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Blut auf deiner Haut

Marit Reiersgård

Blut auf

deiner Haut

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Magnus Enxing

Zu diesem Buch

Was vom Leben übrig blieb …

In einer kalten Winternacht mitten in Norwegen kehrt ein junges Mädchen nach einer Party nicht nach Hause zurück. Am nächsten Morgen entdeckt man ihre Leiche im Wald. Offenbar ist sie unglücklich gefallen und erfroren. Verner Jacobsen und Bitte Røed untersuchen den Fall – und je tiefer sie eintauchen, desto deutlicher zeigt sich, wie viele Intrigen, Geheimnisse und Bosheiten inmitten der ländlichen Idylle Tranbys lauern. Da bricht in einem Haus nahe dem Tatort ein Feuer aus – und in den Ruinen liegt eine weitere Leiche …

»Ein irrsinnig guter Thriller mit düsterer Gänsehaut-Atmosphäre und einem extrem überzeugend konstruierten Plot!«

Det Gode Liv über Immer wenn der Schnee fällt

Meine Tat hatte nicht einmal jenen mangelhaften, nachäffenden Reiz, wie ihn Sünden haben, die uns
täuschen (indem sie sich als Tugenden darstellen).

Augustinus (354–430)

Die Tür geht auf. Die Geräusche von der Party sind nicht länger nur fernes Bassgedröhne aus den Lautsprechern, Musik und Stimmengewirr dringen in das Zimmer. Das Gelächter wogt herein, während sie mir die Wahrheit in den Kopf einhämmern. Die Wahrheit darüber, dass ich nicht dazugehöre. Dass ich nicht erwünscht bin.

Ein Kissen über dem Gesicht. Weich. Dunkel. Und dann diese Kälte am Bauch.

Was tut ihr da? Nein! Macht das nicht!

Ich bin nackt. Sie nehmen mir meine Haut. Sie nehmen mir alles, was ich bin. Ich verschwinde. Und immerzu dieses Gelächter: Haha, haha!

Ich dachte, es würde schön werden. Dass nun der Augenblick gekommen sei, wo sich alles drehen würde. Und es dreht sich. Dreht sich. Dreht sich. Ich hab geglaubt, Fredrik hätte die Tür abgeschlossen. Er hat gesagt, er hätte abgeschlossen! Der gehört auch dazu. Ist auch dabei. Er ist ene, mene, muh! Und raus bin ich.

Aus Versehen nur bin ich hier. Ich bedeute nichts. Kann genauso gut ein neues Schild an der Haustür anbringen: »Hier wohnt Niemand«.

Ich habe niemanden, bin niemand.

Niemand.

Ich bin tot.

1

Mittwoch, 26. November

Schmutzig war die Welt im Lauf des Tages geworden. Auf den Straßen hatte ein braunschwarzer schäbiger Teppich aus mit Salz vermengtem Schnee gelegen, den die Räumfahrzeuge einige Meter breit auf den ehemals so weißen Straßenrand geschleudert hatten. Inzwischen hatte die plötzliche Kälte alles festgefroren.

Bloß ein paar schlaftrunkene Leute saßen im Bus. Der Busfahrer blickte kaum auf, als Agnar den Hunderter auf die kleine Fläche legte, wo andere ihre Fahrkarten registrierten.

Wie lange mochte es her sein, dass er im Bus gesessen hatte und durch die verschneiten Apfelwiesen von Lier geschlingert war? Mindestens zwanzig Jahre mussten vergangen sein. Er erinnerte sich nicht, gewöhnlich leistete er sich ein Taxi. Die Linienführung war auch geändert worden, und er hatte vergessen, in Lierbyen umzusteigen. Deshalb musste er einen endlosen Umweg in Kauf nehmen, die Westseite des Tals hinauf bis ans Ende des Bezirks nach Sylling, bevor der Bus auf der Ostseite endlich wieder Kurs Richtung Tranby nahm. Bisweilen war die Straße so schmal, dass große Fahrzeuge nur gerade eben aneinander vorbeifahren konnten. Der Bus verlangsamte sein Tempo und hielt beinahe an, während ein Lastzug passierte.

Ob er sich einen Kleinen genehmigen sollte? Agnar zog die Flasche aus der Tasche. Nein. Nein. Die sollte doch ein Geschenk sein. Steck sie schön zurück. Schön zurück. So, ja, genau.

Über zweihundert Kronen hatte er sich die Halbliterflasche im Vinmonopol für seine Mutter kosten lassen. Als der Bus am Altenheim vorüberfuhr, befand sie sich seltsamerweise wieder in seiner Hand. Nur einen Kleinen. Es konnte ja wohl nicht schaden, wenn er einen kleinen Schluck nähme. Er schraubte den Verschluss ab und setzte die Flasche an den Mund, schnell, damit der Busfahrer nichts merkte.

Mit der Hand auf der Jackentasche blieb er sitzen. In seiner Brust brannte eine wohlige Wärme.

»Ja, nun gut, wenn du also absolut herauswillst, dann …«

Agnar lachte über seinen Witz und setzte die Flasche an seinen Mund.

Die Fensterscheibe war von einem dreckigen Muster bedeckt, das ihn an den grau gesprenkelten Linoleumbelag aus den Sechzigern in der Küche seiner Mutter erinnerte. Durch den Schmutz machte er vereinzelte Einfamilienhäuser aus, die an den Wänden Brennholz aufgestapelt hatten. Eine schmale Skispur über ein Feld. Mit schläfrigem Blick registrierte er alles, was an ihm vorüberzog. Haus, Felder, Bäume, Wald, Briefkästen, Zaun, Haus, Felder, Bäume. Dann verweilten seine Augen wieder auf dem Schmutzmuster, und er nahm bloß noch die Konturen der Landschaft dahinter wahr. Der Schlaf drohte, ihn zu übermannen, doch wollte er die Augen nicht schließen. Schlösse er sie, würde sie auftauchen.

Konzentrierte er sich auf das schmuddelige Fenster, konnte er sie vielleicht noch eine Weile verdrängen. Doch es half nichts. Der Matsch auf der Scheibe veränderte sich, und plötzlich war sie da, so wie er an einem Sommertag Tiere und Trolle in den Wolken erahnen konnte. Sie starrte zurück und schürzte ihre Lippen, fletschte ihre kaputten Zähne. »Willkommen zu Hause«, sagte sie.

Agnar betrachtete wieder die Landschaft und versuchte herauszufinden, wo er war. Es senkte sich etwas in seine Brust hinein, als er bemerkte, dass er sich der scharfen Kurve an der Felsschlucht näherte. Er hatte Erinnerungen an einen ähnlichen Ort. Erinnerungen, die sich nicht tilgen ließen, die wie ein Abgrund immerfort in ihm schlummerten, tief und tödlich. Der dort unten auf dem Grund fließende Bach war zugefroren und von Schnee bedeckt, doch unter dem Eis tropfte und sprudelte das Wasser fortwährend. Es hörte niemals auf.

Tropf.

Tropf.

Tropf.

Wie Folter.

2

Donnerstag, 27. November

Das Handy auf dem Nachttisch klingelte. Polizeihauptkommissar Verner Jacobsen klatschte mit seiner Hand darauf, als wäre es ein Insekt; schnell und zielsicher, um Ingrid nicht zu verärgern. Er linste auf das Display, während er aus dem Bett glitt. Das weiße frisch gebügelte Hemd, das auf einem Bügel am Kleiderhaken hinter der Tür hing, fiel auf den Boden, als er daran vorbeiging.

»Hallo«, sagte er und räusperte sich, während er damit beschäftigt war, es wieder aufzuhängen. Im Halbdunkel streifte seine Hand den dunklen Anzug, der ebenfalls frisch gebügelt war und daneben hing; es war, als schrumpfte das Zimmer um ihn zusammen. Er taumelte hinaus und versuchte zu hören, was die Stimme am anderen Ende mitten in der Nacht von ihm wollte.

»Hab ich dich geweckt?«

Verner grunzte eine Antwort, aber der Leiter der Kriminalpolizei Thomas Lindstrand tat, als wäre nichts.

»Kannst du nach Tranby fahren? Wir haben einen zweifelhaften Todesfall. Eine Teenagerin, aufgefunden in einem Waldstück.«

Mit einem Mal war Verner Jacobsen hellwach. Nicht noch mehr Kinder, dachte er. Ich ertrage keine weiteren toten Kinder. Im selben Augenblick wallte ein gewaltiger Zorn in ihm auf. Wusste Thomas Lindstrand denn verdammt noch mal nicht, was er gerade durchmachte?

»Thomas, ich …«, begann er, doch sein Zorn verebbte ebenso schnell, wie er gekommen war. »… bin schon unterwegs«, schloss er. Es war besser, sich für etwas einzusetzen, als wach zu liegen und auf den Morgen zu warten.

