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Blumen für sein Grab

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

BLUMEN FÜR SEIN GRAB

Mitchell & Markbys siebter Fall

Ins Deutsche übertragen von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Einige alte Männer, Nachtwächter genannt, … und eine Hand voll Richter und Polizisten sind die Einzigen, deren Aufgabe es ist, Räuber und Diebe zu entdecken und zu bestrafen, … und doch gibt es keine Stadt, die freier ist von Gefahr …

The Picture of London 1918

Ein Mann, der durch London bummelt … oder sich in große Menschenmengen begibt … ohne besondere Vorsicht, … verdient kein Mitleid wegen der Schäden, die er möglicherweise davonträgt.

Ebd.

Chelsea, eine Gemeinde in Middlesex, … zwei Meilen westlich von London …

Ebd.

 KAPITEL 1 

»Heute musst du mit den Hunden gehen, Nevil!«, rief Mrs. James. »Ich muss nach Chippy, Hundefutter und Katzenstreu kaufen!«

Ihr Sohn blickte von dem mit Papieren übersäten Tisch auf. Er setzte die Brille ab und blinzelte seine Mutter aus blassen blauen Augen an, weil diese eine ganze Weile benötigten, um das, was sie sahen, scharf zu stellen.

Mrs. James wartete geduldig ab und dachte nicht zum ersten Mal, dass Nevil ohne seine Brille ein halbwegs gut aussehender Mann war. Wann immer diese Gedanken durch ihren Kopf gingen, empfand sie eine Mischung aus mütterlichem Stolz und wilder Befriedigung. Solange keine Frau Nevil am Haken ihrer Angel hatte, würde er bei ihr bleiben und ihr Hilfe und Unterstützung gewähren. Trotz einer tief sitzenden Geringschätzung des männlichen Geschlechts im Allgemeinen gestand Mrs. James bereitwillig ein, dass sie einen Mann zur Unterstützung in ihrem Alltag brauchte – selbst wenn es nur Nevil war.

»Ich habe mit den monatlichen Abrechnungen angefangen«, sagte Nevil. »Kann denn nicht Gillian gehen?«

»Nein, auf gar keinen Fall! Sie muss sämtliche Katzenkäfige sauber machen! Du könntest ihr im Gegenteil ein wenig zur Hand gehen, sobald du mit den Hunden draußen warst. Schließlich haben wir im Augenblick nur vier. Du könntest die Bücher auch heute Abend machen.«

Angesichts dieses Zeitplans, der seinen gesamten Tag umfasste, fühlte sich Nevil einmal mehr genötigt zu protestieren. »Ich habe auch noch andere Dinge zu tun, wie du weißt!«

»Zum Beispiel?«

Mrs. James zog sich eine ihrer ärmellosen, dick abgesteppten Westen an – oder genauer gesagt, die bessere ihrer beiden Westen –, weil sie in die Stadt fahren würde. Es war ihr einziger Versuch, sich ein wenig zurechtzumachen. Sie trug ein khakifarbenes Baumwollhemd über einer braunen Kordhose und schwere Schnürstiefel. Die Rundungen ihrer vollen, von keinem Büstenhalter gestützten Brüste unter dem Hemd waren der einzige Hinweis auf ihr Geschlecht. Ihr Haar, kurz geschnitten wie bei einem Mann, war stahlgrau und drahtig wie ein Pferdestriegel. Ihr Gesicht war wettergegerbt und von tiefen Linien durchzogen und bar jeden Make-ups. Sie war erst neunundvierzig Jahre alt, doch sie wirkte wie aus Teak geschnitzt, das eine Ewigkeit Regen und Wind ausgesetzt war, bevor es dauerhaft zu einem Bestandteil der Landschaft geworden war. Wie immer schürte Nevils Andeutung, dass er Interessen besitzen könnte, welche nicht unmittelbar den Zwinger und die Katzenpension betrafen, das nie verlöschende Feuer des Misstrauens und Unwillens in Mrs. James’ von Kämpfen zernarbtem Herzen.

»Ich habe Rachel versprochen, dass ich nach Malefis kommen würde. Sie möchte noch eine Stunde Schachunterricht, und es muss heute sein, weil sie und Alex morgen nach London zur Chelsea Flower Show fahren wollen.«

»Um Himmels willen!« Mrs. James’ gebräuntes Gesicht nahm einen dunklen, wenig attraktiven Rotton an. »Kann sich diese nichtsnutzige Frau denn nicht einmal für einen einzigen Tag mit sich selbst beschäftigen?!«

»Sie ist nicht nichtsnutzig!«, widersprach Nevil und errötete ebenfalls, wenn auch nur leicht. »Sie ist nur nicht so wie du, Ma.« Hastig fügte er hinzu: »So tüchtig.«

Seine Mutter blinzelte ihn an. »Ich bin deswegen so tüchtig, weil ich es verdammt noch mal sein musste! Ich habe hart gearbeitet, Nevil, damit wir ein Dach über dem Kopf haben!«

»Ich weiß, Ma.« Er setzte seine Brille wieder auf und nahm den Stift zur Hand. Er klang gelangweilt. Aus keinem anderen Grund als dem, dass sie dieses Gespräch schon zu oft geführt hatten und er es nicht mehr hören konnte, wie sie wusste, doch sie konnte nicht anders. Sie spürte Zorn und eine dumpfe Wut in sich brennen, weil sie nicht verhindern konnte, dass Nevil eines Tages von ihr weggehen würde, genau wie es sein Vater getan hatte. Nevil war siebenundzwanzig Jahre alt und sah seinem Vater nicht nur äußerlich ähnlich.

»Verdammt!«, brach es heftig aus Mrs. James hervor.

Nevil schrieb unbeeindruckt weiter. Er war an das häufig anlasslose Murren seiner Mutter gewöhnt.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Person genügend Verstand besitzt, um Schach zu spielen!« Offensichtlich wollte seine Mutter das leidige Thema nicht fallen lassen. »Versuch es doch mal mit ›Mensch Ärgere Dich Nicht‹! Darin müsste sie eigentlich ganz gut sein.«

»Ehrlich gesagt ist sie auch im Schach ziemlich gut. Sie hat eine natürliche Begabung für das Spiel.«

Mrs. James hatte ihre eigenen Vorstellungen davon, worin Rachel Constantines natürliche Begabungen lagen, doch sie verzichtete darauf, sie laut zu verkünden.

»Vergiss die Hunde nicht!« Sie brüllte fast.

»Sobald ich hiermit fertig bin, Ma.«

Sie wandte sich schroff ab und stapfte nach draußen. Nevil wurde zunehmend starrköpfig – und rebellisch! Alles nur wegen dieses elenden Weibsstücks, dieses aufgedonnerten Stücks Meterware, das um Lynstone herumscharwenzelte, sich anzog wie ein Model und sich jeden Mann nahm, der ihren Weg kreuzte und nur die leisesten Annäherungsversuche machte.

»Wie eine läufige Hure!«, schimpfte Mrs. James und funkelte böse durch die Bäume hindurch zu einem fernen Schornstein. Möge Gott Malefis Abbey verrotten lassen, und ganz besonders Rachel Constantine! Nevil, der arme Tropf, besaß nicht genug Verstand, um zu erkennen, welches Spiel sie mit ihm spielte und dass er nur verlieren konnte, was im Übrigen das Schlimmste daran war! Eine Frau wie Rachel würde nicht ihre Ehe riskieren, indem sie ernsthaft eine Liebschaft einging, gewiss nicht mit jemandem wie Nevil, jemandem, der kein Geld hatte. Sobald ihr Mann die ersten Anzeichen von Nervosität zeigte, würde sie Nevil die Tür weisen. Und er würde die ganze Rechnung bezahlen. Vielleicht würde er Lynstone sogar verlassen und von hier weggehen, um zu vergessen oder sonst irgendeinen weinerlichen Unsinn anstellen.

»Verdammt!«, brüllte Mrs. James erneut die Bäume an.

»Was ist denn, Molly?«, antwortete eine Stimme.

Ein großes, nicht besonders hübsches Mädchen in Jeans, Gummistiefeln und einem alten Pullover tauchte auf. In den Händen hielt sie einen Eimer und eine Bürste.

»Nichts!«, fauchte Mrs. James. »Bist du bald fertig mit diesen Katzen?«

»Noch nicht ganz. Die rote hat mich wieder gekratzt. Wann kommt der Besitzer wieder?«

»Nächste Woche.« Mrs. James blickte Gillian mürrisch an, doch es war keine Antipathie. Das Mädchen arbeitete gut und bedeutete keine Gefahr, was Nevil anging. Männer würden sich niemals mit Gillian abgeben. In Mrs. James’ Augen war das in mehr als einer Hinsicht ein Vorteil. Gillian würde nicht ihre Sachen packen und verschwinden. Sie liebte Tiere und war Menschen gegenüber scheu. Und wenn das Mädchen es auch vielleicht nicht wusste, sie hatte eine Menge Glück, dass sie so ein unscheinbares Pflänzchen war. Weil Männer, wenn man einen von ihnen denn in sein Leben ließ, einen selbst und besagtes Leben völlig zugrunde richteten.

