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Blut und Rüben

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Zitat
  6. I. AUFSTELLUNG
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  10. 4.
  11. 5.
  12. 6.
  1. II. NACHSTELLUNG
  2. 7.
  3. 8.
  4. 9.
  5. 10.
  6. 11.
  1. III. VORSTELLUNG
  2. 12.
  3. 13.
  4. 14.
  5. 15.
  1. IV. BLOSSSTELLUNG
  2. 16.
  3. 17.
  4. 18.
  5. 19.
  6. 20.
  1. ANHANG
  2. Geräucherte Rote-Rüben-Suppe mit krossem Speck
  3. Rosenkohl-Steckrüben-Salat mit Schillerlocken und Wasabi-Zabaione
  4. Carpaccio von der Rübe in einer Zitronen-grasvinaigrette
  1. Ich sage Dankeschön
  2. Über den Autor
  3. Fußnote

»DER TEUTOBURGER WALD LIEGT NICHT AM ARSCH DER WELTABER MAN KANN IHN SCHON SEHEN

(Zitat unbekannter Herkunft)

I. AUFSTELLUNG

Selig sind die geistig Armen,

denn sie stecken nie die Nase

in den Brunnenschacht des Lebens

voll gefährlich gift’ger Gase

(Christian Morgenstern)

»Hier isse, die Rübe!«, sagte der Dicke.

»Du bist so blöd wie ein Haufen Scheiße! Was soll das? Habe ich dir gesagt, du sollst ihn hierher bringen?«

»Dachte, du wolltest ihn dir mal angucken.«

»Reicht mir, dass ich ihn lebend schon nicht mehr ertragen konnte. Jetzt bringst du Idiotenschädel mir seinen Kopf!«

»Seine Rübe!«, kicherte der Dicke.

Das Glitzern in den Augen des Dicken gefiel dem anderen nicht. Es hatte etwas Unberechenbares. Er überlegte, ob es richtig war, ihn noch länger am Leben zu lassen. Zu großes Risiko. Und er hätte die Verwandtschaft des Dicken am Hals. Und wenn es aussah wie ein Unfall?

»Jetzt schaff den Kopf dorthin, wohin ich es dir aufgetragen habe!«

»Willst du ihn dir nicht erst angucken?«

»Hab ich doch gesagt: Nein!«

Der Dicke knallte die Tüte demonstrativ auf den Tisch. Es erzeugte einen platschenden Laut, so als würden sich darin ein paar Kilo Gehacktes befinden. Tatsächlich prangte auf der Plastiktasche der Name einer stadtbekannten Metzgerei.

»He, sei vorsichtig, den Kopf brauchen wir noch!«, sagte der andere. Allmählich hatte er es satt, sich mit dem Idioten abzugeben.

»Hackfresse!«, grinste der. »Dem macht nichts mehr was aus!«

»Hör zu, du bringst jetzt den verdammten Kopf weg!«

»Erst musst du ihn dir angucken.«

»Was ist das denn für ein Spiel?«

»Mein Spiel.« Das Grinsen war aus dem Gesicht des Dicken verschwunden.

»Und danach bringst du ihn weg, klar?«

»Klar.«

Der andere beugte sich über die Tüte. Der Gestank, der daraus entwich, war unbeschreiblich. Dennoch zwang er sich, einen Blick hineinzuwerfen.

Es war nicht viel zu erkennen: Es sah tatsächlich ein bisschen aus wie eine rohe Fleischmasse. Mit zwei Augen darin, die ihn irgendwie anstarrten. Aus der Wunde am Hals baumelte allerhand Zeug heraus.

Es ist nur Fleisch. Totes Fleisch, sagte er sich.

Aber er wusste, dass die Augen ihn noch lange verfolgen würden. Scheiße.

»So, das reicht, du Arschloch. Zufrieden?«

»Geht so.«

»Was heißt: geht so?«, äffte der andere ihn nach. »Jetzt verschwinde endlich!«

»Warum bringst du ihn eigentlich nicht zur Ruine hoch?«

»Ich? Bist du bescheuert?«

»Nein, im Ernst: Warum soll ich immer den ganzen Scheiß machen?«

»Weil wir das so abgesprochen haben.«

»Wir haben nichts abgesprochen.«

Der andere seufzte. Allmählich verlor er die Geduld. »Na schön«, sagte er schließlich, »mal hören, was die Polizei dazu meint, wenn sie dich mit dem Kopf aufgreifen. Die stecken dich in die Klapse – lebenslänglich …« Er holte sein Handy hervor und tat so, als würde er eine Nummer wählen.

Der Dicke wurde plötzlich ganz friedlich. »Lass das, war doch nur ein Witz!«

»Ich mag solche Witze aber nicht!«

»Leg den Hörer weg!«

»Erst wenn du endlich abhaust. Mitsamt der Tüte.«

»Leg den Hörer weg!«

»Erst …«

Der Dicke sprang los. Bevor der andere reagieren konnte, hatte sein Gegner ihm das Handy aus der Hand geschlagen. Dann spürte er dessen Faust im Magen. Er klappte zusammen. Ein weiterer Schlag traf ihn im Nackenwirbel. Er ging zu Boden, krümmte sich.

»Das machst du nie wieder, hörst du?«, heulte der Dicke. »Hörst du?«

Mit jedem »Hörst du?« trat er zu.

Der andere ächzte: »Hör auf! Ich mach es nicht wieder! Versprochen!«

Der Dicke ließ von ihm ab.

»Ich gehe jetzt«, sagte er. »Ich nehm die Tüte mit.«

»Ich danke dir.«

Erst als der Dicke gegangen war, rappelte der andere sich auf.

Das konnte schiefgehen. Das konnte verdammt schiefgehen.

Er hatte nicht gewusst, dass er es mit einem Irren zu tun hatte.

Er musste ihn aus dem Weg räumen. Bald.

Sehr bald.

1.

Die Störche waren zurückgekehrt. Trotz der Kälte, wie die stets fröhliche Steffi Klug von Teuto Eins verkündete. Sie hörte sich derart munter an, dass ich ihr den Hals hätte umdrehen können. Wir schrieben den kältesten April seit gefühlten tausend Jahren, und ich beschloss, dem Radiowecker zu trotzen und mich tiefer in meine Bettdecke zu kuscheln. Dennoch war ich gezwungen, mit halbem Ohr die weiteren Nachrichten mitzuhören.

In Bielefeld hatte ein sogenanntes Rollkommando, allesamt Bodybuilder aus dem Türstehermilieu, einen Rechtsanwalt bedroht.

In Petershagen hatte ein unter Mordverdacht stehender Schornsteinfegermeister ausgesagt, eine Stimme habe ihm befohlen, sein Opfer mit der Axt zu töten.

Das Hermannsdenkmal wurde für Touristen bis auf Weiteres gesperrt, da sich mehrere Steine gelöst hatten und Gefahr für Leib und Leben der Besucher nicht ausgeschlossen wurde.

Im Teutoburger Wald hatten Archäologen bei Ausgrabungen an der Falkenburg mehr als ein Dutzend Wolfsangeln gefunden …

Meine Gedanken schweiften ab. Steffis neunmalkluge Stimme trat in den Hintergrund. Wolfsangeln, was war das noch einmal?

»… war geplant, die Wolfsangeln im Laufe des Jahres in Herne auszustellen, wo das LWL-Archäologiemuseum unter dem Motto ›Aufruhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen‹ die Ergebnisse der fünfjährigen Grabung auf der Stammburg der einstigen Edelherren zur Lippe in Detmold präsentiert …«

Ich war drauf und dran, aufzustehen und einen anderen Sender einzustellen, als Steffi Klug endlich zur Sache kam und in ihrem munteren Ton darüber plapperte, dass man die Wolfsangeln doch nicht weitergegeben habe. Zwei waren nämlich abhandengekommen.

