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Blitzhochzeit mit dem griechischen Tycoon

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1. KAPITEL

„Wenn man an die Expansion und den Erfolg des Unternehmens denkt, ist das hier ein höchst ungerechtes Testament“, erklärte Stevos Vannou, Acherons Anwalt, mit schwerer Stimme und durchbrach damit das drückende Schweigen. Misstrauisch sah er zu dem stattlichen Mann, der auf der anderen Seite des Büros stand.

Acheron Dimitrakos, griechischer Milliardär und Gründer des globalen Unternehmens DT Industries, im engsten Kreis auch Ash genannt, sagte nichts. Er wagte es nicht zu sprechen. Normalerweise hatte er sich streng unter Kontrolle, aber nicht an diesem Tag. Er hatte seinem Vater Angelos genauso sehr vertraut wie jedem anderen, und das hieß, dass er ihm nicht besonders traute. Aber nie wäre ihm der Gedanke gekommen, dass der ältere Mann mit seinem Letzten Willen das Unternehmen bedrohen könnte, das Acheron ganz allein aufgebaut hatte. Seine Forderung war wie eine Bombe eingeschlagen. Falls Acheron nicht innerhalb eines Jahres heiratete, würde er die Hälfte seines Unternehmens an seine Stiefmutter und deren Kinder verlieren, die durch das Testament seines Vaters ohnehin schon reich bedacht wurden. Das war absolut unfair. Zudem widersprach es all den ehrenwerten Grundsätzen, die der ältere Mann, so hatte Acheron geglaubt, immer hochgehalten hatte. Doch wie sich herausstellte – als habe Acheron je daran gezweifelt –, konnte man niemandem trauen. Wobei die Nächsten und Liebsten einem am ehesten ein Messer in den Rücken stießen, wenn man es am wenigsten erwartete.

„DT ist mein Unternehmen“, stieß Acheron zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Aber bedauerlicherweise nicht auf dem Papier“, entgegnete Stevos mit rauer Stimme. „Die Beteiligungen Ihres Vaters haben Sie nie überschreiben lassen. Obwohl es natürlich außer Frage steht, dass Sie dieses Unternehmen aufgebaut haben.“

Immer noch sagte Acheron nichts dazu. Stattdessen starrte er mit dunklen Augen auf die Skyline von London. Seine markanten, attraktiven Züge verrieten, dass er um Selbstbeherrschung rang. „Ein langwieriger Gerichtsstreit würde dem Unternehmen sicher schaden“, erklärte er schließlich.

„Sich eine Frau zu suchen wäre bestimmt das kleinere Übel“, meinte der Anwalt mit einem zynischen Grinsen. „Mehr müssen Sie nicht tun, um die Sache wieder ins Lot zu bringen.“

„Mein Vater weiß, dass ich nie die Absicht hatte zu heiraten. Genau deshalb hat er mir das angetan“, stieß Acheron hervor. Er musste an sich halten, während er an die völlig inakzeptable Frau dachte, die sein Vater für ihn vorgesehen hatte. „Ich will keine Frau und keine Kinder, die mein Leben durcheinanderbringen.“

Stevos Vannou räusperte sich. Er hatte noch nie erlebt, dass Acheron Dimitrakos Wut zeigte oder überhaupt irgendeine Emotion. Der milliardenschwere Boss von DT Industries war normalerweise kalt wie Eis, vielleicht noch kälter, wenn man all den Geschichten in der Klatschpresse glauben sollte. Er war bekannt für seine kühle Zurückhaltung und seinen Mangel an Menschlichkeit. So wurde zum Beispiel erzählt, dass er eine seiner persönlichen Assistentinnen bei einer Vorstandssitzung angehalten habe zu bleiben, bis das Meeting beendet war, obwohl bei ihr schon die Wehen eingesetzt hatten.

