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Blinde Wut

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Erster Teil
    1. 1. Kapitel
    2. 2. Kapitel
    3. 3. Kapitel
    4. 4. Kapitel
    5. 5. Kapitel
    6. 6. Kapitel
    7. 7. Kapitel
    8. 8. Kapitel
    9. 9. Kapitel
    10. 10. Kapitel
    11. 11. Kapitel
    12. 12. Kapitel
    13. 13. Kapitel
  7. Zweiter Teil
    1. 14. Kapitel
    2. 15. Kapitel
    3. 16. Kapitel
    4. 17. Kapitel
    5. 18. Kapitel
    6. 19. Kapitel
    7. 20. Kapitel
    8. 21. Kapitel
    9. 22. Kapitel
  8. Dritter Teil
    1. 23. Kapitel
    2. 24. Kapitel
    3. 25. Kapitel
    4. 26. Kapitel
    5. 27. Kapitel
    6. 28. Kapitel
    7. 29. Kapitel
    8. 30. Kapitel
    9. 31. Kapitel
    10. 32. Kapitel
    11. 33. Kapitel
    12. 34. Kapitel
    13. 35. Kapitel
    14. 36. Kapitel
    15. 37. Kapitel
    16. 38. Kapitel
    17. 39. Kapitel
    18. 40. Kapitel
    19. 41. Kapitel
    20. 42. Kapitel
    21. 43. Kapitel
    22. 44. Kapitel
    23. 45. Kapitel
    24. 46. Kapitel
    25. 47. Kapitel
  9. Vierter Teil
    1. 48. Kapitel
    2. 49. Kapitel
    3. 50. Kapitel
    4. 51. Kapitel
    5. 52. Kapitel
    6. 53. Kapitel
    7. 54. Kapitel
    8. 55. Kapitel
    9. 56. Kapitel
    10. 57. Kapitel
    11. 58. Kapitel
    12. 59. Kapitel
    13. 60. Kapitel
    14. 61. Kapitel
    15. 62. Kapitel
    16. 63. Kapitel
    17. 64. Kapitel
    18. 65. Kapitel
    19. 66. Kapitel
    20. 67. Kapitel
    21. 68. Kapitel
    22. 69. Kapitel
    23. 70. Kapitel
    24. 71. Kapitel
    25. 72. Kapitel
    26. 73. Kapitel
    27. 74. Kapitel
    28. 75. Kapitel
    29. 76. Kapitel
    30. 77. Kapitel
    31. 78. Kapitel
    32. 79. Kapitel
    33. 80. Kapitel
    34. 81. Kapitel
    35. 82. Kapitel
    36. 83. Kapitel
    37. 84. Kapitel
  10. Fünfter Teil
    1. 85. Kapitel
    2. 86. Kapitel
    3. 87. Kapitel
    4. 88. Kapitel
    5. 89. Kapitel
    6. 90. Kapitel
    7. 91. Kapitel
    8. 92. Kapitel
    9. 93. Kapitel
    10. 94. Kapitel
    11. 95. Kapitel
    12. 96. Kapitel
    13. 97. Kapitel
    14. 98. Kapitel
    15. 99. Kapitel
    16. 100. Kapitel
    17. 101. Kapitel
    18. 102. Kapitel
    19. 103. Kapitel
    20. 104. Kapitel
    21. 105. Kapitel
    22. 106. Kapitel
    23. 107. Kapitel
    24. 108. Kapitel
    25. 109. Kapitel
    26. 110. Kapitel
    27. 111. Kapitel
    28. 112. Kapitel
    29. 113. Kapitel
    30. 114. Kapitel
    31. 115. Kapitel
    32. 116. Kapitel
    33. 117. Kapitel
    34. 118. Kapitel
    35. 119. Kapitel
    36. 120. Kapitel
    37. 121. Kapitel
    38. 122. Kapitel
    39. 123. Kapitel
  11. Sechster Teil
    1. 124. Kapitel
    2. 125. Kapitel
    3. 126. Kapitel
    4. 127. Kapitel
    5. 128. Kapitel
    6. 129. Kapitel

Über die Autorin

Hilary Norman ist die Autorin von elf internationalen Bestsellern, die in 17 Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt mit ihrem Mann in London.

Hilary Norman

Blinde
Wut

Thriller

Aus dem Engischen von
Bianca Güth

Erster Teil


1.

Er hatte gehört, das Töten werde einfacher, je öfter man es tat.

Falsch.

Das Töten war schwierig, hässlich und schmerzvoll.

Bis zum heutigen Tag hatte er dem Leben von fünf Menschen ein Ende gesetzt, und jedes Mal hatte er vor Schmerzen aufgeschrien, während er ihren letzten Atem auslöschte. Und wenn dann alles vorüber war, war ihm speiübel geworden.

Vor dem ersten Mal hatte er sich so sehr gefürchtet, dass er es nur hatte durchstehen können, weil er überzeugt gewesen war, es müsse sein. Er wusste, dass er kein geborener Killer war, dass er nie ein richtiger Mörder sein würde. Er hatte jedes Mal gemordet, weil er keine andere Wahl gehabt hatte. Weil er diesen Menschen nicht gestatten konnte, weiterzuleben. Weil entweder sie gehen mussten oder er selbst. Und er war noch nicht bereit zu sterben – noch lange nicht.

Ja, dieser Tage liebte er das Leben, meistens jedenfalls. Er liebte es mehr, als er es in jüngeren Jahren für möglich gehalten hatte.

Nur das Töten liebte er noch mehr.


2.

Ich heiße Jake Woods, und ich bin Lehrer.

Das hört sich an, als spräche ich vor einer Versammlung der Anonymen Alkoholiker. Möglicherweise deshalb, weil meine Entscheidung, wieder an die Uni zu gehen, für manche nach Drückebergerei aussah. Vorher war ich nämlich Polizist. Genau genommen war ich nur Polizist auf dem Weg zu dem, was ich damals glaubte, werden zu wollen: Ermittler der Bundesstaatsanwaltschaft. Bevor ich meine Meinung änderte.

Ich war den ganzen langen Weg gegangen, hatte mich durch fünf Jahre am John Jay College geackert, hatte mir ein juristisches Praktikum bei der New Yorker Polizei besorgt und schließlich in Albany den Job gefunden, den ich gesucht hatte. Und dann, eines Morgens, sah ich in den Spiegel und gestand mir endlich ein, was ich schon seit längerem wusste: Ich wollte mein Leben nicht damit verbringen, Korruption, Drogendelikte, organisiertes Verbrechen und Wirtschaftsvergehen zu untersuchen. Mir liegt zwar sehr viel an der Gerechtigkeit, aber ich mag es nicht, herumzuspionieren. Ich bin von Natur aus ein diskreter Mensch, der die Privatsphäre anderer respektiert, wo es möglich ist. Natürlich hielt ich solche Ermittlungen nach wie vor für notwendig, aber ich wollte nicht derjenige sein, der sie vornahm. Aber – so wurde mir plötzlich klar – ich wollte diejenigen ausbilden, die sich besser für diese Aufgabe eigneten, und so dazu beizutragen, dass sie ihren Job so gut wie möglich machten.

Niemand hat mir diese Entscheidung schwerer gemacht als ich selbst. Ich fühlte mich beinahe wie ein Überläufer, als ließe ich die Menschen in meiner Umgebung im Stich, hätte ihre Zeit und Energie verschwendet.

Simone sagte, das sei Unsinn.

Meine Frau.

Sie half mir zu verstehen, was ich tief im Innern vermutlich schon wusste. Dass meine Schul- und Collegejahre die glücklichste Zeit in meinem Leben gewesen waren. Ich hatte den größten Respekt vor meinen Kollegen von den Ermittlungsbehörden und der Justiz, doch am wohlsten hatte ich mich bei den Menschen gefühlt, mit denen ich am meisten gemeinsam hatte: meine Lehrer. Als Student hatte ich von dem profitiert, was mir die Besten von ihnen mit auf den Weg gegeben hatten. Genau das, sagte Simone, sollte ich mir auch jetzt zum Ziel setzen, selbst wenn andere darin ein Versagen sehen mochten.

»Du versagst nur, wenn du nicht den Mut hast, einen neuen Weg einzuschlagen.«

Außerdem, fügte sie hinzu, habe sie immer eine Schwäche für Lehrer gehabt.

Ich sagte, damit sei die Angelegenheit endgültig klar für mich.

Wir wussten beide, dass das nur halb gelogen war.

Also kündigte ich im Büro des Staatsanwalts, drückte wieder die Hochschulbank und wurde schließlich Dozent für Strafrecht an der Universität von New Haven in Connecticut. Die »andere Uni« wird sie auch genannt, weil Yale ebenfalls im Großraum New Haven liegt. Und natürlich kann ich die Schönheit dieses großartigen Campus ebenso wenig leugnen wie jeder andere, kann ebenso wenig umhin, die großen Köpfe zu bewundern, die dort ein- und ausgehen. Ich lebe schrecklich gern in unmittelbarer Nähe dieser gotischen Fassaden und der regen Geschäftigkeit davor und dahinter, aber soweit es mich persönlich betrifft, besitzt unsere Uni eine größere, wenn auch bescheidenere Realität, und ich bin stolz, dieser Fakultät anzugehören.

Ich hoffe, dass ich ein einigermaßen guter Lehrer bin.

Ich weiß, dass ich ein vollkommen glücklicher Mann wurde, als ich zu unterrichten begann.

Und Simone war stolz auf mich.

Das war das Sahnehäubchen auf dem Kuchen.

Eine Zeit lang.


3.

Er musste weg.

Er musste.

Der bloße Gedanke ließ ihn schaudern, aber es führte kein Weg daran vorbei.

Er hatte geglaubt, vollkommen richtig zu liegen, als er ihn nahm. Er dachte, er habe endlich den einen Richtigen gefunden. Jung, gut aussehend, athletisch, strotzend vor Vitalität und zu fast allem bereit.

Es war seine eigene Schuld, das wusste er. Er hätte es besser wissen sollen, als einen Läufer auszuwählen. Läufer brauchten Platz, sonst wurden sie verrückt. Wenn er ihn noch länger hier hielt, würde der Junge völlig durchdrehen, würde körperlich und seelisch erkranken.

