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Blutfeinde

Kjell Ola Dahl

Blutfeinde

Kriminalroman

Übersetzung aus dem Norwegischen
von Kerstin Hartmann

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Er lag auf dem Rücken, die Beine gespreizt, die Arme zur Seite ausgestreckt. Er trug hellbraune Schnürschuhe, helle Jeans und ein dunkles Jackett über einem blau-weiß gestreiften Hemd. Der eine Arm lag bis zur Schulter hinter der Bank, die zwischen zwei Granitblöcken am Straßenrand stand. Die Finger der anderen Hand waren gespreizt, als hätten sie nach etwas gesucht, woran sie sich festhalten konnten. Der Sekundenzeiger der Armbanduhr schlug wie ein winziger Hammer. Die Uhr zeigte sieben Minuten nach drei.

Gunnarstranda hob den Kopf und sah zu den Häuserwänden um den Grønland Torg hinauf. Hinter einigen Fenstern brannte Licht. Hier und da konnte er blasse, neugierige Gesichter zu ihnen hinunterschauen sehen.

Die Scheinwerfer warfen ein grelles, gleißendes Licht auf den Asphalt und das Kopfsteinpflaster. Das Absperrband flatterte, als eine Windbö über den Platz strich. Hinter der Absperrung hatten sich Schaulustige versammelt. Die meisten waren uniformierte Polizisten.

Eine Gestalt in einem weißen Overall stocherte am Stamm eines der Bäume herum, die die Straße säumten. Es war eine Frau. Plötzlich drehte sie sich um. »Seht mal!« Sie zeigte ihren Fund mit einer kleinen Zange. Es war ein Stück Metall. Die Frau drehte die Zange und schaute sich das Fundstück genau an.

Gunnarstranda begutachtete den Winkel des Lochs in der Baumrinde und schaute zur Bank hinüber. Als er Schritte hörte, stand er auf. Aus dem blendenden Scheinwerferlicht trat Schwenke, der Gerichtsmediziner. Er zog Plastikhandschuhe an, beugte sich über die Leiche und öffnete einen Knopf des Hemdes, das an dem toten Körper klebte. »Eine einzige Wunde«, stellte er fest.

Sie drehten den Toten auf die Seite. Schwenke zog die Jacke und das Hemd auf dem Rücken der Leiche nach oben. Er strich mit dem Finger über die Austrittswunde, stand dann auf und rollte sich die Handschuhe wieder herunter. »Sündige Sommernacht, was Gunnarstranda? Oder hast du etwa im Bett gelegen und geschlafen, als der Anruf kam?«

Der Kommissar sah starr auf die Leiche hinunter. »Irgendwann müssen wir uns mal über meine Alpträume unterhalten. Sie verändern ihren Charakter.«

»Du weißt, wer das ist?«

Gunnarstranda nickte. »Ivar Killi. Polizeibeamter.« Er wies mit ausgestrecktem Arm auf die Polizisten, die sich auf dem Bürgersteig hinter der Absperrung versammelt hatten. »Hast du dich nicht gefragt, warum alle Bullen der Stadt jetzt hierhertraben?«

Der Gerichtsmediziner sah sich erneut um, dann wanderte sein Blick zu dem Toten. »War er im Dienst?«

Gunnarstranda zog eine Zigarette aus der Tasche. »Findest du, dass das eine Rolle spielt?« Die Selbstgedrehte hatte sich in seiner Tasche wie eine Banane verbogen, und die Flamme des Feuerzeugs erhellte sein mageres Gesicht, sodass es für ein paar Sekunden an einen Totenschädel erinnerte. Er hustete.

»Nun hör doch endlich mit dem Rauchen auf«, zischte der Gerichtsmediziner angewidert, »du klingst wie ein Esel mit Asthma.«

Gunnarstranda starrte abwesend auf den Toten hinunter. »Killi war Nichtraucher«, sagte er und blickte auf. Emil Yttergjerde stieg über die Absperrung und kam zögernd auf sie zu. Yttergjerde wirkte blass und betreten. »Petter Bull war zuerst da«, sagte er und fügte hinzu: »Aber es werden immer mehr. Die Nachricht verbreitet sich schnell. Die Leute können es einfach nicht begreifen.«

Gunnarstranda inhalierte und piepste atemlos. »Wir haben gerade überlegt, ob Killi im Einsatz war.«

Yttergjerde antwortete nicht sofort. Als er sprach, klang seine Stimme leise und kühl. »Ivar war seit vier Wochen krankgeschrieben«, sagte er. »Und wenn das jemand ganz genau wissen sollte, dann ja wohl du!«

Schwenke zog beim letzten Satz beide Augenbrauen hoch. Er sah von einem Polizisten zum anderen.

Das grelle Licht wurde von der Rauchwolke reflektiert, die Gunnarstrandas Gesicht umhüllte. »Wo ist Bull?«, fragte er tonlos.

Yttergjerde zeigte auf den Streifenwagen. »Im Wagen. Petter muss sich erst mal beruhigen.«

»Und die Bedienung, die Alarm geschlagen hat?«

»Wartet drinnen.«

»Gehst du?«

Yttergjerde drehte sich ohne ein Wort um und entfernte sich mit schnellen Schritten.

Gunnarstranda und Schwenke blieben schweigend zurück und sahen zu, wie er über die Absperrung stieg, sich einen Weg durch die Menge bahnte, die Straße überquerte und schließlich im Eingang des Lokals Asylet verschwand – einem gelben Fachwerkhaus zwischen den Geschäften Kamal Fashion und Barnevognhuset.

Schwenke räusperte sich. »Was läuft jetzt?«

»Ein paar von uns fahren herum und suchen nach drei Pakistanis. Frag mich nicht, warum. Ich hoffe, diese Frau kann mir das beantworten.«

Eine Frau in Jeans und Pulli trat aus der Tür.

»Wo sind deine Kumpels?«, fragte Schwenke.

»Frølich hat einen neuen Job.«

»Gekündigt?«

»Es war eine Stelle ausgeschrieben. Abteilung Vermisste. Er fahndet nach Leuten, die verschwunden sind.«

Schwenke wies mit dem Kopf zum Eingang des Asylet. »Ist das nicht die Kneipe, wo ihr Polizisten euer Freitagabendpils trinkt?«

»Einige tun das, ich nicht.«

»Ich meine, wenn das hier an einem Freitag passiert wäre, dann –«

»Es ist nicht an einem Freitag passiert.« Gunnarstranda drückte die Zigarettenkippe in einer Streichholzschachtel aus, die er in die Tasche steckte, als die Frau näher trat.  

Sie gaben sich die Hand.

Gunnarstranda nickte zum Toten hinüber und fragte: »Haben Sie diesen Mann schon mal gesehen?«

Sie zögerte.

»Sie haben ihn schon einmal gesehen?«

»In letzter Zeit nicht, aber er war schon mal da. Es kommen viele Polizisten.«

»Sie wissen, dass er Polizist war?«

Sie nickte.

»Haben Sie ihn gekannt?«

»Keine Ahnung, wie er heißt, aber ich habe ihn zusammen mit den anderen Polizisten gesehen, als Gast. Vielleicht kannte ihn jemand von den anderen Kellnern, ich weiß nicht.« Sie erschauderte. »Ist schon etwas unangenehm, jetzt hier so über den Mann zu reden.«

Gunnarstranda zog sie zur Seite. Sie gingen ein paar Schritte weg von Schwenke, der sich wieder über den Toten beugte.

»Sie haben uns angerufen?«

»Ja.«

»Nachdem der Schuss gefallen war?«

Die Frau atmete tief. »Es hat drinnen angefangen. So um halb eins. Ein Gast wollte nicht auf mich hören.« Sie wies mit dem Kopf in Richtung Asylet. »Wir wollten zumachen. Wir schließen um eins. Fast alle waren draußen. Dieser Typ wollte ein Bier. Ich habe es ihm verweigert, aber er wollte nicht gehen, also musste ich laut werden, hab ihm gesagt, er soll sich verpissen. Da hat er ein Glas nach mir geworfen und geschrien, er würde mich umbringen.«

»Wo war der Türsteher?«

»Wir haben keinen.«

Gunnarstranda zog die Augenbrauen hoch.

