Logo weiterlesen.de
Blind Date mit einem Cowboy

1. KAPITEL

„Da ist ja eine ganze Herde von Cowboys!“ Abrupt blieb Stacie Summers mitten auf dem Bürgersteig stehen und starrte zur anderen Straßenseite hinüber. Seit sie vor zwei Wochen in Sweet River, Montana, angekommen war, hatte sie hin und wieder einen Cowboy gesehen, aber nie so viele auf einem Haufen. „Aus welchem Anlass?“

Ihre Freundin Anna Anderssen, die in Sweet River geboren war, hielt neben ihr an und fragte: „Welchen Tag haben wir heute?“

„Mittwoch.“

„Den zweiten Juni“, fügte Lauren Van Meveren hinzu. Die Doktorandin hatte gedankenverloren gewirkt, seit die drei Mitbewohnerinnen aus Sharon’s Food Mart gekommen waren. Doch nun war sie plötzlich ganz aufmerksam.

Obwohl sie normalerweise darauf gepocht hätte, dass es unhöflich war, andere Leute anzustarren, beobachtete sie mit unverhohlenem Interesse, wie die Cowboys aus dem Coffee Pot Café strömten.

„Mittwoch, der zweite Juni“, wiederholte Anna nachdenklich, während sie ihren Schlüsselring aus der Tasche holte und den Jeep aufschloss, der am Straßenrand parkte. „Bingo!“, fügte sie mit einem nachdrücklichen Kopfnicken hinzu.

Stacie öffnete die Heckklappe und stellte die schwere Tüte mit Lebensmitteln in den Kofferraum. „Die haben Bingo gespielt?“ Sie fand es seltsam, dass gestandene Männer sich an einem Mittwochmorgen zum Glückspiel trafen. Andererseits hatte sie bald nach ihrer Ankunft herausgefunden, dass Sweet River eine ganz eigene kleine Welt darstellte.

„Nein, du Dummerchen.“ Anna kicherte. „Der Viehzüchterverband trifft sich immer am ersten Mittwoch im Monat.“

Das erschien Stacie zwar sinnvoller als Bingo, doch sie hatte keine Ahnung, womit sich eine solche Organisation beschäftigen mochte. Denn ihr Geburtsort Ann Arbor in Michigan war alles andere als ein Viehzüchterparadies. Und in den ganzen zehn Jahren, die sie nun schon in Denver lebte, war ihr kein einziger Cowboy über den Weg gelaufen.

Als Lauren beschlossen hatte, für eine Weile in Annas Heimatort zu übersiedeln, um dort für ihre Dissertation über Kompatibilität zwischen Männern und Frauen zu recherchieren, hatte Stacie sich ihr bereitwillig angeschlossen. Denn die Suche nach ihrem perfekten Job – nach ihrer „Glückseligkeit“, wie sie es dank ihrer poetischen Ader gern nannte – lief nicht gut. Daher erschien ihr ein Tapetenwechsel wie eine gute Idee.

Aus irgendeinem Grund war sie davon ausgegangen, dass Sweet River wie Aspen, eine ihrer Lieblingsstädte, sein würde. Sie hatte eine Fülle von angesagten Shops und zahlreiche Doktoren, Anwälte und Geschäftsmänner erwartet, die sich gern in der freien Natur aufhielten.

Mensch, wie hast du dich bloß geirrt! „Ich habe noch nie so viele Männer mit Stiefeln und Hüten gesehen.“

Es waren große Männer mit breiten Schultern, wettergegerbter Haut und zotteligen Haaren, an die nie ein Stylist Hand angelegt hatte. Selbstbewusste Männer, die ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen führten und von einer Frau erwarteten, ihre Träume für ein einsames Dasein auf einer Ranch aufzugeben.

Obwohl die Luft warm war, fröstelte Stacie.

In Laurens Augen trat ein entrückter, verträumter Ausdruck. „Wusstest du, dass die ersten Cowboys aus Mexiko kamen? Sie waren als vaqueros bekannt. Das ist das spanische Wort für Cowboys.“

Stacie warf Anna einen flehenden Blick zu. Man musste Lauren stoppen, bevor sie richtig in Fahrt kam. Sonst war man gezwungen, während des gesamten Heimwegs einen Vortrag über die Geschichte des modernen Cowboys zu ertragen.

