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Bleib mir treu!

Inhaltsverzeichnis

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Danksagung

1.

Addie: Wir treffen uns später bei mir zu Hause. Falls ich nicht schon tot bin.

Mein Auto stand ganz am anderen Ende des Parkplatzes und ich konnte gar nicht schnell genug dort ankommen. Der Tag war furchtbar gewesen und passte perfekt zum Rest meiner ersten Schulwoche, die dieser ganzen Duke-ist-ein-Riesenarsch-der-mich-nur-benutzt-hat-Enthüllung gefolgt war. Ich kam ja halbwegs damit zurecht, dass alle Unterhaltungen abbrachen, sobald ich einen Raum betrat, aber die mitleidigen Blicke brachten mich um. Ich brauchte kein Mitleid. Wenn ich Glück hatte, würden die Winterferien, die direkt mit dem Verlassen des Parkplatzes begannen, die ganze Sache in Vergessenheit geraten lassen. Falls nicht, könnte Laila vielleicht die Erinnerungen sämtlicher Schüler dieser Schule löschen. Genau, das war’s, schulweiter Gedächtnisschwund – mein erster positiver Gedanke heute.

Ich trat vom Bordstein und bemerkte erst zu spät, dass ich nicht nach rechts und links geschaut hatte. Reifen quietschten. Ich riss instinktiv meine Arme in die Luft und bereitete mich innerlich auf den Aufprall vor. Ein Aufprall, der nicht kam. Bis jetzt jedenfalls nicht. Das Motorrad schoss in Zeitlupe auf mich zu, so langsam, dass ich ihm problemlos ausweichen konnte, bevor es mich erreichte. Connor, der Fahrer, war dabei, von der Maschine abzuspringen und sie auf den Asphalt fallen zu lassen. Glasscherben, die von einem zerschmetterten Seitenspiegel stammen mussten, schwebten an meinem Kopf vorbei. Ich streckte meine Hand aus und berührte eine davon mit meinem Zeigefinger. Sie fiel wie ein Stein auf den Asphalt, wo sie so schnell wie sonst kein Objekt um mich herum vor- und zurückschaukelte, bis schließlich auch sie zum Stillstand kam.

Weiter hinten am Motorrad riss sich Connor gerade den Helm vom Kopf und blickte dann suchend um sich. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und seine Bewegungen wurden dabei immer schneller, bis er nicht mehr ganz so aussah, als bewege er sich unter Wasser. Unsere Blicke trafen sich und plötzlich stand ihm die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.

»Addie, ich dachte, ich hätte dich überfahren. Ich war dabei, dich zu überfahren.«

»Mir geht’s gut.« Zumindest körperlich. In meinem Kopf sah es da schon ganz anders aus. Meine Gabe war immer ein und dieselbe gewesen – ich konnte das vorhersehen, was passieren würde, wenn ich vor einer Entweder-oder-Entscheidung stand. Ausloten nannte man das. Im Wesentlichen konnte ich damit in die Zukunft sehen oder besser gesagt: in zwei verschiedene Versionen der Zukunft. Dabei war es nie zu irgendwelchen Abweichungen gekommen. Zu keinen Überraschungen.

Bis jetzt.

Seit Kurzem spielte mein Talent völlig verrückt. Hin und wieder verlangsamte sich einfach die Zeit um mich herum. Dasselbe war letzte Woche auch in Bobbys Haus passiert und eigentlich hatte ich es als einen Einzelfall abgetan – nur ein Zufall, der im Eifer des Gefechts passiert war. Es war der extreme Stress oder, wie Bobby gesagt hatte, die extremen Emotionen. Es kam ja nicht ständig vor, dass jemand versuchte, mich umzubringen.

An diesem Tag war alles so unwirklich gewesen – die Zeit, die sich verlangsamt hatte, die Vision von Trevor im Krankenhaus. Aber diese Ausrede funktionierte jetzt nicht mehr. Heute wäre ich nicht beinahe zu Tode gekommen. Ich warf einen kurzen Blick auf das Motorrad, das auf der Seite lag. Na ja, vielleicht doch.

Plötzlich schoss ein heftiger Schmerz in meinen Nacken und von dort in meinen Kopf. Ich versuchte, mich zusammenzureißen, drückte meine Handflächen gegen die Schläfen und zwang mich dazu, die Schmerzen mit einigen Gedankenübungen auszublenden. Es half nicht.

»Bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?«, fragte Connor. »Weil du nämlich aussiehst, als müsstest du gleich kotzen.«

»Mir geht’s gut. Tut mir leid mit deinem …« Ich wollte gerade Motorrad sagen, da bemerkte ich Duke, der auf die Unfallstelle zugelaufen kam.

Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte, so schnell es mein pochender Kopf zuließ, in Richtung Auto.

»Was ist passiert?«, hörte ich seine Stimme hinter mir.

»Ich hab sie beinahe überfahren. Eigentlich hätte ich sie überfahren müssen. Im einen Augenblick war sie noch da, im nächsten verschwunden.«

Bloß noch dreißig Schritte bis zu meinem Auto. Ich streckte meine Hand aus, um sofort aufzuschließen. Keine Verzögerungen riskieren. Mein Kopf hatte sich endlich wieder beruhigt, ich legte also noch einen Gang zu. Doch dann war seine Stimme direkt hinter mir.

»Addie.«

»Nein.« Die Antwort war nicht besonders schlagfertig, aber die einzige, die mir über die Lippen kommen wollte.

»Hast du dir wehgetan?«

Es gab so viel, was ich ihm gerne auf diese Frage geantwortet hätte. Die Worte fluteten nur so durch meinen Kopf: Nicht annähernd so weh, wie du mir getan hast. Nicht annähernd so weh, wie ich dir tun werde, wenn du es wagst, auch nur einen Schritt näher zu kommen. Warum interessiert dich das überhaupt? Wolltest du der Einzige sein, der für schmerzhafte Erfahrungen in meinem Leben sorgt?

Natürlich sagte ich nichts davon laut. Ich ließ ihn im Glauben, dass er mich nicht verletzt hatte. Dass ich ihn nicht mal gemocht hatte. Dass alles, was ich je für ihn empfunden hatte, in der Sekunde verschwunden war, in der er meine Gefühle nicht mehr mit seinem Talent manipulierte.

Das jedenfalls war die Version, an die ich mich halten würde, komme, was da wolle. Diese Version ließ mir einen kleinen Rest Würde, an dem ich mich festklammern konnte.

»Nein.« Ich kam bei meinem Auto an und drückte auf den Schlüssel, um es zu öffnen. Dann zog ich die Tür auf und benutzte sie als Schild, bevor ich mich zu Duke umdrehte. »Mir geht’s gut.« Ich warf ihm ein Lächeln zu, um meine Worte zu untermauern.

»Das Gerede heute war grausam. Tut mir leid. Das legt sich bald.« Mit seinem Dauergrinsen kam es mir immer so vor, als würde Duke jeden Moment anfangen, einen Witz zu erzählen. Dumm war nur, dass ich wahrscheinlich die Pointe war, die er dann später bei seinen Kumpeln zum Besten geben würde: Und dann ist sie wieder auf mich hereingefallen. Badum-bum.

Duke fuhr mit der Hand durch seine Haare und strich sich dabei einige blonde zerzauste Strähnen aus der Stirn. Jetzt starrten mich seine blauen Augen ungehindert an. »Du hast es immer noch niemandem erzählt, oder?«

Und da war er schon, der Grund, warum er sich noch mit mir abgab. Ich wusste etwas über ihn, das ihm zum Verhängnis werden konnte. In Wahrheit war Duke ein Stimmungscontroller, auch wenn alle anderen nach wie vor davon ausgingen, dass Football-Star Duke Rivers ein Telekinet sei. Und er tat alles, um sie in diesem Glauben zu lassen. Er wollte um jeden Preis weiter im Team spielen, oder genauer gesagt wollte er Quarterback bleiben – eine Position, die der Trainer grundsätzlich nur mit Telekineten besetzte. Das machte all die mitleidigen Blicke in dieser Woche nur umso schlimmer. Vermutlich hielten mich alle für das arme naive Mädchen, das Dukes Charme an Ort und Stelle verfallen war. Wenn sie nur wüssten, dass ich keine andere Wahl gehabt hatte.

