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Bluthimmel

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. PROLOG
  7. KAPITEL EINS
  8. KAPITEL ZWEI
  9. KAPITEL DREI
  10. KAPITEL VIER
  11. KAPITEL FÜNF
  12. KAPITEL SECHS
  13. KAPITEL SIEBEN
  14. KAPITEL ACHT
  15. KAPITEL NEUN
  16. KAPITEL ZEHN
  17. KAPITEL ELF
  18. KAPITEL ZWÖLF
  19. DIE PERSÖNLICHEN ANNALEN VON TIBERIUS TALGOTH, ERZMAGIER
  20. KAPITEL DREIZEHN
  21. KAPITEL VIERZEHN
  22. KAPITEL FÜNFZEHN
  23. KAPITEL SECHZEHN
  24. KAPITEL SIEBZEHN
  25. KAPITEL ACHTZEHN
  26. KAPITEL NEUNZEHN
  27. KAPITEL ZWANZIG
  28. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  29. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  30. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  31. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  32. DIE PERSÖNLICHEN ANNALEN VON TIBERIUS TALGOTH, ERZMAGIER
  33. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  34. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  35. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  36. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  37. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  38. KAPITEL DREISSIG
  39. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  40. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  41. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  42. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  43. KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
  44. KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
  45. KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG
  46. KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
  47. KAPITEL NEUNUNDDREISSIG
  48. KAPITEL VIERZIG
  49. KAPITEL EINUNDVIERZIG
  50. KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
  51. KAPITEL DREIUNDVIERZIG
  52. KAPITEL VIERUNDVIERZIG
  53. KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG
  54. KAPITEL SECHSUNDVIERZIG
  55. KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG
  56. KAPITEL ACHTUNDVIERZIG
  57. KAPITEL NEUNUNDVIERZIG
  58. KAPITEL FÜNFZIG
  59. KAPITEL EINUNDFÜNFZIG
  60. DIE PERSÖNLICHEN ANNALEN VON TIBERIUS TALGOTH, ERZMAGIER
  61. KAPITEL ZWEIUNDFÜNFZIG
  62. KAPITEL DREIUNDFÜNFZIG
  63. KAPITEL VIERUNDFÜNFZIG
  64. KAPITEL FÜNFUNDFÜNFZIG
  65. KAPITEL SECHSUNDFÜNFZIG
  66. KAPITEL SIEBENUNDFÜNFZIG
  67. EPILOG

Über das Buch

In Stratus’ Seele brennt ein Verlangen, mächtig wie eine Feuersbrunst. Er muss denjenigen finden, der sein Leben zerstört hat. Stratus ist ein Drache, durch die Hand eines dunklen Magiers gefangen im Körper eines Menschen. Doch mit der Erinnerung an sein altes Leben kehren langsam auch seine Magie und seine alte Gestalt zurück. Und Stratus will Rache. Blutig und unerbittlich metzelt er sich durch Horden von Untoten zu seinem Erzfeind und kämpft dabei nicht nur für seine eigene Gerechtigkeit …

Über den Autor

Mark de Jager wurde in Südafrika geboren und wuchs dort auf. Heute lebt er in London, wo er im Finanzsektor arbeitet. Er ist leidenschaftlich engagiert in der Science-Fiction- und Fantasyszene, besucht regelmäßig Conventions und ist verheiratet mit der Autorin Liz de Jager, die ihrerseits eine erfolgreiche Fantasy-Autorin ist.

MARK DE JAGER

BLUTHIMMEL

ROMAN

Aus dem Englischen von
Michael Krug


PROLOG

Mein Vater ist gestern gestorben. Er war ein großer Gelehrter und auch ein Krieger. Einst marschierte und stritt er an der Seite der Schlachtenkönige. Er setzte seine Macht so ein wie sie ihre sterngeschmiedeten Schwerter und metzelte Kreaturen, die eines Tages zu Legenden und Mythen werden sollten. Seine Hand verfasste den ersten Codex der Macht, seine Lehren führten mich auf deren Pfad.

Er war der großartigste Mann, den ich kannte und wahrscheinlich je kennen werde, und gestern sah ich zu, wie er in seinem eigenen Dreck starb, die Hände, die einst die Wirklichkeit zu beugen vermochten, krumm und knorrig.

Als die Sonne unterging, zündete ich seinen Scheiterhaufen mit der Magie an, die er mir geschenkt hatte, und beobachtete, wie sich sein Fleisch in Asche und Glut verwandelte. Seine Gefolgsleute weinten, die Barden sangen Klagelieder, als Funken hoch in die Nacht aufstiegen. Die Priester hielten indes ihre großen Rituale ab und versicherten mir mit weichen Händen und sanften Stimmen, seine Seele habe den Weg zu den Göttern gefunden.

Zweifellos verwechselten sie mein Schweigen mit Trauer, doch sie hatten bei mir gesessen und mit mir zugesehen, wie ihm die Zeit sowohl den Verstand als auch das Leben geraubt hatte. In seinen letzten Augenblicken der Klarheit bettelte er um Erlösung, und ich gewährte sie ihm. Und mittlerweile war mein Vater nicht mehr, denn der Tod hatte jeden Teil von ihm bedeutungslos werden lassen.

Der Tod.

Er beherrscht unser Leben, greift unverfroren darin ein. Sogar jetzt spüre ich, wie sich die heimtückischen Finger seiner Dienerin, der Zeit, um mein Herz schließen. Wann werden sie zudrücken und all meine Träume und Errungenschaften in das Feuer der Vergessenheit werfen?

Die persönlichen Annalen von Tiberius Talgoth, Erzmagier

KAPITEL EINS

Tatyana hörte auf, an den Schnallen der Rüstung zu fingern, die sie soeben dem Wachmann abgenommen hatte, den ich töten musste, um sie zu retten. Mit großen Augen glotzte sie mich an.

»Du bist ein Drache?«

»Ja.« Ich stand so aufrecht und stramm, wie es mir mein derzeit menschlicher Körper gestattete.

»Ein waschechter, feuerspeiender Drache?«

»Eigentlich ist es eher ein Spucken«, stellte ich richtig. Allmählich beschlich mich der Verdacht, es könnte voreilig gewesen sein, ihr die Wahrheit anzuvertrauen. Aber ich glaube, wenn ich es nicht ihr erzählt hätte, wäre ich vielleicht aufs Dach hinaufgestiegen und hätte es auf die Stadt hinuntergebrüllt. Manche Geheimnisse bettelten darum, zumindest einmal erzählt zu werden. Seit ich Tatyana mein Geheimnis preisgegeben hatte, stand sie nur wie angewurzelt da und versuchte wiederholt, die immer selbe Schnalle zuzuziehen. Dabei sah sie aus, als erwarte sie, jeden Moment aus einem Traum zu erwachen.

Erneut schüttelte sie den Kopf. »Nein. Nein, das ist nicht möglich.«

Ich nahm ihr die Schnalle ab und fädelte den Riemen so hindurch, wie sie es bei den anderen gemacht hatte. »Ich versichere dir, das ist es doch.«

Tatyana berührte die nackte Haut meines Arms. Ihre Hand wirkte neben meiner Schwärze so bleich wie ein Knochen. »Du kannst es nicht sein. Der Todeswind ist nur eine Legende.«

Ich spürte, wie mir ein ungewisser, kribbelnder Schauder über den Rücken lief, als sie jenen längst vergessenen Teil meines Namens laut aussprach. Einst war ich als Stratus Himmelsfeuer, der Todeswind, der Zerstörer bekannt gewesen. Ich spürte, wie das alte Feuer in meinen Augen aufflammte. Tatyana schnappte bei dem Anblick nach Luft und holte mich zurück in die Gegenwart.

Ich schloss die Augen, bis sich das Kribbeln legte, dann holte ich zur Beruhigung tief Luft. »Meine Antwort wird sich nicht ändern, nur weil du immer wieder dieselbe Frage stellst. Jetzt muss ich Fronsac finden. Der Zauberer weiß …«

»Stratus, warte.« Sie packte mich am Arm, als ich mich abwandte.

Ich hielt inne und biss die Zähne zusammen, um mir eine scharfe Erwiderung zu verkneifen. Diesmal schrak sie nicht vor meinem Blick zurück. Stattdessen rieb sie sich die Hände, als wäre ihr kalt, und trat von einem Bein aufs andere.

»Bitte. Ist das … war das wahr? Was du mir gezeigt hast?«

Ohne es bewusst zu versuchen, konnte ich hören, wie ihr Herz raste, und als ich daran dachte, nahm ich den sauren Beigeschmack von Angst in ihrem Geruch wahr. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihr einen flüchtigen Blick auf mein altes Ich, mein wahres Ich zu gewähren. Doch wie bei den meisten Menschen, galt auch bei ihr: Was sie nicht sahen, das glaubten sie nicht. Und anscheinend genügte manchmal nicht einmal das.

»Ich würde dich nicht belügen«, log ich sie an. »Ich bin der Todeswind.«

»Aber …« Vage deutete sie in meine Richtung.

Mir widerstrebte die Verzögerung. Fronsacs Geruch wurde nicht frischer, und je eher ich meine Angelegenheiten mit ihm zu Ende gebracht hatte, desto eher konnte ich die Stadt, die Dächer, die Mauern und die lästigen Regeln der Menschen hinter mir lassen.

»Genug davon. Du redest wirr daher.« Sie zuckte zusammen, als ich einen Schritt auf sie zuging. Das kränkte mich, zumal ich ihr gerade das Leben gerettet hatte, und das nicht zum ersten Mal. »Warum ist die Wahrheit schwerer zu glauben als die Idee, dass ich eine infernale Schöpfung sei?«

»Das habe ich nicht geglaubt«, rechtfertigte sie sich.

Ich hörte, wie ihr Herzschlag an der Stelle leicht aussetzte, nur ein Flüstern, das ich vermutlich nicht wahrgenommen hätte, wenn mir der Takt ihres Herzens nicht mittlerweile so vertraut gewesen wäre.

»Du verlangst von mir, nicht zu lügen, doch dann tust du es selbst. So gehen Freunde nicht miteinander um, Tatyana Henkman.« Ich legte keine Macht in ihren Namen, dennoch konnte ich fühlen, wie die in ihr verwurzelte Hexenkunst reagierte.

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, dann jedoch schloss sie ihn wieder und schlang nur die Arme um sich. Die Versuchung, in ihren Geist zu blicken, war stark, aber ich widerstand und verschränkte stattdessen die Arme vor der Brust.

»Verrate mir, was ich noch sagen oder tun kann, um dich zu überzeugen.«

Zunächst erwiderte sie nichts, starrte mich nur an, als sähe sie mich zum ersten Mal.

»Deine Flügel«, platzte sie heraus, als ich mich abwandte. »Wo sind deine Flügel? Und wo ist dein Schwanz?« Sie holte tief Luft. »Dämonen kann ich verstehen, über die kursieren viele Geschichten. Aber ein Drache? Das ist einfach nicht möglich. Ich meine, wie denn auch? Ich weiß schon, es ist Magie im Spiel und all das, aber du bist zu klein.«

Drei Bedienstete, die stehengeblieben waren und uns anglotzten, eilten rasch weiter, als ich in ihre Richtung schaute, und sie tuschelten aufgeregt untereinander.

»Meine Flügel sind in mir drin.« Ich hob die Hand, als sie erneut den Mund öffnete. »Der Bann, der mich an diese Gestalt bindet, hätte mich beinah umgebracht, als ich mich damit belegte. Ich will nicht deine oder meine Zeit mit dem Versuch verschwenden, ihn dir zu erklären. Also sage ich nur, dass sich mein Leib an meine Flügel erinnert wie ein Samenkorn, das in sich die Erinnerung an die mächtige Eiche trägt, zu der es eines Tages werden wird.«

»Aber warum bist du immer noch ein Mensch?« Sie zeigte auf mich, als wäre ich mir nicht qualvoll des Körpers bewusst, in dem ich steckte.

»Das bin ich nicht freiwillig. Es ist …«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Kompliziert?«

»Genau«, bestätigte ich erleichtert. »Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für den Versuch, es dir zu erklären.«

Darüber legte sie die Stirn in Falten, und ich nutzte den Moment, um mich wieder in Bewegung zu setzen. Nach einer kurzen Pause hörte ich, wie sie mir folgte. Eine Weile gingen wir einigermaßen schweigend. Einigermaßen, weil ich sie bei sich murmeln hörte, aber zum Glück schien sie die Fragen vorerst aufgebraucht zu haben.

Die Spuren von Fronsacs Magie ließen sich einfacher verfolgen als sein Geruch. So konnte ich mich in Gedanken besser darauf vorbereiten, wie ich mich ihm offenbaren sollte. Jedenfalls bis Tatyana wieder das Wort ergriff und meine Grübeleien unterbrach.

»Und wie willst du das handhaben? Ich meine, wird Fronsac es wissen?«

»Was wissen?«

Sie beschleunigte die Schritte, bis sie sich auf meiner Höhe befand. »Dass du ein verfluchter Drache bist.«

»Nein. Wieso sollte er?«

»Na ja, immerhin ist er der beste Zauberer, den wir haben, oder?« Sie schwenkte die Hände in meine Richtung. »Du bist doch derjenige mit dem magischen singenden Regenbogen. Woran merkst du, ob jemand ein Zauberer ist?«

Unwillkürlich lächelte ich über ihre Beschreibung der Liedlinien. Ich hatte mir große Mühe dabei gegeben, ihr zu erklären, wie die Ströme der Magie die Wiege der Welt bildeten, doch ihre Aufmerksamkeitsspanne war der Herausforderung eindeutig nicht gewachsen gewesen.