Steffi stutzte. Aber nur kurz, bevor sie fortfuhr:

»Hier ist noch eine brandneue Meldung hereingeflattert …«

In den Morgenstunden hatte man Ludwig L. aufgefunden. Das heißt, seinen Kopf. Die gute Steffi verkaufte sogar diese Meldung wie einen besonders fröhlichen Guten-Morgen-Gruß. Trotzdem war ich jetzt hellwach.

»Die Polizei ermittelt zurzeit. Wir halten Sie auf dem Laufenden. Teuto Eins, bleiben Sie dran!«

Es folgte Lena Meyer-Landshut mit Satellite, und damit war der Morgen für mich endgültig gelaufen.

Das Telefon klingelte. Es war mein Vetter Armin.

»Hast du das eben im Radio gehört? Sie haben Ludwigs Kopf gefunden!« Er klang aufgeregt. Aufgeregt und am Boden zerstört zugleich.

»Ich habe es gehört, aber vielleicht ist er es ja gar nicht.« Ich wusste nicht, was ich weiter sagen sollte.

Mein Beileid? Dazu war es vielleicht noch etwas zu früh. Noch stand ja gar nichts fest. Es war nur eine Meldung im Radio …

»Er ist tot!«, sagte Armin. Es klang wie eine düstere Prophezeiung – und in diesem Fall schien sie bereits eingetroffen zu sein.

»Soll ich zu dir kommen?«, fragte ich.

»Nein, aber du musst dich darum kümmern. Ich muss wissen, ob es wirklich sein Kopf ist, den man gefunden hat. Du warst doch früher Journalist.«

Journalist, was hieß das schon? Die Zeiten waren lange vorbei.

»Warum rufst du nicht selbst bei der Polizei an«, schlug ich vor.

Er lachte auf. Es klang nicht fröhlich. »Ich und die Polizei. Du weißt genau …«

»Also schön, ich kümmere mich darum. Aber ich kann nichts versprechen.«

Er legte auf.

Ich öffnete eine neue Dose Hundefutter, entnahm ihr ein Drittel der Masse – Kutteln, Herz, Karotten und all das, was ein Hundeherz höher schlagen lässt. Und das alles noch vor dem Frühstück, aber als Hundebesitzer ging ich durch so manche Prüfung. Ich vermischte die allein für Luna wohlriechende Masse mit Haferflocken und schob ihr den Fressnapf hin.

Danach machte ich mir Kaffee. Während ich das Wasser in die Maschine goss, den Kaffeefilter unten knickte und mit Pulver füllte, musste ich die ganze Zeit an den Toten denken.

Ich kannte einen Ludwig Leineweber – und ich hatte die ernsthafte Befürchtung, dass es sich bei dem Opfer um ihn handelte. Ludwig Leineweber war Landwirt in unserer Gemeinde. Mit seinem Kompagnon, der zufällig auch mein Vetter war, bearbeitete er mehr als zweihundert Hektar Anbaufläche, davon waren mehr als die Hälfte für Rüben reserviert. Zuckerrüben. Hier in der Region bildeten diese eine unerlässliche Einnahmequelle. Die Zuckerfabrik in Lage war ständig auf Nachschub angewiesen. Während der Rübenkampagne verschlang das riesige Monster zwölftausend Tonnen Rüben pro Tag, und sogar nachts qualmten dann die riesigen Schornsteine und bliesen ihren süßlichen Atem über die Zuckerstadt aus. Manchmal bis in den Dezember hinein.

Mehr als einen Kaffee vertrug ich so früh am Morgen nicht. Ich wählte die Nummer von Teuto Eins und ließ mich mit der Nachrichtenredaktion verbinden. Schließlich hatte ich einen Herrn Neumann am Apparat. Ich trug ihm mein Anliegen vor, dass ich gerne mehr über den Fall erfahren wollte, weil ich den Toten vielleicht kannte.

»Warum rufen Sie nicht die Polizei an?«, fragte er unfreundlich.

»Ich dachte, Sie wüssten vielleicht etwas Genaueres.«

»Nicht viel mehr, als wir berichtet haben«, knurrte er. Unwillkürlich fragte ich mich, ob ich mich genauso anhörte. Wahrscheinlich waren wir beide keine Frühaufsteher. »Um vier Uhr haben mich die Kollegen aus den Federn geholt und in die Pampa gehetzt. Aber da hatte die Polizei schon alles abgeriegelt. Zur Falkenburg kommen Sie nicht hoch. Ziemliche Sauerei, die der Mörder da hinterlassen haben muss. Sie kennen diese Wolfsangeln?«

Im Mittelalter streiften Wölfe noch rudelweise durch Lippe. Mit den sogenannten Wolfsangeln rückte man ihnen zu Leibe. Zwanzig Zentimeter lange Fanggeräte, mit Widerhaken versehen. Die Widerhaken wurden mit Fleischködern verdeckt und das Ganze an Bäumen aufgehängt – bis die arme Sau am Angelhaken hing und grausam zu Tode kam. Ich war schon immer der Ansicht gewesen, dass der Mensch das schlimmste aller Raubtiere ist.

»Schon mal irgendwo auf Bildern gesehen, ja«, sagte ich. »Wieso?«

»Der aufgefundene Kopf hing an einer Wolfsangel. Das haben wir natürlich nicht übers Radio verbreitet. Wir wollen unseren Hörern ja nicht den Appetit aufs Frühstück verderben.«

»Ich bin weniger zart besaitet«, antwortete ich. »Wo lag denn der Rest von diesem Ludwig, der da gefunden wurde?«

»Den Rest sucht man noch. Ehrlich gesagt darf ich darüber gar nicht mehr reden. Man hat mir einen Maulkorb verpasst.«

Ich wurde hellhörig. »Einen Maulkorb?«

»Mord ist nicht unbedingt gut fürs Image. Wir leben von der Werbung, ich meine, als Fremdenverkehrsregion, und wir als Radiosender ja schließlich auch.«

Sein Tonfall klang sarkastisch. Offensichtlich wiederholte er genau die Worte, die man ihm eingetrichtert hatte.

»Und Werbekunden bekommen wir damit auch keinen einzigen mehr rein. Oder können Sie sich den aktuellen Gerry-Weber-Jingle und den coolen Herforder-Pilsener-Spot als Einrahmung eines möglichst blutigen Fundberichtes vorstellen?«

»Ihre Steffi könnte das bestimmt entsprechend verkaufen«, schlug ich vor. Dann bedankte ich mich und legte auf.

Luna hatte es sich zu meinen Füßen bequem gemacht. Ich war noch immer ein gutes Stück zu früh dran, daher nervte sie nicht.

Dennoch zog es mich nicht wieder zurück ins Bett. Es drängte mich hinaus. Ich musste mehr über den Mord wissen. Allein um zu erfahren, ob es wirklich Ludwigs Kopf war, der gefunden worden war. Nicht nur weil ich es Armin versprochen hatte. Inzwischen hatte ich selbst Blut geleckt.

Anstatt ausgiebig zu duschen, gönnte ich mir nur eine Katzenwäsche. Aufs Rasieren hatte ich eh seit einigen Tagen mal wieder verzichtet. Wenn einen ständig nur der eigene Spiegel ansieht, vergisst man jegliche Eitelkeit.

Auf dem Weg nach unten begegnete mir zunächst Duffy. Duffy war das Faktotum des Hauses. Er selbst wäre über diese Bezeichnung wahrscheinlich entsetzt gewesen, denn er bezeichnete sich als Butler alter Schule. Duffy hieß eigentlich Dieter. Dieter Grabowski. Aber er war britischer als jeder Zugereiste von der Insel. Er hatte den Butlerberuf in London von der Pike auf gelernt. Inzwischen war er eigentlich in einem Alter, in dem er bei manchen Tätigkeiten selbst einen Diener nötig gehabt hätte – aber in stoischer Treue dachte er nicht ans Abdanken. Wie immer war er auch an diesem frühen Morgen wie aus dem Ei gepellt. Sein schwarzer Anzug schien frisch aus der Reinigung zu kommen.