„Steig ein, Lauren“, befahl Anna und deutete zum Jeep. „Bevor unsere Eiscreme schmilzt.“

Trotz der eindringlichen Aufforderung hielt Lauren den Blick auf die Männer geheftet, die mit tiefen Stimmen redeten und lachten.

Einer von ihnen erregte Stacies Aufmerksamkeit. In Jeans, T-Shirt und Stiefeln, mit Cowboyhut und sonnengebräunter Haut unterschied er sich eigentlich nicht von den anderen. Doch er zog ihren Blick magisch an. Es musste daran liegen, dass er mit Annas Bruder Seth redete. Eine andere Erklärung konnte es nicht geben.

Bisher hatte es kein testosteronstrotzender Mann auf Stacies Radar geschafft. Sie favorisierte den künstlerisch angehauchten, zartbesaiteten Typ à la schmächtiger Poet gegenüber der baumstarken, muskelbepackten Sportskanone.

„Weißt du, Stacie …“, nachdenklich tippte Lauren sich mit dem Zeigefinger an die Lippen, „… irgendetwas sagt mir, dass deine Zukunft einem Cowboy gehören könnte.“

Ihre Recherchen zielten darauf ab, kompatible Partner zu ermitteln, und ihr erstes Versuchskaninchen – oder ihr „Forschungsgegenstand“, wie sie es gern ausdrückte – war Stacie.

Ein Knoten bildete sich in Stacies Magen bei der Vorstellung, mit einem Lasso schwingenden Reitersmann verkuppelt zu werden. Schnell sandte sie ein Stoßgebet gen Himmel.

Lieber Gott, bitte! Bloß keinen Cowboy!

Einige Wochen später ließ Stacie sich kampfbereit in einen hochlehnigen Korbsessel auf Annas Veranda fallen. Lange genug hatte sie Stillschweigen gewahrt. Nun musste sie endlich ihrem Unmut über das bevorstehende arrangierte Date Luft machen. Deshalb hatte sie Lauren um eine Unterredung gebeten.

Obwohl Stacie wusste, dass es für die Recherche wichtig war, den Mann zumindest ein einziges Mal zu treffen, hielt sie es für reine Zeitverschwendung. Auf beiden Seiten.

Im Geist formulierte sie gerade die Ansprache, in der sie nachdrücklich ihr nicht vorhandenes Interesse an einem Cowboy kundtun wollte, da wehte eine kühle Brise von den Crazy Mountains herüber und ließ das Foto in ihrer Hand flattern. Sie hob den Kopf und genoss die frische Bergluft im Gesicht. Selbst nach vier Wochen im „Land des weiten Himmels“ – einer der Spitznamen von Montana – war sie immer noch tief beeindruckt von der Schönheit ringsumher.

Sie blickte auf den großen Vordergarten hinaus. Wohin das Auge auch reichte, war das Land üppig grün. Und die Blumen … Es war gerade einmal Mitte Juni, doch schon standen Glockenblume, Indianernessel und Palmlilie in voller farbenfroher Blüte.

Die Fliegentür fiel klappernd zu; Lauren überquerte die Veranda und setzte sich auf einen Stuhl. „Was ist los?“

Stacie löste den Blick von der atemberaubenden Landschaft. „Dein Computer hat offensichtlich etwas Falsches ausgespuckt. Das ist die einzige Erklärung.“ Sie hob das Foto. „Sieht der etwa wie mein Typ aus?“

„Falls ihr über Josh Collins redet, der ist ein sehr netter Mann.“ Anna kam ebenfalls aus dem zweistöckigen Haus auf die Rundumveranda heraus. „Ich kenne ihn seit der Grundschule. Er und mein Bruder Seth sind die besten Freunde.“ Mit mäßigem Erfolg versuchte sie, ein schwankendes Tablett in ihren Händen auszubalancieren.

