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Blinde Seele

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1.
  7. 2.
  8. 3.
  9. 4.
  10. 5.
  11. 6.
  12. 7.
  13. 8.
  14. 9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. 13.
  19. 14.
  20. 15.
  21. 16.
  22. 17.
  23. 18.
  24. 19.
  25. 20.
  26. 21.
  27. 22.
  28. 23.
  29. 24.
  30. 25.
  31. 26.
  32. 27.
  33. 28.
  34. 29.
  35. 30.
  36. 31.
  37. 32.
  38. 33.
  39. 34.
  40. 35.
  41. 36.
  42. 37.
  43. 38.
  44. 39.
  45. 40.
  46. 41.
  47. 42.
  48. 43.
  49. 44.
  50. 45.
  51. 46.
  52. 47.
  53. 48.
  54. 49.
  55. 50.
  56. 51.
  57. 52.
  58. 53.
  59. 54.
  60. 55.
  61. 56.
  62. 57.
  63. 58.
  64. 59.
  65. 60.
  66. 61.
  67. 62.
  68. 63.
  69. 64.
  70. 65.
  71. 66.
  72. 67.
  73. 68.
  74. 69.
  75. 70.
  76. 71.
  77. 72.
  78. 73.
  79. 74.
  80. 75.
  81. 76.
  82. 77.
  83. 78.
  84. 79.
  85. 80.
  86. 81.
  87. 82.
  88. 83.
  89. 84.
  90. 85.
  91. 86.
  92. 87.
  93. 88.
  94. 89.
  95. 90.
  96. 91.
  97. 92.
  98. 93.
  99. 94.
  100. 95.
  101. 96.
  102. 97.
  103. 98.
  104. 99.
  105. 100.
  106. 101.
  107. 102.
  108. 103.
  109. 104.
  110. 105.
  111. 106.
  112. 107.
  113. 108.
  114. 109.
  115. 110.
  116. 111.
  117. 112.
  118. 113.
  119. 114.
  120. 115.
  121. 116.
  122. 117.
  123. 118.
  124. 119.
  125. 120.
  126. 121.
  127. 122.
  128. 123.
  129. 124.
  130. 125.
  131. 126.
  132. 127.
  133. 128.
  134. 129.
  135. 130.
  136. 131.
  137. 132.
  138. 133.
  139. 134.
  140. 135.
  141. 136.
  142. 137.
  143. 138.
  144. 139.
  145. 140.
  146. 141.
  147. 142.
  148. 143.
  149. 144.
  150. 145.
  151. 146.
  152. 147.
  153. 148.
  154. 149.
  155. 150.
  156. 151.
  157. 152.
  158. 153.
  159. 154.
  160. 155.
  161. 156.
  162. 157.
  163. 158.
  164. Danksagungen

Über die Autorin

Hilary Norman, geboren und aufgewachsen in London, war nach einer Karriere am Theater als Sprecherin, vor allem im Hörspiel, für die BBC und Capital Radio London tätig. Zeitweise arbeitete und lebte sie auch in New York. Ihr erster Roman war eine Liebesgeschichte; bekannt aber wurde sie durch ihre Psychothriller, die in siebzehn verschiedenen Ländern erscheinen. Sie lebt heute in einem Vorort von London.

 

Für Gabriella,
meine wundervolle kleine Großnichte

Es wird noch viele Jahre dauern,
bis Du dieses Buch lesen darfst
– aber es ist für Dich.

1.

Das Zimmer war voller Tod.

Manche der Dinge hatten nie gelebt: Spielzeuge, die allenfalls in der Fantasie ihrer Besitzer lebendig gewesen waren.

Andere hatten gelebt, geatmet, gefühlt: Eine gelbbraune Katze in einem Sarg. Eine weiße Ratte, an ein Korkbrett genagelt. Etliche Schmetterlinge.

Und noch mehr.

Ein alter beigefarbener Teddybär, der in einer kleinen Krippe lag.

Ein Plüschhund mit teils flauschigem, teils abgewetztem Fell und stumpfen Pfoten, die von der Liebe eines kleinen Kindes zeugten, das daran genuckelt hatte.

Auch der Spielzeughund war in der Krippe aufgebahrt, die Vorderpfoten vor der Brust gekreuzt, beinahe wie ein menschlicher Leichnam.

Eine Puppe, blond und hübsch, vor langer Zeit von einem liebevollen Dad bei FAO Schwartz in New York City für seine Tochter in Florida gekauft, die längst erwachsen und aus dem Alter für Spielzeuge heraus war.

Auch die Puppe lag auf dem Rücken. Ihre untere Körperhälfte war mit einem winzigen Tuch bedeckt. Die Arme waren erhoben und in den Gelenken verrenkt. Ihre Hände bedeckten ihre Augen, sodass man nicht sehen konnte, ob sie offen oder geschlossen waren.

Die Augen sämtlicher toter Dinge in dem Zimmer waren bedeckt – mit den Händen, wie bei der Puppe, oder mit den Pfoten, wie bei der Katze, oder mit Heftpflastern oder winzigen Schlafmasken bis hin zu weichen Mullbinden und Verbänden.

Selbst die Facettenaugen der Schmetterlinge waren bedeckt, blind und unsichtbar unter winzigen weißen Spitzentüchlein, wie kleine Platzdeckchen bei einer Kinder-Teeparty.

Ungesehen und ohne selbst zu sehen.

An den Wänden hingen Fotos.

Dasselbe Thema: tote Geschöpfe, kaputte Spielzeuge.

Und keine Augen.

Es gab zahllose winzige Särge in diesem Totenzimmer.

Und doch gab es auch Leben.

Jemand war bei der Arbeit. Über einen Tisch gebeugt, in eine Aufgabe vertieft. Nur wenn man nahe genug hätte herankommen können, um der Person über die Schulter zu blicken, hätte man gesehen, womit sie sich beschäftigte.

Es war etwas Entsetzliches.

Der Stoff, aus dem Albträume sind.

Etwas, das man nie vergessen können würde.

Etwas, wovor man die Augen schließen würde.

Und geschlossen halten.

Für immer.

2.

8. Mai

Am Sonntagabend saßen Sam Becket und Special Agent Joseph Duval im Houston’s in North Miami Beach beim Essen.

Es war für beide Männer eine Premiere – für Becket, den Detective vom Miami Beach Police Department, ebenso wie für Duval, den Special Agent vom Florida Department of Law Enforcement.

Duval, ein schlanker Mann in den Fünfzigern, war früher Kriminalbeamter in Chicago gewesen. Seit er nach Florida gewechselt war, hatten er und Sam Becket bei mehreren größeren Fällen zusammengearbeitet. Die beiden Männer verstanden sich gut.

Es war neunzehn Uhr und jede Menge los. Im Houston’s war an einen ruhigen Tisch nicht zu denken. Andererseits bestand bei dem ganzen Trubel kaum die Gefahr, dass Leute an Nebentischen mithörten.

Nicht, dass Sam und Joe Duval offizielle Dinge zu besprechen hatten, doch Sam konnte nicht umhin, sich für Duvals aktuellen großen Fall zu interessieren, der ihm keine Ruhe ließ: Wieder ein kranker Irrer, der in Florida sein Unwesen trieb – und so ziemlich jeder wusste etwas darüber. Zumindest so viel, wie die Ermittler die Medien wissen ließen.

Bei Serienmorden war es oft so, dass die Verbrechen oder die Täter inoffizielle Namen bekamen. Mit dem hier hatte es in Orlando begonnen, wo man das erste Opfer gefunden hatte, und der Name war rasch hängen geblieben: »Black Hole«, das »Schwarze Loch«, hieß der Verrückte, den sie jagten. Ein hässlicher Name, und bislang nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Bisher gab es drei Opfer. Das erste in Orlando, im Januar. Das zweite in Jupiter, Palm Beach County, knapp einen Monat später. Das dritte Anfang März in Naples, Collier County.

