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Blockadebuch

Über Ales Adamowitsch und Daniil Granin

Ales Adamowitsch, geb. 1927 im Dorf Konjuchi im Minsker Gebiet, gest. 1994 in Moskau, weißrussischer Schriftsteller, Kritiker und Literaturwissenschaftler, ab 1943 Partisan. Studierte von 1945 bis 1950 an der Philologischen Fakultät in Minsk, lehrte anschließend dort und an der Lomonossow-Universität Moskau weißrussische Literatur. Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter der Literaturabteilung der Akademie der Wissenschaften in Weißrussland. Veröffentlichte seit 1950 Romane, Erzählungen, Drehbücher, von denen mehrere ins Deutsche übersetzt wurden. Adamowitsch schrieb russisch und weißrussisch. Gehörte 1988 zu den Gründungsmitgliedern der Menschenrechtsorganisation Memorial. Drehbuchautor des Films »Komm und sieh« (Regie Elem Klimow). 1999 wurde der Asteroid (6537) Adamovich nach ihm benannt.

Daniil Granin, geboren 1919, studierte Elektrotechnik, arbeitete als Ingenieur, meldete sich 1941 als Kriegsfreiwilliger. Veröffentlichte ab 1949 zahlreiche Romane, von denen viele ins Deutsche übersetzt wurden. Zusammen mit Ales Adamowitsch verfasste er 1987 »Das Blockadebuch«. Am 27. Januar 2014 hielt er eine vielbeachtete Rede vor dem Deutschen Bundestag zum Gedenken an die Opfer der Leningrader Blockade. Daniil Granin starb am 4. Juli 2017 in St. Petersburg.

Ruprecht Willnow, geboren 1926, studierte Slawistik und Anglistik, übersetzte aus dem Russischen, Polnischen und Englischen, u.a. Ambrose Bierce und Edgar Allan Poe.

Dr. Helmut Ettinger ist Dolmetscher und Übersetzer für Russisch, Englisch und Chinesisch. Er übersetzte Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, Gusel Jachina, Polina Daschkowa, Darja Donzowa und Sinaida Hippius, Michail Gorbatschow, Henry Kissinger, Roy Medwedew, Valentin Falin, Antony Beevor, Lew Besymenski und viele andere ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Erstmals unzensiert: die ergreifende Dokumentation über die Leningrader Blockade

Als Ales Adamowitsch und Daniil Granin begannen, Überlebende der 900 Tage andauernden Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht zu interviewen, wollten sie dokumentieren, wie es den Menschen wirklich ergangen war, die damals in der Stadt eingeschlossen waren, unter Hunger, Kälte und Beschuss litten und viele ihrer Angehörigen und Freunde verloren. Doch um das Blockadebuch 1981 zum ersten Mal veröffentlichen zu dürfen, mussten sie viele Wahrheiten der sowjetischen Zensur opfern. Erst 2014 konnte die erste vollständige russische Ausgabe erscheinen, die die Grundlage für diese ungekürzte und komplett überarbeitete Neuausgabe ist.

»Ich begriff schnell: Dieses Buch führte mich in eine Welt ein, von der ich noch keine Kenntnis hatte. Es veränderte meinen Blick auf die »condition humaine« – und damit mich selbst.« INGO SCHULZE IN SEINEM VORWORT

Ales Adamowitsch
Daniil Granin

Blockadebuch
Leningrad
1941–1944

Aus dem Russischen
von Ruprecht Willnow
und Helmut Ettinger

Mit einem Vorwort
von Ingo Schulze

5864-002.tif

Daniil Granin und Ales Adamowitsch, Moskau 1984, Foto N. Kotschnjowa –
Privatbesitz Marina Granina

Ingo Schulze
 
»Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht unsererseits nicht.«
 
Vorwort

Die Blockade von Leningrad konnte am 27. Januar 1944 durchbrochen und beendet werden. Ein Jahr später befreite die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz. Für den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2014 war Daniil Granin nach Berlin eingeladen worden, um vor dem Deutschen Bundestag zu sprechen. Einen Tag zuvor besuchte er die Berliner Akademie der Künste, deren Mitglied er seit 1986 war.