»Gut«, sagte Lindstrand. »Und kannst du auch Bitte Røed Bescheid geben? Die braucht noch Erfahrung. Außerdem ist Roar schon auf dem Weg dorthin, es könnte hilfreich sein, wenn sie ihn treffen würde.«

Verner legte auf. Lorca streckte die Schnauze aus seinem Körbchen hervor und sah ihn erwartungsvoll an.

»Jetzt nicht, Lorca«, flüsterte er. »Wir gehen eine Runde, wenn ich wiederkomme.«

Aus dem Bad rief Verner Jacobsen Bitte Røed an. Er schlug vor, sie zu Hause abzuholen, da sie kürzlich nach Tranby gezogen war. Während er sprach, durchwühlte er die oberste Schublade unter dem Waschbecken, bis er ein Haarband fand. Er beendete das Gespräch und band seine Haare zu einem Zopf, wobei er es vermied, seinem müden Gesicht im Spiegel zu begegnen. Dann schlich er sich zurück ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank und zog ein Paar Socken heraus, griff sich im Dunkeln irgendeinen Pullover und die Thermounterwäsche, auf der Ingrid bestand, wenn er in der Kälte mit dem Hund spazieren ging. Ingrid drehte sich um und gab einen schläfrigen Seufzer von sich.

Einen Moment lang blieb er stehen und betrachtete die Kleidungsstücke, die hinter der Tür hingen; das weiße Hemd, das einem bleichen Gespenst glich, und den Anzug, der eins mit der Dunkelheit wurde.

3

Agnar erinnerte sich nicht genau, wie er ins Haus gekommen war. Er war aus dem Bus gestiegen. In seinem Kopf war es finster gewesen, wie auch um ihn herum. Er hatte den einen Fuß vor den anderen gesetzt, besaß eine vage Erinnerung daran, dass er gestolpert war und sich auf dem Schneewall am Wegrand auf die Schnauze gelegt hatte. Er hatte sich in ein paar Ästen verheddert oder … er wusste es nicht mehr. Seine Hände waren voller Striemen und Punkte wie nach einer unangenehmen Begegnung mit struppigem Gebüsch. An den Weg aber hatte er sich erinnert. Jetzt war er hier. Warum hatte er bloß nicht mehr zu trinken dabei? Er brauchte einen kleinen Schluck und klopfte sich auf die Brust, doch die Flasche, die in der Tasche gesteckt hatte, war weg. Er stützte sich am Geländer ab und lehnte sich mit dem ganzen Körper gegen die Tür.

»Schließ auf deine Heeerzenstür und lass die Sooonne rein …«, krächzte er einen Countryschlager.

Die Tür war nicht abgeschlossen und schwang auf.

»Hui!«

Er hatte sich schon vorgestellt, im schlimmsten Fall ins Haus einbrechen zu müssen, sollte sie nicht öffnen. Erleichtert schloss er die Tür hinter sich und schob aus alter Angewohnheit den Riegel vor. Er schlich sich hinein, stolperte jedoch über Mutters Pantoffeln, die mitten im Flur lagen, und torkelte gegen die Wand. Ein Bild fiel von der Wand, und das Glas barst.

»Pscht!«

Er legte den Finger auf die Lippen und grinste eine jüngere und weit hübschere Ausgabe seiner selbst hinter dem zersplitterten Glas an.

»Mensch, da liegst du also einfach so da …«

Das Lächeln verzog sich zu einer Grimasse, er ging in die Hocke und sammelte die Glassplitter auf. Dabei schnitt er sich in Zeigefinger und Daumen, spürte allerdings keinen Schmerz. Er blieb einfach sitzen und sah beinahe fasziniert zu, wie das Blut seine Finger hinunterrann. Ein Atemgeräusch ließ ihn aufblicken.

»Lilly! Tatsächlich … da ist ja unser kleines Lillymädchen …«

Der Hund stand in der Türöffnung. Seine Nase vibrierte, der Schwanz hing herunter. Ein leises Knurren.

»Na komm schon, Hundchen, du wirst dich doch an den kleinen Agnar erinnern. Ich weiß, beim letzten Mal warst du noch ein Welpe, aber verflixt, nu’ komm schon!«

Mit hoher Stimme versuchte er, den Hund zu sich zu locken.

»Lillybitch, komm, komm, komm.«

Der Hund näherte sich und ging in einem Bogen um ihn herum, und als er nahe genug war, griff er ihn im Nacken und drückte ihn an sich.

»Siehste, Lilly, ich bin nich’ gefährlich. Musst keine Angst haben. Hab dir nie was getan.«

Etwas löste sich. Es strömte aus ihm heraus. Jetzt saß der Hund still, er winselte zwar, ließ sich aber streicheln.

»Pscht! Nicht Mutter aufwecken. Weiß’ du, ob sie was zu trinken hat? Ich brauch bloß ’nen kleinen Schluck. In dem Restaurant da haben die sich geweigert, mir mehr zu geben. Einfach geweigert! An meinem großen Entlassungstag! Und hier stand auch niemand an der Tür und hat mich mit ’ner geöffneten Flasche empfangen.«

Er weinte. Der Hund schleckte ihm das Gesicht. Dann erhob Agnar sich. Er sollte verdammt noch mal nicht hier herumsitzen und flennen wie irgend so ein Drecksblag. Vielleicht hatte Mutter eine Flasche selbst gemachten Johannisbeerwein im Keller? Er taumelte auf der Schwelle und stützte sich auf den Handlauf, während er die Treppe hinabstieg. Dennoch glitt er auf halber Strecke aus und polterte auf dem Rücken nach unten. Er stöhnte, schaffte es nicht, aufzustehen, und krabbelte die letzten Meter bis zum Vorratsraum. Als sein Blick auf die alte Gefriertruhe mit dem Vorhängeschloss fiel, musste er feixen.

»Niemand hier will dir deinen Proviant klauen, Mutter.«

Er kroch weiter und tastete sich bis zu den Regalen an der Rückwand.

»Mit den Flaschen nimmste’s nich’ mehr so genau. Mannomann! Kognak!«

Schnell war der Verschluss ab und die Flasche an seinen Lippen. Oh, heilige Nacht! Es brannte in der Speiseröhre. Er rappelte sich auf und ging schwerfällig die Treppe wieder hinauf. Gott sei Dank hatte sie einen festen Schlaf. Kurz erwog er, ob er nicht in die Küche gehen und sich eine Stulle schmieren sollte, ließ den Gedanken aber wieder fallen; jetzt, wo er den Kognak hatte, brauchte er nichts anderes mehr. Er setzte sich ins Wohnzimmer. Eine Fluppe wäre gut. Beim Durchforsten der Jackentaschen fand er einen Stummel und summte leise, als er ihn anzündete.

»Oooh, heilige Nacht, oh, heil’ge Weil der Welt …«

Vier Züge schaffte er von der halb gerauchten Zigarette, bevor die Glut den Filter erreichte.

»… und heiß’ frohlockend meine Freiheit willkommen.«

Agnar stand auf. Die Wände drehten sich. Nur noch einen Kleinen vor dem Schlafengehen, dachte Agnar und versuchte, sich daran zu erinnern, wo er die Flasche hingestellt hatte.

»Ach, da stehst du ja! Steht alleine auf dem Couchtisch und sagt nichts …«

Er nahm die Flasche, wollte auf Zehenspitzen an Mutters Schlafzimmer vorübergehen, hielt aber einen Augenblick inne und flüsterte durch das Schlüsselloch:

»Besten Dank fürs Schnäpschen, Mutter.«

Dann stieg er die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Er setzte sich auf die Bettkante, und während er nach und nach die Flasche leerte, umschloss ihn langsam die Dunkelheit.

4

Zwei Wartehäuschen und ein Taxistandschild verrieten, dass der Platz, auf den Verner Jacobsen einbog, eine Haltestelle war und kein großer Kreisverkehr. Hohe Kiefernbäume thronten in der Grünanlage in der Mitte. Der Ort wurde seinem Namen Ahornhain also nicht ganz gerecht – oder hornhai, wie ein ganz Kreativer sich an einer Haltestelle verewigt hatte. Verner Jacobsen ließ das Auto im Leerlauf stehen, während er auf Bitte Røed wartete. Die niedrigen Reihenhäuser aus den Siebzigern standen in Reih und Glied wie graue Baracken, und in Verbindung mit der russischen Eiseskälte, die das Østland die letzten vierundzwanzig Stunden im Griff hatte, weckte es in ihm Assoziationen an die dunkelsten Zeiten der Sowjetunion. Vor einem Haus hatte jemand versucht, der Gegend ein wenig Leben einzuhauchen, indem er eine rot, grün und blau blinkende Lichterkette um einen wuchernden Lebensbaum gewunden hatte. Im selben Moment wurde die Autotür aufgerissen.