Widerwillig sah sich Mrs. James – im Licht kürzlich gemachter Erfahrungen – gezwungen einzuräumen, dass Frauen bei Männern ebenfalls ziemlich gründliche Arbeit zu leisten vermochten. Tatsache war, dass jeder zwischenmenschliche Kontakt die Gefahr von Täuschung, Verrat und Herzschmerz mit sich brachte. »Ich würde jeden halbwegs anständig ausgebildeten Jagdhund vorziehen«, murmelte Mrs. James vor sich hin, während sie in ihren japanischen Allrad-Wagen kletterte, der neben einem heruntergekommenen alten Escort parkte. Sie heizte den Fahrweg hinunter und bog mit quietschenden Reifen und in eine Staubwolke gehüllt in die Durchfahrtsstraße an dessen Ende ein.

Ein Radfahrer radelte unvorsichtigerweise am Straßenrand entlang. Er begann unsicher zu schwanken, als Mrs. James heranraste, während er einen ängstlichen Blick über die Schulter warf.

»Los, aus dem Weg!«, brüllte Mrs. James und gestikulierte durch die Windschutzscheibe.

Der Radfahrer entschied sich, auf Nummer sicher zu gehen, und sprang seitwärts von seinem Gefährt. Er rappelte sich eben wieder aus dem Straßengraben auf, als Mrs. James um die Ecke verschwand.

Mrs. James raste weiter, die Hände um das Steuer geklammert, die Schultern nach vorn gezogen, das Gesicht wutverzerrt. Sie würde etwas wegen Nevil und Rachel Constantine unternehmen müssen. Falls nötig, würde sie Rachel auf drastische Weise aus dem Weg räumen. Sie war noch nicht sicher, wie sie es anstellen würde, doch ihr würde schon etwas einfallen.

Die Gehilfin der Tierpension, Gillian Hardy, beendete ihre Arbeit und stellte Schaufel, Besen und Eimer mit einem Seufzer der Erleichterung weg. Anschließend ging sie zum Haus hinüber. Hinter ihr bellten die Hunde, denn es war die Zeit am Morgen, zu der üblicherweise irgendjemand sie ausführte. Auf der hinteren Veranda entledigte sich Gillian mit Hilfe eines hölzernen Stiefelknechts ihrer Arbeitsschuhe und betrat das Haus auf Socken. Die Küche war leer.

Gillian tappte über den steingefliesten Boden in den Waschraum. Dort fanden sich die üblichen abgetrennten Toiletten und ein Waschbecken. Sie wusch ihre Hände gründlich und trocknete sie sorgfältig ab, während sie die Straßenkleidung betrachtete, die an einer Reihe von Haken hing. Ein Kleidungsstück, eine Damentweedjacke, die zwar alt, aber ein Markenartikel von ausgezeichneter Qualität war – die Sorte, die man auf dem Land auf Flohmärkten fand –, schien sie ganz besonders zu faszinieren. Sie schluckte laut, ihr Hals war trocken, nur zum Teil weil sie Tierstreu eingeatmet hatte, zum anderen Teil war es die Aufregung, die ihr Schauer über den Rücken jagte. Ihr Magen zog sich zu einer pulsierenden Masse irgendwo in ihrer Leibesmitte zusammen.

Schließlich ging sie mit eckigen Bewegungen an der Jacke vorbei, als könnten die wollenen Arme plötzlich vorschnellen und nach ihr greifen. Zurück in der Küche schaltete sie die Kaffeemaschine ein, legte zwei Biskuits auf einen Teller, nahm zwei Becher herunter und die Milch aus dem Kühlschrank. Die ganze Zeit über lauschte sie mit geneigtem Kopf – fast wie einer ihrer Hundeschützlinge – nach einem Geräusch aus dem angrenzenden Zimmer, wo sie Nevil über den Büchern wusste.

Schließlich nahm sie den Teller mit den Biskuits sowie einen Becher Kaffee und ging damit ins andere Zimmer, wo er saß und konzentriert arbeitete.

»Danke«, murmelte er ohne aufzublicken, als sie ihm Teller und Becher hinstellte.

Sie zögerte und wollte sich bereits abwenden, als er plötzlich fragte: »Diese Frau, die sich nach einem Platz für ihren Corgi für die Dauer von zwei Wochen erkundigt hat – hat sie sich noch einmal gemeldet und die Reservierung bestätigt?«

»Ich glaube nicht. Molly hat jedenfalls nichts gesagt.«

»Die hat Nerven. Wahrscheinlich wird sie einfach hier auftauchen und erwarten, dass alles für ihren Hund vorbereitet ist. Besser, du machst einen Zwinger fertig, Gillian.«

»In Ordnung. Ich mache es gleich, bevor ich nach Hause fahre.«

»Nein, mach es morgen Früh. So eilig ist es auch wieder nicht.«

Sein Tonfall sagte ihr, dass sie damit entlassen war. Sie kehrte in die Küche zurück und setzte sich mit ihrem eigenen Becher Kaffee an den Tisch, wo sie auch sich selbst ein Biskuit aus der Dose nahm. Doch sosehr sie sich auch bemühte, sie konnte nicht verhindern, dass ihr Blick immer wieder zur Tür des Waschraums glitt. Sie setzte sich der Tür gegenüber, tauchte ihren Biskuit ein und trank das inzwischen nur noch lauwarme Gebräu in großen Schlucken.

Als sie in das andere Zimmer zurückkehrte, um nachzusehen, ob Nevil fertig war, arbeitete er noch immer. Er blickte nicht auf.

Unbeholfen fragte sie: »Du hast so viel zu tun, möchtest du, dass ich die Hunde ausführe, bevor ich gehe?«

Er unterbrach seine Arbeit, und sie wurde mit einem Blick belohnt. Schon freundlicher sagte er: »Schon gut, Gill. Ich gehe mit ihnen, sobald ich hier fertig bin.«

»Es macht mir nichts aus.« Eifer klang in ihren Worten.

»Ich weiß es zu schätzen, Gill. Aber du hast Feierabend. Das ist heute dein freier Nachmittag. Schade, dass du nicht schon mit Ma in die Stadt fahren konntest.«

Sie wusch Tassen und Teller ab, und die Erregung, die sie bisher verspürt hatte, wich einem leichten Gefühl von Niedergeschlagenheit. Doch als sie in den Waschraum ging, um ihre Siebensachen zu holen, kehrte die Aufregung zurück. Jetzt würden sie und die Jacke wieder zusammenkommen, oder besser, das, was die Jacke enthielt … Sie schlüpfte eilig hinein, und das raue Gewebe kratzte an ihren Fingern. Dann bückte sie sich, um ihre normalen Schuhe anzuziehen, die ordentlich in einer Ecke standen.

»Ich gehe jetzt!«, rief sie.

Nevil antwortete mit einem gerade noch vernehmbaren Grunzen.

Trotz der wenig ermutigenden Reaktion fuhr sie fort: »Auf Wiedersehen! Überarbeite dich nicht!«

Sie ließ ihre Gummistiefel für den nächsten Tag hinten auf der Veranda stehen und fuhr in ihrem ältlichen Escort nach Hause. Wann immer sie den linken Arm bewegte, knisterte etwas in der Innentasche ihrer Jacke. Es war, als stünde die Tasche in Flammen, und ihre Nerven waren so überspannt, dass der alte Wagen jedes Mal einen Satz machte wie ein Formel-1-Bolide, wenn ihr Fuß das Gaspedal berührte.

Gillians Mutter erwartete die Tochter bereits im Mantel, die abgenutzte Lederhandtasche auf dem Tisch. In der Küche roch es nach Konserventomaten und Abwaschwasser.

»Oh, Gillian«, sagte Mrs. Hardy. »Ich bin ja so froh, dass du heute nicht so spät bist. Du wirst doch den Nachmittag zu Hause bleiben, oder? Ich weiß, es ist dein freier Nachmittag, aber ich würde gerne Mrs. Freeman besuchen, und du weißt ja, dass ich Dad nicht gerne alleine lasse.«

Eigentlich hätte sie sagen müssen: »Dad mag es nicht, allein gelassen zu werden«, doch obwohl die Haushaltsführung in jeder Hinsicht Mr. Hardys Bedürfnissen Rechnung trug, gab es eine Art Verschwörung zwischen Mutter und Tochter, um diese Tatsache zu verschleiern. Gillian und Mrs. Hardy trugen die Folgen jeder Entscheidung, wohingegen Mr. Hardy derjenige war, der die eigentlichen Entscheidungen traf.