»Wir haben ein Abkommen. Du sorgst dafür, dass deine Kumpel aufhören, die Spieler der Normalen-Mannschaften zu verletzen, und ich verrate dein Geheimnis nicht. Gilt die Vereinbarung noch?«

Er nickte. »Aber du denkst, ich sollte die Wahrheit sagen.«

Ja! »Das ist mir so was von egal.« Ich stieg ein und zog die Tür hinter mir zu. Nicht hingucken, Addie, einfach nur den Wagen anlassen und losfahren. Ich drehte mich nach hinten, um beim Rückwärtsausparken über die rechte Schulter zu schauen. Wenn ich ihm dabei über die Füße fuhr, war das ganz allein seine Schuld. Als ich das Lenkrad wieder geradeaus richtete, schaffte ich es, ihn keines Blickes zu würdigen. Ich fuhr einfach los. Jetzt, da Duke Rivers wusste, dass sein Geheimnis bei mir sicher war, ließ er mich vielleicht endlich in Ruhe.

Ich lag völlig regungslos auf meinem Bett, während die Musik durch mein Zimmer flutete, und versuchte, meine Gedanken in ihren Klängen zu ertränken. Ich starrte auf die vielen Wörter an meiner Decke. Irgendwo da oben, zwischen den aufgemalten Zitaten, stand die Antwort auf die Frage, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Jedenfalls bildete ich mir das ein. Nachdem ich über eine Stunde einen Buchstaben nach dem anderen fixiert hatte, spielten meine Augen verrückt. Ein paar der Wörter erschienen dunkler als andere.

Leben. Andere. Manchmal. Essen.

Total hilfreich.

Meine Zimmertür flog auf und Laila kam herein. »Hörst du Journey? Suhlst du dich wirklich mit Journey in deinem Herzschmerz?« Das Licht ging an. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass es ausgegangen war, weil ich mich so lange nicht bewegt hatte, aber jetzt brannten meine Augen in der Helligkeit. »Es gibt auch moderne Bands, zu deren Musik man sich die Augen ausheulen kann.«

Ich rieb mir über das Gesicht. War es denn so offensichtlich, dass ich den ganzen Nachmittag lang geflennt hatte?

»Niemand singt bessere Schnulzen als Journey.« Meine Daunenbettdecke plusterte sich um mich herum auf, als hätte sie vor, mich langsam mit Haut und Haar zu verschlucken. Nicht, dass ich mich dagegen wehren würde.

Es gab einiges, was ich eigentlich erledigen sollte: Wäsche waschen, eine halbe Stunde meditieren, meine Sachen für den Besuch bei meinem Dad packen und dann noch der Friseurtermin, den meine Mom für mich gemacht hatte. In fünf Minuten. Und genau wie die ersten drei Punkte auf der Liste hatte ich vor, auch diesen sausen zu lassen.

Ich tastete nach der blauen Haarsträhne und wickelte sie um meinen Finger, immer wieder und wieder. Die Farbe war stark ausgeblichen, aber ich war noch nicht so weit, mich von dem Blau zu trennen.

Laila stand an meinem Wandmonitor, wahrscheinlich suchte sie nach geeigneter Musik für meinen Kummer. Ich wartete darauf, dass sie ihre Wahl traf, als es plötzlich ganz still im Zimmer wurde. Sie setzte sich an meinen Schreibtisch und wühlte in meinen Schubladen.

Ich spürte förmlich, wie mein Schreibtisch mit jedem Rascheln immer unordentlicher wurde. »Suchst du etwas?« »Papier.«

»Oberste Schublade rechts.«

Sie zog ein sauberes Blatt heraus, und bevor sie fragen konnte, sagte ich: »Stifte sind in der mittleren Schublade.«

»Perfekt. Zeit für eine Liste.« Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, legte ihre Füße, die in knallroten Pumps steckten, auf den Schreibtisch und das Blatt auf ihre Knie. »Überschrift: ›Rache‹. Untertitel: ›Wie zahlt man Duke heim, dass er nicht nur seine Gabe, sondern auch sein unfassbar gutes Aussehen missbraucht, um nichts ahnende, unschuldige Mädchen hereinzulegen.‹«

Bevor ich Gelegenheit hatte zu protestieren, fuhr sie schon fort: »Erstens. Wir müssen die ganze Schule dazu bringen, ihn für hässlich zu halten. Du weißt, dass ihn das umbringen würde. Ha, ich wette, wir könnten einen Illusionisten dazu überreden, uns zu helfen. Die brauchen nur das Bild, das alle von ihm haben, zu verändern. Das wird super. Okay, du bist dran. Zweitens.«

Ich lächelte. Vielleicht war so eine Liste gar keine schlechte Idee – allein der Gedanke an einen hässlichen Duke stimmte mich schon positiver. »Wie wär’s, wenn ihn ein Überredungskünstler dazu bringen würde, etwas echt Peinliches vor allen Mitschülern zu machen?«

»Kalan wird uns liebend gern helfen.« Sie notierte es sich und trommelte dann mit dem Stift gegen ihre Zähne. »Was noch …?« Sie stand auf und ging zu meinem Bücherregal, legte ihren Kopf zur Seite und überflog die Titel. »Gibt es hier keine Bücher, in denen Rachepläne geschmiedet werden?«

»Nur als Nebenhandlung.«

Sie drehte sich zu mir um und lehnte sich an das Regal. »Wir könnten uns nachts in sein Zimmer schleichen und seine Lippen schminken.«

»Wie sollen wir denn in sein Zimmer kommen?«

»Ein Materienmanipulator könnte durch die Wand laufen und die Haustür für uns aufschließen.«

»Glaubst du nicht, dass ihr Sicherheitssystem für solche Fälle gewappnet ist?«

»Wir werden schon einen Weg finden.«

»Warum? Ich bin mir sicher, dass er morgens duscht. Wozu der Lippenstift?«

»Dann weiß er, dass wir da gewesen sind. Dass wir ihn ständig beobachten, dass wir zu ihm kommen können, wann immer wir wollen. Außerdem wollte ich mir seine Lippen schon immer mal genauer ansehen. Sie sind umwerfend.« Noch fast im Satz wurde ihr klar, wie unpassend der Kommentar gewesen war, und sie senkte den Blick.

Ich rappelte mich auf und rutschte ans Kopfende. »Was lief eigentlich zwischen euch?«, fragte ich leise und war mir nicht sicher, ob ich die Antwort überhaupt wissen wollte. »Habt ihr euch geküsst?«

»Müssen wir wirklich darüber sprechen? Er hat uns doch beide reingelegt, oder?«

»Er hat mich betrogen. Und dich hat er dazu gebracht, mich zu betrügen.«

»Dich hat er genauso dazu gebracht, Dinge zu tun, die du nicht tun wolltest.«

Ich wollte gerade nicken, aber stimmte das? Wozu hatte er mich gebracht, außer dass ich ihn mochte? Er hatte die Gefühle zwar in mir erzeugt, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich diejenige war, die darauf eingegangen war. Stopp! Ich hatte Duke verloren; ich würde es nicht zulassen, dass er mir auch noch meine beste Freundin nahm. Ich musste endlich damit abschließen.

»Wir ziehen das hier nicht wirklich durch, oder?«, fragte Laila und hielt die Liste hoch.

