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Bleibt dein Herz in Australien?

Michelle Douglas

Bleibt dein Herz in Australien?

1. KAPITEL

Kate blätterte weiter zum letzten Beleg im Ordner, schloss die Augen, schlug den Ordner zu und zählte bis zehn. Dann öffnete sie die Lider wieder, klappte den Ordner auf und fing noch einmal von vorn an.

Das Klingeln an der Tür kündete an, dass jemand das Büro betreten hatte, doch sie blieb hocken. Zwischen all den Kartons fiel es ihr ohnehin schwer aufzustehen.

„Hallo?“

Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie sich beim Klang einer solchen tiefen Männerstimme mit einem faszinierenden britischen Akzent sofort umgedreht. In diese Gegend kamen viele Touristen aus der ganzen Welt, und sie liebte die verschiedenen Akzente. Früher einmal hatte sie an jene Orte reisen und die unterschiedlichen Kulturkreise kennenlernen wollen, aber dann war sie mit Jesse schwanger geworden.

„Komme sofort!“, rief sie.

Da sie hinter dem Tresen hockte, konnte der Mann sie vermutlich nicht sehen.

Und obwohl sie sich sonst immer sofort ihren Kunden widmete, atmete sie nun tief durch und blätterte den Ordner noch einmal langsam durch.

Wo hatte sie den Beleg nur hingetan? Der Buchhalter hatte bereits in der Vorwoche danach gefragt, und sie hatte ihm versprochen, ihn ihm heute zu geben. Stöhnend ließ sie den Blick über die Kartons schweifen.

„Ist irgendetwas?“

„Entschuldigen Sie.“ Kate drehte sich um. „Ich …“

Sie verstummte und blinzelte. Wer konnte noch an Belege für Bootsreparaturen denken, wenn ein Mann wie dieser vor einem stand?

Vergeblich versuchte sie, ruhig zu atmen. Je länger sie den Fremden betrachtete, desto schwindeliger wurde ihr. Und da sie nicht vor ihm umfallen wollte, stützte sie vorsichtig die Knie auf den Boden. So konnte sie besser das Gleichgewicht halten. Hätte sie bloß nicht das Frühstück ausfallen lassen! Der niedrige Blutzuckerspiegel tat ein Übriges.

Der geheimnisvolle Fremde hatte nicht nur einen faszinierenden Akzent, sondern auch ein überwältigend attraktives Gesicht und einen tollen Körper. Ein derart perfektes Beispiel für männliche Schönheit hatte sie schon so lange nicht mehr gesehen, dass sie unwillkürlich seufzte. Soweit sie es beurteilen konnte, beeinträchtigte nur sein etwas zu kurzes Haar seine perfekte Erscheinung. Doch es war dunkel und schimmerte verführerisch, und sie stellte sich vor, wie es wäre, die Hände hindurchgleiten zu lassen …

Kate riss sich zusammen. „Hallo.“ Ihre Stimme klang ganz normal. Sie schaffte es sogar zu lächeln.

„Hallo“, sagte er wieder, diesmal leicht erstaunt. Dann lächelte er ebenfalls. Er hatte feste, aber sinnliche Lippen.

Plötzlich war ihr nicht mehr schwindelig, und es kam ihr vor, als hätte der Blitz sie getroffen. Es erschien ihr richtig und falsch zugleich. Es ergab einfach keinen Sinn, und sie fragte sich, ob der Fremde genauso empfand.

Eine verzehrende Sehnsucht, die sie nicht unterdrücken konnte, flammte in ihr auf. Kate zwang sich aufzustehen. „Tut mir leid, dass ich Sie habe warten lassen.“

Sie blickte auf die Uhr an der Wand hinter ihr. Es war erst elf, also hatte sie noch genug Zeit, alle Belege zusammenzusuchen und zu ihrem Buchhalter zu fahren.

„Ist alles in Ordnung?“, hakte der Fremde nach.

Jetzt schon, hätte sie beinah gesagt, beherrschte sich allerdings gerade noch rechtzeitig.

Sie war alleinerziehende Mutter mit einem Kind. Sie gab sich keinen verrückten Fantasien mehr hin.

Jetzt nicht mehr.