»In Ordnung«, sagte Gillian. »Vielleicht bringe ich den Garten in Ordnung.«

»Dad und ich haben uns eine Dose Suppe zum Mittagessen geteilt. Falls du etwas essen möchtest, im Kühlschrank ist Käse …«

»Ich hab in der Tierpension gegessen.« Was nicht der Wahrheit entsprach. Bis auf den Kaffee und das Biskuit hatte sie nichts zu sich genommen, doch das konnte Mrs. Hardy schließlich nicht ahnen. »Ich hab Würstchen zum Tee«, sagte sie und nahm ihre Handtasche auf. »Dad liest in seinem Buch aus der Leihbücherei. Das Bild trocknet wohl noch oder so, daher glaube ich nicht, dass er ins Atelier geht. Er sollte dir nicht zur … er sollte eigentlich alles haben, was er braucht.«

Als Mrs. Hardy gegangen war, betrat Gillian das winzige Wohnzimmer mit der niedrigen Decke und den Eichenbalken. Ihr Vater saß in seinem Rollstuhl beim Fenster, von wo aus er die Straße übersehen und das Fox Pub gegenüber beobachten konnte. Er las in einem Thriller und starrte ungläubig auf die Seiten des Buches. Als seine Tochter eintrat, blickte er auf und kam ohne Begrüßung zur Sache.

»Die Bücherei in Chippy hat heute Abend lange auf. Nach dem Tee springst du ins Auto und fährst kurz vorbei, um meine Bücher umzutauschen. Das hier kenne ich schon. Sieh nur!« Er hielt es hoch. »Dort ist meine Markierung, auf der Rückseite! Ich hab es deiner Mutter schon ein Dutzend Mal gesagt, achte auf meine Markierungen! Aber sie vergisst es immer wieder!«

»Gut. Ich gehe nur eben auf mein Zimmer und ziehe mich um.«

Er war bereits wieder mit mürrischem Gesicht in sein Buch versunken und antwortete nicht. Gillian ging nach oben in ihr winziges Zimmer unterm Dach und zog ihre Arbeitskleidung aus. Sie schlüpfte in eine andere Jeans und einen sauberen Pullover, nahm die Tweedjacke und trat damit zu ihrem Bett.

Sie setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf die Tagesdecke, schob eine Hand in die Innentasche der Jacke und nahm einen zerknitterten Umschlag aus Manilapapier heraus. Es war kühl in dem kleinen Zimmer, das niemals geheizt wurde, doch Gillian schwitzte.

Ihre Finger betasteten den Umschlag. Das flaue Gefühl in der Magengegend war zurückgekehrt und steigerte sich noch, als sie die beiden zerknitterten Fotografien herauszog, um sie anschließend vorsichtig flach auf der Patchwork-Tagesdecke glatt zu streichen.

Es waren Schwarzweißfotos, relativ große Abzüge, dreizehn mal achtzehn. Das eine Foto zeigte Mrs. James mit einer Katze, das andere Mrs. James mit einem Hund. Der Hund hechelte munter, und die Katze, frisch gebürstet wie ein Fellball, sah mit einem Blick in die Kamera, der Bände sprach. Beide Fotografien waren im Vorjahr entstanden, für eine Broschüre über die Tierpension, um das Geschäft zu beleben. Die glänzenden Originale hatten seither offensichtlich eine raue Behandlung erfahren. Doch die eigentliche Beschädigung war nicht Folge gewöhnlichen Betrachtens.

Auf beiden war das Gesicht von Mrs. James vorsätzlich und entschlossen mit einer Rasierklinge bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten. Das freche Grinsen des Hundes und der gebürstete Katzenkopf waren unberührt, was die Zerstörung des menschlichen Gesichts umso stärker hervorhob. Die Verstümmelung ließ ein System erkennen. Eine Linie war über die Augen gezogen, eine weitere entlang der Nase. Beide Ohren waren durch die Schnitte vom Kopf abgetrennt. Der Mund wurde von einem diagonalen Kreuz überzogen, das aussah wie ein Multiplikationszeichen, und die Kehle war durchschnitten.

Gillian kaute auf ihrer Unterlippe, doch sonst blieb ihr Gesicht emotionslos. Das Magenflattern hatte aufgehört, nachdem die Fotos tatsächlich vor ihr lagen.

Nach einer Weile schob sie die grässlichen Bilder zurück in den Umschlag, stand vom Bett auf und ging zu einem schmalen, eingebauten Schrank in der Ecke, der als Garderobe diente. Nichts an diesem alten Haus war gerade; es gab nicht einen einzigen rechten Winkel. Zwischen der Seite des Garderobenschranks und dem gewölbten Putz der Wand gab es einen Spalt, der breit genug war, um den Umschlag aufzunehmen. Gillian schob ihn gerade so weit hinein, dass nur noch eine winzige Ecke hervorsah, damit sie ihn später wieder würde herausziehen können. Doch Mrs. Hardy würde ihn, in dem unwahrscheinlichen Fall, dass sie Gillians Zimmer betrat, gewiss nicht bemerken. Mrs. Hardy war voll und ganz mit der Sorge um Mr. Hardy beschäftigt. Sie überließ es Gillian, Ordnung in ihrem Zimmer zu halten und es zu putzen sowie ihre Wäsche selbst zu waschen.

Also waren die Fotografien einstweilen sicher, während Gillian in Ruhe darüber nachdenken konnte, was sie damit anfangen würde. Gillian war ein vorsichtiges Mädchen. Sie zog es vor, Dinge im Voraus zu planen.

 KAPITEL 2 

Wie es das Pech wollte, sah Meredith Mitchell sie zuerst. Hätte Alan Markby sie als Erster gesehen, hätte er alles unternommen, um ihr nicht zu begegnen, wie er später freimütig gestand. Sie wären nicht in die Geschichte hineingezogen worden. Sie hätten in den Zeitungen darüber gelesen und ihrem Entsetzen Ausdruck gegeben, und damit wäre alles erledigt gewesen. Das Schicksal hatte es jedoch anders gewollt.

Es war schwierig genug, am vorletzten Tag im überfüllten Hauptzelt der Chelsea Flower Show irgendjemand Bestimmtes in der brodelnden Menge zu entdecken. Es war später Nachmittag, und die Müdigkeit forderte ihren Tribut. Es war sehr heiß, und obwohl alle weiterhin freundlich lächelten und die Begeisterung ungebrochen schien, begann die zuvor überall spürbare gute Laune merklich nachzulassen.

Hobbygärtner sind im Allgemeinen friedfertige Naturen. Doch sie waren alle durch die zahlreichen Ausstellungszelte gestapft, hatten die Modellgärten besichtigt, die verschiedenen Stände besucht ebenso wie die Gartenmöbelausstellungen und die Verkaufsveranstaltungen, auf denen Gartenzubehör aller Art feilgeboten wurde. Sie hatten die Bücherstände inspiziert und die Buden, die getrocknete Kräuter aller Art anboten. Sie hatten unter den Bäumen im Gras gesessen und dem Spiel der Grenadier Guards gelauscht, während sie ihre Sandwichs gegessen hatten. Sie hatten sich an einem Getränkestand in eine lange Schlange eingereiht und warmes Pimms getrunken. So war es nicht verwunderlich, dass, als Meredith und Alan endlich bis zum großen Hauptzelt vorgedrungen waren, die Stimmung ringsum bereits spürbar Anspannung verriet.

Hier drin, dachte Meredith düster, fühlt man sich ungefähr so, als sei man ein Teilnehmer der Schlacht von Waterloo. Viele der Besucher waren ältere Menschen, und von diesen waren nicht wenige behindert, was ihrer Entschlossenheit jedoch in keiner Weise Abbruch tat. Meredith war von allen Seiten angerempelt worden. Jeder Versuch, stehen zu bleiben und einen bestimmten Stand anzusehen, wurde von anderen erschwert, die das Gleiche vorhatten. Das galt natürlich nur für den Fall, dass sie überhaupt imstande war, sich einem Stand zu nähern. Die Zeltbesucher mit Gehstöcken waren die Schlimmsten. Sie benutzten diese als Bajonette.

Trotz alledem musste sie zugeben, dass es eine wunderbare Ausstellung war, und obwohl eher Alan und nicht sie der Hobbygärtnerei zugetan war, bedauerte sie nicht, dass sie zugestimmt hatte, ihn zu dieser berühmtesten aller Blumenausstellungen zu begleiten. Nichtsdestotrotz würde sie heilfroh sein, wenn sie hier wieder draußen war.

»Ich möchte«, sagte Alan, »ein Foto von diesen Rosen schießen.« Er kramte in seiner Kameratasche.

»Möchtest du, dass ich mit aufs Bild komme?« Was für eine dumme Frage.

»Nein. Nein, danke, ich möchte so viel von den Rosen im Bild wie möglich. Kannst du einen Schritt nach dort gehen, aus dem Weg?«

Gehorsam trat Meredith zur Seite und wartete, während sie müßig die Menschenmassen beobachtete, die rings um sie herum wogten. Alan suchte nach dem richtigen Schusswinkel für sein Foto oder was auch immer. Sie schlenderte ein wenig weiter und betrachtete einen Stand, der sich auf Cottagegärten spezialisiert hatte. Der Stand war mit einer Silbermedaille ausgezeichnet worden. Die Ironie des Ganzen, sann Meredith, bestand darin, dass weder sie noch Alan einen richtigen Garten besaßen. Ihr eigenes kleines Reihenhäuschen in Bamford hatte einen winzigen gepflasterten Hinterhof, in dem eine Mülltonne und ein Kübel mit Fuchsien standen. Alans Patio und das Treibhaus hinter seiner viktorianischen Villa kamen einem Garten schon näher. Ihr selbst machte der Mangel nicht viel aus, doch Alan sehnte sich nach einem richtigen Garten. Obwohl er keine Zeit für dessen Pflege finden würde. Polizeiarbeit war eben zeitintensiv. Sie verschlang einen mit Haut und Haaren.

