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Blutbeichte

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Einige der geschilderten Szenen und
der dargestellten Personen orientieren
sich an tatsächlichen Begebenheiten,
doch der Roman ist rein fiktiv.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen
Personen, Ereignissen oder Schauplätzen
sind rein zufällig.

 

Mit flehendem
Blick und flachem Atem
bettelte er nicht um
sein Leben,
sondern um den Tod.
Anonym

PROLOG

Das Zimmer war klein und fensterlos. Trübe, milchige Lichtstrahlen fielen durch die Gitterstäbe, die sich über eine ganze Wand hinzogen. Der kleine Fernseher, der auf einem schwarzen Bord stand, war auf volle Lautstärke gedreht, doch man hörte nur statisches Rauschen. Auf einem Tablett an der Tür lagen die unansehnlichen Reste eines verkochten Essens.

An der Wand auf der rechten Seite stand ein sorgfältig gemachtes Bett. Das Bettlaken war straff über die dünne Matratze gezogen. Die schmucklose grüne Bettdecke war glatt gestrichen und bildete nur an der Stelle eine Mulde, an der er mit gekrümmtem Rücken saß – still, nachdenklich und in sich gekehrt. Dunkle Schweißflecke waren auf seinem blauen Hemd, und der Geruch seiner Ausdünstungen vermischte sich mit dem fauligen Gestank des Essens, das er nicht angerührt hatte.

Er schlug die Augen auf und drehte sich zu der Schreibtischlampe um, die neben ihm stand. Er schaltete sie ein und hielt einen Gegenstand ins helle Licht. Es war ein Gipsabdruck der zweiunddreißig menschlichen Zähne, von denen er jeden einzelnen mühelos benennen konnte. Beinahe zärtlich strich er mit dem Daumen über den Gipsabdruck, über die Unvollkommenheit eines vorstehenden Schneidezahns, einen spitzen Eckzahn, die unebene Oberfläche eines abgeschlagenen vorderen Backenzahns. Nur einmal hatte er diese Zähne bei einem Lächeln gesehen. Es war ein kurzes Aufblitzen gewesen, ehe das Grauen begann, ehe die Zähne stundenlang im Todeskampf zusammengepresst oder nur dann zu sehen waren, wenn die Lippen sich zu einem stummen Schrei der Qual verzogen.

Er beugte sich vor, zog eine Kiste unter dem Bett hervor und stellte sie sich auf den Schoß. Er beugte sich zur Seite, zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Kiste. Ein letztes Mal schaute er auf den Gipsabdruck, bevor er ihn zu den anderen in die Kiste legte.

Eins, zwei, drei.

Vier.

Der Tag, der auf den Tag folgt, an dem du dein erstes Opfer hast sterben sehen, unterscheidet sich nicht sehr von dem Tag davor. Du wachst wieder auf. Vielleicht lässt du das Frühstück ausfallen, vielleicht sogar das Mittagessen, aber irgendwann wirst du wieder essen. Und du wirst schlafen. Und dein Leben wird wieder einen bestimmten Rhythmus annehmen. Nur ist es nicht derselbe Rhythmus wie zuvor. Vielleicht wird er ein wenig unregelmäßig sein, aber zumindest ist es dein Rhythmus, dem nur du allein gehorchst.

Er schob die Kiste unters Bett, wo die anderen Erinnerungen lagen – von Menschen, denen er das Leben genommen hatte, und von anderen, die verschont geblieben waren. Er schloss die Augen und atmete die warme Luft der Gefangenschaft.

Mein Gefängnis ist ein Trainingscamp, eine Zwischenstation. Ein Werkzeug. Ich schaue auf die Gitterstäbe hinter mir, auf den Platz rings um mich, betrachte die bedrückende Enge. Ich denke daran, wo du bist und wie tragisch es für dich ist, dass ich hier bin und du dort. Wie schrecklich, wie schmerzlich. Aber wie schnell werde auch ich dort sein. Bei dir!

Eingang. Ausgang.

Er knipste die Schreibtischlampe aus, steckte den Schlüssel in die Tasche, stand auf und ging zur Tür. Er schob den Riegel zurück und trat hinaus. Er hob den Arm, schaltete den Fernseher aus und beobachtete, wie das Licht in einen winzigen Kreis in die Mitte gezogen wurde, ehe der Bildschirm schwarz wurde. Dann ging er den Flur hinunter und stieg die Treppe hinauf. Bevor er die Schwelle seines hellen, klimatisierten Hauses überschritt, blieb er kurz stehen.

Sie war neunundzwanzig Jahre alt, klein und zierlich und trug ein weißes Top, eine pinkfarbene Strickjacke und Jeans. Ihr dunkles Haar hatte sie mit einer Spange im Nacken zusammengebunden. Ihre Haut war bleich, ihre Augen hellblau. Neben ihr lag eine nach Anleitung genähte Puppe, an der sie jedoch das Interesse verloren hatte, noch ehe sie den Mund aufgenäht und Schleifen in das braune Wollhaar gebunden hatte. Daneben lag ein Keramik-Aschenbecher, der zur Hälfte bemalt war und ihre Daumenabdrücke aufwies.

Sie wusste nicht mehr, warum sie sich hingesetzt hatte. Sie öffnete die Schreibtischschublade und nahm eine laminierte Gebetskarte und ihren roten, duftenden Padre-Pio-Rosenkranz heraus. Sie wickelte den Rosenkranz um ihre Finger, senkte den Kopf und betete. Sie sprach zum heiligen Josef und sagte ihm, dass sie es nicht wage, sich ihm zu nähern, während Jesus in der Nähe ihres Herzens ruhe.

Plötzlich spürte sie wieder den vertrauten Druck im Magen. Es verwirrte sie, doch sie wusste, dass mit ihrer Angst üblicherweise eine Euphorie einherging, die sie nirgendwo sonst jemals gefunden hatte. Diesmal aber spürte sie nur nackte Angst. Blitzschnell streckte sie die linke Hand aus, ergriff einen Notizblock und zog ihn über den Schreibtisch zu sich heran. Sie hatte das Gefühl, ihr Kopf wäre vom Körper abgetrennt, als sie zu begreifen versuchte, was mit ihr geschah. Ein dunkler Film lief hinter ihren Augen ab. Messerscharf geschnittene, schwarze und graue Gebilde, eine ruckartige und hektische Aufeinanderfolge schlecht beleuchteter Szenen. Ihre rechte Hand zuckte durch die Luft, und ihre Finger suchten zwei kurze senkrechte Linien, die alles zum Stillstand bringen würden, und dann die Taste mit den Pfeilen, um es zurückzuspulen. Doch sie konnte es nicht kontrollieren. Sie verspürte das wilde Verlangen, im Augenblick zu verharren, nicht weiter zurückzugehen und kein Licht mehr auf dunkle, verschwommene Erinnerungen zu werfen. Doch ehe sie auch nur ein Wort schreiben konnte, war sie tot. Sie glitt zu Boden und riss Papier und Stifte mit sich. Das Letzte, was sie sah, war ihr Freund, der in der Tür stand, auf die Größe eines Kindes geschrumpft.

Detective Joe Lucchesi vom New York Police Department beugte seinen Oberkörper so weit vor, dass er beinahe vornüber kippte. Tränen liefen ihm über das aschfahle Gesicht und tropften auf den Teppich. Seine Stirn war mit Druckerschwärze und Schweißperlen bedeckt, die zu winzigen dunklen Pfützen und Rinnen verlaufen waren; er hatte sich beim Zeitunglesen die Finger auf die Stirn gepresst, als das schreckliche Pochen begann. Vor einer halben Stunde war er mit wahnsinnigen Schmerzen als Notfallpatient bei seinem Zahnarzt erschienen. Mittlerweile war der Schmerz unerträglich und wurde immer schlimmer. Als Übelkeit in ihm aufstieg, verkrampfte er, blieb steif sitzen, rührte sich nicht und starrte auf den Boden. Ein leises, tierhaftes Wimmern erstickte als kieksender Laut tief in seiner Kehle.