Alle hofften, es würde das letzte Opfer sein, aber niemand glaubte daran.

Details der Verbrechen waren ins ViCAP eingegeben worden, die zentrale Datenbank zur Verfolgung von Gewaltverbrechen – ohne greifbares Ergebnis. An zwei Tatorten waren übereinstimmende Fingerabdrücke genommen worden, hatten aber zu keinem Treffer in der Fingerabdruck-Datenbank des FBI geführt. Einzelheiten über die Verbrechen – wenn auch längst nicht alles – standen auf der FBI-Webseite der meistgesuchten Kriminellen.

Im Miami-Dade County war Black Hole bislang noch nicht aktiv geworden, und jeder beim Miami Beach Police Department hoffte inständig, dass es dabei blieb, Sam Becket eingeschlossen. Er hatte mehr als genug über diese Morde gehört, um zu hoffen und zu beten, dass es den Irren nicht bis hierher verschlug.

»Keine neuen Verbindungen?«, fragte Sam.

»Nichts«, sagte Duval. »Nicht mal die Spur eines Anhaltspunkts.«

Alle drei Opfer waren Frauen weißer Hautfarbe und gut situiert. Die einzige andere bisher festgestellte Gemeinsamkeit war die Art ihres Todes gewesen. Die Jüngste war zweiundzwanzig, die Älteste neunundvierzig. Eine Blondine, zwei Brünette. Eine verheiratet, eine geschieden, eine Single. Zwei von ihnen waren Mütter. Eine war nicht berufstätig, eine andere arbeitete in der Immobilienbranche. Das letzte Opfer, Lindy Braun, besaß eine Bar.

Beim Essen drehte die Unterhaltung sich um die Familie, die Hitze, die Hurrikans und darum, dass Duval, der in der Nähe des MROC – des Miami Regional Operations Center – in Doral wohnte, gern nach Pembroke Pines ziehen würde. Er hatte sich bereits dort umgesehen, und es hatte ihm gefallen.

»Grace und ich haben vor einer Weile auch mit dem Gedanken gespielt, umzuziehen«, sagte Sam, »aber irgendwie sind wir doch froh, dass wir geblieben sind.«

»Unser Sohn steht einem Umzug skeptisch gegenüber«, sagte Duval.

»Kann ich verstehen«, meinte Sam. »Für Jugendliche ist es besonders schwer, sich in eine neue Umgebung hineinzufinden. Ich kann mich erinnern …«

Duvals Handy klingelte. »Entschuldige.«

Sam nickte.

»Fort Lauderdale«, sagte Duval, als er das Gespräch beendet hatte. Seine Stimme klang rau und angespannt.

»Und?«, fragte Sam, von einer düsteren Vorahnung erfüllt.

Duval verzog das Gesicht. »Wir haben wieder eine Leiche.«

*

Fort Lauderdale gehörte nicht zu Sams Zuständigkeitsbereich, aber Duval hatte ihn gebeten, trotzdem mitzukommen. Sam tat ihm den Gefallen. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus beruflichem Interesse. Schließlich war er Ermittler.

Die Mitarbeiter vom Morddezernat in Fort Lauderdale waren bereits am Tatort, einem hübschen kleinen Einfamilienhaus in Shady Banks, einer ruhigen Wohngegend.

Ein hübscher Ort zum Leben.

Als Sam Becket im Schlafzimmer des Opfers stand, wünschte er sich, er hätte Duvals Einladung ausgeschlagen, denn es gab Dinge, deren Anblick ein normaler Mensch nach Möglichkeit vermeiden sollte.

»O Gott«, sagte er leise, als er die Leiche der Frau sah.

Sein Magen verkrampfte sich. Er schaute weg. Schließlich war das hier nicht sein Fall, sodass er sich den Luxus leisten konnte, den Blick von dem Grauen abzuwenden, das über diese arme Frau hereingebrochen war.

Amelia Newton, dreiunddreißig Jahre alt. Sie wohnte allein in ihrem hübsch eingerichteten, gepflegten, einstöckigen Haus mit zwei Schlafzimmern und einem Bad. Es waren keine Spuren eines Einbruchs oder eines Kampfes zu sehen, nicht einmal in dem Zimmer, in dem sie lag.

Zwei Fotos auf ihrem Frisiertisch ließen erkennen, dass sie attraktiv gewesen war. Eine schlanke Frau mit hübschem Lächeln, kurzem blondem Haar und blauen Augen.

Sam blickte zu Joe Duval hinüber. Duval wirkte ruhig und gefasst. Er tat, was alle Ermittler in Situationen wie dieser tun sollten: Er verschloss seine menschliche, mitfühlende Seite und konzentrierte sich ganz auf den Tatort. Für das Opfer konnte man nichts mehr tun. Man konnte nur noch versuchen, ihm ein wenig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem man den Täter fasste.

Sam zwang sich, den Blick wieder auf Amelia Newton zu richten.

Was man ihr angetan hatte, war selbst nach den Maßstäben eines erfahrenen Mordermittlers bizarr und grauenhaft.

Der Täter hatte die Leiche der Frau in die Mitte ihres Doppelbetts gelegt und regelrecht arrangiert. Von den Schultern abwärts lag ihr Körper auf einer Art Patchworkdecke, die über dem Bett ausgebreitet war. Sie schien vollständig bekleidet mit einer türkisfarbenen Baumwollhose und einem weißen T-Shirt.

Ihre Kleidung und die Patchworkdecke waren blutbespritzt.

Unter dem Kopf und dem Nacken der Toten hatte jemand ein Latexlaken ausgebreitet, das die Kissen, die sie stützten, bedeckte, aber nicht schützte.

Drei Kissen, zählte Sam.

Und jede Menge Blut.

Ein Rechteck aus Schaumstoff lag links neben dem Bett auf dem Boden. Es sah aus wie der Schaumstoffeinsatz eines Kissens. Brandspuren ließen darauf schließen, dass es als Schalldämpfer benutzt worden war.

Wieder blickte Sam auf die Tote.

Wenn der Killer so vorgegangen war, wie man es von ihm kannte, würde die Toxikologie ergeben, dass Mrs. Newton vor ihrem Tod mit einer gefährlich hohen Dosis Diazepam ruhiggestellt worden war. Dieses beinahe geschmacklose Mittel ließ sich leicht in Essen oder Getränke mischen.

Duval kam zu Sam herüber, ein Polaroidfoto in der Hand.

»So wurde sie gefunden«, sagte er. »Von ihrer Schwester, die zum Abendessen vorbeikam. Sie hatte ihren eigenen Schlüssel. Die Schwester hatte Wein mitgebracht. Die beiden wollten sich Essen ins Haus kommen lassen, sich einen Film anschauen und einen gemütlichen Abend machen.«

Auf dem Polaroidfoto trug Amelia Newton eine überdimensionale dunkle Sonnenbrille. »Ihre Schwester ist sich sicher«, erklärte Duval, »dass die Brille nicht Amelia gehört hat.«

»Haben die anderen Opfer auch Sonnenbrillen getragen?«, fragte Sam.

Duval schüttelte den Kopf. »Bei dem Opfer in Orlando war es eine Schlafmaske, in Jupiter eine Mullbinde, mit Heftpflaster festgeklebt. In Naples haben die Hände des Opfers, die in weißen Handschuhen steckten, die Augenhöhlen bedeckt.«

Sam zwang sich, noch einmal auf Amelia Newton zu schauen.

Auf ihr Gesicht.

Ihre Augen.

Oder vielmehr die hässlichen dunklen Höhlen, wo einmal ihre Augen gewesen waren.

Zwei schwarze Löcher, vermutlich von.380er-Geschossen verursacht, wie schon bei den ersten beiden Opfern. Kein großes Kaliber, aber groß genug, um den Zweck zu erfüllen.