»Meine Güte, was für eine Kälte!«

Bitte Røed warf sich auf den Sitz und schlug ihre Arme um den Oberkörper.

»Wohin fahren wir?«, fragte Verner Jacobsen und rollte behutsam auf die Hauptstraße zu.

»Hier vorne rechts und dann an der nächsten Kreuzung links. Hab’s noch nicht geschafft, mich näher mit der Umgebung vertraut zu machen, aber direkt hinter der Kreuzung soll es einen Forstwirtschaftsweg geben.«

Das Auto geriet auf dem eisigen Asphalt ins Trudeln, als er von der Haltestelle auf die Straße fuhr.

»Alles in Ordnung?«, fragte Bitte Røed.

Verner merkte, wie sich sein Gesicht anspannte. Er brachte keine Antwort zustande.

»Willst du, dass ich zur Beerdigung komme?«

Wollte er das? Natürlich wollte er, dass sie kam.

»Nein, geht schon«, sagte er knapp.

Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Er tat, als sei er damit beschäftigt, die Abbiegung zu finden.

»Da ist es«, sagte Bitte Røed. »Du brauchst bestimmt ein bisschen Schwung, das erste Stück ist ganz schön steil.«

Der Weg war schmal und führte durch dichten Wald. Von beiden Seiten kroch die Dunkelheit bis dicht ans Auto heran. Sie passierten ein kleines Gehöft mit einer baufälligen Scheune und etwas später zwei dicht nebeneinander stehende Häuser mit gemeinsamem Spielhäuschen im Garten. Weiter zurück lag ein kleines, mit Eternitplatten verkleidetes Haus, das über einen umzäunten Hundeauslauf verfügte. Über dem Eingangsbereich hing an einem Metallarm eine einzelne Glühbirne. Ansonsten bestand die Gegend aus Wald.

»Erinnere mich daran zu erwähnen, dass wir in den umliegenden Häusern kein Licht oder sichtbare Aktivitäten ausmachen konnten, wenn wir den Tatortbericht schreiben«, sagte Verner.

»Ist für die meisten Leute wohl noch ein bisschen früh.« Bitte Røed gähnte und notierte die Uhrzeit: 05.38 Uhr.

»Für uns ist wichtig, dass wir uns den Tatort anschauen, solange er noch warm ist«, murmelte Verner, während er das Auto dicht am Schneewall am Wegrand parkte.

»Wie warm kann der noch sein? Weißt du, dass das Thermometer zu Hause minus achtzehn angezeigt hat?«

Bitte Røed fröstelte.

»Eine Teenagerin«, sagte Verner, als sie sich den ersten Flatterbändern näherten. Von Weitem konnten sie das Licht von Taschenlampen erkennen, die im Dunkeln aufblitzten, dort, wo wahrscheinlich die engere Umgebung des Tatorts lag.

»Ein Mädchen«, fuhr er fort. »Thomas Lindstrand meint, es gebe Grund zur Annahme, dass wir es mit einem verdächtigen Todesfall zu tun haben.«

Bei einer solchen Nachricht war sein Körper normalerweise voller Adrenalin. Dieses Mal nicht. Die prickelnde Rastlosigkeit, die sich bei der vordringlichen Frage – war es ein Unglück, Suizid oder Mord? – sofort einstellte, war einer Art Traurigkeit gewichen. Der dunkle Anzug hinter der Schlafzimmertür hatte ihn in eine Art Dämmerzustand versetzt, in dem Gefühle auf Sparflamme liefen.

Am Tatort waren zwei weiß gekleidete Kriminaltechniker schon in Aktion. Sie glichen in der Landschaft schwebenden Geistern. Flackernd erhellte der Blitz einer Fotokamera die Umgebung, und ein Lasermessgerät schnitt einen blauen Strich in die Nacht. An der Absperrung standen zwei uniformierte Beamte. Verner Jacobsen und Bitte Røed wurden im Protokoll registriert und bekamen jeweils einen Papieroverall ausgehändigt und Plastiküberzieher, die sie über die Stiefel streiften. Sie gingen abseits des Weges, um keine möglichen Spuren zu vernichten. Verner Jacobsen kam sich vor wie ein Astronaut, als bewegte er sich in einem luftleeren Raum. Dass es schneite, konnte er nicht erkennen, fühlte aber ein unangenehmes Stechen im Gesicht.

»Mist, verdammt«, rief Bitte Røed aus, die hinter ihm herging und in seine Fußstapfen trat.

Verner wandte sich um und richtete die Taschenlampe auf sie.

»Stimmt was nicht?«

Bitte hob ein Bein und schüttelte es. Unmittelbar drängte sich Verner eine Ähnlichkeit zu Lorca auf, der sein Hinterbein hob, um gelbe Löcher in den Schnee zu machen.

»Hab die Halbstiefel genommen. Und die Strumpfhose vergessen. Ich frier mich hier noch tot.«

Verner sagte nichts, nahm jedoch an, dass sich sein Gesicht verhärtet hatte, denn ihr Mund klappte augenblicklich wieder zu.

5

Donnerstag, 27. November. Nachts

Grauenhaftes Tagebuch,

ja, so nenne ich dich jetzt.

Und niemand soll jemals erfahren, was heute Abend geschehen ist. Darüber kann man nicht schreiben, aber irgendwie muss ich es mir trotzdem von der Seele schreiben. Worte stillen den Schmerz. Worte sind Rausch. Du, mein Tagebuch, bist das Einzige, was ich jetzt noch habe. Der Einzige, mit dem ich über das Unaussprechliche reden kann. Worüber man nicht tuschelt, woran man nicht denkt. Ich habe solche Angst. Mehr Angst, als ich für möglich gehalten hätte. Niemals hätte ich gedacht, ich würde … Und Fredrik … ich habe wirklich geglaubt … ich habe nicht geglaubt, du könntest … Nein! Stopp! Nicht mehr schreiben. Kein einziges Wort mehr.

Und wenn du das hier in diesem Augenblick liest! Wenn du bis hierher gelesen hast … dann ist es höchste Zeit, dieses Buch aus den Händen zu legen, ansonsten …

»Marte?«

Marte schob ihr Tagebuch unter das Kopfkissen, schloss die Augen und tat, als wäre sie bei eingeschaltetem Licht eingeschlafen. Wenn sie still daläge, würde er sie vielleicht in Ruhe lassen.

»Du bist zu Hause, Gott sei Dank. Ich hatte solche Angst …«

Langsam drehte sie sich um, als erwachte sie aus einem Traum. Ihr war, als versuchte ihr Gehirn neue Gesetzmäßigkeiten aufzuspüren, um irgendwie rechtfertigen zu können, dass sie nicht mit ihrem Vater sprechen wollte.

»Ich hab dir deinen Stiefel mitgebracht.«

Sie zuckte zusammen.

»Wieso bist du denn mit nur einem Stiefel nach Hause gegangen?«

Fest kniff sie ihre Augen zu, und ein paar zusammengepresste Tränen tröpfelten zwischen ihren Wimpern hervor.

»Dein Handy hast du hoffentlich nicht auch noch verloren? Ich hab versucht, dich zu erreichen.«

Marte schüttelte den Kopf.

»Du musst mir sagen, was passiert ist, Marte.«

»Akku leer«, flüsterte sie.

»Ich meinte, dass du mir erzählen musst, was heute Abend passiert ist. Das kann von entscheidender Bedeutung sein.«

»Für was denn?«

Ihr Vater zögerte.

»Ich weiß auch nicht genau. Für alles, was in Zukunft noch geschieht.«

»Aber es ist doch nicht sicher, dass sie’s noch mal machen, oder?«

»Was haben die gemacht, Marte?«

»Nichts.«

»Es ist wichtig, dass ich Bescheid weiß. Du musst dir von mir helfen lassen.

»Du kannst nichts tun.«

»Wir können sie anzeigen.«

»Weswegen?«

Die Furcht traf sie hart, presste ihr Herz platt wie eine Flunder. Sie warf sich herum, begrub ihr Gesicht im Kissen. Ihr Vater legte die Hand auf ihren Rücken. Sie schüttelte sie ab, kauerte sich unter der Decke zu einem Ball zusammen.

»Nicht!«

»Was ist heute Abend vorgefallen, Marte?«

»Nichts.«

»Doch, es ist was passiert.«

»Nein!«

»Na gut«, sagte er. »Wir unterhalten uns morgen weiter. Schlaf jetzt.«

Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch er wusste genau, wie seine Stimme sich anhörte, wenn er ihr nicht zeigen wollte, dass auch er Angst hatte.

6

Das aus dem Schnee hervorlugende Gesicht hatte einen unheimlichen Weißton, ganz ähnlich dem in einem verdrehten Auge. Auf der blauen Daunenjacke hatte der Frost brokatähnliche Rosen gezeichnet. Zuerst nahm er an, sie trüge eine Spange im Haar; ein rötlicher Schimmer unter der dünnen Schneeschicht, festgefroren in der plötzlichen Kälte. Dann begriff er, dass es Blut war. Mehrmals sog er die kalte Luft ein und merkte, dass es in den Lungen ziepte. Das Mädchen lag unter einem ungefähr vier bis fünf Meter hohen Felsvorsprung. War sie gefallen?

