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Bleib in meinen Armen

1. Kapitel

Laura musste sich beeilen. Ihre Freundin Sandra wollte noch vorbeikommen, um zu sehen, wie weit sie mit ihren Recherchen war. Sie beide wollten in zwei Wochen endlich ihren vierwöchigen Trip nach Texas antreten.

Nachdem sie ihren Wagen in der Garage geparkt hatte, blickte sie auf ihre Armbanduhr. Es war später geworden, als beabsichtigt. Ausgerechnet heute hatte sie in der Kanzlei 'CL Firm' viel zu tun gehabt. Seit Ende ihrer Collegezeit, arbeitete sie dort als Anwaltsgehilfin. Für Cogan Law, ihrem Chef zu arbeiten, machte ihr viel Spaß.

Im Haus angekommen, legte sie die Tasche und ihren Wagenschlüssel auf der Kommode im Flur ab und eilte die Treppe nach oben. Zwar wohnte sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren noch immer bei ihren Eltern, hatte aber das obere Stockwerk für sich allein. Was ihr finanziell zugute kam. Denn nur so konnte sie den größten Teil ihres Geldes für ihren Traum zurücklegen. Und dieser sollte sich nun bald erfüllen. Vier Wochen Abenteuer Texas! Endlich! Vier lange Jahre hatten Sandra und sie darauf sparen müssen.

In ihrem Wohnzimmer ließ sie den Computer hochfahren und schlüpfte währenddessen in bequeme Kleidung. Dann rief sie die Datei unter dem Namen ´Traumland´ auf und überprüfte noch schnell die letzten Eintragungen. Ja, so müsste es gehen, dachte sie.

Laura war schon sehr gespannt, was ihre Freundin dazu sagen würde. Vorsichtshalber tat sie noch einmal einen Kostencheck, um später keine bösen Überraschungen erleben zu müssen. Sandra verdiente zwar recht gut als Fotografin im 'Woodsid´s Photographie Studio', aber wenn man ein Faible für Calvin Klein, Viktorias und Udo Sonstwer Modemarken hatte, konnte es schon mal knapp werden. Doch weil sie wie Geschwister zusammen aufgewachsen waren, verstanden sie sich trotz der unterschiedlichen Einstellungen recht gut. Wie sollte es auch anders sein, bei Eltern, die selbst seit Jahrzehnten befreundet waren? Nur eben mit dem Unterschied, dass diese Spring Hill niemals verlassen würden. Dort wurden sie geboren und würden auch sterben, wie ihre Mutter sich einmal bei ihr ausgedrückt hatte. Die Freundinnen aber waren darin Abenteuerlustiger.

Vor allem Laura verfolgte ein Traum. Und das schon seit langer Zeit. Es hatte damit begonnen, als sie mit sechzehn Jahren ihre Liebe zum Schreiben entdeckt hatte. Schon als Kind hatte Laura Kinderbücher geliebt und sie geradezu verschlungen, sobald sie selbst lesen konnte. Bis dahin hatte immer ihre Mutter herhalten müssen.

Vor einigen Jahren hatte sie dann den Entschluss gefasst, selbst ein Kinderbuch zu schreiben. Doch niemals hätte sie damit gerechnet, dass ihr Buch; 'Mr. Hase und Miss Igel', gleich so ein Erfolg werden würde. Das hatte sie im wahrsten Sinne umgeworfen gehabt.

Doch nun wollte sie sich an einer Wild-West Geschichte probieren, wofür diese Reise ihr unter Anderem als Recherche-Arbeit dienen sollte.

Durch das Klingeln an der Haustür wurde Laura in ihren Gedanken unterbrochen und rief erfreut aus: "Das muss Sandra sein! Pünktlich auf die Minute. Komm nach oben! Ich bin dort“, ließ sie ihre Freundin durch die Sprechanlage wissen.

„Okay!“, vernahm sie Sandras Antwort.

Als sie oben ankam, begrüßten sie sich wie immer mit einer Umarmung und einem Kuss auf die Wange.

„Na Süße? Wie war dein Tag?“, erkundigte sich Sandra.

„Anstrengend! Und deiner?“

Ihre Freundin antwortete mit einem Schmunzeln: „Oh wunderbar! Du glaubst nicht, wen ich heute vor die Linse bekommen habe.“

Laura grinste und ließ es sich nicht nehmen, zu sagen: „Lass mich raten! John Wayne?” Sandra fuhr auf diesen Westernhelden total ab. Und weil Laura das wusste, zog sie sie gerne mal damit auf. Durch ihr beider Interesse an Western, war Laura ja auch auf die Idee gekommen, nun dieses Buch schreiben zu wollen und dafür nach Texas zu reisen.

Schon kam es mit einem Seufzen: „Schön wär´s!", bevor sie weiter erzählte: "Du kennst doch Antonia aus dem Druckstore? Ich war heute im Central Park, um ein paar Aufnahmen von der neu gestalteten Anlage zu machen. Und wer läuft mir über den Weg? Charly! Und zwar nicht alleine. Ein Blondinchen war bei ihm und sie hielten Händchen.“ Sandra grinste vor Schadenfreude.

„Oh je!“, meinte Laura daraufhin und seufzte: „Arme Antonia! Hat sie doch schon wieder Pech mit einem Mann.“ Sie hatte wirklich Mitleid mit ihr. Auch wenn Antonia hochnäsig und arrogant war.

„Ist sie doch selbst schuld! So egozentrisch, wie sie ist“, meinte Sandra erbost. Sie konnte Antonia nicht leiden.

„Sei nicht so hart mit ihr, Sandra. Sie klammert halt ein bisschen.“

„Ein bisschen? Na ja! Wie dem auch sei. Mir passiert so etwas nicht. So, nun lass' mich mal sehen, welche Ziele du dir in Texas ausgesucht hast.“

Laura schüttelte lächelnd den Kopf und konterte: „Wie sollte dir das auch passieren, wenn du nur mit den Männern spielst?“ Wofür ihre Freundin allerdings nur ein Lächeln übrig hatte.