Der Pulk an Fotografen und Kamerateams war dem 95-jährigen »Staatsgast« lästig. Daniil Granin hatte Fragen, er war neugierig. Dieses Berlin kannte er nicht. Er sprach deutsch, ein sehr schönes Deutsch. Sein freundliches, offenes Gesicht konnte sich jedoch von einem Augenblick auf den anderen verfinstern, wenn er sich durch die Journalisten gestört fühlte.

Daniil Granin hielt es für ein unwahrscheinliches Wunder, dass er den Krieg überlebt habe – als Freiwilliger an der Front der ersten Kriegstage, dem vorrückenden Aggressor unterlegen, dann im Leningrader Schützengraben, vor Hunger und Kälte kaum bei Bewusstsein, später als Kommandant einer Panzerkompanie. Aber von sich selbst wollte er gar nicht sprechen. »Sie kennen doch St. Petersburg ganz gut?«, fragte er.

Von 1984 an war ich mehrmals in Leningrad gewesen. Das Faktum der Blockade dieser Stadt war uns studentischen Touristen durchaus bewusst, allerdings war es bei unseren Besuchen unpersönlich geblieben. In der Gorbatschow-Zeit interessierte ich mich vor allem für Publikationen, die jetzt endlich möglich waren, meistens Memoiren oder Literatur, die die stalinschen Verbrechen zum Hintergrund hatten. Und ich weiß noch, wie sehr ich im Sommer 1989 die freiheitliche Atmosphäre im Land genoss – gerade im Unterschied zu jener in der DDR. Als ich im Herbst 1992 erneut in die Stadt kam, die sich nun wieder St. Petersburg nennen durfte, und kurz darauf begann, dort zu arbeiten, schloss ich Freundschaft mit einem Redaktionskollegen, der die Leningrader Blockade als Kind miterlebt hatte. Obwohl wir einander vieles anvertrauten – von den Blockadejahren zu sprechen, lehnte er ab. Die Pförtnerin unseres Gebäudes »gestand« mir nach einiger Zeit, als Zwangsarbeiterin in Deutschland gewesen zu sein, wobei sie im Erzählen bemüht war, die guten Momente herauszustreichen. Beim Reden liefen ihr die Tränen übers Gesicht, ohne dass sie dies zu bemerken schien. Sie tätschelte meine Wange. Ich kam aus jenem Land, das für den Tod von mehr als einer Million Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt verantwortlich war. Und nun, 1993, verdiente ich das Hundert- bis Zweihundertfache von dem, was meine russischen Kolleginnen und Kollegen erhielten, die sich nicht mal das Notwendigste zum Leben kaufen konnten. Das war der Hintergrund, vor dem ich die beiden Bände des »Blockadebuches« von Ales Adamowitsch und Daniil Granin in deutscher Übersetzung zu lesen begann. Ich begriff schnell: Dieses Buch führte mich in eine Welt ein, von der ich noch keine Kenntnis hatte. Es veränderte meinen Blick auf die condition humaine – und damit mich selbst.

»Der Führer hat beschlossen, die Stadt Petersburg vom Antlitz der Erde zu tilgen«, heißt es in einer geheimen Direktive des Stabes der deutschen Kriegsmarine mit dem Titel »Über die Zukunft der Stadt Petersburg« vom 22. 9. 1941. »Es besteht nach der Niederwerfung Sowjetrusslands keinerlei Interesse an dem Fortbestand dieser Großsiedlung. […] Es ist beabsichtigt, die Stadt eng einzuschließen und durch Beschuss mit Artillerie aller Kaliber und laufendem Bombeneinsatz dem Erdboden gleichzumachen. Sich aus der Lage der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen werden. […] Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht […] unsererseits nicht.«

Kein Interesse am Fortbestand der »Großsiedlung«, kein Interesse an der Erhaltung »dieser großstädtischen Bevölkerung«.

Was dies für die Bevölkerung der Stadt bedeutete, schien hinreichend dokumentiert und gestaltet zu sein. Die kaum zu zählenden Opfer, die Verhungerten und Erfrorenen, die getöteten Soldaten und Zivilisten, die zerbombte Stadt, in der von entkräfteten Musikern Schostakowitschs 7. Sinfonie uraufgeführt und durch Lautsprecher übertragen wird, sogar bis in die deutschen Schützengräben, die evakuierte Ermitage, in der die Angestellten durch die Säle führen und jene Bilder beschreiben, von denen nur noch die Rahmen hängen, und – kaum geflüstert – das Versagen Stalins und der meisten Parteiführer, die ihr Land wider besseren Wissens nicht auf den deutschen Überfall vorbereitet und so das Leiden noch vergrößert hatten.