»Nein. Aber es hat Spaß gemacht, es sich vorzustellen. Danke.«

Sie stieß einen langen Seufzer aus und ließ das Blatt durch den Schlitz des Papierkorbs gleiten. Dann warf sie einen Blick in Richtung Schreibtisch, wo ihre Handtasche lag, und fing an, mit dem Reißverschluss zu spielen. »Wenn ich dir etwas Wichtiges zu sagen hätte, etwas, das dich vermutlich sehr aufregen würde, würdest du es lieber jetzt hören oder wenn du von deinem Dad zurückkommst?«

Wahrscheinlich wollte sie mir Details über ihre Beziehung mit Duke erzählen. Ihr Gewissen erleichtern und dafür meins belasten. Ich seufzte und der leichte Druckschmerz hinter meinen Augen erinnerte mich daran, dass so einiges nicht ganz im Lot war. Mein Leben war ein einziges Chaos. »Im Moment brauche ich einfach mal eine Pause. Können wir darüber reden, wenn ich wieder zurück bin?«

Sie ließ den Reißverschluss los, wirkte sofort erleichtert und drehte sich um, um mich anzusehen. »Okay. Und was nimmst du alles mit, wenn du zu deinem Dad fährst? Sechs Wochen sind eine lange Zeit.«

2.

Laila: Du hast einen Ordnungsfimmel. Falls du’s noch nicht bemerkt hast.

Addie sortierte ihre Kleidung nach Farben. Absichtlich. Ihre Shirts lagen in ordentliche Quadrate gefaltet in verschiedenen Stapeln auf ihrem Bett. Rot, Grün, Blau in ihren jeweiligen Schattierungen und ein letzter mit neutralen Farben. Sie nahm ein rosa und braun gestreiftes Top und ihr Blick schoss zwischen zwei Stapeln hin und her. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie die Entscheidung wortwörtlich zerrissen hätte. Ich hatte das starke Bedürfnis, die Stapel einfach umzustoßen und alle Klamotten in die Luft zu werfen, um ein bisschen Chaos in ihre durchorganisierte Welt zu bringen.

»Das Schicksal des Universums hängt davon ab, auf welchen Stapel dieses T-Shirt gehört. Mach bloß keinen Fehler.«

Addie verdrehte die Augen. »Ordnung zu halten, ist keine Krankheit. Ich weiß, dass das Fremdland für dich ist, aber am Ende spart man Zeit.«

»Funktioniert so deine Gabe? Du bewahrst Zeit auf und benutzt sie, wenn’s nötig ist?«

»Vielleicht solltest du’s auch mal probieren.«

»Nein danke. Mein Job ist es, Zeit zu löschen. Minuten zu eliminieren. Schade, dass ich sie nicht für dich aufheben kann, damit du den Quatsch hier lassen kannst.« Ich schnipste mit den Fingern gegen ihre Klamottenstapel.

Endlich entschied Addie sich für den roten und packte dann ihre Kleidung in den offenen Koffer. Ein Koffer. Allein, dass er da war, gab mir einen Stich. Seit Ewigkeiten waren wir schon nicht mehr so lange getrennt gewesen und ich versuchte schon die ganze Zeit, nicht daran zu denken. Der Koffer machte es unmöglich. Ihn aus dem Fenster zu werfen, schien ein bisschen übertrieben, also beherrschte ich mich.

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass du nicht mitkommst. Noch hast du Zeit, es dir anders zu überlegen«, sagte Addie.

Mein Handy piepte. Ich hoffe, du bist zu Hause. Sorg dafür, dass die Jungs heute Abend die Wäsche waschen. Ich mach eine Doppelschicht.

Ich lachte. »Du bist sechs Wochen weg. Das ist viel zu lange.« Meine Brüder würden sich in der Hälfte der Zeit gegenseitig umgebracht und das Haus niedergebrannt haben. »Wir sehen uns in ein paar Wochen beim Spiel.« Ich schnappte mir meine Handtasche vom Schreibtisch und warf sie über meine Schulter.

Seit sieben Wochen trug ich den Brief nun schon mit mir herum und er machte meine Tasche um so vieles schwerer, als sie es in Wirklichkeit war. Auf der einen Seite hätte ich ihn gerne herausgerissen, ihr hingeworfen und wäre weggerannt. Andererseits war es auch das Letzte, was ich tun wollte. Immerhin hatte sich Addie den Brief selbst geschrieben, nachdem sie ihre Zukunft ausgelotet hatte. Ich hatte den gequälten Blick in ihren Augen gesehen, als sie danach wieder zu sich gekommen war und mich gebeten hatte, ihre Erinnerungen zu löschen. Sie hatte todunglücklich ausgesehen. Ich wusste nicht, was in dieser Nachricht stand, aber ich wollte Addie nicht noch einmal so erleben, egal wie schuldig ich mich fühlte, sie ihr vorzuenthalten. Vielleicht ging es ihr ja besser, wenn sie von ihrem Dad zurückkam.

»Wehe, du fährst morgen los, ohne dich zu verabschieden.«

»Würde mir im Traum nicht einfallen.«

Ich umarmte sie und ging.

In meinem Pick-up holte ich den Umschlag heraus, wie schon so oft in den letzten sieben Wochen. Die zerknickten Ecken waren der Beweis dafür, wie besessen ich davon war. Vorne auf dem Umschlag stand in Addies Handschrift »Am 14. November öffnen«. Wir hatten den 21. November und wie durch ein Wunder war er immer noch versiegelt. Das genaue Datum machte mir Sorgen. Ich hoffte, dass Zeit hier keine große Rolle spielte. Der 14. November war der Morgen nach dem Showdown in Bobbys Haus gewesen, vermutlich hatte sie einfach nur bis nach dem Ereignis warten wollen, um sicherzugehen, dass sich nichts verändert hatte. Unser beider Leben hatte in dieser Nacht an einem seidenen Faden gehangen und es ergab Sinn, dass diese zerbrechliche Balance nicht gestört werden durfte – was diesen Brief mit einschloss. Ich legte ihn zurück in meine Handtasche und ließ den Motor an.

Als ich durch die Haustür kam, schleuderte mir mein Bruder Eli ein zusammengeknülltes Blatt Papier an den Kopf. »Einkaufsliste. Wir haben nichts mehr zu essen im Haus und ich verhungere.«

»Hör auf, Sachen nach mir zu werfen, sonst gibt es Schläge.« Ich hob das Blatt auf, glättete es und überflog die Liste. »Wo ist Dad?«

»Kopfüber ins Bett gefallen.«

Ich warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Neun. »Schläft Derek schon?«

»Ja.«

»Hast du ihn gezwungen zu duschen? Ich glaube, es ist schon ein paar Tage her und er stinkt.«

»Ja. Er hat geduscht. Gern geschehen.«

Ich hockte mich kurzerhand auf Eli drauf und wuschelte durch sein weiches Haar. »Danke. Du bist der allerbeste Bruder der Welt.«

Er schob mich mit beiden Händen von sich, aber ich hielt ihn fest.

»Geh runter von mir.«

Ich gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und stand auf.

»Oh! Denk mal an irgendetwas. Ich trainiere gerade.« Eli wurde in drei Monaten vierzehn und hatte immer noch nicht initiiert. Und jetzt starrte er mich jeden Tag in dem Versuch an, meine Gedanken zu lesen.

»Nein.« Ich ging in die Küche. Er sprang auf und lief mir hinterher.

»Bitte.«

»Ich hasse es, wenn jemand meine Gedanken liest.« Ich öffnete den Vorratsschrank. Gähnende Leere. Ich schloss ihn wieder.

»Na los. Denk an irgendetwas. Ich werde immer besser.«

»Na gut.« So heftig ich konnte, dachte ich Idiot und starrte ihn an.