Lauren, die der Tür am nächsten saß, sprang auf und nahm der kecken Blondine das Tablett mit dem Krug Limonade und drei Kristallgläsern ab. „Du wirst dir in diesen mörderischen Schuhen noch den Hals brechen.“

„Frag mich mal, ob mich das kümmert.“ Verzückt musterte Anna ihre limettengrünen Stilettos mit der schmalen langen Spitze. „Die sind genau mein Stil.“

„Na ja, hübsch sind sie schon“, räumte Lauren ein. Sie neigte den Kopf zur Seite. „Ob sie mir wohl auch passen?“

„Hal-lo!“ Stacie hob eine Hand und winkte wild. „Erinnert ihr euch an mich? Ich bin diejenige, die jeden Moment ein Date mit Mister Wrong hat.“

„Beruhige dich.“ Lauren schenkte ein Glas Limonade ein, reichte es Stacie und setzte sich mit einer bewundernswerten Grazie. „Ich mache keine Fehler. Falls du dich erinnerst, ich habe dir die Auswertung vorgelegt. Sofern keiner von euch beiden in dem Fragebogen gelogen hat, seid ihr sehr kompatibel.“

Stacie wollte ihrer Freundin glauben. Schließlich war das arrangierte Date mit Alexander Darst, der kürzlich eine Anwaltskanzlei in Sweet River eröffnet hatte, ganz angenehm verlaufen. Nur hatte es leider zwischen ihnen nicht gefunkt.

Sie hob das Foto des Ranchers und musterte es eingehend. Stetson und Stiefel bestätigten ihre Theorie von einer Computerfehlfunktion – selbst wenn er nicht auf einem Pferd gesessen und sie ihn nicht bei der Sitzung des Viehzüchterverbands gesehen hätte.

Es hat einfach keinen Sinn, eine Großstadtpflanze mit einem Landei zusammenzubringen. Schließlich weiß jeder, dass Stadt und Land wie Öl und Wasser sind. Sie verbinden sich einfach nicht.

Leider war sie trotz all ihrer Scherze zu dem Thema enttäuscht. Sie hatte gehofft, einen Begleiter für den Sommer zu finden, einen vielseitig interessierten und gebildeten Mann, der ihre Liebe zum Kochen und den Geisteswissenschaften teilte.

„Er ist ein Cowboy.“ Trotz aller Bemühungen, beherrscht zu bleiben, rief sie aufgebracht: „Ausgerechnet!“

„Haben Sie etwas gegen Cowboys?“

Die verführerisch tiefe Stimme, die von den Stufen her ertönte, sandte einen Ruck durch Stacie. Sie ließ das Bild auf den Tisch fallen, drehte sich um und begegnete einem unverwandten Blick aus blauen Augen. Das ist er.

Sie musste zugeben, dass er von Nahem noch anziehender aussah. Er trug ein Chambray-Hemd, das seine Augen leuchten ließ, und dazu Jeans, die seine langen Beine umschmiegten. Kein Hut bedeckte seinen Kopf, nur dichtes dunkles Haar, das im Nacken bis über den Kragen reichte.

Unverhohlen musterte er sie ganz ausgiebig. Das Funkeln in seinen Augen verriet, dass er genau wusste, wie verzweifelt sie nach einem Ausweg aus der peinlichen Situation suchte, in die sie sich selbst manövriert hatte.

Leider konnte sie nicht auf Lauren zählen, denn die unterdrückte offensichtlich ein Lachen. Und Anna beobachtete die Szene nur mit erwartungsvoller Miene, ohne Beistand zu bieten.

„Natürlich mag ich Cowboys“, behauptete Stacie in dem dringenden Bedürfnis, das Schweigen zu brechen. Es schien sich endlos auszudehnen, auch wenn es vermutlich nur wenige Sekunden andauerte. „Cowboys regieren die Welt.“

Sein Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen, und Lauren lachte laut auf.

Stacie warf ihr einen strafenden Blick zu. Zugegeben, der Spruch mochte nicht besonders geistreich sein, aber es hätte schlimmer kommen können. Immerhin war sie überrascht worden. Erschreckt. Aufgewühlt. Von seinen Augen und von seinem Timing. Warum habe ich bloß nicht den Mund gehalten?