Wenigstens das würde ihm jetzt erspart bleiben.

Über die Methode hatte er immer wieder nachgedacht, hatte sich das Hirn zermartert, welches die barmherzigste und schnellste Art und Weise war. Die Kugel gewann jedes Mal. Bei Hinrichtungen hielt man tödliche Injektionen offenbar für den humansten Weg – aber im Vergleich zu was? Festgeschnallt und geschmort zu werden?

Er konnte natürlich Dim Mak benutzen, die tödliche Berührung, todbringend und schnell, wenn man es richtig machte – und er hatte Talent genug und war gut genug ausgebildet. Aber der Junge würde sich womöglich wehren, würde vielleicht kämpfen, und dann würde alles so hässlich werden, und das wollte er nicht. Ganz und gar nicht.

Er hatte dem Essen des Jungen vorher schon manchmal Drogen beigemischt, um ihn auszuschalten, wenn es nötig war. Aber weil der Junge so unregelmäßig aß, konnte er nie sicher sein, ob er genügend Sedativum geschluckt hatte, dass es ihn umhaute. Und überhaupt – er war kein Apotheker, er konnte alle möglichen Fehler machen ...

Daher musste es schließlich und endlich doch die Kugel sein.

Im Dunkeln, damit der Junge es nicht kommen sah, und idealerweise – für sie beide – während er schlief. Er würde einen Schalldämpfer benutzen, für alle Fälle, obwohl das natürlich unnötig war.

Niemand konnte etwas hören.


4.

Es war am Samstag, den 13. Mai, eine Woche vor den Examen und dem Ende des Frühjahrssemesters. Ich war gut gelaunt und gerade im Begriff, meinen Töchtern, die jeden Augenblick von ihren arbeitsamen Vormittagen nach Hause kommen würden, Mittagessen zu machen, als plötzlich das Telefon klingelte.

»Jake, hier spricht Stu Cooper.«

Die Anspannung in seiner Stimme fiel mir sofort auf. Ich kannte Stu, seit er vor sechzehn Jahren Fran Gottlieb geheiratet hatte, eine alte Schulkameradin aus alten Zeiten in New Jersey. Stu ist ein Typ, der fast immer gut drauf ist, und er ist verrückt nach Fran und ihrem Sohn Michael, genannt Mikey.

Dieser Anruf jedoch brachte schlechte Nachrichten.

»Mikey ist verschwunden, Jake«, sagte Stu.

»Wie lange schon?«, fragte ich.

»Seit einem Monat.«

Ein Monat? Wie lange war es her, verdammt noch mal, seit wir zum letzten Mal miteinander gesprochen hatten?

»Was ist passiert, Stu?« Ich schüttelte das schlechte Gewissen ab.

»Er ist am 14. April verschwunden.« Stus Stimme begann zu zittern. »Und niemand tut etwas.«

»Wie meinst du das?« Ich war verwirrt.

»Genau so, wie ich es sage.« Der Mann war den Tränen nahe.

»Ist Fran da?«

»Ja. Aber sie kann nicht ans Telefon. Wenn du denkst, dass es mir beschissen geht, hast du keine Vorstellung, in welcher Verfassung sie ist.« Stu hielt kurz inne, um sich zu räuspern und sich zusammenzureißen. »Deshalb rufen wir an, Jake. Wir brauchen jemanden, der uns hilft.«

Ich schloss die Augen und versuchte, mir meine Pläne für den Rest des Wochenendes in Erinnerung zu rufen. Heute war es hoffnungslos, aber morgen ...

»Ist morgen früh genug?«, fragte ich.

Ich brach am frühen Sonntagmorgen auf und fuhr nach Nordosten aus der Stadt, Richtung Hartford. Dann nahm ich den Mass Turnpike nach Boston. Es gibt schönere Strecken, aber ich war nicht in der Stimmung für Umwege. Der fünfzehnjährige Sohn von Freunden wurde vermisst. Meine ältere Tochter, Rianna, ist ebenfalls fünfzehn, ihre Schwester Ella erst neun. Ich sorge mich ununterbrochen um sie. Welcher Vater würde das nicht tun?

Als Simone noch bei uns war, konnten wir uns die Last wenigstens teilen – nicht dass Teilen die Ängste wirklich kleiner macht. Ich erinnere mich an Nächte früh im Leben der Mädchen, in denen ich mit panischem Schrecken aufwachte und ins Kinderzimmer rannte, um nachzusehen, ob die Babys atmeten – nur um festzustellen, dass Simone mir zuvorgekommen war. Ich weiß noch, wie wir an der Wiege wachten, sie anschauten, lauschten, stillen Dank sagten und einander umarmten.

Ich erinnere mich ganz deutlich daran.

Wir lebten damals in einem wundervollen alten Schindelhaus in Madison, ganz in der Nähe des Strandes. Wir hatten es an irgendeinem Wochenende gemeinsam entdeckt, kurz nachdem ich erfahren hatte, dass ich die Stelle in New Haven hatte. Simone war wegen des Umzugs von Albany nach Connecticut ebenso unbekümmert wie wegen des vorherigen Durcheinanders, als meine Arbeit im Büro des Bundesstaatsanwalts uns von New York City nach Norden geführt hatte. Die Nähe zum Meer, sagte sie, wäre wundervoll für Rianna – damals sechs – und das neue Baby, wenn es da wäre. Und sie hatte Recht, es war wundervoll, für die Mädchen und für uns. Dort gründete Simone – deren große Leidenschaft das Kochen war – ihren Party-Cateringservice, der ihr großen Erfolg und uns viele neue Freunde in der Stadt brachte.

Er brachte ihr auch den Tod bei einem Autounfall drei Jahre später, als sie es während eines Unwetters eilig hatte, ein vorgekochtes Abendessen für sechs Personen zu den Kunden zu bringen.

Damals lernte ich, dass es Anrufe gab, die sehr schlechte Nachrichten bedeuteten.

Die Coopers lebten außerhalb von Boston, in Brookline. Beschäftigt mit Arbeit und Kindern, wie wir alle es in diesen rasch vorüberfliegenden Tagen zu sein scheinen, hatte ich sie in den Jahren seit Simones Tod nur etwa fünfmal gesehen. Meistens hatten wir uns zum Mittag- oder Abendessen entweder in New Haven oder Boston getroffen und die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht. Simones Sohn Michael war ich zweimal begegnet, seit
er ein Teenager war, und hatte ihn als warmherzigen, liebenswürdigen, gut aussehenden Jungen kennen gelernt. Es war nur eine Frage der Zeit, da waren Fran und ich uns einig, bis er zum Herzensbrecher werden würde und auch selbst erfahren würde, was Liebeskummer heißt.

Aber diese Art von Herzschmerz hatten wir ganz sicher nicht im Sinn gehabt.

Das Haus der Coopers war schlicht und gemütlich, ein echtes Familienheim. Ich dachte an das eine Mal, als wir alle zusammen hier gewesen waren und im Garten gegrillt hatten. Die Kinder hatten einen Riesenspaß gehabt. Wir Erwachsenen mussten sie bloß von den glühenden Kohlen fern halten und waren ansonsten rundum zufrieden mit unserem Essen, ein paar Bierchen und der netten Gesellschaft.

Fran war ein Rotschopf mit fröhlichen haselnussbraunen Augen, und Stu brachte sie oft zum Lachen.

Heute lachte niemand.

»Erzählt«, sagte ich, nachdem Stu und ich uns kurz umarmt hatten und ich die weinende Fran in den Armen gehalten hatte. Sie war schrecklich dünn geworden.

Wir saßen im Wohnzimmer, wo neben zahlreichen Familienfotos und Erinnerungsstücken Stus Golfpokale und Michaels Leichtathletik-Trophäen standen.

Stu übernahm das Sprechen. Am Freitag, den 14. April, hatte Mikey seine Tasche gepackt, um das Wochenende bei seinem besten Freund Steve Chaplin zu verbringen. Dort war er niemals angekommen.

»Und weil er eine Tasche gepackt hatte«, sagte Stu, »geht die Polizei davon aus, dass er von zu Hause weglaufen wollte.«

»Jugendliche laufen ständig davon.« Schon während ich diese Worte aussprach, wusste ich, dass es verkehrt gewesen war. Deshalb war die Bemerkung aber nicht weniger zutreffend. Michael Cooper war ein Teenager. Auch wenn er mir beim letzten Mal, als ich ihn gesehen hatte, wie ein sorgloser, fröhlicher Junge erschienen war, konnte er sich durchaus geändert haben. Diese Testosteron-Wallungen in der Pubertät haben schon so manchen reizenden Jungen in einen Rabauken verwandelt und so manche Eltern die Geduld verlieren lassen.

»Michael würde niemals davonlaufen«, sagte Stu. »Die Polizei fragte uns immer wieder, ob wir Probleme mit ihm hatten. Und da haben wir den großen Fehler gemacht, ihnen die Wahrheit zu sagen – dass wir natürlich über manche Dinge gestritten haben. Welche Familie tut das nicht?«

»Hattet ihr auch an diesem Tag über irgendwas gestritten?«, musste ich sie fragen.

»Nein«, antwortete Stu bedrückt. »Nichts Ernstes ... nichts Besonderes.«

»Aber die Polizei will das partout glauben«, sagte Fran. »Und die glaubt es immer noch, nach vier Wochen.« Ihre Augen waren rot und nass vor Tränen. »Mikey wollte bei den Chaplins übernachten. Deshalb hat er seine Tasche gepackt, nicht weil er davonlaufen wollte. So etwas würde er uns niemals antun.«

Ich musste ihr Recht geben: Das war unwahrscheinlich.

»Keiner hört uns richtig zu«, sagte Fran. »Sie sagen, es gäbe keine Beweise, dass Mikey etwas Schlimmes zugestoßen sein könnte, aber das ist nicht wahr.«

Stu beugte sich vor; der Blick seiner braunen Augen war intensiv und voller Schmerz. »Ein paar Wochen, bevor er verschwand, geschah etwas Seltsames. Jemand schickte ihm ein Geschenk – anonym.«

»Was für ein Geschenk?«

»Eins dieser schrecklichen Computerspiele, die Kinder so lieben.« Fran rümpfte die Nase. »Ein Spiel, das Mikey schon hatte.«

»Allerdings war es eine Art Sonderausgabe«, fügte Stu hinzu.