»Wir brauchen keinen. Gibt fast nie Ärger bei uns. Wir schließen früh, und, wissen Sie, bei so vielen Polizisten unter den Gästen …«

»Was ist passiert, nachdem er das Glas geworfen hat?«

»Er ist abgehauen, und ich bin hinterher.«

»Sie? Hinter dem Gast hergelaufen?«

»Ja. Dachte mir, das wär das Beste. Wenn die Polizei ihn gekriegt hätte, hätten sie ihn eingesperrt und so weiter, also hab ich versucht, das allein zu regeln. Ich bin hinterhergelaufen.«

»Hinter einem Gast? Und er war – Pakistani?«

»Keine Ahnung. Sah eigentlich eher arabisch aus.«

Gunnarstranda verschränkte die Hände hinter dem Rücken und überlegte, was er von diesem Anfang halten sollte.

Die Frau fuhr fort: »Er sprach fehlerfrei Norwegisch, aber, wie gesagt, sah ziemlich ausländisch aus. Es war eigentlich komisch. Wir sind hintereinander her über den Markt gerannt, und er blieb ungefähr am U-Bahn-Eingang da hinten stehen.« Sie zeigte in die Richtung.

Gunnarstranda drehte sich um und betrachtete den leeren Eingang. »Ja? Und dann?«

»Er schrie und tobte, fuck you, fuck you. I kill you, Scheißrassistin –«

»Wurde er tätlich, hat er versucht, Sie zu schlagen?«

»Nein. Aber er war mir schon nicht so ganz geheuer, also bin ich stehen geblieben. Es waren wohl so zwanzig, fünfundzwanzig Meter zwischen uns. Ich hab ihm gesagt, er soll nach Hause fahren und schlafen gehen. Ich hab gesagt: ›Es sind immer viele Polizisten im Asylet. Vielleicht sind noch nicht alle nach Hause gegangen. Du kannst mich um Entschuldigung bitten, dann vergessen wir das Ganze, damit du beim nächsten Mal auch reinkommst. Verstehst du, du musst dich bei uns ordentlich benehmen.‹«

»Zwanzig Meter? Sie standen ungefähr …« Gunnarstranda ging ein paar Schritte in Richtung U-Bahn-Eingang. »Sie standen ungefähr hier?«

Sie nickte.

»Haben Sie jemanden gesehen, der auf dieser Bank saß oder in der Nähe stand?«

Sie zögerte. »Nein, ich hab mich völlig auf den Typen am U-Bahn-Eingang konzentriert.«

»Wo ist er hin?«

»Ich dachte, er hätte die Botschaft verstanden, also hab ich mich umgedreht und bin zurückgegangen. Als ich gerade über die Straße gehen wollte, hielt ein Auto am Taxistand, ein Audi –«

»Standen keine Taxis da?«

»Nein.«

»Okay«, nickte Gunnarstranda, »also ein Auto hielt an …«

»Ziemlich große Karre, und ganz neu. Ich versteh nicht viel von Autos, aber ich habe die olympischen Ringe vorne drauf gesehen. Also ein Audi. Zwei Männer sprangen raus. Und mit dem Schreihals da waren es dann drei. Alle hatten Schlagstöcke dabei. Ich rief sofort die Polizei an. Vom Handy.«

Gunnarstranda nickte beruhigt. »Drei Leute«, murmelte er. »Und seine beiden Freunde? Sahen die auch aus wie ausländische Norweger?«

»Pakistanis, würde ich tippen.«

Gunnarstranda sagte: »Das war gleich danach?«

Sie nickte.

»Gegen halb eins?«

»Vielleicht war es auch zehn nach halb oder Viertel vor.«

»Und was ist dann passiert?«

»Ich bin stehen geblieben. Dachte, die würden auf mich losgehen, wissen Sie, Rache oder so was. Aber die haben mich total ignoriert. Sie sind zum Eingang vom Asylet gegangen. Vielleicht haben sie mich auch nicht gesehen, keine Ahnung. Es waren noch nicht alle Gäste gegangen, ein paar kamen nämlich gerade raus, und vor der Tür standen welche und haben geraucht und geredet. Ein paar Gäste haben sich dann irgendwie eingemischt und gelacht, wissen Sie; wohl um die Gemüter zu beruhigen, haben sie gesagt, ist ja gut, das Leben ist doch schön, oder so was. Und einer von diesen Gästen bekam einen Schlagstock auf den Arm, und er schrie, sein Arm wäre gebrochen. Und dann haben die anderen reagiert. Es wurde eine richtige Prügelei. Und ich hab versucht, sie wieder zu beruhigen.«

»Wie viel Zeit war da vergangen, seit der Wagen am Bürgersteig gehalten hatte?«

»Es ging alles ganz schnell. Höchstens ein paar Minuten.«

»Und wie ging es weiter?«

»Es gab das totale Chaos. Die letzten Gäste hörten drinnen im Hof den Krach und liefen alle auf die Straße. Besoffene, aufgebrachte Leute, aber ich sah keinen einzigen Polizisten. Die drei Typen haben die Leute mit Schlagstöcken gejagt –«

»Moment mal«, sagte Gunnarstranda, »Sie sagen die ganze Zeit Schlagstöcke. Haben Sie gesehen, ob jemand von den dreien eine Schusswaffe dabeihatte?«

»Nein. Aber es war dunkel, man konnte überhaupt nichts sehen, nur Leute, die über die Straße liefen, und man hörte berstendes Glas und Geheul und Geschrei. Dann knallte es. Peng. Ein Schuss. Das war ganz deutlich. Da brach dann die totale Panik aus. Die Leute rannten hin und her. Und ich hab überhaupt nichts mehr begriffen. Aber dann hab ich gehört, wie eine Frau rief, jemand sollte den Notarzt rufen.«

»Das war die, die den Toten gefunden hat?«

»Ich habe nicht gesehen, was passiert ist. Ich hatte nur eins im Kopf, nämlich ob jemand verletzt war, und bin in die Richtung gelaufen.«

»Haben Sie gesehen, wer geschossen hat?«

»Nein. Hab auch keine Waffe gesehen, nur Schatten im Dunklen.«

»Wissen Sie, wer gerufen hat?«

»Nein. Als ich hier ankam und einen Mann am Boden liegen sah, war niemand mehr auf dem Platz. Er lag da und war tot. Ganz weiß.«

»Sie haben gesagt, einer der Gäste hätte sich offenbar den Arm gebrochen. Und was hat er dann gemacht?«

»Die Leute sind verschwunden. Hier und da stand noch jemand rum, aber sie haben gesagt, sie hätten nichts gesehen, also weiß ich auch nicht mehr.«

»Dieser Mann, hinter dem Sie hergelaufen sind – Sie sagen, er wollte ein Bier. Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, ob er sich schon vorher aggressiv verhalten hat?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte den Mann noch nie gesehen, bis er plötzlich an der Theke stand und ein Bier wollte. Ich glaube, er war gerade erst reingekommen.«

»Wie sah er aus?«

»Um die dreißig, rasierter Kopf, mit einer Tätowierung, die ein bisschen den Hals rauf zu sehen war. Er trug einen weißen Pulli, der wohl das meiste von dem Motiv verdeckt hat.«

»Kräftig?«

»Nicht besonders groß, vielleicht einssiebzig, schlank, aber nicht dünn. Muskeln. Trainiert bestimmt öfter. Seine Bewegungen waren ziemlich abrupt, wie bei vielen unruhigen Männern.«

»War er allein, als er am Tresen stand und Bier wollte?«

Sie runzelte nachdenklich die Stirn. »Kann sein, dass er mit einer Frau zusammen war. Da stand eine Frau, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie zusammen waren. Vielleicht war sie nur ein Gast, der gerade gehen wollte.«

»Sie wissen nicht, wer diese Frau war?«

»Keinen Schimmer.«

»Noch nie gesehen?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Können Sie sie beschreiben?«

»Jung, recht hübsch, hab sie nur aus dem Augenwinkel gesehen, als ich losgerannt bin.«

»Blond? Dunkel?«

»Rothaarig. Gefärbt, so schreiend rot, daran erinnere ich mich.«

»Mit Rock? Oder Hose?«

»Kurzer Rock, glaube ich. Oder – eigentlich erinnere ich mich nur an die roten Haare.«

»Sie sagen, dass der Tote kein Stammgast war. Sind Sie ganz sicher?«

Sie nickte. »Ich kenne die Gesichter von den meisten Polizisten, und die sitzen in der Regel zusammen. Aber wir hatten ja schon zu. Ich war allein und wollte zumachen. Der Laden war fast leer, als der Typ das Bier bestellt hat.«

»Waren gestern Abend denn Polizisten da?«

»Früher am Abend, ja.«

»Haben Sie den Toten bemerkt, als der Krach losging?«

Sie schüttelte wieder den Kopf. »Nein. Es war das totale Chaos und dann knallte der Schuss. Es kann ja sein, dass er da einfach schon vorher auf der Bank gesessen hat, als die Schlägerei losging. Aber auch wenn er da gesessen hätte, weiß ich nicht, ob ich ihn im Dunkeln gesehen hätte.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich hab die Bank überhaupt nicht gesehen.«

Gunnarstranda nickte schwerfällig. Es wurde langsam Tag. Hinter den Wohnblocks, die um den Platz herum aufragten, färbte sich der Himmel lila. Die Blocks erinnerten ihn an Theaterkulissen. Er sagte: »Kommen Sie bitte ins Präsidium, um das Vernehmungsprotokoll zu unterschreiben, irgendwann heute oder morgen.«

Knappe zwei Stunden später erklärte er den Kollegen auf dem Präsidium die Lage. Der Raum war brechend voll. Viele hatten Ivar Killi gekannt. Einige hatten mit ihm zusammengearbeitet, mit ihm trainiert, waren mit ihm auf der Polizeischule oder einfach so ab und zu mit ihm unterwegs gewesen. Viele waren einfach nur wegen des Schocks gekommen. Das Schlimmste, was in diesem Job passieren konnte, war passiert. Ein Kollege war erschossen worden.