Duffy hatte nur einen Fehler – wenn man denn eine gewisse Vorliebe von ihm so bezeichnen wollte. Er hatte stets ein Kaugummi im Mund. Er entschuldigte es damit, dass er drei Jahre lang bei einem texanischen Milliardär in Dienst gewesen sei. Dort hatte er es sich angewöhnt – und war seitdem nicht mehr davon losgekommen.

Im Gegensatz zu seinem ansonsten stoischen Gesichtsausdruck strahlte er an diesem Morgen geradezu. Zumindest verzog er einen Mundwinkel nach oben, als ich ihn grüßte.

»Morgen, Duffy«, knurrte ich. Noch immer war ich nicht so gut drauf, dass ich zu einem längeren Gespräch mit ihm bereit gewesen wäre. Ich wollte mich an ihm vorbeidrücken, aber er schüttelte den Kopf. Tadelnd, aber nicht unfreundlich.

»Good Morning, Sir! Aber Sie wollen doch nicht in diesem, verzeihen Sie, Aufzug heute hier herumlaufen?«

Ich verharrte. Er brachte es tatsächlich fertig, mich aus der Fassung zu bringen. Ich sah an mir hinab. Die Jeans trug ich seit einer Woche, aber dafür war sie ja geschaffen. Das T-Shirt mit der verwaschenen Neil Young-Aufschrift hatte wahrscheinlich auch schon bessere Tage gesehen, aber immerhin wurde es von der Cordjacke verdeckt. Die war mein bestes Stück. Bester Manchester-Stoff, uralt, und gerade mal an den Ellenbogen etwas abgeschabt.

»Was ist denn mit mir, Duffy? Ich laufe doch immer so herum.«

»Eben«, entgegnete er stur.

»Hat jemand Geburtstag?«

»Es wäre nicht der erste, den Sie vergessen würden«, antwortete er. »Sie haben wirklich vergessen, was heute für ein Tag ist?«

»Ich gestehe, ich bin heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden«, gab ich mich kleinlaut, während ich mich zu erinnern versuchte.

»Der junge Herr kommt doch heute!«, half mir Duffy schließlich auf die Sprünge.

»Der junge Bob Dylan!« Jetzt war der Groschen gefallen. The Times, they are a changin’.

Dennoch trug mir meine Antwort einen strafenden Blick von Duffy ein. »Oliver Dylan Dickens«, korrigierte er mit bitterernster Miene. »Und auch Sie werden sich an diesen Namen gewöhnen müssen. Wenn Sie denn lange genug Zeit dazu haben.«

»Duffy, Sie sind äußerst boshaft heute Morgen«, stellte ich fest. »Warum sollte er mich gleich an die Luft setzen? Immerhin zahle ich ordentlich Miete.«

»Mit der Sie seit drei Monaten im Rückstand sind«, erinnerte mich Duffy.

»Ja, aber nur aufgrund der unklaren Besitzverhältnisse.«

»Genau genommen, seit der alte Herr nicht mehr unter uns weilt.« Duffy war nicht nur der Butler, sondern auch für die Buchführung zuständig.

»Ja, ja, ich weiß, Gott sei seiner Seele gnädig. Besonders der Kriegsgott.«

Ich hatte keine Lust mehr auf das Geplänkel und schob mich an ihm vorbei. Luna folgte mir.

»Ihre Hündin haart schon wieder!«, sagte Duffy vorwurfsvoll. Er kaute angestrengt auf seinem Spearmint. Ein Zeichen dafür, dass er sichtlich erregt war. Normalerweise versuchte er den Kauzwang in Gegenwart anderer zu unterdrücken. Ich war froh, dass ich nicht auch noch der »Gräfin« begegnete. Sie bewohnte das Untergeschoss und hätte mir wahrscheinlich noch mehr die Hölle heiß gemacht als Duffy. Ansonsten war sie eine liebenswerte alte Dame. Sie behauptete von sich, sie sei Anfang sechzig, und niemand wagte, ihr zu widersprechen. Wer sie nicht kannte, mochte dem Irrtum verfallen, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank zusammenzählen konnte. Dafür konnte sie einem in anderen Momenten mit ihren Argumenten messerscharf den Wind aus den Segeln nehmen.

Ich hörte sie lautstark telefonieren, eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. »Ja, stell dir vor: Er trifft heute ein. Ist das nicht wundervoll, Henriette? Nein, seit zwanzig Jahren habe ich ihm nicht mehr über den blonden Haarschopf gestreichelt …«

Ich drückte mich leise am Wohnzimmer, in dem sie telefonierte, vorbei und bedeutete auch Luna, bloß die Schnauze zu halten. Vorwurfsvoll sah sie zu mir hoch. Normalerweise war sie es gewohnt, schwanzwedelnd zur Gräfin zu laufen und ihr morgendliches Leckerli abzuholen.

Nicht heute!

Ich bugsierte sie zur Tür, die ich geräuschlos hinter uns schloss. Diese Klippe war geschafft. Draußen war es kalt und klamm. Ich fragte mich, warum die Störche überhaupt wiedergekommen waren. Vor ein paar Monaten hatte es geheißen, sie seien schnabelrümpfend über unser lippisches Mistwetter wieder gen Süden geflogen. Steffi Klug wusste wahrscheinlich mehr über dieses Thema zu plaudern.

Gleich loszufahren erlaubte Luna nicht. Sie bestand auf ihrem morgendlichen Spaziergang. Ich seufzte, ergab mich aber den Pflichten eines Hundehalters. Schließlich würde so ein Kopf nicht so schnell wieder verschwinden.

Lunas Morgenspaziergang fiel diesmal etwas kürzer aus. »Schließlich müssen wir ja irgendwann auch mal dein Futter verdienen, nicht wahr?«, versuchte ich ihren traurigen Hundeblick zu entkräften. »Und immerhin geht’s gleich weiter durch Feld und Flur.«

Sie nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Stoisch und unverrückbar.

Ich stieg in den Volvo und startete den Motor, der wie immer zuverlässig ansprang. Dabei war ich seit mindestens zwei Wochen nicht mehr unterwegs gewesen.

Es war noch immer früh am Morgen, zumindest in meinen Augen. Aber es war immerhin so spät, dass der meiste Berufsverkehr bereits vorüber war. Dennoch waren viele Wagen unterwegs. Einige sogar mit Anhänger.

Im Geiste schlug ich mir an die Stirn. Von wegen Berufsverkehr. Es war Samstag, und so langsam bevölkerte sich der Teutoburger Wald mit den Wochenend-Touristen. Vor allen Dingen Wandern war wieder angesagt – bei Jung und Alt.

Die B 236 nach Detmold war einigermaßen leer. Auch als ich in der Detmolder Innenstadt Richtung Freilichtmuseum abbog, waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Ein holländisches Wohnmobil tuckerte mit sturen 30 km/h vor mir her und bremste meinen Eifer, schneller ans Ziel zu kommen. Während ich an der Musikhochschule und am Freilichtmuseum vorbeifuhr und schließlich Heiligenkirchen erreichte, fragte ich mich nicht das erste Mal an diesem Morgen, ob ich nicht einer falschen Fährte folgte. Und alles nur wegen Steffi Klug!

Das Wohnmobil, dessen Kennzeichen so gelb war wie holländischer Käse, bog nach links Richtung der Externsteine ab. Ich hatte freie Bahn. Hinter Holzhausen folgte eine überaus beschauliche Gegend. Die Wälder stiegen zu beiden Seiten steil bergauf. Ich konnte mir gut vorstellen, dass hier vor zweitausend Jahren Varus’ drei römische Legionen von den Germanen unter Führung von Arminius massakriert worden waren – und wenn nicht hier, dann in anderen Regionen des Teutoburger Waldes, aber auf keinen Fall in Kalklage bei Osnabrück.

Rechter Hand tauchte der Falkenkrug auf. Links führte ein kleiner Waldweg zur Burg hinauf. Der Begriff Burg war übertrieben. Es handelte sich um eine Ruine. Nur noch wenige Mauerreste zeugten von der als Wiege des Fürstentums Lippe bezeichneten Burg.

