht, aber bald«, antwortete er, stieß sich von dem Baum ab und kam auf mich zu. »Immerhin trägst du mein Medaillon. Und ich habe auf dich gewartet.«

Er hatte einen leicht britischen Akzent, genau wie ich es erwartet hätte.

»In meiner Vorstellung hattest du mehr an«, sagte er.

»Und in meiner Vorstellung hörtest du am Schlüsselbein auf«, gab ich zurück.

Daraufhin warf er den Kopf in den Nacken und lachte, ein Lachen voll so wilder Freude, dass es schon verstörend war. In der realen Welt lachte niemand so, weil jedermann viel zu gehemmt dafür war und sich Gedanken machte, was die Leute sagen würden. Ich selbst hatte schon lange, lange Zeit nicht mehr so gelacht.

»Dann komm mit, Liebes, und lass dir etwas anziehen«, meinte er und begann, seinen Mantel aufzuknöpfen.

»Normalerweise rede ich nicht mit Fremden«, sagte ich, die Arme immer noch verschränkt.

»Und ich laufe normalerweise nicht mit einem nackten Wildfang durch die Gegend«, gab er zurück. »Aber wenn du hier zu lange unbedeckt herumstehst, dann wird dich irgendetwas finden, das sogar noch gefährlicher ist als ich. Außerdem kann ich dich so nicht mit nach Hause bringen. Es muss schon anständig aussehen.«

»Was muss anständig aussehen? Und was glaubst du, wo du mich hinbringst?«, fragte ich, aber er ließ schon den Mantel von seinen Schultern gleiten und hielt ihn mir hin.

»Nur zu«, sagte er. Dann grinste er wie ein Wolf und zeigte seine Zähne. »Er beißt nicht.«

Dass ich nackt war, bereitete mir nicht übermäßig Sorgen, doch wenn er wollte, dass ich seinen Mantel trug, sollte es mir recht sein. Die Luft war kühl und feucht, und ich hatte Gänsehaut an den Armen. Also schlüpfte ich in den Mantel, und er knöpfte ihn mir bis zum Hals hinauf zu. Als er den obersten Knopf schloss, direkt unter meinem Kinn, trafen sich unsere Blicke, und ich wurde rot und schaute zu Boden. Viel zu intensiv, sein Blick. Er war nur ein wenig größer als ich, langgliedrig, aber muskulös, wie ich durch den offenen Hemdkragen sehen konnte.

Ich war es nicht gewohnt, etwas eng um meinen Hals zu haben und wollte den obersten Knopf wieder öffnen.

»Darfst du nicht«, sagte er und hinderte mich mit seiner behandschuhten Hand daran. »Das ist der wichtigste.«

»Sag mir nicht, was ich zu tun habe«, grollte ich, als er meine Hand erneut zur Seite schob. »Was ist das hier – England im Viktorianischen Zeitalter? Niemand knöpft irgendwas bis zum Hals hinauf zu, solange es nicht gerade schneit«, beschwerte ich mich. Aber den Knopf ließ ich trotzdem mal geschlossen.

»Viktorianisches Zeitalter?«, fragte er. »Nie davon gehört. Aber ein entblößter Hals ist gefährlich hier. Genauer gesagt, jegliche entblößte Haut. Bei jedem anderen als mir wärst du höchstwahrscheinlich schon tot.«

Er bot mir seinen Arm, und mangels anderer Optionen akzeptierte ich. Sein schwarzer Mantel war abgenutzt, aber dick und sah schön aus. So wie er geschneidert war, fühlte ich mich kurvenreich und schön darin, auch wenn ich sonst nichts anhatte. Sein eigenes Hemd flatterte im leichten Wind, und die scharlachrote Weste betonte seine blasse Haut.

Wir gingen los, und ich atmete den Duft seines Mantels ein. Er roch angenehm, nach Beeren und Wein, und nach etwas Grünem mit einer scharfen Note. Mir wurde leicht schwindlig, als ich das Aroma in mich aufnahm.

Er beobachtete mich und schmunzelte.

»Weißt du, wie ein Mann eine Wölfin zähmt?«, fragte er mich.

»Nein«, antwortete ich.

»Man nimmt ein Kleidungsstück, das man eine Zeitlang getragen hat und wirft es in den Käfig oder die Höhle, wo sie schläft. Dieses erste Kleidungsstück zerfetzt sie, bis nichts mehr davon übrig ist. Auf dem zweiten dann kaut sie nur ein wenig herum. Sie schnuppert daran, atmet den Duft ein, so wie du gerade. Dann das dritte Kleidungsstück. Sie fängt an, es mit sich herumzuschleppen, sie liebt es, sie schläft damit. Und dann hast du sie unter deinem Zauber. Sie hat sich an deinen Duft gewöhnt und will ihn um sich haben. Sie wird dir überallhin folgen.«

»Nennst du mich eine Wölfin?«, fragte ich.

»Nennst du mich einen Mann?«, fragte er zurück.

»Was solltest du denn sonst sein?«

Daraufhin warf er mir ein verruchtes Lächeln zu, das eine Reihe spitzer Zähne sehen ließ. Ich zuckte kurz zusammen, dann schüttelte ich den Schreck ab.

»Ich habe keine Angst«, erklärte ich. »Das hier ist mein Traum. Nichts kann mir Schaden zufügen.«

»Ein Traum?«, fragte er und zog eine Augenbraue hoch. »Du denkst, das hier ist ein Traum?«

»Ich weiß, dass es einer ist«, sagte ich kühl.

Er grinste. »Liebchen, du könntest mich gar nicht heraufbeschwören, wenn du es versuchtest«, gab er zurück.

Dem finsteren Blick, den ich ihm daraufhin zuwarf, hielt er stand, und so standen wir da, und funkelten uns an, in einem mentalen Kräftemessen.

Plötzlich lenkte mich eine Bewegung ab, und ich schaute nach unten. Ein kleines braunes Kaninchen lugte schüchtern aus dem Unterholz. Es hoppelte auf uns zu und hielt an, hoppelte noch ein wenig näher, hielt wieder an, bis es uns beinahe erreicht hatte.

»Hast du das auch hergeträumt?«, fragte er.

»Das Kaninchen? Ja sicher, ich denke schon«, gab ich zurück. »Das ist ein ganz süßes Ding. Soll wahrscheinlich meine Liebenswürdigkeit repräsentieren, oder meine Unschuld. Irgendwas in der Art.«

Das Kaninchen schnupperte an meinem Fuß, mit zuckendem Näschen und strahlenden Augen. Ich lächelte.

Und dann biss es zu. Scharfe Reißzähne bohrten sich in meinen nackten Knöchel.

Ich schrie auf und trat automatisch zu. Kreischend flog es kopfüber durch die Luft und landete mit einem Plumps auf seinem flauschigen Schwanz im Gras. Nachdem es sich wieder auf seine Pfoten gerappelt hatte, drehte es sich noch einmal um und fauchte mich an, bevor es wieder zurück ins Unterholz flitzte.