Auf einmal wünschte sich Sam, er hätte keine Spareribs gegessen. Er holte tief Luft, nahm die Mischung von Gerüchen im Zimmer wahr, versuchte sie zu trennen – Blut und Tod, der Geruch von verbranntem Schaumstoff und noch etwas anderes, etwas Chemisches, das er nicht einordnen konnte.

»Schöner freier Abend, was?«, sagte Duval leise.

»Ja«, sagte Sam. »Danke, dass ich dabei sein durfte.«

3.

Grace Lucca Becket saß im Flugzeug und nippte an ihrem Martini. Sie dachte an die Tage, die vor ihr lagen. Zwar hätte sie die Reise lieber gemeinsam mit Sam unternommen, aber irgendwie machte es auch so Spaß, mit einem Drink hier zu sitzen und sich auf das Abendessen und eine hoffentlich erholsame Nacht zu freuen.

Grace gab sich ganz dem Gefühl einer angenehmen Trägheit hin.

»Und verdirb dir die Reise bloß nicht mit Schuldgefühlen«, hatte Claudia gestern zu ihr gesagt.

»Nie und nimmer«, hatte Grace ironisch erwidert.

Ihre ganze Familie kannte Grace’ Talent, sich mit Selbstvorwürfen zu plagen. Aber nachdem sie sich auf diese Reise eingelassen hatte, hatte sie auch die Absicht, das Beste daraus zu machen. Ein gutes Hotel ein Stück außerhalb von Zürich, dazu die Konferenz mit Berufskollegen, mit denen sie dasselbe Interesse verband: Kindern zu helfen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten.

Genau das, was sie auch zu Hause als Kinder- und Jugendpsychologin versuchte.

Deshalb wären Reisen in die Schweiz oder woandershin eigentlich nicht nötig gewesen. Grace wäre auch gar nicht nach Zürich geflogen, hätte Magda nicht alles in die Wege geleitet – Dr. Magda Shrike, ihre Kollegin, langjährige Mentorin und geschätzte Freundin, mit der Grace sich seit ungefähr einem Jahr die Arbeitsräume teilte.

Das Thema der Internationalen Konferenz über Kinderentwicklungspsychologie, die vom 10. bis zum 12. Mai stattfinden würde, lautete »Emotionale Erziehung«. Wie konnte man die Kräfte bündeln, um jungen Menschen mit psychischen Problemen auf die bestmögliche Weise zu helfen? Die Vortragsredner waren bereits vor längerer Zeit gebucht worden, aber durch einen plötzlichen Krankheitsfall war eine Lücke im Bereich der Jugendpsychologie entstanden. Eine Bekannte von Magda hatte sie daraufhin gebeten, jemanden vorzuschlagen, der einspringen könnte. Magdas Wahl war auf Grace gefallen.

»Aber es muss doch eine ganze Heerschar geeignetere Leute geben«, hatte Grace gesagt.

»Ich wüsste niemanden, der geeigneter wäre«, hatte ihre Freundin und Kollegin erwidert.

»Das ist sehr schmeichelhaft, aber ich bin mir da nicht so sicher.«

»Aber ich«, sagte Magda überzeugt.

»Das ist nicht zufällig die nächste Stufe deines Therapieplans für mich?«

Magda hatte Grace als ihre eigene Psychologin geholfen, sich von einer Reihe traumatischer Ereignisse zu erholen, insbesondere von ihren Schuldgefühlen nach den Geschehnissen im vergangenen Mai.

Damals hatte Grace einen Mann getötet.

Es war nicht einfach gewesen, das Trauma zu überwinden, aber mit Magdas Hilfe hatte sie es geschafft – zumindest so weit, um ihr Leben wiederaufzunehmen und wieder Ehefrau und Mutter, Schwester, Schwiegertochter und Tante zu sein.

Und Psychologin.

Grace blickte aus dem Flugzeugfenster in die Dunkelheit.

Am liebsten hätte sie den Flug nach Zürich gar nicht angetreten, aber Sam Becket, ihr Mann, und Claudia, ihre Schwester, hatten sich auf Magdas Seite geschlagen, und so hatte Grace schließlich kapituliert.

Deshalb saß sie heute Abend hier.

Sie wünschte sich nur, sie hätte ein Satellitentelefon, um Sam nach der Landung in Zürich anzurufen und ihm eine gute Nacht zu wünschen, selbst wenn dieser Anruf sehr teuer wäre.

Aber er wäre jeden Cent wert.

4.

9. Mai

Abends las er unablässig, getrieben von Schlaflosigkeit und seinem unersättlichen Hunger auf Lernen.

Er hatte lange und intensiv studiert, hatte sein Hirn mit Wissen angereichert und besaß eine leidenschaftliche Liebe zu seinem erwählten Beruf. Aber das hielt ihn nie davon ab, andere Gebiete zu erforschen. Der menschliche Geist, dieses unendliche Gefäß, musste ständig aufgefüllt werden, ständig trainiert werden, ständig in Bereitschaft bleiben, selbst wenn der Körper schlief.

Nur dass Schlaf die größte Verschwendung war, die die Menschheit kannte.

Die Wände hingen voller Diplome und Urkunden, die seine Leistungen und Qualifikationen bescheinigten, und die Regale waren mit Büchern gefüllt. Er besaß die Fähigkeit, schnell zu lesen, zog es aber vor, sich beim Lesen Zeit zu lassen.

Worte und Bilder erreichten sein Gehirn mittels der mikroskopisch kleinen Stäbchen und Zapfen in der äußersten Neuronenschicht seiner Netzhäute, die ihre Signale an die mittlere Schicht bipolarer Neuronen sandten. Diese wiederum verknüpften ihre Signale mit den Sehnervenfasern in der dritten Schicht.

Genau darüber las er jetzt gerade.

Es ging um das Wunder des Sehvermögens.

Die Wissenschaft von den Augen war das Gebiet, das ihn zurzeit am meisten fesselte.

Er war ein stolzer Mann. Kein eingebildeter Pfau, aber stolz auf das, was er erreicht hatte. Und auch darauf, was er für andere tun konnte. Und auf seinen Titel.

Dr. med.

Er war ein Mann der Medizin.

Ein Arzt.

Das Wichtigste, was ein Mann anstreben konnte.

Ein Arzt.

5.

»Jemand hat Informationen über Black Hole durchsickern lassen.«

Alejandro Martinez, Sam Beckets langjähriger Partner und enger Freund, ein stämmiger Kuba-Amerikaner mittleren Alters mit dunklen, ausdrucksvollen Augen, saß schon an seinem Schreibtisch, als Sam im Morddezernat eintraf.

Sie hatten bereits telefoniert, und Sam hatte Martinez über den gestrigen Abend auf den neuesten Stand gebracht.

Jetzt hielt Martinez den Herald hoch:

Black-Hole-Killer schlägt in Fort Lauderdale zu
Opfer Nummer 4 in Florida

Sam nahm die Zeitung, überflog den Artikel und schüttelte den Kopf.

»Wenn dieser Zeitungsschmierer mir in die Finger fällt, kann ich für nichts garantieren«, sagte Martinez.

»Ich auch nicht«, sagte Sam.

»Ist Grace gut in Zürich angekommen?«

Sam lächelte. »Ja. Sie hat angerufen, sobald die Maschine gelandet war. Sie klang ein bisschen erschöpft, aber okay.«

»Sie hat den ganzen Tag, um sich auszuruhen?«

»Ja. Und um sich Zürich anzuschauen.«

»Deine Frau hat’s gut.« Martinez seufzte. »Und wir müssen zum Schießstand.«

Sam verzog das Gesicht. Wie jedes Mal war auch er vor der alljährlichen Kontrollübung ein bisschen nervös.

Schießen war nicht gerade sein Lieblingshobby.

Vor allem, wenn die Ziele Menschen waren.