»Sie wurde gestoßen«, meinte Bitte Røed.

»Was?«, sagte Verner und überlegte, ob sie seine Gedanken gelesen hatte.

»Ich glaub, sie wurde gestoßen. Schau dir an, wie sie daliegt. Sie hat ihre Hände nicht zu Hilfe genommen. Sieh mal, wie der eine Arm unter dem Köper liegt und der andere abgespreizt zur Seite. Falls sie noch gelebt hat, als sie fiel, wohlgemerkt.«

»Muss kalt gewesen sein heute Nacht, ohne etwas auf dem Kopf«, bemerkte Verner.

»Und an den Händen«, sagte Bitte.

Ihre Stimme brach, und Verner dachte, das Mädchen müsse ungefähr im selben Alter wie Julie sein, ihre Tochter.

Er legte die Hand auf die Schulter der Kollegin, doch Bitte Røed schüttelte sie ab. Er näherte sich dem toten Mädchen. An der Hand, die zu sehen war, waren die leicht gebogenen Finger gespreizt und glichen einer Kralle mit violett lackierten Nägeln. Sie war schön, gebrauchte aber ein bisschen zu viel Make-up; außerdem befand sich eine kleine rote Kratzwunde auf ihrer Stirn. Ist da jemand wütend auf dich gewesen, wunderte sich Verner Jacobsen und ging neben ihr in die Hocke. Die Augen waren weit aufgerissen. Als er dem leeren, starren Blick begegnete, überflutete ihn der Schmerz, drang ein unter seine Haut und verschleierte alles, was er sich vornahm. Ich bin nicht objektiv, tadelte er sich. Aber ganz gleich, was er auch versuchte, er wünschte sich bloß, dass sie plötzlich wie durch ein vorweihnachtliches Wunder blinzelte. Er legte zwei Finger an ihren Hals.

»Sie ist bereits für tot erklärt«, sagte eine scharfe Stimme hinter ihm. »Fass sie bitte nicht an, sei so gut.«

Verner Jacobsen zog schuldbewusst seine Hand zurück. Als er sich erhob, blickte er auf die Schulter von Roar Holm-Hansen, einem stattlichen Mann, den Verner auf eins fünfundachtzig groß wie breit schätzte.

»Du kennst Bitte Røed noch nicht«, sagte Verner und lenkte den Fokus auf die Kollegin.

»Roar Holm-Hansen, Pathologe«, sagte der kräftige Mann.

»Bitte Røed, äh … Kommissarin«, entgegnete Bitte Røed.

»Was hast du herausgefunden?«

»Sie ist jung«, antwortete Roar Holm-Hansen. »Und falls es das Mädchen ist, das heute Nacht von seinen verängstigten Eltern gesucht wurde, ist sie erst fünfzehn. Es ist noch zu früh, um etwas über die Todesursache zu sagen. Sobald alle Spuren gesichert sind und die Umgebung vermessen und abfotografiert ist, nehm ich sie mit auf meinen Tisch. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre sie erschlagen worden. Das Blut lässt womöglich darauf schließen, dass sie eine Schädelfraktur am Hinterkopf hat. Die Geröllhalde, die sie runtergefallen ist, ist ziemlich steil.«

Verner sah sich um. Zunächst hatte er gedacht, die ganze Umgebung sei von einer einen halben Meter hohen Schneedecke bedeckt, doch nun bemerkte er, dass genau die Stelle, an der das Mädchen lag, beinahe frei von Schnee war. Ein Vorsprung über dem felsigen Boden fungierte als eine Art Markise.

»Wie lange ist sie schon tot?«, fragte er.

»Den genauen Zeitpunkt kann ich noch nicht nennen, es ist extrem kalt, sie ist leicht bekleidet und schneller ausgekühlt als normal. Von der Augenflüssigkeit habe ich eine Hypoxantin-Probe genommen, das verschafft uns eine präzisere Antwort als die übliche Methode zur Messung des Körperkerntemperaturabfalls.«

Roar Holm-Hansen kratzte sich am Hinterkopf, sodass seine Mütze in die Stirn rutschte.

»Ich gehe davon aus, dass das Unglück sich irgendwann zwischen 20.30 und 23.00 Uhr gestern Abend ereignet hat. Es stellt sich die Frage, ob sie augenblicklich gestorben ist oder ob sie bewusstlos war und anschließend erfroren ist.«

Das Unglück, dachte Verner Jacobsen und spürte, wie in ihm ein Anker auf Grund ging. Womöglich ist sie bloß gestrauchelt und wehrlos liegen geblieben, während die Kälte an ihr zehrte. Unfälle passieren, das billigen wir, und die meisten akzeptieren, dass die Natur gnadenlos ist. Verbrechen hingegen …

»Kurz nachdem ihr hier fertig seid, werd ich schon einen vorläufigen Bericht abgeben können. Ihr habt Toppriorität.«

Verner Jacobsen hatte dem Mädchen den Rücken zugekehrt und sah dem Pathologen hinterher, der sich schwer atmend wie ein Übergewichtiger zum Hauptweg hinaufmühte. Sein frostiger kondensierender Atem umgab ihn, bis er oben auf dem Weg außer Sicht war. Verner fühlte, wie die Kälte seinen Rücken hinaufkroch. Plötzlich drehte er sich um und ließ das Licht der Taschenlampe über das tote Mädchen gleiten. Ihm war, als hätte es einen letzten eiskalten Atemzug gemacht, der ihn im Nacken traf.

»Unsinn. War bloß der Wind.«

»Was hast du gesagt?«

Entgeistert sah Verner Bitte Røed an. Hatte er laut geredet?

»Nichts, nichts«, brummte er und richtete seinen Blick wieder auf die Leiche.

Diese weit aufgerissenen Augen. Hilf mir, dachte Verner Jacobsen, es ist, als wollte sie »Hilf mir!« sagen. Ein Gesetz müsste es geben, wonach es verboten war zu sterben, wenn man noch sein ganzes Leben vor sich hatte. Und irgendwo saßen eine Mutter und ein Vater und erwarteten sie, während ihre Herzen sich vor hoffnungsvoller Angst zusammenpressten.

»Was ist denn das da?«

Bitte Røed berührte ihn am Arm und ließ ihre Taschenlampe über die verschneiten Steine und aufwärts an etwas entlanggleiten, das im Dunkeln mit einem dicken Baumstamm verwechselt werden konnte.

»Ein Obelisk«, sagte Verner Jacobsen erstaunt. »Was für ein seltsamer Ort für ein Monument, mitten im tiefen Wald.«

Im selben Augenblick wusste er, dass, welche Bedeutung er ursprünglich auch gehabt haben mochte, ihm von nun an eine neue beigemessen würde. Er atmete durch die Nase und merkte, wie seine Nasenhaare gefroren. Es raschelte im Unterholz, und eine Schneewolke rieselte herunter, als ein Vogel aufflog. Dann wurde es still. Die Kälte durchdrang ihn. Es kam ihm vor, als wäre bereits ein Monument für das Grab aufgestellt worden. Oder hatte jemand bewusst exakt diesen Ort gewählt, um ein junges Leben zu beenden?

7

»Stopp! Agnar, hör auf! Hörst du, Schluss!«

Ein hohler Schrei erklang. Die Stimme seiner Mutter war in einer Sprechblase gefangen, genauso wie in den Comicheften, und konnte ihn nicht länger treffen. Trotzdem hatte er Angst. Er stand am Flussufer und beobachtete, wie der Schnee seine Farbe änderte. Aus dem Eis tröpfelte das Wasser wie aus der aufgesprungenen Kruste einer Wunde.

»Agnar!«

Er hielt sich die Ohren zu.

Agnar schlug die Augen auf. Das Laken war feucht. Der Hals trocken. Die Zunge klebte am Gaumen, und er reckte sich nach dem Wasserglas, das immer auf dem Tischchen neben dem Bett stand. Seine Hand fand das Tischchen nicht. Im Halbdunkeln erkannte er, dass keines dort stand. Erst verstand er nicht, wo er war, doch dann entdeckte er das verblichene Plakat an der Wand. Das Titelblatt eines Donald-Duck-Heftes. An der Decke hing noch immer das Modellflugzeug, das er und sein Vater gebaut hatten. Damals waren sie glücklich gewesen. Damals, bevor Agnar zu schlagen angefangen hatte.