„Tja, ich kann nicht behaupten, das Sprichwort schon mal gehört zu haben“, verkündete er, „aber es trifft eindeutig zu.“

Okay, er ist also gnädig, dachte sie. Eine Eigenschaft, die den meisten Männern abging, die sie bisher kennengelernt hatte, und die sie sehr bewunderte. Zu schade, dass er nicht nur ein Cowboy war, sondern dazu auch noch so groß gewachsen. Er musste mindestens eins neunzig sein, mit breiten Schultern und muskulöser Gestalt. Markant. Männlich. Ein Traumtyp für viele, aber einfach nicht ihr Typ.

Trotzdem, als er den Blick aus diesen funkelnden blauen Augen erneut auf sie heftete, erschauerte sie. In deren Tiefen lag eine scharfe Intelligenz, und er strahlte ein Selbstvertrauen aus, das sie als reizvoll empfand. Dieser Cowboy war nicht auf den Kopf gefallen und ließ sich von niemandem etwas vormachen.

Stacie öffnete den Mund, um ihm ein Bier anzubieten – er wirkte auf sie nicht wie ein Limonadetrinker –, doch sie kam nicht dazu.

Denn Anna rief ihm zu: „Wie schön, dich zu sehen!“ Sie überquerte die Veranda, und ihre Absätze klickten laut. Als sie ihn erreichte, schlang sie die Arme um ihn. „Danke, dass du das Formular ausgefüllt hast.“

Er grinste und zog sie an den Haaren. „Für dich habe ich’s gern gemacht, Anna Banana.“

Lauren tauschte einen Blick mit Stacie und hakte nach: „Anna Banana?“ Ihre Lippen zuckten vor Belustigung. „Du hast uns nie erzählt, dass du einen Spitznamen hast.“

„Seth hat ihn mir verpasst, als ich noch ganz klein war“, erklärte Anna. Dann wandte sie sich wieder an Josh und drohte ihm mit einem Finger. „Du solltest diesen Namen doch vergessen.“

Ein Funkeln trat in seine Augen. „Ich habe ein gutes Gedächtnis.“

„Das habe ich auch. Ich erinnere mich deutlich, was Seth mir erzählt hat, dass ihr nämlich die traditionelle Form der Partnersuche bevorzugt. Trotzdem habt ihr Laurens Fragebogen ausgefüllt. Alle beide. Warum?“

Das Gespräch zwischen den beiden wirkte herzlich und entspannt. Ob sie mal miteinander liiert waren? fragte Stacie sich unwillkürlich. Die Vorstellung erweckte einen Anflug von … Etwas, das sie nicht richtig deuten konnte, aber fast an Eifersucht erinnerte. Aber das ist total verrückt. Ich bin kein bisschen interessiert an diesem Cowboy der Extraklasse.

„Seth hat es vermutlich getan, weil er weiß, dass du ihn sonst umbringen würdest“, erklärte er. „Ich habe es getan, weil er mich darum gebeten hat und ich ihm einen Gefallen schuldig war.“ Er schob die Hände in die Jeanstaschen und verlagerte das Gewicht auf die Fersen. „Ich habe nicht erwartet, vermittelt zu werden.“

Ihm liegt genauso wenig an diesem Date wie mir, durchfuhr es sie. Der Gedanke wirkte tröstend. Sie stand auf und ging zu ihm. „Ich werde versuchen, unseren Pflichttermin so schmerzlos wie möglich zu gestalten.“ Sie reichte ihm die Hand. „Ich bin Stacie Summers, Ihr Date.“

„Das habe ich mir schon gedacht.“ Er zog die rechte Hand aus der Tasche und schloss die Finger mit festem Druck um ihre. „Josh Collins.“

Zu ihrer Überraschung rann ein Prickeln an ihrem Arm hinauf. Verwundert über die Reaktion entzog sie ihm die Hand. Von Alexander Darst, dem netten Anwalt, war sie mehrmals berührt worden, ohne dass es geknistert hatte.