»In der Regel rieche ich es an ihnen wie ein verbranntes Gewürz. Oder ich nehme wahr, wie sich die Macht in ihnen bündelt.« Ich ging langsamer, um ihr das würdelose Gehopse zu ersparen, zu dem sie gezwungen war, um mit mir Schritt zu halten. »Um zu erkennen, wer und was ich in Wahrheit bin, müsste er weit mehr tun, als er bisher getan hat. Zweifellos spürt er, dass an mir etwas Unmenschliches ist, aber ich vermute, er hält es zumindest vorläufig für eine Eigenart meiner Hexenkunst.«

»Und wirst du es ihm sagen?«

Die Vorstellung eines Zauberers, der wusste, was ich war, jagte mir einen unangenehmen Schauder über den Rücken, auch wenn es sich in diesem Fall um einen vergleichsweise freundlichen Zauberer handelte. Die Qualen, die mir der Letzte, den ich kennengelernt hatte, durch Navar Louw angedeihen ließ, waren nicht leicht zu vergessen. Mittlerweile empfand ich seinen Namen als Fluch, und ich ballte beim bloßen Gedanken an ihn die Hände zu Fäusten. Ich hatte geschworen, ihn zu töten. Und mir auszumalen, auf welch sagenhaft brutale Weise ich das tun würde, war mein liebster Zeitvertreib in den bedauernswert seltenen Augenblicken geworden, die ich für mich allein hatte.

»Stratus?«

»Was?« Ich fauchte ihr das Wort förmlich entgegen, weil Tatyana mich aus meiner Gedankenverlorenheit aufschreckte. »Entschuldige. Ich habe keine angenehmen Erinnerungen an Zauberer.«

Die Spur, der ich folgte, führte uns einen Korridor entlang. Er endete in einer kleinen Kammer mit einer wunderschönen Doppeltür. Die beiden Flügel bestanden beinah gänzlich aus bunten Glasteilen, die das zwar ansprechende, aber etwas absonderliche Bild eines Mannes mit brennendem Kopf auf einem Pferd bildeten. Hinter den Türen konnte ich die Schemen mindestens eines Dutzends bewaffneter Männer ausmachen, und wenngleich sie im Augenblick nicht sonderlich aufgeregt zu sein schienen, wusste ich, dass nicht viel nötig war, um ihre simplen Geister in Gewaltbereitschaft zu versetzen.

»Warte, Stratus.« Tatyana zog an meinem Arm, als ich dazu ansetzte, die Tür zu öffnen. »Langsam. Warum hast du uns hierhergeführt?«

Ich spähte durch das Glas auf die Umrisse der Männer im Raum dahinter und zuckte mit den Schultern. Für mich sahen sie beliebig aus. »Fronsac ist irgendwo in der Nähe, irgendwo hinter dieser Tür.«

»Dieser Gang führt zu Jeans persönlichen Gemächern. Das sind seine Leibwächter. Ohne eine Einladung seinerseits werden sie niemanden vorbeilassen.«

»Nicht einmal dich, die vereidigte Schwertkämpferin von Prinz Lucien?«

Darüber schnaubte sie, erwiderte jedoch nichts. Sie hatte die Stirn in Falten gelegt. Ein gutes Zeichen, denn es bedeutete, dass sie angestrengt über etwas nachdachte. Ich hatte kein Problem damit, mir den Weg in seine Gemächer zu erkämpfen, wenn es sein musste. Allerdings wäre es zweifellos einfacher, wenn ich dafür nicht mein Feuer einsetzen müsste.

»Ich will etwas versuchen«, kündigte sie an und zog an ihrer geliehenen Rüstung. »Tu gar nichts. Folg nur meinem Beispiel.«

»Dann würde ich ja aber doch etwas tun.«

»Bei den Göttern, nicht jetzt, Stratus.«

Damit zog sie die Glastüren auf und betrat den Gang dahinter. Kaum hatte sie einen Schritt gemacht, wurde ihr auch schon der Weg versperrt.

»Stehengeblieben, meine Dame«, sagte einer der Männer. »Erwartet Euch Prinz Jean?«

Ich trat in den Gang, und obwohl ich mich friedlich verhielt, reagierten die Wachleute wie von Taranteln gestochen. Sie schraken vor mir zurück und legten die Hände auf die Knäufe ihrer Schwerter.

»Ruhig, meine Herren«, ergriff Tatyana lächelnd das Wort. Einige Herzschläge lang sah es tatsächlich so aus, als könne ihr Plan aufgehen. Allerdings hatten wir beide eine Kleinigkeit nicht bedacht: Irgendwo im Labyrinth des Palasts hinter uns hatten sich die Paladine, die ich auf dem Weg zu Tatyanas Rettung in ihrer eigenen Unterkunft eingesperrt hatte, den Weg durch die Tür gehackt. Und just in diesem Augenblick läuteten sie alle verfügbaren Glocken und ließen jedes Horn erschallen, das sie in die Hände bekamen.

Die Wachleute erstarrten, als uns der volltönende Chor der Hörner erreichte. Der Mann, der mit Tatyana gesprochen hatte, reagierte als Erster, indem er von ihr zurückwich und die Hand hob.

»Ich fürchte, ihr beide müsst gehen. Bis ich weiß, was los ist, kommt hier niemand rein oder raus.«

Ich beugte mich dicht zu Tatyana und hielt ihr mit einer Hand die Augen zu. Bei meiner Berührung zuckte sie zusammen, aber ich drückte sie so fest an mich, dass sie sich nicht rühren konnte, während ich mich an den Wächter wandte, der gesprochen hatte.

»Entschuldigung«, sagte ich. »Das ist weder persönlich noch dauerhaft.«

Er starrte mich mit der Hand auf dem Griff seines Schwertes an, und sogar ich erkannte den Ausdruck in seinem Gesicht als Verwirrung. Ich schloss die Augen und entfesselte den Lichtzauber, den ich zurückgehalten hatte. Ich fügte ihm keine Hitze hinzu, daher ging ich aufrichtig davon aus, dass ihr Sehvermögen zurückkehren würde. Dennoch fand ich es unnötig, ein Wagnis für meine eigene Sicht einzugehen. Das pulsierende magische Licht manifestierte sich über meinem Kopf und erstrahlte kurz wie eine kleine, stumme Sonne, bevor es flackernd verlosch. Als ich Tatyana losließ, stieß sie sich von mir ab.

»Was machst du denn da?« Sie verstummte, als die Wachleute zu brüllen anfingen und an ihren Gesichtern krallten. »Bei Gottes Bart, ich hab dir doch gesagt, du sollst nichts tun!«

»Dein Versuch war so nützlich wie ein Ziegenohr.«

»Wie bitte?«

»Ist eine alte Redewendung. Komm mit«, forderte ich sie auf und drängte mich durch die taumelnden Wachleute. Einer klammerte sich an meinem Bein fest, doch ich schüttelte ihn mühelos ab.

Fronsacs Geruch wurde stärker, sobald wir die Wachen hinter uns gelassen hatten. Zum Glück steckte er ganz in der Nähe, und ich schenkte Tatyana ein ermutigendes Lächeln, als ich an die Tür klopfte. Der Zauberer öffnete fast sofort, daher blieb ihr keine Zeit, Einspruch zu erheben.

»Ich dachte mir schon, dass ich deine Hexenkunst gespürt habe«, sagte er. »Bei den Sternen, was geht hier vor?«

»Nichts Schlimmes«, beruhigte ich ihn. »Ich habe Tatyana gefunden.«

Einige Augenblicke lang beobachtete er die Männer im Gang, dann trat er beiseite. »Ja, das hast du. Kommt schnell herein.«

*

Jeans Gemächer erwiesen sich als geräumiger, als es die von Lucien gewesen waren, und das nicht nur, weil hier die überfüllten Tische fehlten. Im Hauptraum stand eine Reihe von Sesseln, die alle gemütlich genug aussahen, um darin zu schlafen, um einen einzigen langen Tisch mit Schalen voll Obst und Brot und mit mehreren Weinflaschen angeordnet. Der strenge Geruch von Männern herrschte vor, doch dazwischen befanden sich weit angenehmere Untertöne von süßen Rosinen und Blumen, wodurch der Gesamteindruck einigermaßen erträglich wurde.

Jean saß auf dem größten der Sessel und beobachtete uns mit einem Kelch in den tintenfleckigen Fingern und einer Menge Papier auf dem Schoß. Hinter ihm stand ein blasser, muskelbepackter Mann, den ich nicht kannte. Seine Hände ruhten auf den Knochengriffen der zwei Schwerter an seinem Gürtel.

»Hoheit«, meldete sich Tatyana hinter mir. Sie bohrte mir einen Finger in den Rücken, und ich neigte das Haupt, wenn auch nur, um einen Wutausbruch ihrerseits zu verhindern.

»Meneer Stratus«, sagte der Prinz, stellte den Kelch ab und nickte Tatyana zu. »Der Zauberer hat gerade von dir gesprochen.« Er deutete mit dem Kopf zur Tür und dem gedämpften Glockengeläut. »Ich vermute, eine Menge Menschen reden gerade über dich, und wahrscheinlich nicht in allzu freundlichem Ton.«

»Mein Prinz, dürfte ich …«, setzte Fronsac an, aber Jean hob die Hand, und der Zauberer verstummte wie abgeschnitten.

»Nein«, kam von Jean. »Ich will, dass er es mir sagt. Dass er es mir so zeigt, wie er es dir gezeigt hat.«

»Mein Prinz, das ist, um es äußerst milde auszudrücken, ausgesprochen unüblich.«

»Er hat dir doch sein Wort gegeben, oder?«

Ich lächelte, als Fronsac zu mir herüberschaute. Prinz Jean entpuppte sich als interessanter, als mein erster Eindruck von ihm nahegelegt hatte. Ich hatte Fronsac tatsächlich mein Wort gegeben, dass ich ihm beistehen und Navar Louw vernichten würde, den sogenannten Herrn der Würmer und meinen früheren Besitzer. An sich hielt ich es für gefährlich, einem begabten Zauberer wie Fronsac etwas Derartiges anzubieten. Aber Navar zu töten, hatte für mich ohnehin Vorrang vor allem anderen.

»Ich habe mein Wort aufrichtig gegeben und bin daran gebunden«, beteuerte ich den beiden. »Und ich denke nicht, dass unsere Feinde warten werden, während ich die Geschichte zum Besten gebe.«

»Zeit ist im Augenblick für uns alle Mangelware«, gab mir der Prinz recht.

Der Mann mit den Schwertern hinter ihm beobachtete mich aufmerksam, als ich mir einen Sessel heranzog und mich vor den Prinzen setzte, der mich noch aufmerksamer beobachtete. In seinem Geruch lag etwas, das an Angst erinnerte, auch sein Herzschlag beschleunigte sich, und ich fragte mich unwillkürlich, ob er die Andersartigkeit in mir so wie Fronsac spüren konnte. Es wäre töricht von mir gewesen, zu glauben, der Zauberer würde mich nicht in diesem Augenblick unscheinbar abtasten und nach Hinweisen darauf suchen, was sich an mir verändert hatte. Aber vermutlich bemerkte ich den Moment, wenn er es entdeckte.

Während ich meine Gedanken sammelte, bedachte ich Jean mit einem unverbindlichen Lächeln. Welche Geheimnisse verbargen sich in seinem Kopf? Wenn ich es wüsste, würde ich dann bereuen, dass ich versprochen hatte, den Nachkommen derer zu helfen, die einst ihre Armeen auf mich gehetzt und mich meine einzige Liebe gekostet hatten?

»Was muss ich tun?«, fragte Jean und riss mich damit aus meinen Überlegungen. Er legte die Dokumente beiseite.

»Seht mir einfach in die Augen.«

»Darf ich blinzeln?« Ich lächelte, weil mir Tatyana dieselbe Frage gestellt hatte, und ich verkniff es mir, zu erwidern, dass etwas Schreckliches geschehen würde, wenn er es täte.

»Natürlich.« Ich spreizte leicht die Beine und stützte die Ellbogen auf die Knie, sodass sich mein Gesicht auf derselben Höhe wie seines befand. Dann erweckte ich meine Hexenkunst. Ich konnte fühlen, wie uns Fronsacs Magie umwirbelte, als er die Zauber beeinflusste, mit denen er Jeans Geist schützte. Sie verlagerten sich wie die Teile eines Zauberwürfels, doch es vollzog sich zu verschachtelt und zu schnell, als dass ich dem Ablauf hätte folgen können. Ich wartete, bis ich spürte, wie der Druck nachließ, dann sah ich tief in Jeans helle Augen.

Ein von den Schutzzaubern ausgehender Restwiderstand war zwar geblieben, aber den konnte ich mühelos überwinden. Jean schauderte, als sich unsere Geister in einem Gewirr aus Bildern und losen Gedanken verbanden. Kurz dauerte das Chaos an, dann übte ich Einfluss aus und zog ihn in meine Erinnerungen.

Genau wie Fronsac ließ ich auch ihn beobachten, was ich gesehen hatte. Von meiner ursprünglichen Entdeckung der unter der Sepulkralkirche von Sankt Tomas versteckten, verzauberten Leichen über die Schlachten, die Tatyana und ich gegen die Toten in den Katakomben geschlagen hatten, bis hin zu meinem Aufeinanderprall mit Kardinal Polsson, dem verkommenen Anführer der Paladine, auf die sich die Stadt zu ihrer Verteidigung verließ. Wie bei Fronsac achtete ich darauf, die Wahrheit darüber zu unterdrücken, wer und was ich war.

Ich konnte die Verblüffung und die Wut spüren, die sich angesichts der Wahrheit über Polssons Verrat in Jean regten. Und während er zu verdauen versuchte, was ich ihm gezeigt hatte, nutzte ich die Gelegenheit, um auch in seinen Geist zu blicken, denn ich bezweifelte, dass sich in absehbarer Zeit eine weitere Möglichkeit bot. Da die Zeit nicht reichen würde, um meine Gedanken an den seinen auszurichten, musste ich mich mit einer allgemeineren Herangehensweise begnügen, ähnlich wie bei Kräh, dem freundlichen alten Kesselflicker, den ich auf der Straße nach Falkenburg kennengelernt hatte. Ich würde die Gedanken und Erinnerungen später durchsehen, wenn ich allein war und Zeit hatte.

Behutsam koppelte ich mich von seinem Geist ab und ließ die Verbindung verblassen, bevor ich mich zurücklehnte. Jeans Knöchel traten weiß hervor, als er die Armlehnen des Sessels umklammerte und den Kopf schüttelte.