Der Tourist hatte dunkle Augen, die nun einen besorgten Ausdruck angenommen hatten.

„Ja, es geht mir gut. Entschuldigung. Ich war nur mit meinen Gedanken woanders.“ Bei ihm. Aber das durfte er nicht wissen.

Kate pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht und riss sich erneut zusammen. In diesem Moment wurde ihr klar, dass sie sich zu lange in ihrer Arbeit vergraben hatte und wieder mehr unter Menschen gehen musste. „Ich habe nur einen schlechten Tag, wissen Sie?“

„Ja.“ Er nickte kurz. „Das kann ich gut nachvollziehen – besonders heute.“

Als ihre Blicke sich trafen, herrschte einen Moment lang stillschweigendes Einverständnis zwischen ihnen. In ihrem schwach erleuchteten Büro konnte sie nicht ausmachen, ob seine Augen braun oder dunkelgrau waren. Jedenfalls wirkten sie ehrlich und machten ihn ihr sympathisch.

Plötzlich hellte ihre Stimmung sich auf. „Was kann ich für Sie tun?“ Kate zog das Reservierungsbuch auf dem Tresen zu sich heran.

Als er wieder lächelte, bekam sie weiche Knie. Bestimmt sah sie scheußlich aus! Trotzdem widerstand sie dem Drang, sich durchs Haar zu fahren und ihren Rock glatt zu streichen.

Der Fremde hingegen trug einen perfekt sitzenden anthrazitfarbenen Anzug und teure Schuhe.

„Ich möchte Ihre Chefin Kate Petherbridge sprechen.“

Erneut blinzelte sie.

„Ich war um neun schon einmal hier.“ Er deutete auf die Glastür, auf der noch die alten Öffnungszeiten des Vorbesitzers standen. Bisher war sie noch nicht dazu gekommen, diese zu ändern. „Aber es war niemand da – ziemlich unprofessionell.“

Da sie dieses Büro erst vor zwei Tagen bezogen hatte, wartete noch eine Menge Arbeit auf sie. Unwillkürlich ließ sie die Schultern sinken. Als der Fremde lächelte, bekam sie wieder weiche Knie.

„Aber wenn Sie einen schlechten Tag haben …“, er zuckte die Schultern, „… kann man nichts machen.“

Dann betrachtete er die Gegenstände, die sie auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte. Der Riemen ihrer besten Umhängetasche war gerissen, als sie auf Archie zulief, um ihm die Passagierliste zu überreichen, und nur durch ihre schnelle Reaktion hatte sie verhindert, dass die Tasche samt Inhalt auf den Meeresboden sank. Die beiden Scheckkarten, ihr Führerschein und die Krankenkassenkarte hatte sie nur abtrocknen müssen, doch ihr Adressbuch, die Geldscheine und die Fotos mussten noch trocknen. Der Schnappschuss von Danny und Felice, bevor diese in die Flitterwochen aufgebrochen waren, war völlig aufgeweicht.

„Meine Tasche ist ins Wasser gefallen.“

Wider Erwarten lachte der Fremde nicht, sondern nickte nur verständnisvoll.

„Davor hatte ich Moby, den Goldfisch, beerdigt.“ So hatte der Tag angefangen.

„Tut mir leid.“

„Danke.“

Der Mann hob die Hand. „Und ich habe heute Morgen mit meinem Mietwagen ein Känguru angefahren.“

Obwohl seine Worte sie zusammenzucken ließen, kam Kate zu dem Ergebnis, dass dieser Fremde nur Gutes bringen konnte. „Wie schnell sind Sie denn gefahren?“

„Achtzig.“

Wieder zuckte sie zusammen. Das arme Tier hatte den Zusammenprall sicher nicht überlebt.

Dann beugte er sich unvermittelt vor und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Simon Morton-Blake.“

Lächelnd schüttelten sie sich die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich heiße …“ Erst dann begriff Kate und wurde sofort ernst. „Wie war noch Ihr Name?“

„Morton-Blake. Simon.“ Argwöhnisch kniff er die Augen zusammen. „Warum? Kennen Sie ihn?“

Natürlich tat sie das, doch Felice hatte nie von ihrer Familie gesprochen.