„Entschuldigen Sie, sollte ich begriffsstutzig sein, aber ich glaube, dass die Frauen Schlange stehen würden, um Sie zu heiraten“, bemerkte Acherons Mitarbeiter vorsichtig. Er dachte an seine eigene Frau, die schon ins Schwärmen geriet, wenn sie nur Acherons Foto in der Zeitung sah. „Eine Frau zu suchen wäre eine größere Herausforderung als eine zu finden.“

Acheron verkniff sich eine bissige Bemerkung. Ihm war durchaus bewusst, dass der kleine korpulente Grieche nicht verstand, um was es ging und lediglich versuchte, behilflich zu sein. Acheron wusste, dass er nur mit dem Finger schnippen musste, um eine Frau so einfach und schnell zu finden, wie er eine in sein Bett bekam. Und er wusste auch genau, warum es so einfach war. Das Geld lockte sie. Er hatte eine Flotte von Privatjets und Häuser überall auf der Welt. Ganz zu schweigen von all den Bediensteten, die ihm und seinen Gästen zur Verfügung standen. Er zahlte sie gut und war ein großzügiger Liebhaber. Doch sobald er das Dollarzeichen im Blick einer Frau sah, verlor er sofort das Interesse. Im Laufe der Zeit war es immer öfter das Dol­larzeichen gewesen, das er zuerst sah, ehe er den schönen Körper bemerkte. Mit dem Ergebnis, dass er den Sex öfter aus dem Programm strich, als ihm lieb war. Er brauchte den Sex wie die Luft zum Atmen, doch die Gier, die damit einherging, stieß ihn zutiefst ab. Offensichtlich gab es tief in ihm eine sensible Seite, für die er allerdings nur Verachtung übrig hatte.

Leider wusste Acheron ganz genau, was hinter diesem Testament steckte. Sein Vater hatte nicht einsehen wollen, dass Acheron die Frau nicht wollte, die er für ihn vorgesehen hatte. Sechs Monate vor dessen Tod hatte es im Haus seines Vaters eine hässliche Szene gegeben. Um neuem Ärger aus dem Weg zu gehen, hatte Acheron seine Besuche seitdem eingestellt. Ein weiterer Nagel im Sarg der Braut, die für ihn bestimmt war. Er hatte versucht, mit seiner Stiefmutter über dieses Problem zu sprechen, doch niemand war bereit gewesen, ihn anzuhören, am wenigsten sein Vater. Vielmehr war der tief beeindruckt von den schauspielerischen Fähigkeiten der Dame gewesen und hatte daher beschlossen, dass die junge Frau, die er aufgezogen hatte, die perfekte Ehefrau für seinen Sohn sein würde.

„Natürlich könnten Sie das Testament auch einfach ignorieren und Ihrer Stiefmutter deren Anteile am Unternehmen abkaufen“, schlug der Anwalt vor.

Acheron warf dem älteren Mann einen höhnischen Blick zu. „Ich werde nicht für etwas zahlen, was von Rechts wegen mir gehört. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“

Stevos ahnte, dass er damit entlassen war. Hastig stand er auf, um zu gehen. Er war fest entschlossen, seine Anwaltskollegen sofort zu informieren, damit sie überlegen konnten, wie sie weiter verfahren sollten. „Ich werde die klügsten Köpfe auf diese Sache ansetzen.“

Acheron nickte, obwohl er wenig Hoffnung auf diesen Rettungsplan setzte. Seine Erfahrung sagte ihm, dass sein Vater sich ebenfalls rechtlich hatte beraten lassen. Denn er hätte niemals eine so bindende Klausel in sein Testament aufgenommen, hätte er nicht gewusst, dass sie hieb- und stichfest war.

Eine Frau, überlegte Acheron verbissen. Schon seit seiner Kindheit wusste er, dass er nicht heiraten und kein Kind zeugen wollte. Er verspürte nicht den Wunsch, dass jemand sein Aussehen tragen oder in seine Fußstapfen treten sollte. Im Grunde mochte er Kinder nicht einmal. Die paar Mal, die er mit Kindern zu tun gehabt hatte, hatten in ihm die Meinung gefestigt, dass sie laut, schwierig und nervtötend waren. Warum sollte ein geistig gesunder Erwachsener sich etwas wünschen, auf das man vierundzwanzig Stunden am Tag aufpassen musste und das einem obendrein noch schlaflose Nächte bescherte? Und warum sollte ein Mann sich mit nur einer Frau in seinem Bett begnügen? Die gleiche Frau, Nacht für Nacht, Woche für Woche. Allein die Vorstellung, sich derart zu verpflichten, ließ ihn schaudern.