Am Schießstand mit sieben Bahnen, im vierten Stock des Miami Beach Police Departments, wo er wenig später mit den Detectives Mary Cutter und Joe Sheldon darauf wartete, dass der Range Master den ersten Feuerbefehl erteilte, musste Sam an den Geruch denken, den er am Abend zuvor im Schlafzimmer des Opfers wahrgenommen hatte.

»Ich kann diesen Geruch immer noch nicht benennen«, sagte er zu Martinez, »und das lässt mir keine Ruhe.«

»Joe Duval und sein Verein haben auch Nasen«, erwiderte Martinez. »Zerbrich dir nicht den Kopf darüber.«

»Du hast recht«, sagte Sam. »Nicht unser Problem.«

»Hoffen wir, dass es so bleibt.«

»Das kannst du laut sagen.« Sam setzte den Kopfhörer auf.

»Waffen bereit machen und holstern«, erklang laut und deutlich die Stimme des Range Masters.

Sam, Martinez und die anderen Detectives luden ihre Magazine, traten an ihre jeweilige Bahn, machten ihre Schusswaffe bereit und holsterten sie. Entluden sie wieder, luden sie neu, holsterten sie.

Sam war angespannt, aber er kannte die Routine – holstern, feuern, holstern. Er war gut im Umgang mit seiner Waffe, schnell und effizient, ohne sich zu überschätzen.

»Wenn das Ziel sich dreht, habt ihr zwei Sekunden, um zu ziehen und zweimal aus der Hüfte zu feuern«, wies der Range Master sie an. »Klar?«

»Klar«, kam es von allen zurück.

»An die Linie treten. Feuer!«

Das Ziel drehte sich.

Sam feuerte.

6.

»Ich glaube, du brauchst eine Brille«, sagte David Becket zu Mildred, seiner Frau, als sie an einem wundervollen Morgen in ihrem Garten saßen, lasen und Kaffee tranken.

Beide waren Mitte sechzig und hatten erst ein Jahr zuvor geheiratet. Für David, Sams Beckets Adoptivvater, einen pensionierten Kinderarzt, war es die zweite Ehe; für Mildred, deren Leben bis vor ein paar Jahren alles andere als einfach gewesen war, die erste.

In ihrem ersten Leben als Mildred Bleeker hatte sie alles aufgegeben, um die Verlobte eines Mannes zu werden, den sie dann verloren hatte – und mit ihm ihre ganze Identität. Sie war zur Obdachlosen geworden, die auf einer Parkbank unten in South Beach geschlafen hatte. Dabei hatte sie eine ganz neue Mildred Bleeker entdeckt, eine Frau mit einer Lebensanschauung, wie sie nur ein Mensch erreichen konnte, der am Rande der Gesellschaft lebt.

Wo sie Sam Becket, den hochgewachsenen afroamerikanischen Detective kennengelernt hatte, der dann ihr guter Freund geworden war. Über Sam hatte sie dessen Vater David Becket und den Rest seiner Familie kennengelernt.

Die jetzt ihre Familie war.

Mildred und David waren ein sehr glückliches Paar.

»Ich brauche keine Brille, alter Mann«, sagte sie nun. »Ich kann so gut lesen wie eh und je, vielleicht sogar noch besser.«

»Oh-oh«, sagte David.

»Was soll das denn heißen?« Mildred legte ihr Buch in den Schoß.

»Dass du in letzter Zeit die Augen zusammenkneifst, wenn du dir etwas anschaust. Und die Stirn in Falten legst.« Er hielt einen Moment inne. »Sieh mal, da drüben.«

»Was ist denn da?«

»Siehst du den Vogel rechts neben dem Teich?«

»Ja. Was ist damit?«

»Beschreib ihn mir.«

Mildred kniff die Lippen zusammen. »Ich bin kein Kind.«

»Du kannst ihn nicht sehen, habe ich recht?«

»Natürlich kann ich ihn sehen«, sagte sie. »Es ist ein Vogel! Er hat Flügel! Und jetzt hör schon auf.«

»Es ist ein Weißflügelsittich«, sagte David.

»Wie schön für ihn.«

»Du warst doch nie kurzsichtig.«

»Bin ich auch nicht. Ich kann den blöden Sittich sehen«, sagte Mildred.

David schaute sie von der Seite an.

»Mildred, hast du Probleme mit den Augen?«

Sie seufzte. »Du willst, dass ich meine Augen untersuchen lasse, nicht wahr?«

»Es könnte nichts schaden«, sagte er. »Ich begleite dich.«

»Mag ja sein, dass ich eine Brille brauche«, erwiderte Mildred bissig, »aber hilflos bin ich deshalb noch lange nicht.«

»Das freut mich zu hören, aber ich würde trotzdem gern mitkommen.«

»Letztes Mal bist du auch nicht mitgekommen.«

»Du hast gesagt, du würdest lieber unabhängig sein, wenn ich mich recht erinnere.«

»Ja. Und so ist es immer noch«, sagte Mildred.

»Zu wem bist du denn damals gegangen?«

»Hm … fällt mir im Moment nicht ein.«

David lächelte. »Macht nichts. Wir können zu meinem Augenarzt gehen.«

»Ich würde lieber zu meinem eigenen gehen«, sagte Mildred.

»Was ist los, Mildred?«

»Nichts ist los, nur dass du mich allmählich auf die Palme bringst.«

»Wieso denn? Ich habe doch bloß die leise Besorgnis geäußert, du könntest nicht mehr so gut sehen wie früher.«

»Du schikanierst mich.«

»Unsinn«, sagte David.

Der Sittich flog davon.

»Der Vogel ist weggeflogen!«, rief Mildred.

»Du musstest die Augen zusammenkneifen, um es zu sehen«, sagte David sanft.

Sie seufzte. »Ich geb’s zu.«

»Stört dich grelles Licht?«, fragte David und lächelte. »Ich frage nur, weil du in letzter Zeit öfter eine Sonnenbrille trägst als früher.«

Sie gab keine Antwort.

»Was ist los, Mildred?«, hakte er nach.

»Ich hab Angst«, sagte sie nach einer kurzen Pause.

»Wovor denn?« David war erstaunt und besorgt zugleich.

»Wenn du es unbedingt wissen willst«, sagte sie steif, »ich bin ein bisschen zimperlich, was meine Augen angeht. Ich habe Angst davor, zum Augenarzt zu gehen.«

»Aber du warst doch schon mal bei einem.«

»Nein«, sagte Mildred leise. »Ich habe geschwindelt.«

»Du hast gesagt, dein Sehvermögen sei perfekt.« Jetzt war er völlig verblüfft.

»Perfekt? Ich glaube nicht, dass ich dieses Wort benutzt habe.«

»Auf jeden Fall hast du gesagt, deine Augen sind in Ordnung.«

Mildreds Wangen glühten. »Ich bin nicht stolz darauf, dass ich gelogen habe.«

»Wann hattest du deine letzte Augenuntersuchung?«

»Als Jugendliche. In New York City.« Sie hielt einen Moment inne. »Ich habe es so sehr gehasst, dass ich aus der Praxis gerannt bin und mich übergeben habe.«

»Was hat dich denn so aus der Fassung gebracht?«

»Alles.« Mildred war blass geworden. »Der Arzt saß ganz nah vor mir, und …« Sie schüttelte den Kopf. »Ich will nicht darüber reden. Ich weiß, es ist idiotisch, aber ich kann nicht anders.«

»Es ist nicht idiotisch«, sagte David.

»Doch. Es ist albern, unvernünftig und feige.«

»Du bist nicht feige«, sagte David. »Du bist eine außergewöhnliche, tapfere Frau mit einer kleinen Schwäche, um die wir uns gemeinsam kümmern können.«

»Ich kann mich besser darum kümmern«, entgegnete Mildred, »indem ich mich von Augenärzten fernhalte.«

»Nein«, sagte David. »Damit muss jetzt Schluss sein.«

Mildred lehnte sich im Stuhl zurück und fragte leise: »Was meinst du denn, was mit meinen Augen nicht stimmt, Doktor?«

»Ich nehme an, du hast beginnenden grauen Star.«

»Werde ich blind?«, fragte sie geradeheraus.