„Offiziell heiße ich Simon Morton-Blake, der siebte Lord Holm.“ Selbstverächtlich verzog er die Lippen. „Aber das sagt Ihnen sicher nichts.“

Entgeistert betrachtete Kate ihn. „Sie sind ein echter Lord?“

„Ja. Beeindruckt Sie das?“ Ironisch zog er eine Braue hoch. „Ich glaube, in Australien macht ein Titel nicht viel her.“

„Nein, eher nicht, aber … haben Sie auch ein eigenes Schloss?“ Sie konnte sich ihn gut als Schlossherrn vorstellen. In einem Kilt.

Sei nicht albern, ermahnte sie sich dann. Er ist Engländer, kein Schotte.

„Zu meinem Anwesen gehören ein Herrenhaus aus dem fünfzehnten Jahrhundert und eine Schafherde, aber kein Schloss.“ Simon verzog das Gesicht. „Und, bin ich jetzt in Ihrem Ansehen gesunken?“

Kate lachte. Obwohl er Morton-Blake hieß und mit Felice verwandt sein musste. Obwohl Felice nie von ihrer Familie gesprochen, geschweige denn erwähnt hatte, dass sie adlige Verwandte hatte.

Er musste ein entfernter Cousin oder so etwas Ähnliches sein. Vielleicht hatte Felice ihm eine Postkarte geschickt und von der Schönheit von Port Stephens und ihrem Job bei ihr geschwärmt.

Aber warum hatte Felice Danny und sie in dem Glauben gelassen, dass sie keine Familie hatte?

„Und Sie sind?“

Seine Worte rissen Kate aus ihren Gedanken. „Oh, entschuldigen Sie.“ Sie rang sich ein Lächeln ab. „Ich bin Kate Petherbridge.“

Prompt verfinsterte sich seine Miene, während er die Hände auf den Tresen stützte und sich zu ihr herüberbeugte. Nun sah Kate, dass seine Augen dunkelgrau waren.

„Dann können Sie mir vielleicht sagen, wo meine Schwester steckt?“

Langsam sank sie auf den Stuhl. „Felice … ist Ihre Schwester?“

„Allerdings!“, rief Simon. „Und ich möchte wissen, ob es ihr gut geht.“

„Natürlich tut es das“, erwiderte sie betont geschäftsmäßig. „Es geht ihr sogar großartig.“

Daraufhin schloss er die Augen, strich sich übers Gesicht und sank auf den Hocker vor dem Tresen. „Gott sei Dank!“

Er ließ die breiten Schultern sinken, und erst in diesem Moment wurde ihr klar, wie sehr er sich die ganze Zeit zusammengerissen hatte. Sie wusste, wie es war, wenn man sich um Geschwister sorgte.

„Dass Felice Familie hat, ist mir neu.“ Tatsächlich hatte Felice sie in dem Glauben gelassen, überhaupt keine Verwandten zu haben. Wenn Simon ein Lord war, welchen Titel trug sie dann?

Und wusste Danny davon?

Simon kniff die Augen zusammen. „Das Spielchen spielt sie also. Trotzdem bin ich ihr Bruder. Zweifeln Sie etwa an meiner Glaubwürdigkeit?“

Am liebsten hätte sie die Lider geschlossen und sich dem Klang seiner Stimme hingegeben. Doch sie riss sich zusammen und straffte sich. „Haben Sie denn Beweise?“

Erneut beugte er sich zu ihr herüber. „Sie glauben mir also nicht?“

„Die Sicherheit meiner Angestellten liegt mir sehr am Herzen, Mr. Blake.“ Allerdings gehörte Felice jetzt nicht mehr zu ihrer Belegschaft, sondern zur Familie. „Ich kenne Sie überhaupt nicht und habe nur Ihr Wort. Vielleicht sind Sie ein Stalker.“

Nun lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme. „Und wenn ja? Was würden Sie dann machen?“

„Ich habe einen schwarzen Gürtel in Judo.“ Das entsprach den Tatsachen. „Und eine Harpune in der Schublade.“ Das war gelogen. „Also sehen Sie sich vor!“

Die Schreibtischschublade!