»Welches Spiel war es denn?«, fragte ich, da ich dank meiner fünfzehnjährigen Tochter ein wenig über das Genre wusste.

»Limbo«, antwortete Fran mit sichtlichem Widerwillen.

»Ich habe davon gehört«, sagte ich, »obwohl ich nicht glaube, dass ich es bei Rianna gesehen habe.« Sie schien Sportspiele am liebsten zu mögen, zumindest zu Hause, aber ich hatte so eine Ahnung, dass sie bei Freunden manchmal auch etwas anderes spielte.

»Es lag eine Nachricht dabei«, kam Stu auf das eigentliche Thema zurück. »Ohne Unterschrift. Darin stand, der Absender wisse, dass Michael bereits als ›Limbo-Master‹ gelte, aber vielleicht gefiele es ihm, die Luxusausgabe zu besitzen.«

»Master?«, hakte ich nach.

»Irgendeine Rangliste der besten Spieler«, erklärte Stu. »Außerdem stand in der Nachricht, dass der Absender Michael beim Laufen beobachtet hatte ...«

»Du erinnerst dich sicher, was für ein guter Läufer er ist«, sagte Fran.

»Natürlich.« Ich nickte in Richtung der Trophäen.

»Er schrieb, er habe ihm zugeschaut«, fuhr Stu fort, »und den Eindruck gewonnen, dass Michael viel Potenzial besitzt. Er werde eines Tages Größeres erreichen, als er sich vorstellen könne.«

»Hat Limbo etwas mit Sport zu tun?«, fragte ich.

»Nicht direkt«, antwortete Stu, »nur dass die beiden Helden die typischen synthetischen, stupiden, unschlagbaren Alleskönner sind. Sie haben Superkräfte, können Wolkenkratzer hochklettern ... du weißt schon, Jake.«

»Und sie können töten«, fügte Fran leise hinzu.

Ich blickte sie an. Panische Angst verdunkelte ihre Augen.

»Trotzdem ist es nur ein Spiel«, sagte ich leise und wandte mich wieder Stu zu. »Unter diesen Umständen ist die Nachricht jedoch ziemlich beunruhigend. Kann ich sie sehen?«

»Wir haben sie nicht«, sagte Stu. Seine Furcht und Verzweiflung waren ihm deutlich anzusehen. »Wenn wir die Nachricht hätten, könnten wir sie der Polizei geben. Dann würde man uns vielleicht ernster nehmen.«

»Wir vermuten, dass Mikey sie behalten hat«, sagte Fran, »weil sie ihm so wichtig zu sein schien.«

Genau das sei auch der Grund für die Auseinandersetzungen gewesen, die Stu erwähnt hatte, erklärte sie weiter. Michael war wegen dieses Schreibens sehr aufgeregt gewesen; er war sicher, dass es vom Talentsucher einer Uni oder eines Sportvereins stamme, und verschloss die Augen davor, wie unheimlich das Ganze war. Auf gewisse Weise waren Fran und Stu sogar froh darüber gewesen, zeigte es doch, dass ihr Sohn kein Angsthase war.

»Andererseits«, sagte Stu, »hätte ein wenig Angst vielleicht ...«

Er verstummte.

»Er hat die Schule immer mehr vernachlässigt.« Einen Moment lang war Fran die Stärkere von beiden. »Plötzlich wollte Mikey nichts anderes mehr als trainieren.«

»Was zu ewigen Diskussionen führte«, sagte Stu. »Nachdem er verschwunden war, erzählten wir der Polizei davon, und auch von dem Brief und dem Spiel, aber sie sagten, da wir das Schreiben nicht hätten und es ihnen nicht zur Untersuchung vorlegen könnten, hätten sie keine Handhabe.«

»Und seither«, fügte Fran hinzu, »haben sie sich darauf fixiert, dass wir uns mit Mikey gestritten hatten.«

»Eine Zeit lang«, sagte Stu leise, »haben sie sogar so Andeutungen gemacht, wir hätten ihm etwas angetan.« Er hielt inne und schluckte schwer. Dann fuhr er fort: »Sie fragten mich, ob ich ihn je geschlagen hätte. Ich verneinte. ›Kein einziges Mal?‹, wollten sie wissen, als wäre das völlig unmöglich.«

»Wir hatten niemals auch nur den geringsten Grund, Mikey eine Ohrfeige zu geben.« Frans Augen füllten sich wieder mit Tränen. »Das mussten wir nie – er war immer ein sehr umgänglicher Junge.«

»Du kennst ihn ja«, sagte Stu.

»Sicher«, sagte ich. »Wie wurde das Geschenk geschickt?«

»Mit der normalen Post«, sagte Fran.

»Wir haben die Verpackung nicht aufbewahrt, weil wir ja nicht wussten, dass Mikey wie vom Erdboden verschwinden würde.«

Wir alle schwiegen ein paar Sekunden lang. Was mich betraf, so war ich damit beschäftigt, mir über Mikeys Verschwinden klar zu werden und diesen Schrecken und seine möglichen Folgen zu verdauen. Fran und Stu, das wusste ich, durchlebten das Entsetzen zum tausendsten Mal ... unaufhaltsame Gedanken der schrecklichsten Art.

»Was kann ich tun?«, fragte ich sie schließlich.

»Sprich mit der Polizei«, sagte Fran. »Mach ihnen begreiflich, dass Mikey kein Ausreißer ist. Mach ihnen klar, dass ihm etwas Schlimmes zugestoßen sein muss, dass ...« Sie stockte.

»Dass jemand ihn entführt hat«, griff Stu ein. Seine Augen brannten.

»Das Problem ist«, erwiderte ich nachdenklich, »ich kenne niemanden bei der Polizei von Brookline, und auch nicht in Boston.«

»Aber du musst doch Leute kennen, die jemanden kennen«, sagte Stu.

»Eigentlich nicht.« Ich fühlte mich elend. »Du weißt doch, wie überstürzt ich meinen Job in Albany gekündigt habe, Fran.« Bei dem Gedanken daran zuckte ich leicht zusammen. »Was meine Akte bei der Polizei betrifft, haben sie hinter meinen Namen mit Sicherheit ein großes D gesetzt, wie ›Drückeberger‹. Ich bin also nicht gerade in der idealen Position, irgendwelche Gefallen zu erbitten, besonders nicht von Leuten, die mich nicht einmal kennen.«

Stu stand auf und ging zu den großen Glastüren, die zum Garten führten. Eine getigerte Katze, die ich hier nie zuvor gesehen hatte, saß auf den Hinterbeinen und putzte sich. Stu wandte mir den Rücken zu. Ich war froh, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.

»Aber du lehrst doch Strafrecht.« Fran gab nicht so einfach auf. »Das muss dir bei der Polizei doch Glaubwürdigkeit verleihen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Da bin ich mir nicht so sicher, Fran.« Ich versuchte es ihr zu erklären: »Es ist zwar richtig, dass ich in meinem Beruf über Arbeitsmethoden und neue Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben muss, aber für die Polizei bedeutet das, dass wir ihr oft im Weg sind. Darüber hinaus bevorzugen sie in aller Regel die Kollegen, die ihre Zeit abgeleistet haben, am besten bis zur Pensionierung.«

Stu stand immer noch mit dem Rücken zu mir.

Ich atmete tief ein. »Aber ich werde gern mal nachfragen und sichergehen, dass sie Michaels Verschwinden ernst nehmen.«

Stu drehte sich um. »Um mehr bitten wir dich gar nicht, Jake.«

Fran stand auf. »Können wir gleich gehen?«

»Klar.« Ich zögerte. »Obwohl ich wahrscheinlich besser alleine gehen sollte.«

Sie verstanden.

»Ich fahre Jake rüber«, sagte Stu zu Fran. »Es ist besser, wenn einer von uns hier beim Telefon ist – nur für den Fall.«

Fran kam zu mir und legte die Arme um mich. »Vielen Dank, Jake.«

Wieder fühlte ich ihre erschreckende Zerbrechlichkeit, spürte ihr Zittern und fragte mich, ob sie sich in den letzten Wochen jemals entspannt hatte und wie viel Schlaf sie nachts bekam, falls überhaupt.

»Ich wünschte, ich könnte euch wirklich helfen.«

Ich hörte Stu bereits vor der Haustür. Die Schlüssel klimperten in seiner Hand.

Fran löste sich von mir. »Du versuchst es wenigstens. Das ist doch schon mal was.«

Ich hoffte von ganzem Herzen, dass sie Recht hatte.


5.

Der Teenager schlief, als er den verdunkelten Raum betrat.

Ein Segen für sie beide.

Er richtete den Infrarotstrahl seines Nachtsichtgeräts auf den Jungen und warf einen letzten, bedauernden Blick auf ihn. Dann zielte er auf seinen Kopf. Die rechte Schläfe schimmerte grünlich im Infrarotlicht.

Er hob die Waffe, die er bereits entsichert hatte, weil er ehrlich nicht wollte, dass der Junge etwas ahnte – er wollte es nicht schlimmer machen, als es ohnehin schon war.

Der Junge bewegte sich. Wachte auf. Er konnte das Licht nicht sehen, wusste aber, dass jemand da war und dass etwas nicht stimmte, dass etwas Schlimmes drohte, und Panik trat in seine Augen.

Verdammt, wie ich das hasse.

Er drückte ab.

Zwei Schreie gellten durch die Dunkelheit, begleitet vom dumpfen Knall der schallgedämpften Waffe. Dann ein Stöhnen. Umherwälzen. Zappeln. Zucken.

Er ist noch nicht tot.

Er trat näher an den Jungen heran. Seine Hände zitterten, als er die Waffe fest umklammerte. Das Zucken und die Schmerzenslaute hatten aufgehört, aber der Junge war nur bewusstlos, nicht tot.

Sei nicht so ein Feigling.

Er zielte ihm mit dem Lichtstrahl und dem Lauf der Pistole direkt zwischen die Augen. Jetzt, wo der Junge sich nicht bewegte, war es einfacher.

Noch eine Kugel.

Nur ein Schrei diesmal.


6.

Ich kam aus dem Polizeirevier und ging zu Stu, der neben seinem Wagen auf und ab schritt und fragend die Augenbrauen hob. Ich schüttelte den Kopf, um sein schmerzvolles Erwarten zu beenden.