Meredith seufzte. Dann fiel ihr Blick auf die Frau. Sie kam genau auf sie zu.

Sie bewegte sich frei inmitten der Menge, und sie hielt ihren Begleiter an der Hand. Vielleicht war es das, was Merediths Aufmerksamkeit zuerst geweckt hatte. Ein Pärchen, keine Teenager oder jungen Leute mehr, das Händchen hielt. Sie und Alan hielten einander kaum jemals bei der Hand, niemals in der Öffentlichkeit und selten privat. Vielleicht war es tief empfundene Sehnsucht, diese erste Reaktion auf den Anblick, den das Pärchen ihr bot, aber das wies sie noch im selben Augenblick weit von sich. Denn dann war da noch die Mühelosigkeit, mit der sich das Paar durch die Menge bewegte. Die Menschen traten zur Seite und ließen sie vorbei, und obwohl es so viel anderes zu sehen gab, drehten sie die Köpfe nach den beiden. Die Frau wusste es. Sie erwartete es. Und doch ignorierte sie die Blicke der anderen und lächelte nur den Mann an ihrer Seite an, wenn sie nicht gerade wie ein überraschtes Kind auf irgendeine farbenprächtige Blume deutete.

Irgendwie kam sie Meredith bekannt vor. Sie war mittelgroß und ungefähr in Merediths Alter, Anfang dreißig. Sie war jedoch um ein Beträchtliches besser gekleidet, frisiert und auch sonst mehr herausgeputzt als Meredith.

Meredith hatte zum Besuch der Ausstellung praktische Kleidung gewählt, ein einfaches Kostüm und flache Schuhe. Ihr dichtes braunes Haar war zu einem Bubikopf geschnitten, und sie trug nur ein Minimum an Make-up. Sie war sehr groß, fast einen Meter achtzig, und verspürte von jeher eine Abneigung, sich wie einen Maibaum mit zu vielen bunten Bändern aufzudonnern, wie sie es nannte. Ihr natürlicher Impuls war, sich eher unauffällig zu geben.

Nicht so die Frau, die sich nun näherte. Ihr Gesicht besaß jene alabasterne Schönheit, die nur durch sorgfältig aufgetragene Schichten teuren Make-ups auf einer regelmäßig von Kosmetikerinnen gepflegten Haut möglich wurde. Sie trug einen einfachen, doch teuren Rock mit einem Blumenmuster in blassem Pink und Grau und eine dazu passende ärmellose Jacke über einer nilgrünen Seidenbluse. Ihr Haar war lang, lockig und honigfarben und reichte bis zu den Schultern. Der Mann neben ihr war groß gewachsen, kräftig gebaut und besaß ein rötliches Gesicht; er wirkte ein wenig wie ein Levantiner. Sie sah aus wie eine kostspielige junge Frau, und er sah aus wie die Sorte Mann, die sich kostspielige junge Frauen leisten konnte. Das Paar passte tatsächlich sehr gut zusammen und wirkte glücklich.

Und in diesem Augenblick erkannte Meredith sie. Irgendetwas in ihrem Gehirn machte Klick. Ein Bild stieg vor ihrem geistigen Auge auf, als würde es von einem Projektor auf eine Leinwand geworfen. Es war nicht das Bild einer eleganten, selbstsicheren Frau, sondern das eines sechzehnjährigen Schulmädchens in einem kurzen Korbball-Röckchen, dessen honigfarbenes Haar zu einem einzigen langen Zopf geflochten war. Das Gesicht rot vor Anstrengung, drückte das Korbball-Mädchen aus Merediths Erinnerung den Ball an seine Brust und suchte nach der nächsten, nach der größten Mitspielerin der eigenen Mannschaft.

»Merry!«, kreischte eine Stimme durch all die Jahre hindurch.

»Ray!«, rief Meredith jetzt. »Ray Hunter!«

Sie stürzte so impulsiv vor, dass sie fast mit einem anderen Ausstellungsbesucher zusammengestoßen wäre, einer Frau mit einem von jenen weichen Velours-Hüten, die in diesem Jahr so beliebt waren, mit rings um den Kopf herabhängender Krempe über dem langen, lockigen braunen Haar. Sie riss erschrocken das Ausstellungsprogramm hoch, als sie vor Meredith zur Seite wich. Meredith stieß ein hastiges Wort der Entschuldigung aus. Die schicke Blondine starrte nun ihrerseits Meredith an, und bemerkte in ihren Augen plötzliches Wiedererkennen.

»Das glaube ich nicht! Es ist Merry! Meredith Mitchell!«

Sie strahlten sich an. »Meine Güte, Ray!«, rief Meredith. »Du siehst wirklich gut aus!« Es war die reine Untertreibung.

Die Blondine deutete auf den Mann an ihrer Seite. »Ich heiße jetzt nicht mehr Hunter. Ich heiße Constantine. Das ist mein Mann Alex.«

Der Mann neben ihr trat vor und lächelte. Sein Mund und seine Nase waren wohl geformt, wenn auch fleischig, das Kinn jedoch begann füllig zu werden, verlor seine Linie. Sein Haar war wahrscheinlich früher einmal pechschwarz gewesen, und obwohl es inzwischen eisgrau schimmerte, war es noch immer dicht und lockig. Er musste ein sehr attraktiver Mann gewesen sein, war es immer noch.

Meredith und er schüttelten sich die Hände. »Ihre Frau und ich waren zusammen in der Schule. Vor langer Zeit!«

»So lange ist es nun auch wieder nicht her!«, beeilte sich Mrs. Constantine zu widersprechen.

»Das ist wirklich nett«, sagte Alex. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, äh – Meredith? Darf ich Meredith zu Ihnen sagen?«

»Ja, selbstverständlich!« Er gehörte offensichtlich zur höflichen Sorte. Zu einer, wie Meredith sinnierte, aussterbenden Gattung.

Die Frau mit dem Velourshut schob sich mit einem Seitenblick an ihnen vorbei. Sie hielt den Ausstellungskatalog auf Armeslänge von sich, wie um jede weitere unerwartete Bewegung von Merediths Seite abzuwehren. Meredith lächelte ihr ein weiteres Mal entschuldigend zu und bemerkte in flüchtiger Belustigung, dass die Frau zwar gut gekleidet, ihre Hand dennoch rau war und die karminrot lackierten Nägel auf praktische Länge gekürzt hatte. Sich richtig herauszuputzen konnte für wirkliche Gartenliebhaber, die ihre Tage damit verbrachten, widerspenstige Unkräuter aus den sorgsam gepflegten Blumenbeeten zu rupfen, zu einem echten Problem werden.

»Bist du alleine hier?«, fragte Ray Constantine in diesem Augenblick. Ihr ganzes Erscheinungsbild und die glatte Haut ihrer Hände mit den polierten ovalen Nägeln bewiesen eindeutig, dass sie niemals eine Pflanzkelle in die Hand nahm. Ihr Gärtnerhobby, falls es überhaupt eines war, beschränkte sich gewiss darauf, Aufsicht über das Personal zu führen.

»Nein. Mein Freund macht gerade ein Bild von den Rosen. Wartet, ich gehe und hole ihn. Bleibt hier, ja?«

Meredith ging Markby suchen, der gerade seine Kamera wieder in der Fototasche verstaute.

»Alan! Stell dir nur vor: Ich bin gerade in eine ehemalige Schulfreundin gelaufen, mit ihrem Ehemann! Nun ja«, sie runzelte die Stirn, »sie war nicht gerade eine Busenfreundin, aber wir waren Klassenkameradinnen in Winstone House und haben in der gleichen Korbball-Mannschaft gespielt!« Sie packte ihn am Arm.

»Ich dachte, du wärst in eine Klosterschule gegangen?«, protestierte er verblüfft, während sie ihn mit sich zog. »Hast du gesagt Winstone House? Ich wusste gar nicht, dass du dort Schülerin gewesen bist. Das ist die gleiche …«

Sie unterbrach ihn ungeduldig. »Ich war auf der Klosterschule, bis ich mit vierzehn sehr religiös wurde und mein Vater anfing, sich Sorgen zu machen, ich könnte dem Orden beitreten! Er hat mich für die beiden letzten Schuljahre nach Winstone House geschickt. Komm mit, Alan, du musst sie unbedingt kennen lernen. Sie nennt sich heute Ray Constantine, aber sie ist eine geborene Ray Hunter!«

»Was?«, fragte Markby, plötzlich drängend. »Wie heißt sie? Hunter? Warte mal, Meredith, einen Augenblick …«

Meredith ignorierte seine wirr hervorgestoßenen Proteste, sie kamen sowieso zu spät. Sie standen bereits vor dem anderen Paar.