„Möchtest du uns Gesellschaft leisten, Josh?“, fragte Anna. „Wir haben frisch gepresste Limonade, und ich kann dazu die Kekse holen, die Stacie heute Morgen gebacken hat.“

Seine heitere Gelassenheit geriet nicht ins Wanken, doch irgendetwas verriet Stacie, dass er lieber ein Wildpferd zureiten wollte, als mit drei Frauen Limonade zu trinken und Kekse zu essen.

Obwohl sie noch vor wenigen Minuten alles dafür getan hätte, um dieses Date zu verhindern, kam sie ihm nun unwillkürlich zu Hilfe. „Entschuldige, Anna. Josh hat einem Date mit einer Frau zugestimmt, nicht mit Dreien.“

Lauren stand auf und trat vor. „Bevor meine Mitbewohnerin Sie entführt, möchte ich mich vorstellen. Ich bin Lauren Van Meveren, die Urheberin der Umfrage, an der Sie teilgenommen haben, und möchte Ihnen auch für Ihre Mitarbeit danken.“

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Josh schüttelte ihr die Hand. „Da waren ein paar mächtig interessante Fragen dabei.“

Stacie tauschte einen Blick mit Anna. Offensichtlich war er sich nicht darüber im Klaren, dass er Gefahr lief, den Damm zu einem unaufhaltsamen passionierten Redefluss zu brechen.

„Ich arbeite an meiner Dissertation.“ Laurens Gesicht erhellte sich – wie immer, wenn jemand Interesse an ihrem Projekt bekundete. „Die Umfrage dient mir dazu, Daten zu sammeln, die meine Hypothese stützen.“

„Seth hat erwähnt, dass Sie promovieren. Aber als ich nach Ihrem Fachgebiet gefragt habe, konnte er mir nichts Näheres sagen.“

Stacie unterdrückte ein Stöhnen. Die Schleusen waren nun offiziell geöffnet.

Eifrig richtete Lauren sich auf. „Sind Sie vertraut mit dem Verfahren?“

„Ein bisschen. Meine Mutter hat in Pflegewissenschaft promoviert. Ich erinnere mich gut, was sie durchmachen musste, damit ihr Thema anerkannt wurde.“

„Dann wissen Sie ja wirklich Bescheid.“ Lauren deutete zu einem Korbstuhl. „Setzen Sie sich doch. Ich erzähle Ihnen von meiner Hypothese.“

„Setzen wir uns doch alle“, schlug Anna lächelnd vor. So leise, dass nur Stacie es hören konnte, fügte sie hinzu: „Das könnte eine ganze Weile dauern.“

Stacie sank auf ihren Stuhl; Josh wählte den Platz neben ihr. Selbst wenn ich ihn vor Laurens Fachsimpelei retten wollte, dachte sie, jetzt ist es zu spät.

Zufrieden verkündete Lauren: „Ich war total begeistert, als mein Thema zugelassen wurde.“

„Und was genau untersuchen Sie?“

„Die Werte und Charakteristika, die zentrale Bedeutung für die Gründung zwischenmenschlicher Beziehungen und deren erfolgreicher Aufrechterhaltung haben“, dozierte sie, ohne Luft zu holen. „Ähnliche Konzepte werden bereits von vielen Onlinepartnervermittlungen angewendet. Aber meine Studien befassen sich auch mit den Kriterien, die für das Entstehen von Freundschaften relevant sind, nicht nur von Liebesbeziehungen.“

„Sehr interessant“, sagte Josh, und es klang überraschend aufrichtig. „Was hat Sie veranlasst, die Erhebungen gerade hier durchzuführen?“

„Anna hat es mir empfohlen.“

„Ich habe ihr erzählt, dass es hier so viele ledige Männer gibt.“ Anna schenkte ein Glas Limonade ein und reichte es ihm. „Und dass ich ein Haus habe, in dem sie mietfrei wohnen kann. Ich habe beschlossen, mitzukommen, weil mich in Denver nichts mehr gehalten hat.“

„Seth hat mir erzählt, dass du deinen Job verloren hast.“

„Meine ehemalige Arbeitgeberin sollte mir eigentlich ihre Boutique verkaufen.“ Anna setzte sich auf den letzten freien Stuhl am Tisch. „Aber dann hat sie an jemand anderen verkauft.“

Mitfühlend schüttelte er den Kopf. „Das ist echt übel.“

„Wem sagst du das!“

Der attraktive Cowboy versteht sich ja blendend mit meinen Mitbewohnerinnen, dachte Stacie. Fällt es überhaupt jemandem auf, wenn ich einfach aufstehe und gehe? Sie blickte in die Runde und stellte fest, dass er sie anstarrte.