Abteilungsleiter Rindal war kurz erschienen und dann wieder gegangen. Er hatte sein Beileid ausgesprochen und gesagt, es würden Gesprächsgruppen eingerichtet, sodass alle kommen und über die Sache sprechen könnten. Aber nun wollte er den Ermittlungen nicht weiter im Wege stehen. Damit hatte er das Wort an Gunnarstranda übergeben und sich zurückgezogen.

Die Stimmung war geladen. Reihenweise verweinte, stumme Gesichter. Augen, die dem Kontakt mit anderen Augen auswichen. Lena Stigersand zerknüllte ein Taschentuch in der Hand. Sie war nicht die Einzige. Alle waren erschüttert.

Gunnarstranda betrachtete seine Kaffeetasse, während er sprach. »Wir haben eine Personenbeschreibung der drei rausgeschickt, die die Schlägerei angezettelt haben. Wir haben wenig in der Hand, aber – alle Männer, die draußen rumlaufen, müssen sich ausweisen, und alle alten Bekannten, auf die die Kollegen heute Nacht stoßen, werden nach Waffen durchsucht.«

Stille breitete sich im Raum aus.

Gunnarstranda räusperte sich und fuhr fort: »Obwohl unsere Chancen, die Mordwaffe zu finden, wahrscheinlich minimal sind. Aber es hat schon Beschlagnahmungen gegeben, diverse Messer und eine abgesägte Schrotflinte.«

Das Schweigen der Anwesenden war voll knisternder Feindseligkeit. Gunnarstranda ließ sich nichts anmerken. Hier ging es um den Mord an Killi. Nicht um ihn selbst.

Dennoch erklärte Gunnarstranda, er habe Killi zwar nicht persönlich gekannt, fühle aber mit all denen, die einen Freund verloren hätten.

Dann schwieg er. Niemand sagte etwas.

Gunnarstranda wusste, vielen Kollegen passte es nicht, dass er die Ermittlungen leitete. Aber das war nicht seine Schuld. Und was erwarteten sie eigentlich? Sollte er zurücktreten?

Er ergriff wieder das Wort. Informierte die Anwesenden, dass Ivar Killi seit fast vier Wochen krankgeschrieben gewesen war. Inwieweit der Mord etwas mit seiner Arbeit als Polizist zu tun habe, dazu könne man jetzt noch nichts sagen. Das Asylet sei in der Stadt allgemein als ein Lokal bekannt, in dem viele Polizisten freitags ihr Feierabendbier tranken. Gestern, am Samstag, seien nur wenige Polizisten da gewesen. Die Kellnerin, die dem Unruhestifter hinterhergelaufen war, meine, Killi sei an dem Abend nicht im Asylet gewesen. Höchstwahrscheinlich habe er sich draußen auf dem Platz befunden, als die Schlägerei begann. Außerdem sei zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht auszuschließen, dass Killi eine engere Beziehung zum Täter gehabt hatte. Es sei zu früh, um überhaupt irgendetwas auszuschließen, solange es keine Tatzeugen gab – und man noch keinen Überblick über den tatsächlichen Ablauf hatte. Deshalb stünde jetzt an oberster Stelle, sich diesen Überblick zu verschaffen. Sie müssten in Grønland von Tür zu Tür gehen, um Zeugen für die Schlägerei, die Schussszene und den Mord zu finden.

»Kollegen, die eventuell am Samstagabend im Asylet gewesen sind, müssen sich melden, sodass wir hundertprozentig abklären können, ob Killi dort war oder nicht. Außerdem bitten wir die Pressestelle, die übliche Pressemeldung rauszuschicken, mit der Aufforderung an eventuelle Zeugen, sich bei uns zu melden.«

Erneut breitete sich Stille aus, nur unterbrochen von einem zischenden Laut, als jemand eine Colaflasche öffnete.

Gunnarstranda fuhr fort: »Hier ist die Hölle los, wenn die Presse erfährt, dass Killi einer von uns war, egal, ob krankgeschrieben oder nicht.« Er räusperte sich und wiederholte, was der Abteilungsleiter schon ausgeführt hatte: »Jeglicher Kontakt mit den Medien muss also über die Pressestelle laufen.«

Die Tür ging auf. Alle Blicke richteten sich auf die Wachhabende Ingrid Kobro, die in der Türöffnung erschien. Sie war ebenso betroffen wie die anderen und sprach mit leiser Stimme:

»Habe gerade eine Meldung aus Halden reingekriegt. Sie haben auf der E6 einen Wagen gestoppt, der zu schnell fuhr – drei junge Männer in einem Lexus mit Osloer Kennzeichen.« Sie warf einen kurzen Blick auf das Fax. Ihre Hand und das Papier zitterten leicht. »Offensichtlich gehören alle drei zur Kategorie Unsere neuen Landsleute

Die Wachhabende sah Gunnarstranda an, während sie sprach, und sparte sich weitere Erklärungen.

Er fragte: »Norwegische Staatsbürger?«

Ingrid Kobro nickte. »Nach eigener Aussage, ja.« Sie sah wieder auf das Fax und las vor: »Khan, Fares und Sharif. Geben an, sie seien Sozialhilfeempfänger – fahren aber einen Lexus – und auch nicht gerade das billigste Modell, soviel ich verstanden habe.« Sie hielt inne.

»Welcher Fares?«

Emil Yttergjerde hatte die Frage gestellt. Aber mehrere andere teilten sein Interesse. Es wurde gemurmelt.  

Kobro sah auf das Fax. »Darak Fares.«

Das Gemurmel wurde lauter. Der Name war bekannt.

Kobro hob die Stimme: »Keine Waffen beschlagnahmt, keine Drogen, die Frage ist nur, wie wir darauf reagieren sollen.«

»Wem gehört der Wagen?«

Diesmal war es Petter Bull, der durch das Stimmengewirr gerufen hatte. Alle drehten sich zu ihm um. Bulls Gesichtsausdruck war hitzig, fast fiebrig.

Die Wachhabende zuckte mit den Schultern. »Der Wagen wurde von einer Firma geleast: Fixit Kfz-Werkstatt

Noch ein bekannter Name. Es schien, als würde ein Damm brechen. Alle redeten durcheinander.

Gunnarstranda ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Er verstand die plötzliche Aufregung, aber er teilte sie nicht. Als Gunnarstranda Kobros Blick spürte, sah er auf. Sie sahen sich an.

Das Gerede verstummte.

Kobro fragte: »Soll ich darum bitten, dass sie die drei hierhertransportieren, damit sie bei uns verhört werden können?«

Gunnarstranda schüttelte den Kopf. »Warum? Die Polizei in Halden hat gegen den Fahrer des Wagens etwas in der Hand. Außerdem können sie die drei auch dort fragen, wo sie heute Nacht zwischen Mitternacht und ein Uhr gewesen sind.«

»So ein Quatsch!« Es war Yttergjerde, der die Stille brach, und er sprach im Namen von vielen: »Alle hier wissen, dass diese Autowerkstatt reine Fassade ist. Wir haben drei Schwerstkriminelle, auf der Flucht nach Schweden, kurz nachdem jemand unseren Kollegen erschossen hat. Was sagt uns das?«

Gunnarstranda schwieg. Er nippte an seinem Kaffee, der kalt geworden war und fürchterlich schmeckte.