Ich stieg aus dem Wagen und ließ Luna heraus. Vorsichtshalber nahm ich sie an die Leine. Ich überquerte die Hauptstraße und wunderte mich, dass der Weg zur Burg hinauf nicht gesperrt worden war. Jedenfalls entdeckte ich nicht einen Polizisten. Entweder hatte Neumann mir einen Bären aufgebunden, oder die Kripo war längst schon wieder abgezogen.

Das Schild, das zur Ruine wies, hatte jemand mit einem kleinen Papieraufkleber verunziert. Schon auf den ersten Blick war die rechtspopulistische Handschrift zu erkennen. Der Aufkleber zeigte das Hermannsdenkmal in holzschnittartiger Vereinfachung und mit güldenem Strahlenkranz. Darüber stand in Fraktur Radio Hermann. Unten am Rand war noch eine Internetadresse angegeben.

Der Weg schien jedenfalls reichlich befahren worden zu sein. Die vielen Reifenspuren waren frisch; dabei war die Durchfahrt hier verboten. Es ging steil bergauf, und nach einer letzten scharfen Kurve hörte ich Hundegebell. Luna ließ sich nicht dazu herab, es zu erwidern.

Bereits im nächsten Moment erkannte ich, dass ich mich geirrt hatte. Die Polizei war noch nicht abgezogen. Im Gegenteil, es sah so aus, als hätten sie sich hier oben für längere Zeit eingerichtet. Ein gelb-schwarzes Absperrband, quer über den Weg gespannt, verbot mir das Weitergehen. Dahinter erkannte ich mindestens zwei Polizeiwagen, zwei weitere in Zivil sowie einen Bestattungswagen. Grelle Scheinwerfer tauchten das Gelände in ein unwirkliches Krankenhauslicht. Mehrere Polizisten suchten den Boden ab. Die meisten schienen sich innerhalb der Burgmauern aufzuhalten. Ein Hundeführer kam auf uns zu. Hager, hochgewachsen, jung und dynamisch. Mit typischem Schnauzbart. Der Schäferhund wedelte freudig mit dem Schwanz, als er Luna erblickte. Dafür bekam er prompt eine Ermahnung seines Herrn und Meisters.

»Na, na, Hasso, wir wollen doch nicht etwa ausgemustert werden!«

»Lassen Sie Ihrem Kollegen doch das Vergnügen. Luna steht kurz vor der Läufigkeit, sie könnte etwas für Ihren Nachwuchs tun. Ich habe gehört, dass Sie händeringend Personal suchen.«

»An subversiven Kräften haben wir keinen Bedarf«, blaffte der Schnauzbart zurück.

Sein vierbeiniger Begleiter sah dies ganz anders. Er schnüffelte an Luna wie an einer Blutwurst. Sein Herrchen hatte alle Hände voll zu tun, ihn zurückzuhalten.

Ich nutzte die Gelegenheit, um mit meinem Handy ein paar Fotos zu machen.

»He, das dürfen Sie nicht!«, wies Herr Oberamtmann mich an. »Sofort her mit dem Ding. Das wird konfisziert.«

»Das dürfen Sie gar nicht«, erklärte ich ihm seine Befugnisse. »Ich bewege mich außerhalb Ihrer Absperrung.«

»Wenn Sie nicht endlich verschwinden, landen Sie hinter einer ganz anderen Absperrung«, drohte der Amtsträger. »Und jetzt geben Sie endlich Ihren Fotoapparat her.«

»Würde ich sehr gern, aber ich habe gar keinen dabei. Wenn Sie allerdings mein Handy meinen, so weise ich Sie noch einmal darauf hin, dass Sie nicht befugt sind, es zu konfiszieren. Übrigens weder innerhalb noch außerhalb des von Ihnen abgesperrten Geländes.«

Er beäugte mich mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen. »Sind Sie etwa Rechtsanwalt?«

Wahrscheinlich hätte sich dieses unfruchtbare Gespräch noch ewig hingezogen. Als fruchtbar hätte es sich höchstens für Luna und Hasso erweisen können. Vielleicht war sie ja wirklich schon läufig. Nicht nur Hassos heraushängende Zunge signalisierte jedenfalls allzeitige Bereitschaft. Der arme Hund wurde wahrscheinlich nicht nur an Schnauzbarts Leine ziemlich kurzgehalten.

Nein, Hilfe kam in Form von Norbert. Norbert Decarli. In unserer gemeinsamen Schulzeit war er an keiner Bratwurstbude vorbeigekommen. Damals war er noch ein schlanker Bursche gewesen, der mit seiner Leidenschaft kokettiert hatte. Das war fast dreißig Jahre her. Seitdem war die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er liebte Bratwürste immer noch, und diese gemeinsame Leidenschaft verband uns bis heute. Mindestens einmal in der Woche liefen wir uns an einer unserer Lieblingsbuden über den Weg.

»Wo kommst du denn auf einmal her?«, begrüßte er mich. Er klang nicht sehr freundschaftlich.

»Reiner Zufall«, log ich. »Irgendwo muss ich ja mit Luna Gassi gehen.«

»So, so, und euch verschlägt es ausgerechnet heute Morgen hierher?«

»Dann werde ich hier wohl nicht mehr gebraucht, wenn die Herren miteinander per du sind«, erkannte der Wachtmeister grimmig und zog von dannen. Nicht ohne mir noch einen finsteren Blick der Marke »Warte nur ein Weilchen, ich krieg dich doch« zuzuwerfen.

»Danke, dass du mich vor diesem Individuum gerettet hast.« Diesmal meinte ich es sogar ernst.

Norbert bückte sich und kletterte unter der Absperrung hindurch. Dabei ächzte er. »Lieber Mord als Sport« war nach wie vor sein Motto.

»Vor Krause? Keine Ursache«, erwiderte er. Dann wurde er amtlich. »Mal im Ernst, was hast du hier zu suchen? Das ist hier nämlich kein Kinderspiel von wegen Räuber und Gendarm.«

»Ich spiele sowieso lieber ›Wer hat Angst vorm schwarzen Mann‹.«

»Wir auch. Wir kennen den schwarzen Mann noch nicht. Und wir können noch nicht einmal sagen, ob sein Opfer Angst vor ihm gehabt hat. Aber lenk nicht ab. Was treibt dich um diese für dich nachtschlafende Zeit hierher?«

»Steffi Klug, wenn du’s genau wissen willst. Ihre betörend nichtssagende Stimme hat mich aus meiner Lethargie gerissen.«

Norbert runzelte die Stirn. Sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich. »Du hast es im Radio gehört?«

Ich nickte. Er fluchte. »Dann steht es spätestens morgen in der Presse. Und ich wette mit dir hundert zu eins, dass innerhalb der nächsten halben Stunde ein Reporter von der BILD hier auftauchen wird. Von Bielefeld bis hierher ist es ja nicht weit. Scheiße! Dabei hatten wir das Ganze geheim halten wollen. Wenigstens bis wir den verdammten …« Er biss sich auf die Lippen.

»Bis ihr den verdammten Rest vom Kopf gefunden habt?«, bohrte ich nach. »Sprich: den Korpus.«

Er sah mich fassungslos an. »Das ist also auch schon nach außen gedrungen?«

»Ihr habt offensichtlich ein Kommunikationsproblem. Vielleicht solltet ihr statt Flüsterfunk auf Sprechfunk umsteigen.«

Er winkte ab. »Ich habe jetzt wirklich keinen Sinn für Frotzeleien. Los erzähl!«

Ich gab das Wenige wieder, was Steffi Klug ausgeplaudert hatte.

»Übers Radio wurde nur verbreitet, dass man einen Kopf aufgefunden hat. Und dass der Tote Ludwig L. heißt.«

»Und woher wusstest du dann, dass wir ausgerechnet hier sind?«, fragte Norbert. Jetzt hatte er mich erwischt. Allerdings hatte ich kein Interesse, ihm Neumann, den Redakteur von Teuto Eins, ans Messer zu liefern. Meine Informanten waren mir heilig. »Hat sich schnell herumgesprochen«, flunkerte ich.