»Mr Lucchesi?« Die Sprechstundenhilfe kam über den Flur auf ihn zu. »Kippen Sie mir bloß nicht um.«

Die Frau schaute sich im Wartezimmer um. »Hat jemand gesehen, was passiert ist?«

»Er saß hier und las Zeitung, als sein Handy klingelte. Plötzlich hat er sich nach vorn gebeugt, als hätte er schreckliche Leibschmerzen, und wurde mit einem Mal kreidebleich.«

Joe wusste, dass es die Stimme eines freundlich aussehenden älteren Mannes war, der ihm gegenübergesessen hatte, als er hergekommen war.

Die Sprechstundenhilfe legte Joe eine Hand auf die Schulter. »Dr. Pashwar ist gleich für Sie da. Kann ich inzwischen etwas für Sie tun?«

»Vielleicht würde ein Glas Wasser helfen«, meinte der ältere Herr. Er war aufgestanden. Joe konnte seine braunen Wildlederslipper auf dem Teppich vor sich sehen. Es gelang ihm, eine zitternde Hand zu heben, um beide Angebote abzulehnen.

»Er konnte nicht einmal sprechen, als der Anruf kam, so schlimme Schmerzen scheint er zu haben«, sagte der alte Mann. »Wir müssen schnell etwas tun.«

Joe wusste es besser. Nicht der Schmerz hatte ihn am Sprechen gehindert. Es war die Stimme gewesen. Sie hatte ihm buchstäblich den Atem verschlagen, diese Stimme, die sich gewaltsam ihren Weg zurück in sein Leben bahnte … eine schleppende, schwere Stimme, die Joe schmerzhaft an eine unerledigte Sache erinnerte.

»Detective Lucchesi? Jedes Mal, wenn Sie auf die Narben auf dem hübschen kleinen Körper Ihrer Frau schauen … unten auf dem straffen kleinen Körper. Oder wenn Sie sie auf den Rücken legen. Sie ist ein leichtes Mädchen, nicht wahr? Haha! Es ist kein Problem, sie auf den Rücken zu drehen, nicht wahr? Auch da sind Narben. Sie geben mir das Gefühl, dies wäre mein Geschenk an sie, das ich ihr jeden Tag aufs Neue mache. Ich hätte da mal eine Frage, Detective Lucchesi: Wenn Sie diese Narben sehen, begehren Sie sie dann immer noch?« Eine kurze Pause. »Oder stehen Sie mehr auf mich?« Er lachte laut und schrill. »Sagen Sie es mir? Wer ist denn jetzt der Dumme? Die kleine Anna Lucchesi oder der große, böse Duke Rawlins?« Ein paar Sekunden herrschte Totenstille. Dann sprach er ein letztes Mal: »Sie werden mich niemals begraben, Detective. Ich werde Sie begraben.«

1

Die Detectives Joe Lucchesi und Danny Markey stiegen in den Aufzug, der sie in die Büros der Mordkommission Manhattan Nord im fünften Stock brachte. Die ersten drei Stunden ihrer achtstündigen Schicht, die um acht Uhr begann und um sechzehn Uhr endete, hatten sie hinter sich. Ein kleiner, quirliger Mann sprang in letzter Sekunde zu ihnen in den Aufzug.

»Ich kann die Zukunft aus der Hand lesen. Na, wie wär’s?« Der kleine Mann hatte glatte braune Haut, und das Lid am linken Auge hing schlaff herunter. Er stand genau vor Joe und schaute mit einem freundlichen Lächeln zu ihm auf. Joe warf Danny einen Blick zu und hielt dem Mann seine linke Handfläche hin.

Der Mann trat zurück und knallte mit dem Kopf gegen die Aufzugtüren.

»Nicht Ihre Handfläche«, sagte er. »Nicht die Handfläche. Den Handrücken, bitte. Ich kann nur vom Handrücken lesen.«

Joe drehte die Hand um.

»Die andere Hand auch. Sie ebenfalls«, sagte der Mann mit Blick auf Danny. »Beide Hände. Beide Hände. Viele Hände machen Jack ganz schwach.«

Joe und Danny lächelten und taten, was der kleine Mann verlangte.

»Sie lächeln? Na, freuen Sie sich mal nicht zu früh«, sagte der Mann. »Was ich hier sehe, könnte auf schlechte Nachrichten hindeuten. Schreckliche Nachrichten! Es könnten zu viele Köche sein, die den Brei rühren.«

»Wir wollen keine schlechten Nachrichten hören«, sagte Danny. »Stimmt’s, Joe?«

»Stimmt«, pflichtete Joe ihm bei.

»Ja, sicher«, sagte der Mann. »Aber ich bin nicht nur der Überbringer. Ich bin der, mit dem alles beginnt. Ich bin der, der alles in Bewegung setzt. Ich bin wie der Urknall. Und die Zukunft, die ich sehe, beginnt genau hier. Volle Kanne.«

Der Mann hob die Arme und drehte die dunkelrote gehäkelte Wollmütze auf seinem Kopf herum, sodass eine der Ohrenklappen mitten auf seinem Gesicht hing. Er drehte sie noch einmal und schaute dann wieder auf die Hände der beiden Detectives.

»Ja«, sagte er. »Ich sehe was. Ich sehe tatsächlich was. Eine Zeile … der König der Fifth Avenue. Ihr Produkt in einer Zeile. Ihre Marke in einer Zeile. Ihre Zukunft in einer Zeile.« Der Mann starrte auf die Hände der Detectives.

»Da ist ja alles schön und gut.« Danny schmunzelte. »Aber was hat es zu bedeuten?«

Die Klingel ertönte, und die Aufzugtüren öffneten sich in der fünften Etage. Joe und Danny stiegen aus. Als die Türen sich wieder schlossen, schob der kleine Mann sein Gesicht dicht vor den Spalt.

»Sie beide haben die Arschkarte gezogen.«

Die Türen schlossen sich.

Joe und Danny blickten einander an.

»Der Typ gehört in die Klapse«, meinte Joe.

»Ja«, sagte Danny. »Oder wir schicken ihn zu den Kollegen vom Innendienst. Die haben ohnehin schon die Arschkarte gezogen.«

In der Mordkommission Manhattan Nord arbeiteten sechzehn Detectives in drei Teams in einem modernen Großraumbüro. In einer Ecke befand sich ein kleines Büro mit Glaswänden, das der Sergeant und der Lieutenant sich teilten. Die New Yorker Polizei war die einzige Polizeibehörde in den USA, deren Beamte sich keinen regelmäßigen Gesundheitschecks unterziehen mussten. Allein dadurch war es möglich, dass Sergeant John Rufo ein Gewicht von zweihundertdreißig Pfund auf die Waage brachte und jetzt vor dem Dilemma stand, mühsam wieder abzuspecken.

»Ihre geistige Beweglichkeit ist geschwächt.« Rufo zeigte mit einer Gabel, auf die irgendein beigefarbener Bissen gespießt war, auf Joe und Danny.

»Ist das Tofu?«, fragte Danny.

»Nein, das ist kein Tofu. Das ist mariniertes, gedünstetes Huhn. Tofu! Verschonen Sie mich mit so einem Zeug.«

Joe und Danny wechselten einen Blick.

»Huhn? Es ist elf Uhr morgens«, sagte Danny.