Schnell riss Kate sie auf. Da lag der Ordner mit all den Belegen, die ihr Buchhalter brauchte, damit sie keinen Ärger mit dem Finanzamt bekam. Sie konnte sich nicht entsinnen, ihn dort hineingetan zu haben. Erleichtert nahm sie ihn heraus und küsste ihn.

Simon hatte sich zurückgezogen, als würde sie tatsächlich eine Harpune zücken. Nun zuckten seine Mundwinkel.

„Mein Tag sieht jetzt viel besser aus“, gestand sie.

„Das freut mich.“

Als er seine Brieftasche aus dem Jackett nahm und darin zu suchen begann, nutzte Kate die Gelegenheit, um ihn zu betrachten. Simon Morton-Blake mochte ein Lord sein, aber er sah nicht so aus, als würde er die meiste Zeit am Schreibtisch verbringen. Er war zwar nicht gebräunt – schließlich wurde es in seiner Heimat gerade erst Frühling –, doch er wirkte wie jemand, der viel Zeit in der Natur verbrachte.

Außerdem hatte er gesagt, er würde Schafe besitzen.

Nun hielt er ihr eine Karte hin. „Hier, mein Führerschein.“

Sein Name war darauf gedruckt.

„Und das ist ein Foto von mir und meiner Schwester.“

Kate nahm es entgegen. Es zeigte ihn, ein älteres Ehepaar und Felice, die sie kaum wiedererkannte, weil sie so steif wirkte. Sie und Simon ähnelten einander nicht, aber dem älteren Paar – ihren Eltern?

„Das sind unsere Eltern“, erklärte er, als hätte er ihre Gedanken erahnt. „Und nein, sie leben nicht mehr.“

Wenigstens in dem Punkt hatte Felice also nicht gelogen.

Kate gab ihm beides zurück. „Das tut mir leid.“ Als er schwieg, fügte sie hinzu: „Haben Sie noch mehr Geschwister?“

„Nein.“

Somit war Felice seine einzige nahe Verwandte. Das erklärte seine Besorgnis.

„Darf ich Simon zu Ihnen sagen?“

Wieder lächelte er. „Gern.“

Noch immer hatte sie weiche Knie, obwohl sie saß. „Warum haben Sie sich solche Sorgen um Felice gemacht, Simon?“

„Weil ich seit zwei Monaten nichts mehr von ihr gehört habe.“ Er strich sich durchs Haar. „Und ihr Handy funktioniert nicht.“

„Es ist auch ins Wasser gefallen“, sagte sie vorsichtig. „Berufsrisiko, schätze ich.“ Betont lässig zuckte sie die Schultern, doch ihre Gedanken überschlugen sich. Warum hatte Felice sich nicht bei ihm gemeldet? Warum hatte sie ihm nicht von ihrer Heirat mit Danny erzählt?

Und was soll ich jetzt tun?

Bisher wusste sie zwar als Einzige von der Heirat, weil die beiden erst ihre Flitterwochen verleben wollten, ehe sie darüber sprachen, aber Felice hätte wenigstens ihren Bruder darüber informieren können.

„Wenn … wenn Sie wussten, dass Ihre Schwester für mich arbeitet, warum haben Sie mich dann nicht angerufen oder mir eine E-Mail geschickt?“

Simon hob das Kinn. Seine grauen Augen funkelten. „Ich wollte mich selbst vergewissern, dass es ihr gut geht und sie nicht in Schwierigkeiten steckt.“

In Schwierigkeiten? Felice war zweiundzwanzig – alt genug, um selbst über ihr Leben zu bestimmen.

„Sie steckt nicht in Schwierigkeiten.“

Er ging nicht darauf ein. „Wann kann ich sie sehen?“

Plötzlich hatte Kate das Gefühl, dass ihr Büro immer kleiner wurde. Unwillkürlich betrachtete sie seine Lippen. Obwohl er sie zusammengepresst hatte, stellte sie sich vor, wie es wäre, sie auf ihren zu spüren und …

Sie brauchte unbedingt frische Luft und etwas zu essen. „Kommen Sie.“ Schnell stand sie auf und ging zur Tür.