Im Haus war es still. Agnar blieb liegen und lauschte. Er hörte den Hund unten im Erdgeschoss über den Boden tapsen. Dann begann er zu winseln. Ließ die Alte ihn denn nicht raus? Hatte die alte Schachtel vergessen, ihr Hörgerät einzuschalten? Er stöhnte und erbrach sich beim Versuch, sich aufzusetzen. Ein gelber Brei landete auf dem Flickenteppich vor dem Bett. Auf dem Boden lag eine Halbliterflasche Kognak.

»Verflucht, ich muss schon sagen, wo zur Hölle hast du die denn aufgetrieben, kleiner Agnar, hm? Nicht schlecht, verdammt noch mal. Guter Junge, guter Junge.«

Er hob sie auf und schüttelte sie. Ein kleiner Rest war noch drin.

»Reparieren, restaurieren, retournieren, äh reparieren …«

Das Winseln aus dem Erdgeschoss ging in Gekläffe über. Das also hatte ihn geweckt, Lillys Bellen. Nicht die Schreie seiner Mutter, die, wie er jetzt verstand, Teil eines Traums gewesen waren.

»Mutter!«

Seine Stimme klang kratzig. Er räusperte sich, zog von tief unten Schleim hoch und spuckte einen Klumpen auf den Teppich.

»Mutter! Lass die Töle raus!«

Das Bellen verstummte, und er hörte, wie Lilly die Treppe herauflief.

»Immer mit der Ruhe, Lilly. Feine Lilly.«

Als er den Hund mit dem bunt gesprenkelten Fell streichelte und kraulte, bemerkte er das getrocknete Blut an seinen Händen und stutzte. War er in eine Schlägerei geraten? An den Vorabend konnte er sich nur bruchstückhaft erinnern: Aus dem Restaurant war er hinausgeworfen worden. Auf der Straße hatte eine Gruppe Jugendlicher gelacht. Ein Aufblitzen von Blaulicht. Blaulicht? Er war sich nicht sicher. Aber an den Schnee in seinen Stiefeln erinnerte er sich; mehrere Male nämlich hatte er sie ausgezogen und geleert. Und dichter Wald, eine unerfreuliche Begegnung mit einem Schneewall am Wegrand, alles andere verblieb im Dunkeln. Und dann war da noch zersplittertes Glas. Hatte er sich geschnitten? Es sah so aus, als hätte er Schnitte in der Hand. Da entdeckte er, dass auch sein Hemd voller braunroter Flecken war. Hatte er so stark geblutet?

»Sollen wir mal gucken, wo Muttchen steckt, hm, Lilly?«

Mit dem Hund zu reden beruhigte ihn irgendwie. Lilly wedelte leicht mit dem Schwanz, drehte sich blitzartig um und verschwand die Treppe hinunter.

»Ja, okay, dann geh ich halt mit dir raus«, rief er. »Muss bloß erst selber pinkeln.«

Er stieg die Treppe hinab ins Erdgeschoss. Er fühlte sich, als stünde er auf dem Dach eines Wolkenkratzers, der sachte und Übelkeit erregend hin- und herschwankte. Verdammte Hacke, vierzehn Tage lang besauf ich mich, dachte er und klammerte sich ans Geländer. Er musste unbedingt etwas essen.

Noch halb benommen stützte er sich am Türrahmen ab und öffnete die Küchentür.

Bei dem sich bietenden Anblick musste er sich erneut übergeben.

Erster Gedanke: Aaach du Scheiße!

Zweiter Gedanke: Ach du Scheiiiße!

Unversehens meldeten sich Geistesblitze vom Vorabend. Er hatte die Haustür geöffnet, den Geruch des Elternhauses eingeatmet und war über Mutters Pantoffeln gestolpert. Das Foto von sich als Junge unter zerbrochenem Glas. Dann war alles schwarz. Keine Ahnung, wie er in sein Jugendzimmer gekommen war und sich auf das alte Bett gelegt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass er sich bis zum Blackout betrunken hatte, nicht das erste Mal, dass er sich einer Psychose näherte. Die Anzeichen kannte er. Dass auch wirklich stimmt, was er sah, war längst keine ausgemachte Sache.

Es ist nicht wahr, dass sich alles dreht, wenn man voll ist, dachte Agnar. Ist irgendwie mehr wie ein Sprung in der Platte. Es läuft nicht rund, wiederholt sich nur. Er sah seine Mutter und das Blut. Die Mutter und das Blut. Das Blut und seine Mutter, die mitten in der Lache lag, neben der Spüle und der Bank. Ein Teller mit verkrusteten Essensresten. Das hatte er vorher schon gesehen. Wie viele Male hatte er nicht geträumt, ihr ein Messer in den Rücken zu rammen? Sie fallen zu sehen? Sie schreien zu hören? Und im letzten Augenblick kurz vor ihrem Tod würde er ihr sagen, wie abgrundtief er sie hasste. Aber das hier war kein Traum. Was er sah, war die Realität.

8

Nach Rücksprache mit den Kriminaltechnikern entschied Verner Jacobsen, über der Toten ein Zelt aufzustellen, um zu verhindern, dass der Schnee wichtige Spuren verwischte. Die Eltern wurden betreut, und er verspürte eine beschämende Erleichterung darüber, gerade diese Aufgabe nicht selbst übernehmen zu müssen. Das hätte er nicht bewältigt. Nicht heute. Der 27. November würde ein finsterer Tag des Gedenkens nicht nur für ihn sein.

»Frierst du?«, fragte er seine Kollegin.

Bitte Røeds Lippen waren blau, und sie bewegte sich wie ein Pinguin. Ob sie mit dem Kopf schüttelte oder zitterte, konnte er nicht sagen.

»Hier sind wir wohl fertig«, fuhr er fort. »Lass uns noch kurz mit den Beamten sprechen, die zuerst vor Ort waren.«

Die beiden Polizisten standen noch immer auf ihrem Posten an der Absperrung oben am Weg. Arme Schweine, dachte Verner Jacobsen, werdet ihr nicht bald abgelöst? Sie stapften auf und ab und versuchten, sich warm zu halten. Noch waren sie nicht von mit Teleobjektiven bewaffneten Journalisten umringt, doch das würde sicher nicht mehr lange dauern.

»Ich möchte gern ein paar Auskünfte darüber, was Sie gesehen haben, als Sie am Tatort angekommen sind«, sagte Verner Jacobsen. »Wer hat den Fund gemeldet? Mal abgesehen vom Pathologen habe ich hier ausschließlich Polizisten gesehen.«

»Der Krankenwagen war schon da, als wir angekommen sind«, antwortete einer der Beamten. »Der Amtsarzt ist ziemlich schnell eingetroffen. Von Anfang an waren zwei Zeugen am Tatort. Wir haben sie kurz vernommen, sie dann aber nach Hause geschickt. Sie sollen heute noch ihre Zeugenerklärung auf der Wache abgeben.«

»Warum wurden sie nicht direkt zur Vernehmung gebracht?«, fragte Verner schroff.

Unsicherheit flackerte in den Augen des Polizisten auf.

»Äh, wir haben die Situation dahingehend beurteilt, dass es nicht notwendig war«, sagte der kleinere der beiden. Sein Mund glich einem Hühnerschnabel. Er spitzte die Lippen und sah ängstlich zu seinem Partner.

»Ja«, übernahm der andere. »Der Arzt, der hier war, äußerte die Vermutung, das Mädchen sei schon eine Weile tot gewesen, und der Junge hatte Bedenken, er würde seine Eltern beunruhigen, die noch wach waren und auf ihn warteten. Und der Mann stand ziemlich unter Strom. Er hat nach seiner Tochter gesucht, die er nicht erreichen konnte. Natürlich hatte der Todesangst, dass seiner Tochter auch etwas zugestoßen sein könnte. Deshalb haben wir sie nach einer kurzen Vernehmung gehen lassen. Sie sind instruiert worden, im Lauf des Vormittags auf der Polizeiwache zu erscheinen.«

Verner musterte die Beamten. Beide noch so jung, dachte er. Womöglich war dies ihr erster Tatort, und auf einmal entsann er sich, wie er selbst zum ersten Mal vor Adrenalin bebend ein Absperrband um einen Garten gezogen hatte, in dem eine alte Dame tot zusammen mit ihrer Katze aufgefunden worden war. Er dachte daran, wie er die Tatort-Utensilien mit zitternden Händen aus dem Streifenwagen geholt hatte, während die Gedanken durch seinen Kopf rasten und er sich an alles zu erinnern versuchte, was er über die Sicherung von Spuren und den Umgang mit Zeugen gelernt hatte. Stress, dachte Verner Jacobsen, lähmt als Erstes die Hirnregionen, die normalerweise eine intelligente Person ausmachen. Im Nachhinein sah er ein, dass es nicht sein Verdienst gewesen war, dass die Polizei den Fall gelöst hatte. Beruhigend lächelte er den jungen Männern zu.

»Haben Sie die Namen der beiden?«

Hühnerschnabel sah erleichtert aus.