»Man soll viele kleine Mahlzeiten einnehmen«, erwiderte Rufo. »Das ist eine der Grundregeln für gesunde Ernährung.« Er zeigte auf seinen Teller. »Gemüse, Proteine …«

»Ja«, sagte Danny. »Und Tomatensauce, Hackbällchen, Sahnekuchen zum Nachtisch … darauf achte ich auch immer.«

»Wie halten Sie dabei Ihr Gewicht?«, fragte Rufo.

»Ich treibe Sport.«

Rufo verdrehte die Augen und stocherte mit der Gabel in seinem Salat. »Wer ist heute dran?«

»Ich«, sagte Joe. »Übrigens, ich esse gern Französisch.«

»Beim französischen Essen muss man aufpassen.« Rufo hob den Blick zu ihm. »Es schmeckt sehr gut«, er hob warnend einen Finger, »weil es reichhaltig ist. Ihre Frau, Joe, hat als gebürtige Französin die richtigen Gene für diese Ernährung. Sie nicht. Jetzt sind Sie noch schlank, aber warten Sie mal ab, wie es in ein paar Jahren mit Ihnen aussieht.«

Joe lachte. »Danke, dass Sie sich Sorgen um mich machen, Chef.«

»Eine abwechslungsreiche Kost«, sagte Rufo, »ist der Grundpfeiler …«

Das Telefon klingelte. Rufo nahm den Hörer ab. »Ruthie, ja. Stellen Sie ihn durch.« Rufo nickte. »Wie geht’s? Okay. Ja. Okay.« Er lauschte, nickte wieder und schrieb dann etwas auf einen Block, der vor ihm auf dem Tisch lag. »Sofort. Die Detectives Joe Lucchesi und Danny Markey. Ja. Klar. Mach’s gut.« Er legte auf. »Leute, wir haben einen Mord in der Vierundachtzigsten Straße West. Hier ist die Adresse. Ein Mann wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden.« Er riss das Blatt heraus und reichte es Joe. »Die Kollegen vom zwanzigsten Revier sind bereits am Tatort.«

Joe und Danny überquerten den Broadway, um zum Parkplatz unter der Eisenbahnbrücke zu gelangen.

»Es ist unglaublich«, sagte Danny. »Jedes Mal, wenn wir in seinem Büro sind, verwickelt der Dicke uns in Gespräche über das Essen. Jetzt sterbe ich vor Hunger.« Danny war ein drahtiger kleiner Mann ohne Übergewicht. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr trug er dieselbe Kleidergröße. Er hatte helle Haut und blasse Sommersprossen, hellbraunes Haar und blaue Augen. Joe hingegen war groß, dunkelhaarig und breitschultrig.

Joe blieb stehen. »Verdammt.«

»Was ist?«

»Sieh dir das an!« Joe setzte sich wieder in Bewegung, ging auf den silberfarbenen Lexus zu. »So ein Mist!« Er zog die Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Wagentür und riss das Handschuhfach auf. Er nahm ein Tuch heraus und rieb über einen Teerfleck auf der Windschutzscheibe.

»Das geht mir wirklich gehörig auf den Keks.« Joe schaute hinauf zur Brücke, von wo der Teer heruntertropfte.

»Zum Glück ist der Fleck noch frisch. Warum bist du nicht mit der Rostschleuder gekommen?« Danny meinte den Ersatzwagen, den man in der schlimmsten Gegend der Stadt parken konnte, ohne sich Sorgen machen zu müssen, er könnte beschädigt oder gestohlen werden.

»Wir sind heute zu Shauns Schule bestellt. Ich fahre sofort nach der Arbeit dorthin. Zumindest hatte ich das vor. Anna wird wohl alleine fahren müssen.« Shaun war Joes achtzehnjähriger Sohn.

»Das wird ihr nicht gefallen«, sagte Danny. »Was hat er diesmal ausgefressen?«

Joe zuckte die Schultern. »Keine Ahnung.«

»Der Junge hat viel durchgemacht.«

»Ja, aber der ständige Ärger zehrt auch an meinen Nerven. Und Anna kann so was nun wirklich nicht gebrauchen. Jeden Monat zur Schule bestellt zu werden und diesem bescheuerten Klassenlehrer Rede und Antwort zu stehen. Ein Typ, der fünfzehn Jahre jünger ist als wir.«

»Shaun ist in Ordnung, Joe. Nächstes Jahr geht er aufs College. Er ist in einem Alter, dass ihr euch bald keine Sorgen mehr zu machen braucht. Stell dir vor, du hättest vier Sprösslinge unter zehn Jahren. Ich liebe sie, aber … Mann.« Danny seufzte. »Komm jetzt. Sag dem schönen Wagen adieu und steig in diese Rostlaube.« Der Mordkommission Manhattan Nord standen fünf Fahrzeuge zur Verfügung. Wenn jemand einen Wagen nach einem Einsatz mit einem Kratzer zurückbrachte, machte Rufo ihn zur Schnecke. Normalerweise fuhr Joe. Heute hatten sie den ältesten Wagen – einen grauen Gran Fury. »Wenn da ein Kratzer drankommt, interessiert das kein Schwein«, sagte Danny.

Sie scherten aus und fuhren auf dem Broadway Richtung Süden.

»Wie ist es bei Dr. Pashwar gelaufen?«, fragte Danny.

»Ich bin zu ihm rein, hab mir das Schmerzmittel verschreiben lassen und bin wieder weg.«

»Das war alles?«

»Das war alles.«

»Weil du Schiss hattest, stimmt’s?«

»Warum fragst du mich? Bist du vom psychologischen Dienst oder was?«

Danny blieb ihm die Antwort schuldig. »Ich vermute, du bist da rein, hast ihm gesagt, dass du total im Stress bist und ein Rezept brauchst. Und schon warst du wieder weg.«

»Was hätte ich denn sonst machen sollen?«, fragte Joe.

»Dich behandeln lassen.«

Joe litt an einer zeitweiligen Funktionsstörung des Kiefergelenks. Wenn er Glück hatte, knackte sein Kiefer bloß, sobald er den Mund öffnete; schlimmstenfalls hatte er unerträgliche Schmerzen im ganzen Kopf. Danny beobachtete seit Jahren, dass Joe rezeptfreie Tabletten gegen Schmerzen und Entzündungen schluckte. Kürzlich war er auf eines der stärksten Medikament umgestiegen: Vicodin.

»Es wird immer schlimmer«, sagte Danny.

»Ja, du auch.« Joe wandte sich ab. Der Anruf gestern hatte ihn weit zurückgeworfen, viel zu weit – zu Ereignissen, die er monatelang zu vergessen versucht hatte: die blutigen Überreste eines achtjährigen Entführungsopfers und die Beinahe-Vernichtung seiner eigenen Familie. Das Mädchen, das zerfetzt worden war, war ganz kurz vor seinem Tod zu seiner verzweifelten Mutter zurückgekehrt, und beide waren sich glücklich in die Arme gefallen. Sekunden später wurde diese Szene durch entsetzliche, blutige Bilder verdrängt, die Joe noch immer nicht vergessen konnte. Weil die Mutter des kleinen Mädchens die Polizei benachrichtigt hatte, hatte der Kidnapper sie und das Kind aus Rache in die Luft gesprengt.

Joe hatte dem Killer sechs Kugeln in die Brust gejagt.

Sein Name war Donald Riggs.