Die Stimmung im Raum war immer noch geladen. Gunnarstranda nahm wahr, dass die Leute ihn unverwandt anstarrten. Er begegnete wieder Kobros Blick. Sie fragte:

»Und was jetzt?«

Eine Stimme aus dem Raum rief hitzig: »Was für eine Frage! Darak Fares ist ein verdammter Krimineller.«

Es wurde für ein paar Sekunden still.

»Er ist dem Typen nicht unähnlich, den das Bierfräulein beschreibt«, sagte Lena Stigersand. »Er ist ungefähr dreißig, trägt den Schädel glatt rasiert und hat eine Tätowierung.«

»Rasierte Schädel und Tätowierungen gibt es bei Dreißigjährigen ungefähr so häufig wie zehn Zehen bei Neugeborenen«, sagte Gunnarstranda trocken.

»Diese Werkstatt hat nie ein Auto repariert«, sagte Emil Yttergjerde. »Alle, die da arbeiten, sind entweder arbeitsunfähig oder dauerkrank geschrieben. Da ist es doch wohl keine Frage, was mit den drei Jungs in dem Wagen passiert.«

Gunnarstranda sah ihn scharf an. »Was stellst du dir eigentlich vor? Willst du dein Pferd satteln, ein Lasso mitnehmen und Ku Klux Klan spielen? Der Fahrer des Wagens ist zu schnell gefahren. Der Fall untersteht der Poli-zei in Halden. Darüber hinaus müssen die drei aussagen, wo sie sich befanden, als Killi erschossen wurde. Wir brauchen unsere kostbare Zeit nicht mit so was zu verschwenden.«

Es wurde wieder gemurmelt.

»Keine Zeit verschwenden? Hältst du es für Zeitverschwendung, die Typen zu verhören, die Ivar auf dem Gewissen haben?«

Gunnarstranda frage sich, was eigentlich mit den Leuten los war. Er betrachtete Petter Bull über den Rand seiner Brille hinweg und sagte: »Du und ich und alle hier wissen, dass diese drei Typen eine klare Strategie verfolgen werden, und zwar die Schnauze zu halten. Was wir brauchen, sind Leute, die uns erzählen können, was passiert ist, als der Schuss fiel.«

»Und das sagst du, obwohl drei Männer schon gefasst sind?«

Gunnarstranda schüttelte den Kopf und sagte: »Der Täter ist also schon gefasst? Ohne dass wir wissen, wer geschossen hat und mit welcher Waffe? Diese Jungs fuhren einen Lexus. Wir suchen drei Männer in einem Audi. Die einzige Übereinstimmung ist bis jetzt die Zahl drei und die Tätowierung. Hier geht es darum, Ressourcen zu verteilen und das Richtige zu tun –«

»Das Richtige zu tun? Und das sagst ausgerechnet du?«

Die Worte kamen von Lena Stigersand. Sie schlugen wie ein Blitz ein. Es wurde vollkommen still.

Gunnarstranda drehte den Kopf in ihre Richtung. Diese dumme Diskussion über die Methodenwahl war eigentlich ein Meinungsaustausch über ihn gewesen. Naiverweise hatte er das nicht sofort begriffen, sondern angebissen. Er wurde langsam alt.

Sein Blick wanderte durch den Raum. Obwohl Lena Stigersand die Katze aus dem Sack gelassen hatte, war deutlich, dass alle ihre Verachtung und Wut teilten. Die Missstimmung war massiv zu spüren.

Schließlich setzte die Wachhabende Ingrid Kobro einen Punkt. Sie nickte Gunnarstranda nachdrücklich zu. Er stand auf und ging zu ihr auf den Flur. Sie schloss die Tür, betrachtete ihn ausdruckslos und flüsterte: »Das ist ja, wie über ein Minenfeld zu laufen. Hab so was noch nie erlebt.«

Gunnarstranda sagte: »Es gibt mindestens fünfzig Wohnungen mit Blick auf den Tatort. Smalgangen, Grønlandsleiret, Tøyenbekken, Tøyengate und Motzfeldts Gate, überall wohnen Leute. Es wird einige geben, die auf ihrer Terrasse gesessen und in der Sommerhitze einen Weißwein getrunken haben. Einige der Nachbarn waren Gäste im Asylet. Mehrere haben garantiert an der Schlägerei teilgenommen, bevor Killi erschossen wurde. Wir stehen hier und quatschen, während die Zeit vergeht, und die Zeit arbeitet gegen uns. Die einzige Zeugin ist bis jetzt die Kellnerin, die hinter dem Mann hergelaufen ist, der abhauen wollte. Wie wahrscheinlich ist es, dass der Mann eine Schusswaffe hatte? Er hat ein Glas nach ihr geworfen, als er sauer wurde. Dann kamen zwei seiner Freunde, die ihn mit einem Schlagstock versorgt haben. Wir brauchen Leute, die von Tür zu Tür gehen, um rauszufinden, was in der Zeit vor und nach dem Schuss passiert ist.«

Kobro zögerte, als suche sie nach Worten. Dann sagte sie: »Können wir sicher sein, dass in dieser Situation die Vernunft der richtige Ratgeber ist? Ivar Killi war beliebt. Da drinnen sitzen seine Freunde. Du musst berücksichtigen, dass dieser Fall Gefühle weckt.«

Gunnarstranda antwortete: »Eine so dünne Spur zu verfolgen, und das so früh, ist völlig idiotisch! Die drei können von den Kollegen abgeklopft werden, die sie verhaftet haben.«

»Sie gehören zu einer Bande, garantiert«, wandte Kobro ein.

»Sicher. Aber wenn das so ist, wird niemand es schaffen, auch nur ein Wort aus ihnen rauszupressen – weder unsere Leute noch andere. Und was wir brauchen, ist ein Überblick über das, was heute Nacht auf dem Platz passiert ist.«

»Das verstehe ich«, sagte Kobro leise. »Aber mein Bauchgefühl sagt, dass die drei auf dem Weg nach Schweden waren. Wenn die jetzt mit einer Vorladung davonkommen, dann sind sie in no time über die Grenze.«

Gunnarstranda dachte nach. »Die Kellnerin«, sagte er. »Ist die schon nach Hause gegangen?«

Kobro schüttelte den Kopf. »Sie wartet drüben bei mir.«

»Halt sie noch ein paar Stunden fest. Finde raus, wer von den dreien im Lexus vorbestraft ist. Konfrontiere die Frau mit Fotos von ihnen. Das muss reichen.«

Kobro öffnete die Tür zum Gruppenraum. Sie gingen hinein. Das Murmeln und die Gespräche verstummten. Alle warteten gespannt, wie der Beschluss lautete.

Kobro sah schnell zu Gunnarstranda hinüber, holte tief Luft und sagte: »Ich habe eine gute und eine schlechte Neuigkeit. Die Techniker haben am Tatort die Kugel gefunden, die Ivar wahrscheinlich getötet hat. Das Ballistiklabor der Kripo wird sie untersuchen, wenn morgen der Dienst losgeht. Die leere Hülse wurde merkwürdigerweise nicht gefunden. Die schlechte Nachricht ist, wir vergeuden unsere Zeit, wenn wir hier sitzen. Je schneller wir uns einen Überblick über mögliche Zeugen verschaffen, desto schneller kommen wir mit der Ermittlung voran. Gunnarstranda braucht Leute, die in Grønland von Tür zu Tür gehen.«

Niemand sagte ein Wort. Es wurden nur Blicke gewechselt.

Gunnarstranda seufzte schwer. »Die Polizei in Halden verhört die drei, die auf der E6 zu schnell gefahren sind.« Er drehte sich um und wollte den Raum verlassen.

Eine Stimme flüsterte: »Du Arschloch.«

Ein anderer brüllte ihm hinterher: »Du solltest dich krankmelden, Gunnarstranda. So einiges deutet darauf hin, dass du nicht der Richtige bist für diesen Job.«

2

Frank Frølich blieb vor dem Eingang stehen, um die Hausnummer zu überprüfen. Hinter ihm wurde eine Wagentür geöffnet.

Eine dunkelhaarige Frau Ende zwanzig hievte sich aus einem schwarzen Saab. Sie verbarg ihre Augen hinter einer riesigen lila Sonnenbrille im Nostalgiestil. »Sie sind der Mann von der Polizei?« Sie streckte ihm die Hand entgegen.

»Fride Welhaven?«

Sie schüttelten sich die Hände.