Als Ales Adamowitsch und Daniil Granin Mitte der siebziger Jahre auf Adamowitschs Initiative hin ihre Befragungen von Überlebenden begannen, wussten sie noch nicht, »welch barbarische Dinge sich hinter dem gewohnten Wort ›Leningrader Blockade‹ verbergen. […] Denn diese Menschen haben uns all die Jahre geschont. Doch wenn sie jetzt erzählen, schonen sie vor allem sich selbst nicht mehr.« Es ist das alltägliche Leben unter Bedingungen, die mit Begriffen nicht zu beschreiben sind. Selbst konkrete Bezeichnungen bedeuten in unserem Sprachgebrauch etwas anderes. Das Brot war kein Brot mehr, auch wenn die Tagesration nur 125 Gramm betrug, das Wohnen hat alles Wohnliche verloren bei kaputten Fensterscheiben, ohne Heizung, ohne Strom, ohne Gas, ohne Wasser, bei zwanzig Grad minus und unter dem Beschuss von Artillerie und Flugzeugbomben. Deshalb braucht es diese Berichte, Berichte, die auch nicht einfach als Beispiel zitiert werden können, auch das wäre unangemessen. Es braucht das Ganze, das aus den zahlreichen alltäglichen Notwendigkeiten bestand.

»Vor allem ging es gar nicht um Heroismus. Schließlich war es für viele ein erzwungener Heroismus gewesen. Das wahre Heldentum bestand in etwas anderem. Es war jenes, das sich in den Familien, in den Wohnungen abspielte, wo die Menschen litten, fluchten und starben, wo es zu unwahrscheinlichen Taten kam, die Hunger, Kälte und Beschuss verursachten.

Die Blockade war ein Epos menschlichen Leidens. Das war nicht die Geschichte von neunhundert Tagen Heldentaten, sondern von neunhundert Tagen unerträglicher Qualen.«

Diejenigen, die diese unerträglichen Qualen überlebt haben, können aber auch Zeugnis ablegen von Solidarität und Würde, von intellektuellem und künstlerischem Leben und Widerstand. Deshalb erschüttert und schockiert dieses Buch nicht nur durch Art und Ausmaß des Leidens, von ihm geht auch eine seltsame Ermutigung aus. Es ist das Staunen darüber, wozu Menschen trotz alledem fähig sind.

Die jeweiligen Erzählungen und Dokumente des »Blockadebuchs« benennen zudem stets den physisch-psychischen Ort der Erinnerung. Adamowitsch und Granin beschreiben, was die Erfahrungen dieser neunhundert Tage in jenen anrichteten, die die Blockade überlebt haben. Es wird einem vor Augen geführt, welch fragiles Gebilde Erinnerungen sind und wie ganz und gar nicht selbstverständlich es ist, dass sie ausgesprochen und anderen anvertraut werden, obwohl es doch für die Betroffenen selbst notwendig ist, diese Erinnerungen zu teilen. Darüber hinaus ahnt man, welch unwahrscheinlichen Glücksfall es bedeutet, wenn es gelingt, das Erinnerte zu fixieren und weiterzugeben.

Dieses Buch hat viele Autorinnen und Autoren, hinter denen wiederum andere sichtbar werden, die nicht überlebt haben. Die Leistung von Ales Adamowitsch und Daniil Granin besteht darin, das Vertrauen ihrer Gesprächspartner gewonnen und deren Erfahrungen erzählbar gemacht zu haben. Sie selbst beschreiben, was das für sie persönlich zur Folge hatte. Die Qualen als auch die vielen Arten der Auflehnung gegen die Vernichtung werden in diesem Buch auf eine für Leser mögliche Weise nachvollziehbar. Deshalb gehört das »Blockadebuch« zu jenen Büchern, die für mich eine Art Fixpunkt darstellen, zu denen ich immer wieder zurückkehre.