»Diese Scheißkerle«, sagte er, als ich näher kam. »Verdammte Scheißkerle ...«

»Nein, Stu.« Ich tätschelte seinen Arm.

»Du hast den Kopf geschüttelt.«

»Weil ich nicht glaube, dass ich viel bewirken konnte.« Ich sah ihn an. »Was hältst du davon, wenn wir irgendwo hingehen und einen Kaffee trinken, während ich dir alles erzähle?«

»Was willst du mir schon groß erzählen?« Seine Aggression war immer noch da. »Dass die Cops alles tun, was sie können? Diese Leier kenne ich schon!«

»Stu.« Ich ging an ihm vorbei und öffnete die Beifahrertür.

»Okay«, sagte er, ging auf die andere Seite des Autos, stieg ein und knallte die Tür zu. »Schieß los.«

Ich erzählte es ihm. Dass ich darauf geachtet hatte, nicht zu sehr zu drängeln oder ihnen irgendwie auf die Füße zu treten, damit der Schuss nicht nach hinten losging. Die gute Nachricht war, dass ich keineswegs den Eindruck hatte, auf Desinteresse gestoßen zu sein. Die Polizei war ernsthaft um Michael besorgt, besonders angesichts des Geschenks und des Schreibens, von denen die Eltern erzählt hatten. Was das betraf, hatten sie getan, was sie konnten, und bei der Post und allen privaten Kurierdiensten nachgefragt, ab die Lieferung irgendwo registriert war.

»Sie scheinen allerdings der Ansicht zu sein«, ich wählte meine Worte mit Bedacht, »das Geschenk und die Nachricht könnten darauf hindeuten, dass Mikey aus freien Stücken mit jemand mitgegangen ist.«

»Auf keinen Fall«, sagte Stu mit Nachdruck. »Er würde niemals mit einem Fremden mitgehen.«

Ich sah ihn an. »Und wenn der Fremde behauptet hat, Talentsucher zu sein? War es nicht das, was Michael sich von dieser Nachricht erhofft hatte?«

»Nicht einmal dann wäre er mitgegangen«, sagte Stu, dann zuckte er mit den Achseln. »Na ja ... vielleicht doch.« Die Anspannung verschwand aus seinem Gesicht, und binnen Sekunden schienen seine Züge zu erschlaffen. »Aber was macht das schon aus, Jake? Was macht es für einen Unterschied, ob Mikey glaubte, der Scheißkerl hielte ihn für einen guten Läufer? Ist das nicht genauso eine Entführung, wie wenn er ihm eins über den Schädel gezogen hätte?« Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen.

»Ich weiß es nicht. Sie wissen es nicht. Noch nicht.« Ich zwang mich weiterzusprechen. »Soweit ich es beurteilen kann, unternehmen sie alle Schritte. Niemand verdächtigt dich auf irgendeine Weise, Stu, und auch ein Vormundschaftsstreit wurde ausgeschlossen. So etwas wird jedes Mal in Betracht gezogen, denn Auseinandersetzungen über das Sorgerecht sind das häufigste Motiv für die Entführung von Jugendlichen, und das nicht immer als Folge einer Scheidung – manchmal sind es die Großeltern oder andere Verwandte, die Kinder kidnappen. Natürlich ist Michael für so etwas eigentlich schon zu alt.«

Stu öffnete die Augen und starrte durch die Windschutzscheibe.

»Tut mir Leid, Stu«, sagte ich. »Ich nehme an, du hast das alles schon gehört.«

Er nickte, ohne etwas zu erwidern.

»Haben sie dir erzählt, dass sie Mikeys Foto in das trak-Fahndungssystem eingescannt haben?«

Wieder ein Nicken.

»Und das bedeutet, dass sein Foto sämtlichen Polizeirevieren im ganzen Land vorliegt.«

»Ich weiß.« Die Schlaffheit verschwand aus Stus Gesicht, seine Miene spannte sich wieder.

Ich ließ nicht locker. »Die Beamten haben mit seinen Lehrern und Mitschülern gesprochen. Sein Freund Steve sagte, Michael habe ihm von den Streitigkeiten erzählt, die es wegen des Trainings gab, unter dem die Schularbeiten litten, und dass Mikey ein wenig genervt war.«

Stu reckte das Kinn vor. »Das waren keine schlimmen Streitigkeiten. Das haben wir dir doch erzählt.«

»Ich weiß.« Ich versuchte, meiner Stimme einen beruhigenden Klang zu geben. »Von dem Geschenk und dem dazugehörigen Schreiben abgesehen, deutet nichts auf eine Entführung hin – Gott sei Dank.«

»Aber wo ist er?« Stus Adamsapfel bewegte sich auf und ab. »Wo ist mein Sohn, Jake?«

»Jugendliche in seinem Alter verschwinden ständig.« Ich wusste, dass ich Gemeinplätze von mir gab, aber mir fiel nichts Besseres ein. »Manchmal verschwinden sie, besonders nach einem Krach mit den Eltern. Den Eindruck hat die Polizei in diesem Fall jedoch nicht. Manchmal lassen Jugendliche sich überreden, Dinge zu tun, von denen sie wissen, dass ihre Eltern sie wahrscheinlich nicht gutheißen würden.«

Zum ersten Mal flackerte ein Hauch von Hoffnung in Stus Augen auf. »Du meinst, Michael wurde tatsächlich überredet, mit jemand wegzugehen, weil er glaubte, der oder die Betreffende würde ihm helfen, ein Läuferstar zu werden?«

»Das ist nicht ausgeschlossen.«

»Klingt aber nicht nach Mikey«, sagte Stu.

Ich antwortete nichts darauf, denn ich kannte den Jungen nicht gut genug. »In den meisten Fällen, sagten die Cops, kommen die Jugendlichen nach Hause, wenn sie genug haben.«

»Mikey ist schon einen Monat fort, Jake.«

»Ich weiß.« Ich überlegte krampfhaft, was ich noch sagen könnte. »Jedenfalls steht er auf der Liste der vermissten Jugendlichen und im trak-System.«

»Und Gott weiß wie viele andere auch.« Stu schüttelte den Kopf. »Du warst nur kurze Zeit Polizist, Jake, aber eine halbe Stunde da drin, und schon klingst du wie ein Cop.«

Ich schluckte seine Bitterkeit, ohne etwas zu erwidern. Ich konnte ihm keinen Vorwurf daraus machen.

Wir fuhren langsam wieder zu ihrem Haus. Ich beobachtete Frans Gesicht, als sie Stu und mich ansah und erkannte, dass ich nichts hatte ausrichten können – und ich sah Stus Gesicht, als ihm klar wurde, dass sich auch hier nichts getan hatte. Niemand hatte angerufen und Nachrichten von ihrem Sohn überbracht, kein Kidnapper hatte Lösegeld gefordert. Und Michael selbst hatte auch nicht angerufen, um seinen Eltern zu sagen, dass er nach Hause kommen würde.

Fran stellte mir ein Sandwich hin, und ich glaube, ich aß es, obwohl ich mich nicht erinnern kann, womit es belegt war. Ich weiß noch, dass Fran nichts aß und dass Stu an jedem Bissen kaute wie ein Roboter.

Ich schlug vor, dass sie sich mit dem Nationalen Zentrum für vermisste und missbrauchte Kinder in Verbindung setzen sollten, worauf Stu ziemlich schroff erwiderte, das habe Fran bereits getan. Ich erwähnte die Polly-Klaas-Stiftung und sah Fran nicken. Sie brachte sogar den Anflug eines Lächelns zustande, und ich wusste, dass sie versuchte, Stus zornige Bemerkungen wieder gutzumachen.

Als ich ging, versprach ich ihnen, mit Kollegen zu sprechen und nachzuhören, ob es noch etwas gab, das man unternehmen könnte, obwohl in Mikeys Fall keine Beweise vorlagen, was die Handlungsfreiheit einschränkte.

»Vielen Dank«, sagte Fran und umarmte mich.

»Auch von mir«, brachte Stu heraus.

Wir schüttelten uns die Hände. Ich sah die Verzweiflung in seinem Gesicht und konnte mich nur mit Mühe daran hindern, den Blick abzuwenden.

Ich wusste, dass niemand, mit dem ich sprechen würde, mir auch nur den kleinsten Tipp geben konnte.


7.

Er hatte sich um die Leiche gekümmert.

Derselbe abscheuliche Prozess wie zuvor.

Zuerst hatte er den Toten zugedeckt, damit er ihn keinen Augenblick länger ansehen musste als notwendig. Die Leiche anzusehen erinnerte ihn immer ...

Es war nicht deine Schuld.

Natürlich war es deine Schuld. Darum geht es doch, oder?

Dann das Saubermachen. So viel Blut ... er kam sich vor wie Lady Macbeth. Dann die Plane. Der Junge war schwerer, als er aussah, denn Muskeln wogen mehr als Fett. Dann das Verpacken in Schrumpffolie. Übelkeit erregend, widerwärtig, aber effektiv. Und dann – endlich, dem Himmel sei Dank – ab in den Kühlraum.

Weg war er.

Außer im Kopf seines Mörders.

Dort strömte das Blut noch immer.

Eines Tages, fürchtete er, würde er darin ertrinken.


8.

Endlich zu Hause.

Später als geplant. Aber die Mädchen waren beide da, sicher und wohlbehalten bei Kim.

Alles war in bester Ordnung.

Ich hatte das unglaubliche Glück, Kim Ryan innerhalb nur einer Woche zu finden, nachdem ich nach New Haven gezogen war – das war 1995. Sie las meine Anzeige am schwarzen Brett der Universität, an der sie damals studierte, und nachdem ich mich mit ihr getroffen hatte, wusste ich, dass ich keine anderen Bewerberinnen mehr zu sehen brauchte. Kim ist achtundzwanzig, hat kurzes blondes Haar, Augen, die scharf genug sind, um Gefahren für meine Kinder auf dreihundert Meter Entfernung zu erkennen, und einen Verstand, der wach genug ist, um genau zu wissen, wie sie mit ihnen umzugehen hat. Sie ist schlank und zierlich, aber zäh, doch vor allem ist sie freundlich und liebevoll. Sie weiß, wie und wann meine Töchter Zuwendung und Zärtlichkeit brauchen, und sie weiß auch, wie sie die Mädchen zur Ordnung ruft, obwohl sie nicht ihre Mutter ist. Aber sie ist ihnen eine sehr gute Freundin, und mir auch. Ebenso wie ihr Mann Tom, der als Computeranalyst für eine der zahlreichen Elektronikfirmen unserer Stadt arbeitet.