Er musste zu einer Entscheidung kommen und schnell handeln, ehe die Neuigkeit über dieses lächerliche Testament die Runde machte. Und damit vielleicht das Unternehmen zerstörte, das er aufgebaut hatte und das sein Leben war.

„Ohne Termin und die ausdrückliche Zustimmung von Mr Dimitrakos kann ich Sie nicht vorlassen“, wiederholte die schlanke Empfangsdame frostig. „Wenn Sie nicht gehen, Miss Glover, bin ich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen, um Sie aus dem Gebäude zu entfernen.“

Als Antwort ließ Tabby sich auf einen der weichen Sitze fallen, die im Empfangsbereich standen. Ihr gegenüber saß ein älterer Mann. Er studierte Dokumente, die er aus einer Aktentasche genommen hatte, während er in einer fremden Sprache eindringlich mit seinem Handy telefonierte. Dass sie in dieser luxuriösen Umgebung einen ziemlich mitgenommenen Eindruck machte, stärkte nicht eben ihr Selbstvertrauen. Aber sie schlief seit einiger Zeit nicht besonders gut, besaß keine anständige Kleidung mehr und war verzweifelt. Und nur die Verzweiflung hatte sie zu DT Industries getrieben, um mit dem Mann zu sprechen, der jede Verantwortung für das Kind ablehnte, das Tabby von ganzem Herzen liebte. Acheron Dimitrakos war ein egoistischer, arroganter Mistkerl. Und das, was sie in einem der Hochglanzmagazine über seinen Frauenverschleiß gelesen hatte, hatte ihre Meinung über ihn nicht unbedingt verbessert.

Ausgerechnet der Mann, der über Milliarden verfügte, hatte Amber im Stich gelassen und kein Interesse daran gezeigt, sich mit Tabby zu treffen, die genau wie er Ambers Vormund war. Er hatte sich nicht einmal nach dem Wohlergehen des kleinen Mädchens erkundigt.

Der Anruf beim Sicherheitsdienst erfolgte laut und deutlich, zweifellos, um Tabby zu verscheuchen, ehe die Wachmänner eintrafen. Mit störrischer Miene blieb sie sitzen, war jedoch sehr angespannt, während sie überlegte, wie sie weiter vorgehen sollte. Unaufgefordert in Acherons Büro hereinzuplatzen wäre sicher keine Option. Wobei ihr eigentlich keine andere Wahl blieb. Ihr war durchaus bewusst, dass die Situation sehr ernst war, wenn eine solch gefühllose Person ihre einzige Hoffnung darstellte.

Dann nahm das Schicksal eine unerwartete Wendung, mit der sie nicht gerechnet hatte. Einen Augenblick starrte sie den großen dunkelhaarigen Mann, der durch die Empfangshalle marschierte, nur an. Dann sprang Tabby auf und lief hinter ihm her. „Mr Dimitrakos … Mr Dimitrakos!“, rief sie.

Im gleichen Moment, als er am Lift stehen blieb und sie ungläubig ansah, rannten die Sicherheitsbeamten, die ihm gefolgt waren, zu ihm und entschuldigten sich überschwänglich bei ihm.

„Ich bin Ambers zweiter Vormund, Tabby Glover!“, erklärte Tabby hastig, während ihre Arme plötzlich von den beiden Bodyguards umklammert wurden und sie von Acheron wegrissen wurde. „Ich muss Sie sprechen … Ich habe vergeblich versucht, einen Termin zu bekommen, obwohl es wahnsinnig wichtig ist, dass wir noch vor dem Wochenende miteinander reden!“

Der Sicherheitsdienst muss wirklich mehr Leistung zeigen, dachte Acheron verärgert. Sie durften doch unmöglich zulassen, dass er auf der obersten Etage seines Bürogebäudes von einer verrückten Frau bedrängt wurde. Die junge Frau trug eine verschlissene Jacke, eine verwaschene Hose und Turnschuhe. Sie hatte das Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ihr ungeschminktes Gesicht war blass. Klein und flachbrüstig, war sie ganz sicher nicht die Frau, die seine Aufmerksamkeit erregt hätte. Doch dann sah er in ihre bemerkenswert blauen Augen mit der ungewöhnlich violetten Schattierung. Augen, die ihre verhärmten Züge fast vergessen ließen.