»Das ist Alan Markby!«, verkündete Meredith.

»Erfreut, Markby.« Alex Constantine streckte Markby die Hand entgegen.

Doch Markby und Mrs. Constantine starrten sich an, Alan mit hochrotem Gesicht und die Dame offensichtlich amüsiert.

»Hallo Alan«, sagte sie.

»Hallo Rachel«, sagte Markby.

»Darling«, wandte sich Mrs. Constantine an ihren Mann, »was für ein Zufall! Darf ich dir Alan vorstellen, meinen Ex?«

»Das ist Rachel«, sagte Markby verärgert zu Meredith. »Meine frühere Frau.«

»Ich bin dennoch sehr erfreut, Sie kennen zu lernen«, sagte Constantine glatt. Nichts an ihm deutete auf einen Mann hin, der leicht aus der Fassung zu bringen gewesen wäre, auch jetzt nicht. Das Auftauchen des ersten Mannes seiner Ehefrau war nichts weiter als eine jener zufälligen Begegnungen, wie man sie auf jeder Cocktailparty erleben konnte.

»Wie lustig!«, sagte Rachel, und ihre grünen Augen funkelten maliziös. »Du bist jetzt mit Merry zusammen!« Sie hob eine sorgsam nachgezogene Augenbraue.

»In gewisser Weise«, erwiderte Markby. »Und wie gefällt dir die Ausstellung? Ich wusste gar nicht, dass du unter die Hobbygärtner gegangen bist, Rachel.«

»Sei nicht albern, Alan. Ich bin nicht unter die Gärtner gegangen. Aber wir haben da einen großen Park in Malefis Abbey, und wir sind hergekommen, um nach neuen geeigneten Pflanzen Ausschau zu halten. Martin kümmert sich um die Gartenanlagen. Wir haben ihn heute mit hergebracht. Er ist gleichzeitig unser Chauffeur und Gärtner, er muss irgendwo hier in der Nähe sein. Wir haben ihm gesagt, er soll die richtigen Pflanzen aussuchen und uns Bescheid geben. Ich habe ihn gebeten, alle Namen aufzuschreiben, weil Alex und ich eine Blume nicht von der anderen unterscheiden können, und wir wissen nichts über den erforderlichen Boden und den Säuregehalt und all diese Dinge. Oder, Darling?« Sie drückte seinen Arm und fügte unbekümmert hinzu: »Außerdem kommt doch einfach jeder zur Chelsea Flower Show, nicht wahr?«

Sie hatte das Wort »jeder« leicht betont, und Markby grinste schief.

Die unerträgliche Peinlichkeit der Situation blieb Meredith nicht verborgen. Doch wie Constantine wusste auch sie, dass sie nichts anderes tun konnte, als unbekümmert weiterzumachen, als wäre es die normalste Sache der Welt. Sie zügelte ihre Überraschung und fragte Rachel: »Ihr seid mit dem Wagen gekommen? Wir sind mit dem Zug hier. Wo um alles in der Welt habt ihr geparkt?«

»Oh, eine Freundin von uns wohnt ganz in der Nähe, aber sie ist nicht da, und wir konnten ihren Parkplatz benutzen. Sehr praktisch. Bist du immer noch bei der Polizei, Alan?« Ihre Zungenspitze berührte die vollen Lippen.

»Noch immer, ja.«

Constantine blickte Markby interessiert an. »Tatsächlich? Und wo genau?«

»CID. Kriminalpolizei.« Markby klang so hölzern wie ein Constable auf einer Theaterbühne.

»Räuber und Gendarm«, sagte Rachel mit leisem kehligen Kichern. »Das hast du schon immer geliebt, Alan. Wie steht es mit dir, Merry?«

»Ich bin beim Foreign Office, aber ich arbeite inzwischen in London. Ich pendle jeden Tag von Bamford zur Arbeit.«

Ziemlich verspätet begann sich Meredith zu erinnern, wie sehr sie sich immer über Rachel geärgert hatte. Sie verfluchte die impulsive Art, mit der sie Alan herbeigeschleppt hatte, um ihn den Constantines vorzustellen. Es war schließlich nicht so, dass sie und Rachel sich jemals besonders nahe gestanden hätten. Die einzige Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, war beim Korbball-Training und bei den Spielen gewesen. Ansonsten hatten sie beide sehr verschiedene Freundeskreise und Interessen gehabt. Es hätte durchaus gereicht, einen kurzen, überraschten Gruß auszutauschen und weiterzugehen.

»Bamford? Gott im Himmel, bist du immer noch dort, Alan? Ich hätte gedacht, dass du längst aus Bamford weggekommen wärst! Dann waren wir ja wohl all die Jahre gar nicht so weit voneinander entfernt. Malefis Abbey liegt ganz in der Nähe von Chipping Norton, bei einer Ortschaft namens Lynstone. Höchstens eine Stunde Fahrt von Bamford entfernt, wenn überhaupt.«

»Das ruft jedenfalls nach einem Drink«, verkündete Constantine. »Ich schlage die Champagner-Bar vor. Es wäre schön, denke ich, diesem Gedränge zu entkommen.«

Das nennt man wohl Kaltblütigkeit bis an die Grenzen des Erträglichen!, dachte Meredith. Selbst Rachel wirkte überrascht und starrte ihren Ehemann an. Constantine antwortete mit einem leicht besorgten Lächeln und hob um Billigung heischend die Augenbrauen.

»Ja, sicher. Warum eigentlich nicht? Genau genommen eine ausgezeichnete Idee!«, rief Rachel strahlend. »Aber zuerst musst du bitte ein Foto von Merry und mir machen, Alan. Wieder vereint nach so vielen Jahren! Keine Männer, nur wir beiden Mädchen vor den Blumen!« Sie bewegte sich mühelos zur angegebenen Stelle. »Komm schon, Merry!«, befahl sie. »Hierher, stell dich neben mich!«

Das war die alte Mannschaftsführerin aus Korbballzeiten, die da sprach. Meredith erinnerte sich, dass Ray Hunter schon immer diejenige gewesen war, die das Kommando geführt hatte. Alle sprangen, um ihren Befehlen Folge zu leisten, ohne das leiseste Murren, auch wenn Alan, wie Meredith bemerkte, allmählich gequält dreinblickte. Meredith trat zu Rachel vor das Blumenbeet und wünschte, sie hätte sich etwas Schickeres angezogen. Constantine ging gehorsam beiseite und aus dem Bild.

»Seid ihr fertig?« Unwillig nahm Markby die Kamera von der Schulter und vor das Gesicht. »Sagt Cheese oder was auch immer.«

Meredith ließ sich nicht gerne fotografieren. Mit Rachel neben sich fühlte sie sich noch weniger wohl dabei. Denn Rachel war zweifelsohne ein Naturtalent vor der Kamera. Es gelang ihr, sich attraktiv in Pose zu setzen, während sie strahlend in die Kamera lächelte. Die Menge wogte rings um sie her, rempelte Markby an und machte es schwer für ihn, die Kamera ruhig zu halten. Meredith verzog den Mund zu einem angespannten Grinsen und murmelte leise: »Beeil dich bitte, Alan. Mach schon!«

Die Kamera klickte. Die Menge schob sich vor und nahm diejenigen mit, die wartend dagestanden hatten, um Markby ungestört fotografieren zu lassen. Leiber, dicht gedrängt, schlossen sie ein. Unvermittelt schnappte Constantine hörbar nach Luft und stieß einen überraschten und, wie es schien, schmerzerfüllten Laut aus. Meredith hörte es und sah zu Constantine hinüber. Er stand ganz allein in der Menge, die rechts und links an ihm vorbeiwogte, und runzelte die Stirn, als sei er verwirrt oder ärgerlich.

»Gut«, sagte Markby. »Oder jedenfalls glaube ich, dass es ganz gut geworden ist. Vielleicht hab ich eure Füße abgeschnitten.«

Seine Fotomotive bewegten sich bereits vom Blumenbeet weg.

»Rachel«, flüsterte Meredith, »ist alles in Ordnung mit Alex?«

Rachel starrte sie an, dann schwang sie auf dem Absatz herum. »Alex?« Ihre Stimme klang plötzlich schrill.

Constantine blickte sie an und machte eine entschuldigende Geste. »Ich glaube, irgendetwas hat mich gestochen. Irgendein Insekt, das wahrscheinlich mit den Blumen hereingekommen ist. Es war wirklich sehr schmerzhaft …« Er verrenkte den Arm und betastete mühselig seinen Rücken.

»Vielleicht irgendetwas von den tropischen Pflanzen?«, fragte Meredith.

»Diese Pflanzen müssten eigentlich insektenfrei sein!«, sagte Rachel ärgerlich. »Wir gehen nach draußen, Alex. Die Luft ist besser dort.« Zu Meredith und Alan gewandt sagte sie leise: »Alex hatte im letzten Jahr eine Herzattacke, und wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn er einen plötzlichen Schmerzanfall erleidet. Es ist ziemlich heiß hier drin, und es war ein anstrengender Tag. Wir sind sehr früh in Lynstone losgefahren. Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns auf den schnellsten Weg nach Hause machen.«

»Irgendwo muss es ein Erste-Hilfe-Zelt geben«, sagte Markby und musterte Constantine besorgt. »Ich möchte wirklich niemanden unnötig beunruhigen, aber manche Insektenstiche können recht üble Folgen haben. Ich denke, wir lassen den Champagner aus.« Es war nicht zu übersehen, dass er erleichtert über die unverhoffte Ausrede war, nichtsdestotrotz war der Blick, mit dem er Alex Constantine bedachte, höchst besorgt.