»Nur, wenn du dich nicht behandeln lässt.« David hielt einen Moment inne. »Wirst du dir von mir helfen lassen?«

»Ich will nicht blind werden.«

»Ist das ein Ja?«

»Ich nehm’s an«, seufzte Mildred.

7.

In dem Zimmer mit den toten Dingen war die Person wieder bei der Arbeit. Ob lebendig oder leblos – sie verwandelte alles in kleine Leichen.

So auch jetzt wieder.

Und wieder war es eine Puppe, diesmal in einer türkisfarbenen Baumwollhose und weißem T-Shirt.

Das T-Shirt war mit dunkelroten Spritzern übersät, die aussahen wie Blut.

Die Puppe hatte kurzes blondes Haar.

Und ein blaues Auge.

Das andere war bereits entfernt worden.

Herausgeschnitten, sauber und präzise, sodass nur ein kleines schwarzes Loch geblieben war.

Die Arbeit war anspruchsvoll, die Luft im Zimmer heiß und stickig, und der Puppenmacher, der Leichenmacher, schwitzte, während die kurze, scharfe Klinge des winzigen Skalpells den nächsten kreisförmigen Einschnitt vornahm. Dabei führte er die Klinge, die an einem Bleistiftgriff befestigt war, mit den Spitzen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger, während der Griff zwischen Zeigefinger und Daumen ruhte.

Weiter drüben, auf einem anderen Tisch, lagen eine Sonnenbrille in Puppengröße und eine Rolle Mullbinde und warteten, bis die Arbeit abgeschlossen war.

Diesen Teil der Arbeit fand der Leichenmacher stets am erfüllendsten.

Es kam ihm jedes Mal wie ein Ende, wie ein Abschluss vor.

Aber das war es nie.

8.

Grace’ Hotel, das Dolder Waldhaus, stand auf einem Hügel hoch über Zürich, umgeben von Wald und wunderschönem altem Grundbesitz. Ihr Zimmer hatte einen Balkon mit herrlichem Ausblick über die Stadt, den See und die Kette der Alpen am Horizont.

Gleich nach ihrer Ankunft hatte Grace geduscht und ein leichtes, ausgezeichnetes Mittagessen zu sich genommen. Dann war sie in einem Sessel eingenickt. Als sie aufgewacht war, erschrocken über die Zeitverschwendung, hatte sie sich mit einer köstlichen Tasse Kaffee und einem kurzen, aber herrlichen Spaziergang im Wald gleich auf der anderen Straßenseite aufgemuntert, bevor sie eine kleine rote Zahnradbahn hinunter zur Haltestelle Römerhof und dann eine Straßenbahn ins Stadtzentrum genommen hatte.

Jetzt war sie endlich im Herzen von Zürich.

Für eine Stadt, die berühmt war für ihre Banken, war es hier erstaunlich idyllisch. Eine große Schweizer Nationalflagge wehte über einem weitläufigen, belebten Platz, auf dem sich mehrere Straßenbahnlinien schnitten. Linden säumten die Straßen mit ihren schicken, teuer aussehenden Geschäften und Boutiquen, an denen die Passanten vorüberschlenderten. Irgendwo in der Nähe läutete eine Kirchenglocke.

Grace fragte sich gerade, ob sie ihre Besichtigungstour mit dem See oder der Bahnhofstraße anfangen sollte, als sie zu ihrer Linken eine der Sehenswürdigkeiten erblickte, von denen Magda ihr erzählt hatte.

»Wenn du keine Zeit für irgendwas sonst hast«, hatte sie gesagt, »dann geh wenigstens ins Sprüngli, setz dich oben hin, trink einen Kaffee, iss ein Stück Kuchen und sieh dir die Leute an.«

Gesagt, getan.

In der Confiserie unten roch es himmlisch, und Grace nahm sich vor, so viele von den süßen Köstlichkeiten mit nach Hause zu nehmen, wie sie nur konnte. Sie stieg die Treppe hinauf und betrat ein geräumiges, altmodisches Restaurant, wo erkennbar gut betuchte Einheimische und Touristen auf Tische warteten. Grace hatte Glück und entdeckte einen kleinen freien Fensterplatz.

Sie bestellte, lehnte sich zurück und wartete auf ihr Schokoladeneis, das in einer milchig silbernen Flöte mit Schlagsahne serviert wurde. Es schmeckte köstlich.

Wenn ich in Zürich leben würde, dachte sie, wäre ich in kurzer Zeit fett.

Sie stellte sich vor, ihre Familie säße jetzt hier, an mehreren zusammengeschobenen Tischen. Cathy, ihre Adoptivtochter, die am College für kulinarische Künste der Johnson-&-Wales-Universität studierte, würde voller Begeisterung aus den Köstlichkeiten hinter der Theke auswählen, wo Kunden geduldig Schlange standen, und …

»Gefällt es Ihnen hier?«

Grace brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass der Mann am Nebentisch sie ansprach.

»Bitte?«, fragte sie.

»Sie sind aus den Staaten, habe ich recht?«, erkundigte sich der Mann.

Er war nicht älter als dreißig, mit gewelltem braunem Haar und blauen Augen hinter einer modischen randlosen Brille. Sein Lächeln war freundlich und natürlich, und er sprach mit französischem Akzent.

»Ja, ich komme aus den USA«, antwortete Grace.

»Sie haben so bedrückt ausgesehen«, sagte er. »Ich wollte nur sichergehen, dass es Ihnen gut geht. Ich wollte nicht aufdringlich sein.«

Grace lächelte. »Es geht mir bestens, danke.« Sie blickte auf die Reste ihres Eisbechers. »Die Leckereien hier sind wirklich so köstlich, wie man mir gesagt hat.«

»Ja, die Schweizer Küche ist ausgezeichnet, und in Zürich wimmelt es geradezu von guten Restaurants.«

Die Kellnerin brachte dem jungen Mann ein kleines Glas, in dem sich eisgekühlter Weißwein befand. »Sind Sie mit Ihrem Mann hier?«, erkundigte er sich.

Grace zögerte kurz und blickte in seine Augen. Wollte er mit ihr flirten? »Ich bin zu einer Konferenz hier«, antwortete sie schließlich und fragte sich im selben Moment, warum sie ihm das erzählt hatte. Warum hatte sie nicht einfach gelogen und gesagt, ihr Mann sei mit ihr in Zürich?

Die Rechnung lag auf ihrem Tisch. Grace nahm sie in die Hand und schaute sich suchend um.

»Man zahlt drüben an der Theke«, sagte der junge Mann.

»Danke.« Grace erhob sich. »Nett von Ihnen, dass Sie sich um mich gesorgt haben.«

»Es war nicht so sehr Besorgnis.«

Er erhob sich ebenfalls. Im ersten Moment dachte Grace, er wollte mit ihr zusammen gehen und sie müsste deutlicher werden; dann aber hielt er ihr nur die rechte Hand hin. Grace ergriff sie und spürte seinen kalten, festen Griff.

»Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in Zürich«, sagte er und nahm wieder Platz.

Vermutlich wartet er auf seine Freundin, sagte sich Grace, während sie in einer kurzen Schlange an der Kasse anstand. An einer Frau wie ihr, die mindestens zehn Jahre älter war, hatte er bestimmt kein Interesse. Es war dumm von ihr, so etwas auch nur zu denken.

Sie bezahlte, ging wieder hinunter ins Erdgeschoss und kaufte sich eine Tüte dunkle Schokoladentrüffel.

Ideal zum Knabbern im Hotelzimmer, wenn sie ihren Konferenzvortrag einübte.