„Bitte!“, keuchte Tabby. „Sie können doch nicht so egoistisch sein. Niemand würde das übers Herz bringen. Ambers Vater gehörte zu Ihrer Familie …“

„Ich habe keine Familie“, informierte Acheron sie trocken. „Begleiten Sie sie hinaus“, wandte er sich dann an sein Wachpersonal, das nun statt der Bodyguards Tabbys Arme fest umklammerte, obwohl sie sich nicht einmal gewehrt hatte. „Und sorgen Sie dafür, dass so etwas nicht noch einmal passiert.“

Tabby hatte es kurz die Sprache verschlagen, weil er ihr nicht einmal fünf Minuten seiner Zeit schenkte und bei Ambers Namen keinerlei Reaktion gezeigt hatte. Im nächsten Augenblick verfluchte sie ihn wie ein Fischweib und benutzte in ihrer Wut Ausdrücke, die noch nie zuvor über ihre Lippen gekommen waren. Als Antwort blitzte in seinen dunklen Augen eine derart wütende Feindseligkeit auf, die sie schockierte. Denn sein Verhalten zeigte ihr, dass hinter seiner kühlen Fassade offensichtlich etwas abgrundtief Dunkles lauerte.

„Mr Dimitrakos …?“ Eine andere Stimme erklang. Überrascht drehte Tabby sich um und sah sich dem älteren Mann gegenüber, der im Empfangsbereich in ihrer Nähe gesessen hatte.

„Das Kind … Erinnern Sie sich noch an die Vormundschaftsanfrage Ihres Cousins vor ein paar Monaten, die Sie nicht beantwortet haben?“, meinte Stevos Vannou in ruhigem, respektvollem Ton zu Acheron.

Eine für ihn unbedeutende Erinnerung blitzte in Acherons Gehirn auf, und er zog seine dunklen Brauen hoch. „Na und?“

„Sie selbstsüchtiger Bastard!“, schleuderte Tabby ihm entgegen, empört darüber, wie seine Gleichgültigkeit sich auf Ambers Schicksal auswirken würde. „Ich gehe damit an die Presse … Sie verdienen es nicht besser. All dieses verdammte Geld, und Sie schaffen es nicht einmal, etwas Gutes damit zu tun.“

„Seien Sie still!“, herrschte Acheron sie an.

„Und Sie glauben, Sie und Ihre Armee könnten mich dazu bringen?“, schoss Tabby unbeeindruckt zurück. Ihr Kampfgeist war zurückgekehrt, der sie über all die Jahre des Verlustes und der Enttäuschung getragen hatte.

„Was will sie?“, fragte Acheron seinen Anwalt, als wäre ­Tabby gar nicht da.

„Ich würde vorschlagen, das Gespräch in Ihr Büro zu verlegen.“ Stevos klang nun ein wenig entschlossener.

Acheron war inzwischen äußerst ungehalten. Erst vor drei Tagen war er vom Begräbnis seines Vaters zurückgekehrt. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein Drama über ein Kind, das er nie gesehen hatte und das ihm nichts bedeutete. Troy Valtinos, oh ja. Jetzt erinnerte er sich wieder an den Cousin dritten Grades, den er auch noch nie getroffen hatte. Er war unerwartet gestorben und hatte verfügt, dass seine Tochter in Acherons Obhut gegeben werden sollte, falls ihm etwas zustieße. Was an schiere Verrücktheit grenzt, wie Acheron verärgert dachte, während er sich an die kurze Diskussion mit Stevos vor ein paar Monaten erinnerte. Acheron war ein kinderloser Single, war ständig unterwegs und hatte keinerlei Unterstützung von seiner Familie. Wie, in aller Welt, kam jemand auf die Idee, dass er mit einem verwaisten Baby zurechtkommen würde?