Nach diesen Geschehnissen drängte Anna darauf, dass Joe eine Auszeit nahm. Ihr wurde ein Job in Irland angeboten, und so zogen sie mit Shaun dorthin. Doch nach nur acht wunderschönen Monaten wendete sich das Blatt. Donald Riggs hatte einen Verbündeten, Duke Rawlins – einen Killer, mit dem er jahrelang gemeinsam gemordet hatte und der Riggs’ Tod nicht ungesühnt lassen wollte. Gerade erst nach einer Höchststrafe aus der Haft entlassen, verfolgte Rawlins Joe bis nach Irland und versuchte, ihn und seine Familie zu vernichten. Während ihres Aufenthalts auf der Grünen Insel war Shauns Freundin Katie ermordet worden. Kurz darauf entführte Rawlins Anna und fügte ihr dermaßen schreckliche körperliche und psychische Wunden zu, dass sie nun Tag für Tag kämpfen musste, die traumatischen Ereignisse zu überwinden.

Joe und Danny parkten neben dem Streifenwagen vor dem Wohnhaus in der Vierundachtzigsten Straße West. Ein gut gekleidetes Paar stand unter der grünen und goldenen Markise. Die beiden spürten offenbar, dass hier etwas passiert war, interessierten sich jedoch mehr dafür, wo sie heute ihren Brunch einnehmen sollten. Der Portier war ein gepflegter älterer Herr mit weißen Handschuhen und Schnurrbart. Auf seiner Dienstmarke stand Milton.

»Schrecklich«, sagte er, wobei er den Kopf schüttelte und mit einer Hand auf die Aufzüge zeigte.

»Hat schon jemand mit Ihnen gesprochen?«, fragte Danny.

»Ja, Sir.« Milton nickte.

»Gut«, sagte Danny. »Wir kommen dann gleich noch einmal auf Sie zurück.«

Im dritten Stock stiegen sie aus und gingen über einen Flur mit grauen Fliesen zur Wohnung 3E. Ein Detective in einem marineblauen Anzug kam auf den Flur und schaute auf den Notizblock, den er in der linken Hand hielt. Die rechte Hand presste er auf seinen Magen. Langsam drehte er sich zu den Ankömmlingen um. Danny und Joe stellten sich vor.

»Tom Blazkow, zwanzigstes Revier«, sagte der Detective. Das zwanzigste Polizeirevier war für das gesamte Gebiet von der Neunundfünfzigsten bis zur Sechsundachtzigsten Straße zuständig, westlich des Central Parks. Blazkow war ein stämmiger Mann Mitte vierzig. Er hatte kurzes graues Haar, ein breites Kinn und blutunterlaufene blaue Augen. Er drehte sich zu dem Detective um, der nach ihm die Wohnung verließ.

»Das ist mein Partner, Denis Cullen.«

Die Männer nickten einander zu. Cullen war Anfang fünfzig. Er trug einen ausgebeulten braunen Anzug und die Krawatte eines Bowling-Clubs, dazu eine mit dem Sternenbanner verzierte Nadel. Sein blassrotes Haar lichtete sich bereits, und seine Nase und die Wangen waren von blauen Äderchen durchzogen. Er machte einen kompetenten Eindruck, wirkte aber erschöpft.

»Was haben wir denn, Jungs?«, fragte Joe.

Blazkow berichtete: »Ethan Lowry, Grafikdesigner, geboren zwölfter April einundsiebzig, verheiratet, eine kleine Tochter. Beim Notruf ging ein Anruf von dem Schonkostservice ein, der ihm jeden Morgen seine Mahlzeiten für den ganzen Tag liefert. Er hat die Tür nicht geöffnet. Es war das erste Mal innerhalb von elf Monaten. Der Lieferant sah auf dem Gang einen Blutflecken und nahm einen unangenehmen Geruch wahr.« Er zeigte auf einen blassen jungen Mann. »Die beiden Lieferanten haben geklingelt und an die Tür geklopft. Nichts geschah. Sie gingen zur Rückseite des Hauses und stiegen die Feuertreppe hinauf. Da sie durchs Fenster nichts sehen konnten, riefen sie die Polizei. Der Leichnam lag gleich hinter der Eingangstür. Keine Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens. Die Balkontür war verschlossen. Auf dem Handy der Ehefrau meldete sich niemand. Wir haben unten an den Aufzügen einen der Lieferanten postiert. Er weiß, nach wem er Ausschau halten muss. Ihr müsst klopfen.« Er zeigte auf die Wohnung. »Passt bloß auf. Wenn ihr Pech habt, rutscht ihr auf den Fetzen seines Gesichts aus.«

Joe griff in die Tasche und zog ein weißes Taschentuch und eine kleine Flasche Aftershave heraus. Er träufelte ein paar Tropfen auf das Taschentuch, führte es an die Nase und atmete mehrmals tief ein. Dann klopfte er an die Wohnungstür, ehe er und Danny vorsichtig eintraten.

Ethan Lowry lag auf dem Rücken, nackt, die Arme seitlich ausgestreckt. Sein Körper wurde gegen die Fußleiste hinter der Tür gedrückt. Der Kopf war nach rechts gedreht. Lowry war kaum noch zu erkennen. Sein Kopf war regelrecht zerfleischt. Jemand hatte ihm fürchterliche Schläge verpasst – sehr viel mehr, als nötig gewesen wären, um einen Mann zu töten, der letztendlich mit einer Kugel umgebracht worden war. Besonders sein Gesicht war betroffen. Ein Teil davon war auf groteske Weise angeschwollen; der Rest ähnelte einem blutigen Brei. Getrocknetes Blut verstopfte seine Nasenlöcher.

»Was steckt da in seiner Kehle?«, fragte Danny.

»Sein Mund«, sagte Joe.

»Mein Gott.« Danny beugte sich hinunter. Lowrys Mund sah aus, als wäre das Innere nach außen gestülpt worden. Er bedeckte das Kinn und die linke Seite des Gesichts wie ein Lappen rohes Fleisch. Nur ein Zahn war zu sehen. Die anderen waren unter der aufgequollenen Masse verborgen oder lagen auf dem Boden neben Zahlenschildchen, mit denen sie nummeriert waren. Joe holte tief Luft. Die Haut neben Lowrys linker Augenhöhle, wo der Killer die Waffe aufgesetzt hatte, war aufgerissen.

»Hi«, sagte Danny zu Kendra, einer stämmigen Kriminaltechnikerin, die neben ihm auf dem Boden kauerte.

»Hi, Joe … Danny. Kleine Führung gefällig? Hier ist die Diele, und hier wurde das Wunderwerk vollbracht. Seht ihr das alles?« Sie zeigte auf den Leichnam und machte dann eine weit ausholende Bewegung. »Wir haben ausgespucktes Blut auf dem Boden und an der Wand. Wir haben blutigen Auswurf an der Decke. Wir haben Gewebe- und Hautfetzen. Und da drüben haben wir Hochgeschwindigkeitsspritzer einer Schusswunde. Kleines Kaliber. Außerdem haben wir …«

»Geht es vielleicht ein bisschen langsamer?«, sagte Joe. »Lass uns doch erst mal reinkommen.«

»Tut mir leid«, sagte Kendra. »Ich war so …«

»Vergnügt?«, sagte Danny.

Kendra drehte sich zu ihm um. »Ich liebe meinen Job. Falls dich das aus irgendeinem Grund verwirrt …« Sie zuckte mit den Schultern.

»So was wie das hier muss man ja lieben.« Danny zeigte auf den Leichnam. Neben Lowrys Kopf lag ein schnurloses, blutverschmiertes schwarzes Telefon. Joe streifte einen Latexhandschuh über, hob es auf und drückte auf eine Taste, um die Telefonliste aufzurufen.

»Gestern Abend um zweiundzwanzig Uhr achtundfünfzig muss hier noch jemand gelebt haben.« Joe schrieb sämtliche empfangenen Anrufe und alle gewählten Rufnummern auf.

»Ich rufe Martinez an«, sagte er dann. »Es sei denn, du willst das übernehmen, Danny.« Joe lächelte. Als er im letzten Jahr seine Auszeit in Irland genommen hatte, hatte Aldos Martinez ihn als Dannys Partner ersetzt. Gemeinsam mit Martinez’ neuem Partner, Fred Rencher, bildeten sie nun das D-Team in Manhattan Nord, die einzige vierköpfige Mannschaft.

»Hi, Martinez, hier ist Joe. Tu mir einen Gefallen. Überprüfe bitte das Opfer eines Gewaltverbrechens: Ethan Lowry, sechzehn-vierzig, Vierundachtzigste Straße West. Geboren zwölfter April einundsiebzig. Ja. Danke. Prima. Wir sehen uns.« Joe verstummte und warf Danny einen Blick zu. »Ja, er ist hier. Willst du ihn sprechen?«

Danny schüttelte heftig den Kopf.

»Ja, okay«, sagte Joe. »Bis nachher.«

»Was wollte er?«

»Er wollte dir nur sagen, dass er dich schrecklich vermisst.«

»Sieh dir das hier mal an.« Danny kauerte sich neben Lowrys Handgelenke und zeigte mit seinem Kugelschreiber auf mehrere Löcher in den Bodendielen. »Seine Arme müssen mit irgendetwas festgebunden worden sein, das hier in den Boden geschlagen wurde. Auf beiden Seiten seiner Handgelenke sind Löcher.«

»Hast du irgendwas gefunden, womit er die Löcher gemacht haben könnte, Kendra?«, fragte Joe.

»Nein«, erwiderte sie. »Täter lassen so etwas nicht am Tatort zurück. Ich habe keine Ahnung.«

2

Von der Diele in Lowrys Wohnung gingen sechs Türen ab: Zur Linken lagen zwei Schlafzimmer und ein Bad, zur Rechten die Küche sowie das Wohn- und Arbeitszimmer. In der zitronengelb gestrichenen Küche standen glänzende grüne Schränke mit cremefarbenen Arbeitsflächen; alles war sauber und ordentlich. Im Wohnzimmer standen ein dunkelrotes Sofa und ein Breitbildfernseher. In einer Ecke war ein Berg Kinderspielzeug zu sehen. Unter dem Fenster lagen eine Yogamatte und zwei rosa Hanteln.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ein guter Grafikdesigner bei dieser Einrichtung seine Hand im Spiel hatte«, sagte Joe.

»Vielleicht war er ein schlechter Grafikdesigner«, meinte Danny. »Du neigst dazu, Opfer talentierter darzustellen, als Beweise es belegen.«

»Tue ich nicht.«

»Wenn sie in einem schicken Haus wohnen, tust du’s.«

»Aber sie wohnen selten in schicken Häusern, Danny. Stattdessen verwesen sie auf den nackten Sprungfedern eines Bettes in einer heruntergekommenen Opiumhöhle oder an einem Ort, der seit Ewigkeiten kein Putzmittel mehr gesehen hat.«

Sie betraten Ethan Lowrys Arbeitszimmer.

»Das passt schon eher«, sagte Joe. »Verstehst du, was ich meine?«

»Du vermischst Krimis und diese Renovierungssendungen. Einsatz in vier Wänden. Tatort: Villa.«

»Blödmann.«

»Detective Joe Lucchesi ermittelt in Ihrem Mordfall, liebe Zuschauer«, fuhr Danny fort. »Er will dem Täter und Ihrem Geschmack auf die Spur kommen. Wo waren Sie in der Nacht des Mordes? Und warum haben Sie diese Stoffe zu diesem Teppich ausgewählt? Die Auflösung sehen Sie nach der Pause. In dieser Saison sind grüne Küchen der Renner, und für Ihre Morde empfehlen wir Ihnen Küchenmesser der Marke …«

»Okay, okay«, unterbrach Joe. »Lass mich nachdenken.«

Ethan Lowrys Büro war aufgeräumt und zweckmäßig eingerichtet. An einer weißen Wand stand ein langer grauer Computertisch auf Stahlbeinen. Ein 20-Zoll-Flachbildmonitor stand in der Mitte. Der Bildschirmschoner lief und zeigte eine Diashow von Lowrys Schnappschüssen. Vor dieser Fotoserie aus dem Leben eines toten Mannes blieb Joe stehen. Die Fotos ließen erkennen, dass Ethan Lowry sich alle Mühe gegeben hatte, Gewicht zu verlieren. Der straffere, leichtere Körper, für den er sich geschunden hatte, lag nun entstellt und geschunden in einer Blutlache hinter der Eingangstür. Eine professionelle SLR-Digitalkamera lag auf einem kleinen Tisch rechter Hand, neben zwei Schubladenelementen aus durchsichtigem Plastik. Joe zog ein paar Schubfächer auf: Quittungen, Büroklammern, Gummibänder, Briefmarken. In der untersten Schublade lagen zahlreiche Auszeichnungen, die allmählich verstaubten.

Die Kabel des Computers, Druckers, Zip-Laufwerks und der Lampe, die unter dem Tisch lagen, waren säuberlich mit Kabelbindern verlegt worden und endeten mit Steckern, die mit Symbolen versehen waren. Auf dem Boden neben einem ordentlich gemachten Bett in der Ecke lagen eine marineblaue Jogginghose, ein weißes T-Shirt und eine weiße Boxershorts aus Jersey. Daneben lag ein mit Gummiband umwickelter Packen Briefe, die mit mädchenhafter Schrift geschrieben und an Ethan Lowry gerichtet waren. Auf dem Bett lag ein 17-Zoll-PowerBook, an dem ein winziges weißes Licht blinkte. Daneben lagen ein Vibrator mit Fernbedienung und eine kurze, harte Lederpeitsche.

Joe klappte den Laptop auf, worauf eine Bilderfolge von Softporno-DVD-Hüllen gezeigt wurde: Männer in Jeans und mit nackten, glänzenden Oberkörpern beugten sich über verloren wirkende Blondinen. Lesben mit riesigen Brüsten, die sich küssten, Cheerleader, Handwerker, junge Soldatinnen und Soldaten, Polizisten.

»Ein Fan der Village People. Wir sind zu schüchtern für so was«, sagte Danny.

»Zu zahm.«

»Ja, ein zweiter Marvin ist er nicht.« Marvin war eine der ersten Leichen gewesen, mit der Joe und Danny sich als Anfänger hatten beschäftigen müssen, ein krankhaft fetter Mann, der seinen eigenen Essgewohnheiten zum Opfer gefallen war. In seiner Wohnung hatten sie Berge von Lebensmitteln, einen großen Stapel Krispy-Kreme-Schachteln, einen Haufen zerknitterter Kleenextücher und die schmutzigste Sammlung von Amateurpornos gefunden, die ihnen je untergekommen war.

Sie betraten das Schlafzimmer. Es war ebenfalls aufgeräumt, und die untere Hälfte des Doppelbettes war mit einer blassgrünen Satindecke bedeckt.

Auf beiden Nachtschränken lagen neben Wasserflaschen Bücher. Auf der Seite der Frau lagen Kopfschmerztabletten und ein Armband, auf der Seite des Mannes eine Brieftasche und eine Uhr. In einer Ecke stand ein Stuhl, auf den eine Jeans und ein graues Sweatshirt gebettet waren. Über eine Stufe linker Hand erreichte man einen höher gelegenen Ankleidebereich, der Mrs Lowrys Reich zu sein schien und der durch den Überfall am stärksten betroffen war. Überall lagen Schminkutensilien und Schuhe, Gürtel und Taschen verstreut. In einer Ecke standen zwei Wäschekörbe, aus denen die schmutzigen Sachen quollen. Ein halb ausgepackter Koffer stand einsam vor dem Schrank. Die Frisierkommode war mit Haarpflegeprodukten, Hautcremes, Hauttönungsmitteln und weiteren Schminkutensilien übersät. Ein kleiner Hocker lag umgekippt auf dem Boden.

Joe schaute sich das Zimmer mehrere Minuten lang an, ehe er zu dem Schluss kam, dass der Täter das Schlafzimmer nicht betreten hatte. Es schien eher ein Beispiel dafür zu sein, dass Gegensätze sich anzogen.

Joe notierte sich, wo Fotos gemacht werden mussten, und sprach es mit Kendra ab, als er in die Diele zurückkehrte. Er fertigte eine Skizze der Wohnung an, wobei er auch die winzigsten Details berücksichtigte.

Nach drei Stunden machten sie sich erschöpft auf den Rückweg ins zwanzigste Polizeirevier.

»Was meinst du?«, fragte Danny, als sie in den Wagen stiegen.

»Auf jeden Fall war es kein Raubüberfall.«

»Stimmt. Dann hätte die Brieftasche nicht dagelegen.«

»Zwei Brieftaschen.«

»Was?«

»Der kleine Tisch in der Diele war umgeworfen. Da lag eine abgegriffene Brieftasche. Und dann die neue.«

»Beide vom Opfer?«

»In beiden steckten seine Karten. Und Geld.«

»Ja, und dann die teure Uhr auf dem Nachttisch …«, sagte Danny.

»Das Sexspielzeug und der nackte Leichnam könnten auf einen Sexualmord hindeuten.«

Danny nickte. »Meinst du, er hatte nebenbei was laufen? Blazkow hat gesagt, seine Frau sei über Nacht in Jersey bei ihrer Mutter gewesen. Er hatte also sturmfreie Bude.«

Joe nickte. »Ja, würde ich sagen.«

Er zog sein Handy aus der Tasche. Acht entgangene Anrufe. Sechs waren von Anna. Fünfmal hatte sie aufgelegt, einmal auf die Mailbox gesprochen, und zwar die kurze Mitteilung: »Du Arsch.«

Joe schaute auf die Uhr und erkannte den Grund für Annas wenig schmeichelhafte Wortwahl: Er hatte den Termin in Shauns Schule verpasst. Und er hatte Anna nicht angerufen.

»Verdammt«, stieß er hervor. »Ich hab vergessen, Anna anzurufen.«

»Du bist ein toter Mann«, sagte Danny und lenkte den Wagen in eine Parklücke vor dem zwanzigsten Revier.

»Geh schon mal vor«, sagte Joe. »Vielleicht kann ich meinen Hals ja noch retten.« Nachdem Danny ausgestiegen war, rief er Anna an. »Hallo, Liebling. Hör mal, es tut mir leid, aber ich hab’s nicht geschafft …«

»Ich weiß«, sagte Anna. »Weil ich schon in der Schule war und jetzt wieder zu Hause bin.«

»Sei nicht sauer. Wir haben hier einen Mordfall, und ich bin schwer beschäftigt. Wie ist es gelaufen?«

»Die Direktorin war da, und sie fing gleich an zu …«

Joe sah Cullen und Blazkow aus dem Wagen steigen und im Gebäude verschwinden. »Wir reden später darüber, ja?«, unterbrach er sie. »War es alles in allem denn okay?«

»Kommt darauf an«, erwiderte sie steif.

»Ich muss los. Ich ruf dich an, wenn ich wieder im Büro bin. Es wird wahrscheinlich spät. Ich liebe dich.«

Doch Anna hatte schon aufgelegt.

Joe fuhr in den ersten Stock hinauf, wo seine Kollegen sich unterhielten und Kaffee tranken.

»Was haben wir?«, fragte er.

»Einen Mord, keine Zeugen«, sagte Blazkow.

»Videoaufzeichnungen?«, fragte Joe.

»Bisher nichts«, sagte Martinez.

»Auch nicht von der anderen Straßenseite?«

»Nee.«

»In dem Wohnhaus waren nicht alle zu Hause«, sagte Blazkow. »Mal sehen, ob wir noch was erfahren, aber die beiden Nachbarn gleich nebenan haben nichts gehört, und der Portier hat nichts gesehen.«

»Was ist mit seiner Frau?«

»Ist mit ihrer Tochter bei ihrer Mutter«, sagte Martinez. »Sie war fix und fertig, hat aber versucht, sich wegen dem Mädchen zusammenzureißen. Viel war aus ihr nicht rauszubekommen. Sie hat keine Ahnung, warum das passiert ist. Sie haben nicht viele Bekannte und verbringen die meiste Zeit allein.«

»Okay. Rencher, könntest du Lowrys Telefonate überprüfen?«, fragte Joe. »Und du, Cullen, könntest die Kennzeichen sämtlicher Fahrzeuge checken, ja? Morgen liegen uns die Ergebnisse der Autopsie vor. Wenn wir den Todeszeitpunkt kennen, können wir uns das Haus noch mal vornehmen.« Er drehte sich zu Blazkow um. »Hat die Recherche beim BCI oder bei Triple I etwas ergeben?«

Jeder, der in New York verhaftet wurde, bekam eine sogenannte NYSID-Nummer, eine Identifikationsnummer des Staates New York. Die Daten wurden beim BCI gespeichert, dem Bureau of Criminal Investigation. Wenn Lowry vorbestraft war, konnten sie das Foto beim BCI abrufen. Und eine Überprüfung bei Triple I würde zeigen, ob Lowry außerhalb des Landes Verbrechen begangen hatte.

»Nichts.«

»Okay«, sagte Joe.

»Setz dich«, sagte Blazkow. »Möchtest du einen Kaffee?«

»Ja, danke.« Joe zog seine Jacke aus und nahm Platz. Denis Cullen kam zu ihm.

»Joe? Könnte ich wohl die Überprüfung der Finanzen und vielleicht auch der Telefonate übernehmen?«

Joe lachte. »Das ist das erste Mal, dass mir jemand diese Frage stellt. Woher rührt denn dein Eifer?«

»Ich glaube, ich habe ein Auge für so was.«

»Okay, dann mach mal.«

Um ein Uhr nachts saß Joe erschöpft am Schreibtisch. Seine Finger waren vom vielen Tippen steif geworden. Er wusste, dass er sein Kaffeelimit überschritten hatte, denn inzwischen machte das Koffein ihn müde.

»Ich hau ab«, sagte er und stand auf.

»Alles in Ordnung?«, fragte Danny.

»Ja, ich bin nur müde. Kommst du mit?«

»Wohin? Fährst du nicht nach Hause?«

»Heute nicht. Ich will zuerst wissen, was bei der Autopsie herausgekommen ist.«

Im Schlafsaal der Mordkommission Manhattan Nord, der sich neben dem Umkleideraum mit den Spinden befand, standen vier Metallbetten mit dünnen Matratzen und Decken. Beim Schichtplan der Mordkommission folgten auf vier Arbeitstage zwei freie Tage. Die ersten beiden Arbeitstage begannen um vier Uhr nachmittags und endeten um ein Uhr nachts. Die letzten beiden begannen um acht Uhr morgens und endeten um vier Uhr nachmittags. Beim Wechsel zwischen der Spätschicht bis ein Uhr nachts und dem Tagesdienst ab acht Uhr schliefen die meisten Detectives im Schlafsaal. Anna jedoch war nachts nicht gern allein; daher fuhr Joe meistens nach Hause. Da sie in Bay Ridge wohnten, war es nicht weit. Doch in den ersten Nächten eines größeren Falles erwartete Anna ihn nicht zu Hause; sie wusste, dass Joe dann in Bereitschaft bleiben musste. Er rief sie dennoch an.

»Ich bin’s noch mal, Liebling. Ich bleibe heute Nacht im Büro.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, sagte Anna und seufzte. »Ist schon okay.«

»Kommst du klar? Ist Shaun zu Hause?«

»Nein, aber er wird bald kommen.«

»Wie war es in der Schule?«

»Die Direktorin war sehr nett. Ich glaube, sie mag Shaun, sieht aber auch, dass er sich … nun ja, verändert hat. Sie sagt, er benehme sich flegelhaft und sei unkooperativ.«

»Das sind deine französischen Gene.«

»Ha-ha«, machte Anna. »Und dass seine Noten schlechter geworden sind, liegt an seinen amerikanischen Genen.«

Joe lachte. »Das haben sie über seinen Charme und sein Aussehen gesagt.«

»Und seine mangelnde Selbstachtung.«

»Was war denn das Fazit?«

»Seine Lehrer wollen ihm die Chance geben, seine Noten zu verbessern. Sie sagen, das schafft er leicht, wenn er nicht immer so müde in die Schule kommt.«

»Haben sie dir hart zugesetzt?«

»Sie brauchten kein Wort zu sagen.«

»Kommst du heute Nacht wirklich allein zurecht? Möchtest du, dass ich Pam bitte, bei dir zu schlafen?«

Pam war die zweite Frau von Joes Vater Giulio.

»Pam?« Anna lachte. »Tolle Idee. Eine Frau, die genauso alt ist wie ich und jetzt meine Schwiegermutter ist, soll auf mich aufpassen.«

»Sie soll nicht auf dich aufpassen. Du könntest sie auf ein Glas Wein zu uns einladen, und ihr schaut euch einen Film an.«

»Vielleicht hast du’s vergessen, aber es ist ein Uhr nachts. Ich komme schon klar. Schlaf gut … falls du zum Schlafen kommst.«

»Danke. Wir sehen uns.«

»In ein paar Tagen. Ich weiß.«

3

Stanley Frayte musste noch eine Stunde totschlagen, ehe er auf seiner Baustelle erwartet wurde. Er fuhr in seinem weißen Ford Econoline Van, auf dem in großen blauen Lettern sein Firmenname stand – FRAYTE-ELEKTRIK –, die Holt Avenue hinunter. Am südlichen Rand des Astoria-Parks bog er auf den Parkplatz ein, genoss die Stille und die Aussicht und trank einen Becher Kaffee aus der Thermoskanne. Um halb neun war es hier ruhiger als eine Stunde zuvor, wenn die Sportler, die am Morgen zum Walken, Joggen und Schwimmen aufgebrochen waren, nach Hause fuhren, um vor der Arbeit noch schnell zu duschen.

Stanley beendete seine Pause, fuhr die Neunzehnte Straße hinunter und bog auf den kleinen Parkplatz des Wohnhauses ein, in dem er seit zwei Wochen arbeitete. Er nahm sein Werkzeug aus dem Wagen und ging den mit Steinplatten ausgelegten Weg hinauf. Auf halber Strecke blieb er stehen, legte sein Werkzeug auf die Erde, zog ein Taschenmesser vom Gürtel und klappte es auf. Dann kratzte er das Unkraut heraus, das aus einem Spalt im Beton spross. June, die Empfangsdame, die hinter der Rezeption saß, winkte ihm zu, als er auf das Haus zuging. Stanley öffnete die Tür und betrat die Eingangshalle. Es roch nach Essigreiniger, mit dem die Bodenfliesen gewischt worden waren.

Junes Rezeption stand linker Hand und war wie eine Mondsichel geformt, deren Bogen zur Tür hin geschwungen war. Die blassgoldenen Wände waren mit einer cremefarbenen Leiste abgesetzt und erstreckten sich bis zu den Aufzügen. Frei stehende Plastik-Absperrungen hinter der Rezeption machten den Korridor für alle Personen unpassierbar – mit Ausnahme der Arbeiter, die diesen Bereich des Gebäudes bis in den dritten Stock hinauf renovierten.

»Hi, Stanley«, sagte June lächelnd.

»Guten Morgen, June.« Stanley rückte seinen Werkzeuggürtel zurecht, der immer unter seinen Schmerbauch rutschte, egal in welcher Höhe er ihn befestigte. »Gibt’s etwas, das ich wissen muss?«

»Eigentlich nicht, nur dass Mary Burig aus dem ersten Stock das kleine Blumenbeet bepflanzen will, das Sie ihr netterweise überlassen haben.«

»Mary?« Sein Gesicht hellte sich auf. »Heute?«

June nickte. »Ja. Ich glaube, da hat Sie jemand um den kleinen Finger gewickelt, was?«

Stanley grinste. »Sie mag Blumen, das ist alles.«

Mary Burig überprüfte ihr Smartphone, auf dem alles gespeichert war, was sie nicht vergessen durfte: Telefonnummern, Adressen, Kontonummern, Termine, Geburtstage, Jubiläen, Stadtpläne und Routenplaner. Sie brauchte eine Viertelstunde, bis sie das Wohnzimmer aufgeräumt hatte. Sie begann an der Eingangstür und arbeitete sich im Uhrzeigersinn durch alle Ecken. Dann ging sie in die Küche und wischte sämtliche Flächen ab. Mary wollte gerade die Geschirrspülmaschine ausräumen, als es klingelte. Sie ging zur Wohnungstür und öffnete.

»Hallo, Magda«, sagte sie. »Komm rein. Tee?«

»Lieber Kaffee.« Magda umarmte sie.

Magda Oleszak war Anfang fünfzig, schlank und fit und mit frischem Teint, weil sie auf ihre Ernährung achtete und bei jeder Gelegenheit zu Fuß ging. Sie stammte aus Polen und war mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern vor zehn Jahren in die USA eingewandert. Sie sprach perfekt Englisch, hatte ihren Akzent jedoch beibehalten.

»Bei dir sieht es großartig aus.« Magda schaute sich um und zog ihre leichte Regenjacke aus. Neben Marys Bett lag Rebecca von Daphne du Maurier. »Liest du den Roman etwa schon wieder?«

»Ja«, erwiderte Mary. »Ich weiß, es ist verrückt, weil ich das Buch fast auswendig kenne.«

»Da wir gerade über Bücher sprechen«, fuhr Magda fort. »Ich habe gute Neuigkeiten für dich. Stan Frayte verschönert die Bücherei für dich. Kostenlos.«

Mary klatschte in die Hände. »Das ist ja großartig! Vielleicht wird sie dann endlich wie eine richtige Bücherei und nicht mehr wie ein Laden aussehen.«

Magda ging in die Küche. »Es ist kein Kaffee mehr da, Mary!«

»Oh, tut mir leid.« Mary drückte auf dem Menü ihres Smartphones auf »Aufgaben« und schrieb Kaffee auf die Einkaufsliste.

»David kommt heute Morgen, nicht wahr?«, sagte Martha, kam ins Wohnzimmer zurück und setzte sich aufs Sofa.

»Ja, er müsste gleich hier sein.«

»Soll ich bleiben, bis er kommt?«

»Das wäre toll«, sagte Mary.

David Burig war vierunddreißig, sah aber jünger aus. Meistens trug er Anzüge, damit seine Mitarbeiter ihn ernst nahmen. Er führte ein erfolgreiches Catering-Unternehmen, das er gekauft hatte, nachdem er vor neun Jahren eine überbewertete Software-Firma abgestoßen hatte.

»Hallo zusammen«, sagte er, als er kurz darauf erschien. Er umarmte Mary und küsste sie auf die Wange.

»David«, rief sie. »Juhu!«

»Wenn nur alle Frauen so reagieren würden, wenn sie mich sehen.«

»Juhu!«, rief Magda.

David lachte. »Ich fühle mich geehrt. Okay, dann wollen wir mal ans Werk gehen und die Blumen pflanzen. Ich ziehe mich rasch um.« Er musterte Mary. »Du siehst toll aus.«

Mary trug eine orangefarbene Baggyhose aus Baumwolle mit schmalen Bündchen an den Knöcheln, ein grünes Top und weiße Turnschuhe. »Findest du?«

»Umwerfend.« David verschwand mit seiner Sporttasche im Badezimmer.

»Hast du alles, was du für die Gartenarbeit brauchst?«, fragte Magda.

Mary zeigte auf die Geräte, die bereitlagen: »Zwei Schaufeln, eine Matte für die Knie, eine Gießkanne, eine Harke … Ist das alles?«

»Ja«, meinte Magda. »Hinter dem Haus ist ein Wasserhahn.«

Als David zurückkam, trug er eine zerschlissene Jeans, ein langärmeliges blaues Sweatshirt und grüne Pumas im Retrolook. »Okay«, sagte er. »Dann wollen wir mal. Komm, Lady in der scheußlichen Hose, lass uns runtergehen und die schmutzige braune Erde zum Leben erwecken.«

»Ich fahre mit euch im Aufzug runter«, sagte Magda.

Mary legte die Matte vor das Blumenbeet, das sich am Rande des Grundstücks entlangzog, etwa fünfzehn Meter von der Rückseite des Hauses entfernt. Blumentöpfe mit Chrysanthemen in leuchtendem Gelb, Orange und Magenta standen in einer Reihe vor der Wand.

»Sie sind sehr schön«, sagte Mary.

»Stimmt«, pflichtete David ihr bei. »Stan bleibt denselben Farben treu, nicht wahr? Im Herbst pflanzt er nur andere Blumen.« Er drehte sich zu dem kahlen Blumenbeet um. »Schau, er hat den Bereich markiert, auf dem wir pflanzen dürfen. Die schattigste Ecke.«

»Damit wir nichts falsch machen«, sagte Mary. »Wir müssen die Blumen aus den Töpfen nehmen, vorsichtig die Wurzeln abbrechen und sie hier in einem bestimmten Muster pflanzen.« Sie reichte David ein Blatt mit einer groben Skizze.

Er warf einen Blick darauf. »Das dürfte nicht allzu schwierig sein.«

Mary kniete sich auf die Matte und grub ein Loch. David wandte sich den Blumentöpfen zu, stach mit einer kleinen Schaufel in den ersten Topf, löste die Pflanze heraus und schüttelte die überschüssige Erde ab.

Mary lächelte. »Nett, dass du mir hilfst.«

»Ich helfe mir selbst«, erwiderte er. »Das ist eine Therapie. Dem Büro den Rücken kehren und raus an die frische Luft.«

Als David im Gras am Rande des Blumenbeetes Unkraut entdeckte, zupfte er es aus und hielt es hoch. »Ist es nicht seltsam? Wie schnell das Schöne so hässliche Dinge anziehen kann.«

»Wie im Garten von Manderley«, sagte Mary.

»Genau.«

Nachdem sie eine Stunde gearbeitet hatten, hielt David inne und beobachtete seine kleine Schwester, deren Konzentration nie zu erlahmen schien. Sie beugte sich über die farbenprächtigen Blüten, hielt sie vorsichtig in ihrer kleinen Hand und war mit Leib und Seele bei der Arbeit.

»Zum wievielten Mal liest du jetzt eigentlich Rebecca?«, fragte er.

Sie hob den Blick. »Keine Ahnung.«

»Du musst das Buch inzwischen auswendig können.«

Mary lächelte traurig und zitierte: »›Jeden von uns reitet ein Teufel, der uns peinigt. Und am Ende müssen wir uns dem Kampf stellen. Wir haben unsere Teufel bezwungen …‹«

David seufzte. »Oder glauben es zumindest.«

4

Der Leichnam von Ethan Lowry lag auf der perforierten Oberfläche eines Stahltisches im Untergeschoss der gerichtsmedizinischen Abteilung. Unter seinem Rücken lag ein Klotz, um den Rumpf zu stabilisieren, dem bereits die Organe entnommen worden waren. Eine handgeschriebene, blutverschmierte Liste mit den Gewichten der einzelnen Organe lag neben der Waage.

Joe und Danny trugen Einwegoveralls, Gummischürzen und Handschuhe. Den Mundschutz hatten sie inzwischen abgenommen. Joes Digitalkamera und sein Notizblock lagen auf dem Tisch neben ihm. Während der einzelnen Schritte der dreistündigen Autopsie hatte er sich Notizen gemacht, zahlreiche Fotos geschossen und Fragen gestellt.

Dr. Malcolm Hyland war noch sehr jung für einen Gerichtsmediziner. Die Detectives mochten ihn, weil er nicht von ihnen erwartete, dass sie über medizinische Vorkenntnisse verfügten, ohne dass er dabei arrogant auftrat. Er sprach leise, wie aus Respekt vor den Toten, doch wenn er das Mikrofon benutzte, um seine Befunde hineinzusprechen, redete er mit lauter, monotoner Stimme. Danny nannte ihn deshalb »Robodoc«.

»Ich bin bereit, Doc.« Joe griff nach seinem Notizblock und schlug ihn wieder auf.

»Okay«, sagte Hyland. »Geschätzter Todeszeitpunkt zwischen dreiundzwanzig Uhr abends und drei Uhr morgens. Die Todesursache war ein aufgesetzter Kopfschuss. Sie haben ja das kleine Einschussloch neben seiner Augenhöhle und die Kugel vom Kaliber zweiundzwanzig gesehen, die wir aus der Schädelhöhle entfernt haben. Die Schussbahn des Projektils verlief von links nach rechts, die Kugel blieb im Schläfenlappen stecken. Abschürfungen an den Wundrändern, die durch die Drehung der Kugel beim Eintritt entstanden. Da sie direkt über dem Knochen eindrang, haben wir sternförmige Risse in der Haut. Der Tod trat durch Hirnblutung ein.« Hyland hielt inne und ging auf die andere Seite des Obduktionstisches.

»Außerdem haben wir Hinweise auf eine durch physische Einwirkung ausgelöste Atemnot«, fuhr er fort. »Das Zwerchfell konnte sich nicht ausdehnen. Ich würde sagen, der Mörder saß auf der Brust des Mannes oder presste ein Knie darauf, sodass sein gesamtes Körpergewicht auf das Opfer einwirkte. Da es sich in dieser Position nicht zur Wehr setzen konnte, war es für den Mörder ein Leichtes, ihm mit einem vermutlich mittelgroßen Hammer das Gesicht zu zertrümmern.«

»Als ihm die Gesichtsverletzungen beigebracht wurden, hat er noch gelebt?«, fragte Danny.

Hyland nickte. »Er hat Blut und Zahnsplitter eingeatmet.«

»Und der Tod trat durch Erschießen ein?«

»Ja«, bestätigte Hyland. »Ein schrecklicher Tod. Stellen Sie sich vor, der Mann ringt verzweifelt um jeden Atemzug, bietet seine ganze Kraft auf, nur um Luft zu bekommen – dann wird ihm ein Hammer ins Gesicht geschlagen. Sein Körper reagiert reflexhaft auf die Schmerzen, und der Mann ringt dabei immer noch verzweifelt nach Luft, und dann wieder die ...

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