Während Sandra sich vor dem Computer einen Stuhl beizog, begann Laura schon, ihr die Fotos über die drei Städte zu zeigen, die sie für ihren Trip ausgewählt hatte. Da ihre Freundin den Grund der Reise kannte, hatte sie sie auch die Route aussuchen lassen. Dafür war Laura ihr sehr dankbar. Trotzdem wollte sie damit auch ihr einen unvergesslichen Urlaub bescheren.

Oh Mann, dachte sie in dem Moment. Wenn Sandra wüsste, dass sie in meiner Geschichte der Protagonist sein wird, in der… Keine Ahnung, was sie davon halten würde.

Jedoch wollte Laura ihr unbedingt diese ganz spezielle Geschichte aus Dank für ihre jahrelange und bedingungslose Freundschaft widmen. Denn Sandra war es gewesen, bei der Laura stets eine Schulter zum Ausweinen gefunden hatte. Sei es wegen einer missglückten Arbeit in der Schule, ihre Zweifel, was ihr Aussehen betraf, oder wegen ihrer Unsicherheit bei den Jungs. Stets war Sandra für sie da gewesen. Sie hatte sie getröstet, wenn eine Verabredung geplatzt war und sie bei Allem wieder aufgebaut.

Als Laura ihr nun die Fotos der schönen Städte, mit deren nostalgischen Häuschen und Landschaften zeigte, war Sandra davon sehr angetan. Dann zeigte sie ihr auch noch Bilder von der hiesigen Umgebung. Es waren so Einige gewesen. Als dann ihre Freundin hinterher verzückt aufseufzte, wusste Laura, dass sie damit auch ihren Geschmack getroffen hatte. Das machte sie natürlich mächtig stolz.

Ihr eigentliches Begehren, warum Laura gerade Texas ausgewählt hatte, folgte nun in Form der nächsten Fotos. Drei der wunderschönsten Ranches, jeweils eine in San Antonio, El Paso und Amarillo. Wie sich schnell herausstellte, schienen diese nicht nur ihr, sondern es auch Sandra angetan zu haben. Innerlich triumphierte Laura vor Freude.

„Laura, du bist echt klasse! Ich hätte es nicht besser machen können. Es ist einfach perfekt!“

„Findest du? Weißt du … Ich dachte mir, wenn wir nur vier Wochen Zeit haben, sollten es Städte sein, die von der Entfernung her nicht allzu weit auseinander liegen.“

 

„Richtig! Denn ich bin der Meinung, dass wir mindestens sieben Tage pro Stadt benötigen werden, um genügend zu sehen und erleben zu bekommen“, zwinkerte ihr Sandra darauf zu. Laura verdrehte die Augen. Sie konnte sich denken, worauf ihre Freundin anspielte.

„Wie dem auch sei. Hier noch den Kostencheck! Wir können es uns einigermaßen gutgehen lassen. Unser Budget ist gar nicht so mickrig“, meinte sie daraufhin aber nur. Was ihre Freundin zum Lächeln brachte.

„Das wäre tragisch! Warum sollen wir knausern, wenn es uns gefällt? Wir haben beide seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht.“

Wo sie recht hat, hat sie recht, dachte Laura. Und diese Reise sollte für sie beide die Schönste ihres Lebens werden. Daher nickte sie bestätigend.

Später besprachen beide bei einem ausgiebigen Dinner, was sie noch für die Reise benötigen würden. Sandra wollte natürlich, wie sollte es auch anders sein, sich genug Schuhe mitnehmen. Man könne ja nie wissen, was einen dort erwarten würde, argumentierte sie.

Darauf antwortete Laura nur: „Wie du meinst! Ich für meinen Teil, denke vielmehr an ausreichende Kleidung. Und vor allem Sonnencreme und Insektenschutz.“

„Das natürlich auch! Doch einen Haufen Kleider? Süße, dort kann man sich sicher schöne und günstige Kleidung kaufen. Wohingegen Schuhe ein Fall für sich sind.“

Wieder einmal hatte Sandra darin nicht unrecht. Das musste Laura einsehen. Als es für ihre Freundin Zeit zum Aufbruch wurde, verabschiedeten sie sich nach ihrem Ritual und Laura begleitete sie nach unten. Sie würde ihren Eltern dann gleich die genauen Reiseziele präsentieren, damit diese aufhören konnten, sich unnötige Sorgen zu machen.

„Hallo Mom, hey Dad”, begrüßte Laura ihre Eltern, als sie zu ihnen auf die Terrasse trat.

„Hallo Liebes! War das nicht Sandra, die ich gerade gehört habe?“

Laura gab beiden einen Kuss auf die Wange, ehe sie ihrer Mutter antwortete: „Ja! Wir haben unsere Reise besprochen und nun festgelegt. Sandra muss morgen sehr früh raus. Sie hat einen Termin zum Fotoshooting und lässt sich daher entschuldigen.“

Ihre Mutter nickte und bat sie, sich zu ihnen zu setzen.

„Weißt du mein Schatz? Ich weiß zwar, dass du erwachsen bist, dennoch mache ich mir Sorgen. Texas ist so weit weg!“

Nicht schon wieder, dachte Laura und seufzte innerlich auf. Ihr Vater stoppte ihre Mutter.

„Luna! Nun hör' aber auf. Laura ist sechsundzwanzig Jahre alt. Sie könnte längst verheiratet und Mutter vieler Kinder sein. Du musst endlich lernen, sie loszulassen.“

Womit ihr Vater recht hatte. Auch wenn Laura bei seiner Begründung wieder einmal errötete. Sie wusste aber, dass sie nur ihr Glück wollten. Gerade weil sie ein Einzelkind war. Trotzdem fühlte sie sich für diesen Schritt noch nicht bereit.