Simon folgte ihr, verließ ebenfalls das Büro und beobachtete, wie sie abschloss. „Bringen Sie mich jetzt zu ihr?“

„Wir trinken jetzt erst einen Kaffee.“

„Ich will keinen Kaffee!“

Nun, da er neben ihr stand, stieg ihr der würzige Duft seines Aftershaves in die Nase, der sie an Wälder, Moos und Wiesen erinnerte. „Ich aber.“

Nachdem er sie einige Sekunden lang angefunkelt hatte, lächelte er. „Sie kennen mich doch überhaupt nicht.“

Fassungslos über seinen plötzlichen Stimmungswechsel, musste sie sein Lächeln erwidern. „Stimmt.“

Und trotzdem schien es ihr, als würde sie ihn schon ewig kennen, was natürlich Unsinn war und nichts Gutes verhieß. Allerdings schreckte es sie nicht ab.

Ihr Büro lag in einer kleinen Einkaufspassage, und sie führte Simon an den kleinen Geschäften vorbei nach draußen in die strahlende Februarsonne und nach rechts zu Kellys Café.

„Was möchten Sie? Einen Flat White, Cappuccino oder Espresso?“, erkundigte sie sich.

„Egal.“

Als sie sah, wie er den Blick über die Bucht schweifen ließ, musste sie ein Lächeln unterdrücken. An einem Tag wie diesem, an dem das Wasser in der Sonne glitzerte, die Segel der Jachten im Wind flatterten und der goldgelbe Sand einen reizvollen Kontrast zum strahlend blauen Himmel bildeten, wirkte die Bucht einfach atemberaubend. Das Kreischen der Möwen und der leichte Salzgeruch des Meeres taten ein Übriges, um die Touristen und Einheimischen zu verzaubern.

Und den siebten Lord Holm.

„Möchten Sie etwas essen? Einen Muffin vielleicht?“ Bei der Vorstellung an Kellys Schokoladenmuffins merkte Kate, wie hungrig sie war.

„Nein, danke.“ Noch immer blickte er aufs Meer.

Wenn er nichts aß, verzichtete sie lieber auch. Mit schokoladenverschmiertem Mund würde sie nicht den Eindruck erwecken, den sie anstrebte.

„Zwei Flat White bitte“, bestellte sie den typisch australischen Cappuccino bei Kelly, die in der Nähe wartete.

„Und, hast du dich in deinem Büro schon eingerichtet, Schätzchen?“

„Es ist ein heilloses Durcheinander.“ In ihrer Rocktasche suchte Kate nach Kleingeld. „Ich glaube nicht, dass ich da etwas wiederfinde.“

„Und wenn sie es tut“, mischte Simon sich ein, während er zum Tresen ging, um Kelly einen Zwanzigdollarschein zu geben, „dann küsst sie es vor Dankbarkeit.“ Er zwinkerte Kate zu. „So ein Verhalten kann eine seltsame Wirkung auf einen Mann ausüben. Sie muss besser aufpassen.“

Als Kelly lachte, stimmte Kate ein. „Hätte ich gewusst, dass die Sonne sich so positiv auf Ihre Stimmung auswirkt, hätte ich Sie schon vor zehn Minuten hierher gebracht.“ Als sie sich dann vorstellte, wie es wäre, Simon zu küssen – und zwar viel leidenschaftlicher als den Ordner –, wurde ihr heiß.

„Das ist Felices Bruder Simon“, stellte sie ihn schnell Kelly vor.

„Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Neugierig betrachtete diese ihn. „Felice war diesen Sommer die Attraktion hier.“ Dann zwinkerte sie Kate zu. „Lässt du ihn auch auf deinem Boot arbeiten?“

Kate legte den Kopf zur Seite und tat so, als würde sie überlegen. „Na ja, er hat ziemlich kräftige Arme. Bestimmt kann er ein Boot ruhig halten.“

„Sicher kann er noch mehr als das, Schätzchen.“

Simon lachte wieder.

Nun ging ihre Fantasie noch mehr mit ihr durch. Wie sollte sie sich bloß aus der Affäre ziehen?