Er zog die Nase kraus und kniff seine fast pechschwarzen Augen vor Anstrengung zusammen. In diesem Moment ähnelte er meinem Dad so sehr, dass sich mein Magen verknotete. Ein frustrierter Laut kam über Elis Lippen und dann sah er wieder wie mein kleiner Bruder aus: sehr jung und sehr traurig. Ich übertrug meinen Gedanken und schob das Wort in seinen Kopf.

»Idiot!«, brüllte er begeistert.

»Yep, und das bist du. Wow, du wirst richtig gut.« Ich hob meinen Zeigefinger. »Und jetzt raus aus meinem Kopf.« Ich verließ die leere Küche. Er hatte recht, ich musste wirklich zum Supermarkt.

»Du solltest nicht so über dein eigen Fleisch und Blut denken«, brüllte er mir hinterher. Ich lachte und ging in das Zimmer, das sich meine Brüder teilten. Derek schlief, die Decke hatte sich um seine Beine gewickelt. Ich entwirrte sie und breitete sie über ihm aus.

Dann schnappte ich mir den Wäschekorb und die Klamotten, die um ihn herum auf dem Boden verteilt waren, und schleppte alles zur Waschmaschine.

Meine Mom bewahrte eine Geldkarte in einem leeren Waschmittelkarton versteckt auf. Mein Dad würde nie auf die Idee kommen, Wäsche zu waschen; hier war sie also sicher vor ihm. Wenn so ein Noteinkauf wie jetzt anstand, sollte ich damit bezahlen. Ich hievte mich auf die Waschmaschine hoch, streckte meine Hand nach dem obersten Regalbrett aus und zog den Karton herunter. Dann schnappte ich mir die Karte und stopfte sie in meine Hosentasche. Als ich wieder hinuntersprang, knallte ich gegen eine harte Brust. Mir wurde übel.

»Was machst du da?« Die wütende Stimme zerrte an jedem einzelnen meiner Nerven.

»Ach, du weißt schon, die Lebensmysterien erklären, neue mathematische Theorien aufstellen oder was man sonst noch so in der Wäschekammer macht.« Ich öffnete die Waschmaschine, stopfte die Klamotten hinein und hoffte inständig, mein Dad würde verschwinden. Er tat es nicht. Er blieb stehen und beobachtete jede meiner Bewegungen.

Mein Dad ist ein Loser, dachte ich immer wieder, wie ein Mantra. Denk bloß an nichts anderes. Loser, Loser, Loser. Manchmal war ich dankbar für die Downer-Drogen, die er täglich nahm und die sein Talent abschwächten. Andererseits, wäre er nicht von ihnen abhängig, würde er uns auch nicht ruinieren. Den Gedanken konnte er ruhig mithören.

Er brummte und ich lächelte, während ich auf den Startknopf der Waschmaschine drückte. »Ist noch was?«, fragte ich über das Geräusch des einlaufenden Wassers hinweg. Hoffentlich zeichnete sich die Karte nicht in meiner Hosentasche ab.

Sein Blick schoss zu meiner Jeans. Ich fluchte innerlich.

»Her damit.«

»Die ist für Lebensmittel. Kannst du dich einmal in deinem Leben nicht wie ein Idiot benehmen?«

Er packte mein Handgelenk. »Gib mir das Geld, Laila.«

»Lass. Mich. Los.« Ich spannte meine Muskeln an, bereit, das Knie hochzureißen, aber ich hielt inne, als unsere Blicke sich trafen. Sein Blick war völlig ausdruckslos und gleichzeitig unsagbar verzweifelt.

»Deine Mutter wird heute Abend etwas zu essen mitbringen.« Er griff in meine Hosentasche und nahm die Karte an sich.

»Du bist einfach nur erbärmlich.«

Er drückte mein Handgelenk noch fester. Ich riss mich los und schob mich mit der Schulter an ihm vorbei. Eigentlich wollte ich meinen Vater lieb haben, aber stattdessen konnte ich nur entweder Mitleid oder Hass für ihn empfinden. Und ich ärgerte mich über mich selbst, dass heute Abend das Mitleid gewann.

3.

Addie: Mir ist langweilig. Mach was dagegen.

Ich wusste, was da lief. Sie versuchten, mich einzuschüchtern. Alles im Tower war auf psychische Einschüchterung angelegt. Von außen sah er wie eine Festung aus und war bei Weitem das düsterste Gebäude im Sektor. Und das höchste. Der Tower war der einzige Ort, durch den man in die Außenwelt gelangen konnte. Unmittelbar davor parkten unzählige Para-Autos, denn nur Autos, die für die normale Welt zugelassen waren, durften zur anderen Seite passieren.

Der dritte Stock, in dem ich mit meiner Mutter saß, bildete in Sachen Einschüchterung keine Ausnahme. Die Möbel waren schwer und dunkel, nicht die schlichte helle Einrichtung, die man sonst vielerorts fand. Es gab kaum Licht. Und die Tatsache, dass ich ihre Einschüchterungstaktik durchschaute, machte es keinen Deut besser. Ich wischte meine schweißnassen Handflächen an meiner Jeans ab. Wir warteten schon seit über einer Stunde (was uns wahrscheinlich klarmachen sollte, dass ihre Zeit wichtiger war als unsere).

»Wie lange noch?«, fragte ich meine Mom.

Sie sah von ihrem Tablet auf die geschlossene Tür. »Sicher nicht mehr lange. Warum liest du nicht etwas?« Sie zeigte auf das geschlossene Buch in meiner Hand, aber ich konnte mich nicht aufs Lesen konzentrieren.

Ich zuckte mit den Schultern und lugte zur Decke, wo ein Licht blau flackerte. »Überwachen sie uns?«

»Das sind bloß Sicherheitskameras. Warum bist du so nervös? Du bist doch vor ein paar Wochen zu diesem Football-Spiel gefahren.«

»Ja, aber damals ging es nur um einen Passierschein für eine Übernachtung. Wir mussten bloß einen Vertrag durchlesen und unterschreiben. Jetzt geht es um einen Langzeitaufenthalt.«

»Das macht keinen großen Unterschied – man braucht bloß eine Hintergrundgeschichte, einen Auffrischungskurs in Normalkunde, das mentale Gutachten und den Geheimhaltungsvertrag.«

»Soll mich das jetzt beruhigen?«

Sie strich mir ein paar Mal übers Knie. »Du schaffst das schon.« Ihre Stimme war nicht warm genug, um mir wirklich Mut zu machen. Aber ich rechnete es ihr hoch an, dass sie nicht von ihrem Talent Gebrauch machte und mich einfach dazu überredete, gelassen zu sein. Meine Mom konnte selbst entscheiden, wie viel Macht ihre Worte hatten.

Die Tür glitt mit einem Surren auf und ein Mann, der die Einschüchterung in Person war, kam heraus. Er sah gut aus – groß, schwarzes Haar, graue Augen, muskulös. Aber eine lange Narbe zog sich quer über seine Wange, als hätte er höchstpersönlich einen Regelwidrigen verfolgt und ihn zum Schweigen gebracht. Ich fragte mich, warum er seine Haut nie hatte regenerieren lassen. Vermutlich hatte er erkannt, wie wertvoll die Narbe für seinen Job war.

»Wir sind bereit für Sie, Addison.« Die raue Stimme passte perfekt zu seinem harten Äußeren.

Rette mich, formte ich stumm mit meinen Lippen, bevor ich ihm folgte.

Meine Mom vedrehte bloß die Augen. Mein Dad hätte so getan, als werfe er mir einen Rettungsring zu.

Narbengesicht führte mich in einen großen, fast leeren Raum. Nur ein Tisch, zwei Bürostühle und ein Regal voller elektronischer Geräte empfingen uns.

»Bitte nehmen Sie Platz. Ich bin Agent Farley vom Sicherheitskomitee.« Er nahm sich ein Tablet und schaltete es an, dann scrollte er durch ein paar Seiten.

Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken. Die Lehnen fühlten sich kalt an gegen meine nackten Arme. »Hi. Ich bin Addie.«

»Addie, bitte geben Sie Ihr initiiertes Talent zu Protokoll.« Er richtete das Tablet leicht in meine Richtung, vermutlich, um meine Stimme aufzunehmen.

»Divergenz.«

Im Gegensatz zu den meisten anderen schien er zu wissen, was das bedeutete, oder wenigstens wusste es das Tablet, denn es beschwerte sich nicht oder bat um eine Beschreibung. Obwohl ich mich im gleichen Moment fragte, ob das wirklich noch mein Talent war. Ich hatte immer angenommen, dass ich divergent war, denn meine Großmutter war es auch gewesen, aber vielleicht hing mein Talent, in die Zukunft zu sehen, ja damit zusammen, dass ich in Wirklichkeit Zeit manipulieren konnte. Nach allem, was ich in der letzten Zeit erlebt hatte, wäre der Gedanke gar nicht so abwegig. Und es war absolut normal, dass Talente sich bis ins Erwachsenenalter hinein weiterentwickelten und ausweiteten. Nur sagen wollte ich das dem Mann vor mir nicht unbedingt. Was, wenn es doch nicht normal war?

Der Moment, in dem ich noch etwas hätte hinzufügen können, verstrich. Ich schwieg. Was hätte ich schon sagen können? Okay, es könnte sein, dass da noch mehr ist, aber ich habe keinerlei Kontrolle darüber. Ich bin mir sicher, dass dann sein Tablet eine dicke fette Warnung von wegen Aufenthalt-wird-abgelehnt-bis-Talent-sich-stabilisiert ausgespuckt hätte. Also hielt ich den Mund.

Er drehte mir sein Tablet zu und der Vertrag erschien auf dem Bildschirm. »Sie reden nicht über Ihr Talent. Sie benutzen Ihr Talent nicht vor Normalen. Sie geben niemandem Einblick, dass Sie ein Talent haben. Außerhalb des Sektors müssen Sie so handeln, aussehen und sprechen, als seien Sie eine Normale. Haben Sie das verstanden?«

»Ja.«

»Die Hand hierhin bitte.«

Ich drückte meine Handfläche auf den Bildschirm und wartete auf das Urteil des Computers. Ich bemühte mich, gleichmäßig zu atmen und meinen Herzschlag ruhig zu halten. Der Computer sollte mir glauben, dass ich es mit der Geheimhaltung des Sektors ehrlich meinte. Dass der Tower nichts zu befürchten hatte.

»Falls Sie sich nicht an diese Regeln halten, kann das gravierende Konsequenzen nach sich ziehen, wie eine komplette Löschung des Gedächtnisses.«

Ich nickte. Vermutlich sagten sie diese Dinge bloß, um einem Angst einzujagen. Oder würden sie tatsächlich sämtliche Erinnerungen löschen, nur weil man jemandem vom Sektor erzählt hat?

»Okay.« Jetzt lächelte er. Zum ersten Mal. Auf seinem harten Gesicht wirkte es fehl am Platz. »Der Auffrischungskurs in Normalkunde findet zwei Türen weiter links statt. Kommen Sie hierher zurück, wenn Sie fertig sind.«

Nach dem Kurs schwirrte mir der Kopf. Ich versuchte, all die Fakten und Details nach Priorität zu ordnen, und schob die unwichtigen in meinen Hinterkopf – wie man beispielsweise einen Getränkeautomaten oder Toilettenpapierhalter in öffentlichen Toiletten bedient – damit ich mich an die Dinge erinnern konnte, die ich wirklich brauchte: wie Schlösser aufschließen oder Licht anmachen.

Ich kehrte zurück in den kahlen Raum, in dem Agent Farley immer noch am Metalltisch saß. Er drehte sich um, als die Tür aufging. »Fertig?«

»Ich glaube schon.«

»Gut. Ich hoffe, Sie haben genau aufgepasst. Es ist wichtig, dass Sie nicht auffallen.«

»Es war unheimlich lehrreich. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich den Kaugummiautomaten falsch bedient hätte.«

Er nickte zustimmend. Sarkasmus war wohl ein Fremdwort für ihn. »Genießen Sie die Zeit, und nicht vergessen, die Einreise in den Sektor ohne Ihre ID-Karte ist so gut wie unmöglich.«

»Okay.«

»Wer hat Sie hierher begleitet?«

»Meine Mom.«

»Und plant sie, den Sektor mit Ihnen zu verlassen?«

»Nein. Ich besuche meinen Dad.«

»Ihren Vater …« Er warf einen Blick auf sein Tablet. »Bradley Coleman. Wohnhaft in Dallas, Texas.« Er strich mit seinem Finger seitwärts über den Bildschirm und scrollte durch verschiedene Fenster. »Seine Erinnerungen an den Sektor sind immer noch intakt.«

»Ja, natürlich.«

Er zog eine Augenbraue in die Höhe, als ob das »natürlich« fehl am Platz wäre.

»Wissen Sie, ob … kommt das sehr häufig vor, dass Erinnerungen gelöscht werden?«

»Nur wenn Versprechungen nicht gehalten wurden.«

Das beantwortete nicht wirklich meine Frage, aber von ihm würde ich wohl sowieso keine richtige Antwort bekommen.

Sein Finger glitt weiter über den Bildschirm seines Tablets. »Dann haben also lediglich zwei Ihrer direkten Verwandten den Sektor verlassen.«

Ich richtete mich auf und reckte meinen Hals, um auf das Tablet zu schauen. »Zwei?«

Sein Finger stoppte auf dem Bildschirm und er kniff kurz die Augen zusammen. »Nein. Mein Fehler. Nur der eine. Bloß Ihr Vater.«

»Richtig … genau. Mein Dad.«

Er stand auf und legte das Tablet ins Regal neben andere, die genau gleich aussahen. Ich starrte es einen Moment lang an, bevor er einmal kurz klatschte und damit meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zog.

»Okay. Hier ist Ihr mentales Programm; wir haben es auf ein Medium übertragen, das mit Normal-Technologie kompatibel ist.« Er drückte mir ein kleines schwarzes Objekt in die Hand, das wie ein breiter kurzer Stift aussah und einem Hologrammsimulator ähnelte. Ich musste wohl ziemlich verwirrt aussehen, denn er fügte hinzu: »Man nennt das USB-Stick. Sie müssen diesen weißen Knopf nach vorne schieben, dann können Sie ihn in einen Computer oder einen Laptop stecken. Allerdings nicht in einen Fernseher.«

Ich nickte. Im Ernst? Das idiotische Video, das ich mir vorhin angucken musste, hatte mir die Benutzung von Dutzenden Küchengeräten erklärt, aber nicht so etwas Wichtiges wie USB-Sticks?

»Und hier ist Ihre Hintergrundgeschichte und ein bisschen Auffrischungsmaterial über Normal-Geschichte.« Er zog einen orangen Umschlag aus dem Regal und reichte ihn mir. »Lernen Sie Ihre Hintergrundgeschichte auswendig und halten Sie sich daran. Sie ist speziell auf Sie abgestimmt.«

»Okay.«

»Ich glaube, das war alles.«

Meine Mom stand am anderen Ende des Flurs und sprach mit einem Mann in Anzug. Man sah ihr an, dass sie sich über irgendetwas ärgerte. Bevor ich sie erreichte, drehte sie sich um und bemerkte mich; ihr angespannter Gesichtsausdruck wurde etwas weicher. Ich konnte gerade noch hören, wie der Mann sagte: »Ich wünsche noch einen angenehmen Tag.« Die Worte passten nicht zum Ton seiner Stimme.

Als er weg war, fragte ich: »Musstest du dich auch befragen lassen?«

»Nein.« Sie lief voraus in Richtung Ausgang.