Ich sah es an seinem Blick, dass er mir nicht glaubte.

»Die Dame werden wir uns vorknöpfen, ach was, die ganze Redaktion!«

Ich hatte nichts dagegen. Ein paar Dinge sollte er ruhig selbst rausfinden. »Jetzt zu dir!«, drohte er und bohrte seinen Zeigefinger recht schmerzhaft in meine Brust. »Ich frage dich jetzt zum dritten Mal, was du hier zu suchen hast. Dich treibt doch nicht die reine Neugier hierher?«

»Pass auf, wir spielen ein Frage- und Antwort-Spiel. Jetzt bin ich erst einmal an der Reihe. Wer hat den Toten entdeckt?«

Er schüttelte den Kopf und blieb stur. »Nicht mit mir, Moritz. Also, warum bist du hier?«

Ich atmete einmal durch, dann berichtete ich: »Du kennst doch Armin, meinen Vetter. Sein Partner heißt auch Ludwig. Und der ist seit einigen Tagen verschwunden.«

»Und warum hat dein Vetter keine Vermisstenanzeige aufgegeben?«

Ich zuckte die Schultern. »Frag ihn selbst, ich bin nicht seine Gouvernante. Wahrscheinlich hat er angenommen, dass Ludwig schon wieder auftauchen wird. Die beiden sind ja nicht verheiratet.«

»Auch nicht schwul?«

»Nein, nicht dass ich wüsste. Im Gegenteil. Zumindest Armin war früher ein echter Weiberheld. Armin hat mich angerufen. Er machte sich große Sorgen, weil Ludwig abends nicht nach Hause gekommen war. Er war mittags auf seinen Trecker gestiegen und davongedüst. Und bevor du nachfragst: Nein, die beiden hatten keinen Streit. Und es war wohl nicht das erste Mal, dass Ludwig sich auf den Trecker setzte und einfach durch die Gegend düste. Bis jetzt ist er aber immer wieder zurückgekommen.«

»Wir werden deinen Vetter Armin noch genau unter die Lupe nehmen«, versprach Norbert.

Ich lachte auf. »Armin? Der würde einer Fliege eher ein Bein annähen, als es auszureißen.« Armins Leidenschaft war tatsächlich Nähen. Nähen, Stricken, Handarbeiten. Für gewöhnlich sammelte ich sämtliche abgerissenen Knöpfe, um sie einmal im Monat von Armin wieder annähen zu lassen. Sein besonderes Hobby war es, Eierwärmer zu häkeln. Selbst in meiner Küche befanden sich zig Exemplare als Beweis seines verschrobenen Hobbys.

»Vergiss nicht: In diesem Fall hat der Mörder dem Opfer sogar den Kopf abgerissen! Ich glaube nicht, dass dein Vetter den auch wieder annähen würde.«

»Er würde sich nicht einmal einen Lampenschirm daraus basteln wollen. Schließlich heißt er nicht Ed Gain.«

»Überlass uns die Ermittlungen. Und bitte auch die entsprechenden Schlussfolgerungen, mein Lieber. Wir werden deinen Vetter schon nicht gleich verhaften. Er ist nur einer von vielen Verdächtigen.«

»Bist du sicher, dass du nicht übertreibst?«

»Nein, guck einmal dich an: Du tauchst hier auf, erzählst mir eine Geschichte, von der ich zu deinen Gunsten einmal annehme, dass sie im Großen und Ganzen stimmt. Bis auf dein Motiv, hierherzukommen. Du behauptest, du schaust hier mal vorbei, weil du den Toten kennst. Da hätte ein simpler Anruf genügt.«

»Eben nicht«, widersprach ich. »Ich bin geradezu gezwungen worden, hierher zu fahren. Telefonisch würde mir sowieso niemand Auskunft geben.«

»Klar, Nachrichtensperre. Du musst dich eben gedulden. Also hat dich dein schlechtes Gewissen hergetrieben. Du weißt doch: Die meisten Täter kehren zum Tatort zurück.«

Ich war das Geplänkel leid. »Ich will ihn sehen«, sagte ich. »Das ist der einzige Grund, weshalb ich hier bin. Wenn ich ihn sehe, kann ich euch sagen, ob es wirklich Ludwig ist. Ich möchte Armin nämlich den Anblick ersparen.«

»Du opferst dich? Auch das macht dich nicht weniger verdächtig. Die meisten Mörder haben irrationale Ängste. Sie stechen lieber zweimal zu statt einmal. Sie kommen auf die abstrusesten Ideen, damit das Opfer auch wirklich tot ist. Manchmal ermorden sie es auch mehrmals, weil sie ganz sicher sein wollen, dass es nicht mehr lebt. Heraus kommt die eierlegende Wollmilchsau – Verzeihung: Das strangulierte, erschossene Giftopfer. Passiert gar nicht mal so selten, glaub mir. Na ja, und dann die Nachwehen: Kaum hat der Mörder den Tatort verlassen, plagen ihn die Ängste: Was ist, wenn er doch nicht richtig gezielt hat? Oder wenn er die Dosis doch zu niedrig angesetzt hat? Und dann die erste Nacht: Wenn die Träume kommen, die Albträume. Und mit den Albträumen immer wieder die Zweifel: Ist er wirklich tot? Oder hat man ihn bereits gefunden und wiederbelebt? Ist mir die Polizei schon auf den Fersen? Du horchst in die Dunkelheit hinein. Das Knarren der Dielen … sind das nicht Schritte, die du da hörst? Vielleicht ist es ja gar nicht die Polizei, sondern der Tote!«

»Mit deinen Gruselgeschichten solltest du Schriftsteller werden.«

»Keine Gruselgeschichten. Täterpsychologie.«

Allmählich war meine Geduld erschöpft. »Hör zu«, sagte ich. »Wenn du keinen Wert auf meine Hilfe legst, dann sag es doch einfach. Ich kann ja verstehen, dass du sauer bist. Ihr habt einen Maulwurf und wisst nicht, wer es ist. In spätestens einer halben Stunde habt ihr hier einen Haufen Neugieriger.«

»Mit denen werden wir schon fertig, verlass dich darauf«, knurrte er.

»Und ihr habt einen Kopf ohne Körper.«

»Also schön, du lässt nicht locker. Du willst dir die Sauerei wirklich ansehen, ja? Weißt du, wie so ein Kopf aussieht, wenn er zwei Tage am Baum gehangen hat? Willst du das wirklich wissen?«

»Immerhin habt ihr ihn als Ludwig identifizieren können.«

Norbert schüttelte den Kopf. »Da ist nichts mehr zu identifizieren. Das ist ja die Schweinerei: Wenn es stimmt, was du behauptest, nämlich dass die Nachricht schon im Radio lief, dann stammt zumindest der Hinweis auf Ludwig L. definitiv nicht von uns.«

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war sprachlos. Eigentlich hätte ich jetzt erst einmal einen Sitzplatz gebraucht. Oder einen Wacholder. Oder wenigstens ein paar Sekündchen, um die Neuigkeit zu verdauen. Ich hatte keines von den dreien. Denn Norbert fuhr fort:

»Glaub bloß nicht, dass du dich jetzt aus dem Staub machen kannst. Ich zeige dir den verdammten Kopf!«

Sein Humor war ihm endgültig abhandengekommen. Ich erkannte, dass es von Anfang an sowieso nur Galgenhumor gewesen war. Norbert war nervös, aber diese Nervosität hatte er die ganze Zeit geschickt verbergen können. Jetzt ließ sie sich nicht mehr unter der Decke halten. Irgendetwas beschäftigte ihn.

Er hielt das Absperrband so hoch, dass wir beide gebückt darunter durchgehen konnten. Ich hatte es geschafft. Ich hatte den Tatort betreten. Aber ich fühlte dabei alles andere als Genugtuung. Im Gegenteil.

Das Gefühl, dass hier irgendetwas aus dem Ruder gelaufen war, wurde mit jedem Schritt stärker. Das war nicht mein erster Tatort, den ich besichtigte. Aber noch nie hatte ich erlebt, dass die Leute derart nervös wirkten.

Während Norbert vorausging, teilte er mir all das mit, was ich eigentlich nicht wissen durfte:

»Die Kollegen in Detmold bekamen einen anonymen Anruf. Heute Nacht um drei Uhr. Muss ein Spaßvogel gewesen sein, denn er sprach zunächst in einer Art Rätsel: Ohne Rübe verliert man am ehesten sein Gesicht.«

»Da ist was Wahres dran«, sagte ich.

»Als die Kollegen ihn aufforderten, das Trinken alkoholischer Flüssigkeiten einzustellen, wurde er konkreter. Die Rübe sei ab. Endlich! Und derjenige, dem sie abhandengekommen sei, liege irgendwo im Teutoburger Wald vergraben. Ob denn nicht eher die Rübe vergraben gehörte, fragte der zuständige Beamte zurück. Daraufhin wurde ihm geantwortet, der Enthauptete habe zeitlebens seine Rübe sehr hoch getragen, daher hänge sie jetzt auch sehr hoch, sozusagen am höchsten Punkt Lippes.«

»Moment, das passt nicht«, unterbrach ich ihn. »Zumindest nicht zu dem Ludwig, den ich kenne. Der ist nicht hochnäsig. Ein bisschen schräg vielleicht, ja, aber nie arrogant. Der hat sich mit allen verstanden.«

»Das erzählen sie mir hinterher alle über das jeweilige Opfer«, stöhnte Norbert. »Wenn man das alles glauben würde, wäre die Welt eine Art Paradies, dann würden all die Ermordeten noch leben. Jedenfalls sind die Kollegen doch irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass der Scherzbold vielleicht gar keiner war. Sie haben einen Streifenwagen hierher geschickt.«

»Und?«, fragte ich.

»Die beiden – ein Polizist, eine Polizistin – haben den Kopf schnell gefunden. Der Polizist, Schneider, wurde inzwischen ins Krankenhaus gebracht. Die Polizistin, Frau Mertens, hat das hier oben anfänglich alles allein abgewickelt. Sie hat zunächst den Fundort abgeriegelt, danach Verstärkung angefordert, weil sie zu Recht eine unnatürliche Todesursache durch Fremdeinwirkung festgestellt hat, und sich zu guter Letzt um ihren Kollegen gekümmert hat. Leider haben sie erst ganz am Schluss daran gedacht, uns zu rufen. Inzwischen dürften sie hier einige Spuren verwischt haben. Seit einer Dreiviertelstunde sind wir dabei, den Tathergang zu rekonstruieren und zu retten, was noch zu retten ist. Leider hat es ja in den vergangenen Tagen auch immer wieder geregnet.«

»Welche Bedeutung kommt denn dieser Wolfsangel zu?«, fragte ich. Nur um irgendetwas zu sagen. Die Nervosität steckte auch mich an. Je mehr wir uns den Ruinen näherten, desto größer wurde der Kloß in meinem Hals. »Ist das nicht auch irgend so ein rechtes Symbol?« Ich musste an den Aufkleber denken, der unten an der Schranke geklebt hatte.

»Die Wolfsangel wird von Neonazis gern als Erkennungszeichen missbraucht.«

Norbert blieb stehen. Entweder, weil er mir wirklich noch eine Chance geben wollte oder weil er verschnaufen musste. »Noch kannst du es dir anders überlegen.«

Ich wusste, dass Norbert es gnädig mit mir meinte, aber ich schüttelte den Kopf. Ich musste die Sache jetzt durchziehen. Sonst bekam ich wahrscheinlich wirklich Albträume. Wenn auch nicht aus dem Grund, den Norbert zuvor erwähnt hatte.

»Vorsichtig, nicht stolpern«, warnte mich Norbert. »Hier sind überall Gräben und Löcher. Du weißt ja, hier fanden überall Ausgrabungen statt.«

Die meisten waren nur notdürftig als »Baustelle« abgesichert.

Schließlich standen wir vor der Burgruine. Einen der Türme hatte man vor Kurzem wieder so hochgezogen, dass man ihn als Turm erkennen konnte. Der Arm eines Krans lugte oben heraus. Am Ende des Arms hing eine Kette herab. Daran baumelte etwas Rundes.

Der Kopf schwankte leicht im Wind. Der Kloß in meinem Hals wurde dicker.

»Die Archäologen waren seit einigen Tagen nicht mehr hier oben. Die Zäune, die sie hier aufgestellt haben, haben etwaige Besucher abgeschreckt. Ganz abgesehen vom Wetter. Hat ja nur geregnet die letzten Tage. Niemand hat sich hier hoch verirrt.«

Norbert redete sich das Grauen von der Seele. Ich ließ ihn reden und hoffte, dass mir später auch jemand zuhören würde.

Eine Frau kam uns entgegen. Vierzig Jahre alt, die roten Haare nach hinten geknotet. Lachfalten im Gesicht. Aber heute lachte sie nicht.

Sie blieb vor uns stehen, als sie uns erreicht hatte.

»Maren, das ist Moritz, ein Schulfreund von mir. Außerdem glaubt er, den Toten zu kennen. Moritz, das ist Dr. Maren von Greiffenberg, Ärztin vor Ort.«

Sie trug hohe, verschmierte Gummistiefel von Bogner und eine helle Barbour-Jacke, so als käme sie von einem Moorspaziergang. Sie reichte mir die Hand, während sie gleichzeitig eine Braue hochzog. »Woher wissen Sie das? Ich meine, dass wir überhaupt hier sind?«

»Er hat es aus dem Radio erfahren«, antwortete Norbert an meiner Stelle.

»Na, dann viel Vergnügen«, sagte die Ärztin mit rauchiger Stimme. »Macht euch auf so einiges gefasst. Hier wird es bald vor Neugierigen wimmeln. Im letzten Jahr ist jemand vom Hermannsdenkmal gesprungen. Bevor Ihre Kollegen überhaupt vor Ort waren, hat es sich in ganz Holzhausen herumgesprochen wie ein Lauffeuer. Jemand wollte den Toten reanimieren. Ein anderer den Tathergang rekonstruieren. Dabei ist er ebenfalls in die Tiefe gestürzt. Ist glücklicherweise mit dem Leben davongekommen, bis auf ein paar Knochenbrüche …«

»Was haben Sie denn hier festgestellt?«, mischte ich mich ein. Sie taxierte mich. Offensichtlich konnte sie mich noch nicht ganz klar einordnen. Sie wechselte einen kurzen Blick mit Norbert. Erst als dieser nickte, antwortete sie: »Da ist nicht viel festzustellen. Eigentlich bin ich hier überflüssig. Die

Todesfeststellungsbescheinigung, verzeihen Sie dieses sperrige Wortmonstrum, aber es heißt wirklich so, ist ebenso überflüssig: Dort hängt nur der Kopf, und dass der Besitzer des Kopfes nicht mehr lebt, ist doch offensichtlich. Außerdem darf ich die Todesfeststellungsbescheinigung erst ausstellen, wenn auch der zugehörige Körper gefunden worden ist. So sind nun mal die Bestimmungen.«

»Wir werden trotzdem weiter ermitteln«, sagte Norbert. »Im Normalfall sind uns – ohne diese vermaledeite Bescheinigung – die Hände gebunden. Da in diesem Fall jedoch eindeutig ein Verbrechen vorliegt, sieht es damit natürlich anders aus.«

»Vielleicht musst du ja gar nicht ermitteln«, erwiderte Dr. von Greiffenberg, und Norberts Grinsen erstarb augenblicklich.

Abermals hatte ich das Gefühl, dass hier etwas im Busch war. Etwas, das die Leute hier beunruhigte und sie herumtänzeln ließ wie übernervöse Rennpferde.

»Tschüss. Und viel Spaß noch«, verabschiedete sich die Ärztin. Norbert und ich sahen ihr nach.

»Ich hoffe, du hast kein Auge auf sie geworfen«, warnte mich Norbert. »Das habe ich schon.«

Mir war nicht zum Flachsen zumute. Also schwieg ich. Norbert hob die linke Hand und machte ein Zeichen. Ein Polizist in der Nähe des Krans gab es weiter, und augenblicklich setzte sich der Schwenkarm langsam in Bewegung. Der Kopf kam auf uns zu. Wie in Zeitlupe. Sodass ich eigentlich Zeit hatte, mich an den Anblick zu gewöhnen. Aber so war es nicht. Mit jedem Meter, den er näher kam, nahm ich weitere grausige Einzelheiten daran wahr.

Zwei Gedanken gingen mir durch den Schädel:

Manchmal ist die Wirklichkeit doch schlimmer, als die fürchterlichsten Albträume es sein können. Und ich verstehe eine ganze Menge von Albträumen.

Und: Norbert hatte recht gehabt. Anhand des Kopfes würde niemand Ludwig identifizieren können.

2.

Eigentlich war es noch nicht einmal mehr ein ganzer Kopf.

Dort, wo eigentlich die Augen hätten sein sollen, klafften fausttiefe Löcher. Sie waren braunrot umrandet mit zerrupftem Fleisch. Aus der linken Höhlung baumelte etwas heraus, das aussah wie ein Nervenstrang. Obwohl mein Instinkt mir sagte, dass es besser wäre, sich abzuwenden, musste ich wie hypnotisiert weiter hinschauen. In den Tiefen war Leben. Fliegen, die sich im Innern des Schädels gütlich taten.

Mein Blick wanderte weiter nach unten. Die Nase war noch als solche zu erkennen, zumindest die Knochen. Vom Fleisch des Schädels war so gut wie nichts mehr vorhanden, genau wie von der linken Backe, aus der die Knochen herausschauten. Der lippenlose Mund zeigte zwei Reihen gebleckter Zähne. Dazwischen war ein kleiner schwarzer Metallgegenstand zu erkennen.

»An den Zähnen werdet ihr sie erkennen«, dozierte Norbert, der meinen Blicken schweigend gefolgt war.

Ich nickte. Und würgte. »Entschuldige mich«, ächzte ich. Ich ließ ihn stehen und schlug mich seitwärts in die Büsche, um mich zu übergeben. Mein Mageninhalt klatschte auf den lehmigen Boden. Regen tropfte von den Zweigen auf meinen Kopf. Spinnweben kitzelten meine Nase. Ich bemerkte, wie ein kleiner Käfer auf das Erbrochene zu kroch. Es war, als würde ich plötzlich alles viel genauer wahrnehmen. Wie durch eine große Lupe. Auch meine anderen Sinne schienen mir geschärfter als sonst. Ich vernahm die gedämpften Stimmen, die vom Tatort her zu mir herüberdrangen. Ich roch die feuchte Waldluft und vermochte die verschiedenen Gerüche auseinanderzuhalten. Doch unter den Gerüchen des Waldes nahm ich den Gestank des Todes wahr.

Ich würgte erneut, aber diesmal kam nur noch Schleim. Mein Magen wand sich in Krämpfen. Ich ging auf die Knie und verfluchte mich dafür. Meine Jeans machte Bekanntschaft mit dem Boden. Die matschige Erde schien schmatzend nach dem Stoff zu schnappen und sich wie eine riesige Schnecke daran festzusaugen. Mit den Händen stützte ich mich ab. Sie fanden kaum Halt, versanken millimetertief in der feuchten Erde.

Etwas Spitzes bohrte sich in meinen linken Handteller. Ich unterdrückte einen Schrei und zog die Hand reflexartig zurück.

Ich wischte den Matsch ab und bemerkte eine fingergroße Wunde direkt dort, wo sich die M-Linien in meiner Hand kreuzten. Etwas Blut floss, aber nur ganz wenig. Die Wunde war nur oberflächlich.

Ich fragte mich, was für eine Art von Tier sich in der feuchten Erde aufhielt und zubiss, wenn man ihm zu nahe kam. Eine Schlange? Ein Maulwurf? Oder doch nur ein Insekt?

Oder war es etwas ganz anderes.

Der Schmerz war jedenfalls auszuhalten. Meine Neugier nicht.

Zumal sie half, gegen das Grauen anzugehen, das noch immer in mir tobte. Das war kein Tier! Ich musste kaum graben. Der Gegenstand war nur mit lockerer Erde bedeckt.

Es handelte sich um ein flaches Metallstück. Es war verrostet, etwa zehn Zentimeter lang und geformt wie ein Z. Es sah aus wie ein zu Eisen erstarrter Blitz. Die Enden hatten spitze Widerhaken. An einem davon war Blut zu erkennen. Dem hatte ich meine Wunde zu verdanken.

Vorsichtig packte ich das Gebilde mit Daumen und Zeigefinger. Das kalte Metall schien sich zu erwärmen, wurde plötzlich heißer und heißer. Ich kannte das Gefühl. Von früher. Ich hatte es lange nicht mehr gespürt. Die Dinge sprachen mit mir. Besonders, wenn Blut daran klebte. Ich war emphatisch.

Es erinnerte mich an einen der dunkelsten Momente in meiner Vergangenheit. Damals war ich mit meiner besonderen Gabe zu spät gekommen. Seitdem sprach ich nicht mehr von einer Gabe, sondern von einem Fluch.

Dennoch: Ich konnte nicht anders. Ich achtete nicht auf den Schmerz. Gleichzeitig hörte ich die Stimmen. Sie waren entfernt, aber dennoch konnte ich sie deutlich hören. Sie waren in meinem Kopf. Kehlige Laute in einer Sprache, die ich nicht kannte. Dann mischte sich der dumpfe Klang einer Trommel darunter. Eine Weile hörte ich zu, konzentrierte mich ganz darauf, bis ein Brandgeruch meine Nase kitzelte. Vor meinen Augen sah ich plötzlich ein Lagerfeuer entstehen. Ein großer Topf hing darüber. Eine mit Fell und Leder bekleidete Gestalt rührte mit einer riesigen Kelle darin herum. Im Hintergrund nahm ich weitere fellbekleidete Wesen wahr. Auch Tiere streunten hier herum. Riesige Hunde. Ein Säugling weinte.

Für einen Moment gab ich mich ganz diesen fremden Eindrücken hin. Sie waren in keiner Weise beängstigend. Doch dann änderte sich die Szenerie …

Ich hätte fast aufgeschrien. Stattdessen biss ich mir auf die Zunge und steckte das Metallstück hastig in die Sakkotasche.

Es geschah automatisch, ohne dass ich mir darüber Gedanken machte. Und ohne dass ich ein schlechtes Gewissen hatte.

Dann kroch ich zurück, spürte kaum die nassen Zweige, die über mein Gesicht fuhren wie Peitschen. Ich dachte kurz daran, mich zu säubern, aber wahrscheinlich war das sowieso zwecklos.

Wie ein geprügelter Hund schlich ich zu Norbert zurück.

»Du musst dich nicht schämen«, sagte er. »Das ist schon ein paar von uns heute so gegangen.« Ich war ihm dankbar für den Trost. »Allerdings haben wir uns nicht im Matsch herumgewälzt«, grinste er, und dafür hätte ich ihn jetzt wieder erwürgen können. »Ich würde sagen, du gehst jetzt. Du hast genug Sherlock Holmes spielen dürfen, mein Lieber. Lass uns in Ruhe hier die Ermittlungen zu Ende führen. Wenn es sich bei dem Ermordeten wirklich um den Partner deines Cousins handelt, werden wir euch benachrichtigen. Kannst du überhaupt selbst fahren? Oder soll dich jemand nach Hause bringen?«

»Scheiße!«, entfuhr es mir. Ich hatte Luna erblickt. Die hatte ich ganz vergessen. Sie und Hasso hatten sich an den Rand eines Gebüsches zurückgezogen. Beide waren einander nach wie vor zugeneigt. Hasso besprang sie, und Luna ließ ihn gewähren.