Schon seit einiger Zeit versuchten ihre Eltern, sie mit allen ledigen Männern hier in Spring Hill zu verkuppeln. Dabei gingen sie allerdings nicht besonders geschickt vor. Denn fast in jedem zweiten Monat veranstalteten ihre und Sandras Eltern gemeinsam ein Grillfest. Und immer war ein anderer Junggeselle da und musste hoffen, dass Laura Interesse an ihm zeigte. Worauf die Eltern nur zu lauern schienen, damit sie endlich Großeltern werden konnten.

Laura umarmte ihre Mutter und lächelte ihren Vater dankbar an.

„Das ist schon in Ordnung, Mom. Aber Dad hat recht. Ich bin schon groß und kann auf mich selbst aufpassen. Was soll mir auch schon geschehen? Ich habe doch Sandra dabei.“

Das würde helfen, ihre Mutter zu beruhigen. Und in der Tat. Ihre Mutter begann wieder mit der alten Kamelle.

„Auch wahr! Als Sandra geboren wurde und heranwuchs, habe ich Mona gefragt, ob sie sich sicher sei, dass sie ein Mädchen ist.“ Ihre Mutter kicherte darauf und ihr Vater schüttelte nur schmunzelnd den Kopf.

Diese Geschichten kannten alle nur zu genüge. Angeblich war Sandra damals wild und unbändig wie ein Junge gewesen. Was Laura nie so gesehen hatte. Zumindest nicht immer. Doch manchmal, wenn ein Junge, sie oder Sandra gehänselt hatte, fing er sich von ihrer Freundin halt Prügel ein. Dieser hatte es dann auch verdient. In Lauras Augen war ihre Freundin nur eine Frau, die sich behaupten konnte. Ganz anders als sie selbst.

Sie war da eher die Unsichere, Zurückhaltende, und die Ängstlichere von ihnen. Dass ihre Freundin sie stets vor allem in Schutz genommen hatte, würde Laura ihr niemals vergessen.

Selbst ihre Mutter nicht. Denn Luna – Lauras Mutter - wusste dadurch immer über alles Bescheid. Das war definitiv ein Nachteil, wenn beide Elternpaare gut miteinander befreundet waren. Dies begriffen Sandra und sie aber erst, als sie alt genug waren. Oder vielmehr, als sie mit ihren Flausen im Kopf anfingen. Wie auch immer.

Nun aber wollte Laura ihnen alles berichten, damit ihre Eltern ohne Sorge ihren eigenen Urlaub, zusammen mit Sandras Eltern natürlich, antreten konnten. Während ihrer Abwesenheit wollten sie ihre schon lang geplante Kreuzfahrt machen. Nach Aussage von ihrem Vater, wären sie dann von den Sorgen um sie abgelenkt. Was die Freundinnen auch gut hießen.

Laura saß noch bis Mitternacht mit ihren Eltern zusammen. In dieser Zeit hatte sie ihnen stolz die Fotos dieser drei wundervollen Städte gezeigt und ihre Mutter beruhigt, indem sie ihr alles bis ins kleinste Detail geschildert hatte. Angefangen von ihren Absichten, bis hin zur Garderobe, welche sie mitzunehmen gedachte.

Als Laura gähnen musste, wünschte sie ihren Eltern mit einem Kuss auf die Wange eine gute Nacht und begab sich nach oben in ihr Reich.

Mit einem wohligen Seufzen kuschelte sie sich in die Kissen. Noch zwei Wochen, dachte sie und fiel in einen tiefen Schlaf.

***

Thomas Cedros wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. Er und sein engster Vertrauter, Lanz Willer, verbrachten schon den ganzen Morgen auf der westlichen Seite des Weidelandes, die zu seiner Ranch gehörte. Dort musste die Einzäunung repariert werden. Santos, dieser verfluchte Bulle hatte es mal wieder geschafft, einige Zäune niederzureißen, nur um die Kühe aufzumischen.

Seit nunmehr sechs Jahren, leitete er die 'Cedros Ranch'. Genauer gesagt, seit dem Tod seiner Eltern. Auch wenn Tom, wie er von allen seit Kindesbeinen an genannt wurde, die Ranch liebte … An solchen Tagen fragte er sich, warum er das alles mit seinen zweiunddreißig Jahren auf sich nahm.

„Das dürfte reichen! So schnell gelingt es Santos nicht mehr, hier auszubrechen. Dieser verflixte Bulle …“, wetterte Lanz neben ihm.

Tom verstand ihn. Trotzdem wussten beide, dass Santos durch seine Gene und hohe Fruchtbarkeit, unverzichtbar für die Rinderranch war.

Vor noch nicht allzu langer Zeit, hatte es an seiner Stelle einen anderen Bullen gegeben, den Tom trotz seiner guten Erbanlagen, in einer schrecklichen Nacht erschossen hatte. Wieder verspürte er diesen dumpfen Schmerz in seiner Brust. Nicht viele wussten von der Tragödie, die sich an diesem Tag abgespielt hatte.

Tom verdrängte den Gedanken daran und wandte sich Lanz zu. Er sah es in seinem Gesicht, dass auch er sich daran zurück erinnerte.

Tom beruhigte ihn, indem er sagte: „So ist es! Diese Verstärkung wird ihn aufhalten. Ansonsten bekommt er so eine gehuscht, dass ihm Hören und Sehen vergehen, bei den Ampere, die durch den Stromdraht fließen." Danach meinte er: "Lass' uns jetzt erst zurück reiten, bevor wir uns an der südlichen Seite zu schaffen machen, um dort die Pferde zusammenzutreiben, Lanz. Ich habe einen Bärenhunger und Wilma hat sicherlich schon das Essen fertig.“

„Da sag' ich nicht nein!“ Lanz lachte und schon machten sie sich auf den Rückweg zur Ranch.