»Worum ging es dann?«

Sie seufzte schwer und dann fiel ihr Blick auf den USB-Stick, den ich immer noch fest umklammert in meiner Hand hielt. »Ich wollte eigentlich bloß dafür sorgen, dass sie dich dein Programm mitnehmen lassen.«

»Oh.« Ich hielt es in die Höhe. »Sieht ganz so aus, als hätten sie das getan.«

»Gut.«

Ich steckte den USB-Stick in meine Hosentasche. »Wann hast du zum letzten Mal den Sektor verlassen, Mom?«

»Oh, das muss Jahre her sein.«

»Haben sie damals auch schon diese ganze Einschüchterungsmasche abgezogen?«

Sie lächelte. »Klar doch.«

»Alles ist so übertrieben dramatisch.«

»Sie lieben es eben, sich wie das Jüngste Gericht aufzuspielen.«

»Ist Dad der Erste in unserer Familie, der den Sektor verlassen hat?«

Sie zuckte kurz zusammen. Hätte ich nicht darauf geachtet, wäre mir das vielleicht nicht einmal aufgefallen. Die Eltern meiner Mom wohnten ungefähr zehn Minuten von uns entfernt und die Mutter meines Dads war vor fünf Jahren gestorben. Sie war auf dem Friedhof im Stadtzentrum neben ihrem Ehemann beerdigt, der gestorben war, als ich sieben war. Mein Dad und ich besuchten einmal im Jahr ihre Gräber. Hatten meine Eltern etwa Geschwister, die sie mir verschwiegen? Aber vielleicht hatte Narbengesicht auch nur einen Fehler gemacht. Oder es waren tatsächlich zwei Personen auf seinem Bildschirm gewesen.

»Ja. Der Allererste«, sagte sie.

Warum hatte ich nicht das Talent meines Dads? Dann hätte ich feststellen können, ob sie log.

Sie küsste mich auf die Wange und hielt mich länger als nötig in den Armen. Ich fragte mich, ob sie das Gleiche dachte wie ich – dass das unser erstes getrenntes Thanksgiving und Weihnachten sein würde. Ich zog sie fester an mich und versuchte, mir etwas von ihrer Kraft zu holen – für die nächsten sechs Wochen in der Normalwelt.

4.

Laila: Ein Uhr nachts. Wenn ich wach sein muss, dann du gefälligst auch.

Es verfolgte mich – dieses idiotische Datum auf dem Briefumschlag. Jedes Mal, wenn ich in meine Handtasche griff, schien der Umschlag meine Hand zu streifen. Und jetzt raubte schon alleine der Gedanke daran mir den Schlaf. Sechs Wochen noch, bis Addie wieder nach Hause kam. Ich konnte den Brief samt diesen Schuldgefühlen unmöglich noch weitere sechs Wochen mit mir herumschleppen, ohne zu wissen, was darin stand. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, schlug ich die Bettdecke zurück, holte meine Handtasche und riss den Umschlag auf.

Das Papier war liniert und dreimal gefaltet, nicht gerade sorgfältig. Die eine Ecke war zerknittert. Ich strich das Blatt glatt und las den Brief, den Addie an sich selbst geschrieben hatte.

Jemandem, der mir sehr wichtig ist, habe ich versprochen, dass ich die Erinnerung an ihn nicht löschen lasse, aber ich habe keine andere Wahl.

Freitagmorgen, den 14. November, nach gewissen Ereignissen, mit Laila über weiterentwickelte Talentsteuerung reden. Ihr sagen, dass sie lernen kann, wie man Erinnerungen wiederherstellt. Das ist der einzige Weg, wie ich mein Versprechen an dich halten kann …

Ich las ihn zweimal – beim ersten Mal noch zu sehr unter Schock, um den Inhalt zu begreifen. Ihr Gedächtnis wiederherstellen? Addie wollte, dass ich ihr Gedächtnis wiederherstellte? Ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Hatte ich die Fähigkeit in der alternativen Wirklichkeit besessen, die sie ausgelotet hatte?

Ich wusste, dass einige Erwachsene mit meinem Talent dazu fähig waren. Manche konnten Erinnerungen sehr genau verorten und beispielsweise nur die Erinnerung an ganz bestimmte Personen aus dem Gedächtnis löschen. Im Moment war meine Gabe noch unausgereift. Sie entwickelte sich. Bisher konnte ich nur Zeitabschnitte löschen. Zwei Tage, drei Wochen, so etwas in der Richtung. Wenn ich erst einmal im Besitz meiner vollen Gabe war, würde ich zu mehr imstande sein. Aber Addies Nachricht bedeutete ja, dass ich jetzt schon Erinnerungen wiederherstellen konnte. In meinem Alter.

Allerdings hätte sie sich kaum noch ungenauer ausdrücken können. Ein paar direkte Informationen wären schon ganz hilfreich gewesen. Zum Beispiel, wie ich das Ganze anstellen sollte und aus welchem Grund überhaupt. Bobby war der Einzige, von dem ich wusste, dass er Leuten half, ihre Talente weiterzuentwickeln. Aber Bobby war keine Option, so hinter Gittern. Außerdem hätte ich mich nie mit ihm getroffen, egal in welcher Wirklichkeit. Also, zu wem war ich wohl gegangen, der mir geholfen hatte, mein Talent weiterzuentwickeln?

Ganz toll. Diesen blöden Brief aufzumachen, war nicht besser, als ihn wochenlang mit sich herumzuschleppen.

Ich las ihn noch einmal.

Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Ich hatte meine Gabe nie wirklich ausgereizt, aus Angst vor dem, was passieren konnte, wenn ich das Limit überschritt. Aber das hier bewies doch, dass es sehr wohl möglich war. Ich musste mich nicht mehr zurückhalten.

Ich öffnete meine Schreibtischschublade und griff mir einen vom ATF genehmigten elektronischen Clip. Vielleicht lohnte es sich ja, ein paar extra Stunden in bewusstseinserweiternde Programme zu investieren. Doch als ich den Clip an meiner Karte befestigen wollte, hielt ich inne. Die alten Routinen würden mir jetzt nicht weiterhelfen. Ich brauchte etwas anderes. Und ich wusste auch schon, wo ich es finden würde.

Die Party war schon in vollem Gange, als ich ankam. Das hier war keine der Feiern, zu denen ich Addie manchmal mitschleppte. Selbst ich hätte normalerweise einen Bogen um eine Party wie diese hier gemacht. Die Wände waren voller ungetesteter Programme – eine Kombination aus Lichtern und Bildern, die Gott weiß was für einen Müll in die Hirne der Gäste sendeten. Wenn ein Programm nicht zu meiner Gabe passte, wurde mir normalerweise kotzübel. Manche behaupteten ja, dass solche Programme sie in ein neues Level katapultierten, aber ein neues Level an Übelkeit war nicht das, was ich unter Spaß verstand.

Doch ein ungetestetes Programm, das auf mein Talent passte? Ich war mehr als bereit, es auszuprobieren. Ich schlenderte durch den Raum, auf der Suche nach einem bekannten Gesicht, den Blick geradeaus gerichtet. Die Lichtprogramme, die auf den Wänden tanzten, schoben sich von allen Seiten in mein Blickfeld.

Vor mir entdeckte ich Kalan, sie saß mit Kopfhörern an einer Wand. Ich blieb neben ihr stehen und tippte sie mit der Spitze meines Stiefels an: »Kalan.«

Sie nahm die Kopfhörer von den Ohren. »Hey. Was läuft? Ich wusste gar nicht, dass das hier dein Ding ist.«

»Ist es auch nicht.«

»Dann bist du gar nicht wirklich hier?«

Ich verdrehte die Augen. »Doch.« Ich deutete mit dem Kinn auf die Wand hinter ihr. »Hast du eine Ahnung, ob’s hier irgendwo ein Programm zum Löschen von Erinnerungen gibt?«

»Nein, hier ist nichts gekennzeichnet. Das ist ja der Witz an der Sache. Und man kommt mal aus seiner eigenen Schublade raus.«

»Okay.« Ihr seid alle Idioten. »Wer ist hier eigentlich verantwortlich?«

»Keine Ahnung. Aber ich glaub nicht, dass er hier ist.«

Ich seufzte und wollte gehen. Vielleicht bekam ich woanders mehr in Erfahrung.