Adamowitsch und Granin war es gelungen, die Veröffentlichung, wenn auch unter Einbußen, durchzusetzen. 1984, also vor fast 35 Jahren, erschien die erste Ausgabe des »Blockadebuchs«. In ihren Kommentaren ist auch die Zeit der Recherche anwesend. Dass es die Sowjetunion bald nicht mehr geben würde, war selbst 1984 unvorstellbar. Seither haben sich die politischen Verhältnisse nicht nur einmal verändert. Schon wenige Jahre nach dem Erscheinen des »Blockadebuches« war der Freiraum für Autoren ungleich größer geworden. Daniil Granin hat ihn in jeder Form genutzt.

Leningrad war die einzige Stadt im Zweiten Weltkrieg, der eine Blockade, eine Belagerung, widerfuhr. Heute denkt man an Sarajevo – und an die Aufzeichnungen von Dzevad Karahasan in seinem »Tagebuch einer Aussiedlung«. Die Blockadebücher aus Syrien und dem Irak stehen uns noch bevor.

Daniil Granins Rede im Bundestag war im eigentlichen Sinne keine Rede, sondern ein Bericht über die Blockade. Und doch war es eine der wichtigsten Reden im deutschen Parlament. In seinem schon etwas zu groß gewordenen Anzug, ohne Krawatte, wollte er am Rednerpult stehen und wehrte mehrfach die seine Rede unterbrechenden Versuche ab, ihm einen Stuhl anzubieten. Der 95-Jährige sprach als Soldat vor den deutschen Abgeordneten. Er ersparte sich und den Zuhörern nichts. Und er sprach von seiner Erfahrung mit dem Hass, ohne versöhnlerisch zu werden.

»Ich, der ich als Soldat an vorderster Front vor Leningrad gekämpft habe, konnte es den Deutschen sehr lange nicht verzeihen, dass sie 900 Tage lang Zivilisten vernichtet haben, und zwar auf die qualvollste und unmenschlichste Art und Weise getötet haben, indem sie den Krieg nicht mit der Waffe in der Hand führten, sondern für die Menschen in der Stadt Bedingungen schufen, unter denen man nicht überleben konnte. […] Heute sind diese bitteren Gefühle von damals nur noch Erinnerung.«

Das »Blockadebuch« kann uns nicht zuletzt daran erinnern, wie viel Kraft und Großmut notwendig sind, um solch einen Satz auszusprechen.

April 2018

Daniil Granin
 
Zur Entstehungsgeschichte des »Blockadebuchs«

Unsere Gefechtsposten lagen in unmittelbarer Nähe der Deutschen. Wir konnten es hören, wenn sie miteinander redeten und mit dem Geschirr klapperten. Oder wenn unser Scharfschütze einen von ihnen traf – dieses Schreien und Fluchen!

Seit dem Morgen brausten deutsche Fliegerstaffeln über uns hinweg, um die Stadt zu bombardieren. Wir sahen die Rauchsäulen aufsteigen. Die Brände wüteten lange, und man konnte nur Vermutungen anstellen, wo es brannte. Gegen Abend folgte der zweite Bombenangriff. Dazwischen flogen mit einem sanften Rauschen die Geschosse der weittragenden Artillerie über uns hinweg. Wir konnten nichts dagegen tun. Wir hatten keine Flak. Anfangs ballerten wir mit unseren Gewehren, aber das brachte natürlich nichts.

Die Stadt in unserem Rücken litt. Wir sahen, wie die Deutschen sie beschossen und zertrümmerten, konnten uns aber nur schwer vorstellen, was dort wirklich passierte. Bald bekamen auch wir den Hunger am eigenen Leib zu spüren. Die Dystrophie blähte unsere Bäuche auf. Nachts schlichen wir uns auf die Kartoffel- und Kohlfelder im »Niemandsland«, wo wir Kohlblätter sammelten und nach Knollen suchten, auch wenn sie schon angefault waren.

Während der Blockadezeit war ich nur ganze zwei-, dreimal in der Stadt. Einmal musste ich irgendwo ein Paket abliefern. Als ich durch das Dorf Rybazkoje kam, sah ich, wie ein Pferd, das einen Schlitten mit Patronenkisten zog, an einer Steigung zusammenbrach und nicht mehr aufstehen konnte. Ein junger Rotarmist prügelte auf das Tier ein, so heftig er konnte, aber es schlug nur noch ein paarmal um sich und kam nicht mehr auf die Beine. Da stürzten von überall her Menschen herbei, eingehüllt in die unwahrscheinlichsten Sachen, hieben mit Äxten und Messern auf das Pferd ein, hackten und säbelten es in Stücke. Nach kaum zwanzig Minuten waren nur noch die blanken Knochen übrig.