»Das Zelt liegt drüben an der Western Avenue«, sagte Meredith. »Ich habe es gesehen, als wir aus dem Zelt mit den Blumenarrangements gekommen sind.«

Doch Constantine, der sich so lange verdreht hatte, bis er endlich die Mitte seines Rückens erreichte, richtete sich nun wieder auf und lachte leise. Er streckte die Hand aus. Auf der Handfläche lag ein kleiner, nadelspitzer Dorn. »Es war dieses Ding hier! Irgendein Kaktusstachel, glaube ich. Ich muss am Stand entlanggestreift sein und ihn abgebrochen haben. Der Aussteller wird sicherlich ziemlich wütend auf mich sein. Ich muss ihn die ganze Zeit in der Jacke gehabt haben, und als das Gedränge eben so heftig geworden ist, bin ich von irgendjemandem angestoßen worden. Dabei ist der Stachel durch meine Kleidung gegangen.«

»Lassen Sie mich doch einen Blick darauf werfen.« Markby streckte die Hand nach dem Stachel aus. »Ich erinnere mich überhaupt nicht, dass wir Pflanzen mit derartigen Stacheln gesehen haben …«

Rachel betrachtete den Kaktusstachel misstrauisch. »Ich glaube immer noch, es wäre besser, wenn wir sofort nach Hause führen. Dieses Erste-Hilfe-Zelt würde nur unnötig Zeit kosten, und ich glaube nicht, dass sie überhaupt helfen könnten! Es war ein schrecklich ermüdender Tag für den armen Alex. Komm, wir gehen zum Wagen, Liebling.« Sie nahm ungeduldig den Arm ihres Mannes. »Das Auto steht von hier aus wirklich nur um die Ecke. Ich denke, du setzt dich hinein und wartest auf mich, während ich nach Martin suche. Er kann uns nach Malefis fahren. Gleich morgen Früh rufen wir Dr. Staunton an und bitten ihn, dich zu untersuchen. Du sagst sicher, ich mache unnötig Aufhebens von der Sache, aber ich bin sicher, es ist besser so.«

»Ah, jetzt habe ich ihn doch tatsächlich fallen lassen!«, entschuldigte sich Constantine bei Markby. »Na ja, macht nichts. Er ist sicherlich nicht so wichtig.«

»Wir standen auch gerade im Begriff zu gehen«, sagte Markby. »Nicht wahr, Meredith? Wir können Sie zu Ihrem Wagen begleiten.«

»Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir fahren, wie meine Frau gesagt hat.« Constantine warf seiner Gemahlin einen ironischen Blick zu. »Ich möchte Sie von nichts abhalten.«

»Gütiger Gott, das tun Sie nicht! Wir alle haben genug von diesem Gedränge!« Markby zückte sein Taschentuch und wischte sich über das Gesicht. »Es ist viel zu warm für meinen Geschmack.«

Langsam arbeiteten sie sich aus dem Zelt ins Freie und von dort zum Ausgang an der Royal Hospital Road. Nach einer Weile erreichten sie eine Gasse, die von dunkelroten Ziegelsteinhäusern gesäumt war.

Unterwegs zeigte Constantine die ersten Anzeichen von Unsicherheit. Sein Atem ging mühsam. Obwohl Rachel sich offensichtlich um ihren Mann sorgte, konnte Meredith bemerken, wie unangenehm, ja lästig Rachel Alex’ Unpässlichkeit gleichzeitig war. So hatte sie das Ende des Tages wohl kaum geplant, und was auch immer sie vorgehabt hatte, dies schien es ihr gründlich zu verderben.

Der Wagen war ein langweiliger, goldfarbener Mercedes. Die Constantines mochten auf ihre Weise ein prächtiges Paar abgeben und perfekt in dieses Automobil passen, doch Meredith dachte, dass weder sie noch Alan in einem solchen Wagen aussehen würden, als seien sie am rechten Platz, nicht in tausend Jahren.

Sie halfen Alex Constantine auf den Rücksitz.

»Wir werden mit Ihnen warten«, erbot sich Meredith besorgt.

Er schwitzte nun, vielleicht wegen der Hitze oder der Anstrengung des kurzen Marsches vom Ausstellungsgelände zum Wagen. Er zog ein Taschentuch aus der Brusttasche und betupfte sich damit Stirn und Mund.

»Nein, bitte keine unnötigen Umstände …«

»Rachel!«, flüsterte Meredith drängend, »kannst du nicht loslaufen und nach eurem Fahrer suchen? Wir warten hier auf euch.«

»Vielleicht sollte ich lieber bei ihm bleiben?«, widersprach Rachel und gestikulierte aufgeregt. »Er mag mich in seiner Nähe, wenn es ihm nicht gut geht.«

Constantine erhob die Stimme. »Es ist bestimmt nichts Ernstes!« In seinen Worten schwang ein verwirrter Unterton mit.

Ein oder zwei vorübereilende Passanten starrten die kleine Gruppe neugierig an. Meredith wandte sich an Rachel. »Versuch diesen Fahrer zu finden! Wahrscheinlich wird es gar nicht so einfach, wieder auf das Gelände zu kommen!«

»Sie werden mich hineinlassen müssen!« Rachel biss sich auf die Unterlippe. Trotz ihrer selbstbewussten Entgegnung, dass die Drehkreuze für sie eine Ausnahme machen würden, hatten ihre Haltung und ihre Selbstsicherheit herben Schaden genommen. Sie drehte sich um und rannte fast über den Gehweg davon.

»Ich frage mich, ob wir ihm nicht ein Glas Wasser besorgen könnten?«, murmelte Markby und trat von der Wagentür zurück. »Allein lassen können wir ihn unter gar keinen Umständen. Er gefällt mir überhaupt nicht! Verdammte Rachel, wir hätten gleich zum Erste-Hilfe-Zelt gehen sollen! Dort hätte man zumindest einen Krankenwagen rufen können. Aber, schau, Constantine hat ein Autotelefon in seinem Wagen. Vielleicht sollten wir es benutzen, um damit Hilfe herbeizurufen.«

»Er sieht sehr blass aus.« Meredith blickte zum nächsten Haus. »Ich gehe klingeln und bitte um ein Glas Wasser.«

Sie eilte die Stufen zur Tür hinauf. Eine junge Frau von exotischem und gelangweiltem Aussehen öffnete. Sie besaß einen schweren Akzent und war wahrscheinlich ein Aupairmädchen.

»Madame ist nischt zu ’ause«, säuselte sie nach einem abschätzigen Blick auf Merediths zweckmäßige Kleidung.

»Ich möchte gar nicht zu, äh, Madame. Wir haben hier draußen einen Gentleman, der, hmmm, krank ist. Er fühlt sich überhaupt nicht wohl …« Meredith deutete auf den Mercedes und die zusammengesunkene Gestalt Constantines darin. »Verstehen Sie, was ich sage?«

Das Aupairmädchen spähte an Meredith vorbei. Offensichtlich erweckte der goldene Mercedes den richtigen Eindruck. Ihr ursprünglich misstrauischer Ausdruck verschwand, und sie wurde entschieden munter. »Sie wollen Telefon?« Sie vollführte Wählbewegungen mit dem Zeigefinger.

Meredith zögerte. »Eigentlich ein Glas Wasser.«

»Ah, isch bringen … Sie warten.«

Die Tür wurde geschlossen. Meredith stieg die Stufen hinab und kehrte zu Markby zurück. »Wie geht es ihm?«

»Er scheint einzunicken.«

Constantine saß zusammengesunken in der einen Ecke des Rücksitzes und hatte die Augen geschlossen.

Markby öffnete die Tür und beugte sich hinein, um Constantine zu untersuchen. Als er wieder auftauchte, murmelte er: »Sein Atem geht regelmäßig. Ich werde einen Krankenwagen rufen. Ich glaube nicht, dass er es bis zu dieser Abbey schafft.«

Die Tür des Hauses wurde erneut geöffnet, und das Aupairmädchen kam vorsichtig mit einem Glas Wasser auf einem silbernen Tablett die Treppe hinab.

»Bitte sehr, Madame.« Sie reichte Meredith das Glas und warf einen neugierigen Blick ins Wageninnere. »Schläft Monsieur?«

»Ich weiß es nicht.« Markby beugte sich erneut über Constantine und zerrte an seinem Ärmel.

»Ein Glas Wasser! Constantine, können Sie mich hören?« Er griff nach dem Handgelenk des Mannes, schob den Ärmel hoch und tastete nach dem Puls.