»Das …« Mit zittriger Hand griff er nach seinem Kelch und trank einen ausgiebigen Schluck von dem darin verbliebenen Wein. »Das war mit nichts vergleichbar, was ich je erlebt habe.« Er schaute zu Fronsac, der in der Nähe stand. »Ist Hellsicht so ähnlich?«

»Nein, mein Prinz«, antwortete Fronsac. »Hellsicht ist weniger persönlich, mehr wie die Sicht eines in der Luft fliegenden Vogels.«

Der Prinz trank einen weiteren Schluck Wein, bevor er sich zurücklehnte und mich anstarrte. Eine Weile verharrten wir so. Dann schlemmte ich mich durch die nächstbeste Obstschale. Er musterte mich immer noch eindringlich, die Fingerspitzen unter dem Doppelkinn aneinandergelegt. Fronsac begnügte sich damit, nur dazustehen. Tatyana vertrieb sich die Zeit, indem sie unruhig auf und ab lief und bei jeder Kehrtwende laut seufzte. Ich empfand es als Erleichterung, als Jean die Hände schließlich sinken ließ und sich räusperte.

»Du sollst wissen, dass ich alles zu schätzen weiß, was du für uns getan hast. Mir ist noch nicht ansatzweise das volle Ausmaß des Schadens klar, den Polsson angerichtet hat, aber mir ist sehr wohl bewusst, dass er ohne dich sehr viel schlimmer ausgefallen wäre.«

Ich wollte ihm gerade danken, als ich spürte, wie sich Tatyanas Herzschlag beschleunigte.

»Ungeachtet dieser Dankbarkeit bringst du mich in eine schwierige Lage. Wir befinden uns im Krieg, Meneer Stratus, und die Gesetze dieses Königreichs sind eindeutig. Sie verlangen deinen Tod.«

Tatyana schnappte nur nach Luft, aber ich sprang auf, stieß meinen Sessel nach hinten und ballte die Hände zu Fäusten.

KAPITEL ZWEI

»Hoheit, bitte, das könnt Ihr nicht tun!« Tatyanas Schwert blieb in der Scheide, als sie auf ein Knie sank.

Ich führte meinem Feuergebilde und dem Windgebilde etwas Macht zu, so dass ich beide mit einem einzigen Gedanken entfesseln konnte. Fronsac musste es wahrgenommen haben, denn ich spürte, wie auch seine Magie flackernd zum Leben erwachte. Seine plötzlich mit Energie unterfütterten Zauber ließen die Luft um ihn schimmern wie Öl auf Wasser.

Falls Jean in irgendeiner Weise bewusst war, wie kurz davor er stand, verbrannt zu werden, ließ er es sich nicht anmerken. Stattdessen gab er nur seinem Leibwächter mit der Hand ein Zeichen. Der steckte das verheerend aussehende Schwert genauso schnell zurück in die Scheide, wie er es gezogen hatte.

»Setz dich«, verlangte er von mir. Seine Stimme nahm den harten Klang an, den er beim Kriegsrat verwendet hatte. Das gefiel mir zwar nicht, aber ich hakte einen Finger meiner Hexenkunst unter meinen umgekippten Sessel und zog ihn zurück zu mir. Tatyana hatte inzwischen ebenfalls Platz genommen und kauerte am Rand ihres Sitzes. Ihr Herz schlug immer noch einen Trommelwirbel, und Anspannung durchwirkte ihren Geruch. Ich schaute zu Fronsac, während seine Zauber trüber wurden; auch er beobachtete mich. Das Grün seiner Augen funkelte vor gebündelter Energie.

»Hast du eigentlich eine Ahnung, was du getan hast?«, herrschte Jean mich an und löste meine Aufmerksamkeit von dem Zauberer. Er verstummte nicht lang genug, um Tatyana oder mir eine Erwiderung zu ermöglichen. »Du hast gestanden, dass du ein Totenbeschwörer bist. Du hast den Befehlshaber meiner Armee umgebracht, sein halbes Lager niedergebrannt und nun am Vorabend der Schlacht die Kirche angegriffen. Dabei hast du Drogah weiß wie viele der heiligen Ritter getötet, ganz zu schweigen von ihrem geistlichen Anführer. Und den Glocken nach vermute ich, dass du auf dem Weg zurück zu mir noch mehr Schaden angerichtet hast, richtig?«

»Sie haben Tatyana gefoltert. Das konnte ich nicht zulassen.«

»Ich fasse das als Ja auf. Hast du auch nur die entfernteste Vorstellung, wie es für mich aussieht, dass ich dich ins Vertrauen gezogen habe? Die Wachen draußen fragen sich in diesem Augenblick, warum ich ihnen nicht längst befohlen habe, dich in Eisen hinauszuschleppen.«

»Er hat die Wachen außer Gefecht gesetzt«, warf Fronsac hilfreich ein.

»Was spielt das für eine Rolle?«, fragte ich. »Ihr kennt die Wahrheit.«

»Was es für eine Rolle spielt?« Jeans Stimme ertönte mit der Wucht eines Peitschenhiebs, und er umklammerte den Rand des Tisches. »Was es für eine Rolle spielt? Bist du ein Schwachkopf?«

Ich spürte, wie sich meine Lippen zu einem verächtlichen Ausdruck verzogen. War das sein Dank für alles, was ich getan hatte, für all das von mir vergossene Blut?

»Undankbarer Wicht.«

Jean zuckte zusammen, als hätte ich ihn geschlagen, und einen Moment lang trat solche Stille ein, dass ich das leise Summen der Fruchtfliegen um die Obstschalen hören konnte.

»Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden?« Trotz der Wut, die in seinem Geruch lag, ertönte Jeans Stimme leise, und der Leibwächter hinter ihm legte wieder die Hand auf sein Schwert.

Ich schaute zu dem blassen Mann auf. Bestimmt war er schnell, aber ich war zuversichtlich, dass meine Gedanken noch schneller wären. »Wenn du das Schwert ziehst, brenne ich dir das Fleisch von den Knochen.«

»Hoheit«, ergriff Fronsac das Wort und trat zwischen uns. »Stratus. Friede, ich bitte euch.«

»Ich werde nicht hier sitzen und so mit mir reden lassen – nicht von ihm«, fauchte Jean. »Von niemandem.«

»Selbstverständlich nicht, Hoheit, und er wird Euch um Verzeihung bitten.« Fronsac spähte bei den Worten zu mir. »Die Nacht war nervenaufreibend und von seltsamer Magie erfüllt. Ich fürchte, das hat sowohl den Stolz als auch das Gemüt entflammt. Ich bitte Euch, lasst uns nicht die Heerscharen der Feinde auffüllen, mit denen wir ohnehin bereits konfrontiert sind.«

»In Fronsacs Worten liegt Weisheit«, merkte ich an. »Ich schlage vor, Ihr hört auf ihn.«

Jean erwiderte nichts, sondern knirschte mit den Zähnen und starrte mich mit einem Blick an, den er wohl für bedrohlich hielt.

Der Zauberer wandte sich an mich. »Was mein Prinz gemeint hat, ist, dass du ihn in eine missliche Lage brachtest. Denn wenngleich er deine Dienste schätzt, so hat er doch keinerlei Beweis für Kardinal Polssons Untaten, wenn der oberste Seneschall des Ordens in Kürze durch diese Tür kommt.«

»Der Kardinal war ein Handlanger des Herrn der Würmer«, gab ich zurück.

»Das verstehe ich ebenso wie mein Prinz, aber wo ist der Beweis?«

»Ich habe euch den Beweis gezeigt, den ihr braucht.«

Fronsac schüttelte den Kopf. »Der Orden wird deine Magie nicht als Beweis anerkennen, also was willst du stattdessen vorweisen? Du hast nichts, was der Orden akzeptieren wird.«

»Was, wenn du die Leichen untersuchst und ihnen die Würmer zeigst?«, schlug Tatyana vor.

»Auch das wäre alles ein Ergebnis von Magie. Was immer sonst Polsson getan haben mag, er hat sichergestellt, dass Zauberer und Kirche nie wieder Seite an Seite stehen werden. Also noch einmal: Ihr könnt euch nicht auf Magie verlassen, um dem Orden euren Fall vorzutragen.«

Ich sah Jean an. »Ihr seid der Prinz, der älteste Sohn des Königs, Ihr stammt von der Linie Krams höchstpersönlich ab. Könnt Ihr nicht über sie befehlen?«

Jean warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. Er lachte! Ich spürte, wie die Wut in mir erneut Funken schlug, doch Tatyana ergriff hinter mir das Wort und lenkte mich ab, bevor aus der Glut eine Feuersbrunst werden konnte.

»Wer oder was ist Kram?«

Fronsac antwortete für mich. Zum Glück, denn ich selbst konnte mich nur verschwommen an jemanden erinnern, der den Besuch eines Königs ankündigte, indem er all dessen imposant klingende Titel herunterleierte.

»Kram war ein heidnischer Kriegsgott aus dem Götterhimmel vom Anbeginn der Zeit. Angeblich wandelte er in Gestalt eines weiblichen Avatars namens Sturm die Botin auf der Welt.«

»Und schon mag ich ihn«, sagte Tatyana.

»Das ist äußerst beeindruckend, Fronsac«, lobte ich und war tatsächlich beeindruckt.

Er tat so, als lüpfe er einen Hut. »Ich wäre kein rechter Zauberer, wenn ich Leute nicht mit unbekanntem Wissen blenden könnte.«

»Ja, wir sind alle begeistert, Fronsac«, meldete sich Jean zu Wort. »Nur ändert das nichts. Und was das Befehligen der Paladine angeht: Das würde ich mit Freuden tun, wenn ich dadurch nicht gegen mindestens sechs uralte Gesetze und vier ähnlich alte und wirklich geschickt formulierte Verträge verstieße. Womit wir nach wie vor dort sind, wo wir angefangen haben, nämlich bei der Tatsache, dass ich verpflichtet bin, euch beide wegen Hochverrats verhaften und hinrichten zu lassen.«

»Niemand richtet uns hin«, warnte ich knurrend. Zwar legte ich keine Hexenkunst in meine Worte, doch die Stimme, mit der ich sprach, war älter als diese Stadt, und ihr Klang weckte die verborgensten Teile ihrer Gehirne auf, jene Teile, die sie daran erinnerten, die Dunkelheit zu fürchten.

Jean erbleichte und schrak auf seinem Sitz zurück. Sein Leibwächter umklammerte mit plötzlich linkischen Händen sein Schwert. Hinter mir stockte Tatyana der Atem, und sogar Fronsac wich einen Schritt zurück und wusste vermutlich nicht recht, wie er auf eine nicht magische Bedrohung reagieren sollte.

»Ich unterbreite dir einen Vorschlag«, sagte Jean. Einen Moment lang hörte sich seine Stimme brüchig an, bevor sie zu ihrer üblichen Stärke zurückfand.

Erregung durchströmte mich, als ich die Reaktionen der Menschen um mich herum beobachtete. Ich hatte vergessen, wie gut es sich anfühlte, gefürchtet zu werden. Und vermutlich entschied ich aus diesem Grund, Fronsac auf die Probe zu stellen. Weil ich es so lange nicht gespürt hatte. Ich stemmte meinen Willen gegen die Berührung der Schutzbanne, in die er mich wie in hauchdünne Vorhänge aus Licht gehüllt hatte, und ich spürte, wie sie sich festigten, als ich versuchte, sie abzustreifen. Sie verwandelten sich in scharfe Klingen, die meine Energie in bedeutungslose Scheibchen schnitten, dann zogen sie sich um mich zusammen wie die großen Baumschlangen im fernen Süden, und ihre unsichtbaren Schneiden waren nur einen Gedanken davon entfernt, mich zu zerstückeln.

»Tu das nicht, mein Freund«, warnte er mich, doch seine Worte schürten den in mir schwelenden Ärger nur. Er war nicht der erste Zauberer, der mich zu binden und gefangen zu nehmen versuchte, und wenngleich ich wusste, dass er es ohne Arg tat, hätte ich in jenem Augenblick nichts lieber getan, als ihm das Herz aus der schmalen Brust zu reißen.

Eine kühle Hand senkte sich auf meinen Arm. Der kleine Funke roher Hexenkunst, der zwischen uns flackerte, ließ mich wissen, dass es Tatyana war, noch bevor sie mich berührte. Ich stieß den angehaltenen Atem aus, und damit legte sich auch der in mir hochkochende Zorn.

»Verzeih mir«, entschuldigte ich mich und drehte mich kurz Fronsac zu. »Meine Neugier ist ein garstig Ding.« Ich lehnte mich zurück und bedachte Jean mit einem breiten Lächeln. »Wie lautet Euer Vorschlag?«

»Mit deinem Mangel an Respekt tust du dir keinen Gefallen, Zauberer.«

Ich öffnete den Mund, um ihn darauf hinzuweisen, dass ich ein Hexer war, kein Zauberer, doch ich bremste mich noch vor dem ersten Wort. »Zauberer« war ein so überaus menschlicher Begriff, geprägt von einer Rasse, die nur ein Echo des Großen Lieds gehört hatte, und in ihrer Überheblichkeit dachte, sie könnte es sich untertan machen, indem sie ihm eine Bezeichnung verlieh.

»Ich bin kein Zauberer«, erklärte ich, weil ich nun mal nicht anders konnte. An sich hätte ich ja gern mit ihm über den Begriff gestritten, allerdings hatte das keinen echten Sinn. Mittlerweile hatte ich ein Gespür für seinen Geist entwickelt, und wenngleich es sich auf einen flüchtigen Eindruck beschränkte, wusste ich, dass sich seine Meinung nicht leicht ändern lassen würde. Ich griff mir weiteres Obst, während ich darauf wartete, dass er damit fertig wurde, mich anzustarren.