Die Ryans versuchten seit Jahren vergeblich, eine eigene Familie zu gründen, aber sie sind deshalb weder verbittert noch hoffnungslos. Ich weiß, dass das Zusammensein mit Rianna und Ella den beiden aufrichtige Freude bereitet. Manchmal, wenn ich an einer Abendveranstaltung der Universität teilnehmen muss oder privat ausgehe (zu meinem ersten Post-Simone-Date wurde ich fünf Jahre nach ihrem Tod überredet, und seither hatte ich mit einer Hand voll netter Frauen was gehabt, aber nie etwas Ernsthaftes), kommen beide Ryans zu uns in die Wohnung. Manchmal, erzählt mir Kim, tollen sie herum wie Teenager – natürlich immer erst, fügt sie hinzu, wenn die Mädchen schlafen. Als ob sie mir das sagen müsste. Ich vertraue ihr und Tom blind, und ich würde nicht im Traum daran denken, Rianna oder Ella bei jemandem zu lassen, dem ich nicht tausendprozentig vertraue.

Ich schulde Kim sehr viel. Sie ist zwar nicht die beste Köchin der Welt, und wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, sieht die Wohnung oft noch so aus, als wäre ein Wirbelsturm hindurchgejagt, aber auf solche Dinge lege ich keinen großen Wert. Kim weiß, wie sie Ella auf andere Gedanken bringen kann, wenn sie kurz vor einem Wutausbruch steht, und wie sie Ella beruhigt, wenn bei ihr das heulende Elend ausgebrochen ist. Es war Kim, die dafür sorgte, dass die Mädchen die wirklich wichtigen Dinge über New Haven lernten – zum Beispiel, dass sie die erste Stadt in den usa gewesen war, in der sowohl Hamburger als auch Pizza serviert wurden, und dass Yale-Studenten hier die Frisbeescheibe erfunden haben. Es war Kim, die die Mädchen zum ersten Mal auf das antike Karussell im Lighthouse Point Park setzte und die mir erzählte, wie toll es sich im nahen Sleeping Giant State Park wandern, picknicken und angeln lässt. Und es war Kim, die erkannte, dass Rianna trotz ihrer emotionalen Ruhe über ungewöhnlich viel körperliche Energie verfügte, die ein regelmäßiges Ventil brauchte. Was dazu führte, dass Rianna mit dem Turnen begann und es lieben lernte. Und selbstverständlich war es Kim, die den High Fliers Club entdeckte, unter die Lupe nahm und mir dann diskret davon erzählte, damit ich selbst entscheiden konnte, bevor wir Rianna zum ersten Mal mit dorthin nahmen.

Manchmal bin ich mir gar nicht so sicher, welche Rolle ich da noch spiele.

Nein, das ist nicht wahr.

Ich bin ihr Vater.

Ella lag schon im Bett, und Kim hatte Spaghetti für sich und Rianna gemacht, als ich nach Hause kam – mehr als genug, dass es für drei reichte.

»Ich lasse euch allein«, sagte sie, als ich Rianna umarmt hatte.

»Du kannst jetzt nicht gehen«, sagte ich.

»Natürlich kann ich das.«

»Du hast Abendessen gekocht.«

»Das heißt aber nicht, dass ich es auch essen muss.« Kim zog eine Grimasse, und Rianna grinste. Dabei ist Kims Fleischsauce eine ihrer größeren kulinarischen Errungenschaften. »Wenn ich jetzt gehe, bin ich noch früh genug zu Hause, dass Tom und ich uns etwas zu essen bestellen können.«

»Pizza?«, fragte Rianna.

»Sushi.«

»Keine Einwände.«

»Wie unhöflich.«

»Nur ehrlich«, sagte Kim.

»Im Ernst«, sagte ich, »ich würde mich freuen, wenn du bleiben könntest.«

»Nein, tust du nicht.«

Auch die Fähigkeit, meine Stimmungen zu lesen, zählt zu Kims Qualitäten; ich vermute, dass sie mir anmerkte, was für einen höllischen Tag ich gehabt hatte. Wahrscheinlich war sie der Meinung, ein gemütlicher Familienabend sei das, was ich jetzt am dringendsten brauchte. Also verschwand sie, und ich ging nach oben, um Ella einen Gutenachtkuss zu geben. Sie wachte auf und quengelte, dass sie herunterkommen und mit ihrer Schwester und mir am Küchentisch zusammensitzen wolle, und ausnahmsweise gab ich nach. War es denn im Grunde nicht egal, wenn sie am nächsten Tag in der Schule ein bisschen müde war?

»Ist Mikey was passiert?«

Mit dieser Frage warf Rianna mich fast vom Stuhl, während wir unseren Nachtisch aßen. Sie wusste, wo ich an diesem Morgen hingefahren war, nicht aber warum. Doch ich hatte bei einigen Antworten auf Fragen über die Coopers gezögert, und da Rianna eben Rianna war, hatte sie gespürt, dass etwas nicht stimmte. (Entweder ist mein Leben voller Gedankenleser, oder ich bin viel leichter zu durchschauen, als gut für mich ist.)

Jetzt musste ich mich entscheiden, und zwar schnell, zwischen der Wahrheit und dem Seelenfrieden meines Kindes.

Vielleicht die Wahrheit – aber erst, wenn Ella im Bett war.

»Mikey war nicht da«, wich ich aus.

»Aber es geht ihm gut?«

Ich blickte in Riannas ruhige graue Augen – die Augen ihrer Mutter. »Bestens«, log ich und warf einen schnellen Blick auf Ella, die Eiscreme aß, aber schon todmüde aussah. »Du musst bald ins Bett, Süße«, sagte ich zu ihr.

»Nach dem Eis«, sagte sie.

»Na klar«, antwortete ich.

Ellas Augen sind von einem faszinierenden Schieferblau. Sie hat diese Augen weder von Simone noch von mir – meine Augen sind braun. Ellas Augen können dich durchbohren, wenn sie will, oder dich festnageln, wenn das ihre Absicht ist, aber sie können auch dein Herz zum Schmelzen bringen, ganz besonders, wenn sie lächelt. Jetzt schenkte sie mir ein solch natürliches, bedingungsloses Lächeln, und ich wusste, wofür ich es bekam: weil ich die Regeln dieses eine Mal gelockert hatte. Darin lag fast eine gewisse Reife, die mich überraschte. Eigentlich ist Rianna die Reifere in unserer Familie – sie ist fünfzehn, geht aber flott auf die zwanzig zu, so scheint es mir manchmal. Allerdings hat das nicht viel mit dem Alter zu tun. Simone entdeckte es, als Rianna erst drei Jahre alt war.

»Unsere Tochter besitzt eine gewisse ... Weisheit«, sagte sie zu mir.

Wir waren am Strand, mit Freunden auf Long Island, und unsere Erstgeborene spielte im Sand. Ich schaute Rianna an, sah ihre zarten, weichen Arme, ihre sandigen Beinchen und diesen bezaubernd ernsten Gesichtsausdruck, den sie immer aufsetzte, wenn sie sich konzentrierte. Doch etwas, das dem Begriff Weisheit auch nur nahe kam, konnte ich nicht entdecken. Inzwischen aber habe ich eingesehen, dass Simone vollkommen Recht gehabt hatte.

Meine Frau hatte überhaupt in vielen Dingen Recht; deshalb hatte wohl auch sie selbst diese Weisheit besessen.

Rianna wartete, bis Ella friedlich im Bett lag und wir gemeinsam das Geschirr spülten, bevor sie die Frage nach Michael Cooper noch einmal stellte.

»Ihm ist etwas passiert, nicht wahr?«

»Ich fürchte ja.« Diesmal zögerte ich nicht. Es hatte keinen Sinn. »Er ging vor einiger Zeit von zu Hause fort, um bei einem Freund zu übernachten, ist aber nie dort angekommen.«

Rianna hatte gerade einen Teller abgetrocknet. Jetzt stellte sie ihn vorsichtig hin und sah mich mit gerunzelter Stirn an. »Wie lange ist das her?«

»Einen Monat«, antwortete ich leise.

»Was!«, stieß sie hervor. »Glaubt die Polizei, dass er weggelaufen ist?«

»Man hält es für möglich. Fran und Stu glauben es allerdings nicht.«

»Aber wenn er nicht ...« Entsetzen stand in ihren grauen Augen.

Ich streckte die linke Hand aus, die noch nass vom Seifenschaum war, und berührte ihren Arm. »Ich weiß, mein Schatz.«

»Können wir irgendwas tun?«, fragte Rianna.

»Ich glaube nicht. Ich habe mit den Polizisten gesprochen, die nach Mikey suchen. Sie tun, was sie können.«

Ich erinnerte mich an dieses Spiel mit dem seltsamen Namen – Limbo – und überlegte, ob ich Rianna danach fragen sollte, sagte mir dann aber, dass der schöne Abend schon genug verdorben war.

»Mach dir nicht zu viele Sorgen, Baby«, sagte ich.

Rianna nickte.

»Du auch nicht«, sagte sie.


9.

Später, als er sich einigermaßen erholt fühlte, ging er sich das Mädchen ansehen, in der Hoffnung, dass sie ihn aufheitern und fröhlicher stimmen würde.

Sie hielt sich wacker.

Frauen sind härter im Nehmen, heißt es. Er hatte das nie bezweifelt, und diese hier, mit ihren Taekwondo-Kenntnissen und ihrem perfekten sechzehnjährigen Körper, der weich und fest zugleich war, hatte ihn bisher noch nicht enttäuscht.

Natürlich hatte sie sich ihrer letzten Herausforderung noch nicht stellen müssen, und das würde auch noch eine Weile dauern – bis er ihren neuen Gefährten gefunden, hierher gebracht und gebändigt hatte.