»Bleib doch, Laila.« Ihre Stimme klang sanft und harmonisch. Eigentlich war es eine tolle Idee, noch ein wenig mit ihr hierzubleiben und … um ein Haar hätte ich vergessen, dass Kalan ein Überredungskünstler war.

»Hast du gerade wirklich dein Talent benutzt?«

Sie lächelte. »Wir üben hier. Gehen über Grenzen. Du solltest es wirklich auch mal versuchen.«

Sofort setzte ich mich neben sie. »Und funktioniert es? Kommst du weiter?«

Sie legte ihren Kopf in den Nacken und lachte. »Geht so. Aber es macht Spaß.«

Ich schüttelte den Kopf. Das half mir nicht. Ich wollte aufstehen, aber sie hielt mich am Unterarm fest.

»Ich brauch deine Hilfe.«

Ich warf einen Blick auf ihre Hand an meinem Arm und sie ließ ihn los. »Wobei?«, fragte ich.

»Ich brauche jemanden, der eine Erinnerung löscht.«

»Du möchtest eine deiner Erinnerungen gelöscht haben? Kein Problem. Sag mir, wann es passiert ist und wie lange es gedauert hat.«

Sie räusperte sich und schaute auf ihre Hände. »Nein. Keine von meinen Erinnerungen. Die eines anderen.«

Ich setzte mich aufrechter hin. »Was? Nein.« Addie war immer der Meinung, dass ich von meinem Talent allzu freizügig Gebrauch machte, aber ich hatte meine Grenzen.

»Ich weiß, dass du das schon mal gemacht hast. Ich hab gesehen, wie du Patrick vor den Schließfächern geküsst hast. Am nächsten Tag hab ich ihn drauf angesprochen, weil ich dachte, ihr wärt zusammen, und er hat mich angeschaut, als wäre ich verrückt. Er dachte, ich hätte mir das nur eingebildet.«

»Das geht dich überhaupt nichts an. Das waren meine Erinnerungen, die ich mir zurückgeholt habe. Nicht seine.«

»In diesem Fall würde es aber um eine Erinnerung gehen, die mich betrifft. Ehrenwort.«

»Tut mir leid, Kalan. Nein. So was mache ich nicht«, sagte ich und ließ sie allein mit ihrem Programm an der Wand sitzen.

Ich lief weiter und blieb an einer offenen Tür stehen. Irgendjemand hier drinnen hatte dafür gesorgt, dass alles – die Leute mit eingeschlossen – zwei bis drei Zentimeter über dem Boden schwebte. Das war ziemlich abgedreht, selbst für einen Telekineten. Ich kannte nicht viele, die mehr als einen Gegenstand gleichzeitig bewegen konnten, geschweige denn einen ganzen Raum. In der Mitte des Zimmers stand ein Junge und er war der Einzige, der nicht schwebte. Ich kannte ihn nicht, aber als er meinen Blick bemerkte, grinste er von einem Ohr zum anderen und alles fiel krachend auf den Boden.

»Das war unter einer Minute«, rief jemand laut.

»Ich war abgelenkt«, sagte er und lächelte mir zu.

Ich machte eine Handbewegung und er kam sofort angelaufen, wie ein eifriger Welpe.

»Wie hast du das gemacht?«

Er zuckte mit den Schultern und beugte sich vor. Sein Atem stank nach abgestandenem Rauch. »Ich bin einfach talentiert.«

»Wer hat dir das Programm verkauft?«

»Was für ein Programm?«

Ich seufzte. »Das von eben.«

Doch dann schaute der Typ über meine Schulter. »Super Party«, rief er.

Das musste der Gastgeber sein. Ich drehte mich um und, nein, ich kannte ihn nicht – klein, rote Haare –, aber vielleicht hatte er Antworten.

»Hey.« Ich holte ihn weiter hinten im Flur ein. »Wo hast du diese Programme her?«

»Die sind vom ATF.«

»Ja, klar. Sind sie nicht. Ich will selbst welche kaufen.«

Der Typ warf mir einen prüfenden Blick zu und mir schoss sofort durch den Kopf, ob er wie Addies Dad ein Erkenner war und herausfinden wollte, ob ich die Wahrheit sagte.

Jedenfalls musste die Prüfung positiv ausgefallen sein, denn er sagte: »Er heißt Connor.«

»Connor Bradshaw?«

»Ich glaub schon.«

Was sagt man dazu. Ich kannte Connor nur flüchtig. Über die Jahre hatten wir ein oder zwei Kurse zusammen gehabt. Er war auf seine leicht heruntergekommene Bin-eben-erstaufgestanden-Art ganz süß. Ich wusste, dass Connor harmlose Pusher und Blocker verkaufte, die zwar nicht empfohlen wurden, aber durchaus legal waren. Vor ein paar Wochen erst hatte er mir einen Blocker auf einer Party angeboten – aber es war völlig an mir vorbeigegangen, dass er auch illegale Programme verkaufte. Perfekt. Wie jeder andere Typ würde auch Connor leicht um den Finger zu wickeln sein. Noch ein Tag, bis ich meine Antworten hatte.

5.

Addie: Erwachsenenpartys sind noch nerviger als die von Jugendlichen.

Ich saß in dem Zimmer, das Dad in seinem neuen Haus für mich ausgesucht hatte. Abgesehen von der schlichten Einrichtung war es gar nicht so übel. Meine Füße lagen auf dem Schreibtisch und ich lackierte mir die Zehennägel in zwei verschiedenen Farben – Schwarz und Orange. Nicht, weil ich in Festtagsstimmung war. Mir war langweilig. Logischerweise hatte ich keine Freunde in Dallas, mein Dad hatte nur ein paar Fernsehsender und ich hatte nur zwei Bücher eingepackt, die ich beide schon gelesen hatte – eins auf der Fahrt hierher und das andere gestern. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Zwei Bücher für sechs Wochen? Tolle Idee. Aber von der Langeweile mal ganz abgesehen war die Reise genau das, was ich gebraucht hatte. Ich hatte Zeit für mich allein, konnte mein Talent und den Lernstress, der damit verbunden war, hinter mir lassen und mir überlegen, wie es nun weitergehen sollte.

Mein Dad steckte seinen Kopf durch die Zimmertür und sagte: »Ich gehe heute Abend zu einer Thanksgiving-Party vom Büro. Willst du mit?«

Beinahe hätte ich laut gefragt: Muss ich da mit Leuten sprechen?, aber stattdessen zuckte ich bloß mit den Schultern.

»Ich glaube, mein Chef hat eine Tochter in deinem Alter. Oder war es ein Sohn? Keine Ahnung, auf jeden Fall wird jemand in deinem Alter da sein.« Wahrscheinlich sah er mir an, dass ich mich nicht entscheiden konnte, denn er faltete seine Hände und sagte: »Ich mach dir ein Angebot.«

»Was für ein Angebot?«

»Wenn du mit mir zu dieser Büroparty kommst, nehme ich dich morgen früh in den großartigsten Buchladen mit, den du je im Leben gesehen hast.«

Mich damit zu beeindrucken, war nicht schwer, und das wusste er. Vor allem wenn man davon ausging, dass der einzige Buchladen, den ich je gesehen hatte, ein kleines, abgewracktes Antiquariat war. Es war ein Angebot, dem ich unmöglich widerstehen konnte, und auch das wusste er. Er hatte offensichtlich sein Talent eingesetzt und meine Mimik gedeutet, denn er lächelte schon, bevor ich geantwortet hatte.