„Tut mir leid, dass ich Sie verflucht habe“, log Tabby, darum bemüht, eine Brücke zu bauen und sich Gehör zu verschaffen. „Ich hätte das nicht tun sollen …“

„Die reinste Gossensprache“, entgegnete Acheron eisig und wandte sich an seine Sicherheitsbeamten. „Lasst sie los. Wenn ich mit ihr fertig bin, können Sie sie hinausbringen.“

Tabby biss die Zähne aufeinander und strich mit zitternden Händen über ihre Jacke. Für einen kurzen Moment betrachtete Acheron ihr oval geschnittenes Gesicht mit den vollen rosa Lippen, die ihn zu der sinnlichen Vorstellung anregten, was sie mit diesem Mund wohl noch anstellen könnte, außer derbe Flüche auszustoßen. Dass sein Körper derart auf sie reagierte, verschlechterte seine Laune noch mehr. Weil es ihn auch daran erinnerte, wie lange er seiner gesunden Libido schon nicht mehr nachgegeben hatte. Und dass er auf eine solch ungebildete Frau überhaupt reagierte, zeigte ihm, wie frustriert er sein musste.

„Ich gebe Ihnen fünf Minuten meiner wertvollen Zeit“, räumte Acheron widerwillig ein.

„Fünf Minuten, wenn Leben und Glück eines Kindes davon abhängen?“, erwiderte Tabby spöttisch.

Rasende Wut erfasste Acheron. Er war es nicht gewohnt, dass jemand ihn so barsch anging, vor allem nicht eine Frau. „Sie sind nicht nur vulgär, sondern auch unverschämt.“

„Mit Höflichkeit komme ich nicht weiter“, hielt Tabby dagegen und dachte daran, wie oft sie angerufen und vergeblich um einen Termin gebeten hatte. Dass ein aufgeblasener, verwöhnter Snob mit viel Geld sie als frech und vulgär bezeichnete, sollte ihr außerdem egal sein. Und trotzdem schalt sie sich im Stillen dafür, dass sie sich so unmöglich aufgeführt hatte. Kein sehr kluger Schachzug. Wäre es ihr möglich, die frostige Fassade zu durchdringen, die Acheron Dimitrakos zur Schau trug, würde er Amber vielleicht helfen können, im Gegensatz zu ihr selbst. Denn die Sozialbehörde verweigerte ihr die Adoption. Sie war Single, hatte kein anständiges Zuhause und war praktisch mittellos.

„Reden Sie“, drängte Acheron und schlug seine Bürotür zu.

„Ich brauche Ihre Hilfe, damit Amber in meiner Obhut bleiben kann. Ich bin die einzige Mutter, die sie je kennengelernt hat, und sie hängt sehr an mir. Die Leute vom Sozialdienst wollen sie mir am Freitag wegnehmen. Sie soll in eine Pflegefamilie kommen, die sie dann vielleicht adoptieren kann.“

„Wäre das unter diesen Umständen nicht das Beste?“, warf Acherons Anwalt Stevos Vannou ein. „Ich glaube mich zu erinnern, dass Sie alleinstehend sind, Sozialhilfe bekommen und dieses Kind eine erhebliche Belastung für Sie darstellen würde …“

Als Acheron den Begriff Pflegefamilie hörte, erstarrte er, ohne dass seine Gesprächspartner etwas davon merkten. Es war ein streng gehütetes Geheimnis, dass Acheron viele Jahre seines Lebens in Pflege verbracht hatte, obwohl seine Mutter eine der reichsten Frauen Griechenlands gewesen war. Er war von einem Heim ins nächste abgeschoben worden, wurde von einer Familie zur nächsten gereicht. Hatte aufrichtige Fürsorge erlebt, aber auch Gleichgültigkeit, Grausamkeit und Missbrauch. All dies würde er nie vergessen.

