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Bleib bei mir, schöne Fremde

Sara Craven

Bleib bei mir, schöne Fremde

1. KAPITEL

Es gab nur zwei Dinge im Leben, auf die man sich verlassen konnte: den Tod und die Steuern. Daran dachte Madlin Wade, während sie sich warmes Wasser über die Schultern laufen ließ. Aber es gab noch eine dritte Sache: kaum war man in das ersehnte warme Bad gestiegen, konnte man sich darauf verlassen, dass das Telefon klingelte.

Und genau das passierte.

Dieses Mal würde sie jedoch nicht fluchend aus der Wanne steigen und den Anruf annehmen, denn zum Glück handelte es sich nicht um ihr Telefon.

Wer auch immer der Anrufer war, es gab schließlich einen Anrufbeantworter.

Möglicherweise war es ihre Stiefschwester Lynn, die sich davon überzeugen wollte, dass sie gut angekommen war. Madlin würde sie später zurückrufen und sich bei ihr bedanken, dass sie ihr zeitweilig Unterschlupf gewährte, ohne viele Fragen zu stellen.

Lynn war drei Jahre älter als Madlin. Seit sich ihre Eltern für ihren Lebensabend in ein Haus in Portugal zurückgezogen hatten, nahm sie die Rolle der älteren Schwester sehr ernst. Wenn sie am Sonntagabend zurückkam, würde sie bestimmt wissen wollen, warum Madlins Traumjob ein so vorzeitiges Ende gefunden hatte.

Vielleicht konnte Madlin sich dann endlich überwinden, jemandem die ganze schreckliche Geschichte zu erzählen. Bis dahin würde sie sich hoffentlich wieder besser fühlen. Sie musste nur etwas schlafen und das Chaos der letzten vierundzwanzig Stunden hinter sich lassen. Sicher würde sie dann bald wieder einen klaren Kopf haben. Denn den brauchte sie, um neue Pläne zu schmieden und wieder eine positive Haltung zum Leben zu finden. Nur zu heulen half ihr jedenfalls nicht.

Erst am nächsten Montag würde sie erfahren, ob die Agentur noch einen Job für sie hatte. Sie konnte einfach nicht einschätzen, ob die Drohung ihrer ehemaligen Arbeitgeberin, dafür zu sorgen, dass sie gefeuert wurde, wirklich Auswirkungen haben würde. Jedenfalls blieb Madlin bis dahin genug Zeit, sich nach einer anderen Unterkunft umzuschauen, bis sie wieder in ihre eigene Wohnung einziehen konnte.

Dabei gefiel ihr Lynns Wohnung ausnehmend gut. Ihre Schwester hatte ihr versichert, dass sie so lange bleiben konnte, wie sie wollte. Doch Madlin wollte so schnell wie möglich wieder ihr eigenes Leben führen.

Bewundernd sah sie sich um. Schon alleine das Badezimmer mit den hellblauen Kacheln und der mediterranen Atmosphäre war überwältigend. Ebenso wie das geräumige Wohnzimmer mit der erhöhten Essecke, die moderne Küche und die beiden eleganten Schlafzimmer. Noch nie hatte Madlin sich in einer so luxuriösen Umgebung aufgehalten.

Allerdings konnte sie sich nicht erklären, wie Lynn sich dieses teure Apartment überhaupt leisten konnte. Ihre Schwester war zwar die persönliche Assistentin von Jake Radley-Smith, dem Inhaber einer der bekanntesten PR-Agenturen Großbritanniens. Trotzdem reichte ihr Gehalt sicher nicht für eine solche Wohnung.

Obwohl Madlin ihre Umgebung sehr genoss, war ihr ein wenig unbehaglich zumute, wenn sie daran dachte, wie gewöhnlich Lynns vorherige Wohnung gewesen war. Glücklicherweise wusste sie genau, dass ihre Schwester bis über beide Ohren in ihren Verlobten Mike verliebt war, mit dem sie gerade seine Eltern in Kent besuchte. Denn sonst hätte sie sich wohl darüber Sorgen gemacht, wie genau Lynns Dienstleistungen für ihren äußerst erfolgreichen Boss aussahen. Madlin hoffte inständig, dass dieses Apartment nicht seine Gegenleistung für ihre Gefälligkeiten war.

Empört wies sie diesen Gedanken jedoch zurück. Niemals würde Lynn sich zu so etwas hinreißen lassen!

Madlin legte ihren Kopf auf die Nackenstütze auf dem Badewannenrand und schloss die Augen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den katastrophalen Verlauf, den ihr Leben genommen hatte. Und das Schlimmste war, dass sie es nicht hatte kommen sehen. Soviel Naivität wurde offenbar bestraft!