»Der Junge heißt Fredrik. Fredrik Paulsen«, sagte er nicht ganz ohne Stolz, weil er seine Notizen dafür nicht zurate ziehen musste. »Und derjenige, der die Polizei kontaktiert hat, heißt Kristian Skage.«

Er blickte auf die Uhr.

»Sie führen wahrscheinlich die Vernehmungen durch?«, fragte er.

»Das wird deine Aufgabe sein«, sagte Verner an Bitte Røed gewandt.

»Hä?«, entgegnete Bitte Røed und atmete durch den Mund.

Verner Jacobsen fühlte sich plötzlich müde.

»Hast du was dagegen?«, fragte er. »Ich würde die Vernehmungen ja gern selbst machen, aber du weißt doch, dass ich mich heute um andere Dinge kümmern muss.«

Er fühlte Verärgerung in sich aufsteigen und musste sich auf die Zunge beißen aus Angst, vielleicht einen unpassenden Kommentar abzugeben oder, noch schlimmer, zu weinen anzufangen.

»Hast du was dagegen?«, wiederholte er.

»Dieser Name?«, sagte Bitte Røed. Sie ignorierte Verner Jacobsen und starrte den Beamten an. »Sind Sie sicher?«

»Ja, natürlich bin ich das«, sagte der Mann. Er holte sein Notizbuch aus der Brusttasche und zeigte ihr, was er geschrieben hatte.

»Fredrik Paulsen hat das Mädchen gefunden. Kristian Skage hat die Polizei informiert. Ich selbst hab mit ihnen gesprochen.«

Bitte Røed fühlte ihren Körper nicht mehr. Die schneidende Kälte durchdrang urplötzlich ihren ganzen Körper.

»Kennst du die beiden?«, fragte Verner.

Bei dieser Frage fingen ihre Zähne an zu klappern. Sie überlegte hin und her, wie viel sie erzählen sollte, dachte an das letzte Mal, als sie eine der in einen Mordfall verwickelten Personen gekannt hatte. Seinerzeit war der Freund ihrer Tochter in einen Fall involviert gewesen, in dem ein fünfjähriges Kind verschwunden war. Sie erinnerte sich noch genau, wie aufgebracht Verner gewesen war, als er mitbekam, dass sie Informationen zurückgehalten hatte.

»Er ist mein Lebensgefährte«, sagte sie schnell.

Als sie weitersprach, schaffte sie es nicht, ihm in die Augen zu schauen.

»Kristian Skage. Er ist Journalist. In unserer Kindheit waren wir schon einmal ein Paar und jetzt … Er wohnt hier in Tranby.«

Selbstverständlich wusste sie, dass ihr neues Verhältnis früher oder später bekannt werden würde, aber sie hatte es vor sich hergeschoben, ihrem Kollegen davon zu berichten. Jetzt verstand sie auch, warum sie sich davor gedrückt hatte. Ein verletzter Ausdruck in seinem ansonsten scharfen Blick. Verner Jacobsen war nicht schön. Er war mager und klein, und seine Narben im Gesicht glichen kleinen Kratern. Und trotzdem schimmerte da irgendetwas durch, das sie mit Schönheit verwechselte.

»Dein Lebensgefährte?«

Verner Jacobsen sprach die beiden Worte aus, als hätte er etwas gegessen, das ihm Übelkeit bereitete.

9

Weshalb konnte er sich an nichts mehr erinnern? Agnar Eriksen stand in der altvertrauten Küche mit dem Linoleumboden aus den Sechzigerjahren. Die Furcht saß ihm wie ein scharfer Schmerz im Rücken, unmittelbar unter den Schulterblättern. Der Anblick seiner Mutter mit den kreidebleichen Haaren, die in Blut schwammen, brachte seinen Magen abermals in Aufruhr. Er war leer, aber er würgte dennoch. Agnar bemerkte den sauren Geschmack gelber Galle und braunen Schnapses.

Auf der Küchenablage und den weißen Türen des Küchenschranks befand sich Blut. Hatten sie miteinander gekämpft? Verdammte Kacke, ich kann mich nicht erinnern, dachte Agnar. Ein taubes Gefühl in den Knien, die dabei waren, ihren Dienst zu versagen, ließ ihn einen Schritt zurücktaumeln. Vor der Küchentür sackte er zusammen und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.

Er versuchte, nüchtern zu werden, doch seine Gedanken kreisten umher wie in einem allzu schnellen Karussell, und tief in seinem Innern nahm er ein fremdes Gefühl wahr. Ein Schluchzen entglitt ihm. Was, verdammt, war das? Trauer? Verlust? Deshalb war er ja nun nicht gerade gekommen. Er war vorbeigekommen, damit sie, seine Mutter, noch eine letzte Chance bekam, alles zu erklären. Damit sie ihm etwas geben würde, damit er sein Leben fortführen konnte, für das er leben konnte. Er wusste nichts mehr, aber sie musste ihn wieder in Rage gebracht, ihn zur Weißglut getrieben haben.

Im Gefängnis behaupteten einige, sie säßen für Dinge ein, die sie nicht begangen hatten. Agnar hatte einfach mit den Wölfen geheult, sich gedacht, dass sie das Geschehene verdrängt hatten, so wie er seine Kindheitserinnerungen. Jetzt war er sich da nicht mehr so sicher. Und was immer auch hier in der Küche geschehen war, er würde dabei schlecht abschneiden. Er war ihr Sohn, hatte Gründe, ihr den Tod zu wünschen, er war wegen einer Gewalttat verurteilt worden, hatte sie vorher schon geschlagen. Ein bisschen länger als vierundzwanzig Stunden war er ein freier Mann gewesen. Seine Gedanken zogen ihn hinab in den dunklen Abgrund. Er musste unbedingt weg von hier, weit weg von allem, das ihn mit diesem Ort in Verbindung brachte. Aber das Blut? Was sollte er mit all dem Blut anstellen? Nicht bloß das von seiner Mutter, sondern auch sein eigenes war höchstwahrscheinlich überall verteilt. Und dann noch die Kotze. Und Rotze.

Auf dem Küchentisch stand eine Kerze. Mit dem Feuerzeug in seiner Tasche könnte er sie anzünden. Und dann könnte sie umkippen, die Decke und die Lierposten entzünden, die auf der Seite aufgeschlagen war, wo die Geburtstagsglückwünsche mit den Todesanzeigen um die Wette eiferten. Bald schon würde es dort schwarz auf weiß stehen, dachte Agnar. Unvermittelt sah er die kleine Spalte vor sich; ein einfaches Kreuz, darunter Erna Eriksen in hervorgehobener Schrift und weiter: »… wurde heute im Alter von achtundsiebzig Jahren jäh aus dem Leben gerissen«. Nur sein Name würde dort stehen und dem gesamten verfluchten Lier zeigen, dass er genau das immer gewesen war – alleine. Er stellte sich vor, wie sich das Feuer bis zum Häkelzeug ausbreitete, das sie auf die Sitzbank unter dem Fenster gelegt hatte, und sich zu den zart verzierten Kissen weiterfraß. Das Blut würde verdampfen und verschwinden. Nur Asche und Ruß würden übrig bleiben.

Agnar ging in den Hausflur, nahm Jacke und Handschuhe, die er in der Nacht zuvor dort hingeschleudert hatte. Auf der Kommode lag eine Strickmütze. Gestern war es eiskalt gewesen ohne Mütze, die Kapuze der Daunenjacke war ihm immer wieder vom Kopf geweht. Er hielt sie an sein Gesicht. Sie roch ein wenig nach Parfum. Hatte Mutter auf ihre alten Tage noch damit begonnen, sich in Wohlgeruch zu hüllen? Er zog sie bis über die Ohren und musste daran denken, wie seine Mutter immerzu gemeckert hatte, er solle sich richtig anziehen.

»Jetzt zufrieden, Mutter?«, wisperte er und schluckte das erstickende Gefühl herunter, das seinen Hals emporstieg.

Dann ging er zurück in die Küche, vermied den Blick auf seine Mutter, während er die Kerze anzündete. Seine Hände zitterten. Agnar kniff seine Augen zusammen und stützte sich mit der einen Hand auf der Tischkante ab. Als er die Kerze umstieß, schwankte es unter ihm. Er öffnete seine Augen wieder, die Kerze war erloschen. Verdammt! Als er wieder das Feuerzeug herausholte, zog er das Futter der Hosentasche mit heraus, es hing herab wie ein Kaninchenohr. Dieses Mal legte er die Kerze vorsichtig hin und hielt die Zeitung in die Flamme. So! Bald würde das Haus in Flammen stehen. Leute würden kommen. Und Feuerwehrwagen. Bis dahin musste er das Dorf hinter sich gelassen haben.