Wilma, Lanz' Frau und Toms unverzichtbare, gute Perle, war in seinen Augen eine Meisterköchin. Die beiden waren nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern, für ihn zu einer Art Ersatzeltern geworden.

Nachdem die Pferde versorgt waren, gingen sie ins Haus. Tom wollte sich bei dieser Hitze aber erst noch eine erfrischende Dusche gönnen.

„Lass dir nicht zu viel Zeit, Tom. Das Essen ist in zehn Minuten fertig!“, rief Wilma ihm auch schon hinterher.

Er schmunzelte und rief zurück: „Zu Befehl, du Sklaventreiberin.“

Er mochte Wilmas, etwas herrische Art. Im Grunde war sie aber herzallerliebst. Nur sollte das keiner zu sehen bekommen, weil die Cowboys, die für die Cedros arbeiten, ihr sonst auf der Nase herum tanzen würden. So die Meinung von ihr. Dieser Frau würde man nie ihre sechzig Jahre geben. Auch Lanz nicht seine dreiundsechzig. Damals, als Lanz seine Arbeit verloren hatte, hatten seine Eltern sie auf der Ranch aufgenommen. Doch das lag schon mehr als zehn Jahre zurück. Warum es auch kein Wunder war, dass Wilma sich seit dem Tod seiner Eltern um ihn und den Haushalt kümmerte und Lanz ihm wie ein Vater weiterhin auf der Ranch half.

Unter der Dusche verfolgte ihn wieder der Unfallhergang seiner Eltern. Trotz der Jahre traf ihn deren Tod noch immer hart. Sie hatten sich spätabends auf dem Heimweg von einer Viehauktion befunden, als ihr Wagen von einem betrunkenen Autofahrer erfasst wurde, der frontal in sie hinein fuhr. Sein Vater hatte die Gewalt über den Wagen verloren und war auf die Schlucht zugeschleudert worden. Zuvor wurde der Wagen dabei mit der Beifahrerseite gegen einen Baum geschlagen, bevor er dann abstürzte. Beide waren sofort tot gewesen.

Erst am nächsten Morgen, als sie gefunden wurden, hatte man ihm und seinen Geschwistern die Tragödie überbracht.

Den Verursacher dieser Tat hatte man jedoch erst zwei Tage später gefunden. Er war verschiedenen Leuten zuvor durch seine Fahrweise aufgefallen. Dieser hatte später zur Aussage gebracht, dass er in dieser Nacht wohl einen Blackout gehabt hätte, weil er auf dem Geburtstag seines Kumpels zu viel getrunken habe. Er könnte sich an nichts mehr erinnern. Wegen dieser Geschichte hatte man ihn dann wegen verminderter Schuldfähigkeit nur für ein paar Jahre aus dem Verkehr gezogen.

Für Tom, seine Geschwister und alle Freunde und Bekannte seiner Eltern nicht lange genug. Aber selbst, wenn der Kerl lebenslänglich bekommen hätte ... Nichts könnte ihnen ihre Eltern wieder zurückbringen. Viel zu früh waren diese von ihnen gegangen.

Seither bewohnten Wilma und Lanz eines der kleineren Ranchhäuser auf dem Grundstück und halfen ihm.

Als Tom sich dem Esszimmer näherte, hörte er schon das angeregte Geplauder seiner Männer. Er nahm wie immer an der Stirnseite des großen Tisches Platz. Wilma hatte sich heute wieder selbst übertroffen. Es gab Schmorbraten mit Klößen und Rotkraut. Das Mittagessen nahmen sie stets gemeinsam mit seinen Leuten ein, um ihr die Arbeit zu erleichtern.

„Hallo Leute!“, begrüßte er seine vier Männer Nick OMally, Owen Kingston, Kiran Mallon und den jüngsten, Jerry Porter. Alle waren gute Cowboys und für ihn unverzichtbar.

„Hallo Boss!“, antwortete Owen ihm, der älteste der Truppe. Die anderen nickten ihm mit vollem Mund zu.

„Wir sind mit der Ostseite fertig. Koppeln sind in Ordnung, die Wassertränken gefüllt und Heuraufen erneuert. Nach dem Essen werden Nick und Kiran sich noch die Nordseite ansehen, wenn es dir recht ist.“

Tom bedankte sich und meinte jedoch: „Mir wäre die Südseite heute lieber. Dafür bräuchte ich euch alle. Das andere kann auch noch bis morgen warten. Wir sollten anfangen, die Fohlen von den Stuten zu trennen, damit wir schnellstmöglich mit dem Brandmarken anfangen können.“

Owen stimmte ihm zu. Dann besprachen sie die restlichen Arbeiten für die Woche. Lanz wollte auch noch die Hengste auf eine andere Weide umstellen lassen. Mittlerweile war es März und bis Mai mussten sie mit allem durch sein. Denn dann begann wieder der Betrieb mit den Feriengästen, mit dem sie auf Wilmas Anraten vor vier Jahren begonnen hatten. Hinzu war ihre Aussage gekommen, dass es in Amarillo einen großen Mangel an Pensionsmöglichkeiten geben würde und der zusätzliche Verdienst die langen Wintermonate wieder wettmachen könnte.

Trotz Toms und Lanz' Skepsis behielt sie damit Recht. Schon im ersten Jahr waren die Quartiere komplett ausgebucht gewesen, sodass sie die Ranch um einige Quartiere erweitern ließen. Für die kommenden Jahre mussten sie zudem ein anspruchsvolles Unterhaltungsprogramm in ihren Plänen mit aufnehmen. Im September kam dann auch noch die Heuernte hinzu.

Tom gab Wilma einen Wangenkuss und bedankte sich für ihr vorzügliches Mahl. Wie immer, wenn er ihr schmeichelte, bekam sie rosige Wangen, knuffte ihn in die Rippen und meinte: „Spar dir dein Süßholzgeraspel für eine passende Frau auf, du Schwerenöter!“

Er zwinkerte ihr zu und sagte, dass er niemals so eine gute Perle, wie sie es sei, finden würde. Was ihm ein nicht allzu damenhaftes Schnauben von ihr einbrachte und von den Anderen ein unterdrücktes Lachen.

Bevor es wieder mit der Arbeit weiter ging, sah er noch in seinem Büro nach, ob mittlerweile das Fax über die bestellten Teile für den Drescher angekommen war.

In den nächsten Tagen kamen sie gut mit der Arbeit voran.

Lanz und Wilma hatten sich heute schon nach dem Essen in ihre Blockhütte zurückgezogen. Owen und die anderen Cowboys hatten sich ebenfalls in ihr Quartier verzogen, um mal wieder zu pokern. Und wie jeden Abend hatte Tom sein Elternhaus für sich allein. Da konnte er auch die Büroarbeit tätigen, da er sonst zu nichts Lust hatte.

Allein! Wie er das Wort hasste. Alles war in ihm gestorben. Sein Wunsch nach einer eigenen Familie, mit der er, wie seine Eltern es waren, hier auf der Ranch glücklich sein wollte. Alles war ihm in jener Nacht verloren gegangen.

„Schluss jetzt damit“, rief er sich zur Ordnung. „Du hast den Tod deiner Eltern überwunden, dann schaffst du auch das Andere.“ Es war ja auch nicht seine Schuld gewesen. Oder doch?

Trotz seiner Vorsätze hatte er sich mit einer Urlauberin eingelassen. Er hatte sich sogar ernsthaft in sie verliebt. Doch es hatte ein bitteres Ende genommen.

Bei einem Zwischenfall auf der Ranch, war sein damaliger Bulle durchgebrannt und riss dabei alles nieder, was ihm im Wege stand. Darunter war auch Kayla gewesen. Sie starb noch an der Unfallstelle. Daraufhin hatte Tom den Bullen in seiner Wut und Trauer erschossen. Zwei Tage später musste er jedoch erfahren, dass Kayla geplant hatte, ihn zu verlassen.

„Schluss jetzt“, ermahnte er sich wieder und ging doch lieber zu Bett.

Den nächsten Tag verbrachten Lanz und er damit, den Drescher, der für die Ranch unabdingbar war, zu reparieren. Mittlerweile waren die Teile dafür geliefert worden. Für ihn, den mittleren der Geschwister, hatte schon früh festgestanden, dass er einmal die Ranch leiten würde.

Sein Vater hatte sehr früh erkannt, dass er ein typischer Rancher war. Sein älterer Bruder Paul hingegen, schenkte sein Herz der Architektur. Was er auch heute noch tat. Paul war ein sehr erfolgreicher Architekt in San Antonio geworden und er seine große Liebe Diane kennengelernt und vor zwei Jahren geheiratet hatte. Diane war schon seit langer Zeit hinter ihm her gewesen, was für sie kein Problem darstellte. Denn sie war Pauls Sekretärin gewesen.

Tom beneidete die beiden um ihr Glück. Seine jüngste Schwester Maya war heute mit ihren siebenundzwanzig Jahren eine gefragte Modedesignerin und seit neuestem mit Rolf, dem Einkäufer für das Warenhaus Billing verlobt. Rolf war ein guter Kerl. Tom und Paul wussten, dass er Maya regelrecht vergötterte. Besser hätte es seine Schwester nicht treffen können.

Genauso, wie er wusste, dass auch sie die Ranch liebten. Nur das Bewirtschaften lag ihnen nicht im Blut. Ihm umso mehr, wie er es sich selbst eingestehen musste. Wenn doch nur nicht die Sache mit Kayla passiert wäre.

Tom ließ nicht zu, wieder von diesem Horror gefangen zu werden. Er nahm sich ein kühles Bier aus dem Kühlschrank und ging damit auf die Veranda. Er liebte besonders die Sonnenauf - und Untergänge in Amarillo.

Zwei Wochen später

„Habt ihr auch wirklich nichts vergessen?“

Sandra, Laura und ihre Eltern standen vor dem Pickup, den sie gerade für ihre Reise beluden.

Sie hoben die letzten Gepäckstücke auf die Ladefläche und sicherten diese mit Gurten. Getränke und Nahrung befanden sich in zwei großen Kühlboxen im Wageninneren.

„Ja! Ihr habt doch selbst mitgeholfen“, gaben beide an ihre Eltern zurück und kicherten wie Teenager. Manchmal konnten Mütter richtige Glucken sein.

„Okay! Dann sehen wir uns also in vier Wochen wieder. Und passt bloß auf euch auf. Hört ihr?“, kam es dieses Mal von Mona - Sandras Mutter.

Lauras Blick auf ihre Väter ließ sie schmunzeln. Beide verdrehten sie nur ihre Augen. Was nicht hieß, dass sie sich nicht um sie sorgen würden. Aber ihre Mütter übertrieben. Sie waren nun wirklich keine Kinder mehr. Sandra mit ihren achtundzwanzig und sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren, könnten selbst schon Mütter sein.

Würden sie sich dann auch zu Glucken entwickeln? Der Gedanke war erschreckend.

„So ihr Lieben! Jetzt müssen wir aber los. Genießt eure Kreuzfahrt und kommt wohlbehalten zurück. Und hört auf, euch Sorgen zu machen! Wir sehen uns alle in vier Wochen, hier an dieser Stelle wieder!“, kam es von ihrer Freundin.

Bevor ihre Mütter in Tränen ausbrechen konnten, verabschiedeten sie sich schnell mit einer innigen Umarmung und einem Kuss, und stiegen in den Pickup. Sandra hatte sich angeboten, die erste Strecke zu fahren. Später würden sie dann wechseln.

Der Motor sprang an. Mit Hupen und einem letzten Winken fuhren sie los.

„Gott sei Dank! Ich dachte schon, wir würden gar nicht mehr wegkommen“, stöhnte Sandra auf, worauf sie lachen mussten. Überschwänglich riefen sie aus: „Texas, wir kommen!“

„Hast du auch den Laptop und genug Notizblöcke für deine Recherchen dabei?“, brach Sandra die Stille. Sie waren schon eine Stunde unterwegs und genossen die Ruhe.

„Sicher doch!“

„Aber dass du mir bloß nicht den ganzen Tag mit Schreiben verbringst.“

„Nein, keine Angst! Ich will es ja selbst genießen. Daher habe ich mir vorgenommen, meine Notizen auf Abends zu verlegen, bevor ich schlafen gehe. Eine Stunde am Tag wirst du mir dafür doch zur Verfügung stellen?“, fragte Laura schmunzelnd.

Ihre Freundin gab sich durch ein Nicken einverstanden.

Ihre erste Station, so hatten sie beschlossen, sollte San Antonio sein. Diese war die Größte der Städte, die sie ausgewählt hatten. Die Einwohnerzahl belief sich auf 1.328.984. San Antonio lag von Amarillo 516 Meilen entfernt. Sie würden dann sieben Tage dort verweilen. Danach sollte es dann weiter nach El Paso, die zweitgrößte mit 606.913 Einwohnern, gehen.

Von Amarillo lag diese Stadt 438 Meilen entfernt. Auch dort planten sie sieben Tage ein. Die letzte Station sollte dann Amarillo sein. Die kleinste mit 186.000 Einwohnern für auch sieben Tage. Blieben noch sieben übrig, welche sie in der Stadt anhängen wollten, die ihnen beiden am besten gefallen hätte.

Laura lehnte sich entspannt zurück und genoss den Fahrtwind. Es war noch sehr früh und daher noch nicht zu heiß. Um die Vorfreude zu steigern, schob sie eine CD mit Westernsongs ein. Keiner brauchte zu sprechen. Jede für sich hing ihren Gedanken nach.

 

2. Kapitel

 

Gerade kam Tom aus der Dusche, als das Telefon läutete.

„Hallo?“, meldete er sich außer Atem. Wer rief ihn denn noch spät abends an? Es war doch wohl nicht schon wieder etwas passiert. In den letzten zwei Wochen gab es das zu Genüge. Erst der Ausbruch seines Bullen, dann die falsche Brandmarkung der Fohlen und den Kampf mit den Hengsten, bei der Umsiedlung auf ein anderes Weideland. Nicht zuletzt der Absturz von einem seiner Cowboys. Der jüngste, Jerry, wurde von einem seiner schönsten Hengste abgeworfen, wobei er sich einige Rippenprellungen und einen Armbruch zugezogen hatte. Diese Gefahren lauerten nun einmal beim Einreiten der Tiere.

 

„Grüß dich, kleiner Bruder!“, kam es aus der Leitung.

Paul! Warum rief er an? Tom bekam einen trockenen Hals und er musste sich räuspern.

War etwas mit Diane, seiner Frau? Mit ihm selbst, oder gar mit seiner kleinen Schwester?

„Hallo Paul. Ist etwas passiert?“

Sein Bruder lachte herzlich. „Aber, aber! Kann ich nicht mal einfach so anrufen? Nur um zu fragen, wie es bei dir so läuft?“

 

Tom entspannte sich und ging mit dem Telefon ins Wohnzimmer, wo er sich auf dem Sessel niederließ.

„Sicher darfst du! Aber mal ehrlich. Um diese Zeit hast du noch nie angerufen.“

„Stimmt auch mal wieder. Aber ich war in den letzten Tagen sehr beschäftigt. Und da dachte ich mir, bevor ich wieder nicht dazu komme, rufe ich jetzt an. Du bist doch nicht anderweitig beschäftigt?“ Wieder lachte sein Bruder, ehe er weiter sprach: „Du weißt schon … Mit einem anderen Geschlecht?“

Tom verdrehte die Augen und schnaubte: „Haha, sehr lustig, du Komiker! Komm' du mal nur für einen Monat auf die Ranch. Mal sehen, ob du dafür noch in der Lage wärst.“

 

Tom kannte seinen Bruder und vor allem, dessen Frau und ihre Absichten. Sie ließen nichts unversucht, ihm zu verstehen zu geben, dass an seiner Seite eine Frau fehlte. Und da waren sie nicht die Einzigen. Er zählte in Gedanken auf. Wilma, Lanz, Owen, seine kleine Schwester und nicht zuletzt er selbst, was er ihnen aber nicht auf die Nase binden würde. Aber seit Kayla hatte ihn der Mut auf eine neue Beziehung verlassen. Trotz, dass seine Geschwister und vor allem seine Schwägerin, ihm immer wieder sagten, dass er keine Schuld daran trug, hatte er Gewissensbisse und fühlte sich zumindest teilschuldig. Wäre es an diesem besagten Tag nicht zu diesem Streit gekommen ... Vielleicht würde Kayla dann noch leben.

 

Diane und Maya mochten Kayla von Anfang an nicht. Sie waren ihr gegenüber zwar freundlich, aber Tom verstand es, hinter den Zeilen zu lesen. Erst viel später hatten sie ihm gestanden, dass sie geahnt hätten, das Kayla für das Landleben nicht geschaffen sei. Er aber wollte es nicht wahrhaben. Denn er liebte sie. Sie war jung und erfrischend und brachte in sein eingefahrenes Leben ein wenig Schwung. Nach sechs Monaten allerdings, musste er sich der Tatsache stellen, dass Diane und Maya sie richtig eingeschätzt hatten. Sie ging und hatte nur gesagt, sie würde eine Freundin in der Stadt besuchen. Sie bräuchte etwas Abstand von ihm, um über ihre Beziehung in Ruhe nachdenken zu können.

 

Er hatte sie nicht verstanden. Er hatte sie sogar wie ein verliebter Gockel angefleht, bei ihm zu bleiben. Ja, sogar einen Heiratsantrag hatte er ihr gemacht. Da erst musste er erkennen, wie kaltherzig sie sein konnte. Sie hatte ihn doch tatsächlich ausgelacht und gemeint, dass sie sich keine Fesseln anlegen ließe. Entweder würde er ihr jetzt eine Auszeit geben, oder es hätte sich damit erledigt. Er gab ihr die Auszeit und hoffte das Beste.

Da sie keine Verwandten hatte, ihre Eltern sie damals zur Adoption abgaben, konnte er nur abwarten, dass sie sich wieder bei ihm melden würde.

 

Die Monate vergingen. Gerade als er sich damit abgefunden hatte, sie nie mehr wiederzusehen, hatte sie eines Tages vor seiner Tür gestanden. Genau fünf Monate seit ihrem Verschwinden. Ihn hatte fast der Schlag getroffen. Vor ihm stand nicht mehr die Kayla von früher. Sie hatte sich richtig aufgetakelt. Genauer gesagt, sah sie aus, wie ein Mädchen vom Strich. Sie tat ihm einfach nur noch leid, wie sie mit so gut wie nichts am Leib, vor ihm gestanden war. So kurz war ihr Outfit gewesen und ihr Makeup hatte ausgesehen, wie mit einer Spachtel aufgetragen. Dennoch war er freundlich geblieben und hatte sie eintreten lassen.

 

Drinnen war sie dann auch gleich zur Sache gekommen. Sie hatte ihm erzählt, dass sie einen neuen Freund hätte und nur gekommen sei, um ihm dies persönlich zu sagen und sich für alles, was er zuvor für sie getan habe, zu bedanken. Da erst war er ausgerastet und hatte ihr ins Gesicht gesagt, was er von ihr hielt. Er hatte ihr alles gekauft, was sie wollte. Von Kleidung bis hin zu einem kleinen Wagen, damit sie auf der Ranch nicht festsaß. Das war dann der Dank dafür gewesen.

Sie hatte zurückgeschrien und gemeint, wenn er ihr jetzt so käme, würde sie ihm nicht das geben, was eigentlich ihm gehören würde. Darum war es an diesem unglückseligen Tag zum Streit zwischen ihnen gekommen. Er hatte nicht mehr herausfinden können, was sie damit gemeint haben könnte.

 

Tom schüttelte sich. Es war daher doch nur selbstverständlich, dass alle zu ihm hielten. Oder etwa nicht?

„Bist du noch dran, Tom?“, hörte er seinen Bruder fragen.

„T'schuldigung, bin wohl kurz weggenickt", redete er sich raus. "Also was gibt’s?“

„Da wir gerade das Thema Ranch hatten … Können wir für ein verlängertes Wochenende kommen? Sagen wir drei Tage?“, platzte Paul nun mit seiner Ankündigung heraus.

Da war also doch was. „Wusste ich´s doch. Es ist etwas passiert!“

„Mensch Tom, beruhige dich! Gar nichts ist passiert. Ich gönne mir nur ein paar Tage Urlaub, weil ich in letzter Zeit viel gearbeitet habe. Wenn du es genau wissen willst …“ Paul seufzte auf einmal und fauchte ihn an: „Du bist eine echte Spaßbremse! Also okay! Diane ist schwanger! Nach einem Jahr hat es nun endlich geklappt. Das war die Überraschung, die du mir jetzt verdorben hast.“

 

Jetzt war Tom baff. „Mann Paul, das freut mich aber für dich! Natürlich könnt ihr kommen! Die Ranch gehört immerhin uns allen. Auch wenn ich sie leite. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich mich für dich freue, Bruderherz. Meinen Glückwunsch!“, beglückwünschte er ihn überschwänglich. „Gib Diane einen Kuss von mir und sag' ihr, dass ich mich auf meine Rolle als Onkel schon sehr freue.“

„Danke Tom! Und noch etwas! Maya und Rolf werden auch kommen. Sie wissen es aber noch nicht. Also verrate ihnen nichts. Okay?“

„Natürlich! Wir sehen uns dann am Freitag. Ich werde Wilma Bescheid geben, damit sie sich richten kann. Sie wird sich freuen, uns alle einmal wieder zusammen zu haben“, meinte er nun gut gelaunt und lachte.

„Kann ich mir denken. Also bis dann. Halt' die Ohren steif, kleiner Bruder!“

 

Mit diesen Worten verabschiedete sich sein Bruder von ihm. Tom legte den Hörer aus den Händen und atmete vor Erleichterung tief durch. Das war ja mal eine positive Neuigkeit. Es war schon zu lange her, seit sie ihn besucht hatten. Und dieser Anlass war alles andere, als erfreulich gewesen.

Tom nahm sich ein Bier aus der Küche und ging damit ins Büro. Er wollte sich noch um die Löhne seiner Leute kümmern.

 

***

 

„Soll ich jetzt das Steuer übernehmen?“

Ihre Freundin fuhr schon seit Stunden, wohingegen Laura in süße Träume gefallen war. Die letzte Nacht konnte sie aus Nervosität wegen der bevorstehenden Reise kein Auge zutun.

Nun fühlte sie sich ein wenig schuldig. „Komm' schon. Lass' mich auch mal fahren!“

Sandra sah sie an und lächelte wissend. „Du hast doch nur wieder ein schlechtes Gewissen. Im Ernst, Laura, es ist in Ordnung! Ich bin noch nicht müde. In einer Stunde erreichen wir die Raststätte auf deiner Karte. Dann stärken wir uns und danach darfst du fahren.“

„Okay, wie du willst! Dann sehe ich mir mal an, wie wir weiter fahren.“

 

Sie nahm ihren Routenplan und verzeichnete die Strecke.

„Sobald wir die Raststätte erreicht haben, sind es noch circa vier Stunden, bis zu unserem ersten Ziel. Das heißt …“ Sie sah auf ihre Uhr und sagte: „Wir kommen um neunzehn Uhr in San Antonio an.“

„Prima! Dann ruf' doch gleich im Hotel an und gib' es ihnen durch.“

Dies tat sie, sobald sie an der Raststätte ankamen. Sie rief im Alano Plaza Hotel in San Antonio an und gab die Uhrzeit ihrer Ankunft bekannt. Laura wollte, dass alles reibungslos klappte. Das Hotel, das sie sich ausgesucht hatten, war nicht nur eines der Schönsten, sondern noch dazu gar nicht mal so teuer. Von dort aus konnten sie sogar die Innenstadt zu Fuß erreichen. Schade war nur, dass es auf dieser Ranch in San Antonio keine Fremdenzimmer, wie in Amarillo gab. Doch würde es sie nicht davon abhalten, diese Ranch zu besichtigen. Laura hatte nämlich einen Fable für solche.

 

„Ich denke, ich probiere den Hamburger. Dazu Pommes und Salat. Was meinst du?“

Sie saßen in der Imbissstube der Raststätte und Laura trank gerade eine kühle Coke, als ihre Freundin von der Speisekarte aufsah. Den Anruf hatte sie zu ihrer Zufriedenheit schnell erledigt.

„Ich weiß nicht. Sieht nicht gerade appetitlich aus“, gab sie ihr nach einem Blick auf die Bedienung, die gerade mit einem Essen für einen Kunden aus der Küche kam, zu verstehen.

„Ach was! Ich habe Hunger und so schlimm kann’s nicht sein.“

„Wie du meinst! Ich wage mich nur an den Chefsalat heran.“

Ihre Freundin grinste sie nur mit einem verzogenen Gesicht an und zuckte die Schultern. Laura wusste, dass sie nicht viel davon hielt, sich mit zu viel Grünzeug, wie sie es nannte, zu ernähren. Aber sie musste noch von den Pfunden, die sie sich über die Weihnachtsfeiertage angefuttert hatte, runterkommen. Mit ihren 168 Zentimertern und ihren achtundfünfzig Kilo war sie zwar nicht fett, aber noch ein bis zwei Kilo wollte sie runter haben.

Darin schien sie immer noch Komplexe zu haben.

 

Damals in der Schule war sie ein Pummelchen gewesen und wurde deswegen oftmals gehänselt. Sie hatte es nur mit sehr viel Schweiß und Disziplin geschafft, sich von den überschüssigen Pfunden zu verabschieden. Ab diesem Zeitpunkt hatte sie ihre Ernährung komplett umgestellt. Kein zu fettes Essen mehr, dafür mehr Obst und Gemüse. Vor allem keine spätabendliche Knabbereien mehr. Als sie mit siebzehn dann auch noch angefangen hatte, sich für die Jungen zu interessieren, hatte sie sich regelrecht aufgetakelt gehabt. Was natürlich zu viel des Guten gewesen war. Sandra hatte ihr dann dabei geholfen, sich ihrer Figur betonend zu kleiden und ihr gezeigt, wie man sich adrett und dennoch dezent schminkte. Dabei bekam sie noch gratis ein paar Tipps zum Umgang mit dem männlichen Geschlecht geliefert.

 

Während sie auf ihr Essen warteten, las ihre Freundin den neuesten Klatsch in der Zeitung, wogegen sie sich weiter über ihre Vergangenheit Gedanken machte.

Ihr erstes Rendezvous hatte sie beim Abschlussball im College mit dem Quarterback der Footballliga, Jan Foller gehabt. Er war damals der Schwarm vieler Mädchen gewesen. Jedoch war es damit auch ihr erstes Desaster gewesen.

Sie wurde von ihm ordnungsgemäß Zuhause abgeholt, worauf sie auch sehr stolz gewesen war. Denn sie wusste, dass viele der anderen Mädchen hinter ihm her gewesen waren. Leider waren sie aber nie zusammen auf dem Ball erschienen. Eine Wagenpanne und sein daraufhin abscheuliches Verhalten, hatte diesem Abend ein jähes Ende gebracht.

 

Als das Essen kam, nahmen sie es schweigend zu sich. Es schmeckte besser als erwartet.

Wenn damals ihre Freundin nicht gewesen wäre … Laura hatte sich nämlich auf direktem Weg zu ihr begeben, anstatt nach Hause zu gehen. Nachdem Sandra noch am gleichen Abend davon erfahren hatte, war sie mit ihr auf den Ball gefahren und hatte Jan dort vor all' seinen Freunden zur Minna gemacht. Dies war das erste Mal gewesen, wo ihr Selbstbewusstsein einen Knacks bekommen hatte.

 

„Erde an Laura! Bist du schon in Gedanken an deinem neuen Buch?“, hörte sie Sandra sprechen, womit diese sie aus ihren unliebsamen Erinnerungen genommen hatte.

„Äh, ein bisschen“, log sie. Eine Notlüge ist ja keine echte Lüge, entschuldigte sie sich selbst.

„Du bleibst doch dabei, dass du deine Notizen für dein neues Buch abends machst?“

„Sandra, ich habe mich doch nur gerade gefragt, womit ich bei meinem Buch beginne.“

„Wie meinst du das?“, wollte ihre Freundin wissen.

„Na, ob ich mit der Abreise oder erst mit der Ankunft in San Antonio beginnen soll.“

„Ach so! Wenn du mich fragst, so würde ich mit der Abreise beginnen. Dein neues Buch könnte sich so wie deine Lebensgeschichte anhören. Könnte vielleicht ganz interessant werden“, kam es nun kichernd von ihr.

 

Oder deine, ging es Laura sogleich durch den Kopf. Das war gar keine so schlechte Idee.

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