9.

Es waren wundervolle Klänge, die Sam Beckets Ohren, seinen Geist und seine Seele erfüllten.

Es tat ihm gut, wieder hier zu sein.

Grace hatte ihn mit sanftem Nachdruck dazu gebracht, wieder in der South Beach Opera zu singen. Die Sänger waren Amateure, aber eine tolle Truppe von Leuten, die Sam größtenteils seit Jahren kannte.

»Es ist genau das, was du brauchst«, hatte Grace ihm kurz nach Neujahr gesagt, nach einem stressigen Jahr voller Nackenschläge und Enttäuschungen.

Sie hatte recht gehabt. Es tat Sam gut, wieder zu singen, seiner tiefen Stimme freien Lauf zu lassen, Stimmübungen zu machen, das Libretto zu lernen und den anderen zuzuhören. Einige waren ihm überlegen, andere waren nicht ganz so gut, aber allen gemeinsam war die Begeisterung.

An diesem Abend probten sie Georges Bizets Carmen. Sam war für die Rolle des Escamillo ausgewählt worden, des Matadoren – eine Tonne Stolz und das Torerolied und seine eigene Kampfszene. Was konnte ein Amateur-Bariton und Mordermittler sich mehr wünschen?

Nach der Probe versammelte sich die Truppe im Garten von Tyler Allens Haus in Coconut Grove. Tyler war der Choreograf – ein hagerer, energiegeladener, ein wenig schwieriger Mann, der vor vier Jahren aus dem Hinterland von New York hierher gezogen war. Sein Garten und seine große umgebaute Garage dienten als Probenort, bis die Truppe in ihr Theater konnte. Es war ein guter Ort zum Proben, solange die Nachbarn nichts dagegen hatten.

Sam und die anderen saßen auf Bänken an Tylers langem Holztisch, der mit großen Wasserkrügen und Pappbechern gedeckt war – schwarzer Tee, Kaffee, Cola und Alkohol waren während der Proben verboten. Der Duft des Gartensalbeis, der in den Blumenbeeten wuchs, war in der stillen Luft beinahe berauschend.

Sam ließ den Blick über die Gesichter der anderen schweifen.

Da war Toni Petit, die langjährige Kostümbildnerin der South Beach Opera, eine kleine Frau in den Dreißigern mit kurzen dunklen Haaren und kirschschwarzen Augen.

Linda Morrison war die Regisseurin der Carmen, in der Truppe als »La Morrison« bekannt. Sie war ein kumpelhafter Typ und seit vielen Jahren Mitglied der Operntruppe – eine stattliche Erscheinung mit roten Haaren und ein begabter Mezzosopran. Sie besaß ein Bekleidungsgeschäft in der Nähe der Lincoln Avenue.

Dann war da Billie Smith, die hübsche, dreiundzwanzigjährige Tochter eines alten Schulfreundes von Sam, gesegnet mit einem himmlischen Mezzosopran. Sie sang die Titelpartie. Gerüchten zufolge hatte Billie ihr Musikstudium an der Universität von Miami mehr oder wenig freiwillig aufgeben müssen – aus unbekannten Gründen. Jetzt nahm sie Unterricht an der Lincoln Park Music School.

Jack Holden war der Tenor der Truppe, ein gut aussehender, blonder und blauäugiger Anwalt, in Schottland gebürtig. Er sang den Don Jos´e.

Und schließlich war da Carla Gonzales, eine ehrgeizige, zweiunddreißigjährige Kuba-Amerikanerin. Sie sang die Rolle der Micaëla.

Sam fühlte sich erschöpft, aber zufrieden. Seine Stimme hatte gut durchgehalten, und Tyler war weniger hart zu ihm gewesen als zu manchen anderen. Er hatte vor allem Carlas Unwillen auf sich gezogen, indem er von ihrem »dicken Hintern« gesprochen hatte. Jack Holden hatte er als »schwerfällig« bezeichnet und Toni Petit als »die kleine Näherin«.

Tyler Allen konnte in der Tat unfreundlich sein. Er hatte sogar etwas von einem Schikanierer.

Ein Charakterzug, den Sam Becket nicht mochte.

10.

10. Mai

Der Ort der Konferenz war zu Fuß keine Viertelstunde von Grace’ Hotel entfernt – ein elegantes, modernes Gebäude. Das Begrüßungsfrühstück fand um halb neun statt. Auf Grace’ Namensschild stand in kräftigen Farben »Dr. Grace Lucca« in einem preisgekrönten Design, entworfen von den Kindern einer Grundschule im Kanton Graubünden.

Dr. Elspeth Mettler, eine der Organisatorinnen der Tagung, kam zu Grace an den Tisch. Sie trug ein elegantes Kostüm, eine Brille von Chanel und dazu passende Schuhe.

»Wir freuen uns sehr, dass Sie einspringen konnten, Dr. Lucca. Ich bin Dr. Shrike sehr dankbar für ihre Empfehlung.«

»Es ist mir eine Ehre, hier zu sein«, versicherte Grace ihr. »Obwohl es, offen gestanden, lange her ist, seit ich irgendwo einen Vortrag gehalten habe, erst recht vor einer solch illustren Gesellschaft. Ich hoffe, ich werde Sie nicht enttäuschen.«

»Das werden Sie bestimmt nicht«, erwiderte Elspeth Mettler. »Ihr Vortrag wird, wenn ich recht verstehe, ein interaktives Event sein?«

»So ist es geplant, ja«, antwortete Grace. Obwohl sie erst morgen mit ihrem Vortrag an der Reihe war, fühlte sie sich auf einmal schrecklich nervös.

Mit einem Mal wurde ihr bewusst, warum.

Es war lange her, seit sie zuletzt auf einem Podium gestanden hatte.

Das letzte Mal war es im vergangenen Jahr gewesen.

Vor Gericht.

Während dieser schrecklichen Zeit war ihr vieles entrissen worden, und auch wenn sie allmählich wieder ins gewohnte Gleis fand, lag noch immer ein langer Weg vor ihr.

In den alten Zeiten hatte Grace Lucca Becket geglaubt, zu wissen, wer sie war.

Eine zufriedene, dankbare Frau, mit sich selbst im Reinen.

Sie war noch nicht ganz wieder dort.

11.

Mildred war endlich beim Augenarzt.

David hatte für sie einen Termin bei Ralph Sutter vereinbart, den er seit ungefähr zehn Jahren kannte. Sutter war ein guter, erfahrener Augenarzt mit einer eigenen Praxis am NE 29th Place.

Mildred hegte eine tiefe Abneigung gegen illegale Drogen, die so weit ging, dass sie sogar gegenüber verschreibungspflichtigen Medikamenten misstrauisch war. Deshalb nahm sie nur selten Pillen. Aber trotz aller Bemühungen, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen, war sie nach einer fast schlaflosen Nacht blass und nervös.

»Ich möchte gern, dass du ein leichtes Beruhigungsmittel nimmst«, hatte David gesagt, dem Mildreds Unruhe nicht entgangen war. Er hatte damit gerechnet, dass sie ablehnen würde, und deshalb hinzugefügt: »Keine Bange, du verlierst nicht die Kontrolle über dich. Aber es wird dir helfen, deine Angst ein bisschen zu lindern.«

»Wie wär’s mit zwei Tabletten?«, hatte Mildred vorgeschlagen.

»Das wird nicht nötig sein«, hatte David lächelnd erwidert.

»Das war kein Witz«, hatte sie gesagt.

Das Beruhigungsmittel sorgte zwar dafür, dass Mildred in Dr. Sutters Praxis sitzen blieb und nicht das Weite suchte, so wie damals in New York, aber ihre Angst war noch immer unübersehbar.