Unvermittelt öffnete Constantine die Augen. Er hatte offensichtlich Mühe, den Blick auf die drei besorgten Gesichter zu fokussieren, die zu ihm hereinstarrten. »W-wo ist sie?« Er hatte Mühe, die Worte zu formulieren, und lallte schlimm.

»Rachel ist losgelaufen, um Ihren Chauffeur zu suchen!«, antwortete Markby laut und deutlich. »Keine Sorge, sie ist sicher bald wieder da.«

Constantine hob eine zitternde Hand und betastete damit sein Gesicht. Sein Unterkiefer hing schlaff herab, als hätte er eine Maulsperre. Er winkte Markby mühsam zu sich, und Alan beugte sich vor, um Constantine besser zu verstehen. Alex Constantine riss sich mühsam zusammen, um seiner fast unhörbaren Stimme Festigkeit zu verleihen und die steifen Lippen dazu zu bewegen, Worte zu formulieren. »Sie haben gesagt, Markby – Sie haben gesagt, Sie wären bei der Polizei?«

»Ja. Aber versuchen Sie jetzt nicht zu sprechen, alter Freund. Entspannen Sie sich!«, drängte ihn Markby.

Constantines Kopf rollte mühsam von einer Seite zur anderen, und er schwitzte heftig. »Nein, nein!« Speichel rann aus seinem Mundwinkel. »H-hören Sie! Mei-mein Name …« Als wäre ihm in diesem Augenblick bewusst geworden, dass er den Satz nicht würde beenden können, fuhr er fort: »Fragen Sie sie!«

Constantines Gesicht verwandelte sich in eine entsetzliche Fratze. Er riss den Mund weit auf, und sein Unterkiefer sank herab wie bei einer Bauchrednerpuppe. Aus den Tiefen seiner Kehle drang ein grässliches Gurgeln, und seine Augen quollen aus den Höhlen. Er hob beide Hände, die Finger weit gespreizt, und streckte sie auf die offene Tür zu.

Das Aupairmädchen kreischte. Das silberne Tablett fiel scheppernd zu Boden, das Glas zersprang, Wasser und Scherben spritzten über den Gehweg, und das zerbeulte Tablett rollte davon, um im Rinnstein zu landen.

Constantine klappte nach vorn, und sein Kopf fiel auf die Rücklehne des Fahrersitzes.

»Hat er einen Herzanfall?«, ächzte Meredith.

Markby packte die zusammengesunkene Gestalt und schob Constantine sanft in eine aufrechte Position und gegen die Rückenlehne. Die hervorquellenden Augen waren noch immer weit aufgerissen, der Mund stand offen. Markby tastete nach Constantines Halsschlagader und fummelte dann hastig am Ärmel des Zusammengebrochenen, um den Puls am Handgelenk zu kontrollieren.

Einen Augenblick später ließ er Constantines Arm fallen. »Hilf mir, ihn aus dem Wagen zu schaffen! Wenn wir ihn auf das Pflaster legen, kann ich versuchen, sein Herz wieder in Gang zu bringen!«

Constantine war ein großer Mann, und selbst mit der unwilligen Hilfe des Aupairmädchens benötigten sie ein paar Minuten, bis sie ihn aus dem Wagen hatten. Vergeblich. Alle Wiederbelebungsversuche halfen nichts. Als der von Meredith über das Autotelefon herbeigerufene Notarztwagen mit laut schrillendem Martinshorn am Ort des Geschehens eintraf, richtete sich Markby resigniert auf.

Mit grimmigem Gesicht und tonloser Stimme sagte er: »Er ist tot.«

 KAPITEL 3 

»Ich kann das alles immer noch gar nicht richtig fassen!«, sagte Meredith.

Ruckelnd verließ der Zug langsam Paddington Station. Nur mit viel Glück hatten sie ihn überhaupt noch erwischt, den letzten Zug des Tages, und das nur durch einen eiligen Sprint zwischen den Gerüsten hindurch, die Paddington Station zurzeit in einen waschechten Hindernisparcours verwandelten. Mit ihnen im Abteil saßen nur wenige spät heimkehrende Theaterbesucher, die sich in einer Ecke am anderen Ende zusammendrängten und in gedämpftem Tonfall über die Vorstellung sprachen. Die Stadt lag dunkel, übersät mit gewundenen Avenuen aus Straßenlaternen. Fenster, die dem Betrachter unerwarteterweise nicht durch Gardinen den Einblick in häusliche Umgebungen verwehrten, lockerten die massiven Fassaden von Apartmentblocks auf. Die kurzen Ausblicke auf den banalen Alltag – ein fürs Dinner gedeckter Tisch, ein flackernder Fernsehschirm – erschienen Meredith als entnervende Metapher für das Leben selbst. Heute noch da, morgen bereits vergangen.

Mitzuerleben, wie jemand ohne Vorwarnung auf offener Straße oder – wie in Alex’ Fall – auf dem Rücksitz seines eigenen leistungsstarken, kostspieligen Wagens starb, erweckte, so empfand sie es jetzt, einen ganz neuen Sinn für Demut. Es schien irgendwie nicht richtig, als hätte der Tod nicht fair gespielt. Wie konnte ein Mann wie Alex, in angesehener gesellschaftlicher Stellung und vermögend, fast in einem einzigen Augenblick aus dieser Welt verschwinden? Warum hatte er keine Chance gehabt? Welches Spiel spielte das Schicksal da? Oder war die Wirklichkeit noch viel Furcht einflößender als die Vorstellung von einem böswilligen Schicksal? Sind wir nichts weiter als bedauernswerte Figürchen aus Staub und Asche, die im Schicksalsrad herumgewirbelt werden wie die Kugel im Roulette, um dort zu enden, wo das Glück uns fallen lässt?

Meredith lehnte sich zurück und schloss die Augen. Es war ein langer Tag gewesen.

Rachel war mit dem Chauffeur, Martin, im Schlepp zurückgekehrt, gerade als die Bahre mit dem Leichnam ihres Mannes in den Krankenwagen geladen wurde.

Verständlicherweise hatte sie die Selbstbeherrschung verloren und war völlig in Hysterie verfallen. Gestützt auf Merediths Arm, war sie schon bald von einer kleinen Menge besorgter Passanten umringt. Das Aupairmädchen, das die gesamte Tonleiter mediterraner Gestik hinauf- und hinuntergeschluchzt und -gejammert hatte, erkannte nun, dass sich niemand für sie interessierte. Schmollend sammelte sie das verbeulte Silbertablett und die Glasscherben auf und zog sich ins Haus zurück. Von Zeit zu Zeit bewegte sich hinter den Scheiben ein perlenverzierter Vorhang und verriet, dass die Observation auf diskrete Weise fortgesetzt wurde. Ohne jeden Zweifel würde »Madame« bei ihrer Rückkehr einen wortreichen Bericht sämtlicher Einzelheiten erhalten.

»Alex!«, kreischte Rachel. »Darling, sprich mit mir!«

»Er kann nicht!«, schrie Meredith. Sie kam sich grausam vor, doch Rachels Hysterie, die ganz ohne Zweifel aus tiefstem Herzen kam, nahm nach und nach einen theatralischen Unterton an. Vor kurzem noch, als Meredith Rachel im Hauptzelt durch die Menge hatte schreiten sehen wie bei einem königlichen Defilee, war ihr Eindruck von Rachel kein anderer gewesen als jetzt, wo sie sie in ihrem ganzen Kummer sah: Rachel schien sich immer noch der zahlreichen Zuschauer bewusst und der Notwendigkeit, eine Vorstellung zu geben.

Niemand machte ihr einen Vorwurf, doch genauso vermochte niemand sie zu trösten. Außerdem regte sich in Meredith der Verdacht, dass sich hinter Mrs. Constantines Verzweiflung eine gehörige Portion Ärger verbarg. So etwas hätte ihr nicht passieren dürfen, und schon gar nicht an einem so öffentlichen Ort. Man spürte fast, wie sie dem unglückseligen Constantine die Schuld gab, dass er nicht den Anstand besessen und gewartet hatte, bis London hinter ihnen lag, bevor er auf dem Rücksitz des teuren Automobils verstorben war.

Schließlich brach sie völlig zusammen. Nachdem sich ein Arzt um sie gekümmert hatte, war sie im Stande, wenigstens das Geburtsdatum und den vollen Namen ihres Mannes zu schluchzen, Alexis George Constantine, sowie die Telefonnummern von ein paar Londoner Freunden. Diese wurden benachrichtigt und eilten pflichtschuldig herbei, um ihr besorgtes Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Sie sammelten Rachel ein und nahmen sie mit, um sie zu trösten und sich um sie zu kümmern. Der Chauffeur, ein nervöser, dunkelhaariger junger Mann, wurde angewiesen, den Mercedes zurück nach Lynstone zu bringen. Mrs. Constantine würde bis auf weiteres in der Stadt bleiben. Jetzt endlich konnten sich Markby und Meredith auf den Nachhauseweg begeben und frei über die Ereignisse des Tages sprechen.