Er lehnte sich zurück, als ich einen Apfel in zwei Hälften biss. »Ich habe keine Zeit für Wortklauberei oder deinen verletzten Stolz. Nun, ich mag dich vielleicht nicht, aber ich bin nicht so ungehobelt, zu leugnen, dass wir in deiner Schuld stehen. Folgendes wird geschehen: Wenn du diesen Raum verlässt, wirst du verhaftet und eingesperrt, um auf deine Hinrichtung zu warten.«

Bei der Äußerung sog Tatyana scharf die Luft ein. Ich spähte meinerseits zu Fronsac, der kaum merklich den Kopf schüttelte. Ich konnte zwar seine Schutzzauber fühlen, nicht jedoch, dass er weitere Macht um sich scharte, was ich als beruhigend empfand. Ich verspeiste den Rest des Apfels und wartete darauf, dass Jean zu Ende sprach.

»Du wirst zu den Zellen für Verräter im Wachturm gebracht. Was sich natürlich als Fehler herausstellen wird, denn ein Zauberer dürfte wohl keine Mühe haben, die Tür zu öffnen. Zu meiner öffentlichen Enttäuschung wirst du fliehen. Anschließend triffst du dich im Geheimen mit Fronsac, der dich irgendwohin aus dem Weg schafft, bis wir abschätzen können, wie sich dieser ganze Schlamassel entwickelt.«

»Ich mag keine Kerker.«

Jean schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ist mir egal! Du wirst es tun, sonst liefere ich dich ihnen mit einer blutigen Schleife um den Hals aus, so wahr mir die Götter helfen.«

»Hoheit«, ergriff Tatyana das Wort und trat vor. »Prinz Jean, was ist mit Lucien? Er steht dem Orden zu nah.«

»Ich habe meinen eigenen Bruder nicht vergessen.« Der Prinz schaute zum Fenster und zum Himmel, der sich dahinter rosig verfärbte. »Er ist erst heute Morgen losgeritten, um sich seiner Armee anzuschließen, begleitet von Baron Karsten und seinen Lanzenstreitern.«

»Die vierte Kohorte? Das sind Polssons Männer«, warf ich ein. Waren meine Warnungen denn völlig umsonst?«

»Ich habe Baron Karsten in den Rang des Obersten Seneschalls erhoben«, erwiderte Jean, als erkläre das alles.

»Karsten ist ein guter Mann«, befand Tatyana. »Als Oberster Seneschall wird er ständig in Luciens Nähe sein.« Sie sah wieder Jean an. »Aber er kennt die Wahrheit nicht. Ich sollte an seiner Seite sein. Dort gehöre ich hin. Lasst uns ihnen folgen. Bitte, Jean.«

»Um was genau zu tun? Man wird euch beide aufknüpfen, bevor ihr euch ihm auch nur auf fünfzig Schritte genähert habt.«

»Es ist so weit«, meldete Fronsac, bevor Tatyana oder ich etwas erwidern konnten. »Sie kommen gerade die Treppe herauf.«

Ich verstand, was er meinte. Aber obschon ich die Logik in Jeans Plan nachvollziehen konnte, schnürte mir die Vorstellung, wieder in Ketten gelegt und eingesperrt zu werden, die Kehle zu und ließ mich die Hände zu Fäusten ballen. Unterwerfung behagte mir so wenig wie eh und je.

»Bringen wir diesen Mummenschanz hinter uns«, brummte ich und erhob mich. Als ich mich bewegte, zog der blasse Mann hinter Jean sein Schwert. Kaum hatte er das getan, entfesselte ich mein Windgebilde, das ich im Geist bereitgehalten hatte. Es rammte das Schwert gegen seine Brust und schleuderte ihn mit solcher Wucht in die Wand, dass sich ein dort stehendes Bücherregal leerte. Er hinterließ eine Blutschliere auf dem Stein, als er daran zu Boden rutschte. Man sah nur das Weiße in seinen Augen, während sein benommenes Gehirn zu begreifen versuchte, was ihm soeben widerfahren war.

Beim Geräusch seines gegen die Mauer klatschenden Körpers hechtete Jean praktisch aus seinem Sessel und landete ausgestreckt zu Fronsacs Füßen, doch da war es bereits vorbei. Der Zauberer selbst starrte mich an, die Hände halb erhoben. Und wenngleich ich auch keine Lust verspürte, seinen Geist mit den erwachten Schutzbannen zu berühren, war ich mir doch ziemlich sicher, dass er gerade zu verstehen versuchte, warum er nicht im Voraus gespürt hatte, dass ich etwas tun würde.

Einen Herzschlag später wurde die Tür aufgerissen, als die Wachen auf den Lärm reagierten und hereinstürmten. Mit gezückten Schwertern brüllten sie Warnungen. Ich hob die Hände und stand nur da, während Fronsac dem guten Jean auf die Beine half.

»Schafft sie hier raus!«, brüllte der Prinz. Seine prallen Wangen schillerten beinahe so rot wie das Blut an der Wand. »Und die Ketten bleiben dran, verstanden? Sie bleiben dran!«

Unwillkürlich zuckte ich zusammen, als sich die Schellen um meine Handgelenke schlossen. Dass ich sie allein mit der Kraft meiner Arme aufzubrechen vermocht hätte, bot nur einen kargen Trost gegen die Demütigung der Unterwerfung.

Sie führten uns hinaus in ein heilloses Durcheinander. Die Wachleute, die ich geblendet hatte, wurden gerade versorgt, vermutlich von Heilern. Gleichzeitig versuchten andere Gardisten, drei graubärtige Männer in den weißen und roten Gewändern der Paladine zurückzuhalten. Diese drei und ihre ähnlich gekleideten Begleiter verdoppelten ihr Gebrüll, als sie uns erblickten, und in einem Anflug rasender Wut pflügten sie sogar durch den ersten Rang der Gardisten.

»Dämon!«

»Mörder!«

»Ketzer!«

Die Gardisten, die Jean damit beauftragt hatte, uns zu den Zellen zu bringen, forderten sie auf, die Waffen fallen zu lassen und zurückzubleiben, doch sogar ich erkannte, dass sie nicht gehorchen würden.

Prompt stürmten die Begleiter der Graubärtigen vorwärts und fielen mit Fäusten und Füßen über die Gardisten her, schlugen sie zu Boden. Alle außer mir brüllten. Einer meiner Aufpasser trat einem Paladin so kräftig in den Schritt, dass er in die Knie ging, was mich in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.

Der Graubart, der sich mir am nächsten befand, schrie »Du Schwein!« und sprang mit einem Dolch in der Hand auf mich zu.

Ich zuckte zurück, stieß dabei Tatyana zu Boden und entging dem Angriff nur knapp. Er war mir dabei so nah gekommen, dass ich spontan den Kopf in sein Gesicht rammen konnte, wie es einst einer seiner Männer bei mir gemacht hatte. Allerdings verschätzte ich mich, und statt ihn mit der Stirn zu treffen, klatschte mein Gesicht gegen das seine. Das rettete ihn zwar vor einem eingeschlagenen Schädel, doch ich biss ihm stattdessen ein Stück aus der Wange, was ihn lauthals aufheulen ließ. Den blutigen Brocken spuckte ich aus, als er zurückwankte und sein Gesicht umklammerte.

»Genug!«

Das Wort toste förmlich durch den Gang. Die Macht, die darin mitschwang, fegte Gemälde von den Wänden und ließ alle mit erhobenen Fäusten und offenen Mündern jäh erstarren. Ich roch Fronsacs Magie, während der Schrei in meinen Ohren zu einem widerhallenden Brummen verebbte.

Ich half Tatyana auf die Beine, so gut es mit meinen hinter dem Rücken gefesselten Händen ging.

»Das ist mehr als genug.« Fronsacs Stimme klang hart und troff vor Macht, als er heraus in den Gang trat. »Ihr da. Schafft die Gefangenen des Prinzen in die Zellen.« Dann zeigte er mit seinem Stab auf die Paladine. »Und ihr, meine Herren, werdet Seiner Hoheit euer Begehr in der vereinbarten Weise vortragen. Kirche hin, Kirche her – wenn ihr noch einmal Hand an die Männer des Königs legt, werdet ihr als Verräter am Reich betrachtet und nach den alten Gesetzen abgeurteilt.«

Ich hatte mit einem Aufbegehren der Paladine gerechnet, doch anscheinend war das Feuer in ihnen erloschen. Sie hievten lediglich ihre Verwundeten auf die Beine, während ein kräftiger Stoß der Gardisten Tatyana und mich wieder in Bewegung setzte.

KAPITEL DREI

Ich durchschaute die Anordnung des Palastes immer noch kaum, doch wir hatten uns nicht weit von Jeans Gemächern entfernt, bevor wir zu einer kurzen Treppe gelangten, die hinauf in einen quadratischen Turm führte. Laut Fronsac wurden dorthin verurteilte Adelige gebracht, um auf ihre Hinrichtung zu warten.

Es gab nur vier Zellen. Alle erwiesen sich als trocken und verfügten über Betten, Holzböden mit dicken Läufern und sogar Fenster mit Glasscheiben. Die Ketten nahm man mir nicht ab, als man mich in eine der Zellen stieß und Tatyana in die daneben. Die Türen wiesen kleine Fenster auf, aber das uralte Holz war dick, mit schwerem Eisen beschlagen und mit robusten Schlössern versehen, in denen es geräuschvoll klickte, als man uns einschloss.

Fronsac wählte drei der unverletzten Gardisten aus, die er an den Zugangstüren zum Turm postierte, während die anderen dorthin zurückkehrten, wo immer sie hinbefohlen waren. Anschließend schickte er die drei Verbliebenen los, um Essen und Trinken zu holen, während er uns angeblich bewachte; ein gewitzter Zug seinerseits.

»Das war gut gespielt, obwohl ich bezweifle, dass Falco es gerade zu schätzen weiß«, sagte er und lief vor unseren Türen auf und ab.

»Falco?«

»Jeans Leibwächter. Mit diesem kleinen Trick hast du sein Hirn ganz schön durchgeschüttelt.«

Eigentlich wollte ich ihn ja töten, und ich vermutete, Fronsac deutete meine Überraschung darüber, dass er noch lebte, irrtümlich als eine Art Besorgnis.

»Keine Bange, in ein, zwei Tagen geht es ihm wieder gut.«

»Was für eine Erleichterung.« Ich entsandte eine kleine Prise Hexenkunst in die Schellen meiner Fesseln und sprengte die Schlösser auf, damit ich sie von den Händen schütteln konnte. »Also, wann gehen wir?«

Er schüttelte den Kopf. »Tun wir nicht. Noch nicht.«

»Ich war mit diesem Mummenschanz unter der Voraussetzung einverstanden, dass wir von hier verschwinden.«

»Und das werdet ihr auch. Aber noch nicht.«

»Warum nicht?«

»Wir müssen warten, bis sich der Staub dieser Angelegenheit ein wenig gesetzt hat. Mit unserem kleinen Schauspiel haben wir zwar etwas Zeit gewonnen, aber so leicht wird sich der Orden nicht abschütteln lassen, Belagerung hin, Belagerung her.«

Ich trat an die Tür und drückte das Gesicht an das kleine Fenster. »Ich habe diese elende Stadt gerettet, und jetzt soll ich in diesem Kerker hocken, damit dein Prinz nicht in Verlegenheit kommt?«

»Lucien ist da draußen, Fronsac«, rief Tatyana aus ihrer Zelle. »Jeder Augenblick, den wir vergeuden, bringt ihn den Würmern näher. Wir müssen hier raus.«

»Ich weiß. Und ich verstehe euch ja. Wirklich, das tue ich.« Er trat seinerseits näher an die Tür und begegnete meinem Blick offenherzig. »Mein Freund, glaubst du etwa, ich will das hier? Meinst du nicht, ich hätte dich lieber an meiner Seite, um zusammen Vernichtung auf den Abschaum niederprasseln zu lassen, der sich vor unseren Mauern schart?« Er verstummte und holte tief Luft. »Ich ersuche dich lediglich, mir für einen Tag, vielleicht zwei Tage zu vertrauen. Du bist hier in Sicherheit. Und du bekommst zu essen. Betrachte es als Gelegenheit, dich auszuruhen und Kraft zu sammeln. Ich bin mir sicher, du wirst sie eher brauchen, als du jetzt vermutlich denkst.«

Er hatte seine Schutzbanne heruntergefahren, während er sprach, und er sah mir erneut unverwandt in die Augen. Da ich selten eine Gelegenheit ausließ, die sich mir bot, legte ich in meinen Blick etwas Macht und nahm seine unausgesprochene Einladung an. Weil er ein bewanderter Zauberer war, hegte ich keinerlei Zweifel, dass er beeinflussen konnte, was ich aus seinen Gedanken erfuhr. Trotzdem würde ich Zweifel oder ein Zögern wahrnehmen, falls er etwas zu verbergen hatte. Seine innersten Gedanken hielt er zwar verborgen, doch ich konnte seine Neugier über mich wittern, und auch ein wenig Furcht. Aber da gab es nichts, was ich mit Böswilligkeit oder Falschheit in Verbindung bringen konnte. Er glaubte aufrichtig an seine Worte. Das bedeutete, er war entweder ein vortrefflicher Lügner oder ein ehrlicher Narr.

Ich blinzelte die Gedanken weg und brach die Verbindung ab. »Na schön, ich werde warten. Aber wenn der übernächste Morgen anbricht, öffne ich diese Tür und verlasse diese Stadt, ob es deinem Prinzen nun passt oder nicht.«

Fronsac nickte. »Der übernächste Morgen.« Er neigte seinen Stab, und die Fackeln in den Wandhalterungen erwachten flackernd zum Leben, vertrieben die Schatten ringsum. »Ich sage den Wachleuten, sie sollen draußen im Hauptgang bleiben. Bis dahin.«

Dann tippte er mit einem Finger an seine Kapuze, machte auf dem Absatz kehrt und ging. Ich sah ihm hinterher, bis sich die Tür des Haupteingangs hinter dem Zauberer schloss.

»Schöne Belohnung, was?«, meinte Tatyana nach einer Weile.