Feuerzeug und Futter steckte er zurück in die Tasche, ließ die Haustür sperrangelweit offen stehen, sodass Lilly eine Chance hatte, abzuhauen. Er hoffte, sie gehörte nicht zu den Hunden, die ungeachtet der äußeren Umstände an der Seite ihres Besitzers treu sitzen blieben. Mitnehmen konnte er sie nicht. Sollte sie versuchen, ihm zu folgen, würde er sie fortjagen. Würde er mit dem Hund gesehen, könnte er sich auch gleich schnurstracks bei der Polizei melden und alles gestehen. Aber den Gedanken, dass ein Tier leiden sollte, ertrug er nicht. Tiere waren schwach und unschuldig. Genau wie kleine Jungen.

Nachdem er den Hügel hinabgegangen war, überquerte Agnar den kleinen Schotterweg und torkelte in den Wald hinein. Zum Glück wurde der alte Pfad immer noch benutzt und war gangbar. Im Lauf der Nacht hatte es geschneit, und das tat es auch jetzt noch. Hoffentlich waren all seine Spuren bald verdeckt. Wenn er sich nicht irrte, führte ihn der ausgetretene Pfad auf den Joseph Kellers vei. Vielleicht würde er einen Bus erwischen und nach Oslo fahren? Dort könnte er in der Masse untertauchen, in ein Flugzeug Richtung Süden steigen, so tun, als wäre er nie in Lier gewesen.

Versuchsweise überschlug er, wie viele ihn gesehen haben könnten. In seiner Erinnerung klafften riesige schwarze Löcher, aber an ein paar Jugendliche auf der Straße erinnerte er sich. Leute im Restaurant, der Alte, der sich geweigert hatte, ihm noch mehr auszuschenken und ihn schließlich vor die Tür gesetzt hatte. Der Busfahrer. Aber niemand von denen kannte ihn. Keiner wusste, wer Agnar Eriksen war. Sie konnten nicht wissen, dass er der Sohn Erna Eriksens war, deren Haus gerade vor sich hin schwelte. Mal abgesehen von einigen wenigen Freigängen war er seit seinem sechzehnten Lebensjahr kaum je zu Hause gewesen. Und seine Haare würde er wachsen lassen, seinen Stil verändern und den Bart abnehmen, sodass sein Äußeres nicht länger in das eventuelle Schema des glatzköpfigen Säufers passte, der auf dem Lande aufgetaucht war. Womöglich kann ich diese Gelegenheit als Neustart nutzen, dachte er und sah einen Hoffnungsschimmer. Die Vergangenheit würde sich mit einem Vorhang aus Rauchschwaden hinter ihm schließen. Er hatte seine Strafe abgesessen, konnte ein neues Leben beginnen. Dass er auf alten Pfaden gewandelt war, würde er schlichtweg leugnen. Es könnte klappen. Wenn er nur schnell genug wegkäme.

Agnar näherte sich der Straße. Ein Räumfahrzeug dröhnte vorüber und schleuderte eine Ladung mit Eis gespickten Schnees bis dort hinauf, wo er zwischen den Fichten stand. Dann wurde es still. An der Bushaltestelle wartete niemand. Von der Statoil-Tankstelle leuchtete es warm, und er meinte, den Geruch von Kaffee wahrzunehmen. Es grummelte in seinem Magen. Wann er zuletzt gegessen hatte, wusste er nicht mehr. Doch, eine Pizza gestern Abend, hauptsächlich als Alibi, um an einem warmen Platz möglichst lange trinken zu können. Entweder er besorgte sich etwas zu essen, oder er kam an mehr Alkohol. Aber er hatte keine Lust, sich unten an der Tankstelle blicken zu lassen. Er musste sich unbemerkt davonmachen, und deshalb konnte er den Bus in die Hauptstadt ad acta legen.

Da entdeckte er ein Auto an der Einfahrt zur Waschanlage. Ein Mann in einem feinen dunklen Anzug stieg aus und eilte zur Tankstelle.

Ein unvermittelter Gedanke.

Jetzt hieß es, rasch zu handeln.

Er ging über die Straße, machte einen großen Bogen um die Zapfsäulen, um den Überwachungskameras zu entgehen, die sicher auf potenzielle Benzindiebe ausgerichtet waren, und schlich in die Waschstraße. Lass mich Glück haben, betete er. Ein beschissenes Mal im Leben, lass mich Glück haben! Glück! Glück! Glück!

Er hatte Glück.

Der Kombi war nicht abgeschlossen. Die Schlüssel steckten im Zündschloss. Beiläufig bemerkte er, dass es ein exklusives Auto war, mit getönten Scheiben. Er schlüpfte auf den Fahrersitz, legte den Gang ein, gab Gas und fuhr auf der anderen Seite aus der Halle. Zu spät erkannte er, dass er rückwärts hätte fahren sollen, und landete auf dem Fußweg. Sein Kopf explodierte. Er klammerte sich ans Lenkrad, raste weiter den nicht geräumten Gehweg entlang, bevor er das Auto herumriss und auf die Hauptstraße lenkte. Niemand vor ihm, es kamen ihm keine Autos entgegen. Agnar beschleunigte. Voll und ganz darauf konzentriert, aus dem Blickfeld zu verschwinden, bevor der Besitzer des Autos bemerkte, dass die Waschanlage leer war. Nach wenigen Sekunden war er schon an der Kreuzung. Jetzt war es nur noch ein kleines Stückchen bis zur Schnellstraße und zur E18. Er dachte daran, den Blinker zu setzen, hatte aber vergessen, welche Ausfahrt er nehmen musste, und kam in Richtung Drammen heraus.

»Komm jetzt mal runter, kleiner Agnar«, sagte er laut. »Bist ja nicht ganz nüchtern, ne, vielleicht ’n bisschen weniger Gas.«

Seine ganze Konzentration richtete er darauf, das Auto ordnungsgemäß auf der Straße zu halten. Die morgendliche Rushhour in die Hauptstadt raste ihm in einer endlosen Schlange entgegen.

Agnar blickte starr geradeaus. Es ging alles zu schnell. Er konnte nur schwer mit dem Verkehr mithalten, der Asphalt kam auf ihn zu und verschwand unter dem Auto. Der Kater ließ den Horizont in einer schiefen Wirklichkeit erscheinen. Die Landschaft, die er in den Augenwinkeln als graublauen Brei wahrnahm, verursachte ihm Schwindel. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wollte er von der Schnellstraße abfahren. Er nahm die nächste Ausfahrt und spürte, wie sein Puls einen niedrigeren Gang einlegte, als er auf die stille Landstraße einbog. Ein Rentner mit Hund stakste den Schneewall entlang. Er blieb stehen, zog den Köter dicht an sich. Mit seiner freien Hand nahm er die Pelzmütze vom Kopf und verneigte sich. Agnar fühlte ein Lachen in sich aufsteigen. Meine Fresse, wie höflich die Leute in der Provinz geworden sind, dachte er, stellte den Rückspiegel richtig ein und warf einen Blick zurück.

Das Lachen blieb ihm im Halse stecken.

»Oh Mann, zur Hölle noch mal!«

Er wäre beinahe von der Straße abgekommen, als er entdeckte, was der Fußgänger gesehen hatte.

10

»Sie hätten direkt zur Vernehmung gebracht werden müssen«, sagte Verner Jacobsen.

»Du hast doch gehört, was sie gesagt haben, es gab keinen Grund, sie zu verdächtigen«, wandte Bitte Røed ein.

Verner Jacobsen verstand selbst nicht, warum er so verärgert reagiert hatte, als er hörte, dass einer der wichtigen Zeugen Bitte Røeds Lebensgefährte war. Da er selbst für den Rest des Tages verhindert war, konnte keiner von ihnen Kristian Skage vernehmen.

»Die beiden waren die Ersten am Tatort, an dem möglicherweise ein Mord stattgefunden hat«, sagte er. »Hast du im Unterricht zur Untersuchungslehre und zum Umgang mit Zeugen gepennt, oder hast du die oberste Regel noch nicht auf dem Kasten?«

Er sah, dass es schmerzte. Plötzlich wollte er sie einfach nur verletzen.

»Suchen, sichern, Spuren sammeln, die auf den tatsächlichen Tathergang und die Schuld beziehungsweise die Unschuld der Beschuldigten schließen lassen.«

Die Regel, die sie als Polizeistudentin gepaukt hatte, sprudelte nur so aus ihr heraus.

»Sie soll uns daran erinnern, dass nicht notwendigerweise eine strafbare Handlung stattgefunden hat. Wie dem auch sei, Kristian hat jedenfalls nichts damit zu tun«, sagte sie bestimmt.