»Muss ich mich schick machen?«

Er betrachtete mich von oben bis unten und sein Blick blieb auf den ausgefransten Hosenbeinen meiner Jeans haften. »Vielleicht ein bisschen. Wäre ein Rock völlig indiskutabel?«

»Mit einem Rock kann ich vermutlich leben.«

»Okay, dann scheinen wir einen Deal zu haben. Reicht dir eine Stunde?«

»Klar.«

Auf dem Weg zur Party fragte ich mich, ob mein Dad mich mit dem Hintergedanken eingeladen hatte, ein paar Freunde kennenzulernen, damit ich auch über Weihnachten hinaus bleiben würde. Er hatte angedeutet, dass er es schön fände, wenn ich noch länger bei ihm wäre und das Schuljahr hier beendete, aber ich musste einen Grund gehabt haben, warum ich mich für das Leben mit meiner Mutter entschieden hatte. Irgendetwas an diesem Leben hier musste mir nicht gefallen haben, als ich die Alternativen ausgelotet hatte. Und was würde es bringen, meine Meinung zu ändern, nachdem ich mir die ganze Mühe mit der Entscheidung gemacht hatte?

»Was ist los, Kleines?«, fragte mein Dad und tätschelte mein Knie.

»Nichts.«

»Wir brauchen nicht lange zu bleiben, okay?«

Das war die falsche Unsicherheit, die er aus meinem Gesicht herausgepickt hatte, aber ich wusste sein Mitgefühl trotzdem zu schätzen. Und nicht lange bleiben zu müssen, klang großartig. »Danke.«

Wir bogen in eine Straße ein. Große Häuser zeichneten sich in der Dunkelheit vor uns ab. Unsichtbare Vögel krächzten in den Baumwipfeln lautstark im Chor. Welche Vögel waren so nachtaktiv?

Die Sackgasse, in der die Straße mündete, stand schon voller Autos, als wir vorfuhren. Meine Handflächen waren bei dem Gedanken an den kommenden Smalltalk bereits schweißnass.

Als wir aus dem Auto stiegen, vergegenwärtigte ich mir noch einmal meine Hintergrundgeschichte. Die Haustür, eine von der protzigen Sorte, stand halb offen und der Partylärm schlug uns schon auf dem Gehweg entgegen. Wir gingen einfach hinein und mein Dad grüßte mehrere Leute, die zusammenstanden, als wir uns einen Weg ins Zentrum des Hauses bahnten.

»Ah! Coleman!«, rief ein breitschultriger, grauhaariger Mann von der anderen Seite des Zimmers.

Mein Dad winkte und wir gingen zu ihm hinüber. »Jenson. Danke für die Einladung. Das ist meine Tochter Addie.«

»Hi, Addie.« Er schüttelte meine Hand kräftig und schaute sich dann um. »Hmm, meine Tochter müsste sich hier irgendwo herumtreiben und ist bestimmt ein viel besserer Umgang für dich als wir langweiligen Alten.« Je länger er suchte, desto ungeduldiger wurde er. »Entschuldigt kurz.« Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer. »Bist du oben?«

Mein Dad und ich tauschten Blicke und gaben uns Mühe, nicht laut loszulachen.

»Könntest du bitte runterkommen? Ich möchte dich jemandem vorstellen.«

Na super, jetzt zwang ich auch noch jemandem gegen seinen Willen eine Party auf. Der perfekte Beginn einer Freundschaft.

Der Kollege meines Dads beendete das Gespräch. »Warum holst du dir in der Zwischenzeit nicht etwas zu essen? Hier, ich zeig dir, was es alles Gutes gibt.« Er ging voraus zum Buffet und kurz darauf balancierte ich in einer Hand einen Teller voller Essen und in der anderen eine Limonade. Als seine Tochter schließlich zu uns kam und er sie mir vorstellte, hatte ich keine Hand frei. Sie war sehr hübsch, größer als ich, mit dunklen Haaren und Augen und einem Outfit, das perfekt abgestimmt war.

»Stephanie, das ist Addie. Ihr Vater und ich sind Arbeitskollegen. Willst du Addie ein bisschen das Haus zeigen?«

»Klar.« Sie bedeutete mir mit einer Handbewegung, ihr zu folgen. Als wir weit genug von unseren Vätern entfernt waren, flüsterte sie: »Okay, das Essen ist grausam. Mein Dad ist Vegetarier und denkt, dass Tofu praktisch überall mit reingehört. Glaub mir, das Zeug willst du nicht essen.« Ich folgte ihr in die Küche und sie kippte den Inhalt meines Tellers in den Mülleimer. »Falls du Hunger hast, kann ich etwas Vernünftiges für dich auftreiben.«

»Danke, alles okay.«

Sie strahlte mich mit einem perfekt weiß blitzenden Lächeln an. »Also, das ist die Küche.« Sie zeigte auf einen Bogendurchgang. »Und dort drüben ist das Wohnzimmer … und … willst du eigentlich wirklich die große Tour durchs Haus oder war das die Idee meines Dads?«

»Die von deinem Dad.«

»Dachte ich mir. Komm, ich zeig dir das wichtigste Zimmer. Meins.«

Stephanies Zimmer war so etwas wie ein Jahrbuch, das ihr Leben zeigte – überall hingen Fotos. Und da, wo keine Fotos waren, standen Pompons und Cheerleading-Pokale. Ein großes Football-Poster hing an der Wand, um einen der Spieler war ein Herz gemalt. Ich trat näher, betrachtete den Jungen und war überrascht, als ich ihn wiedererkannte. Trevor. Dunkle, wellige Haare, hohe Wangenknochen, unglaubliche Augen. Er sah genauso aus, wie ich ihn vom Football-Spiel vor ein paar Wochen in Erinnerung hatte … und von meiner seltsamen Vision oder Halluzination oder was immer das gewesen sein mochte, was ich da im Krankenhaus gehabt hatte. Ich bemühte mich, den Gedanken daran zu verdrängen, aber mit seinem Bild direkt vor meinem Gesicht und meinem Herz, das plötzlich anfing zu rasen, war das gar nicht so einfach.

Wie kam es, dass ich so eine wirklichkeitsgetreue Vision von jemandem gehabt hatte, den ich kaum kannte?

Weil dein idiotisches Talent verrückt spielt.

Ich strich mit den Fingern über die glatte Oberfläche des Posters, berührte sein Gesicht und zog dann die Linien des roten Herzens nach, einmal, zweimal. »Ist das dein Freund?«

»Trevor? Nein, mein Exfreund. Wir waren immer mal wieder zusammen, aber er hat ziemliche Probleme und ich hatte es satt, mich damit herumzuschlagen.«

»Probleme?« Ich zog meine Hand zurück, schüttelte sie und richtete meinen Blick wieder auf Stephanie.

»Er hat seit letztem Jahr eine Verletzung und schafft es nicht, damit klarzukommen.«

Jetzt pochte mein Herz aus einem anderen Grund gegen meine Rippen, denn ich wusste genau, warum und wie Trevor sich diese Verletzung zugezogen hatte. Ich drehte mich weg. Sie sollte nicht sehen, wie ich vor lauter Wut auf Duke rot wurde.

»Ich habe so lange zu ihm gehalten. Ich hab sogar eine Party für ihn gegeben, damit er über sein Trauma hinwegkommt.« Sie schüttelte den Kopf, als ob sie nicht weiter fortfahren wollte.

Ich räusperte mich und versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. »Was ist passiert?«

»Keine Ahnung. Danach hat er total dichtgemacht.«

»Echt blöd.«

»Ich weiß. Für mich war’s das erst mal mit Jungs.«

Mir kam der Gedanke, ganz besonders mit Football-Spielern hinzuzufügen, aber stattdessen sagte ich: »Geht mir genauso.«

»Ach ja?«

»Lange Geschichte.«

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