Dann holte sie ein Schlüsselbund aus ihrer Umhängetasche und schloss die Eingangstür auf. Ihre Sandalen klapperten, als sie zum Fahrstuhl ging und auf den Knopf drückte. Ein schwerer Ruck ertönte aus einer oberen Etage, als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte.

Er räusperte sich. »Die Post?«

Ohne ein Wort klapperte sie zu den Briefkästen und schloss einen davon auf. Er betrachtete sie diskret. Ihr Kleid war ebenfalls im Nostalgiestil: weiß mit Rosenmuster. Ihre Beine waren sonnengebräunt. Das Gesicht schmal, symmetrisch, die Haare kurz, jungenhaft.

Der Briefkasten war zum Bersten voll. Weiße Umschläge ragten zwischen knallbunten Reklamesendungen hervor.

Der Fahrstuhl war eng und alt. Er hielt mit einem Knall und schaukelte ein wenig.

Mit der Post unter dem Arm schloss sie die Wohnungstür auf.

»Wohnt er hier allein?«

Sie nickte.

»Geschieden?«

»Meine Mutter ist tot.«

»Schon lange?«

»Vier Jahre und drei Monate. Krebs.«

Sie gingen hinein. Ein Garderobenschrank dominierte den Flur. Ein hoher, emaillierter Krug diente als Schirmständer. Auf dem Boden lag ein geknüpfter Teppich mit einem detailreichen Muster in Rot und Blau.

Frølich sagte: »Ich brauche eine Liste von Freunden und Bekannten, die möglicherweise wissen könnten, was er in der letzten Zeit unternommen hat.«

Sie nickte stumm.

»Ist so was noch nie vorgekommen?«

»Was?«

»Dass Ihr Vater mehrere Tage nichts von sich hören lässt?«

»Es kam vielleicht schon mal vor, dass er weg war, aber nie, ohne anzurufen oder Bescheid zu sagen. Außerdem waren wir zum Essen verabredet – gestern.«

»Er kann es nicht einfach vergessen haben?«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf und fügte hinzu, wie um zu unterstreichen, wie undenkbar das war: »Absolut nicht.«

»Haben Sie Geschwister?«

Sie schüttelte den Kopf. »Er ist tot. Mein Bruder.«

Frank Frølich sah sie nachdenklich an. Sie sagte nichts mehr. Er fragte: »Schon lange?«

»Vier Monate.«

»Mein Beileid.«

Sie antwortete nicht. Wandte sich ab.

»Ihr Vater leidet sehr darunter?«

»Natürlich.«

»Er trauert, ist deprimiert?«

»Es ist jetzt vier Monate her. Die Zeit vergeht. Wir kommen darüber hinweg.«

»Könnte vielleicht der Tod Ihres Bruders Ihren Vater veranlasst haben … irgendetwas zu tun?«

Abrupt wandte sie sich ihm zu, wie um zu prüfen, was er damit andeuten wollte. »Wenn Sie wissen wollen, ob er sich das Leben genommen hat, dann ist die Antwort nein.«

Sie starrte ihn durch ihre Sonnenbrille trotzig an, lange.

Er ließ das Thema ruhen und fragte stattdessen: »Könnte er spontan in Urlaub gefahren sein?«

»Urlaub?« Sie sprach das Wort aus, als hätte er etwas komplett Idiotisches gesagt.

»Ja, Pauschalreise nach Spanien, Städtetour nach London oder Rom oder so was?«

Sie schüttelte wieder den Kopf.

»Ist er ein Naturliebhaber, geht er manchmal einfach wandern?«

»Vielleicht ist er wandern gegangen, aber … zum Sommerhaus? Er ist noch kein einziges Mal da gewesen, seit Mama gestorben ist.«

»Wo liegt das Sommerhaus?«

»Auf dem Ringebufjell.«

»Es ist also theoretisch möglich, dass er dorthin gefahren ist?«

Sie öffnete eine Schublade und holte ein Handy heraus. »Das ist seins. Er ist gegangen, ohne ein Handy mitzunehmen.«

Frølich wartete auf die Fortsetzung.

Sie musste sich räuspern. »Er hat kein einziges Lebenszeichen von sich gegeben, schon so lange. Das ist völlig … völlig …« Sie fand keine Worte, nahm sich zusammen und sagte: »Nein. Ich glaube nicht, dass er wandern gegangen und einfach verschwunden ist.«

»Ich werde auf jeden Fall die örtliche Polizei informieren«, sagte Frølich, »um zu überprüfen, ob er im Sommerhaus ist oder nicht.«

Sie zuckte mit den Schultern.

Er streckte die Hand aus. »Und das Handy kann nützlich sein, um herauszufinden, mit wem er gesprochen hat, bevor er verschwand.«

»Der Akku ist leer«, sagte sie und reichte ihm das Handy. »Keine Ahnung, wie der Pincode ist.«

Frølich steckte es in die Tasche. »Sie hatten sich zum Essen verabredet?«

»Gestern. Er hatte einen Tisch im Engebret bestellt. Ich mag das Engebret nicht besonders. Das ist mehr sein Stil. Aber wir essen dort ab und zu zusammen. Ich hatte schon seit Tagen ständig versucht, ihn anzurufen, und war richtig in Sorge. Aber ich bin hingefahren, zum Restaurant, obwohl ich ihn nicht erreicht hatte. War erleichtert, dass er einen Tisch bestellt hatte. Aber dann saß ich da mehr als zwei Stunden lang rum – allein –, musste allein essen. Er hätte mich niemals freiwillig in so eine Situation gebracht.«

»Hat er früher nie etwas Ähnliches getan?«

»Nie.«

»Haben Sie gefragt, wann der Tisch bestellt wurde?«  

Sie nickte. »Vor über einer Woche. Am selben Tag, als wir uns verabredet hatten.«

»Es könnte ja sein, dass ihm etwas zugestoßen ist, als er zum Beispiel morgens joggen war.«

»Papa geht nicht joggen.«

»Er ist nicht herzkrank?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Hat nie über Schmerzen oder Unwohlsein geklagt?«

»Nein.«

»Es erscheint Ihnen unwahrscheinlich, dass es ihm plötzlich schlecht gegangen sein könnte?«

»Sie meinen einen Schlaganfall? Infarkt? Das hätte ihm doch an irgendeinem Ort passieren müssen, zum Beispiel hier oder im Büro oder …«

»Was glauben Sie, was passiert ist?«

»Was ich glaube?« Sie verharrte einen Moment nachdenklich. »Ich habe Angst, dass ihm – jemand etwas getan hat.«

»Jemand?«

»Papa ist Anwalt, er hat Klienten und macht Geschäfte. Er hat gesagt, dass manche davon unangenehm sind – auch gefährlich.«

»Kennen Sie Namen von Klienten?«

Sie schüttelte den Kopf, nahm die Sonnenbrille ab und fuhr sich mit dem Handrücken über die großen, braunen, glänzenden Augen. Sie schluckte.

»Ist es schon einmal vorgekommen – dass jemand versucht hat, ihm etwas anzutun?«

»Ich weiß, dass Klienten ihm gedroht haben. Er hat es ganz offen erzählt, nachdem er den Telefonhörer aufgelegt hatte: ›Der Mann ist lebensgefährlich‹, so was in der Art –«

»Und Namen?«

»Ich habe keine Ahnung, wer das war. Aber ich hatte das Gefühl, etwas war komisch an der Verabredung im Engebret. Ich glaube, er wollte, dass ich reagiere, wenn er nicht kommt, dass ich etwas tue.« Ihr Gesicht verzog sich. Sie wandte sich abrupt ab und stolperte in die Küche hinaus. Wusch sich das Gesicht.

Frølich sah sich im Wohnzimmer um. Designerregal und Esstisch, ein paar Sessel vor einem Flachbildschirm. Das Zimmer war aufgeräumt. Nichts auf dem Esstisch, nichts auf dem Couchtisch. Er öffnete eine Tür. Schlafzimmer. Ein gemachtes Doppelbett mit weißem Bettüberwurf. Keine Bilder an den Wänden. Aufgeräumter Nachttisch. Zwei Ausgaben von The Economist und eine halb verbrauchte Tube Wundsalbe. Er schob die Schranktüren zur Seite. Anzüge und Hemden in Reih und Glied. Er zog einen Drahtkorb aus dem Regalschrank. Hemden, fein zusammengelegt. Eine große, farbenfrohe Sammlung von Schlipsen auf einem Bügel.