Im Gedächtnis geblieben ist mir, wie die Stadt damals aussah. Sie war tief im Schnee versunken. Die Straßen waren schmale Pfade zwischen riesigen Schneewehen. Lediglich auf den Magistralen konnten noch Autos fahren. Leichen lagen herum, aber nicht allzu viele. Meist sah man sie in Hauseingängen. Über die ganze Stadt war eine Schneedecke von makellosem Weiß gebreitet. Es war still, nur aus den großen Lautsprechern, die überall aufgestellt waren, tickte das Metronom. Die Schaufenster hatte man mit Brettern vernagelt. Die Denkmäler der Zaren Peter und Katharina waren mit Sandsäcken abgedeckt. Keinen von uns zog es in die belagerte Stadt.

Während der Blockadezeit spielte sich das Leben zwischen den zerbombten Häusern ab. An der Ecke von Mochowaja und Pestelstraße stand ein Haus, das gleichsam aufgeschnitten war. Das Innere der Wohnungen war schamlos entblößt. Irgendwo im vierten Stock warf der Wind die Tür eines Kleiderschranks hin und her, dass es krachte. Er riss Kleider und Anzüge heraus. Die zerbombten Häuser rauchten. Nach den Fliegerangriffen und dem Artilleriebeschuss brannte es wochenlang. Manchmal wärmten sich Passanten an den Feuern. Der Gostiny Dwor, das riesige Kaufhaus, war schwarz vom Ruß. Im Alexandergarten – Schützengräben und Flak-Stellungen. Auch das Marsfeld war von Gräben durchfurcht.

Einmal hatten wir den Auftrag, zu dritt einen gefangenen Deutschen durch die Stadt zum Stab zu führen. Mich interessierte weniger die Stadt als vielmehr der Deutsche. Welches Entsetzen stand in seinem Gesicht, als wir Passanten begegneten, die in die unmöglichsten Tücher und Schals gehüllt waren, die Gesichter rußgeschwärzt. Man konnte kaum noch erkennen, ob man einen Mann, eine Frau, einen alten oder jungen Menschen vor sich hatte. Wie Schatten schlichen sie vorüber. Da gab es Fliegeralarm, die Sirenen heulten, aber wir gingen mit unserem Deutschen unbeirrt weiter. Wir sahen die Gleichgültigkeit in den Gesichtern der Passanten, wenn sie seiner ansichtig wurden. Ihn hatte die blanke Angst gepackt, doch sie gingen an dem Mann im Mantel eines deutschen Soldaten vorüber, ohne Gefühle zu zeigen.

Zweimal trat eine Künstlertruppe vom Rundfunk bei uns an der Front auf. Wir setzten den Leuten Weizengrütze vor und boten ihnen Wodka an. Wir sahen, wie sie aßen und Grütze in mitgebrachte Plastikschächtelchen füllten. Sie litten noch einen ganz anderen Hunger als wir in den Schützengräben. Und doch mussten auch wir von Zeit zu Zeit Kameraden mit Hungerödem ins Lazarett schicken.

Ich war der Meinung, ich wüsste, was die Blockade gewesen war. Als Ales Adamowitsch mich 1974 aufsuchte und aufforderte, ein Buch darüber zu schreiben, die Berichte von Betroffenen aufzuzeichnen, lehnte ich ab. Nach meiner Ansicht war über die Blockade alles bekannt. Ich hatte den Film »Baltijskoje nebo«1 gesehen, Erzählungen, Bücher und Gedichte gelesen. Was war denn die Blockade? Zugegeben – Hunger, Beschuss, Bombenangriffe und zerstörte Häuser. Aber das wusste doch jeder, ich konnte dazu nichts Neues sagen. Ales Adamowitsch redete lange auf mich ein. Wir verhandelten mehrere Tage lang. Und da wir seit vielen Jahren ein freundschaftliches Verhältnis hatten, überredete er mich schließlich dazu, wenigstens mit ihm zu kommen und mir den Bericht einer Bekannten anzuhören, die die Blockade erlebt hatte.