»Fühlt sich mehr wie eine Bestrafung denn wie eine Belohnung an.«

»Das ist mir schon klar. Und was hast du jetzt vor?«

»Schlafen.«

»Und danach?«

»Danach hoffe ich, zu essen. Vorzugsweise Lamm.«

»Ehrlich? Wir sind in einem verdammten Kerker eingesperrt, und das ist dein Plan?«

Ich schloss die Augen, legte eine Hand an die Mauer und entsandte ein paar Ranken meiner Hexenkunst durch den kalten Stein, bis ich das Holz und das Metall von Tatyanas Tür spürte. Dort lenkte ich die Magie ins Schlüsselloch, das sich als Meisterwerk erwies. Ich musste eine ganze Weile tasten und stochern, bis ich wusste, in welcher Reihenfolge es die Teile zu bewegen galt. Ich hörte mit den Ohren, wie es sich mit einem Klicken öffnete, gleichzeitig spürte ich es durch meine Hexenkunst.

»Was zur Hel …« Wenige Herzschläge später drangen schlurfende, zögerliche Schritte zu mir, als Tatyana aus ihrer Zelle kam und sich vor meine stellte.

»Nicht die Türen halten mich hier fest, sondern das Versprechen, das ich Fronsac gegeben habe«, klärte ich sie auf und sah sie durch das Fenster an.

»Lass mich rein.«

Mich schauderte bei ihren Worten. »Willst du mich wieder schlagen?«

Tatyana lachte. »Nein. Ich hab mich bloß daran gewöhnt, dich in der Nähe zu haben.«

Ich holte meine Hexenkunst zurück und öffnete auch meine Tür.

»Hübsch hier«, befand Tatyana, als sie eintrat.

»Ist bisher mein unangefochtener Lieblingskerker.«

»Hast du gerade tatsächlich einen Witz gerissen?«

»Nein.«

»Richtig, hast du wohl nicht.«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte mich an, bis ich anfing, mich zu fragen, ob ich womöglich irgendeine gesellschaftliche Konvention falsch gedeutet hatte. Ich rührte mich nicht von der Stelle, während sie langsam um mich herumging und eine Hand über mein geborgtes Gewand streichen ließ.

»Ein Drache«, sagte sie, als sie letztlich wieder vor mir stand.

Ich drängte ein Seufzen zurück. »Das ist immer noch richtig.«

Plötzlich weiteten sich ihre Augen, und ich wirbelte herum, weil ich mit einem Angreifer in meinem Rücken rechnete. Doch die Zelle erwies sich als menschenleer.

»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich mit einer Hand an der Brust. »Mir sind nur grade deine Worte eingefallen, als du mich geheilt hast. Du hast dafür dein Blut benutzt.« Sie wirkte ziemlich blass, als sie das sagte. »Drachenblut.«

»Es fließt jetzt auch in deinen Adern«, gab ich zurück. Es war keine angenehme Erinnerung, zumal ich damals von mehreren Holzbalken gepfählt war und mich davon losreißen musste, um sie zu erreichen, bevor die Wunde an ihrem Herzen sie umbrachte. Bisher hatte ich es nicht bereut, und überraschenderweise besserte diese Erkenntnis meine Laune.

Tatyana schnappte nach Luft, als ich ihre Hand ergriff und die Hexenkunst in ihr einen Teil meiner Energie in sie hineinsaugte, ihre Sinne schärfte und sie mit frischer Kraft erfüllte.

»Tatyana Henkman«, sagte ich und genoss das Gefühl von Feuer, das erneut in meinen Augen aufflammte. »Das einzige andere Wesen auf dieser Welt mit Drachenblut.«

Sie schaute zu mir auf. Das Grün ihrer Augen leuchtete wie Smaragde im Licht der Sonne. Tatyana wehrte sich nicht, als ich sie in meinen Geist zog und sie mit meinen Erinnerungen umhüllte.

*

Die Nachtluft strich kühl über meine Schuppen, als ich durch die Wolken sank. Dampfschwaden kräuselten sich von meinen Flügelspitzen. Unter mir bildeten die weiten Ebenen eine dunkle Masse, unterbrochen von Flüssen, die im Mondlicht silbrig schimmerten. Ich erweckte meine Nachtsicht, und die Körperwärme der wandernden Herden erhellte die dunkle Erde wie ein bewegliches Flickwerk von Farben – rot, wo die großen Bisons umherstreiften, golden im Westen, wo Oryx-Antilopen grasten, und sowohl im Norden als auch im Süden kamen die Gelbtöne der gestreiften Pferde hinzu. Dazwischen befanden sich Dutzende Familien der kleinen, graubraunen Rehe, die ihnen allen als Ohren und Augen dienten. Ihre kleinen Wärmespuren verliehen ihnen von oben das Aussehen umherschwirrender Glühwürmchen.

Lautlos kreiste ich über den Herden. Ihre Sinne waren auf die Bedrohung durch die Großkatzen geeicht, die sich von außen an sie anpirschten, nicht auf das, was am Himmel über ihnen lauerte. Ich hätte sofort über sie herfallen und etwas zwischen den Kiefern haben können, bevor der erste Warnruf ertönt wäre. Aber darin lag kein Vergnügen.

Ich neigte die Flügel zum Sturzflug. Meine Geschwindigkeit steigerte sich, bis ich die auf meine Schwingen einwirkende Belastung als Ziehen an den Schultern spürte. Ich befand mich nur noch wenige Augenblicke vom Rand der ersten Herde entfernt, als ich meinen Jagdruf anstimmte. Der Klang löste blindwütige Panik unter den Tieren aus, und schlagartig waren die Ebenen von Bewegung erfüllt. Die Farben wurden kräftiger, als das Blut der Tiere in Wallung geriet und der blindwütige Fluchtinstinkt ihre Sinne überwältigte. Ich schwebte über die nächste Herde hinweg, tief genug, um zu spüren, wie die Geweihe der Männchen meine Oberschenkel streiften. Der kräftige Wind meines Überflugs warf die Schwächeren und die Kranken von den Beinen.

Mit weiterem Gebrüll neigte ich die Flügel zurück und stieg wieder auf. Pure Freude erfüllte mich bei dem Gefühl, wie die mächtigen Muskeln an Brust und Rücken in vollkommenem Einklang zusammenarbeiteten, als ich genug Höhe gewann, um eine Wende zu beschreiben und abermals auf die Tiere hinabzustoßen. Es war an der Zeit, mit dem Töten zu beginnen.

*

Ich schloss die Augen und zog meinen Geist aus Tatyana zurück, dann fing ich sie auf, als sie gegen mich fiel.

»Was war das?«, stieß sie hervor.

»Eine Erinnerung an eine bessere Zeit.«

»Ich konnte es fühlen. Ich hab es richtig gespürt.« Ein Lächeln krümmte meine Lippen, als sie die Augen schloss, die Arme ausstreckte und sie nach links neigte. »Den Wind, einfach alles.«

»Das waren gute Jahre.«

»Alles ging so schnell. Du warst so schnell.«

»Nur bei der Jagd. Sonst habe ich es immer vorgezogen, gemächlich über den Wolken zu fliegen.« Das Lächeln fand den Weg zurück in mein Gesicht. »Ich konnte tagelang nur mit kühler Luft zwischen mir und der Sonne schweben.«

»Kannst du mir das zeigen?«

Ich dachte darüber nach und stellte überrascht fest, dass ich gegen die Idee nichts einzuwenden hatte. Ganz im Gegenteil. Meine Erinnerungen waren allzu lange vor mir verborgen gewesen, und wenngleich es gefährlich sein konnte, zu oft in ihnen zu verweilen, hatte ich es mir gewiss verdient, ein wenig in ihnen zu schwelgen.

Ich ersuchte Tatyana, sich mir gegenüber hinzusetzen, sie auf dem Bett, ich auf dem Boden. Ich konnte fühlen, wie in der Verbindung zwischen uns ihre Erregung mitschwang, und es fiel mir schwer, mich nicht geschmeichelt zu fühlen. Schließlich ergriff ich ihre kleinen, nutzlosen Hände und sah ihr in die Augen. Ich verfügte über reichlich ausgeprägte Erinnerungen ans Fliegen, daher hatte ich keine Schwierigkeiten, Tatyanas Bewusstsein in sie hineinzuziehen, umso weniger, da es mir selbst Freude bereitete, zu ihnen zurückzukehren.

Die Schatten wurden bereits länger, als ich letztlich mein Gedächtnis schloss und ihre Hände losließ. Dabei stellte ich fest, dass ich mich sonderbar erfrischt und müde zugleich fühlte. Ich hatte mich fast an den Körper gewöhnt, in dem ich steckte, aber nachdem ich gerade so tief in meine älteren Erinnerungen gesunken war, konnte ich fühlen, wie die unnatürliche Form meines Leibes an meiner Seele nagte.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Tatyana, die mich von der Bettkante mit gerunzelter Stirn beobachtete.

»Ich hätte mir nicht gestatten sollen, so tief in der Vergangenheit zu versinken«, meinte ich. »Bei manchen Erinnerungen ist es gefährlich, zu lange zu verweilen.«

»Also, ich bedauere nichts, falls dich das irgendwie tröstet.« Sie lehnte sich zurück und überkreuzte die Beine unter sich auf eine Weise, bei der sich mir alles zusammenzog, auch wenn sich die Knie meines gegenwärtigen Körpers genauso beugen ließen wie die ihren. »Aber ich weiß schon, was du meinst. Genauso geht es mir mit allem aus meiner Kindheit. Selbst nach so vielen Jahren bringt mich allein der Gedanke an meinen Vater zum Zähneknirschen.«

»Ich mochte ihn auch nicht, falls dich das irgendwie tröstet.«

»Entschuldigung?«

»Ist nicht nötig. Es war ja nicht deine Schuld.«

»Nein. Ich meine, was soll das heißen, du hast ihn auch nicht gemocht?«

»Dein Vater war derjenige, der mich gefunden hat. Nachdem der Vater seines Vaters den Zirkus aufgegeben und mich zum Sterben zurückgelassen hatte.«

Ich lehnte mich zurück, als in mir die Erinnerung an die überwucherte Scheune hochkochte, in der ich so viele Jahrzehnte verbracht hatte. Mein Geist beschwor die erdigen Gerüche von faulendem Holz und sich ausbreitendem Moos herauf, die das Einzige waren, was ich fast hundert Jahre lang hatte riechen können.

»Noch fünfzig Jahre, dann wäre der Boden meines Käfigs morsch genug gewesen, um ihn zu durchbrechen, und ich wäre frei gewesen. Aber stattdessen hat er mich gefunden, und ich war noch dabei, mich aus meinem langen Schlaf zu kämpfen. Deshalb konnte ich an jenem ersten Tag nichts unternehmen. Er ist geradewegs in den Käfig marschiert und hat sich dichter vor mich gesetzt als du gerade.« Ich schob die Erinnerung von mir. »Hätte ich gewusst, was ihm damals durch den Kopf ging, ich hätte mir vielleicht mehr Mühe gegeben, ihn zu erwischen.«

»Warum?« Sie rutschte ein Stück nach vorn. »Was hat er denn gemacht?«

»Er hat mich an Navar Louw verkauft.«

Sie schrak zurück, als hätte ich sie geschlagen, und schob sich nach hinten, bis sie mit dem Rücken gegen die Wand stieß, dann bedeckte sie mit den Händen ihr Gesicht.

Ich verlagerte die Haltung so, dass auch ich mich an die Wand lehnen konnte. Indes ließ ich die Erinnerung in meinem Kopf erneut hin und her kullern wie einen Kiesel in der Hand. Navar Louw.

Obwohl man mich meiner Hexenkunst beraubt hatte und meine Sinne verkümmert waren, weil ich sie gebunden durch mehrere Generationen alte Banne so lange nicht hatte benutzen können, spürte ich die Verderbtheit in ihm schon bei unserer ersten Begegnung. Allerdings hielt ich sie damals bloß für eine Facette seiner Menschlichkeit und der Einwirkung der Magie auf seine Persönlichkeit. Wie immer tadelte ich mich im Nachhinein dafür, das Offensichtliche übersehen zu haben, aber Navar war ein Meister der Täuschung.

Jahrelang hatte er mitten in einem riesigen Netz gehockt und angeblich die Zauberer unterrichtet, die gegen eben jene Armee ins Feld ziehen sollten, die er selbst anführte. In Wirklichkeit jedoch hatte er sie die ganze Zeit verdorben und seinem Willen unterjocht. Und selbst dabei hatte er es auf einen bedeutenderen Preis abgesehen gehabt: auf mich. Seit zwei Generationen vergessen. Zum Sterben in einer verrottenden Scheune zurückgelassen, weil irgendein alter Narr entschieden hatte, ein Zirkus sei eine erniedrigende Beschäftigung für seine glorreiche Familie.

Ich schaute auf, als das Bett knarrte, und sah, dass sich Tatyana von der Wand gelöst hatte.

»Du hast es gewusst«, sagte sie.

Es war zu offensichtlich, um eine Frage zu sein, also ersparte ich es mir, ihr zu antworten.

»Mein Vater hat dich verkauft. An ihn. Glaubst du, er hat es gewusst? Konnte er eigentlich gar nicht. Niemand wusste es. Aber er hat von dir gewusst.«

»Am Ende schon. Das war das erste Mal, dass ich ihn sah. Das letzte Mal war bereits am nächsten Tag, als Navars Männer mit ihren Wagen und Ochsen gekommen sind, um mich wegzuschaffen.«

»Wie hast du überlebt?«

»Das ist eine Geschichte für einen anderen Tag, würde ich sagen.« Ich holte tief Luft und kostete die Luft. »Das Essen ist fast da.«

Mit einem Grunzen hievte sie sich auf die Beine. »Dann sollte ich wohl besser zurück in meine Zelle gehen.«

An der Tür hielt sie inne. »Stratus?«

»Ja?«

»Danke. Für … na ja, du weißt schon.« Sie tippte sich an den Kopf.