Er ging weiter durch eine Tür in eine Art Privatbüro. An der Wand hing das Bild eines Mannes, der stolz neben einem riesigen Lachs kniete, mindestens zehn-zwölf Kilo schwer. Welhavens Gesicht mit einem breit lächelnden Mund und grauem Seitenscheitel.

In der Ecke stand ein Sekretär, in dem der Schlüssel steckte. Frank Frølich schloss ihn auf und klappte die Schreibplatte herunter. Nichts außer einem Füller vor einer kleinen Reihe Schubladen. Er öffnete eine davon. Fand einen Haufen ausrangierter Brieftaschen. Alle leer. Er rief zu ihr hinaus: »Sie wissen nicht vielleicht, wo er seinen Pass aufbewahrt?«

»Ist er nicht im Sekretär?«

»Soweit ich sehen kann, nicht.«

Sie stand in der Tür. »Vielleicht hat er ihn im Büro.«

»Könnte Ihr Vater das Land verlassen haben?«

»Niemals, ohne mir Bescheid zu sagen.«

»Hat er eine Haushaltshilfe?«

»Ramona, eine Polin. Sie kommt zweimal die Woche.«

»Ramona, und weiter?«

»Weiß ich nicht. Ich kann Ihnen die Telefonnummer geben.«

Das Sonnenlicht fiel durch das Fenster hinter ihr und machte ihr Kleid durchsichtig. Er wandte sich ab.

»Arbeitet Ihr Vater manchmal zu Hause?«

»Ziemlich selten, glaube ich.«

»Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?«

»Am Dienstag. Hier. Er wirkte unkonzentriert und hat von Problemen gesprochen.«

»Von Problemen?«

»Vermutlich etwas mit der Arbeit, er wirkte völlig fertig, wollte aber nicht darüber sprechen. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Seine Hände zitterten, und er hatte offenbar lange nicht geschlafen. Wenn Sie gesehen hätten, wie er aussah, würden Sie nicht fragen, ob er sich im Wald verlaufen hat.«

»Und dieser Zustand hatte nichts mit Ihrem Bruder zu tun?«

»Nein. Wir haben kein Problem damit, über Marius zu sprechen. Das hier hatte definitiv mit Papas Job zu tun.«

»Hat er etwas Besonderes erwähnt, etwas Unbekanntes, Namen oder sonst irgendetwas, worüber Sie im Nachhinein gestolpert sind?«

»Nichts, was mir jetzt einfiele.«

»Etwas ganz anderes: Hatte Ihr Vater Damenbekanntschaften?«

»Nicht dass ich wüsste.«

Plötzlich wurde Frølich ärgerlich. »Und was meinen Sie damit? Nicht dass Sie wüssten?«

»Ich nehme schon an, dass mein Vater ein Sexualleben hat, aber ich finde, es geht mich nichts an.«

»Wenn er also eine Beziehung hatte, dann wissen Sie nichts davon?«

»Ungefähr so, ja.«

»Sie wüssten auch nicht, wo Sie suchen könnten?«

Die Frage verletzte sie. Ihr Gesicht verzog sich wieder.

»Was ist mit seinem Auto?«, fragte Frølich.

»Ein Volvo S80, silbergrau. Er steht meistens direkt vor der Tür.«

»Aber jetzt nicht?«

»Er kann sonst wo stehen. Es ist nicht immer leicht, in der Nähe einen Parkplatz zu finden.«

»Aber Sie wissen nicht, wo er ist?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Die Autoschlüssel?«

»Sind nicht hier.«

Er ging an ihr vorbei in den Flur und griff nach dem Stapel Briefe, den sie dort auf das Regal gelegt hatte. Studierte die Absender. Viele Rechnungen. »Die hier nehme ich mit«, sagte er, »und außerdem brauche ich eine Kopie des Wohnungsschlüssels.«

3

Die Wohnung von Polizeiobermeister Ivar Killi befand sich im Untergeschoss einer rot gestrichenen Bauhausvilla in Ullevål Hageby. Ingrid Kobro hatte erzählt, dass Killi sie von der älteren Dame gemietet hatte, die in der Etage darüber lebte.

Die Hausbesitzerin war eine kleine Frau, zwischen siebzig und achtzig Jahre alt, und trug eine große Sonnenbrille und ein riesiges Kopftuch. Sie stützte sich auf eine Gehhilfe und wirkte fast taub.

»Schlüssel!«

»Was haben Sie gesagt?«

»Schlüssel!«

»Was ist mit dem Müll?«

Gunnarstranda ließ sie stehen und stapfte die Treppe hinunter zu Killis Wohnungstür. Er stellte fest, dass sie abgeschlossen war, allerdings war sie alt, und der Rahmen war nicht dicht. Gunnarstranda verließ das Grundstück, ging zum Wagen und holte einen kräftigen Schraubenzieher aus dem Kofferraum. Die Hausbesitzerin beobachtete ihn von einem Fenster aus. Sie stand halb versteckt hinter der Gardine. Er winkte ihr mit dem Schraubenzieher zu. Sie hob eine Hand und winkte zaghaft zurück. Er trat noch einmal durch die Pforte und hielt inne. Blieb ein paar Sekunden stehen und betrachtete die Fahrräder, die an der Hauswand standen. Drei Fahrräder vom Typ Mountainbike, von der einfachen bis hin zur höchst avancierten Ausführung.

Er stand vor Killis Tür. Mit dem Schraubenzieher drückte er das Türblatt so lange vorsichtig zur Seite, bis das Schnappschloss sich vom Rahmen löste. Er öffnete die Tür und trat ein.

Die Wohnung roch nach einer maskulinen Mischung aus altem Schweiß und noch älterem Deo, vermischt mit dem Geruch von altem Müll oder leicht verdorbenen Lebensmitteln. Er kam an einem breiten Bücherregal mit wenigen Büchern vorbei, ging nach rechts weiter zu einem riesigen Fenster und öffnete es. Frische Luft strömte herein und machte das Atmen leichter.

Ein Haufen Männerillustrierte lag auf dem Sofa. Auf den Titelseiten prangten junge Mädels im Bikini mit vorgeschobener Hüfte, die sich mit den Fingern durchs Haar strichen.

Auf dem flachen Couchtisch lag ein Laptop. Er war ausgeschaltet. Der Adapter lag auf dem Boden, das Netzteil war angeschlossen.

Gunnarstranda öffnete die Tür zu einem Schlafzimmer. Doppelbett. Das Bettzeug zerwühlt. Ein Fernseher mit eingebautem DVD-Player stand davor. Daneben ein Stapel Filme. Lars Monsen, der quer durch Canada reiste, eine Dokumentation über Hundeschlittenrennen sowie diverse Natur- und Jagdvideos.

Der Kleiderschrank war vom Typ IKEA, bei dem früher oder später die Türen ihren Geist aufgeben und sich nicht mehr ganz schließen lassen. Ganz rechts stand ein metallener Waffenschrank mit offenem Hängeschloss. Eine Jagdflinte der Marke Remington stand an die Hinterwand des Schrankes gelehnt. Daneben eine doppelläufige Schrotflinte vom Kaliber 12. Das untere Regalbrett war mit Munitionsschachteln bedeckt.

Gunnarstranda kehrte dem Schrank den Rücken zu und warf einen Blick auf die schmale Terrasse. Der Bodenbelag konnte eine Renovierung vertragen. In einer Ecke standen auf morschen Planken zwei Taucherflaschen und ein elektrischer Kompressor.

Der Anblick des Terrassenbodens erinnerte ihn daran, dass er die Bodenplanken der Terrasse seines Sommerhäuschens auswechseln musste.

Er lehnte sich an die Wand und ließ den Blick wandern. Ivar, wo hast du deine Geheimnisse?

Sein Blick fiel auf den Laptop. Er ging zum Tisch und schaltete ihn ein. Das Gerät surrte. Das Bild auf dem Schirm war Windows Standard und sagte ihm gar nichts. Er schaltete den Laptop wieder aus.

In der Türöffnung zum Schlafzimmer blieb er stehen und blickte vom Fernseher zum Doppelbett, dann zum Schrank und wieder zum Bett. Er trat ans Bett und hob Kissen und Decke hoch. Nichts. Er ging in die Hocke und schaute unters Bett. Da lag etwas. Eine Kamera. Er zog sie hervor. Modernes Teil. Typ Spiegelreflex. Digital. Er schaltete die Kamera ein. Das Display leuchtete. Ein Nachtbild: riesiger Vollmond über einer Wasserfläche. Er blätterte weiter. Mehrere Naturbilder, eine grasende Elchkuh, ein Fuchsjunges, das mit aufgerissenem Maul auf einem Grashügel saß.