Kelly erbarmte sich ihrer. „Sucht euch einen Tisch. Ich bringe euch gleich den Kaffee.“

„Danke, Kelly.“

Kate suchte einen Tisch draußen im Schatten aus, von dem man einen fantastischen Blick über die Bucht hatte, doch ihr war immer noch heiß. Angestrengt versuchte sie, sich an ihr letztes Rendezvous zu erinnern.

Allerdings war das hier kein Rendezvous.

„Stehen Felice und Sie sich sehr nahe?“

Simon wurde ernst. „Ja, natürlich.“

Doch sie hatte sein Zögern bemerkt. Forschend betrachtete sie ihn. „Möchten Sie darüber reden?“

Sofort versteinerte seine Miene. „Da gibt es nichts zu erzählen.“

„Verstehen Sie mich nicht falsch, aber … Felice ist zweiundzwanzig. Sie hingegen sehen nicht so aus …“

Die Andeutung eines Lächelns trat in seine grauen Augen. „Ich bin zehn Jahre älter.“

Als Kelly ihnen dann den Kaffee brachte, bedankte Kate sich und beobachtete, wie er sie anlächelte. Offenbar war er ein netter Mensch.

„Das ist ein großer Altersunterschied“, meinte sie.

„Stimmt.“

Gedankenverloren trank er einen Schluck und danach noch einen, und sie fragte sich, ob er den Geschmack überhaupt wahrnahm. Kelly kochte den besten Kaffee in der ganzen Bucht, doch er war offenbar nicht in der Stimmung, diesen zu würdigen.

„Felice war schon immer leichtsinnig und verantwortungslos.“ Nun betrachtete er Kate forschend. „Was hat Kelly gemeint, als sie sagte, Felice wäre diesen Sommer die Attraktion hier gewesen?“

„Dass sie bei allen sehr beliebt war.“

Grimmig verzog er die Lippen. „Genau das hatte ich befürchtet.“

Am liebsten hätte sie ihn nach dem Grund dafür gefragt, doch sie beherrschte sich. Unter dem Tisch wählte sie auf ihrem Handy Felices Mobilnummer und hielt es dann ans Ohr. „Als sie für mich gearbeitet hat, war ich sehr zufrieden mit ihr.“ Sie schlug die Beine übereinander und wartete.

Beinah hätte er seinen Becher fallen lassen. „Sie rufen Felice an?“

„Hallo, ich bin’s“, sagte Kate, sobald Felice sich meldete.

„Hallo. Was gibt’s?“

„Tut mir leid, dass ich dich in …“ Kate warf Simon einen Blick zu. „Im Urlaub störe, aber du kommst nie darauf, wer hier ist. Der siebte Lord Holm sitzt mir gerade gegenüber.“

Das Schweigen am anderen Ende der Leitung verstärkte ihr Unbehagen. „Felice?“

„Simon? Simon ist bei dir?“

„Ja.“

„Was hast du ihm erzählt?“

Felices Stimme klang so schrill, dass Kate überlegte, ob Simon es wohl hörte. Da er sich nun vorbeugte, als wollte er ihr das Telefon entreißen, rückte sie ein Stück von ihm ab. „Nichts. Warum?“

„Das verstehst du nicht!“

„Offensichtlich nicht.“

Verblüfft blickte er sie an, als könnte er nicht fassen, dass sie tatsächlich mit seiner kleinen Schwester telefonierte. Als hätte er sie vor Dankbarkeit am liebsten in den Arm genommen und geküsst. Hatte er denn geglaubt, sie würde ihn im Ungewissen lassen?

„Er wird alles kaputtmachen!“

Aus irgendeinem Grund konnte sie das nicht glauben.

„Bitte, bitte, bitte, Kate. Versprich mir, ihm nicht zu sagen, wo ich bin.“

„Das kann ich wohl kaum.“

„Du darfst ihm nicht sagen, dass ich Danny geheiratet habe!“

Kate biss sich auf die Lippe. Als sie Simon anblickte und das Verlangen bemerkte, das in seinen Augen aufflammte, wurde sie von Hitzewellen durchflutet und sah die erotischsten Bilder vor ihrem geistigen Auge auftauchen.

Hör auf damit, ermahnte sie sich. Er war ein Tourist, und sie ließ sich grundsätzlich nicht mit Touristen ein.