»Hab ich gern gemacht«, erwiderte ich. Immerhin stimmte das. »Und sei es nur, um deinen ewigen Fragen ein Ende zu machen.«

»Das hättest du wohl gern«, entgegnete sie mit einem Lächeln, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

KAPITEL VIER

Kurz nachdem sie gegangen war, traf das Essen ein. Ich saß still mit dem Rücken an der hinteren Wand meiner Zelle, während man es hereinbrachte, und achtete nicht auf das Gehabe und die leeren Drohungen der Männer. Nach ein wenig Gebrüll und dem lauten Zuknallen der Türen ließen sie uns allein, und ich entriegelte erneut schon aus Prinzip beide Schlösser, bevor ich mich über das Essen hermachte. Viel war es nicht, kaum genug für einen Mann, dafür wenigstens erheblich schmackhafter, als ich erwartet hatte. Tatyana schien damit zufrieden zu sein, alleine zu essen, genau wie ich. Danach streckte ich mich auf dem weichen Bett aus, das zwar ächzte und knarrte, meinem Gewicht aber standhielt.

Ich erwachte durch die Geräusche von Männern, die sich im Gang vor meiner Zelle stritten. Es ging wohl darum, dass die Türen nicht verriegelt waren. Nachdem ich mir die schlaftrunkenen Augen gerieben hatte, schaute ich zum schmalen Fenster. Die Düsternis legte nahe, dass es mitten in der Nacht war, was sich jedoch falsch anfühlte. Ich stand auf und machte mich am Riegel des Fensters zu schaffen. Nach etwas Drehen und Ziehen löste er sich vom Rahmen, und das Fenster schwang mit einem klappernden Laut weit auf. Ein kühler Luftstoß wehte herein. Als ich nach Osten blickte, sah ich zwischen den Wolken Sonnenstrahlen, die wie von Asche bedeckte Glut anmuteten. Tief sog ich die Luft ein und sortierte die üblichen Ausdünstungen der Stadt aus, bis ein leicht bitterer, metallischer Geschmack verblieb, den ich zuletzt in den Katakomben unter den Straßen wahrgenommen hatte. Unreine Magie.

Der Streit im Gang löste sich auf, während ich die Wolken betrachtete. Ich schenkte den Männern keine Beachtung, als sie in meine Zelle platzten, um das Tablett mit Essen durch ein anderes zu ersetzen. Rasch verschwanden sie wieder, allerdings erst, nachdem sie die Tür mehrmals verriegelt, entriegelt und überprüft hatten. Kaum waren sie weg, öffnete ich das Schloss wieder, und kurz danach kam Tatyana mit ihrem Tablett angetrabt.

»Ich tausche – Eier gegen Haferbrei.«

»Abgemacht«, willigte ich ein und reichte ihr die Schüssel mit Freuden.

»Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht. Das ist ein wirklich guter Brei, verfeinert mit Butter und Honig.«

»Ist etwas Grundsätzliches. Außerdem mag ich Eier.«

Gesellig schweigend aßen wir, bis ein weiterer Windstoß das Fenster wieder aufwehte und der Rahmen klappernd gegen den Stein des Mauerwerks schlug.

»Wie ich sehe, hast du deines aufgemacht.« Tatyana tapste hinüber und spähte hinaus. »Da braut sich ein mächtiger Sturm zusammen.«

»Das ist kein Sturm«, stellte ich zwischen zwei Bissen von den Eiern richtig.

»Wie meinst du das?«

Ich schluckte den letzten Mundvoll hinunter, bevor ich neben sie trat. Ich legte einen Schleier aus Hexenkunst über meine Sicht und blickte erneut über die Stadt. Die dichten, dunklen Wolken wirkten tatsächlich regenschwanger, außer an den Rändern, wo sich das Sonnenlicht den Weg durch sie erkämpfte. Dort schillerten die Schwaden in einem widernatürlichen Grün.

»Diese Wolken werden von Menschen zusammengetrieben, nicht von der Natur«, klärte ich Tatyana auf. Ich schloss die Augen. »Der Druck stimmt nicht.«

»Der Druck?«

»Luft besitzt ein Gewicht und eine Form. Hier unten fühlt man es nicht wirklich, aber um zu fliegen, muss man lernen, die Anzeichen zu deuten. Wärme zieht Kälte genauso an, wie Kälte Wärme anzieht. So bilden sich Winde und das Wetter.«

»Aha.«

»Und doch spüre ich davon kaum etwas. Das« – ich zeigte zum grünstichigen Himmel – »ist etwas ganz und gar Unnatürliches.«

»Das können die tun?«

»Sie können Tote auferstehen lassen, es gibt also kaum noch etwas, das ich als unmöglich erachten würde. Aber die dafür nötige Macht muss gewaltig sein.«

»Könntest du das auch?«

Ich überlegte. »Vermutlich schon. Aber nicht in dieser Größenordnung und nicht lange. Jedenfalls nicht allein.«

Tatyana schloss das Fenster und seufzte laut, als sie die abgebrochene Schnalle aufhob. »Musstest du es unbedingt kaputt machen?«

»Schlecht gefertigt.«

»Sicher. Sag, denkst du auch, was ich denke?«

Ich streckte die Hand nach ihrem Kopf aus, doch sie wich jäh zurück und schlug meine Finger weg.

»Nicht doch so!« Sie zuckte zusammen, als der Wind das Fenster abermals aufwehte. »Ich meine, denkst du auch, dass er mit ihnen gekommen ist? Der Herr der Würmer?«

»Ah.«

Mir war klar, dass er sich irgendwo dort draußen aufhielt, doch ich hatte nicht wirklich gedacht, dass er so nah sein könnte. Das Schauspiel sollte offenkundig Angst und Schrecken in der Stadt auslösen, aber steckte vielleicht noch mehr dahinter? Wäre es einen solch hohen Preis wert, nur um die Bevölkerung einzuschüchtern? Auch ich hatte mir Angst als Waffe zunutze gemacht, als der Himmel noch mir gehört hatte. Nur hatte sie sich bei mir allein aus meiner Größe und Wildheit von selbst ergeben.

»Hörst du das?«, fragte Tatyana und riss mich damit aus meinen Grübeleien. »Klingt nach einer Menge Menschen.«

Ich legte den Kopf schief und lauschte. Menschen verhielten sich allgemein sehr laut, vor allem, wenn sich mehr als nur ein paar von ihnen versammelten. Aber die Geräusche, die von den Straßen hereindrangen, hörten sich leidenschaftlicher als üblich an.

»Was rufen sie da?«

Ich achtete aufmerksamer auf die lautesten Rufe. »Hemmt ihn. Nein, doch nicht. Hängt ihn«, sagte ich.

»Oh Kacke. Du hast recht.«

»Wen, glaubst du, meinen sie damit?«

Mit großen Augen glotzte sie mich an, bis ich die Frage wiederholte. »Dich. Sie meinen dich

»Mich?«

Zunächst erwiderte sie nichts und starrte nur zum Fenster hinaus. »Soll ich dich hochheben?«

»Was? Nein. Klingt, als wären sie auf der Adlerstraße. Sie sind wohl unterwegs zum Hauptverlies in der Nähe des Wachthauses. Wahrscheinlich vermuten sie dich dort.«

»Es ist lange her, seit es zuletzt eine wütende Menschenmenge auf mich abgesehen hatte.«

»Ich wette, dahinter steckt das Wiesel.«

»Wer?«

»Marschall Wilsenach. Wiesel, verstehst du? Klingt so ähnlich. Er ist – war – einer von Polssons Männern. Er ist gut, aber ich frage mich, ob er sich damit nicht zu viel zugemutet hat.«

Ich zuckte dazu mit den Schultern und wandte mich ab, um mich zu setzen. Was immer geschehen würde, sollte ruhig geschehen. Ich hatte noch einen weiteren Tag, um mich zu sammeln, bevor ich diese Stadt verlassen und wieder meinem eigenen Weg folgen würde.

»Was hast du vor?«

»Im Augenblick habe ich vor, mich hinzusetzen. Danach will ich die Wolken erkunden.«

»Wir können das nicht einfach ignorieren.«

Ich schaute zu ihr auf. »Ich wüsste nicht, was dagegenspricht.«

»Das ist eine aufgebrachte Meute, Stratus. Eine verängstigte Menschenmenge, darauf aus, jemandem die Schuld an ihrer Angst zu geben.« Tatyana trat näher. »Hast du schon mal eine aufgebrachte Meute erlebt, wenn sie richtig in Fahrt kommt?«

»Ja.« Seufzend sah ich sie an. »Die machen kehrt und ergreifen die Flucht, sobald sich das Blatt gegen sie wendet.«

Meiner Erfahrung nach gehörte allerdings dazu, ein paar aus der Meute in Brand zu stecken, vor allem die Männer. Es war merkwürdig, doch während eine kreischende Frau eine wütende Menschenmenge zu neuer Raserei anspornen konnte, bewirkten schreiende Männer das vollkommene Gegenteil.

»Dann hast du eine Meute anderer Art gesehen als ich. Sobald der Aufruhr losbricht, schwärmen sie aus.« Mittlerweile lief sie auf und ab, schlug sich dabei mit einer Hand in die andere. »Jean wird es nicht wagen, mit Gewalt gegen sie vorzugehen. Nicht ausgerechnet jetzt.«

Ich lehnte mich gegen die beruhigende Festigkeit der Mauer und schloss die Augen. Tatyana trabte weiter hin und her und ging unsere Lage durch, ich jedoch blendete sie aus und kehrte meine Aufmerksamkeit nach innen.

Die letzten Tage waren hart für mich gewesen, und wenngleich die Liedlinien den Bruch in meinem Geist geheilt hatten, blieb mein Körper eine völlig andere Sache. Mein Körper. Ich spannte die Muskeln meiner Arme an. Dies war nicht wirklich mein Körper. Gewiss, es handelte sich um mein Fleisch und Blut, doch die Form unterschied sich ungefähr so sehr von meiner wahren Gestalt wie ein Stiefel von der Kuh, von der sein Leder stammt. Ich spürte, wie meine Hexenkunst in mir aufstieg, als ich anfing, das Gebilde des Zaubers zusammenzuziehen, das mich an diesen Leib band.

Ein Tritt gegen mein Bein holte mich zurück in die Wirklichkeit. Mit einem Grunzen schnellte ich so jäh vorwärts, dass Tatyana tänzelnd rückwärtstaumelte.

»Was ist?« Ich knurrte.

»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich. Angst mischte sich in ihren Geruch. »Ich dachte, du wärst eingeschlafen.«

Meine Miene verfinsterte sich, als ich plötzlich ein Pochen über dem rechten Auge wahrnahm, das sich durch meinen Schädel ausbreitete. Das war der Preis dafür, dass ich die Kontrolle über die Hexenkunst verloren hatte, die ich gerade hatte beschwören wollen. Ein paar Blutstropfen liefen mir aus der Nase, als ich mich zwang, den Zorn hinunterzuschlucken, der in mir hochgekocht war.

»Du blutest.«

»Das passiert, wenn man von Dummköpfen aus der Hexerarbeit gerissen wird.«

»Oh Kacke. Entschuldige, ich dachte bloß …«

»Lass mich einfach in Ruhe«, fiel ich ihr ins Wort. Meine Stimme klang belegt von der Wut, die den Schmerz begleitete. »Geh.«

Tatyana trat durch die Tür hinaus, dann jedoch zögerte sie. »Vielleicht bist du nächstes Mal so freundlich, mich verdammt noch mal zu warnen, wenn du mitten in einer Unterhaltung beschließt, dich abzukapseln und mit deiner Magie herumzuspielen.«

Sie warf die Tür wuchtig hinter sich zu, bevor ich ihr sagen konnte, was ich von ihrer sogenannten Unterhaltung hielt.

Statt des üblichen Gefühls, gefangen zu sein, das mich in geschlossenen Räumen meist überkam, empfand ich die Einsamkeit diesmal als ziemlich tröstlich. Nur weigerten sich meine Gedanken, zur Ruhe zu kommen. Also kehrte ich sie nicht nach innen, sondern begann stattdessen, mein eigenes Hellsichtgebilde zu formen, indem ich die Energien umleitete. Das half, die Schmerzen zu lindern, bevor sie sich festsetzen und mir den Geist trüben konnten. Ich empfand es als befriedigend, dass meine Schöpfung bestehen blieb. Vorsichtig führte ich ihr mehr Macht zu.

Ich legte die Hände mit gespreizten Fingern auf den Boden, um mich zu verankern, als meine Sicht verschwamm und zum Blickwinkel des Gebildes wechselte. Ich blickte auf mich selbst herab und beobachtete, wie ich den Kopf schüttelte. Den leichten zeitlichen Versatz zwischen Sehen und Fühlen empfand ich als ziemlich verwirrend. Ich wandte mich von meinem Körper ab und ließ meine Sicht durchs Fenster hinausschweben. Außerhalb der Mauern fiel mir die Kontrolle über das Gebilde leichter, weil ich mich ganz auf das konzentrieren konnte, was ich sah. Es fühlte sich an, als würde ich wieder fliegen, und unter dem Vorwand, die Herrschaft über mein Hexenwerk zu festigen, genehmigte ich mir einige genüssliche Kreise.

Als ich überzeugt davon war, dass ich sowohl meine Bewegungen als auch meine Sicht im Griff hatte, stieg ich höher auf und blickte hinunter auf die Meute, die sich vor dem Wachhaus versammelt hatte. Sie erwies sich als beachtliche Menschenmenge, mehrere Hundert Köpfe stark. Einige hatten sich bewaffnet, der Rest jedoch schüttelte den Gardisten, die von den Mauern auf sie hinabstarrten, nur die bloßen Fäuste entgegen. Ich sparte mir den Versuch, einen genaueren Blick auf die Rädelsführer zu werfen, denn ich konnte sie ja nur sehen. Ohne ihren spezifischen Geruch oder wenigstens Geräusche bestand kaum Aussicht darauf, dass ich ihre allzu menschlichen Gesichter später wiedererkannte.

Also wandte ich mich ab und schwebte die Wehrmauern entlang über Soldaten hinweg, die hinaus auf die tristen Felder draußen vor der Stadt starrten. Als ich mich den südlichen und östlichen Bereichen näherte, sah ich wesentlich mehr Kämpfer und auch einige der großen Belagerungsbögen, mit denen man früher so gern auf mich geschossen hatte. Mittlerweile fand ich die Straßen unter mir verwaist vor, abgesehen von vereinzelten Barrikaden, besetzt von wenigen Soldaten, deren Münder sich in Unterhaltungen bewegten, die ich nicht hören konnte und die für mich ohnehin nicht von Belang waren.