Neues Bild: Eine Frau mit Knebel im Mund saß gefesselt auf einem Küchenstuhl. Das Seil schnitt tief in ihre Haut ein.

Er drückte auf ein paar Knöpfe, um das Foto besser sehen zu können. Runzelte die Stirn. Hätte gern eine Vergrößerung gehabt. Sie war wie eine Fetischistin verkleidet, mit Handschuhen bis zu den Ellenbogen, Strümpfen und Hüfthalter mit Strapsen. Das Merkwürdige war, dass sie mit geschlossenen Knien und die Füße auf den Zehenspitzen dasaß wie ein Mannequin, obwohl sie am Oberkörper gefesselt und geknebelt war. Auf dem nächsten Bild lag sie bäuchlings auf einem Tisch, die Handgelenke und die Knöchel mit Handschellen an die Tischbeine gekettet. Die Strümpfe hatten hinten eine Naht, wie bei Pin-up-Models aus den fünfziger Jahren. Der Tisch kam ihm bekannt vor. Er ging zurück ins Wohnzimmer. Sie war an Killis Wohnzimmertisch gefesselt gewesen. Kein Zweifel. Die Fotos waren in dieser Wohnung entstanden.

Die Frau war jung. Wie alt mochte sie sein?

Gunnarstranda schaute einige Sekunden nachdenklich auf die Kamera, nahm den Speicherchip heraus und steckte ihn in die Tasche. Dann ging er in die Küche und schaute in den Mülleimer. Daher kam der faulige Geruch. Ein unbestimmbares Nudelgericht lebte darin sein Eigenleben, zusammen mit Kaffeesatz und schwarzen Bananenschalen.

Er schloss das Fenster und verließ die Wohnung. Schlug die Tür zu, prüfte, ob das Schloss eingerastet war. Drehte sich um und ging zum Wagen zurück.

4

»Heute ist Sonntag, und ich begreife nicht, warum wir dieses Gespräch ausgerechnet jetzt führen müssen.«

Helmer Paust sah aus wie ein Schwede auf Mallorca: hochgeschobene Sonnenbrille im Haar, gelbes Hemd, rote Bermudas, sonnengebräunte Beine und weiße Tennissocken in braunen Slippern.

»Welhaven ist verschwunden. Sie erweisen ihm und der norwegischen Staatsanwaltschaft einen Dienst.«

Sie schlenderten einen Korridor entlang. Helmer Paust schloss eine Bürotür auf.

»Ist das hier Welhavens Büro?«

»Nein, das ist meins.«

»Sie und Welhaven haben zusammengearbeitet?«

»Nein.« Paust zog einen Stuhl für Frølich heran, bevor er sich selbst setzte. Sein locker hängendes Hemd konnte im Sitzen den Bauch nicht mehr kaschieren.

»Jeder hatte seine Praxis. Aber wir haben uns die Räume und administrative Dienste wie die Sekretärin, die Vermittlung und so weiter geteilt. Ich habe sie angerufen. Sie war stinksauer, aber ich habe auch nicht so starke Argumente vorgebracht wie Sie: Welhaven und der Staatsanwaltschaft einen Dienst erweisen. Ich bin gespannt, was passiert, wenn Sie ihr das servieren.« Paust grinste schief und warf seine Haartolle zurück. Er ging auf die sechzig zu, hatte hängende Wangen und Ringe unter den Augen. Unter dem ziemlich langen Haar wirkte das Gesicht wie ein verwitterter Terrakottatopf unter einer welken Zimmerpflanze.

»Haben Sie Welhaven in den letzten Tagen gesehen?«

»Nicht seit Anfang letzter Woche.«

»Irgendeine Idee, wo er sich aufhalten könnte?«

»Keine Ahnung. Wir haben außerhalb der Bürogemeinschaft wenig Kontakt. Als seine Tochter anrief, habe ich gedacht, dass er wohl auf Reisen ist.«

»Könnte das sein? Dass er verreist ist?«

»Ohne ihr etwas zu sagen? Das bezweifle ich.«

»Die beiden sind ja sozusagen allein miteinander – oder?«

»Wie gesagt, wir wissen nicht sonderlich viel voneinander.«

»Wie hat er den Verlust seines Sohnes verkraftet?«

»Das war natürlich ein Schlag.« Als Frølich weiterfragen wollte, fügte er hinzu: »Aber – ich bin eigentlich nicht der Richtige, um über sein Privatleben zu sprechen. Wir hatten selten oder nie privat miteinander zu tun – wenn ich es mal so ausdrücken darf.«

»Aber Sie werden mir doch sagen können, ob er seit längerer Zeit traurig war oder –«

»Das nehme ich an – aber Arne lässt selten jemanden an sich heran.«

»Er soll bedroht worden sein. Wissen Sie davon?«

Paust klappte den Mund zu und dachte nach, bevor er antwortete: »In dieser Branche trifft man ab und zu auf instabile Menschen, Klienten, die eigentlich einen Therapeuten suchen oder brauchen. Aber das gehört ganz einfach zu diesem Job.«

Frølich räusperte sich. »Ich meine ganz konkrete Drohungen.«

Paust richtete seinen Blick einen Moment lang auf einen Punkt an der Decke und sagte dann: »Ich weiß auf jeden Fall, dass er mit einem Klienten einen Konflikt hatte, aber Herrgott noch mal, das ist verdammt lange her – ein Typ mit einer Unfallverletzung. Es war eine Schadenersatzklage, die nicht so gut gelaufen ist. Hinterher hat die Familie behauptet, Arne hätte ein unangemessen hohes Honorar von ihnen gefordert. Irgend so etwas.«

»War an diesen Anklagen etwas dran?«

»Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen«, sagte Paust steif.

»Welhaven soll mehrmals als Konkursverwalter tätig gewesen sein.«

»Das stimmt wohl. Das mache ich selbst auch.«

Frank Frølich musste sich erneut räuspern. »Ich denke, dass ein Konkursverwalter doch sicherlich leicht in die Kritik gerät, vor allem bei Leuten, die viel zu verlieren haben …«

»Ein Konkursverwalter ist nur ein Makler, ein Dirigent.«

»Der sich gut bezahlen lässt.«

Jetzt beschloss Paust, den Polizisten direkt anzuschauen. »Manche Kreditoren haben Arne sicherlich vorgeworfen, sie mit seinen Honorarforderungen völlig zu ruinieren. Solche Vorwürfe sind ganz gewöhnlich bei Konkursverfahren, aber sie sind auch vollkommen aus der Luft gegriffen.«

»Kennen Sie Namen von solchen Kreditoren?«

»Nein.« Paust hob einen Finger, um den Polizisten zum Schweigen zu bringen. Sie hörten, wie irgendwo auf der Etage ein Schlüssel in einem Schloss herumgedreht wurde. »Da kommt Lisa, fragen Sie sie. Sie kann Ihnen sicher Kopien von den Akten geben, die für Sie interessant sein könnten. Sie werden allerdings nicht viel Interessantes finden. Es sind hauptsächlich Pommes-Buden und Maschinenbaubetriebe, lauter ungelernte Legastheniker, die nicht die blasseste Ahnung von Buchhaltung haben. Einen Konkurs abzuwickeln ist ein in vieler Hinsicht anstrengender Job.«

»Kennen Sie Namen von Leuten, die behauptet haben, dass Welhaven sich unrechtmäßig an solchen Konkursen bereichert hätte?«

»Ich weiß, dass Leute so was behauptet haben, ja. Aber ich habe keine Ahnung, wer das war.«

»Wissen Sie von anderen Drohungen, die in diesem Zusammenhang relevant sein könnten?«

Paust holte tief Luft, legte die Unterarme auf den Tisch und dachte noch einmal nach. »Ich persönlich glaube, dass Sie damit auf dem Holzweg sind. Jedenfalls in Fällen, wo Arne der Konkursverwalter war. Aber wenn wir nun schon darüber sprechen – ich habe vor ein paar Wochen ein hektisches Telefongespräch mit angehört, zwischen Arne und – ich kann mich nicht an den Namen erinnern –, aber Arne hat viele merkwürdige Sachen laufen. Er ist auch Teilhaber an einem Restaurant irgendwo, in Gran oder Kløfta oder Bjørkelangen, weiß der Himmel. Anscheinend haben sie da den gesamten Umsatz in einem Safe im Büro aufbewahrt. An dem Tag, als das Telefongespräch stattfand, hatte der Geschäftsführer den Safe leer vorgefunden und dann Arne beschuldigt, ihn geleert zu haben. Selbstverständlich eine lächerliche Behauptung.«