»Und wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Weil er gestern Abend bei mir war.«

»Offensichtlich nicht den ganzen Abend.«

»Nein, er musste seine Tochter abholen. Er hat einen Anruf bekommen und hatte Angst, dass ihr etwas zugestoßen war.«

»Wer hat angerufen?«

»Na Marte, seine Tochter. Sie war bei ein paar Freunden, auf einer Party, glaub ich, und offenbar ist was passiert. Am Telefon wollte sie nicht erzählen, was vorgefallen war, aber Kristian hat gesagt, dass Marte Angst hatte und nach Hause wollte. Wahrscheinlich hat er sie weder auf der Party noch zu Hause angetroffen und ist wieder raus, um sie zu suchen. Ich kann mir gut vorstellen, wie es gewesen sein muss, ziellos auf der Suche nach seinem Kind in der Gegend herumzulaufen und jemanden um Hilfe rufen zu hören. Dieser Junge, Fredrik, vielleicht hat er geschrien, dass er ein Mädchen gefunden hat und …«

Hastig fuhr sie sich mit dem Handschuh über das Kinn.

Mein Kind, dachte Verner Jacobsen, während sich sein Herz zusammenzog. Er drehte sich um und blickte über das abgesperrte Gebiet. Vom Weg aus wirkte es so, als neigte sich das Gelände nur sachte gen Süden. Unmöglich von ihrem Standpunkt aus zu sehen, dass nur einige Meter entfernt ein Abgrund lag, der in einem Geröllhang endete. Ein alter Marmorbruch. Aus dem achtzehnten Jahrhundert. Das jedenfalls stand auf der Tafel, die über das Kulturdenkmal informierte. Bitte Røed hatte ihm den Rücken zugekehrt und war weiter an den Rand herangetreten.

»Finger Gottes …«, sagte sie.

»Hm?«, brummte Verner und folgte ihr.

»Obelisken, werden die nicht auch Finger Gottes genannt?«, sprach Bitte Røed weiter. »Oder nein, eher Sonnenfinger. Aber siehst du nicht auch, wie das hier einer Opferstätte ähnelt mit dem Obelisken als überdimensional warnendem Zeigefinger? Und da! Sieh dir mal den Arm des Mädchens an. Von hier oben sieht es so aus, als würde sie direkt darauf zeigen, als wollte sie uns was mitteilen.«

»Lass uns nicht über Ritualmord spekulieren, bevor wir überhaupt wissen, ob wir es mit einer Straftat zu tun haben«, sagte Verner und verspürte den Drang, seinen eigenen mahnenden Zeigefinger zu erheben.

Eng umstanden die Bäume das Zentrum des Tatorts. Doch hinter dem Obelisken konnte Verner Jacobsen die aufgehende Sonne erkennen. Das Licht stahl sich zwischen den dunklen Fichtenstämmen hindurch den Hügel hinunter und sandte einen Fächer warmer Sonnenstrahlen über den schneebedeckten Waldboden. Mein Kind, dachte Verner wieder und schluckte. Victor würde schönes Reisewetter haben. Er schaute auf die Uhr. Sie mussten auf der Stelle zum Polizeipräsidium fahren, wenn er den Bericht vom Tatort noch fertig bekommen wollte, bevor er nach Hause musste. Als er daran dachte, was ihm bevorstand, setzte er sich in Bewegung und ging zum Auto. Während er die Schlüssel hervorkramte, klingelte sein Handy.

Das Bestattungsunternehmen. Die Nummer kannte er inzwischen. In letzter Zeit hatten sie viele Gespräche geführt. Seit sein Sohn den Kampf gegen die Leukämie hatte aufgeben müssen.

Dass es so viele Wahlmöglichkeiten gab, hatte er sich nicht vorstellen können. Blumen. Sarg. Lieder. Öffentliche Leichenschau. Nicht öffentliche. Feier im Krankenhaus. Keine Feier. Gedichte. Musik. Welche Kirche? Welche Kleidung? Grabstätte. Grabstein. Beerdigung oder Bestattung. So vieles, an das man denken musste. Und sie mussten sich einig sein. Die Eltern. Er und Trine. Die meisten Entscheidungen hatte er ihr überlassen. Nicht, um die Verantwortung von sich zu schieben, aber immerhin hatten Trine und ihr Mann Victor über achtzehn Jahre aufgezogen, ihn zu einem jungen Mann heranwachsen sehen, nur um Zeugen seines ebenso raschen Dahinsterbens zu werden. Für Verner war sein Sohn lediglich ein verdrängtes schlechtes Gewissen und ein wohlbehütetes Geheimnis gewesen, bis sein Sohn eines Tages auf der Treppe gestanden und seiner Frau Ingrid einen Schock versetzt hatte.

»Verner Jacobsen«, antwortete er und überlegte, zu welchen Einzelheiten er jetzt am letzten Tag noch seine Meinung abgeben musste.

Die Stimme am anderen Ende atmete tief ein, und kurz bevor Verner schon überlegte, ob die Verbindung unterbrochen worden war, sagte sie:

»Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen erklären soll, Verner Jacobsen, aber wir haben ein Problem.«

11

Augenblicklich war Agnar nüchtern. Hastig drehte er seinen Kopf, um sich noch einmal zu vergewissern.

»Oh mein Gott. Verdammt!«

Das Auto, das er fuhr, war kein gewöhnlicher Kombi. Es fehlten die Rücksitze, und der Sarg war schwarz, aber ohne Blumenschmuck.

»Entschuldigung, tut mir total leid, aber …«

Wie hatte er das übersehen können? In der ganzen Hektik hatte das Auto wie ein ordinärer Kombi ausgesehen. Ein Mercedes zwar, aber ohne offensichtliche Merkmale, dass es sich um etwas anderes als ein normales Auto handelte, weder war ein Kreuz auf dem Dach noch ein Firmenname auf der Tür.

»Bitte vielmals um Verzeihung, aber Scheiße auch, du musst jetzt mitkommen, ich kann dich nicht einfach hier an der Straße rauslassen.«

Fahr normal, dachte Agnar. Zieh bloß keine Aufmerksamkeit auf dich. Und beruhig dich, verflucht noch mal!

»Wo willst du hin? Obwohl … nee, antworte am besten nicht. Nicht antworten!«

Angst durchflutete seinen Körper. Ein toter Mensch. Tot wie in »todlangweilig«. Tot wie in »dem Tod nahe«. Okay, eine Glasscheibe schied Führerhaus vom hinteren Teil des Wagens, doch irdische Grenzen zählten irgendwie nicht mehr.

»Kacke, wo soll ich dich denn jetzt bloß hinbringen?«

Denk nach, denk nach, denk nach!

Er war an einen Kreisverkehr gelangt und sich einen Moment unsicher, wohin er fahren sollte. Einige Runden später fand er die Ausfahrt Richtung Drammen. Er musste das Auto loswerden. Nach einem Leichenwagen würde unmittelbar gefahndet, und er wurde wahrscheinlich schnell wiedererkannt. Jedenfalls von nüchternen Menschen, dachte Agnar in einem klaren Augenblick.

»Tut mir leid, wenn dir schwindelig wird, doch was hältst du von einer letzten Runde durch die Stadt? Werd mir ein Plätzchen überlegen, wo dich sicher jemand findet. Bloß plag mich in Zukunft nicht. War keine Absicht, das weißt du doch, oder? Hätt ich gewusst, dass du hier hinten liegst, dann …«

Er redete laut, musste die Furcht mit Geräuschen füllen. Dann richtete er sich auf und versuchte, bedachtsam zu fahren, mit einer – und den Gedanken mochte er irgendwie – gewissen Würde, um kein Aufsehen zu erregen. Parken und abhauen, so schnell wie möglich. Aber wo? Wo würde ein Bestattungswagen am wenigsten auffallen? Augenblicklich wusste er es.

»Das läuft schon«, sagte Agnar. »Entspann dich einfach und mach dich locker. Ich fahr dich nach Hause.«

12

»Was ist los?«

Bitte Røed betrachtete Verner Jacobsen, der mit fortschreitender Gesprächsdauer immer bleicher geworden war. Sie hatte mitbekommen, dass es etwas mit der Beerdigung zu tun hatte.

»Victor ist weg«, sagte er.

»Ich weiß, das tut weh«, erwiderte Bitte und legte die Hand auf seine Schulter. Die Anschuldigung, dass sie dem Unterricht auf der Polizeihochschule nicht gefolgt war, wollte sie ihm verzeihen. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er an eine alte Wunde gerührt hatte.

»Physisch weg, meine ich!«

Bitte schaute ihn an, wollte ihm zeigen, dass sie verstand.

»Ich muss die Zentrale anrufen«, sagte er und wählte die Nummer, während er sich vom Auto entfernte. Bitte überlegte, ob dem Kollegen das alles über den Kopf gewachsen war. Seit sein Sohn verstorben war, war er nicht mehr er selbst gewesen. Vielleicht sollte sie ihn nach Hause fahren, womöglich sollte er sich auch krankmelden oder wenigstens ein paar Tage freinehmen. Sich eine Phase der Trauer zugestehen. Sie würde ihm diesen Vorschlag unterbreiten. Verner kam zurück.

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