„Vorher habe ich nicht von der Sozialhilfe gelebt. Erst als Ambers Mutter Sonia krank wurde. Ich habe mich um Sonia gekümmert bis zu deren Tod. Deshalb konnte ich nicht arbeiten“, protestierte Tabby und warf Acheron einen Blick zu, in dem verletzter Stolz lag. „Ich bin keine Schnorrerin. Vor einem Jahr hatten Sonia und ich noch ein eigenes Geschäft. Es lief sehr gut, bis Troy starb und sie krank wurde. Was zur Folge hatte, dass ich ebenfalls alles verloren habe. Amber ist der wertvollste Mensch für mich, aber vor dem Gesetz habe ich kaum ein Anrecht auf sie, weil wir nicht verwandt sind.“

„Warum sind Sie zu mir gekommen?“, warf Acheron kühl ein.

Tabby seufzte. „Troy meinte, Sie wären ein toller Kerl …“

Acheron versteifte sich und redete sich ein, dass ihn nichts von alldem anging, was sie erzählte. Doch der Gedanke an ein unschuldiges Baby, das in eine Pflegefamilie gegeben werden sollte, weckte in ihm eine Flut von Erinnerungen. „Aber ich habe Troy nie getroffen.“

„Er hat versucht, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Seine Mutter Olympia hat für Ihre Mutter gearbeitet“, erklärte Tabby geduldig.

Acheron runzelte die Stirn, während weitere Bilder aus der Vergangenheit in ihm aufstiegen. Er konnte sich noch sehr gut an Olympia Carolis erinnern, eine der Betreuerinnen seiner Mutter. Erst bei der Vormundschaftsanfrage hatte er herausgefunden, dass Troy Olympias Sohn war, denn er kannte sie nur mit ihrem Mädchennamen. Doch dann war ihm eingefallen dass sie damals ein Kind erwartet hatte. Und dieses Kind konnte nur Troy sein.

„Troy wollte hier in London unbedingt einen Job finden, und Sie waren in geschäftlichen Dingen sein Vorbild“, sagte Tabby.

„Sein … was?“, erwiderte Acheron spöttisch.

„Mit falschen Schmeicheleien kommen Sie in Ihrem Fall nicht weiter“, erklärte Stevos Vannou schneidend.

„Das war keine falsche Schmeichelei“, erwiderte Tabby scharf. Dann wandte sie sich wieder an Acheron. „Es war tatsächlich so. Troy hat sehr bewundert, was Sie geschäftlich erreicht haben. Er hat sogar den gleichen Abschluss gemacht wie Sie. Und da er Sie außerdem als Familienoberhaupt sah, hat er Sie in seinem Testament als Vormund angegeben.“

„Und ich dachte schon, er hätte es nur getan, weil ich reich bin“, meinte Acheron höhnisch, während seine tiefe Stimme ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

„Sie sind wirklich ein gefühlloser Mistkerl!“, schleuderte ­Tabby ihm entgegen, und Wut flammte in ihren Augen auf. „Troy war ein liebenswürdiger Mensch. Glauben Sie allen Ernstes, er ahnte, dass er mit vierundzwanzig bei einem Autounfall sterben oder dass seine Frau nach der Geburt einen Schlaganfall erleiden würde? Troy hätte nie von jemandem auch nur einen Penny angenommen, den er nicht selbst vorher verdient hatte.“

„Und doch hat dieser liebenswürdige Mann seine Witwe und das Kind mittellos zurückgelassen“, rief Acheron ihr in Erinnerung.

„Er hatte keine Arbeit, und Sonia hat damals mit unserem Geschäft genug verdient. Als sie ihr Testament aufgesetzt haben, konnten Sonia und Troy unmöglich voraussehen, dass sie innerhalb eines Jahres beide sterben würden.“

„Aber es war wohl kaum fair, mich als Vormund zu benennen, ohne vorher mit mir darüber gesprochen zu haben“, warf Acheron ein. „Normalerweise hätten sie erst einmal meine Zustimmung einholen müssen.“

Tabby schwieg. Sie wusste, dass er recht hatte, weigerte sich aber, dies anzuerkennen.