»Ich weiß nicht, ob es etwas hilft«, sagte Dr. Sutter zu ihr, »aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie damit keineswegs allein dastehen. Mir sind in meiner Zeit schon viele nervöse Patienten begegnet.«

Mildred hatte sich bei ihm bedankt, und der Arzt hatte ihr vorgeschlagen, sich alle Fragen für später aufzuheben und erst einmal die Untersuchung hinter sich zu bringen. Mildred wusste, dass im Grunde alles kinderleicht war, aber sie hatte jede Sekunde der Untersuchung gehasst und nur mit Mühe durchgehalten, bis sie zur Spaltlampenuntersuchung kamen.

Dr. Sutter bat sie, das Kinn und die Stirn auf eine Stütze zu legen. Mildred seufzte tief und ergab sich in ihr Schicksal. Sie wusste nicht, wie viel mehr sie noch verkraften konnte.

Der Arzt verabreichte ihr Tropfen, um ihre Pupillen zu erweitern, die daraufhin ein wenig brannten.

»Und jetzt müssen Sie ein bisschen warten«, sagte Ralph Sutter.

»Und wie lange?«, fragte Mildred bang.

»Es kann eine Viertelstunde oder ein bisschen länger dauern, bis die Tropfen wirken.«

»Ich weiß nicht …«, sagte Mildred.

»Das muss sein«, sagte David, »damit Ralph die Rückseite deiner Augen sehen kann.«

»Es muss vielleicht sein, aber das heißt nicht, dass ich es noch länger aushalten kann.«

»Wenn Sie nicht mehr können, Mrs. Becket, ist das auch in Ordnung«, sagte der Arzt. »Auch wenn es jetzt, wo wir Ihnen die Tropfen verabreicht haben, schade wäre, die Gelegenheit zu versäumen, die Untersuchung abzuschließen.«

»Ich kann diese grässlichen Tropfen schmecken«, beklagte sich Mildred. »Wie kann das sein?«

»Sie sickern durch deine Tränenkanäle«, sagte David zu ihr.

»Dich habe ich nicht gefragt!«, fuhr sie ihn an.

Mildred wusste, dass sie sich anstellte, aber sie konnte einfach nicht anders. Außerdem wurde ihr Sehvermögen nun schon seit einer Weile immer verschwommener, und die Augen brannten schlimmer als zuvor, sodass sie befürchtete, zu erblinden.

Manchmal gab es Dinge, denen man sich einfach nicht stellen konnte. Und wenn man glaubte, man könne damit davonkommen, steckte man einfach den Kopf in den Sand.

Wodurch man natürlich auch nicht klüger wurde.

Aber sie hatte einen klugen und guten Mann geheiratet.

Und deshalb war sie nun hier.

Was aber nicht hieß, dass es ihr gefallen musste …

Dann aber gab sie sich einen Ruck. Du hast in den Jahren als Obdachlose Schlimmeres mitgemacht, sagte sie sich. Es gibt Dinge, mit denen man sich offen auseinandersetzen muss, auch wenn sie hart sind.

12.

Papierkram-Dienstag für Sam und Martinez.

Die letzten beiden Wochen war es still gewesen im Dezernat für Gewaltverbrechen. Ein bewaffneter Raubüberfall – Verdächtiger binnen weniger Stunden festgenommen. Ein sexueller Übergriff – Verdächtiger noch am Tatort gefasst. Eine schwere Körperverletzung – ebenfalls mit Festnahme.

Gute Arbeit.

Die Detectives Cutter und Sheldon suchten einen bewaffneten Autoräuber. Auf den Straßen und in ein paar Nachtklubs waren Leute in Schlägereien geraten – das Übliche.

Falls jemand kürzlich ein Messer oder eine Pistole gezückt oder benutzt hatte, war es dem Miami Beach Police Department jedenfalls nicht gemeldet worden.

Vielleicht lag nicht unbedingt Liebe in der Luft über Miami, aber eine Art Frieden.

Und es gab viel Papierkram zu erledigen.

Das Übliche.

*

Um fünf nach eins rief Grace aus Zürich an. Ihr Tag auf der Konferenz war eben zu Ende gegangen.

»Ich gehe heute mit ein paar Vortragsrednern zu Abend essen«, erzählte sie Sam. »Ich weiß noch nicht, wohin, aber sie scheinen eine nette Truppe zu sein. Und die Stadt ist wunderbar. Aber erzähl mal, wie war es auf der Probe?«

»Zuerst dein Tag«, sagte Sam.

»Ist ganz gut gelaufen. Am Vormittag eine interessante Sitzung über elterliche Erziehung, am Nachmittag eine ziemlich heftige Diskussion über schwere Depressionen bei Jugendlichen.«

»Genau dein Gebiet«, sagte Sam. »Wie war’s?«

»Ich habe einen Beitrag geleistet«, erwiderte Grace.

»Und wie hat sich das angefühlt?« Er lächelte, während er sie sich auf dem Podium vorstellte.

»Gut. Anregend. Aber jetzt erzähl du. Wie geht es dir?«

»Ich fühle mich ziemlich ramponiert.«

»Vom Boxtraining?«

»Ja. Jack Holden bringt vielleicht weniger auf die Waage als ich, aber ein Leichtgewicht ist er nicht, das kann ich dir sagen. Hat ganz schön Dampf in den Fäusten.«

»Bestell ihm von mir, wenn er dir noch mal wehtut, steig ich mit ihm in den Ring«, sagte Grace.

Sam lachte. »Der arme Jack!«

Und dann sagten sie sich beide, wie sehr sie einander vermissten.

Beide wussten, dass es stimmte.

Und beiden gefiel es.

13.

»Grauer Star ist eine Allerweltsgeschichte. Das ist nicht der Rede wert«, sagte David.

»Nur dass man blind davon wird«, sagte Mildred.

»Wenn er unbehandelt bleibt.«

Auf der kurzen Fahrt nach Hause war Mildred sehr still gewesen. Sie hatte sich von David beim Ein- und Aussteigen helfen lassen, weil ihr Blick von den Tropfen noch immer verschwommen war. Dann hatte sie dagesessen und sich düsteren Gedanken darüber hingegeben, wie viel schlimmer es vielleicht noch kommen würde, wenn sie nicht endlich tat, was man ihr sagte.

Aber das war für Mildred nicht so einfach. Sie hatte sich noch nie gern etwas sagen lassen.

David hatte gewartet, bis sie wieder zu Hause in ihrem gemütlichen Wohnzimmer saßen, in dem sich seit den Zeiten seiner verstorbenen Frau Judy kaum etwas verändert hatte. Zwar hatte er Mildred ermuntert, Veränderungen in ihrem Sinne vorzunehmen, aber sie hatte sich darauf beschränkt, ein paar neue Kissen anzuschaffen und ihre Vorliebe für ein Gemälde von South Beach zu äußern, das David prompt für sie gekauft hatte. Ansonsten war das Zimmer nahezu unverändert.

»Ich will ja nichts kleinreden«, sagte David nun, »aber ich bin erleichtert.«

»Du hast gedacht, es wäre schlimmer, nicht wahr?« Mildred wurde von plötzlichen Schuldgefühlen geplagt. »Du hattest Angst um mich. Tut mir leid, David. Es war egoistisch von mir.«

»Ich hatte keine Angst«, erwiderte David. »Aber du. Und das ist dein gutes Recht. Und ich weiß, dass du dich immer noch fürchtest, aber glaub mir, es wird alles gut. Der Eingriff ist ein Klacks. Wenn du ihn hinter dir hast, hast du Augen wie ein Adler.«

»Ich weiß ja, dass du recht hast. Und normalerweise bin ich ja auch kein Angsthase, sondern eine Frau mit gesundem Menschenverstand. Aber wenn ich zu diesem Augenchirurgen gehe, musst du mir ein Beruhigungsmittel geben.« Ihre Stimme schwankte ein wenig. »Und wenn ich an die Operation denke …«

»Du bist ja doch ein Angsthase.« David lachte. »Von der Operation wirst du gar nichts mitbekommen.«

»Aber Dr. Sutter hat gesagt, die meisten Leute würden den grauen Star unter örtlicher Betäubung operieren lassen.«

»Er hat aber auch gesagt, dass sich viele Patienten für eine Vollnarkose entscheiden. Und in deinem Fall wüsste ich keinen Grund, weshalb du ein Martyrium über dich ergehen lassen solltest, das nicht unbedingt sein muss.«

Mildred schaute ihn an. Sie sah noch immer verschwommen von den Tropfen.