„Es war schön, mit euch zu reden.“ Er leerte sein Glas und stand auf. „Aber Stacie und ich sollten jetzt gehen.“

Sie erhob sich ebenfalls. Mit ihm auszugehen, war ihr immer noch lieber, als stundenlang über Laurens Projekt oder Annas berufliche Enttäuschungen zu reden – so gern sie ihre Freundinnen auch mochte.

Josh folgte ihr zur Treppe. Obwohl er sie bei seiner Ankunft schon abschätzend taxiert hatte, spürte sie deutlich, dass er sie erneut musterte.

Verstohlen blickte sie ihn über die Schulter an. Dem Ausdruck in seinen Augen nach zu urteilen, fanden ihre Kaki-Caprihose und das pinkfarbene Baumwolltop seine Zustimmung. Ihre verkrampften Schultern entspannten sich ein wenig. Weil Anna versichert hatte, dass er ein netter Mensch war und sein Benehmen gegenüber ihren Mitbewohnerinnen es bestätigte.

Es gab sicherlich keinen Grund, sich gestresst zu fühlen. Doch als Stacie anfing über das Wetter zu plaudern, wurde ihr bewusst, wie nervös sie trotzdem war.

Falls Josh das Thema langweilte, so ließ er es sich nicht anmerken. Im Gegenteil, er sprach sehr engagiert über die geringfügigen Niederschläge in dieser Gegend. Er berichtete von einem besonders schlimmen Waldbrand nahe Big Timber vor einigen Jahren, bis sie sein schwarzes Allradfahrzeug erreichten.

Er öffnete die Beifahrertür, und als Stacie vortrat, half er ihr mit einer Hand um den Ellbogen in die Kabine hinauf.

„Danke, Josh.“

„Sehr gern“, erwiderte er mit einem lässigen Grinsen.

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Sie wusste nicht, warum sie so entzückt war. Vielleicht lag es daran, dass er sich unverhofft galant verhielt.

Dagegen hat sich der Herr Anwalt, von dem eher Wohlerzogenheit zu erwarten wäre, ein Mangelhaft in Betragen eingehandelt. Der hatte ihr nämlich nicht eine einzige Tür geöffnet und nicht einmal gefragt, was für einen Film sie im Kino sehen wollte, sondern einfach einen Thriller ausgesucht.

Josh dagegen wartete sogar, bis sie bequem auf dem Sitz saß, und schloss die Tür für sie, bevor er um den Wagen herumging.

Sie beobachtete ihn durch die Frontscheibe und bewunderte seinen selbstbewussten, zielstrebigen Gang. Er strahlte eine Zuversicht aus, die viele Frauen als reizvoll empfunden hätten, die aber nichts an Stacies Vorbehalten gegen Cowboys änderte.

Wie soll ich diesem netten Mann bloß beibringen, dass er nicht mein Typ ist?

2. KAPITEL

„Ich kann mich gar nicht daran gewöhnen, wie flach es hier ist“, verkündete Stacie, um das Schweigen zu brechen, das schon seit geraumer Zeit im Wagen herrschte. „Als Anna mir von ihrer Heimatstadt erzählt hat, habe ich mir einen Ort hoch in den Bergen vorgestellt, nicht in einem Tal.“

„Es ist oft enttäuschend, wenn sich die Dinge anders erweisen, als wir erwartet haben“, bemerkte Josh in abgeklärtem Ton.

„Das muss aber nicht so sein. Das Unerwartete kann auch eine angenehme Überraschung bedeuten.“

Erneut trat Stille ein.