Das war besonders faszinierend. Sie waren immer ängstlich. Das ärgerte ihn, doch er lernte allmählich, damit umzugehen. Angst war seine Spezialität. Er wusste alles über die Angst, er verstand sie, hatte begriffen, was diese Teenager nicht akzeptieren konnten, weil sie noch zu jung dafür waren: dass Angst der schlimmste Feind war. Angst war der Vernichter. Und es gab nichts Befriedigenderes, als die Angst zu bezwingen.

Ihm war klar, dass er jetzt für gewisse Zeit so viel von seinem Leben auf Eis legen musste wie möglich – kein einfaches Vorhaben, aber es ging nicht anders. Es hatte oberste Priorität, dass er ein neues junges Männchen fand. Das vollkommene, ganz und gar perfekte Pendant zu seinem Weibchen.

Er wollte sie nicht zu lange warten lassen. Für sie war es anders als für ihn. Er hatte die Vorfreude auf seiner Seite, den Kitzel der Jagd – er hatte sehr lange gebraucht, um das zu erkennen. Das Mädchen hatte nur Dunkelheit und Angst, während er ihren Gefährten suchte. Wenn sie zu lange warten musste, würde ihre Makellosigkeit darunter leiden; sie würde trübe und mutlos werden und vielleicht sogar krank, wie die anderen.

Bloß nicht noch einmal.

Er verbannte diesen unguten Gedanken sofort aus seinem Kopf.

Er wollte keinen Ersatz mehr. Nie wieder. Sobald er den nächsten jungen Mann gefunden hatte, war es endgültig damit vorbei. Von da an würde alles funktionieren, dafür würde er schon sorgen.

Mach dich auf die Suche.


10.

Ich lag im Bett und dachte an Michael Cooper und meine Töchter, und jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich Mikey vor mir, wie ich ihn zuletzt gesehen hatte: als gesunden, starken, glücklichen jungen Mann. Oder ich sah Frans angsterfüllte Augen und Stus wütend vorgerecktes Kinn.

Um drei Uhr morgens gab ich den Versuch auf, einzuschlafen, stieg aus dem Bett, zog meinen Bademantel an und sah leise nach beiden Mädchen. Dann schlich ich in mein Arbeitszimmer, wobei ich es sorgfältig vermied, auf die knarrenden Dielen zu treten, und schaltete meinen PC ein.

Ich empfinde meinen Computer immer als tröstlich, sein Schimmern in der Dunkelheit als einladend, wenn ich nicht schlafen kann – seine gesamte nicht reale Welt ist gemeinsam mit mir wach. Ich habe mir angewöhnt, per E-Mail zu kommunizieren, aber noch nie einen Chatroom betreten, obwohl ich glaube, die Anziehungskraft, die sie auf manche Menschen haben, ansatzweise nachvollziehen zu können. Manchmal arbeite ich nachts, manchmal surfe ich durchs Netz und besuche Bibliotheken, oder ich erledige Korrespondenz.

Doch in dieser Nacht hatte ich eine Aufgabe. Sobald der Rechner hochgefahren war, ging ich online, fand eine Spiele-Website und tippte limbo ins Suchfenster. Kein Problem, nur dass es so viel gab. Ich hatte auch nicht gewusst, dass eine Fortsetzung auf dem Markt war: Limbo II.

Ich sah das Wort Rezension und klickte es an.

Auf den ersten Blick wirkte Limbo I wie jedes andere der zahllosen Endzeitspiele, doch als es uns nach und nach völlig in Beschlag nahm, begriffen wir, dass es sich hier um eine gefährlichere, tödlichere Variante handelte. Trotzdem, sagten wir – zumindest die von uns, die dafür bezahlt werden, solche Phänomene zu analysieren: Es gibt noch eine Menge anderer großartiger Spiele. Was also war die magische Zutat, die gerade dieses Spiel zu einem solchen Mega-Verkaufsschlager machte? Einige vertraten die Ansicht, es läge an »Ghoulo«, dem mutierten Monster, halb Werwolf, halb Mensch, das im post-apokalyptischen Manhattan in der Unterwelt überlebt, indem es so ziemlich alles und jeden frisst, in den es seine Reißzähne schlagen kann.

Doch den meisten von uns war klar, dass der eigentliche Reiz von Limbo in »Steel« und »Dakota« liegt, den letzten überlebenden Teenagern von New York City. Zwei nette Jugendliche aus netten, glücklichen Familien, die in einer grauenvollen Untergrund-Hölle gefangen sind. Beide sehen natürlich blendend aus, sind aber normal, trotz ihrer perfekten Körper und ihrer herausragenden Fähigkeiten. Dakota und Steel geben sogar zu, dass sie panische Angst haben. Sie mögen zwar Cyber-Helden sein, aber unter ihren Pseudo-Körpern sind sie Menschen wie du und ich, und vielleicht, nur vielleicht, würden auch wir – sogar die weniger Sportlichen unter uns – zu einer Stärke finden, von der wir niemals zu träumen gewagt hätten, wenn wir es mit blutrünstigen Banden
zu tun bekommen, mit einstürzenden Tunneln, Überschwemmungen, ausgehungerten Rudeln von Hunden, die sich in beutegierige Bestien verwandelt haben, ganz zu schweigen von Ghoulo selbst.

Ich sah, dass da noch viel mehr kam, vor allem, wie das zweite Spiel sich vom Original unterschied. Aber da stand viel Unverständliches über fmv und prg, und so hörte ich zu lesen auf, schaltete den PC aus, ging in die Küche und zündete die Gasflamme unter dem Wasserkessel an.

Ich mag diese Küche. Sie kommt nicht annähernd an die hübsche, gemütliche Küche unseres Hauses in Madison heran, aber die war Simones Territorium gewesen, dort hatte sie ihre Kunst praktiziert, und dorthin hatte es uns alle gezogen, wann immer wir konnten.

Die Küche war auch der Raum gewesen, der uns am unerträglichsten war, nachdem wir sie verloren hatten. Achtzehn Monate lang blieb sie – natürlich – weiter unsere Küche, der Raum, in dem wir das Essen zubereiteten, das wir brauchten, um am Leben zu bleiben. Aber während die Küche vorher Herz und Seele des Hauses gewesen war, wirkte sie nach Simones Tod schmerzlich leer und trostlos; sie war der Ort, an dem ich Simone am meisten vermisst habe.

Abgesehen von unserem Bett.

Ich kämpfte hart darum, unserem Leben wieder einen Anschein von Normalität zu geben, weniger für mich selbst als für Rianna, die neun war, als ihre Mutter starb, und für die kleine Ella. Aber bei aller Vertrautheit des Hauses – mit Simone schien es ebenfalls zu sterben. Nicht sofort, es war mehr ein in die Länge gezogener Zerfallsprozess: Während die Frau, die es genährt hatte, binnen eines Wimpernschlags gestorben war, war das Haus in langsamer Trauer zerbröckelt, als habe es erst nach und nach begriffen – genau wie wir –, dass Simone niemals zurückkam.

Das war der Moment, da ich beschloss, mit meiner zerbrechlichen kleinen Familie in die Stadt zu ziehen und einen Neuanfang zu versuchen, in einem Haus, das mir nicht jedes Mal einen Stich ins Herz versetzte, wenn ich mich umdrehte. Rianna – damals zehneinhalb – kam mit mir nach New Haven, um die Wohnung zu besichtigen, die der Makler für uns gefunden hatte. Sie befand sich in einem hübschen Sandsteinhaus ohne Aufzug am Wooster Square. Ich weiß noch, wie ich den Atem anhielt, während Rianna langsam und schweigend umherging und jedes Zimmer, jeden Winkel genau betrachtete. Dann kam sie zurück ins Wohnzimmer, stellte sich neben mich, nahm meine Hand und sagte: »Hier ist es richtig, Daddy.«

»Wirklich?« Ich beugte mich zu ihr hinunter, um ihr direkt in die Augen zu schauen. »Ich möchte nicht, dass du das sagt, weil du meinst, dass es dann einfacher für mich ist. Ich möchte, dass Ella und du vollkommen zufrieden seid.«

»Ich weiß.« Sie setzte ihr ernstes Gesicht auf. »Aber die Wohnung gefällt mir wirklich. Ich kann mir unsere Sachen hier vorstellen. Zum Beispiel die Wiege in der Ecke da drüben ...«

Ich folgte der Richtung ihres ausgestreckten Fingers und stellte fest, dass auch ich mir die Möbel dort vorstellen konnte.

»Und du könntest in dem kleinen Zimmer arbeiten und auf die Bäume hinausschauen.«

Der Platz unten war fast vollständig von Kirschbäumen umstanden, die zu dieser Jahreszeit zwar nicht blühten, aber trotzdem sehr hübsch aussahen. Ich war zu der Zeit noch nicht annähernd so weit gewesen, mein Arbeitszimmer zu planen, aber mir war klar, dass Rianna mit ihrem Vorschlag Recht hatte.

»Und ...« Sie zögerte.

»Und was, Liebes?«

Sie hielt meine Hand immer noch fest. »Vielleicht ist es dann nicht mehr so schwer.«

Diese Küche hier ist anders. Sie ist viel kleiner, und sie sieht weder so schön aus, noch riecht sie jemals so gut wie die alte. Außerdem stehen die Dinge selten an dem Platz, an dem sie stehen sollten. Doch im Laufe der Zeit ist sie zu einem Heim geworden, und – wie wahrscheinlich in den meisten Wohnungen – ist sie das Zimmer, in das es die Bewohner zieht, wenn sie nachts nicht schlafen können.

Fran hatte Recht gehabt, dass Limbo ein schreckliches Spiel war, ging es mir durch den Kopf, während ich kochendes Wasser auf einen Teebeutel schüttete. Doch es war offenbar nicht so abartig wie viele andere Spiele auf dem Markt. Entscheidender war jedoch, dass die Beschreibung mir keinen Hinweis geliefert hatte, der dazu beitragen konnte, Michael wieder nach Hause zu bringen. Es gab keine offensichtlichere Verbindung zwischen dem Spiel und Michael als zu jedem anderen amerikanischen Teenager – zumal Michael in Brookline, Massachusetts, lebte und nicht in New York City.

Es war nichts weiter als ein seltsames Geschenk gewesen, begleitet von einer irritierenden, vielleicht bedrohlichen Nachricht.