»Dass wir Rachel getroffen haben? Einer der zahlreichen üblen Scherze, die das Leben so spielt, weiter nichts.«

Markby antwortete auf die laut gedachte Äußerung und trug damit zu dem inneren Konflikt bei, den Meredith mit sich ausfocht. Sie öffnete die Augen. Er starrte finster auf die fröhlichen Theaterbesucher am anderen Ende des Waggons, als wären sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Ursache für die Aufregungen des gesamten Tages.

»Hätte ich sie als Erster gesehen«, fuhr er in aggressivem Tonfall fort, »ich wäre so schnell aus diesem Zelt verschwunden, dass sie mich erst gar nicht hätte entdecken können!«

»Wie um alles in der Welt hätte ich denn ahnen sollen, dass sie deine Exfrau ist?«, entgegnete Meredith gekränkt. »Du redest schließlich nie über sie! Oh, eine kurze Erwähnung ihres Namens vielleicht, aber keinerlei Einzelheiten! Ich habe dich nie nach ihr gefragt, weil ich immer dachte, deine Ehe wäre deine eigene Angelegenheit! Ich weiß, dass die Scheidung dich sehr verbittert hat …«

»Ist das so offensichtlich?« Er klang ehrlich überrascht, und in seinen blauen Augen standen Staunen und eine erste Spur von Kränkung.

»Ja. Ich meine nein – ich meine, natürlich hat sie das! Sieh mal, jede Erwähnung ihres Namens hat dich verstummen lassen. Ich habe das respektiert. Du hast mir jedenfalls ganz bestimmt niemals ihren Mädchennamen verraten. Und Rachel ist kein ungewöhnlicher Vorname. Außerdem verdrehen Schulkinder ihre Namen immer. Ich war immer ›Merry‹, und sie hieß nur ›Ray‹. Es war für mich auch sehr peinlich, glaub mir! Ich war nicht länger als zwei Jahre in Winstone House, und sie war nie eine enge Freundin, was ich dir schon gesagt habe. Ein Mannschaftsmitglied beim Korbball, weiter nichts! Hätte ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt, dass sie in irgendeiner Weise mit dir in Verbindung stehen könnte, hätte ich sie selbstverständlich ebenfalls gemieden!«

Er sah sie an, dann nahm er ihre Hand und drückte sie. »Ja. Natürlich. Es tut mir Leid. Es war wohl kaum deine Schuld. Ich mache dir keine Vorwürfe. Aber es hat mich ziemlich aus der Fassung gebracht, noch bevor der arme Constantine … Allein der Gedanke, dass sie all die Jahre nur eine Stunde von Bamford entfernt gewohnt hat!« Aus seinen Worten sprach die Verwunderung darüber, dass er so lange jeder Begegnung hatte ausweichen können.

Er ließ ihre Hand wieder los. Selbst jetzt, dachte Meredith, selbst jetzt berühren wir uns noch nicht, nicht in der Öffentlichkeit, nicht in einem Eisenbahnabteil.

»Wusstest du, dass sie sich wieder verheiratet hat?«, fragte sie.

»Ich hatte davon gehört. Ich war ziemlich sicher, dass es ein wohlhabender Mann sein musste. Sie hätte den gleichen Fehler kein zweites Mal begangen. Ich wusste seinen Namen nicht, oder wenn jemand ihn mir gesagt hat, dann habe ich ihn wieder vergessen.« Er runzelte die Stirn. »Constantine wollte mir etwas über seinen Namen sagen. Er hat mich gedrängt, Rachel zu fragen, aber ich hatte keine Gelegenheit dazu.«

Vorsichtig begann Meredith: »Ehrlich gestanden, als wir uns vorgestellt wurden, kam mir der Gedanke, dass sein Name irgendwie erfunden klingt, selbst wenn er tatsächlich griechischer Herkunft gewesen ist … oder wo auch immer er hergekommen ist. War er Grieche? Irgendwie sah er gar nicht griechisch aus.«

»Ich habe auch schon darüber nachgedacht. Ich weiß nicht, woher er kommt, aber der Name klingt tatsächlich sehr künstlich. Jedenfalls kam es mir so vor. So ein hübscher, byzantinischer Klang. Fast, als hätte er irgendeinen dicken Geschichtswälzer über das östliche Imperium aufgeschlagen und wäre mit dem Finger über eine dieser Ahnentafeln gefahren. Ich frage mich, wie lange er den Namen schon getragen hat und wie er vorher geheißen haben mag.«

»Du bist also definitiv davon überzeugt, dass es sich um einen falschen Namen handelt, dass er seinen Namen irgendwann geändert hat?«

»Du vielleicht nicht? Ja, ich bin ziemlich sicher, und mehr noch, er wollte mir etwas darüber sagen! Warum sollte er so etwas tun?«

Der Zug lief in einen Bahnhof ein und hielt an. Ein paar Fahrgäste stiegen aus. Der Bahnsteig lag verwaist; niemand stieg zu. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

»Er wusste, dass du Polizist bist. Vielleicht stimmt etwas nicht mit seiner Aufenthaltsgenehmigung in unserem Land? Vielleicht war er ein illegaler Einwanderer? Ihm wurde bewusst, dass er sterben würde, und er wollte die Dinge für Rachel leichter machen. Und weil du Polizist bist, dachte er womöglich, er erzählt es dir, damit du ihr helfen kannst.«

Markby schüttelte den Kopf. »Ein Mann wie Constantine? Selbst wenn er irgendwann einmal illegal nach England gekommen sein sollte, hätte er inzwischen sicher längst alles geregelt! Er war immerhin mit einer Engländerin verheiratet. Er muss seit vielen Jahren hier gelebt haben. Sein Geschäft ist hier. Nein, er hat gewiss schon vor langer Zeit einen britischen Pass erhalten.« Markby seufzte. »Zuerst meinte er wahrscheinlich, die Geschichte wäre relativ harmlos, doch dann wurde ihm bewusst, dass er sterben würde. Und plötzlich wurde es das Wichtigste für ihn, mir etwas zu sagen, das mit seinem Namen zu tun hat. Pah! Ich wünschte, Rachels Freunde hätten sie nicht so schnell mit Beschlag belegt und mitgenommen! Ich hätte sie dann fragen können!«

»Wahrscheinlich wäre sie gar nicht imstande gewesen, dir etwas zu sagen, nicht vorhin. Sie war viel zu aufgelöst, und es war gut, dass ihre Freunde da waren, um sie zu trösten. Sonst hätten wir sie auf der Pelle gehabt!« Es klang gefühllos, und Meredith fügte hastig hinzu: »Ich wollte damit nicht …«

»Ich weiß, was du sagen wolltest. Wir hätten sie auf der Pelle gehabt, genau das ist es. Es mag nicht gerade galant klingen, aber ich hätte sie gewiss nicht in London sitzen lassen, nicht unter diesen Umständen. Ich bin genauso froh wie du, dass ihre Freunde aufgetaucht sind.«

Meredith wandte den Kopf zum Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Sie hatten die Stadt hinter sich gelassen, mitsamt jenen beunruhigenden Ausblicken in das Privatleben fremder Menschen, und darüber war sie froh. Der Zug ratterte nun über das freie Land. Zur Rechten verlief eine Hauptverkehrsstraße direkt neben den Geleisen, und von Zeit zu Zeit durchschnitt das Licht von Scheinwerfern die Nacht. Die Theaterbesucher in der anderen Ecke des Abteils waren verstummt und dösten mit hängenden Köpfen vor sich hin.

Umständlich begann Meredith: »Du sagst, du wärst froh gewesen, aber was hast du gedacht, als du sie mit Constantine gesehen hast? Du musst etwas gefühlt haben, vielleicht sogar Eifersucht?« Sie hatte es nicht sagen wollen, doch die Worte waren heraus, und jetzt war es zu spät.

Er drehte den Kopf und starrte sie an. Sie spürte, wie sie errötete, wie eine rote Woge ihren Hals hinaufstieg und ihr Gesicht überflutete, und murmelte: »Entschuldige. Es geht mich schließlich nichts an.«

»Selbstverständlich geht es dich etwas an!«, sagte er leise. »Und nein, ich war nicht eifersüchtig. Wenn überhaupt, dann habe ich so etwas wie Erleichterung gespürt. Ich dachte, endlich hat sie bekommen, was sie sich gewünscht hat. Es hat das letzte, winzige Aufflackern von Schuldgefühlen erstickt. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich sie enttäuscht hätte. Sie hat immer deutlich gemacht, dass es so war! Als ich sie zusammen mit Constantine sah, dachte ich gleich, das ist der Richtige für sie! Nicht ich, ich hätte sie niemals zufrieden stellen können, ganz gleich, was ich auch getan hätte!« Markby schüttelte den Kopf. »Das ist wirklich in jeder Hinsicht eine verdammt schlimme Geschichte, nicht zuletzt deswegen, weil sie mit Constantine jemanden verloren hat, den selbst sie nicht so einfach wird ersetzen können! Es tut mir Leid für sie. Es tut mir wirklich Leid! Aber das ist auch schon alles.«

Sie verfielen in Schweigen, und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Meredith hatte keine Ahnung davon, was in Alans Kopf vorging, doch nach einer Weile stand er auf und nahm ...

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