»Ich bin trotzdem ein Feigling ersten Ranges«, murmelte sie.

»Niemand ist perfekt«, sagte David. »Nicht einmal ich.«

14.

Das Wartezimmer war fast voll – durchaus üblich in einer gut besuchten Gemeinschaftspraxis verschiedener Ärzte in Miami Beach. Patienten mit Halsschmerzen oder Asthma oder gynäkologischen Problemen oder einem Sonnenbrand oder sonst irgendwelchen Beschwerden warteten darauf, von ihren jeweiligen Ärzten aufgerufen zu werden.

Ein paar Frauen blätterten in alten Ausgaben von Elle, Good Housekeeping und Reader’s Digest. Ein hagerer Mann um die dreißig, ganz in Schwarz gekleidet, schien in ein GQ-Heft vertieft zu sein. Eine sehbehinderte Frau mit dunkler Brille und einem Gehstock steckte sich ein grünes Tic Tac in den Mund. Neben ihr hörte eine Frau über winzige Kopfhörer bei geschlossenen Augen Musik. Ein Mann mit schlecht gefärbtem blondem Haar las irgendetwas auf seinem iPad. Eine weitere Frau mit einer roten Rita-Hayworth-Retrofrisur starrte ins Nichts. Ein Pärchen in den Zwanzigern, beide in T-Shirts und Shorts, schrieb endlose SMS-Nachrichten auf seinen Blackberrys. Einmal legte der Mann der jungen Frau für einen Moment eine Hand aufs Knie, und sie lächelte ihn an.

Als die Tür aufging und zwei Neuankömmlinge eintraten, sahen Rita Hayworth, der Mann in Schwarz und der iPad-Typ kurz auf, verloren aber gleich wieder das Interesse.

Die neuen Patienten waren eine Mutter mit ihrer Tochter, mindestens zwanzig Jahre auseinander und doch zum Verwechseln ähnlich. Beide waren dunkelhaarig mit rötlichen Strähnchen, teuer gekleidet und schlank, und beide trugen große dunkle Tiffany-Sonnenbrillen, die keine von ihnen abnahm.

Die Mutter meldete sie bei der Sprechstundenhilfe an, während die jugendliche Tochter sich einen Platz suchte, eine alte Cosmo-Ausgabe in die Hand nahm, sie aufschlug, wieder zuklappte und zurück auf den Tisch warf.

Sie wartete, bis ihre Mutter sich neben sie setzte.

»Ich gehe da nicht rein«, sagte sie leise.

»Aber sicher.« Die Mutter sprach mit leichtem spanischem Akzent.

»Nein.«

»Du hast versprochen, dich von dem Doktor ansehen zu lassen.«

Die Anspannung in der Stimme der Mutter war hörbar, sodass mehrere Leute den Blick hoben.

»Ich hab’s mir anders überlegt. Ich halte das nicht aus.«

»Du benimmst dich albern.«

»Und von wem habe ich das wohl, Mama?«

In der Stimme des Mädchens lag ein Beiklang von Hysterie. Ihre Mutter versuchte, ihre Hand zu nehmen, aber die Tochter zog sie blitzschnell fort.

»Ich verstehe dich ja, Schatz, mehr als irgendwer sonst, aber sie sind entzündet.«

»Du bist scheinheilig. Du kannst ja nicht mal das Wort sagen.«

»Hör auf, Felicia.«

»Augen«, sagte das Mädchen schaudernd. »Augen. Du hast einen Freak aus mir gemacht, und es ist grausam von dir, mich hierher zu schleifen.«

Inzwischen hörten alle zu, auch wenn die meisten versuchten, die beiden nicht offen anzustarren.

»Für mich ist das auch nicht leicht«, flüsterte die Mutter. »Das weißt du.«

»Dann werde ich es leichter für dich machen«, sagte das Mädchen.

Und stand auf.

»Was hast du vor?«, fragte die Mutter.

»Ich gehe«, antwortete das Mädchen.

Und ging zur Tür hinaus.

Die Mutter schnappte verzweifelt nach Luft. Dann stand sie auf und blickte hilflos zur Sprechstundenhilfe hinüber.

»Es tut mir sehr leid«, sagte sie.

»Mrs. Delgado …«, begann die Sprechstundenhilfe.

Aber die Frau war bereits gegangen.

Die Reaktionen waren unterschiedlich: Das junge Paar grinste sich an. Die blinde Frau presste leicht die Lippen zusammen. Der hagere Mann zog die Augenbrauen hoch, und Rita Hayworth schüttelte ihre rote Mähne.

Die Sprechstundenhilfe seufzte leise, ergriff einen Bleistift und strich einen Eintrag in ihrem Terminkalender.

15.

Um kurz nach vier rief Billie Smith bei Sam an, was diesen ziemlich erstaunte.

»Ich habe eine kleine Selbstvertrauenskrise«, sagte sie.

»Ich kann mir nicht vorstellen, warum«, sagte er. »Aber okay, was kann ich für dich tun?«

»Sehr viel.«

»Und wie?«

»Indem du dich zu ein paar zusätzlichen Proben unserer Szenen bereit erklärst. Vor allem unser Duett.«

»Das Duett? Das ist doch ein Klacks für dich, verglichen mit dem Rest.«

»Ehrlich gesagt«, fuhr Billie fort, »hatte ich gehofft, du könntest mir helfen, meinen Part im vierten Akt mit Don José durchzugehen.«

»Dann solltest du besser Jack fragen.«

»Er ist nicht so umgänglich wie du, Sam.«

Er hob verwundert die Brauen.

»Hast du mit Linda darüber geredet?«

»Mit Linda? Ausgeschlossen!«, sagte Billie.

Ihre Stimme klang entsetzt, wie bei einer Jugendlichen, die Angst davor hat, Schwäche zu zeigen, was Sam wieder einmal in Erinnerung rief, wie jung sie war.

»Ich bin sicher, Linda wäre gern bereit, ein paar zusätzliche Proben zu organisieren«, sagte er. »Aber von nächster Woche an proben wir ja sowieso montags und donnerstags, das müsste dir doch helfen.«

»Mir wär’s lieber, wir wären nur zu zweit, nur dieses eine Mal.« Billie ließ sich nicht beirren. »Damit ich wirklich das Gefühl habe, vor nächster Woche etwas erreicht zu haben.« Sie hielt einen Moment inne. »Ich verstehe ja, wenn du sagst, dass du nicht willst, aber bitte sag es nicht.«

Es war, als würde man zu einem Kind reden.

Sam seufzte. »Du müsstest zu mir nach Hause kommen. Wir könnten auf der Veranda proben.«

Allerdings würde Claudia da sein, Grace’ Schwester, die letztes Jahr auf so schreckliche Weise zur Witwe geworden war. Sie war ins Haus gekommen, um für Joshua den Babysitter zu spielen.

Oder, in diesem Fall, die Anstandsdame.

Besser, er ging auf Nummer sicher.

»Das wäre toll«, sagte Billie. »Morgen?«

»Ich muss es noch mit meiner Schwägerin absprechen«, sagte Sam. »Sie wohnt bei uns, solange meine Frau verreist ist.«

»Und kümmert sich um deinen kleinen Jungen?«, fragte Billie. »Joshua?«

»So ist es.«

»Um sieben, wenn es ihr recht ist?«

»Geht klar«, sagte Sam.

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