Ich setzte mich an den Tisch und rührte einen Löffel Honig in den Tee.

Meine Kinder waren nicht die Einzigen, die in wenigen Stunden in die Schule gehen mussten. Es blieb nicht einmal mehr eine Woche bis zu den Examen, dann lag der ganze Sommer vor mir – und mein noch ungeschriebener Roman, den ich in diesen langen Ferien mit Sicherheit in Angriff nehmen würde.

Ich würde Energie brauchen, Motivation und Selbstdisziplin. Ganz zu schweigen von Inspiration. Und jeder Menge Schlaf.

Aber in dieser Nacht, das stand fest, würde Professor Jacob Woods nicht noch einmal einschlafen.


11.

Es war Freitag, als Kim mich in der Uni anrief, um mir zu sagen, dass Stu Cooper wieder angerufen habe. Ich stieß einen Seufzer aus, bevor ich schuldbewusst nach meinem Bürotelefon griff, um Stu zurückzurufen. Seit Sonntag hatte ich bereits zweimal mit Fran gesprochen, und ich wusste, dass sie starb, Stück für Stück, und dass jeder Tag, der ohne Nachricht von Michael verstrich, den weiß glühenden Dolch ein Stück tiefer in die Herzen seiner Eltern drückte. Ich wusste nur nicht, was ich dagegen tun konnte.

Ich rief trotzdem zurück.

»Wir haben uns gedacht«, sagte Stu ohne Einleitung, »dass wir einen Privatdetektiv engagieren.« Er sprach schnell weiter, bevor ich ein Wort sagen konnte. »Die Polizei hat uns davon abgeraten, aber das ist uns egal. Und ganz gleich, was du uns gesagt hast – wir haben das Gefühl, dass die Cops einfach nicht genug tun. Selbst wenn es nichts bringt, Jake, ist es immer noch besser, als bloß herumzusitzen und zu warten.«

Er schwieg, wartete darauf, dass ich etwas sagte, doch in meinem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander.

»Wir dachten, du könntest uns vielleicht jemanden empfehlen«, sagte Stu schließlich.

»Das Problem ist«, begann ich langsam, »dass ich nicht sehe, was ein Privatdetektiv herausfinden könnte. Er hat doch kaum etwas, wo er ansetzen kann.«

»Das wissen wir, Jake.«

»Ich sage ja nicht, dass ich euch nicht helfen will, einen guten Mann zu finden«, fuhr ich fort. »Aber ihr müsst euch darüber im Klaren sein, dass er nicht viel ausrichten kann.«

»Trotzdem«, sagte Stu, »Fran will es unbedingt versuchen. Deshalb wüssten wir gern von dir, wer der Beste ist. Wir wissen, dass es nicht billig wird, aber das ist uns egal.«

Ich schluckte meinen Widerstand dieser Idee gegenüber herunter. »Aus dem Stegreif kann ich euch nichts sagen, aber ich werde ein paar Leute unter die Lupe nehmen und sehen, welcher sich als der Beste erweist.«

So konnte ich wenigstens dafür sorgen, dass sie nicht abgezockt wurden.


12.

Eine ganze Woche war wie im sprichwörtlichen Flug vergangen.

Er hatte gesucht, wann und wo er konnte, stets sorgfältig darauf bedacht, keinen Verdacht zu erregen. Er verstand sich gut darauf, sich unauffällig zu verhalten – ein nützliches Talent für einen Jäger. Dieser Teil des Ganzen hatte ihm nie etwas ausgemacht: das Aufspüren, das Markieren, das Warten. Lediglich das Töten verursachte ihm Bauchschmerzen.

Plus ça change.

Er wünschte, er hätte mehr Zeit. Noch ein Klischee: sehr viel zu tun, sehr wenig Zeit. Aber bei ihm traf es zu. Arbeiten, nach Hause kommen, für sie sorgen, ihn suchen ...

Junge Männer mit Potenzial gab es überall. Auf Tennisplätzen, Sportplätzen, in Schwimmbädern, in Fitnessstudios, in den Parks auf ihren Inline-Skates oder beim Joggen. Manche genossen es, beobachtet zu werden, manche bemerkten ihn gar nicht.

Zumindest die Läufer schloss er jetzt aus. Seine Augen folgten ihnen immer noch voller Bewunderung, aber er zwang sich, den Blick abzuwenden. Gebranntes Kind ... Er musste sich auf diejenigen konzentrieren, die ihr Training auf engem Raum durchführen konnten.

Die Ferien würden bald beginnen, und dann würden sie überall sein. An Stränden, auf Campingplätzen, sogar in Büros und Geschäften, wo sie ihren Sommerjobs nachgingen.

Er konnte wirklich nicht viel länger warten.

Sie brauchte Gesellschaft.


13.

Ich hatte einen Privatdetektiv für die Coopers gefunden, einen Mann namens Norman Baum.

Baums Partnerin, Thea Lomax, führte ein Büro in der New Havener George Street, das mir ursprünglich Sigmund Green empfohlen hatte, ein befreundeter Kriminologe. Aber dann stellte sich heraus, dass sie erst kürzlich eine neue Zweigstelle in Boston eröffnet hatten, die Baum leitete und die wesentlich näher an den Coopers lag, vorausgesetzt, Baum und ich wurden uns einig.

»Er ist sehr erfahren«, bestätigte Green mir, nachdem Thea Lomax vorgeschlagen hatte, ich solle mit ihrem Partner sprechen, »und er ist mit dem Herzen bei der Sache.«

Etwa zwanzig Minuten nachdem ich Norman Baum in den Büros von Lomax & Baum kennen gelernt hatte, konnte ich mich diesem Urteil rückhaltlos anschließen. Die Räumlichkeiten der Detektei befanden sich im zweiten Stock eines alten Gebäudes im Bostoner Leather District: zwei frisch gestrichene Räume, möbliert mit Schreibtischen, Stühlen und Büroschränken aus zweiter Hand. Die Computer und die sonstige Technik wirkten jedoch modern und leistungsfähig.

Das Äußere des Mannes war nicht sehr beeindruckend: durchschnittlich groß, ein wenig übergewichtig, spärliches, schon leicht ergrautes Haar und braune, kurzsichtige, intelligente, freundliche Augen. Sein gräulicher Tweedanzug war vermutlich in längst vergangenen Zeiten einmal elegant gewesen (vielleicht an einem anderen Mann), und seine Schuhe waren sauber, aber verschrammt. Wie ich schon sagte: unauffällig. Doch er wand sich förmlich, als er von der verzweifelten Lage der Coopers hörte, und er wurde erst sehr still, als er Michaels Foto studierte, und wirkte dann ernstlich aufgebracht. Vielleicht, weil er wusste, dass dem Jungen wahrscheinlich etwas Schlimmes zugestoßen war. Oder weil er fürchtete – so wie ich –, dass er nur wenig dagegen unternehmen konnte.

»Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich zuversichtlich bin.« Seine Stimme war sanft und traurig.

»Wem sagen Sie das«, erwiderte ich.

»Es ist Ihre Entscheidung, beziehungsweise die der Eltern. Wenn Sie mich engagieren wollen, werde ich alles tun, um den Jungen zu finden.«

»Diese Entscheidung ist bereits getroffen. Wir wollen Sie engagieren«, erklärte ich.

»Aber ich werde ihnen keine Versprechen machen, die ich nicht halten kann, und ich lasse die Coopers keinen Cent mehr von ihrem hart verdienten Geld ausgeben, als ich für sinnvoll halte.«

»Ich bin froh, dass Sie das sagen«, erwiderte ich. »Ich bin ein wenig besorgt, dass Stu und Fran an einem Punkt angelangt sind, wo sie Geld zum Fenster hinauswerfen würden, ohne es zu bemerken.«

»Aber nicht bei Lomax & Baum«, sagte der Privatdetektiv.

Ich spürte, dass er es ernst meinte. Und schließlich war es ja nicht ausgeschlossen, dass Baum auf etwas Nützliches stieß, das der Polizei entgangen war.

Solange es nicht etwas Abscheuliches war.

In seinen traurigen, zornigen Augen sah ich, dass Norman Baum der Typ war, der sich auch innerlich an einer solchen Sache beteiligte, selbst wenn es um einen völlig Fremden ging.

Zweiter Teil


14.

Er sah ihn.

Spürte eiskalte Finger im Nacken. Sie umklammerten sein Herz. Wieder ein Klischee, aber deshalb nicht weniger wahr. O ja.

O ja.

Nur ein ganz normaler öffentlicher Basketballplatz auf der West Side von Manhattan an einem Sonntagnachmittag – Sonntag, der 28. Mai 2000. Nur ein paar junge Männer, die ein zwangloses Basketballmatch spielten. Sie alberten ein wenig herum, aber ihre sportlichen Fähigkeiten waren offensichtlich. So viele Sportplätze, Spielfelder und Turnhallen – drei Städte in nur einer Woche. Und mehr gut aussehende, sportlich begabte Teenager, als er zählen konnte.

Doch dieser junge Mann strahlte. Er strahlte.

Er war fünfzehn, höchstens sechzehn, und er war ein Naturtalent; keine dieser merkwürdigen Bohnenstangen, die aussehen, als wären sie genmanipuliert, um die Bälle mühelos in den Korb legen zu können – obwohl es auch bei ihm vollkommen mühelos aussah. Aber es war zugleich schön anzusehen. Er trug Shorts und ein graues Sweatshirt, dessen Ärmel an der Schulter abgeschnitten waren. Er hatte kraftvolle, aber nicht zu muskulöse Schultern. Seine ganze Erscheinung, während er übers Spielfeld lief, war schlank, geschmeidig, entspannt.

Du lieber Himmel, bloß nicht noch einen Läufer.

Er atmete tief ein und wandte sich mit großer Mühe vom Spielfeld ab, doch dann ertönte ein Lachen – außer Atem und voller lebendiger Jugend, voller joie de vivre –, das ihn zwang, wieder hinzusehen. Es war sein Lachen, wie er es geahnt hatte, und es ließ sein gut aussehendes Gesicht erstrahlen – ein Lachen, wie dafür geschaffen, einem direkt ins Herz zu dringen und die Seele zu erfüllen.