„Vielleicht erklären Sie uns jetzt endlich, wie Sie sich die Hilfe von Mr Dimitrakos vorstellen?“, warf Stevos Vannou ein, zutiefst beunruhigt von der Feindseligkeit, die zwischen seinem sonst eher gelassenen Arbeitgeber und seinem Gast herrschte.

„Ich möchte Mr Dimitrakos bitten, mich dabei zu unterstützen, dass ich Amber adoptieren kann.“

„Ist das überhaupt realistisch, Miss Glover?“, gab der Anwalt zu bedenken. „Sie haben kein Zuhause, kein Geld, keinen Partner. Nach meiner Erfahrung sind stabile Verhältnisse in so einem Fall unerlässlich.“

„Und was, zum Teufel, hat das damit zu tun, ob ich einen Partner habe oder nicht?“, fragte Tabby abwehrend. „Ich war dieses Jahr viel zu beschäftigt, um meine Zeit damit zu vergeuden, nach einem Mann zu suchen.“

„Mit Ihrer Herangehensweise wäre das auch eine ziemliche Herausforderung gewesen“, warf Acheron ein.

Wütend öffnete Tabby den Mund, schloss ihn wieder und trat einen Schritt näher auf den griechischen Milliardär zu. „Sie werfen mir also vor, keine Manieren zu haben? Und wie sieht es mit Ihren aus?“, zischte sie empört.

Stevos beobachte kopfschüttelnd die beiden Erwachsenen, die sich zankten und Beleidigungen an den Kopf warfen, wie er es von seinen halbwüchsigen Kindern kannte. „Miss Glover? Hätten Sie einen Partner, würde sich das auf Ihr Gesuch sicher positiv auswirken. Ein Kind großzuziehen ist heutzutage eine Herausforderung, und es wird allgemein angenommen, dass es einfacher ist, wenn Eltern sich die Aufgabe teilen.“

„Leider kann ich mir keinen Partner aus dem Boden stampfen!“, rief Tabby verzweifelt.

Plötzlich keimte eine verrückte Idee in Stevos auf. Er wandte sich an Acheron und sprach nun mit ihm auf Griechisch: „Sie könnten sich gegenseitig helfen …“

Acheron runzelte die Stirn. „Und wie, bitte schön?“, fragte er ebenfalls in seiner Muttersprache.

„Sie braucht einen festen Wohnsitz und einen Partner, der sie beim Adoptionsgesuch unterstützt. Sie brauchen eine Frau. Wenn jede Seite sich ein bisschen kompromissbereit zeigt und die Sache rechtlich abgesichert ist, könnten Sie beide das erreichen, was Sie wollen. Niemand muss je die Wahrheit erfahren.“

Acheron begriff normalerweise sehr schnell, doch im ersten Moment konnte er nicht glauben, was Stevos ihm da vorschlug. Er warf einen verächtlichen Blick auf Tabby Glover, und seine dunklen Brauen schossen nach oben. „Sie sind doch nicht ganz bei Trost“, erklärte er seinem Anwalt fassungslos. „Ein Mädchen aus der Gosse!“

„Sie haben das Geld, um sie so weit herzurichten, dass sie sich in der Öffentlichkeit zeigen kann“, erwiderte der ältere Mann ungerührt. „Ich spreche von einer Frau, die sie dafür bezahlen, Ihre Frau zu sein. Nicht von einer normalen Ehefrau. Wenn Sie heiraten, sind alle Probleme in Bezug auf Ihr Unternehmen gelöst …“

In beunruhigendem Schweigen konzentrierte Acheron sich auf das größte Problem, das diese Konstellation nicht lösen würde – Tabby Glover. Doch er dachte auch an das, was er über Troy Valtinos und dessen Mutter Olympia erfahren hatte, und sein Gewissen nagte an ihm. „Ich kann sie nicht heiraten. Ich mag sie nicht …“

„Müssen Sie sie denn mögen?“, fragte Stevos ruhig. „Ich glaube nicht, dass das nötig ist.

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