Ich startete wie der Blitz und war im Nu bei ihnen. Hasso knurrte, aber da war sein Herrchen bereits an meiner Seite.

»Hasso, Platz!«, schrie er in einem Kommandoton, der jedem Bundeswehroffizier zur Ehre gereicht hätte.

Doch Hasso dachte gar nicht daran. Er setzte seine Bemühungen bei Luna fort.

»Rufen Sie endlich Ihren Köter zurück!«, schrie ich.

»Ihre läufige Hündin hat ihn doch erst scharfgemacht!«

Beide brüllten und schrien wir, bis wir es endlich geschafft hatten, die beiden zu trennen.

Norbert kam herbei. »Du solltest dein Glück nicht überstrapazieren«, riet er mir. Ich spürte, dass ihm nach wie vor nicht wohl war in seiner Haut.

»Wir verschwinden ja schon«, beruhigte ich ihn. »Allerdings frage ich mich die ganze Zeit, was hier wirklich vorgeht.«

Er sah mich wütend an. »Frag doch Steffi Klug! Anscheinend weiß die ganze Welt draußen mehr als wir!«

Er war eingeschnappt, und ich fragte mich, woran das lag.

»Wir sehen uns«, verabschiedete ich mich. Ich packte Luna, die noch immer Hasso im Blick hatte, dessen Zunge hechelnd heraushing, fester am Halsband und zog sie mit mir.

Da vernahm ich das Motorengeräusch. Auch die anderen stellten ihre Aktivitäten ein und standen plötzlich da wie erstarrt.

Norbert und ich sahen uns an.

»Sag mal, das ist doch nicht das Geräusch eines Autos, oder?«, wollte er wissen.

»Ich tippe auf Rasenmäher«, erwiderte ich.

Norbert atmete auf. »Dann bin ich beruhigt. Hätte mich auch gewundert, wenn die so schnell hier gewesen wären.«

»Die?«, bohrte ich nach.

»Vergiss es!«, fauchte er giftig. »Auf jeden Fall scheint da etwas im Anflug zu sein.«

»Vielleicht auch ein Laubsauger. Allerdings kommen die wohl eher im Herbst zum Einsatz.«

Das Geräusch schwoll an.

»Düsenflugzeug?«, tippte ich weiter. Jedenfalls hörte es sich fast genauso brachial an.

Doch was dann um die Ecke bog, übertraf selbst die Landung von grünen Marsmännchen. Dieses Ding war rot. Feuerrot.

Zunächst war nur eine Motorhaube zu erkennen. Sie wuchs und wuchs wie die Schnauze eines Krokodils. Als ich schon glaubte, dass sie nicht mehr länger werden konnte, tauchten dahinter eine Windschutzscheibe und ein winziges Cockpit auf. Wahrscheinlich war das Vehikel tatsächlich gerade erst gelandet, denn hinter dem Steuer saß eine Figur, die mich im ersten Moment an den roten Baron erinnerte. Jedenfalls trug sie eine lederne Mütze, wie die Flieger in den alten verrückten Filmen sie tragen.

Norbert und ich sahen uns ratlos an. Bevor wir jedoch reagieren konnten, stürzten bereits einige Beamte auf das rote Ungeheuer zu und umringten es.

Norberts Gesicht schwoll rot an. Das kam nicht oft vor. Eigentlich hatte ich ihn nur einmal so erlebt: Das war an unserem freitäglichen Treffen vor Chilis Bratwurststand in Holzhausen. Beim besten Würstchenwender Lippes hatte er den Hals nicht vollgekriegt von Chilis Spezialsauce, die dieser auf Norberts besonderen Wunsch nicht mit handelsüblichem Ketchup gestreckt hatte. Damals war Norbert ebenfalls rot angelaufen, hatte nach Luft geschnappt und den Rest des Tages alles leergetrunken, was nur im Entferntesten nach Flüssigkeit ausgesehen hatte.

Nach Luft schnappte er jetzt nicht, also schien er ernsthaft wütend zu sein. Mit einem Satz: Ihm platzte bald der Kragen.

»Ich fürchte, ich weiß, wer das ist«, sagte ich kleinlaut.

»Wer? Wie?« Er hörte mir kaum zu.

»Es dürfte sich um Mr Dickens handeln«, erklärte ich. »Und tatsächlich lautet sein Name auch noch Oliver. Nach Oliver Twist. Sein zweiter Vorname ist Dylan.«

Jetzt erst schien Norbert zu registrieren, dass ich über den Ankömmling sprach.

»Du kennst diesen Typen?«

Ich nickte. »Nicht wirklich. Wir sehen uns heute zum ersten Mal. Aber die Gräfin hat mir ein altes Foto von ihm gezeigt. Er könnte es sein. Wer fährt hier schon einen feuerroten Morgan?«

Norbert sah mich fassungslos an: »Heißt das, ihr bekommt Nachwuchs für euer Irrenhaus?«

So liberal und aufgeschlossen Norbert auch war, ich wusste genau, was er über die Gräfin und Duffy dachte. Für sie waren es Verrückte. Bestenfalls Freigänger, die für eine befristete Zeit die unbescholtenen Bürger mit ihrem Spleen behelligen durften, bevor sie von den Männern in den weißen Kitteln wieder in ihr eigentliches Domizil geführt wurden.

»Hatte ich dir nicht erzählt, dass Oliver Dylan Dickens der Alleinerbe des alten Majors ist? Nach dem Tod des Majors sah es zunächst so aus, als wäre er, der als einziger Erbe gilt, wie vom Erdboden verschluckt. Der junge Dickens hatte die Adresse gewechselt wie andere ihre Unterhose. Schließlich hat man ihn doch ausfindig gemacht, und jetzt, so scheint’s, ist er endlich da.«

»Spät, aber plötzlich.« Norbert verdrehte die Augen. »Lass mich mit dieser verrückten Sippe in Ruhe!«, schimpfte er. »Ich habe zurzeit andere Sorgen. Und jetzt werde ich mir diesen Störenfried erst einmal vorknöpfen!«

Bevor ich ihn aufhalten konnte, stiefelte er von dannen, zu dem Wagen hin. Seine Schuhe hinterließen tiefe Abdrücke in dem Matsch.

Ich seufzte. Eigentlich hatte ich mit dem Ganzen ja nichts zu tun. Es war eine gute Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen. Ich hatte nicht die geringste Lust, weiterhin Norberts schlechte Laune auszubaden. Andererseits war meine Neugier mal wieder größer.

Langsam folgte ich Norbert. Sollte der erst einmal die Lage klären.

Ich kam an dem Kopf vorbei. Noch immer schaukelte er leicht im Wind. Die kratertiefen Augenhöhlen schienen mich anzustarren. Der metallene Gegenstand, den die Zähne so krampfhaft umschlossen, erinnerte mich an etwas.

An das Fundstück in meiner Jackentasche.

Irgendwie kam ich nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen, denn ich hatte den roten Wagen bereits erreicht. Der Neuankömmling entstieg soeben seiner Rakete auf vier Rädern. Auch hierbei bediente er sich einer ganz und gar unorthodoxen Methode. Anstatt die Fahrertür zu öffnen, sprang er sportlich darüber hinweg und erwiderte höflich die alles andere als freundlich zu bezeichnenden Blicke der Polizeibeamten.

Er kam zwar nicht direkt vom Mars, wirkte aber dennoch wie ein Fremdkörper im Teutoburger Wald. Außerdem war der Zeitpunkt seines Auftritts absolut unpassend.

Zumindest schien er einem anderen Zeitalter zu entstammen. Einem Zeitalter, in dem die Fahrer sich noch Automobilisten schimpften, in dem sie Lederkappen, Schutzbrillen und Overalls trugen.

Er schien die Polizisten um ihn herum entweder nicht zu sehen, oder er beachtete sie einfach nicht. Er schaute durch sie hindurch, hob theatralisch die Arme und rief: »By Jove!«

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