Ich glaube, wir haben bei diesem Gespräch gar nichts notiert oder es erst später aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. Sie war damals achtzehn Jahre alt gewesen. Und sie war verliebt. In Fedja, ihren Bräutigam. Fedja wurde zur Armee eingezogen, seine Einheit stand in der Gegend von Schuschary. Irgendwie schlug sie sich zu ihm durch. Sie brachte ihm Zwieback, Konfitüre, Handschuhe, einen Schal und was er sonst so brauchte. Vor allem war interessant, wie sie zu ihm durchgekommen war. Ich wusste, dass unsere Sicherungseinheiten und Patrouillen keine Zivilisten durchließen; das war strengstens verboten. Es konnten Überläufer sein, Spione oder Informanten. Trotzdem gelang es ihr, ihn mehrmals zu besuchen. Bis zu seiner Einheit waren es sechzehn Kilometer, sie muss alle Posten überredet haben. Und sie ließen sie passieren. Das war ein bewundernswertes Beispiel für Liebe. Eine Liebe, die auch unter den Bedingungen der Blockade zu überleben versuchte. Was sie erzählte, rührte und erstaunte mich.

Adamowitsch überredete mich, eine weitere Überlebende der Blockade aufzusuchen. Um es kurz zu machen: Ich sah, dass die Menschen während der Blockade ein Familien- und ein Seelenleben gehabt hatten, das ich nicht kannte. Es bestand aus vielen rührenden, ja unwahrscheinlichen Begebenheiten. Am Ende willigte ich ein.

Für mich war das schon sehr merkwürdig, denn ich hatte noch nie mit einem anderen Autor zusammengearbeitet. Außerdem stammt Adamowitsch nicht aus Leningrad. Er ist Belorusse. Er hat den Krieg ganz anders erlebt als ich. Er war bei den Partisanen, wo er ein Bild vom Krieg und von der Front gewann, das sich von meinem unterschied. Es stellte sich jedoch heraus, dass das auch ein Vorteil war. Sein naiver, frischer Blick auf Leningrad, auf das Leben dort und auf die Großstadt überhaupt half mir, Dinge zu sehen, die ich längst vergessen hatte.

So begann unsere Zusammenarbeit. Augenzeugen der Blockade reichten uns an Leidensgenossen aus jener Zeit weiter. Damals – Mitte bis Ende der 1970er Jahre – waren viele von ihnen noch am Leben. Wir gingen von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung, hörten zu und nahmen mit dem Tonbandgerät auf, was sie uns erzählten. Anfangs taten wir das gemeinsam, dann trennten wir uns, um mit mehr Menschen sprechen zu können. Warum mit mehr Menschen? Weil sich herausstellte, dass jeder seine eigene Geschichte hatte. Seine Tragödie, sein Drama, seine Erlebnisse und seine Toten. Die Menschen hungerten und starben auf verschiedene Weise. Wir hatten bereits hundert Berichte beisammen und noch nicht eine einzige Wiederholung. Nach gründlicher Durchsicht stellten wir fest, wo noch Lücken waren. Von nun an schrieben wir getrennt.

Interessant ist auch, wie wir vorgingen. Bei der ersten Begegnung wollten die meisten Blockadeopfer überhaupt nichts erzählen. Sie wollten sich nicht mehr an die Blockadejahre, an den Winter, an den Hunger, an die vermüllte Wohnung, an ihr Höhlenmenschendasein erinnern. Um keinen Preis! Dann ließen sie sich aber doch umstimmen. Ganz und gar verweigerte sich niemand. Es kam vor, dass wir fortgingen, später jedoch angerufen und erneut eingeladen wurden. Wir begriffen nicht gleich, was dahintersteckte.

Bei den Menschen hatte sich das Bedürfnis angestaut, sich die Dinge von der Seele zu reden. Eine Frau hatte versucht, mit ihren Kindern und Enkeln, mit Nachbarn und Verwandten über ihre Erlebnisse zu sprechen. Aber niemand hörte ihr zu. Man wollte davon nichts wissen. Als wir Schriftsteller dann mit dem Tonbandgerät anrückten und sie zu erzählen begann, liefen die vorher so Desinteressierten zusammen und hörten nun auf völlig neue Weise zu – als seien sie Fremde wie wir. Häufig erfuhren sie so zum ersten Mal, was in dieser Wohnung passiert, was ihrer Mutter und ihrer Familie zugestoßen war. Sie weinten und klagten.