»Aber es gab also Drohungen. Womit wurde gedroht?«

»Der Mann verlangte das Geld zurück und drohte mit Gewalt. Aber Arne hat hinterher nur gegrinst.«

»Wäre es denn möglich, dass Welhaven gekidnappt wurde – von einem oder mehreren persönlichen Feinden?«

Helmer Paust runzelte zweifelnd die Stirn. »Das klingt ein bisschen wie in einem schlechten Film, oder? Arne Werner Welhaven wird in einen wartenden Wagen gezerrt, von einem unheimlichen Undercover mit Pistole im Mantel?«

»Sie halten es also für unwahrscheinlich?«

»Ja.«

»Was glauben Sie denn, was Welhaven zugestoßen sein könnte?«

Der Anwalt breitete die Arme aus. »Woher soll denn ich das wissen?«

»Was machen Sie sich für Gedanken? Wenn Menschen etwas passiert, dann denkt man sich doch seinen Teil, man versucht, sich eine Erklärung zusammenzureimen. Was denken Sie, wenn Sie hören, dass er verschwunden ist?«

»Ich denke, dass das alles Quatsch ist. Ein Missverständnis. Arne muss verreist sein und einfach vergessen oder darauf gepfiffen haben, Bescheid zu sagen.«

»Ein solches Vorgehen würde also zu Welhavens Persönlichkeit passen?«

Paust schnitt wieder eine Grimasse. »Eigentlich nicht. Es ist nur so total verrückt, da weiß man einfach nicht, was man glauben soll.«

»Ich würde gern sein Büro durchsuchen«, sagte Frølich schnell.

Die Idee gefiel Paust überhaupt nicht. »Tja«, sagte er schließlich, »aber wenn Welhaven hinterher sauer wird –«

»Dann muss er das mit seiner Tochter klären«, unterbrach ihn Frølich sanft. »Sie können die Verantwortung dafür mir überlassen.«

Paust stand auf, als die Tür aufging. »Lisa«, sagte er. »Danke, dass Sie gekommen sind. Das hier ist Herr Frølich von der Polizei.«

Frølich saß noch eine Weile in Welhavens Büro und blätterte in Akten. Notierte fleißig auf seinem Block und legte die Dokumente, von denen er eine Kopie gebrauchen konnte, auf einen Haufen. Er durchsuchte die Schreibtischschubladen und fand Welhavens Pass. Also war es sehr unwahrscheinlich, dass er im Ausland war.

Als er danach den Flur entlangging, traf er wieder auf Lisa. Sie war ungeduldig.

»Bald fertig?«

Er zog die Schultern hoch. Lisa war in den Vierzigern. Ihr Gesicht war klein und kugelrund und erinnerte ihn an einen Stecknadelkopf. »Wäre es möglich, dass ich einen Blick auf Welhavens Terminkalender werfe?«

Zwei ehrgeizige Augen betrachteten ihn abschätzend durch die Brillengläser. Wenn Lisa ja sagte, würde es noch länger dauern – und sie hatte sicher eine Verabredung, zu der sie nicht zu spät kommen wollte.

»Ich denke schon«, sagte sie, machte auf dem Absatz kehrt und ging in ein helles Büro mit Blumentöpfen auf der Fensterbank. Sie öffnete eine Schreibtischschublade und holte einen grünen Kalender hervor.

»Ist es schon mal vorgekommen, dass Welhaven mehrere Tage nicht da war, ohne vorher Bescheid zu sagen?«

»Nein, nie ohne Bescheid zu sagen.«

»Dann ist das jetzt also etwas Besonderes?«

»Ja, es rufen schließlich Leute an, die stinkwütend sind, weil er Verabredungen nicht eingehalten hat. Am Freitag hätte er im Gericht sein sollen.«

»Er hätte im Gericht sein sollen und ist nicht erschienen?«

Lisa schielte wieder auf den Kalender hinunter. »Ja.«

»Ist das schon einmal vorgekommen?«

Sie schüttelte den Kopf, nahm den Kalender und sagte: »Ich mache Ihnen eine Kopie. Welche Tage interessieren Sie?«

5

Gunnarstranda fuhr zurück in die Stadt. Er dachte an die Fotos. Wahrscheinlich war das Mädchen zu jung, um ein professionelles Modell zu sein. Er hatte auch nicht den Eindruck, dass die Fotos eine Misshandlung oder andere strafbare Tatbestände dokumentierten. Dafür wirkten sie zu sehr wie Kunstfotos, gestellt, mit spezieller Beleuchtung, die besonders scharfe Schatten produzierte. Der Stuhl, an den das Mädchen gefesselt war, stand in einer Art Rampenlicht. Das fetischistische Outfit wirkte altmodisch. Sie hatte von Foto zu Foto einzelne Kleidungsstücke gewechselt.

Was für eine Beziehung mochte zwischen ihr und Killi bestehen? Ihre Jugend gebot, dass die Fotos entwickelt und der Sitte übergeben werden mussten. Aber die Leute bei der Sitte arbeiteten sonntags nicht.

Er tankte im Munkedamsveien unter dem Konzerthaus und überlegte, welche Kontakte er an einem Sonntag nutzen konnte. Es waren nicht viele. Aber er kannte eine Veteranin aus dem Milieu: Anita. Während er da stand und den Tankstutzen festhielt, wog er Für und Wider gegeneinander ab. Es wäre ein Schuss ins Ungewisse, aber immerhin ein Versuch.

In den Achtzigern, während der Jahre des Aufschwungs und der Geldflut, hatte Anita als Stripperin und Prostituierte in einer Gogo-Bar für Yuppies gearbeitet. Eines Montagmorgens war sie wegen groben Diebstahls festgenommen worden, als sie versucht hatte, einen Scheck über zehntausend Kronen einzulösen. Der Inhaber einer Gebrauchtwagenfirma hatte sein Scheckheft sowie eine große Summe Bargeld als gestohlen gemeldet. Anita behauptete, das Geld sei das Honorar für sexuelle Dienste gewesen. Gunnarstranda, der den Autohändler wegen anderer Dinge im Visier hatte, untersuchte den Fall, was dazu führte, dass der Mann wegen Unterschlagung, falscher Anzeige und Falschaussage verurteilt wurde. Anita begann ein neues Leben als Kindergartenassistentin in Sarpsborg. Alles ging gut, bis einer der Väter sie in betrunkenem Zustand besuchte. Als er nicht bekam, was er wollte, nahm er es sich mit Gewalt. Sie zeigte ihn an wegen Vergewaltigung. Doch der Anwalt des Mannes wusste Anitas Vergangenheit auszunutzen: einmal Hure, immer Hure. Der Mann wurde freigesprochen. Anita wurde gekündigt. Die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder von einer Prostituierten betreut wurden. Danach war Anita bei ihren Leisten geblieben. Jetzt war sie Mitte vierzig und reiste durch Østlandet mit einem Wohnmobil, in dem sie Kunden in kleineren Ortschaften bediente.

Das Telefon klingelte drei Mal, bevor sie abnahm.

»Bist du in der Stadt?«, fragte Gunnarstranda.

»Bist du’s?«, fragte sie ungläubig. »Und dann gleich so frühmorgens?«

»Ich brauche ein paar Informationen.«

»Lieber Gott«, sagte sie erleichtert, »und ich dachte schon, du würdest als Kunde anrufen.«

Gunnarstranda schwieg.

»Aber hör zu, ich bin bei der Arbeit.«

»Wo?«

»In Stange, Hedmark.«

»Hast du was von einem Polizisten gehört, der Bondage-Fotos von kleinen Mädchen in Unterwäsche aus den fünfziger oder sechziger Jahren macht?«

»Was für’n Bondasch?«

»Gefesselt mit Seil und Knebel im Mund.«

»Wie klein sind die Mädchen?«

»Das Mädchen ist so circa vierzehn, fünfzehn.«

»Und es ist nicht Kidnapping oder Vergewaltigung?«  

»Kann natürlich sein, aber es wirkt irgendwie nicht so. Sieht verdammt gestellt aus.«

»Fragt sich, ob ich dir da helfen kann. Wenn sie’s freiwillig macht, würde ich tippen, es ist ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das sich was dazuverdient für neue Klamotten oder eine Handy-Karte. Die Welt ist nicht mehr so wie damals, als du jung warst, Gunnarstranda.«

»Auf jeden Fall …«

»Werde mich mal umhören, bei Leuten, die ich kenne«, sagte Anita, »a

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