Wahrscheinlich trainierte er in einem Fitnessstudio. Läufer spielten kein Basketball, sie trainierten auf der Aschenbahn oder joggten.

Jetzt hatte der Junge den Ball ... wurde angegriffen ... er blieb dran, hielt den Ball. Er spielte kühn, ging Risiken ein, sprang hoch, warf einen Korb, landete auf einem unebenen Stück Erde, stürzte schwer, war aber sofort wieder auf den Füßen und lachte.

Mutig war er auch.

Er war es.


15.

Kommst du noch auf ein Sandwich mit?«

Robbie Johanssen warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich kann nicht.«

»Hast du ein Date?«, fragte Carl Smith, einer der Jungs.

Er schüttelte den Kopf. »Meine Mutter hat heute Geburtstag. Wir geben eine Überraschungsparty für sie, und ich muss früh genug zu Hause sein, um sie zum Ausgehen zu überreden, damit wir alles vorbereiten können.« Er sah dem anderen nach, als er davonschlenderte. »Bestell den Jungs einen schönen Gruß und sag ihnen, dass wir uns nächste Woche sehen, okay?«

»Klar.«

Robbie sah, wie Carl die anderen einholte, dann wandte er sich in die entgegengesetzte Richtung, um nach Hause zu gehen. Er musste ein ordentliches Tempo vorlegen – oder ein Taxi nehmen. Aber es waren weniger als zwanzig Blocks. Außerdem konnte er sich beim Gehen genau überlegen, wie er seine Mutter überzeugen sollte, dass es ihm wirklich nichts ausmachte, wenn sie zum Konzert ging, zu dem Mark und Anna Franklin sie in Übereinstimmung mit dem Plan eingeladen hatten.

Er bog rechts ab auf die Amsterdam und dachte über ihre Einstellung zu Geburtstagen im Allgemeinen nach – das betraf jedoch nur ihre eigenen, nicht die von anderen und ganz bestimmt nicht seinen. Er wusste, dass sie glaubte, die Franklins hätten ihren Geburtstag vergessen – und dass es ihr nur recht war, denn sie hasste den »Riesentamtam«, wie sie es nannte. Deshalb war das Konzert aus ihrer Sicht genau das Richtige. Das einzige Problem war, dass sie im Grunde gar nicht ausgehen wollte. Am liebsten – das wusste Robbie – wäre ihr ein gemütliches Abendessen mit ihm gewesen, aber das gab sie ihm gegenüber nicht zu, weil sie der Meinung war, man dürfe einen Sechzehnjährigen nicht mit dem Geburtstag seiner verwitweten Mutter belasten.

»Verdammt«, murmelte Robbie, als er an zwei ausgesprochen hübschen Mädchen vorbeiging. Sie liefen Arm in Arm, und die eine, eine Blondine mit einem sexy Mund, lächelte ihn an. Keine Zeit, sagte er sich und widerstand dem Impuls, sich noch einmal zu den Mädchen umzudrehen. Er hatte Wichtigeres zu tun: Er musste Lydia dazu bringen, die Franklins zu begleiten und das Haus für die Party vorbereiten, solange Lydia fort war.

Aber das war bereits das nächste Problem: Seine Mutter hasste Überraschungspartys, hatte sogar zu ihm gesagt, er solle bloß nicht auf die Idee kommen, so etwas für sie zu organisieren.

Robbie bog nach links auf die 87. ab und schüttelte den Kopf.

Für eine an sich aufgeschlossene Frau hatte Lydia Johanssen eine ganze Menge Regeln aufgestellt.

Robbie grinste.

Vielleicht, damit diese Regeln gebrochen wurden.

Robbie betrat das sandfarbene Steingebäude auf der 73. West – eine fast identische Ausgabe des Nachbarhauses, mit dem es durch einen gemeinsamen Garten hinter dem Haus verbunden war. Er winkte Solomon, einem der Portiers, einen Gruß zu, stieg in den Fahrstuhl, um ins oberste Stockwerk zu fahren, und schloss die Wohnungstür von 15c auf.

»Mom?«

Lydia Johanssen kam lächelnd aus dem hinteren Teil der Wohnung. »Hallo!«

Robbie umarmte sie, dann trat er einen Schritt zurück und sang ihr mit gedämpfter Stimme ein Happy Birthday. Lydia lachte und stimmte ein, sang in einer süßen, tiefen Harmonie für sich selbst. Ihr Kontraalt hatte seinerzeit viel Bewunderung erregt, doch jetzt hatte sie schon seit längerem nicht mehr auf der Bühne gestanden. Heute war sie eine angesehene Gesanglehrerin. Ihre Schüler waren Männer und Frauen jeden Alters und unterschiedlichster Begabung, und es waren nicht wenige darunter, die nur deshalb zu Lydia kamen, weil sie die Stunden bei ihr als angenehme körperliche und emotionale Entspannung empfanden.

»Du siehst gut aus, Mom«, sagte Robbie und ging in die Küche.

In ihren schlichten Leinenhosen, dem frischen Baumwollhemd im Männerstil und den glatten, dunklen Haaren, die sie zu einem langen Zopf gebunden trug, sah sie wirklich gut aus. Manche Leute sagten, Lydia und Robbie sähen sich ähnlich, aber sie waren beide der Meinung, das läge nur daran, dass sie dieselbe Haarfarbe und eine ähnliche Gestik hatten. Aber Lydias Augen waren honigbraun, während Robbie die hellblauen Augen seines Vaters und dessen markantes Grübchen im Kinn geerbt hatte, wenn Aaron Johanssen auch kleiner und stämmiger gewesen war als sein Sohn. Anna Franklin hatte Robbie einmal gesagt, er habe auch Aarons Lächeln, und Robbie gefiel die Vorstellung, ein bisschen von seinem Vater in sich zu tragen, wenn er lächelte.

»Gutes Spiel?« Lydia kam in die Küche, während er sich ein Glas Saft einschenkte.

»Geht so.« Robbie hielt die Tropicana-Flasche fragend hoch, aber sie schüttelte den Kopf, und er stellte sie zurück in den Kühlschrank. »Ziehst du dich noch nicht um?«

»Das hat keine Eile«, sagte sie und setzte sich an den Tisch. »Hast du schon Pläne für heute Abend, Sohn?«

»Noch nicht.« Er leerte das Glas zur Hälfte. »Freust du dich auf deinen Liederabend?«

»Geht so«, sagte sie und zog die Nase kraus. »Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob ich wirklich in der Stimmung für Schubert bin.« Sie grinste. »Ich glaube, es wäre mir lieber, wir gingen ins Birdland oder ins Blue Note. Dann wärst du vielleicht mitgekommen.«

Da war es: kein Hauch von Nörgeln, kein noch so leiser Tadel – das war nie ihr Stil gewesen. Sie unterstützte seine Unabhängigkeit, das hatte sie schon immer getan, und dafür war er ihr sehr dankbar. Doch Robbie wusste, dass sie heute Abend nicht zu dem Konzert gehen wollte – zum Teufel, sie alle wussten es, Anna und Mark Franklin am allerbesten. Doch später, falls die Party zustande käme, würden sie darüber lachen. Zumindest hoffte Robbie, dass seine Mutter mit ihnen lachen würde, doch ganz sicher konnte man sich nicht sein.

»Jetzt ist es zu spät«, erklärte Robbie fröhlich. »Die Franklins haben die Karten schon gekauft. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass du sie nicht an deinen Geburtstag erinnert hast.«

»Zumindest dafür bin ich dankbar.« Lydia schüttelte den Kopf. »Und ich würde sie nie hängen lassen.« Sie zögerte. »Ich wünschte nur, du würdest den Abend nicht allein verbringen. Vielleicht kann Josh vorbeikommen.«

»Ich frag ihn«, sagte Robbie.

»Du könntest Pizza bestellen.«

»Sicher, Mom.«

»Vielleicht einen Film ausleihen?«

Robbie ging zu ihr, beugte sich herunter und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. »Hör auf, dir um mich Gedanken zu machen, okay? Mach du dich für deinen Abend fertig. Nimm ein ausgiebiges Bad, so wie du es gern hast.«

Lydia sah zu ihm hoch. »Versuchst du mich loszuwerden?«

»Endlich«, sagte Robbie, »du hast es kapiert.«

Lydia lehnte sich entspannt zurück. Sie saß in der großen Badewanne, die der erste Besitzer der Zwillingsgebäude installiert hatte. Er hatte ihre Wohnung – zusammen mit den beiden anderen Apartments im obersten Stockwerk, die damals alle zusammengehört hatten – als Domizil in Manhattan genutzt. Lydia wusste nicht genau, wann er ausgezogen war und wann man 15c zu einer eigenständigen Wohneinheit umfunktioniert hatte, doch Aaron und sie waren vor siebzehn Jahren hier eingezogen.

Ein ganzes Leben.

Träge vom warmen Wasser und dem Duft des Badeöls, ließ Lydia ihre Gedanken in die Vergangenheit wandern. Im Laufe der Jahre hatte es hier so viele besondere Augenblicke gegeben ... darunter wichtige Meilensteine, manche freudig, manche entsetzlich. Der Schönste war wohl die Empfängnis von Robbie gewesen, in der Dezembernacht, nachdem Aaron in der Alice Tully Hall gespielt und stehende Ovationen bekommen hatte. Sie beide waren völlig euphorisch gewesen, und Aaron, der so selten egoistisch war, hatte Lydia gebeichtet, dass ihn während seiner zahlreichen Verbeugungen ein flüchtiges, aber überwältigendes Gefühl der Unsterblichkeit übermannt habe. Gleich nach diesem Geständnis hatten sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib gerissen und waren ins Bett gerannt, wo sie mit ziemlicher Sicherheit ihren Sohn gezeugt hatten.

Vor siebzehn Jahren.

Heute war Lydia eine fünfunddreißigjährige Witwe, die versuchte, jene Stellen an ihren Oberschenkeln zu ignorieren, an denen sie erste Anzeichen von Zellulitis zu erkennen glaubte, ein Zeichen der Zeit.

Es waren auf den Tag genau fünf Jahre seit Aarons erstem Herzinfarkt, mitten auf der großen Party, die er anlässlich ihres Dreißigsten gegeben hatte. Sie hatte ihn damals beinahe an Ort und Stelle verloren.

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