Ich stieg über die Mauern auf und schaute zum penullischen Lager, das im Schatten der dunkelsten Wolken lag. Dort würden die Antworten zu finden sein. Hielt sich auch Navar dort auf? Ohne mein bewusstes Zutun hatte meine Sicht die Stadtmauern überquert und begonnen, dem schlammigen Band der Straße zu folgen, die zu dem Lager verlief. Ich führte meinem Gebilde etwas mehr Macht zu, um schärfer zu sehen und gegen die unnatürliche Düsternis anzugehen, die aus den Wolken troff.

Inzwischen konnte ich die penullischen Zelte deutlicher erkennen, unzählige Reihen, und alle von kleinen, emsigen Gestalten umgeben. Inmitten dieses Meeres aus Zelten ragte eine Gruppe von größeren Bauten auf, jede mindestens doppelt so hoch wie ein Mensch und groß genug, um mehrere Wagen in sich aufzunehmen. Ich raste darauf zu, konnte es nicht erwarten, meine Feinde aufzuspüren. In meiner Hast übersah ich das Schimmern der erwachenden Schutzbanne, die ihre Zauberer um das Lager angebracht hatten. Gleißend erwachten sie vor mir zum Leben. Die dichten, kantigen Runen ihres Gefüges verliehen ihnen das Aussehen von Schneeflocken frisch aus der Esse eines Schmieds. Ich brauchte nur wenige Lidschläge, um zu begreifen, worum es sich handelte, doch da war es bereits zu spät.

Sie explodierten zu hauchdünnen Scherben roten Lichts, die mir mit der Geschwindigkeit eines Gedankens entgegenblitzten, den Rahmen meines Gebildes zerfetzten und eine verheerende Schockwelle über die magische Leitung jagten, die mich mit dem Gebilde verband.

Es war, als würde mein Hirn von einem Hammer getroffen, der irgendwie meinen Schädel umgangen hatte. Meine Sicht war nach wie vor an das Hellsichtgebilde gebunden, von dessen kruder Form rohe Energie in die Luft spritzte, während es unbändig trudelte. Das verstärkte die Orientierungslosigkeit, in der ich immer tiefer versank. Die zweite Schockwelle traf mich, als ein Teil von mir begriff, dass ich im Palast über den Boden rollte. Die Wucht des Einschlags brachte meine Glieder krampfhaft zum Zucken. Ich konnte meine Sicht nicht von dem Gebilde lösen, und es fühlte sich an, als würden mir die Augen aus den Höhlen geschraubt. Gut möglich, dass ich schrie, doch als mich eine dritte Schockwelle erfasste, zersplitterte alles, was ich noch an Gedanken zustande brachte, und verflüchtigte sich wie aus einem Feuer gewehte Funken.

KAPITEL FÜNF

Als ich erwachte, kam ich nicht allmählich zu mir. Im einen Moment befand ich mich im Nichts, im nächsten nahm ich wahr, dass ich auf dem Rücken lag, verblüfft darüber, dass ich meine Herzen wieder schlagen fühlte.

Ich fragte mich, warum ich die Augen nicht öffnen konnte. Mein Mund fühlte sich trocken wie eine Wüste an. Meine Zunge kam mir zu groß vor und schien an den Zähnen zu kleben. Und ich bekam einen Hustenanfall, der meine Brust zum Schmerzen brachte, bevor er sich schließlich legte. Nach mehreren beruhigenden Atemzügen wollte ich mein Gesicht abtasten. Ich spürte Stoff unter den Fingern, doch bevor ich ihn wegziehen konnte, berührte eine Hand die meine.

»Noch nicht, Meneer«, ertönte eine mir unbekannte Stimme. Ich schnupperte die Luft, als ich die Arme sinken ließ. Es handelte sich um einen jungen Mann, von dem eine vertraute Geruchsmischung aus Gewürzen und verbrannter Luft ausging; ein Zauberer oder zumindest ein Lehrling Fronsacs. »Du bist in Sicherheit, aber du musst dich ausruhen. Wir haben frühestens in einer Woche damit gerechnet, dass du aufwachst.«

»Wo bin ich?«, fragte ich. Meine Stimme erklang als mattes Krächzen. Ich atmete erneut tief durch die Nase ein. Abgesehen vom Geruch des Jungspunds nahm ich aus dem Raum überwiegend Asche, heißes Metall und Öl wahr, beinah wie in einer Schmiede, nur nicht annähernd so überwältigend oder heiß.

»Du bist in Magus Fronsacs Gemächern. Kannst du den Kopf heben?«

Ich tat es und spürte, wie ein weiteres Kissen unter mein Haupt geschoben wurde.

»Etwas zu trinken«, sagte der Jungspund, und ich spürte, wie eine Tasse an meine Lippen gesetzt wurde. »Langsam.«

Ich öffnete den Mund und trank so gierig, dass ich gar nicht auf den Geschmack achtete. Beinah vermeinte ich zu fühlen, wie mein Zahnfleisch die Flüssigkeit aufsaugte und anschwoll, um die Zähne wieder fester zu verankern, sodass ich kaum etwas davon schlucken musste.

»Mehr.«

»Bald. Ich muss zurück zu meiner Arbeit, aber ich gebe dem Meister Bescheid, dass du wach bist.«

»Etwas hat mich geweckt«, flüsterte ich matt. Ich hatte es beim Erwachen gespürt, allerdings war es bereits verschwunden gewesen, als ich angefangen hatte, mich wegen meiner Augen zu wundern. »Ein stechender Schmerz, als würde ein Messer aus meinem Fleisch gezogen.«

»Du bist unversehrt, Meneer, abgesehen von deinen Augen. Aber darüber wird mein Master selbst mit dir sprechen.«

Ich wollte ihn bedrängen, mir mehr zu erzählen, doch da übermannte mich erneut der Schlaf, und ich hörte und spürte nichts mehr, bis mich Fronsac selbst ungewisse Zeit später weckte.

»Willkommen zurück«, begrüßte er mich, als ich den Kopf dem Klang seiner Stimme zudrehte.

»Was ist passiert?«

»Du, mein Freund. Du hast für ziemlichen Wirbel gesorgt.«

»Du riechst durchdringend nach Magie«, erwiderte ich, und es stimmte. Natürlich hafteten ihm als fähigem und mächtigem Zauberer stets Rückstände seines Handwerks an, doch was ich wahrnahm, war dichter und kräftiger und es war vom bittersüßen Beigeschmack körperlicher Erschöpfung begleitet.

»Ob du’s glaubst oder nicht, der Krieg hat nicht geendet, weil du entschieden hast, ein Nickerchen zu machen«, sagte er.

»Wie enttäuschend«, meinte ich darauf. »Ich hatte beschlossen, mich im penullischen Lager umzusehen. Aber als ich mich dem näherte, ist in der Luft vor mir ein Schutzbann erschienen und zu Splittern explodiert. Das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich von deinem Lehrling versorgt wurde.«

Er brummte, und ich konnte fühlen, wie er mit den Fingern an den Rand des Bettes trommelte. »Welche Farbe hatte der Zauber? Wie hat er ausgesehen?«

»Rot. Wie Glut, wenn man ihr Luft zufächelt.« Ich rief mir den Anblick ins Gedächtnis. »Es waren zwei große, sich kreuzende Runenlinien und mehrere kleinere, die sich an ihnen entlang verästelten. Wie Frost, der sich über Glas ausbreitet, oder wie eine Schneeflocke.«

»Bist du sicher?«

»Es ist eine recht unauslöschliche Erinnerung.«

Wieder spürte ich, wie seine Finger gegen das Bett trommelten. »Der Zauber, auf den du gestoßen bist, nennt sich Kahr-Meshu. Sehr mächtig und sehr schwer aufzuspüren oder aufzuheben.« Er legte die Hand unmittelbar über meinem Hauptherz auf meine Brust. »Eigentlich müsstest du tot sein, mein Freund, nicht nur erblindet.«

»Erblindet?« Ich fasste zu dem Verband an meinem Kopf, doch er schlug meine Hand weg.

»Beruhige dich. Wir wissen noch nicht, ob es dauerhaft ist oder nicht. Bei Gottes Bart, Mann, verstehst du denn nicht? Dieser Bann hätte deinen Verstand in Stücke reißen und dich nicht bloß für eine Woche außer Gefecht setzen sollen.«

»Ich kann mich selbst heilen«, sagte ich und ließ widerwillig die Arme sinken.

»Ich bin sicher, das kannst du. Aber zuerst musst du etwas für mich tun.«

Während er sprach, wurde der von ihm ausgehende Geruch knisternd aufgeladener Luft stärker. Er bündelte seine Magie, und ich spürte, wie dieselben, kraftvollen Zauber erwachten, die ich bei unserer ersten Begegnung wahrgenommen hatte.

»Was hast du vor?« Ich tastete nach meiner Hexenkunst, doch statt der vertrauten Harmonie der Liedlinien fand ich nur eine trostlose, qualvolle Leere in meinem Kopf und den Nachhall stechender Schmerzen in meiner Brust.

»Der Khar-Meshu ist unter anderem durch die darin eingewobene nekromantische Energie so tödlich und schwer zu bezwingen«, erklärte Fronsac. Sein ruhiger Ton verriet nichts von der Anspannung, die er zweifellos empfinden musste. »Es ist eine gierige Energie, die immer zuerst zuschlägt. Sie zerrüttet die eigenen Schutzbanne und verhindert das Wirken weiterer Magie, damit der Kernzauber das Ziel mit voller Wucht treffen kann. Ein wenig so, als risse einem jemand die Rüstung vom Leib, bevor er auf einen einsticht.«

Zwar konnte ich meine Hexenkunst nicht fühlen, aber meine Arme waren frei. Und da seine Hand nach wie vor auf meiner Brust ruhte, befand er sich nah genug, dass ich ihn schlagen oder packen konnte. Schutzbanne hin, Schutzbanne her, mit meiner Hand fest um seine Kehle würde er nicht allzu viel Magisches zustande bringen. Ich verlagerte die Hüften, während ich sprach.

»Faszinierend. Und jetzt sag mir, was du vorhast.«

»Ich will eine beunruhigende Frage beantworten.«

Beim letzten Wort spürte ich, wie sich seine Magie verdichtete und durch seine Hand in meine Brust pulsierte. Der Zauber fühlte sich vertraut an, doch als ich ihn abtasten wollte, verdoppelten sich die dumpfen Schmerzen in meinem Kopf, und ich spürte, wie er mir völlig entglitt. Ich hörte Fronsac flüstern, während er die Magie lenkte.

Ich verrenkte mich und schwang den rechten Arm hoch, um den Zauberer zu ergreifen. Der Arm kam mir schwer vor, als würde er von einem Dutzend Männern zurückgehalten, aber ich begrüßte die Gelegenheit, alles andere von mir zu schieben und mich auf ein Ziel konzentrieren zu können. Ich spürte, wie seine Magie den Halt an mir verlor. Als ich die Hand öffnete, um ihn zu packen, splitterte das Bett unter mir, weil es meinem Gewicht und dem übernatürlichen Druck letztlich nicht mehr standhalten konnte.

Meine Finger schlossen sich um Stoff statt um Fronsacs Hals, doch auch das würde reichen. Wenn es mir gelänge, ihn zu mir zu ziehen, konnten mein Mund und meine Zähne mehr ausrichten, als mir mit den Händen je möglich wäre.

Mir war nicht aufgefallen, dass sein Flüstern verstummt war, bis er die Hand von meiner Brust hob. »Du bist nicht menschlich.«

Ich hielt den Stoff in meiner Faust weiter fest und zwang meine Raubtierzähne zurück in den Kieferknochen, bevor ich dem Zauberer antwortete. »Richtig, bin ich nicht.«

Ich hörte, wie er tief ein- und langsam wieder ausatmete. Vor diesem Augenblick hatte ich mich gefürchtet. Zumindest hatte er mir Sorgen bereitet. Fronsac war der Einzige an Jeans Hof, der mir gefährlich werden konnte. Zugleich jedoch genau der Mensch, dessentwegen ich ursprünglich in die Stadt gekommen war, weil ich ihn sehen wollte. Dass ich es nun nicht konnte, weil ich blind war, empfand ich als Ironie des Schicksals. Ich wartete, während er die Gedanken verarbeitete, die ihm durch den Kopf gingen. Dabei hielt ich mich bereit, ihn zu mir zu ziehen, falls er etwas Besorgniserregenderes als eine Weissagung zu zaubern versuchte.

»Du bist weder ein Dämon noch etwas mit Nekromantie Erschaffenes.«

»Beides stimmt.« Ich ließ seine Robe los und stemmte mich aus den Trümmern des Bettes hoch. Dann hörte ich, wie er sich wieder näherte. Seine Kleidung raschelte, als er sich mir gegenüber hinkauerte. Er berührte den Verband, und ich zuckte zusammen, leistete aber keinen Widerstand, als er an dem Knoten zu arbeiten begann.

»Verrätst du mir, was du bist, wenn ich dich frage?«

»Das hängt davon ab, warum du es wissen willst.« Ich hielt völlig still, als er den Verband von meinem Kopf wickelte.

»Ich denke, du weißt, warum.«

»Tu so, als wüsste ich es nicht.«

Er seufzte. »Wir haben keine Zeit für solche Spiele. Trotz allem mag ich dich aufrichtig, also zwing mich bitte nicht, auf Drohungen und Warnungen zurückzugreifen.« Kurz verstummte er. »Ist dein Name überhaupt Stratus?«

Natürlich hatte er recht. Ich hatte ihm bereits genug vertraut, um ihm mein Wort zu geben, außerdem war ich neugierig, wie er auf die Wahrheit reagieren würde.