Schließlich fragte er: „Wissen Sie eigentlich, dass ich übersinnliche Wahrnehmungen habe?“

Sie drehte sich zu ihm um. „Wirklich?“

Er nickte. „Meine übernatürlichen Kräfte senden mir gerade eine starke Botschaft.“

„Was denn für eine?“ Sie wusste nicht viel über paranormale Vorgänge, aber sie war neugierig. „Was verraten Ihnen Ihre Kräfte?“

„Wollen Sie das wirklich wissen?“

„Unbedingt.“

„Dass Sie eigentlich mit der ganzen Sache hier nichts zu tun haben wollen.“

Stacie erstarrte und vergaß einen Moment lang zu atmen. Sie wollte nicht unhöflich sein und seine Vermutung bestätigen, aber sie hasste es, zu lügen. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Zum einen durch Ihre Bemerkungen über Cowboys.“ Sein Lächeln nahm seinen Worten jegliche Schärfe. „Zum anderen durch den Ausdruck in Ihren Augen, als Sie mich zum ersten Mal gesehen haben.“

Sie wusste, dass sie seine Gefühle verletzt hatte, auch wenn er es sich nicht wirklich anmerken ließ. Das tat ihr leid. „Sie scheinen sehr nett zu sein“, sagte sie sanft. „Es ist einfach nur so, dass ich mich zu einer anderen Sorte Mann hingezogen fühle.“

Verwirrt zog er die dunklen Augenbrauen zusammen. „Gibt es mehr als eine Sorte?“

„Na ja, Sie wissen schon“, versuchte sie stockend zu erklären. „Ich rede von Typen, die gern shoppen und ins Theater gehen. Eine metrosexuelle Sorte.“

„Sie mögen feminine Männer?“

Sie lachte über sein Entsetzen. „Nicht feminin – nur sehr einfühlsam.“

„Und Cowboys sind nicht einfühlsam?“

„Nein, das sind sie nicht“, erwiderte Stacie prompt. „Oder etwa doch?“

„Nicht wirklich.“ Josh zuckte mit einer Schulter. „Jedenfalls nicht die, die ich kenne.“

„Das dachte ich mir.“ Sie seufzte und fragte sich, warum sie enttäuscht war, obwohl sie genau diese Antwort erwartet hatte.

„Sie meinen also, dass wir als Paar keine Aussicht auf Erfolg haben“, konstatierte er tonlos.

Sie zögerte. Um fair zu sein, sollte sie ihm eine Chance geben. Aber zögerte sie dadurch nicht nur das Unvermeidliche hinaus? Trotzdem, dieser Cowboy hatte etwas an sich …

Cowboy. Dieses Wort rüttelte sie auf wie ein Guss Eiswasser. „Nicht die geringste Aussicht“, erwiderte sie entschieden.

Forschend musterte Josh ihr Gesicht; ihre Wangen wurden heiß.

„Ich weiß Ihre Aufrichtigkeit zu schätzen“, versicherte er schließlich mit ausdrucksloser Miene. „Allerdings dachte ich eine Sekunde lang, Sie könnten anderer Meinung sein. Verrückt, oder?“

Eine Sekunde lang war sie tatsächlich versucht gewesen, seine Vermutung zu widerlegen. Bis sie zur Vernunft gekommen war. Er mochte gentlemanlike sein und die leuchtendsten Augen haben, die sie je gesehen hatte, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass Welten zwischen ihnen lagen.

„Das heißt allerdings nicht, dass wir uns nicht anfreunden können“, räumte Stacie ein. „Aber Sie haben sicherlich Unmengen von Freundinnen.“

„Keine ist so hübsch wie Sie.“ Er räusperte sich und drosselte das Tempo, als sie die Innenstadt erreichten. „Wenn Sie Hunger haben, können wir essen gehen. Oder ich kann Ihnen die Sehenswürdigkeiten zeigen und Ihnen etwas über die Geschichte von Sweet River erzählen.“

Stacie dachte über die Optionen nach.

„Soll ich Sie lieber nach Hause bringen?“

„Nein, nicht nach Hause.“ Da sie reinen Tisch gemacht hatten, sprach nichts dagegen, etwas Zeit miteinander zu verbringen. „Wie wäre es zuerst mit der Touristenführung? Danach können wir essen gehen, wenn uns danach zumute ist.“

„Geht in Ordnung.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Blind Date mit einem Cowboy" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen