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Blutiger Kiez: Wegners schwerste Fälle (6. Teil)

Thomas Herzberg

Blutiger Kiez: Wegners schwerste Fälle (6. Teil)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Blutiger Kiez

Wegners schwerste Fälle (6. Teil)

von Thomas Herzberg

 

Text Copyright © 2014

Alle Rechte vorbehalten

Coverbild: © Bruno Passigatti - Fotolia.com

Fassung: 1.11

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig.

 

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann – lohmann@worttaten.de

 

 

Inhalt:

Kiez-König Bruno ist tot. Um sein Erbe entbrennt sofort ein wahrer Krieg, in dem die Grenzen zwischen Freund und Feind schnell verwischen. Wegner und seine Männer sind zum Äußersten bereit, um weitere Eskalationen zu verhindern. Doch als dann das Unfassbare geschieht, greift der Hauptkommissar auch zu Mitteln, die Recht und Moral vollständig ignorieren ...

Eine weitere spannende Geschichte rund um den raubeinigen Kommissar, der die Dienstwaffe locker und das Herz am rechten Fleck trägt. Alle Teile der Reihe Wegners schwerste Fälle waren lange Zeit in den Top100 der E-Book-Charts zu finden und freuen sich über viele positive Rezensionen. Danke!

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann – lohmann@worttaten.de

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Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

 Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

  

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1

Der Ohlsdorfer Friedhof glich an diesem Morgen einem Kasernenhof der Bereitschaftspolizei. Selbst der eigens zur Sicherung des Geländes bestellten Hundertschaft gelang es kaum, die Massen in geordneten Gruppen an das Grab zu führen. Neben der sauber ausgestochenen Grube hatte man einen gigantischen Sarg platziert. Hunderte von Kränzen säumten längst auch die Wege zur Kapelle, weil rund um den kleinen Backsteinbau schon lange kein Platz mehr war. Eine luxuriöse Limousine nach der anderen fuhr vor, um immer wieder die gleiche Art seltsamer Männer auszuspucken. Ihre Anzüge wirkten schlicht, aber teuer. Sonnenbrillen verdeckten Blicke, riesige Kerle flankierten die meist schmächtigen Männchen, deren Autorität ihre Körpergröße bei Weitem zu übersteigen schien.

»Ich wusste gar nicht, dass Bruno so viele Freunde hatte«, murmelte Manfred Wegner, ohne dass sich seine Lippen bewegten.

»Freunde?« Stefan Hauser runzelte die Stirn. »Das sind Leichenfledderer! Oder willst du vielleicht sagen, dass wir als Freunde gekommen sind?«

»Du kannst einem aber auch jede Party verderben, Stefan.« Wegner grinste breit. »Schau dir mal die beiden dort drüben an. Die scheinen sich nicht riechen zu können.«

»Die einen sind Serben, die anderen Kroaten. Was hast du erwartet – dass die sich hier in die Arme fallen? Hier geht es nur darum, wer sich die Krone aufsetzt und in Zukunft den Kiez regiert ...«

»Was du nicht sagst, du Schlauberger«, unterbrach Wegner seinen Kollegen. »Deshalb sind wir hier. Ich will dabei sein, wenn das Wild zerlegt wird. Außerdem soll die Bande gleich wissen, dass wir keinen Straßenkrieg zulassen.«

»Amen!«

Zweieinhalb Stunden und vierundzwanzig Reden später neigte sich die Zeremonie ihrem Ende zu. Wegner, der schon nach ein paar Minuten das Weite gesucht hatte, erwartete Stefan Hauser am großen Haupttor des Friedhofs.

»Und? Wie war’s?«, grunzte er lustlos, während er seine Augen vor der tiefstehenden Herbstsonne abschirmte.

»Na, wie wohl?«, gab Hauser giftig zurück. »Meine Lendenwirbel fühlen sich an, als hätte man sie pulverisiert und mein Arsch ...«

»Das will ich nicht wissen. Deinen Ferkelkram kannst du für dich behalten.«

»Ich hätte mich in die Grube neben Bruno legen sollen. Was würde mir alles erspart bleiben!«

»Hat es Streit gegeben?«, bohrte Wegner.

Hauser rieb sich nachdenklich das Kinn. »Zwei der Serben haben Maschinenpistolen unter ihren Mänteln hervorgeholt und wütend in die Menge gefeuert. Der eine hat den Pfaffen erwischt, da war es endlich vorbei mir den Reden.«

»Ist die Grube noch offen?«

»Warum?«

»Dann werf’ ich dich da rein, du Spinner.«

Die folgende Trauerfeier wirkte wie ein mittelgroßes Staatsbankett. Wegner und Hauser saßen an einem Tisch neben der Tür und versuchten immer wieder, die Zahl der Besucher zu schätzen.

»Ich komme auf etwa siebenhundert«, meinte Wegner, wobei er die Massen außer Acht ließ, die unverändert in den Saal strömten.

»Und ich bin schon bei mindestens tausend ...« Hauser schaute kopfschüttelnd zur Tür. »... es scheint gar kein Ende zu nehmen.«

»Was meinst du, mit wem soll ich zuerst reden?«

»An deiner Stelle würde ich mit Milos Koltja anfangen. Er und Brunos Bruder ...«

»Du meinst Zoran?«, fragte Wegner dazwischen.

»Ja! Die beiden wären sich am liebsten schon auf dem Friedhof gegenseitig an den Hals gegangen. Wenn du mich fragst, dann stehen die Seiten, wenn es tatsächlich zu einem Krieg kommt, schon fest. Fragt sich nur, wer den längeren Atem hat.«

2

»Mädels! Ihr solltet mal nachdenken.« Sunny rückte ein paar Stühle zusammen, weil in diesem Moment ein weiterer Schwung ihrer Kolleginnen eintraf. »Wenn wir diese Gelegenheit nicht nutzen, was soll denn dann noch passieren, damit sich endlich was ändert? Ihr seht doch, was los ist – die haben uns nicht mal erlaubt, auf die Beerdigung zu gehen.«

»Du hast leicht reden, Sunny. Du warst immer Brunos erstes Pferd im Stall. Du konntest dir deine Freier sogar aussuchen, während wir auf den alten Säcken rumturnen mussten.« Eine Rothaarige war aufgesprungen und fuchtelte nervös mit den Armen herum. »Also erzähl uns hier keinen Scheiß! Du weißt doch nicht mal mehr, wie der Bordstein in der Davidstraße aussieht.«

»Da hat sie Recht«, zischte eine viel zu dick geschminkte Blondine, deren schwarze Nylons fast bis zu den Knien herabgerutscht waren. »Auf der Straße hab’ ich dich zuletzt zwischen den Feiertagen gesehen, Sunny. Das ist bald ’n Jahr her.«

Die anderen Frauen nickten mechanisch. In solch einer Gruppe konnte ein einzelner Funken leicht zu einem Steppenbrand führen, an dessen Ende es nicht selten zu handfesten Auseinandersetzungen kam, selbst unter Frauen.

Susanne Pausch – Sunny war nur ihr Name auf dem Kiez – setzte sich stöhnend und schaute ihre Kolleginnen eine ganze Weile wortlos an. Immer mehr Frauen senkten ihren Kopf und begriffen vermutlich, dass sie ihre Interessenvertreterin zuvor ein bisschen zu hart attackiert hatten. Nur ein paar hielten ihrem Blick eisern stand – gerade so, als ob sie es nicht nur bei diesem kurzen Austausch von Freundlichkeiten belassen wollten.

»Ich trete von meinem Amt zurück«, begann Sunny leise und erhob sich kurz darauf. »Ihr habt mich damals zu eurer Sprecherin gemacht, mit lautem Hallo und Tamtam. Ich hab’ gehofft, dass ich etwas ändern könnte, an diesen beschissenen, menschenunwürdigen Verhältnissen. Für euch, für mich ... für uns alle.« Sie sackte kraftlos auf ihren Stuhl zurück. »Offensichtlich hab’ ich mich getäuscht.«

***

Zwei baumlange Kerle in dunklen Anzügen stellten sich Manfred Wegner entgegen, als er sich jetzt dem Tisch näherte, an dem Milos Koltja gerade aufgeregt mit einigen Landsleuten diskutierte.

»Was ist?«, erkundigte sich der erste so unverbindlich wie möglich, während sein gewaltiger Körper noch um ein paar Zentimeter zu wachsen schien.

Wegner zog ganz beiläufig seinen Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn dem Muskelprotz unter die Nase. »Ich muss mit eurem Chef reden«, knurrte er und starrte den Riesen grinsend an. »Sofort!«

Der zweite Hüne drehte sich um und flüsterte Milos Koltja etwas ins Ohr, was sich dieser ohne jegliche Gefühlsregung anhörte. Kurz darauf war es nur ein knappes Nicken, welches Wegner signalisierte, dass seiner Bitte um eine Audienz entsprochen wurde.

»Was verschafft mir die Ehre, Herr ...?«

»Wegner ... Hauptkommissar Wegner.«

»Und? Was kann ich für Sie tun, geschätzter Herr Hauptkommissar?« Koltjas Freundlichkeit wirkte mehr als aufgesetzt. »Wollen Sie mit mir auf meinen alten Freund Bruno anstoßen?«

»Ihren alten Freund?« Wegner runzelte so glaubwürdig wie möglich die Stirn. »Und ich Blödmann habe gedacht, dass sich Serben und Kroaten nicht unbedingt grün wären. Hab’ mal was gelesen, über eine jahrhundertealte Fehde. Gab es nicht sogar einen Krieg?«

Milos Koltja schaute Wegner eine ganze Weile wortlos an. In diesem Moment fand diese Unterhaltung ihre Fortsetzung auf anderer Ebene, wobei sie auch jetzt kaum von Freundlichkeit geprägt war. »Was wollen Sie? Sagen Sie schon, und dann verschwinden Sie wieder in Ihr Revier und jagen Handtaschendiebe.«

Wegner beugte sich ein Stück vor. Sein Mund berührte fast das Ohr des Kroaten. »Sie befinden sich in meiner Stadt«, begann er mit einem Ton, der kälter nicht hätte sein können, »... hier bin ich der Sheriff. Falls Sie vorhaben, auf dem Kiez herumzuballern, dann werde ich es sein, der Ihnen die Suppe versalzt ...«

»Und das da hinten ist Ihr Deputy, richtig?« Milos deutete auf Hauser, der nur ein paar Schritte entfernt wartete. »Müssen Sie sich nicht um die Pferde kümmern?«, rief er ihm zu, was die Männer an den Tischen rundherum zusammenzucken ließ.

Hauser, der nicht wissen konnte, worum es ging, schaute nur verwirrt. Die beiden kroatischen Kleiderschränke vor ihm grinsten auch nur debil – ihre Blödheit bot die passende Untermalung.

»Sie haben mich verstanden, Milos.« Wegner erhob sich müde und beugte sich jetzt noch ein letztes Mal herunter. »Nur ein Toter, ein Schwerverletzter oder Vermisster ...«

»Was dann?«, unterbrach der Kroate ihn seltsam lächelnd. Jegliche Spur von Menschlichkeit war gewichen.

»Dann jage ich Sie aus der Stadt oder stecke Ihren Kopf so lange in die Pferdetränke, bis keine Blasen mehr aufsteigen. Das ist ein Versprechen!«

Wegner wirbelte herum und packte Hauser grob am Arm. Die beiden hatten schon fast den Ausgang erreicht, als einer von Milos’ Gorillas sie einholte. »Herr Wegner, warten Sie!«

»Was ist?«

Der Kleiderschrank hielt ihm grinsend einen Hunderter entgegen. »Sie sollen sich eine Trittleiter kaufen, meint mein Boss. Falls Sie es nicht mehr allein in den Sattel schaffen – in Ihrem Alter!«

3

»Ein toller Anfang, Manfred. Hut ab!« Hauser lenkte den Dienstwagen vorsichtig an der endlosen Reihe schwarzer Luxus-Limousinen vorbei. »Das Deeskalations-Seminar letzten Winter scheint wahre Wunder bewirkt zu haben.«

»Schnauze! Der Kerl hat mich gereizt, was sollte ich machen?«

»Am Ende wär es vielleicht besser gewesen, du hättest gar nichts gemacht.«

»Das weiß ich jetzt auch, aber trotzdem – der Kerl hat den Schuss vor den Bug verstanden.«

»Hoho ... Kollege Wegner übt sich heute in Metaphern. Erst tauchen wir in den Wilden Westen ab und plötzlich befinden wir uns bereits auf hoher See. Was kommt als Nächstes? Schweine im Weltraum?«

»Du kannst es nennen, wie du willst. Wenn auf dem Kiez geballert wird, bist du doch der Erste, der nach Vati ruft.«

»Jaja, und auf’n Arm will. Ist klar, Manfred.«

***

»Okay, die Mädels waren ungerecht, aber deshalb musst du ja nicht gleich so bockig werden und alles hinwerfen.«

»Und ... was dann?« Sunny schnaufte grimmig. »Soll ich vielleicht weiter meinen Arsch für diesen Haufen undankbarer Weiber hinhalten? Da bück ich mich lieber für Opa Schmidt, der sich ’nen Fuffi von der Rente zusammengespart hat. Ich wollte etwas verändern, und was ist daraus geworden ...?«

»Und was willst du jetzt machen?« Ihre Kollegin hielt Sunny ein Kaugummi entgegen. »Willst du wieder bei uns stehen.« Sie schüttelte den Kopf, lächelte aber. »Du warst schon so lange nicht auf der Straße, Süße. Die Kälte kriecht so weit hoch, dass du nach vierzehn Tagen nur noch Blut pinkelst. Das ist nichts mehr für dich, vertrau mir.«

»Heute Abend rede ich erst mal mit Zoran. Jetzt, wo Bruno tot ist, will ich wissen, wie es weitergeht. Er ist der neue Boss. Wir können nur hoffen, dass er weiß, was er tut ...«

Sunny drehte sich um und hinterließ ihre Kollegin mit verdattertem Gesicht. Ein paar Schritte weiter hatte sie bereits die Absperrung passiert, welche die berühmte Herbertstraße vor allzu neugierigen Blicken schützen sollte. Sie bog nach links. Als sie fast die Reeperbahn erreicht hatte, brummte das Handy in ihrer Handtasche.

»Na, meine Butterblume, heute schon ausgebucht?«, begann der Mann fröhlich, dessen warme Stimme Sunny sofort erkannte.

»Für dich, mein Süßer, hab’ ich immer Zeit. Das weißt du doch.«

»Um drei, in unserem kleinen Nest?«

»Klein? Du bist mir ein schöner Spaßvogel. Bis später.« Sunny blieb einen kurzen Moment stehen und schaute die Reeperbahn hinunter. Wie immer fragte sie sich, was die Leute – insbesondere die Kerle – erwarteten, wenn sie die sündige Meile betraten. Mitleidvoll musterte sie ein paar ihrer Kolleginnen, die bereits jetzt, um die Mittagszeit, auf Kundenfang waren. Was auf deren Freier – drei Stockwerke höher, in irgendeinem winzigen, dreckigen Zimmer – wartete, war nicht die große Liebe, keine Gefühle, nicht einmal guter Sex.

Es war professionelle Abzocke, die von langer Hand geplant und perfekt organisiert war. Sunny erinnerte sich an alte Zeiten, in denen sie selbst noch auf der Straße angeschafft hatte. »Nen Fuffi fürs große Glück«, riefen sie ihren potenziellen Freiern hinterher, aber bevor der Schlüpper tatsächlich fiel, hatten die Kerle mindestens schon den zweiten Hunderter gelöhnt. Und dann, wenn der zitternde Schwachkopf überhaupt dazu in der Lage war, gab es einen schnellen, mechanischen Fick, der kaum mehr war als eine anonyme Entsaftung. Beschwerte sich danach einer, konnte der Narr froh sein, wenn er den Kiez mit genauso viel Zähnen verließ, wie er mitgebracht hatte. Ein beschissenes Spiel mit beschissenen Regeln, und am Ende verdienten die Mädels nur ein Taschengeld, während sich ihre großen Beschützer bergeweise Kohle in die Taschen stopften.

***

»Wollen wir auf dem Weg ins Präsidium noch am Bio-Imbiss halten?«, erkundigte sich Wegner grinsend.

»Manfred! Ich kann diesen ganzen Salatkram, das Körnerfutter und die riesigen Bio-Eier nicht mehr sehen«, protestierte Hauser halbherzig. »Wann meldet sich endlich mein großes Idol zum Dienst zurück, das sich ausschließlich von Burgern und Pizza ernährt hat?«

»Bist du bekloppt? Letzte Woche war ich zum Check-up bei Peter. Er meint, dass ich mit meinem neuen Blutdruck locker hundert werden kann.«

»Oh, Gott! Das hab’ ich befürchtet.«

Ein paar Minuten später stoppte Hauser vor einem winzigen Laden, dessen Schaufenster von einem riesigen Apfel beherrscht wurde, aus dem ein grinsender Wurm mit Hut und Regenschirm herausschaute. »Hängt das alberne Poster mittlerweile auch über deinem Bett?«, erkundigte er sich gequält, während Wegner sich schon abgeschnallt hatte.

»Da hing bis letztes Jahr noch ’ne Blondine mit riesigen ... Oh, sorry, an solchen Sachen hast du ja kein Interesse.«

»Was ist mit diesem Superlativ eurer komischen Hetero-Fantasien denn passiert?«, wollte Hauser wissen. Rümpfte dabei künstlich pikiert die Nase.

»Hat Vera abgehängt, weil sie meinte, dass die meinem Blutdruck schaden könnte.«

»Hahaha!« Hauser schüttelte sich vor Lachen. »Und was hast du ihr darauf geantwortet?«

»Dass Konkurrenz das Geschäft belebt.«

»Und Vera?«

»Hat danach fast ’ne Woche nicht mit mir gesprochen.«

4

 

Sunny betrat das penibel gereinigte Treppenhaus und stand bereits vor dem Fahrstuhl, der sie bis ins Dachgeschoss befördern sollte. Als sich die Tür vor ihr öffnete, musste sie zuerst einer älteren Dame Platz machen, die ihren Kartoffelporsche – so nennt man auf St. Pauli die Einkaufsroller – ungeschickt an ihr vorbeimanövrierte. Ihre Blicke trafen sich kurz, die Frau schien etwas sagen zu wollen, setzte ihren Weg dann aber eilig fort. Hier, nicht allzu weit vom Kiez entfernt, kroch der Geruch von Alltag und Normalität aus jeder Fuge. Ein Zustand, den man sich in Sunnys Geschäft nur allzu oft wünschte, und doch wusste, dass ein geordnetes Leben in unerreichbarer Ferne lag.

Nach einem schlechten Abi hatte sie zwei Semester studiert, jedoch schnell gemerkt, dass sie in ihrem Nebenjob – als Tresenkraft in einer Disco auf dem Kiez – deutlich mehr Erfüllung fand. Danach kam es, wie es kommen musste. Aus Gras wurde Koks, aus Sekt wurde Champagner. Einen solchen Lebensstil konnte man sich langfristig nur erlauben, wenn die Einnahmen die Ausgaben überstiegen.

Am Anfang hatte sie es nur mit ein paar exklusiven Typen getrieben, die sie schon seit Monaten am Tresen angafften und ihr regelmäßig mehr als eindeutige Angebote machten. Dann, ein halbes Jahr exzessiven Lebens lag hinter ihr, hatte sie sich offensichtlich mit dem falschen Kerl eingelassen. Zumindest meinte der Riese danach, dass sie unbedingt Schutz benötige und dass letztendlich nur er ihre Sicherheit zuverlässig gewährleisten könne. Von diesem Tag an musste sie es mit jedem treiben, verdiente bestenfalls die Hälfte und fühlte sich von Woche zu Woche schlechter und leerer. Erst nachdem Bruno sie zu seiner Prinzessin erkoren hatte, änderten sich die meisten Dinge. Sie konnte sich ihre Kunden aussuchen und lieferte ihre Kohle selbst beim Kiez-Boss ab. Oft genug kam es vor, dass ihr Gönner sogar eifersüchtig wurde, wenn ein Kerl sie zu lange anstarrte. Brunos Tod war für alle ein Schock – für Sunny brach damit eine Welt zusammen, ihre Welt.

 

Schon kurz nach dem Klingeln öffnete sich die Tür vor ihr. Jens, so nannte sich der auffallend gepflegte Mittfünfziger, begrüßte sie freundlich lächelnd. Er hielt bereits zwei Champagner-Flöten in der Hand. Aus seiner Wohnung drangen edle Gerüche an ihre Nase.

»Komm rein«, flüsterte er in sanftem Ton. »Du siehst aus, als hättest du ‘nen harten Tag hinter dir.«

»Kann man so sagen«, keuchte Sunny und verfrachtete ihre Jacke an die Garderobe, an der außer einer teuren Lederjacke nichts hing. Sie griff nach einem der Gläser und spülte den Inhalt in einem Zug herunter. »Lecker!«

»Ich hab’ etwas zu essen bestellt. Wenn du magst, dann warten ein Rinderfilet und grüne Bohnen auf dich.«

»Bin ich hier im richtigen Leben oder ist das der Himmel?«, presste Sunny hervor und ließ sich auf das steril wirkende Ledersofa fallen. »Das ist doch alles viel zu schön, um wahr zu sein.«

Jens eilte hinter den Küchentresen und kehrte kurz darauf mit zwei riesigen Tellern zurück, auf denen die versprochenen Köstlichkeiten warteten. »Willst du extra Pfeffer?«, erkundigte er sich in unverändert sanftem Ton, als ob er seine Angebetete empfangen hätte und nicht bloß eine Hure, die sich in gut einer Stunde wieder vom Acker machte.

Sunny starrte ihn eine ganze Weile nur an, konnte jedoch auch jetzt keine Veränderung in seinem regelrecht glücklichen Gesicht feststellen. »Ist alles in Ordnung mit dir?« Ihre Stimme klang dünn. »Geht es dir gut?«

Er nickte entschlossen und ließ sich neben ihr auf dem Sofa nieder. Seine Hand strich eine Strähne aus ihrem Gesicht, von der zu erwarten war, dass sie beim Essen stören könnte. »Guten Appetit!«

 

***

 

»Wann hast du Lennie denn abgeholt ... wieder zu spät?« Veras Stimme klang unerbittlich.

Wegner dachte daran, dass seine Holde auch in einer dieser Gerichts-Shows, die jeden Nachmittag als Lückenbüßer im Fernsehen liefen, eine gute Figur abgegeben hätte. »Ich hab auch noch ’nen Job«, begann er knurrend. »Soll ich dem Pfaffen vielleicht sagen, dass er schneller machen soll, weil ich noch meine Lütte aus der Krippe abholen muss?«

»Nein, Manfred! Du solltest dir nur langsam mal Gedanken darüber machen, wie es weitergeht. Ich hab’ auch einen Job, und du erinnerst dich hoffentlich daran, was du mir seit Monaten versprichst ...«

Wegner nickte wortlos, nahm seine Lütte aus dem Buggy und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Stirn. »Ich kann nur hoffen, dass du nicht das Temperament deiner Mutter geerbt hast, Stöpsel«, flüsterte er grinsend.

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