»Ich habe viele Namen«, sagte ich. »An vorderster Stelle unter ihnen steht ›Stratus Himmelsfeuer‹. Am Anbeginn der Zeit kannten mich die Menschen als den Todeswind, und als mich Henkman besiegte, hieß man mich den Zerstörer und das Verhängnis von Krandin.«

Fronsac sog hörbar die Luft ein, und seine Hände zogen sich zurück, bevor ich ein Klappern hörte, als er sich auf das kaputte Bett plumpsen ließ. Sein Herzschlag hatte sich beschleunigt, und seine Magie schwoll pulsierend an und ab, als ihm die Kontrolle darüber entglitt.

Ich lächelte, als ich die Hand hob und das weitere Abwickeln des Verbands selbst übernahm.

»Jetzt kennst du meinen Namen«, sagte ich. »Und du wirst mir gleich sagen, dass ich es unmöglich sein kann.«

»Beides stimmt«, pflichtete er mir bei. Seine Stimme glich nur mehr einem brüchigen Schatten ihrer selbst.

Schließlich fiel der Verband von meinem Kopf ab, und ich betastete behutsam meine Augen. Sie waren verquollen, und die Berührung schmerzte, aber sie waren noch vorhanden.

»Du solltest noch nicht versuchen, sie zu öffnen«, riet mir Fronsac, hörte sich dabei jedoch nicht allzu überzeugend an.

Ich schenkte seinen Worten keine Beachtung und zwängte die Lider langsam auf. Das Schwarz wurde von einem satten Rot abgelöst, das nach und nach zu dem vertrauten Orangeton von Lampenlicht verblasste. Erneut versuchte ich, meine Hexenkunst zu entfachen, und wieder vereitelte das dumpfe Pochen in meinem Kopf den Versuch, allerdings fühlte es sich schwächer an als zuvor. Ich blickte dorthin, wo Fronsac saß, und nahm ihn als dunklen, größtenteils verschwommenen Umriss vor dem Licht wahr.

»Wie viele Finger halte ich hoch?«, wollte er wissen.

»Zwölf.«

»Ha.« Ich spürte, wie seine Magie zart wie Nebel in den Bergen über mich strich.

»Du kannst so viele Weissagungen wirken, wie du willst, Zauberer. Ich sage dir die Wahrheit, wie ich es von Anfang an getan habe.«

»Das hast du gespürt?«

Wieder tastete ich nach meiner Hexenkunst, und diesmal fühlte ich etwas anderes. Eine leichte Berührung, als würde der Schmerz meinen Gedankengängen folgen.

»Entfern deinen Zauber«, verlangte ich. Ein Hauch von Zorn färbte meine Stimme. »Sofort.«

»Würdest du …«

»Zweifelst du jetzt auch noch an meinen Worten, nicht nur an meinem Namen? Wenn ich dir Böses wollte, hätte ich dich mit bloßen Händen zermalmen können.«

»Ich wollte dich lediglich fragen, ob du mir erlaubst, noch einmal die Hände auf dich zu legen.«

»Na schön.«

Er beugte sich vor und legte eine Hand auf meinen Kopf. Trotz meiner verschwommenen Sicht konnte ich sehen, dass die Armreifen um sein Handgelenk unter der Macht einer Beschwörung funkelten. Er sprach ein Wort und bewegte die Finger in einem schnellen Muster, dem meine getrübten Augen nicht zu folgen vermochten. Ein kurzer Schmerz durchzuckte meinen Kopf. Kaum hatte ich zusammengezuckt, war er schon wieder verschwunden. Stattdessen spürte ich ein Aufflammen roher Energie, als meine Hexenkunst wie ein Fluss erwachte, der letztlich einen Damm durchbrochen hat.

Erleichtert seufzte ich und verlor keine Zeit: Ich formte die Energie zu einem Heilmuster, das ich an meinen Augen arbeiten ließ.

»Du erholst dich verblüffend schnell.«

»Wie hast du das gemacht? Wie hast du mich davon abgehalten, meine Macht heraufzubeschwören?«

»Das habe ich nicht. Ich habe nur verlangsamt, dass sich der Makel des Khar-Meshu auflöst.«

Allmählich zeichnete sich der Zauberer schärfer in meinem Blickfeld ab. Meine Sicht hatte sich bereits ausreichend gebessert, dass ich beobachten konnte, wie er an einem weiteren Armreif fingerte.

»Verflixt. Ich muss gehen«, kündigte er an. »Die Pflicht ruft. Bitte bleib hier. Wir müssen uns noch unterhalten – ich habe so viele Fragen!« Rasch erhob er sich, hielt jedoch an der Tür noch einmal inne. »Brauchst du irgendetwas?«

»Essen«, antwortete ich. »Und wo ist Tatyana?«

»Ich lasse dir Essen bringen und erkläre dir alles, wenn ich zurück bin«, versprach er. Mein Gehör war scharf genug, um einen Hauch von Falschheit in seinem Ton wahrzunehmen.

Dennoch hielt er Wort, und schon bald traf etwas zu essen ein. Zwar nur Brot und Pökelfleisch, doch ich begrüßte es sehr. Als ich die Mahlzeit verspeist hatte, war die Schwellung um meine Augen zurückgegangen, und ich konnte fast wieder normal sehen. Der Raum, in dem ich mich befand, war eindeutig eine Art Werkstatt und beinahe so überladen wie Fronsacs eigene Gemächer. Als einigermaßen frei erwies sich nur der Bereich, in dem mittlerweile wieder sein Lehrling werkelte, nachdem er mich beim Essen ununterbrochen angestarrt hatte.

Ich fand saubere, passende Kleidung und nahm mein Medaillon an mich. Es lag auf einem Tisch neben einem Pergament, auf dem jemand begonnen hatte, die Runen des Medaillons abzuzeichnen. Ich steckte es ein, und da ich sonst nichts zu tun hatte, beobachtete ich den Lehrling bei der Arbeit.

Er beugte sich über ein kleines, aber dickes Gefäß über einem ebenfalls kleinen, aber äußerst heißen magischen Feuer und leierte einen Sprechgesang vor sich hin, während er winzige Löffel eines Pulvers in das in dem Gefäß geschmolzene Metall leerte. Als er zufrieden war, goss er den leuchtenden Inhalt des Gefäßes mit äußerster Sorgfalt in etwas, das wie ein großer Ziegelstein aussah. Dann setzte er sich heftig schwitzend zurück, und sein Sprechgesang klang langsam aus.

Höflich, wie ich bin, wartete ich, bis der letzte Ton verklungen war und sich der Junge das Gesicht gewaschen hatte, bevor ich mich danach erkundigte, was er tat. Zur Antwort öffnete er den Deckel einer nahen Kiste und reichte mir ein zierlich anmutendes Amulett aus Metall. Es handelte sich um eine dünnere Ausgabe des Symbols eines Auges in einem Dreieck, das ich die Soldaten hatte tragen sehen. Ich sandte eine kleine Prise Hexenkunst hinein und starrte es verblüfft an, als das Metall grün zu pulsieren begann.

»Faszinierend«, sagte ich zu dem Lehrling. »Ich habe es kaum mit etwas ungeformter Energie berührt. Warum ist es so grün geworden?«

»Nach der Behandlung reagiert das Metall auf Magie. Dann ist es empfänglicher und einfacher zu verzaubern.«

»Faszinierend.« Ich drehte das Amulett in den Fingern, versah es mit einem weiteren Hauch von Energie und beobachtete, wie es sich vergrößerte. Es handelte sich um sprödes Metall. Ich hätte es mühelos brechen können, doch sobald die Hexenkunst es berührte, schien es anzuschwellen wie ein trockenes Tuch, das Wasser aufsaugt. Sobald ich keine Energie mehr zuführte, verflüchtigten sich die Schwellung und das Leuchten langsam wieder.

»Wie verhindert man, dass die Magie daraus abfließt? Gibt es dafür noch mehr Alchemie?«

»Nein«, entgegnete der Junge und deutete auf seine Werkbank. »Das ist die gesamte Alchemie. Weißt du, dafür bin ich allein zuständig.«

»Eine große Verantwortung.«

Er nickte. »So ist es. Die Zauber selbst werden von Balars Mannschaft gewirkt, und er versiegelt sie.«

»Wie versiegelt er sie?«

»Äh … Da bin ich mir nicht sicher.« Er deutete zur Werkbank. »Ich bin mehr Alchemist als Zauberer.«

»Ein Alchemist.« Ich sah mich erneut um. Diesmal achtete ich genauer auf die Gläser und sonstigen Gefäße in den Regalen. »Sag, mein Freund, hast du Stinkstein oder Leuchtstein da?«

»Was?«

»Stinkstein. Außen schwarz, aber innen sieht er wie feiner Käse aus und riecht wie etwas, das vor einer Woche verendet ist.«

Während er darüber nachdachte, rieb er sich das Kinn und verschmierte den Ruß daran zu verlaufenden Schlieren. »Das könnte Feuerstein sein. Davon haben wir ein bisschen da, allerdings ist er ziemlich teuer. Muss den ganzen Weg aus Gadri hergekarrt werden. Aber von Leuchtstein hab ich noch nie gehört.«

»Das ist ein gelb-grauer Stein, oft blatternnarbig oder vielschichtig, wenn man ihn aufbricht. Wenn man ihn abschleift, beginnt er manchmal zu leuchten.«

»Kann nicht behaupten, so was zu kennen. Aber in den beiden Truhen dort drüben habe ich ein paar ungekennzeichnete Proben. Da kannst du gerne reinschauen.«

»Danke.«

Erst konnte ich spüren, wie er mich beobachtete. Doch schon bald wurde es ihm zu langweilig, und er kehrte zu seiner Arbeit zurück, während ich die Truhen durchforstete und nach den Mineralien suchte, die mein Körper verlangte.

KAPITEL SECHS

»Es war ihre Entscheidung. Mittlerweile solltest du wissen, dass es schwierig ist, Nein zu ihr zu sagen.«

Ich trank einen weiteren Schluck des Weins, den Fronsac eingeschenkt hatte, schmeckte ihn jedoch nicht. Wie sich herausstellte, hatte mich der Schlag durch die Schutzbanne fünf volle Tage außer Gefecht gesetzt. Das war zwar nichts im Vergleich zu den Monaten und Jahreszeiten, die ich einst durchgeschlafen hatte, aber wie der Zauberer schon gesagt hatte: Weder die Welt noch der Krieg hatten innegehalten, nur weil ich es getan hatte.

Während ich besinnungslos gewesen war, hatte der Rest von Novstans Armee zur Vorhut aufgeschlossen und seine Lager aufgeschlagen. Mittlerweile war die Stadt so gut wie völlig umstellt. Das war zu erwarten gewesen – nicht hingegen die Neuigkeit, dass Lucien und sein Kontingent von Paladinen nicht zu ihrem Treffen mit Baron Karsten erschienen waren. Letzterem hatte stattdessen penullische Reiterei aufgelauert, und er war mit weniger als der Hälfte seiner Männer entkommen.

Als Tatyana die Neuigkeit zu Ohren kam, hatte sie Jean bedrängt, sie aufbrechen zu lassen. Ich glaubte Fronsac, als er sagte, er hätte alles in seiner Macht Stehende versucht, um sie zum Warten zu überreden. Aber da man davon ausgehen musste, dass ich entweder starb oder zumindest wochenlang nicht erwachen würde, ließ sie es sich nicht ausreden.

Ich stellte das inzwischen leere Glas ab. »Ich verstehe. Es hätte mich wohl eher überrascht, wenn sie geblieben wäre.«

»Mich auch. Ich bin mir nicht sicher, ob sie ihr Gelübde so ernst nimmt oder einfach nur zu stur ist, um es sich anders zu überlegen.«

»Ich glaube, es liegt an beidem«, erwiderte ich und brachte ihn damit zum Lachen. Einen Moment lang beobachtete ich ihn. Schließlich forderte ich ihn auf: »Frag.«

»Was soll ich fragen?«

»Was dir auf der Zunge liegt. Du hast deinen Wein kaum gekostet, und ich bin mir ziemlich sicher, wenn du noch einmal an dem Ring da drehst, löst sich dein Finger von der Hand.«

Er lachte und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. So blind ich für die Geheimsprache der menschlichen Gesichtsausdrücke auch sein mochte – Fronsacs Anspannung drängte sich mir förmlich auf.

»Ich habe so viele Fragen.« Er beugte sich vor. Plötzlich wurde seine Neugier so ausgeprägt, dass ich sie in der Aura der Magie schmecken konnte, die er ausstrahlte. »Und ich würde sie alle stellen, wenn wir die Zeit dafür hätten. Aber da uns das Morgengrauen entgegenrast, beantworte mir nur diese eine: Warum bist du hier?«

Ich schenkte mein Glas wieder voll und ging zum Fenster. Wir befanden uns in seinen persönlichen Gemächern, nachdem wir uns den Weg durch selten genutzte Gänge des Palastes gebahnt hatten. Unterwegs hatte mich ein Mantel mit Kapuze vor den Blicken zufälliger Beobachter verborgen. Hier gefiel es mir besser. Fronsacs Schutzzauber wehrten den fremdartigen Druck der dunklen Magie ab, die sich um die Mauern der Stadt sammelte, und die Fenster waren groß, unvergittert und offen. Sie wiesen auf den Westen der Stadt. Der Hügel, auf dem der Palast stand, bot eine Aussicht auf die Straßen, wo nur wenige Lampen gegen die bedrohliche Dunkelheit der widernatürlichen Wolken ankämpften. Ihre durchgehende Schwärze wurde nur gelegentlich von Blitzen grünen Lichts durchbrochen, als würde sich irgendein schauerliches Wesen durch sie bewegen.

»Navar Louw«, sagte ich und lehnte mich an den Rahmen. »Euer Herr der Würmer. Ich habe diese Gestalt gewählt, um ihm zu entkommen. Es war eine Verzweiflungstat, aber die einzige Möglichkeit, die ich sah.«

»Hättest du nicht wegfliegen können?«

Von seinem Platz aus konnte er sehen, wie ich das Gesicht zu einer Grimasse verzog. »Nein. Kurz nachdem ich unter sein Joch geriet, hat er mir die Flügel gestutzt.« Ich schluckte, als sich meine Kehle unerwartet wie zugeschnürt anfühlte, denn ich hatte bisher versucht, möglichst nicht an jene Tage zurückzudenken.

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