Hmm. Das war mal was Neues.

Ich schaute an mir herunter. Mein Knöchel blutete aus zwei punktförmigen Wunden. Und es tat weh. Sehr sogar.

»Vor dem Kerlchen wirst du dich ab jetzt in Acht nehmen müssen«, sagte der Mann und grinste wieder schlitzohrig. »Der hat Geschmack an dir gefunden.«

»Ich habe immer noch keine Angst«, gab ich zurück. »Reißzähne oder nicht. Das hier findet alles in meinem Kopf statt.«

»Er hat Freunde«, meinte der Mann. »Und die haben alle Reißzähne, und sie werden wiederkommen. Und du blutest. Wenn du dich für stark genug hältst, um ein ganzes Rudel Bludhäschen abzuwehren, dann kann ich dir versichern, dass du dich irrst. Du kommst besser mit. Und zwar sofort.«

Das nahm ich ihm nicht ab. Ich musste die Kontrolle über meinen Traum übernehmen. Also streckte ich eine Hand aus, spreizte die Finger und konzentrierte mich.

»Zzzzzzzsssst! Pshew! Zzzzist!«, rief ich. Aber nichts passierte.

»Was in Sang machst du da, Liebes?«, fragte er.

Mein Arm sank herab. »Ich wollte Blitze aus meinen Fingerspitzen schießen lassen«, sagte ich. Dann, leise: »Normalerweise funktioniert es.«

»Ich habe dir doch gesagt, das hier ist kein Traum. Möchtest du auch noch ausprobieren, ob du fliegen kannst?«

Verlegen machte ich einen kleinen Hopser, aber meine Füße trafen sofort wieder auf den Boden.

»Nein«, sagte ich, und plötzlich fühlte ich mich missmutig, beschämt und am Rande einer Panik. Das hier lief ganz und gar nicht so, wie es sonst immer der Fall war. Denn dann hätte er schon längst in einem Ball aus blauem Feuer explodieren müssen.

»Wenn du nun mit Herumspielen fertig bist«, sagte er, »dann sollten wir jetzt wirklich verschwinden, bevor irgendwas das Blut an deinem Knöchel riecht.«

Erneut der Handschuh, der darauf wartete, dass meine Hand ihn ergriff. Ich dachte nach.

Es war nur ein Traum, ganz gleich, ob die üblichen Tricks funktionierten oder nicht. Ich konnte ebensogut mal sehen, wohin das alles führte. Der Typ konnte wohl kaum gefährlicher sein als ein Rudel gestörter, blutrünstiger Karnickel. Also nahm ich wieder seinen Arm, und wir gingen eine seltsame Art Weg entlang. Er bestand aus zwei tiefen Spurrillen in der Erde, die einen Abstand von etwa einen Meter achtzig voneinander hatten und sehr gerade verliefen, wie von einer Maschine gezogen.

Viel zu tief hing der Himmel über einer endlosen öden Graslandschaft mit kleinen Feldgehölzen und ein wenig Wald. Es erinnerte mich an Der Hund von Baskerville. Die Luft war leicht neblig, beinahe wie von Smog, aber das passte zu meinen Träumen, wo die Dinge oft schemenhaft oder verschwommen waren, bis ich direkt davor stand.

Während wir gingen, nahm etwas vor uns im dunstigen Sonnenaufgang langsam Gestalt an, dunkle Schatten, die sich schroff von dem perligen Lavendel der Wolken abhoben.

»Da ist der Wagenzug«, erklärte der Mann im Plauderton. »Mein Wagenzug.«

»Aha«, sagte ich, weil mir sonst nichts einfiel.

Das Schweigen zwischen uns zog sich in die Länge. Er schien mit irgendetwas zufrieden zu sein, aber seine gute Laune machte mich misstrauisch. Irgendwas war da im Gange, etwas Offensichtliches, das mir entging, das er mir aber nicht sagte. Ich spähte in den Nebel und versuchte, die Umrisse des Wagenzugs auszumachen, von dem Rauch aufstieg.

»Ist das eine Eisenbahn?«, fragte ich.

»Hast du etwa noch nie einen Wanderzirkus gesehen?«, fragte er zurück. »Oh Liebes, du machst mich fertig. Du bist wie ein Kindchen im Wald, das versucht, die Bludhäschen zu knuddeln.«

So langsam wuchs mir sein Akzent ans Herz, irgendwas ganz Ähnliches wie Britisch, aber mit einem Anflug von Verwegenheit, so wie ein Freibeuter. Sehr melodisch. Ich wollte, dass er weiterredete, auch wenn das, was er sagte, keinerlei Sinn ergab.

»Wieso fängt fast jeder zweite Satz von dir mit ›Blut‹ an?«, fragte ich ihn.

Er antwortete nicht sofort, sondern schaute lächelnd auf den näher rückenden Wagenzug.

»Ich vergesse das immer«, meinte er dann beinahe entschuldigend. »Du weißt es ja nicht.«

»Ich weiß was nicht?«

»Eigentlich alles«, antwortete er mit einem weiteren tiefen Glucksen.

Okay, also das war einfach nervig.

»Versuchst du mir gerade das Gefühl zu vermitteln, ich wäre ein Idiot?«, fragte ich.

»Ich versuche gar nichts«, kam seine Antwort, aber es war deutlich, dass er mit seinen Gedanken woanders war.

Inzwischen waren wir nahe genug, um verschiedene Merkmale der seltsamen Parade von Wohnwägen auszumachen, die alle in einer Reihe standen. Der erste sah aus wie eine Kreuzung aus altmodischer Lokomotive, einer Pfeifenorgel aus Messing und einem Chemiebaukasten voll blubbernder grüner Flüssigkeit und schwarzem Rauch; der letzte war ein kleiner roter Werkstattwagen. Die Spurrillen, denen wir gefolgt waren, endeten an den Rädern des Werkstattwagens, auf dem ein Kapuzineräffchen mit einem roten Fez saß und gelangweilt dreinschaute.

Ich schnupperte, doch alles was ich riechen konnte, war Rauch. Erst in dem Moment fiel mir auf, dass hier, außer dem Äffchen am Werkstattwagen, nicht eine lebende Seele zu sehen war. Keine Pferde, Kühe oder Schweine, wie ich sie in der Umgebung von Zirkuswägen erwartet hätte, und auch nicht der dazugehörige Gestank. Noch nicht mal ein Elefant oder eine Giraffe. Eigenartig.

»Ich sollte dir wohl alles erzählen«, sagte er. »Damit du weißt, was auf dich zukommt, wenn du alle triffst. So nah bei den Wagen sollten wir sicher sein.«

Er geleitete mich ein Stück des Weges zurück zu einer Stelle mit Gestrüpp, an der wir gerade vorbeigekommen waren. Ein breiter knorriger Baumstumpf, umgeben von langen und dürren jungen Bäumchen, ragte dort aus dem hohen Gras, und er verbeugte sich und zeigte auf den Baumstumpf:

»Mylady«, meinte er auffordernd.

Ich beäugte den Baumstumpf und zog den Mantel über meinen lilienweißen Allerwertesten, denn ich war mir ziemlich sicher, dass ich keine Lust hatte, selbigen auf einem Haufen Holzsplitter und blutdürstiger Ameisenlarven zu platzieren, nicht mal in einem Traum. Als er mein Zögern sah, griff er in eine Außentasche des Mantels und zog ein leuchtend karmesinrotes Taschentuch heraus. Und dann ein gelbes. Und dann ein smaragdgrünes. Und dann ein kräftig violettes. Und dann – eine lebendige Taube, die sofort hektisch in Richtung der Wagen davonflatterte.

Ich lachte, und er grinste. »Abrakadabra«, sagte er leise. Dann breitete er die großen Tücher über den Baumstumpf aus und bedeckte ihn damit.

Ich setzte mich mit einem gemurmelten »Danke schön.«

Als ich mich niederließ, fing er an, hin und her zu laufen, und das Gras raschelte unter seinen hohen Stiefeln.

»Wo soll ich nur anfangen«, fragte er sich selbst.

»Am Anfang?«, fragte ich zuckersüß zurück.

»Das ja, aber an welchem?«

Während ich wartete, hoppelte ein Kaninchen schüchtern aus dem Gras heran. Ich zog die Beine auf den Baumstumpf hoch.

»Husch, husch! Böses Häschen!«

Der Mann sah auf, die Ablenkung ärgerte ihn offensichtlich. Er hob das Häschen am Genick in die Höhe und drehte ihm den Hals um, bis es knackte. Dann warf er den schlaffen Körper zurück ins Gras und nahm sein Hin-und-her-Laufen wieder auf, immer noch tief in Gedanken.

Ich war sprachlos. Ich war nicht scharf darauf, noch mal von solchen Reißzähnen gebissen zu werden, aber die unbekümmerte und prompte Brutalität der Aktion erschreckte mich.

»Macht nichts«, erklärte er mir. »Es hätte dir das Fleisch von den Knochen genagt, wenn es die Chance dazu bekommen hätte. Das Äußere kann täuschen, weißt du. Die Natur ist grausam.«

Dann blieb er stehen und lockerte seinen schon losen Kragen noch weiter, während er mir in die Augen sah.

»Also gut. Wie ist dein Name?«, fragte er.

»Warum ist das wichtig?«, schoss ich zurück. »Ich dachte, wir sind hier, damit du mir Antworten lieferst.«

»Tut mir leid«, sagte er sanft. »Du glaubst noch immer, das hier wäre irgendein Traum, und die Geister würden versuchen, dir irgendwelche klugen Antworten auf deine Probleme zu geben. Oder?«

»So funktioniert es normalerweise«, gab ich zu.

»Es ist kein Traum. Und ich muss deinen Namen wissen. Damit wir wie zivilisierte Menschen miteinander sprechen können.«

»Na dann, wie ist denn dein Name?«

»Mein Name ist Criminy Stain.« Mit diesen Worten verbeugte er sich.

Er sprach seinen Vornamen so aus, dass er sich mit Jiminy Cricket reimte. Es klang fremdartig, und ich hätte beinahe losgekichert, aber der Ausdruck in seinen Augen sagte mir deutlich, dass Kichern eine sehr schlechte Idee wäre.

»Jetzt weißt du, wer ich bin. Nun denn, wie ist dein Name, Liebes?«

»Tish Everett«, sagte ich.

Nun hätte er beinahe losgekichert, doch das entsprechende Funkeln in meinen Augen hielt ihn davon ab.

»Tishefferett?«, meinte er. »Das ist ziemlich fremdartig.«

»Gar nicht«, gab ich zurück. »Tish. Kurz für Letitia. Letitia Paisley Everett.« Ich sprach die Namen deutlich mit einer Pause zwischen den einzelnen Wörtern aus.

»Das sind eine Menge Namen«, meinte er. »Du musst jemand ziemlich Wichtiges sein.«

»Nicht wirklich«, sagte ich. »Vorname, zweiter Vorname, Nachname.«

»Ich sehe keinen Ring.« Er versuchte es beiläufig klingen zu lassen, aber ich merkte ihm an, dass er mehr als neugierig war.

»Keine Ringe«, antwortete ich. Ich hielt eine Hand hoch und erinnerte mich an das faszinierende Geräusch meiner Diamanten, als ich sie in den Müllschlucker geworfen hatte. »Nur ein Medaillon.«

Meine Hand wanderte dorthin, wo das Medaillon schwer an meiner Haut ruhte, unter dem Mantel. Und langsam breitete sich ein Lächeln auf dem Gesicht des Mannes – Criminy – aus.

»Ja. Mein Medaillon. Dann lass mal sehen.«

Blitzschnell griff er unter den Nacken des Mantels, zog die schwere Kette mit dem Medaillon heraus und legte den Anhänger über den Stoff.

»Es ist genau so, wie ich es in Erinnerung habe«, sagte er. »Wo hast du es gefunden?«

»In einem alten Buch auf einem Hausflohmarkt«, sagte ich.

»Wie viel hat es dich gekostet?«, fragte er.

»Ähm«, druckste ich herum. Aber das war mein Traum; es hatte keinen Sinn, mich selbst zu belügen. »Eigentlich habe ich es gar nicht bezahlt.«

»Ha!«, frohlockte er. »Ich wusste, dass es funktionieren würde. Ich wusste, es würde die Richtige finden.« Er war schon fast trunken vor Freude.

»Ich hatte nicht vor, es zu stehlen. Es war ein Versehen«, erklärte ich verärgert. »Aber mal zurück zu dir. Was ist das, was ich wissen muss? Worum geht’s eigentlich bei diesem Wagenzug hier?«

»Dazu kommen wir gleich«, sagte er. »Das gehört alles zur Geschichte. Sie fängt mit dem Medaillon an, weißt du. Ich habe es verzaubert und ausgesandt, um dich zu finden und als mein zu kennzeichnen. Um dich zu mir zu bringen.«

Er nahm meine Hand und fuhr mit einem behandschuhten Finger die willkürliche Ansammlung von roten Punkten auf meiner Haut nach. Nur dass die Punkte nun nicht mehr so willkürlich waren, wie vorher, als ich noch wach gewesen war. Jetzt waren sie zu einer Art Kompass auf meiner linken Handfläche angeordnet; in der Mitte ein Punkt, von dem aus sich Pfeile elegant in die vier Himmelsrichtungen streckten, und jeweils eine Markierung in der Mitte zwischen zwei Pfeilen.

»Okay, das ist wirklich seltsam«, sagte ich. »Jetzt sieht es wie ein Kompass aus.«

»Natürlich ist es ein Kompass«, gab er zurück. »Wie solltest du mich denn sonst finden, wenn du durch ganz Sang steuern musst?«

»Aber ich habe dich nicht gefunden, und ich weiß gar nicht, wo Sang ist. Du hast mich gefunden, schon vergessen?«

In seinen Augen stand ein übermütiges Glitzern. Eigentlich wollte ich es hassen, aber, nun ja, er sah großartig damit aus. »Wenn ich dich gefunden habe, warum lagst du dann splitternackt und schlafend auf einem Blutaltar, eine Meile von meinem Wagenzug entfernt? Genau zu der Zeit, als ich spazierengegangen bin? Von allen Orten auf der ganzen Welt und jedem möglichen Zeitpunkt, warum warst du genau da, genau in dem Moment?«

»Touché«, gab ich zu. »Aber ich weiß nicht, wie ich dorthin gekommen bin. Das war der Anfang meines Traums.«

»Falsch«, entgegnete er. »Das war das Ende des Traums.«

Aber bevor ich ihn fragen konnte, was das heißen sollte, hörte ich Hufschläge, und er schubste mich zu Boden.

4.

Was denn?«, zischte ich, während ich als ziemlich würdeloser Haufen neben dem Baumstamm landete.

Er antwortete nicht, sondern ließ etwas über meinen Kopf rieseln und murmelte im Flüsterton vor sich hin. Ein kalter Schauer überlief mich, und ich setzte mich auf und zog die Beine unter den Mantel. Erst da fiel mir auf, dass ich weitestgehend durchsichtig war.

Die Hufschläge waren lauter geworden, und zwei furchterregende Pferde kamen so knapp vor mir zum Stehen, dass sie beinahe auf mir gelandet wären. Sie hatten schaumbedecktes Fell und wilde Augen. Hastig drückte ich mich näher an den Baumstumpf. Ein riesiger metaller Maulkorb stieß schmerzhaft gegen meine Schulter, und ein tellergroßer Huf scharrte dort, wo ich eben noch gesessen hatte, und verfehlte mich nur knapp. Das Pferd konnte mich zwar nicht sehen, aber es war definitiv in der Lage, mich zu Tode zu trampeln.

»Einen guten Tag wünsche ich, meine Herren«, sagte Criminy in respektvollem, doch zugleich scherzhaftem Ton.

»Bleib zurück, Bludmann«, kam ein gedämpfter Ausruf, und als ich aufschaute, sah ich einen Mann, der von der Sherlock-Holmes-Mütze bis zu den Spitzen seiner hohen Stiefel in kupferbraunes Leder gekleidet war. Das einzig unbedeckte Stück Haut an ihm war sein Gesicht, in dem ein gewachster schwarzer Schnurrbart prangte.

Criminy trat einen Schritt zurück und hielt unschuldig die Hände hoch. »Natürlich, Sir«, sagte er. »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Du weißt, was wir suchen.«

»Mein Wagenzug ist gleich hinter dem Hügel, und unsere Papiere sind alle in Ordnung, Sir«, antwortete Criminy. Er hob die Taschentücher vom Baumstumpf auf und fuhr fort: »Ich war gerade dabei, meine Zaubertricks zu üben. Aber es wäre mir eine Freude, Sie zu unserem Buchhalter zu bringen, wenn Sie möchten. Ich kann mit Stolz behaupten, dass wir in über zehn Jahren nicht einen Beißer hatten, obwohl wir den Wolfsjungen entlassen mussten, wegen übermäßigen Gebrauchs seiner Zunge.«

»Deine kleine Monstrositätenschau interessiert uns nicht, Bluddy«, fauchte der Mann. »Wir suchen nach einem Fremdling.«

»Ein Fremdling? Hier draußen im Hochmoor?«, fragte Criminy ungläubig. »Oh, der würde hier draußen nicht lange überleben, meine Herren. Überall Bludhäschen heute Morgen.«

»Es ist ein schweres Verbrechen, einen Fremdling zu verstecken oder ihm sonstige Hilfe zu gewähren, das weißt du doch, nicht wahr?«, fragte der andere Mann, der genauso aussah, wie der erste, außer dass er eine Brille mit Drahtgestell und einen Spitzbart trug.

»Ja, Sir, auch bei uns sind die Erlasse ausgehängt, so wie überall«, antwortete Criminy. »Obwohl ich ja nie verstanden habe, warum Fremdlinge so bedrohlich sind.« Er warf mir einen so flüchtigen Blick zu, dass ich es kaum sah. Offensichtlich wollte er, dass ich die Bedeutung dessen, was ich da hörte, erkannte.

»Gefährlich«, knurrte der erste der beiden Männer. »Feinde des Königreiches. Auf Befehl des Magistrats.«

»Ja, schon, aber weshalb?« Er machte eine dramatische Pause. »Sir.«

Der Mann mit dem Schnurrbart war wütend, und sein Gesicht wurde zornrot. Sein Pferd stampfte unruhig auf der Stelle und wirbelte mit seinen Hufen ganze Brocken des grasigen Bodens auf. Ich drängte mich weiter nach hinten, gegen Criminys Beine. Das Pferd senkte seinen großen schwarzen Kopf, sodass seine blutroten, weiß geränderten Augen nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt waren. Die Kreatur schnaubte gegen die silberne Haube, die Nüstern und Gebiss verdeckte. Diese Männer mitsamt ihren Pferden waren sicher gefährlicher als alles, was sie je suchen könnten.

»Wie kannst du es wagen, den Magistrat in Frage zu stellen?«, fragte der erste mit gefährlich leiser Stimme. »Im Namen des Kupferordens für gesellschaftliches Gleichgewicht könnte ich dich dafür ausbluten lassen.«

»Aber dann würden Sie die Vorstellung verpassen, mein Herr!«, antwortete Criminy und zog einen leuchtend roten Programmzettel aus seiner Weste. »Hier bitte, würden Sie diese Exklusivtickets annehmen, von einem einfachen Bludmann, der nichts Böses im Sinn hat?«

»Das sollten wir nicht«, antwortete der mit dem Schnurrbart schroff, aber der andere Mann streckte die Hand aus, um den Prospekt entgegenzunehmen.

»Ich habe schon seit zehn Jahren keinen Wanderzirkus mehr gesehen«, sagte er, und man konnte die Sehnsucht in seiner Stimme deutlich hören. »Sie kommen gar nicht mehr in die Stadt. Es kann doch sicher nicht schaden? Seine Frage war bestimmt unschuldig gemeint. Und wenn hier in der Gegend irgendwelche Fremdlinge wären, dann hätten wir sie längst gefunden. Die Bludrösser irren sich nie.«

Hatte er gerade Bludrösser gesagt? Sollte das heißen, dass diese albtraumhaften Pferde da sowas wie diese blutrünstigen Karnickel waren? Waren da wirklich Reißzähne unter den Metallmaulkörben? Und, noch wichtiger: Konnten sie mich wittern? Hastig rutschte ich hinter Criminys Beine, so weit weg von den Bludrössern wie nur möglich. Seine Hand fuhr kurz liebevoll über meinen unsichtbaren Kopf.

»Irgendetwas stimmt hier nicht, Ferling«, sagte der erste der Männer. »Ich kann es fühlen.«

Er zog ein Messingrohr aus seiner Tasche und drückte einen Knopf, woraufhin es sich zu einem Fernglas mit einem grünen blinkenden Licht verlängerte. Damit suchte er den Horizont ab und runzelte die Stirn.

Nur das Scharren und Schnauben der Pferde unterbrach das Schweigen, und Criminys Lächeln wurde langsam angestrengt, während die Männer widerstreitende Blicke austauschten.

Schließlich sagte der zweite Mann: »Ich denke, wir können die Frage durchgehen lassen, Rodvey. Sicher wollte er nicht respektlos sein. Und er hat recht – ich habe noch nie so viele Bludhäschen auf einem Haufen gesehen. Ein Fremdling würde hier nicht mal bis zum Frühstück überleben.«

Der erste Mann, Rodvey, war nicht gerade erfreut, und er warf Ferling einen finsteren Blick zu. Sein gewachster Schnurrbart bebte vor Wut, als er kurz und heftig an den Zügeln riss und bellte: »Na schön! Aber wir suchen weiter, so lange, bis wir einen Fremdling finden, oder seine Knochen. Du hast Glück, Bluddy. Unverschämtes Glück.«

Er wendete sein Pferd und galoppierte davon, und nach einem kurzen Gruß folgte ihm der zweite. Criminy sah zu, wie sie davonritten, sein Gesicht starr vor Zorn.

»Verfluchte Copper«, sagte er. »Sämtliche nackte Haut der Welt macht mich nicht halb so blutdürstig wie diese Bastarde.«

»Kannst du mich hören?«, fragte ich, noch immer am Boden. »Bin ich immer noch unsichtbar?«

»Tut mir leid, Liebes«, sagte er. Er bewegte die Hand über mir und murmelte dabei etwas.

Ein Gefühl, als würde etwas Warmes, Fließendes über mich hinweg rieseln, und dann war ich wieder sichtbar.

Er streckte mir eine Hand entgegen, um mir aufzuhelfen und sagte: »Tut mir leid, wo waren wir stehengeblieben?«

»Aber das musst du mir erklären. Also, das waren Copper? Und der Fremdling – das bin ich, nicht wahr? Woher wissen die, dass ich hier bin? Und sie sagten, ihre Pferde seien Bludrösser? Also, Pferde können Blut trinken, und diese Kerle suchen nach mir, und du hast sie auf den Rummel eingeladen? Weil, das klingt alles ein wenig irrsinnig.«

»Du lernst schnell«, meinte er beifällig. Mit einem eigentümlichen kleinen Tanzschritt drehte er mich herum und half mir wieder auf den Baumstumpf. »Das ist alles ziemlich richtig. Aber wir waren dabei, über uns zu sprechen. Darüber, dass du das alles hier für einen Traum hältst. Das ist der wichtige Teil.«

»Je bizarrer es wird, umso mehr kommt es mir wie ein Traum vor«, gab ich zu.

»Woher weißt du, dass es nicht anders herum ist, Mäuschen?«

»Was – dass mein anderes Leben der Traum ist, und das hier das Echte?«, fragte ich.

»Ergibt ebenso viel Sinn wie das Gegenteil«, sagte er, glitt anmutig zu Boden und lehnte sich zurück, um zu mir aufzusehen.

»Machst du dir keine Sorgen wegen der Kaninchen?«, fragte ich ihn.

»Oh nein. Mich lassen sie in Ruhe«, meinte er.

»Wieso das? Mögen die nur nackte Frauen?«

»Sie mögen alles, was nackt ist. Aber ich bin nicht nach ihrem Geschmack.«

Als ich ihn so in der trüben Morgensonne betrachtete, fielen mir plötzlich Kleinigkeiten auf, die ich vorher übersehen hatte. Er schien so in den frühen Dreißigern zu sein, aber seine Haut war ungewöhnlich glatt. Sein dunkles, glänzendes Haar hatte nicht eine graue Strähne. Er hatte keine Bartstoppeln. Und dann lächelte er und zeigte mir seine Zähne.

Sie waren sehr spitz.

»Was bist du?«, fragte ich leise. Ich war mir nicht sicher, ob ich es wirklich wissen wollte.

»Was denkst du, was ich bin?«, fragte er zurück, noch immer lächelnd.

»Ein Vampir«, antwortete ich.

»Was ist das?«, fragte er. So als hätte er das Wort noch nie gehört und könnte nicht bestimmen, ob es eine Beleidigung war oder nicht.

»Wie kommt es, dass du noch nie was von Vampiren gehört hast? Es ist, als würden wir zwei verschiedene Sprachen sprechen«, meinte ich und war etwas irritiert, dass er sich nun tatsächlich mal anders als selbstzufrieden gab.

»Du bist klug«, sagte er. »Und du hast gehört, wie er mich Bludmann genannt hat. Sicher verstehst du.«

»Na schön. Du bist ein Mann. Aber etwas an dir ist anders.«

»So langsam kommst du dahinter, Liebes«, meinte er. »Das hier ist eine Welt, die anders ist als deine, was bedeutet, dass hier andere Regeln gelten. Deine Welt muss eine sanfte sein. Hier funktioniert fast alles mit Blut. Ich glaube, daher kommt auch der Name, Sang.«

»Diese Welt heißt Sang, oder dieses Land hier heißt Sang?«

»Das Ganze heißt Sang. Wir befinden uns gerade auf einer Insel mit Namen Sangland, nahe der Stadt Manchester. Es gibt Dörfer und Städte, Bürgermeister und Copper, Pinkies und Bludmänner, aber der Name von allem ist Sang.«

»Sang«, wiederholte ich sinnend. »Vergangenheit. Das gefällt mir. Aber was ist ein Pinkie?«

»Du bist eine Pinkie, Liebling«, sagte er mit einem liebevollen Lächeln. »Du isst Pflanzen und Tiere, du trinkst Wasser, und dein Blut ist sehr gehaltreich und heiß und wohlriechend, und es lässt deine Wangen rosig werden. Die Städte sind voll von deinesgleichen, in allen möglichen Farben und Sorten. Aber sie schmecken alle ungefähr gleich.«

»Du isst Menschen?«, fragte ich und musste unwillkürlich schaudern.

»Ob ich Menschen esse? Du meinst, kauen und runterschlucken, wie ein Kannibale?« Er lachte wieder, dieses kristallklare laute Lachen, das durch die Stille schallte. »Niemals. Ich trinke nur von ihnen. Und das auch nicht direkt – nicht mehr. Hauptsächlich aus kleinen Fläschchen.«

»Und das ist dann ein Bludmann?«, fragte ich ihn.

»Ich bin einer«, erklärte er und neigte den Kopf. »Unseresgleichen kann schon so geboren oder erschaffen werden, und ich bin so geboren worden.«

»Bist du tot?«, fragte ich weiter. Ich musste es einfach wissen.

»Sehe ich tot aus?«, schmunzelte er. »Also ehrlich, wo hast du denn solche Geschichten gehört? Ich bin lebendig, mein Körper funktioniert nur anders als deiner. Schau, ich bin ein Raubtier. Und du bist die Beute.«

Nächste Frage. »Was ist mit dem Kaninchen? Willst du sagen, das da ist ein Vampirkarnickel?«

Er folgte mit dem Blick meinem ausgestreckten Finger in Richtung der anstößigen Kreatur und hielt ihr seinen Finger hin. Das dort sitzende Exemplar war ein Albino mit strahlend blauen Augen. In meiner Welt hätte es keine fünf Minuten gedauert, und es wäre die Beute eines Falken oder Fuchses geworden. Hier dagegen war es frech wie Oskar. Das Karnickel schnupperte kurz und fauchte dann, bevor es übellaunig davonhoppelte.

»Das war ein Bludhäschen«, erklärte er. »Zuerst saugen sie einem das Blut aus, dann verputzen sie das Fleisch und zuletzt knacken sie die Knochen, bis sie kugelrund sind. Richtige Kaninchen, die Karotten und Grünzeug mümmeln, gibt es nicht mehr. Aber es gibt Bludratten, Bludwild und Bludschweine. So ziemlich alle wildlebenden Tiere sind Bluttrinker, abgesehen von den althergebrachten Raubtieren – Wölfen und Ähnliches. Die Tiere, die als Nahrungsquelle dienen, also Rinder, Geflügel und Schweine und so weiter, werden innerhalb der Städte gehalten. Damit sie rein bleiben. Und in einem Stück.«

»Oh«, brachte ich nur heraus. Mit einem Mal fühlte ich mich wie ein Stück Wassermelone beim Picknick, das unaufhaltsam von unzähligen Ameisenarmeen überrannt wird.

»Jetzt fühlst du dich nicht mehr sicher, nicht wahr?«, fragte er. »Sei unbesorgt. Solange du bei mir bist, kann dir nichts zustoßen.«

»Aber was geschieht, wenn ich dich verlasse?«, fragte ich ihn. »Du kannst doch nicht die ganze Zeit hinter mir herlaufen und Karnickeln den Hals umdrehen.«

Er lachte und zog ein paar Grashalme aus dem Boden.

»Führe mich nicht in Versuchung, Frau«, meinte er.

Ich sah ihm zu, wie er die langen Grashalme spielerisch zusammenflocht und dazu eine fremdartige Melodie vor sich hin summte, einen Walzer.

»Was machst du da?«, fragte ich.

»Ich gebe dir Zeit, um dich an mich zu gewöhnen«, meinte er leichthin. »Ich tue so, als sei ich harmlos. Funktioniert es?«

»Nur solange, bis du lächelst«, entgegnete ich schwach, und sein Gesicht leuchtete mit einem erneuten Lächeln auf.

»Dagegen kann ich nichts machen, Liebes«, sagte er. »Nicht in deiner Nähe.«

»Du klingst ja wie ein liebeskrankes Hündchen«, meinte ich vorwurfsvoll. »Oder sagt man hier liebeskrankes Bludhündchen?«

Das brachte ihn zum Lachen und ich fühlte mich, als hätte ich gerade einen Preis gewonnen.

»Liebeskrankes Bludhündchen«, lachte er. »Oh, das gefällt mir.«

Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen, die hingebungsvolle Zuneigung, die aus ihnen sprach, war zu viel für mich. Nervös fuhr ich mit dem Finger über die Jahresringe auf dem Baumstumpf.

»Nur damit du es weißt«, meinte ich. »Ich habe erst seit kurzem eine ungute Beziehung hinter mir, und ich suche nicht wirklich nach einer neuen.«

»Kann schon sein, dass du nicht danach suchst«, antwortete er, »aber vielleicht ist sie auf der Suche nach dir.«

»In einem Traum?«, fragte ich zweifelnd. »Mein Gehirn hat dich wahrscheinlich heraufbeschworen, weil du das genaue Gegenteil meines ehemaligen Verlobten bist. Ich bin vielleicht noch nicht vergeben, aber das bedeutet nicht, dass ich auch zu haben bin. Du solltest mich nicht so anschauen. Aber du kommst mir … ziemlich nett vor.«

Ich fand nicht wirklich die Worte dafür, wie er mir vorkam.

Er ließ ein leises, tiefes Glucksen hören. Es hatte etwas Unheimliches an sich, wie Aale unter der Wasseroberfläche eines Sees, düster und gefährlich. Aber zugleich war es wahnsinnig anziehend.

»Was ist?«, wollte ich wissen.

»So langsam glaubst du mir«, antwortete er. »Du sagst vielleicht, es sei ein Traum, aber du versetzt dich in mich hinein und versuchst es mir recht zu machen. Ich bin nicht länger nur ein Produkt deiner Fantasie.«

»Ich glaube gar nichts – ich spiele lediglich nach den Regeln«, gab ich zurück und kam mir dabei etwas kratzbürstig vor. »Es bringt nichts, zu träumen, wenn man sich nicht auf den Traum einlässt.«

»Das klingt ziemlich hübsch«, meinte er und schaute lächelnd auf das Gras in seinen Händen.

Und dann fühlte ich seine volle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet, und meine innere Anspannung wuchs.

»Schau mir in die Augen, Letitia.«

»Nenn mich Tish«, verbesserte ich ihn automatisch.

»Niemals«, erklärte er entschieden.

Ich konnte einfach nicht anders – ich senkte den Blick und sah ihm in die Augen.

Seine Augen hatten die Farbe des Ozeans, ein Wechselspiel aus Grau-, Braun- und Grüntönen, mal trübe, mal klar. Kein Blinzeln. Der Blick war so eindringlich, dass mich die Erkenntnis wie ein Blitz durchfuhr und sich in meiner Magengegend breitmachte, heiß und süß, wie ein Schluck guter Whiskey.

Schnell schloss ich die Augen.

»Ich kann nicht so fühlen. Egal, welche Magie du da benutzt, hör auf damit.«

»Meine Magie hat keinen Einfluss auf dein Herz«, antwortete er. »Sonst hätte ich sie längst eingesetzt und dich wie eine Marionette an meinen Fäden zu meinem Wohnwagen tanzen lassen.«

»Das erscheint mir nicht gerade fair«, sagte ich.

»Du sprichst ein wahres Wort gelassen aus«, stimmte er mir zu. Obwohl – ich hatte das Gefühl, als hätten wir uns gerade über zwei verschiedene Dinge geeinigt.

»Mein Name ist Tish Everett. Ich bin Krankenschwester von Beruf und kümmere mich um meine Großmutter; ich lebe in einem Apartment, und ich habe eine Katze. Das hier ist ein Traum, aus dem ich nun jeden Moment aufwachen werde«, rezitierte ich mit immer noch geschlossenen Augen, während mir das Herz bis zum Hals klopfte.

Ich brauchte meine Freiheit. Ich brauchte Zeit, um mich selbst zu finden, in dem sicheren kleinen Kokon, den ich mir in meiner Welt geschaffen hatte. Ich musste mich um meine Großmutter kümmern und um meine Verpflichtungen. Ich wollte nicht so etwas fühlen wie diese unerklärliche Sehnsucht nach einem gefährlichen Fremden in seiner bizarren, blutrünstigen Welt. Ich hatte Angst davor.

Bis er anfing, zu reden.

Verdammt soll er sein, und sein sexy Akzent dazu.

»Sieh es mal so, Liebes. Wenn das hier ein Traum ist, dann spielt nichts von dem, was du tust, eine Rolle. Träume sind dazu da, Dinge zu erleben, die man im wirklichen Leben nie erleben kann. Du kannst fühlen, lieben oder ungestraft töten. Nichts davon spielt eine Rolle; Träume sind der Spielplatz des Herzens.« Seine Stimme klang leise und melodisch.

»Und wenn du dich wirklich in einer anderen Welt befindest, dann sind deine Großmutter und deine Katze nicht hier. Vielleicht kannst du nie wieder zurück. Und du weißt auch gar nicht, wie du wieder zurückfinden könntest. Also kannst du genauso gut hier versuchen, das Bestmögliche aus deinem Leben zu machen. Du willst nicht allein in Sang leben, glaub mir.«

Er musste gespürt haben, dass meine Entschlossenheit ins Wanken geriet. Die sanfte Stimme redete weiter, schlich sich in meine Ohren, setzte sich in meinem Kopf fest, und schlug dort Wurzeln.

Ich sehnte mich so sehr danach, einfach nachzugeben.

»So oder so ist es das Beste, wenn du mir vertraust. Komm mit mir.«

Seine Stimme wurde so leise, dass ich sie kaum noch hören konnte, als er sagte:

»Sei meine Liebste.«

Ich konnte nicht bestimmen, ob das eine Frage oder ein Befehl war.

»Aber warum?«, wollte ich wissen. »Warum du? Warum ich?«

»Sagen wir einfach, wir haben beide unsere Träume«, antwortete er. »Und manchmal dauert es in der Tat sehr lange, bis sie wahr werden.«

In der Stille war der Gesang der wenigen Vögel zu hören, und ich fragte mich, ob auch sie nach Fleisch gierten. Das Gras raschelte. Irgendwo in der Nähe der Wohnwägen begann jemand Flöte zu spielen, und ihr gespenstisches Trillern schwebte zu uns herüber.

»Es spielt keine Rolle, welcher Teil meines Lebens der Traum ist, oder wer von uns hier wen träumt. Mein Herz gehört mir, und ich habe nicht das Bedürfnis, es zu verschenken«, erklärte ich schließlich.

Ich kam mir vor, als stünde ich an einem Abgrund, und ich musste Stellung beziehen. Ich hatte mir geschworen, mir nie wieder von einem Mann vorschreiben zu lassen, was ich zu tun hatte, und sei es nur, dass ich seine Liebe erwidern sollte.

»Was auch immer du glaubst, was ich letztendlich für dich empfinden könnte, jetzt erst mal hältst du dich zurück.«

»Ich befolge nicht gerne Befehle«, sagte er leise.

»Ich auch nicht«, gab ich zurück.

5.

Das Lied der Flöte tanzte zwischen uns auf und ab und brach das gespannte Schweigen. Ich sah zu, wie er das kleine Grasgeflecht wieder zerschnipselte und im Wind davonflattern ließ.

»Sieht so aus, als seien wir in einer Sackgasse«, meinte er.

»Und was jetzt?«

Er ließ die letzten Grashalme zu Boden fallen und betrachtete eingehend die grünen Flecken an seinen Handschuhen. Dann schüttelte er sich wie ein Hund, und als sein Blick wieder meinem begegnete, war die durchdringende Macht, mit der er mich vorher angestarrt hatte, einer Maske aus greller, fieberhafter Energie gewichen. Er sprang auf die Füße, vollführte einige seltsame kleine Tanzschritte, und streckte dann mit überschwänglicher Geste die Hand aus, in der ein Blumenstrauß erschien. Als ich die Hand ausstreckte, um ihn anzunehmen, verschwanden die Blumen plötzlich, und eine kleine Konfettiwolke platzte aus seinem Ärmel und rieselte auf mich herab.

Ich klatschte langsam und sarkastisch in die Hände, aber gleichzeitig konnte ich nicht anders, als ihn anzugrinsen.

»Wir gehen jetzt zu Criminys Uhrwerk-Wanderzirkus«, erklärte er. »Dort suchen wir dir etwas zum Anziehen, geben dir etwas zu essen und stellen dich allen vor. Die Mannschaft besteht etwa zur Hälfte aus Bludvolk und Pinkies, sodass du dich wie zu Hause fühlen wirst. Und bei uns herrscht strenge Ordnung.«

Mit einem schiefen Lächeln hielt er mir seinen Arm hin. »Bei uns ist dein Blut sicher.«

Ich fühlte mich aber nicht sicher, weder körperlich, noch in Bezug auf mein Herz. Was zog mich nur so zu diesem seltsamen nicht-menschlichen Mann hin? Schon beim Öffnen des Medaillons hatte ich seine Anziehungskraft gespürt, aber da hielt ich das noch für romantische Fantasien, die unrealistische Sehnsucht nach etwas Edlem und Schönem aus längst vergangener Zeit. Ich dachte, es wäre dieselbe Art harmloser Sehnsucht wie für Jane Austens Mr Darcy. Aber jetzt und hier, als ich neben ihm herging und seinen Duft roch, erkannte ich das Gefühl als das, was es war. Anziehung. Und Leidenschaft. Und vielleicht auch Furcht – die aufregende Variante davon.

Allerdings hatte er recht. Es gab keinen Ort, an den ich sonst gehen, niemanden, an den ich mich wenden konnte. Ich merkte, dass ich anfing, mich auf diese Welt namens Sang einzulassen, sei es nun Traumwelt oder alternative Dimension. Vielleicht hatte ich ja eine Kopfverletzung und lag zu Hause in meinem Badezimmer in einer Blutlache, während Nana eine verzweifelte Nachricht nach der anderen auf meiner Mailbox hinterließ.

Der Gedanke ließ mich schaudern, und er drehte sich zu mir und sah mich forschend an.

»Alles in Ordnung, Liebes? Wieso die Gänsehaut?«

Ich versuchte, es mit Humor zu nehmen. »Ihr habt Gänse hier? Oder sind das dann Bludgänse?«

»Vögel, die Blut trinken?«, meinte er lachend. »Haben sie denn Zähne, da wo du herkommst? Denn hier haben sie nur lästige kleine Schnäbel. Ich vermute, sie könnten dich damit schon zu Tode picken, wenn du nur lange genug stillhältst.«

Wir hatten den Wagenzug wieder erreicht, und ich wappnete mich innerlich für noch mehr Verwirrendes. Alles wirkte leicht neben der Spur, und ich war dabei, mich an einen fremdartigen Ort zu begeben, mit fremden Menschen und Leuten, die mein Blut trinken wollten. Noch immer bewegte sich nichts außer einigen Rauchfäden im leichten Wind; es war unheimlich. Ich sah dasselbe Äffchen mit demselben Fez wieder, immer noch absolut regungslos auf dem Werkstattwagen sitzend. Ich fand es faszinierend, dass irgendein Tier überhaupt so lange stillsitzen konnte.

»Was ist mit dem Affen los?«, fragte ich. »Er muss wirklich gut dressiert sein.«

»Gut dressiert? Oh Liebes, du bist urkomisch«, lachte er wieder. Dieses Lachen übte eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich aus, und dabei kannte ich den Mann doch kaum. Oder das unmenschliche Monster. Oder das menschliche Raubtier. Was auch immer er vorgab zu sein.

»Pemberly, aufwachen!«, rief er.

Ein grüner Lichtblitz leuchtete in den offenen Augen des Äffchens auf, die daraufhin ein paarmal blinzelten. Das Äffchen hüpfte in die Luft, vollführte ein kleines Tänzchen auf den Hinterbeinen und bildete mit seinem Schwanz ein perfektes Fragezeichen.

»Pemberly, komm«, rief Criminy, und das Äffchen schwang sich auf den Boden, rannte auf seinen ausgestreckten Arm zu und kletterte daran hinauf, um sich auf Criminys Schulter niederzulassen, den Schwanz um seinen Oberarm geschlungen.

Das Äffchen wandte sich mir zu, und ich erkannte, dass das kupferrote Fell in Wirklichkeit raffiniert bearbeitetes Metall war. Im Inneren konnte ich ein leises Ticken hören, und die blinzelnden Augen verursachten ein metallisches Klicken.

»Letitia, meine Liebe, das hier ist Pemberly. Pemberly, das hier ist deine neue Herrin«, erklärte Criminy. Das Äffchen streckte eine anmutige schwarze Pfote aus, und Criminy nickte mir zu und sagte: »Nicht unhöflich sein.«

Ich schüttelte die kleine Hand, die sich kühl und glatt anfühlte. Die Mundwinkel des Äffchens hoben sich zu einem drolligen Lächeln, das silberne Zähne enthüllte.

»Sie mag dich«, erklärte Criminy.

»Woher weißt du, dass es eine Sie ist?«, wollte ich wissen.

»Weil ich bei Murdoch, als er sie gebaut hat, ausdrücklich ein Weibchen bestellt habe«, antwortete er, als sei es das Natürlichste der Welt.

»Ist sie ein Haustier oder gehört sie zum Zirkus?«, fragte ich weiter.

»Beides natürlich«, antwortete er. »Sie kann alles sein, was ich gerade brauche.«

»Da wo ich herkomme, gibt es nichts Derartiges.«

»Nun, wir haben ziemliches Glück, einen ausgezeichneten Baumeister und Mechaniker in der Mannschaft zu haben. Er ist ein Pinkie und ein Einsiedler, aber ziemlich talentiert. Er hält die Uhrwerke am Laufen, wenngleich wir kürzlich ein kleines Problem mit der mechanischen Burleskentänzerin hatten. Es kommt immer wieder vor, dass der Rotschopf mitten im Striptease einen Kurzschluss hat, und dann wollen alle ihr Blut zurück.«

»Aber … wieso?«

»Ich vermute, einer der Gäste ist zu sehr auf Tuchfühlung gegangen«, meinte er mit einem Schulterzucken. »Das passiert schon mal.«

»Nein, ich meine … warum habt ihr keine richtigen Tiere? Eine echte Burleskentänzerin? Das hier ist doch ein Zirkus, oder?«

Er seufzte und tätschelte mich am Kinn. »Ich habe es dir doch schon erzählt, Mäuschen. Fast alle wilden Tiere sind Bluttrinker, und keine Pinkie, die halbwegs bei Verstand ist, würde hier in Unterwäsche herumstehen. Kannst du dir vorstellen, was ein blutrünstiger Dickhäuter mit einem so zerbrechlichen kleinen Körper wie deinem anstellen könnte? Einen lebendigen Affen hat schon seit Jahrzehnten niemand mehr gesehen. Und die meisten Katzen und Hunde in den Städten wurden von Bludratten ausgesaugt. Die Uhrwerke geben recht gute Haustiere und Wächter ab.«

»Ach, deshalb war sie so regungslos«, erkannte ich.

»Wachmodus. Man kann gar nicht sicher genug gehen, heutzutage. Ich werde Murdoch etwas Hübsches für dich machen lassen, keine Sorge.«

Ich suchte den ganzen Wagenzug rauf und runter nach der mechanischen Burleskentänzerin, aber nirgendwo hüpften irgendwelche Sexboter herum. Ein paar Herzschläge lang standen wir so vor den Wohnwägen, und ich hatte das Gefühl, als würde er irgendeine Antwort von mir erwarten, doch, um ehrlich zu sein, mir fiel keine ein. Mit einem Seufzen streckte er die Hand aus, um das Äffchen auf den Boden zu lassen, und befahl: »Pemberly, halt Wache.«

Sie jagte zurück auf den Werkstattwagen und ging dort wieder in die Hocke, so wie ich sie zuerst gesehen hatte, scheinbar gelangweilt, mit großen Augen, die in die Ferne starrten, und in denen in Abständen ein rotes Licht aufblinkte.

Hinter dem metallenen Äffchen erstreckte sich die riesige dunstige Moorlandschaft, geisterhaft und schwermütig, bis zum Horizont. Abgesehen von den Coppers hatte ich noch keine anderen Personen zu sehen bekommen. Traum oder nicht, es war verstörend.

»Wo sind denn alle?«

»Oh, sie frühstücken noch«, antwortete er mit einem Blick auf eine Taschenuhr. »Das Training beginnt nicht vor zehn Uhr.«

»Und was trainieren sie?«, fragte ich weiter. »Ich glaube, ich verstehe nicht wirklich, was ein Wagenzug ist. Oder, was dieser Wagenzug hier ist.«

Daraufhin ließ er meine Hand los und baute sich vor mir auf.

Seine angenehme, trällernde Stimme wurde lauter und nahm den Tonfall eines altmodischen Marktschreiers an, und von irgendwoher erschien ein Spazierstock in seiner einen Hand und ein Zylinder in der anderen. Er grinste, und seine spitzen Zähne glitzerten wie verrückt.

»Das hier, Mylady, ist ein Wanderzirkus. Todesmutige Darbietungen, Monstrositätenschau, Glücksspiele und eine Ausstellung rätselhafter Uhrwerke, die selbst den standhaftesten Copper täuschen könnten. Treten Sie näher! Testen Sie Ihren Mut!

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