„Kate, versprich mir, ihm nicht zu sagen, dass ich verheiratet bin!“

„Ich … hatte gehofft, du tust es.“ Schließlich wollte sie nicht diejenige sein, die Simon eröffnete, dass seine Schwester mit einem Mann durchgebrannt war.

„Das werde ich auch. Ich schwöre es. Sobald wir zurückkommen.“

In vierzehn Tagen!

„Ich sehe ihn vor mir“, fuhr Felice spöttisch fort. „Mit missbilligender Miene sitzt er da, trommelt mit den Fingern auf den Tisch und wartet nur darauf, zu erfahren, dass ich eine Dummheit gemacht habe.“

Unbehaglich fragte Kate. „Hast du das denn?“

„Da hast du es!“, rief Felice schrill. „Er hat dich schon bearbeitet.“

Kate schlug einen autoritären Tonfall an. „Beantworte ganz einfach meine Frage, Felice.“

„Verdammt! Ihr beide passt gut zusammen, weißt du das?“

Kate lächelte Simon an, aber er blieb ernst. „Sie hat gerade gesagt, wir beide würden gut zusammenpassen.“

Daraufhin lächelte er doch.

„Er ist wirklich bei dir, stimmt’s?“, hakte Felice nach.

„Ja.“

„Ich habe keinen Fehler gemacht, Kate.“

Kate blinzelte und wandte den Blick von Simon ab, weil dieser sie zu sehr aus der Fassung brachte.

„Ich liebe Danny“, fuhr Felice ernst fort. „Ihn zu heiraten war das Beste, was ich je getan habe.“

„Schon gut“, beschwichtigte Kate sie. „Aber kannst du mir wenigstens einen Gefallen tun? Rede mit ihm, und sag ihm, dass es dir gut geht, ja?“

„Ich will nicht mit ihm sprechen.“

Noch nie hatte Felice so stur geklungen. „Bitte, Felice.“ Unwillkürlich hielt Kate den Atem an.

„Er bringt mich bestimmt dazu, einfach aufzulegen.“

Langsam atmete Kate aus. „Trotzdem …“

„Versprichst du mir, mich noch einmal anzurufen, wenn du allein bist?“

Kate unterdrückte ein Seufzen. „Abgemacht.“ Dann reichte sie Simon das Telefon. „Seien Sie nett zu ihr.“

Er hielt es sich ans Ohr.

„Felice? Gott sei Dank! Geht es dir gut?“ Nachdem er einen Moment zugehört hatte, verfinsterte sich seine Miene. „Worauf willst du hinaus, verdammt? Ich …“

Er verstummte und hielt das Telefon vom Ohr weg. Am liebsten hätte Kate ihn darauf hingewiesen, dass er sich keine besonders große Mühe gab, nett zu sein.

Schließlich setzte er das Gespräch fort. „Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht!“ Einen Moment lang presste er die Lippen zusammen. „Also, raus mit der Sprache. Was hast du diesmal angestellt?“

Plötzlich tat Felice ihr leid – Felice, die so lebenslustig war … und so viel Liebe geben konnte.

„Was soll das heißen, es geht mich nichts an?“

Kate trank einen Schluck Kaffee und beobachtete Simon dabei. Er übertrieb wirklich in seiner Rolle als großer Bruder, der seine kleine Schwester beschützte. Habe ich Danny auch so mit meiner Fürsorge erstickt? Fragte sie sich unwillkürlich.

Allerdings betrug der Altersunterschied zwischen ihnen nur fünf Jahre. Zehn Jahre waren viel.

Nun ballte Simon die freie Hand zur Faust. „Natürlich geht es mich etwas an. Du hättest mir wenigstens Bescheid sagen können.“ Er hieb auf den Tisch. „Das ist Unsinn, und das weißt du auch. Ich …“

Er nahm das Telefon vom Ohr weg, um es zu betrachten. Dann hielt er es sich wieder ans Ohr. „Hallo?“ Er drehte sich zu Kate um. „Sie hat aufgelegt.“

„Kein Wunder!“ Sie nahm es ihm ab. „Hatte ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen nett zu ihr sein?“

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