Zudem war es äußerst dumm von ihr gewesen, ihre eigene Wohnung zu vermieten. Aber hinterher war man immer klüger. Der Job bei der Bestsellerautorin Adela Mason hatte aber auch eigentlich ein halbes Jahr dauern sollen. Eine Untervermietung war also durchaus logisch gewesen.

„Adelas bisherige Sekretärin muss sich eine Auszeit nehmen, um ihre kranke Mutter zu betreuen“, hatte Madlins Agenturchefin Wendy Ingram gesagt. „Mrs Mason wird für ihr neues Buch in London recherchieren, um es dann in ihrem Haus in Südfrankreich zu schreiben. Dabei braucht sie Hilfe.“ Wendy verzog das Gesicht. „Sie scheint keine einfache Person zu sein.“

„Adela Mason!“, hatte Madlin mit leuchtenden Augen gerufen. „Ich kann es kaum glauben! Sie ist eine fantastische Schriftstellerin, ich bin einer ihrer größten Fans.“

„Ja, deshalb habe ich dich auch vorgeschlagen, obwohl du vielleicht noch ein wenig zu jung bist. Aber Naomi und Lena hat sie bereits abgelehnt.“ Wendys Gesichtsausdruck sprach Bände. „Doch ich warne dich. Hüte dich vor allzu großer Begeisterung, was ihre Bücher betrifft. Vielleicht hast du schon bald die Nase voll. In einem Interview hat sie gesagt, dass sie alles per Hand niederschreibt. Deine Aufgabe wird es sein, die einzelnen Fassungen in den Computer zu übertragen. Zehn Fassungen scheinen für sie durchaus normal zu sein.“

Wendy machte eine kurze Pause. „Du wirst bei ihr das Mädchen für alles sein und dir jeden Penny schwer verdienen müssen. Aber wenigstens hat sie vor Kurzem geheiratet, daher wirst du ihr wohl kaum abends den Kakao ans Bett bringen müssen.“

„Um mit ihr arbeiten zu dürfen, würde ich die Kakaobohnen sogar selbst pflücken“, versicherte Madlin mit leuchtenden Augen.

„Stell dich nur darauf ein, dass das Vorstellungsgespräch kein Spaziergang werden wird“, warnte Wendy.

Das Gespräch fand nach einer TV-Show statt, bei der Adela Mason als Gast auftrat. Sie hatte dunkles, kurz geschnittenes Haar und trug ein rotes Seidenkleid, das ihre schlanke Figur betonte. An diesem Abend sprühte sie nur so vor Charme und Witz. Die Glückwünsche der Kollegen nahm sie mit zur Schau getragener Bescheidenheit entgegen. Aber ihr strahlendes Lächeln und ihre gesamte Haltung machten deutlich, dass sie sich für etwas Besseres hielt.

Warum sollte ich mir deswegen Sorgen machen? Schließlich bin ich keine Rivalin. Ich hoffe nur, dass ich ihren Ansprüchen genüge.

Zu Madlins Überraschung war Adela Mason sehr von ihr angetan.

„Sie gefallen mir viel besser als die anderen Bewerberinnen“, sagte Adela und spielte dabei mit dem großen Diamantring, den ihr Mann ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. „Das erste Mädchen machte den Eindruck, als hätte es in seinem ganzen Leben noch kein Buch in der Hand gehabt, und das andere war einfach ungeeignet.“ Sie musterte Madlin, betrachtete ihre schlanke Figur, das dunkle Haar, das mit einem Band nach hinten gebunden war, die helle Haut und die unscheinbaren Gesichtszüge. „Wenn Sie auch noch gut tippen können, würde ich Sie sehr gerne einstellen.“

Sie machte eine kurze Pause. „Nächste Woche werde ich nach Südfrankreich fliegen, und Sie kommen mit. Es wird zu Ihren Aufgaben gehören, sich um alle Formalitäten zu kümmern. Meine frühere Sekretärin Betsy hat zwar noch die Flüge gebucht, bevor sie plötzlich beschloss, Mutter Teresa zu spielen, aber das müsste natürlich alles noch einmal überprüft werden.“

Diese kalte Bemerkung über ihre Vorgängerin war Madlin sehr unangenehm gewesen. Sie hatte einfach nicht darauf reagiert, sondern ihrer neuen Arbeitgeberin lächelnd versichert, dass solche Aufgaben kein Problem für sie seien.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Madlin noch keine Ahnung gehabt, dass sie sich binnen eines Monats ernsthafte Gedanken um ihre Zukunft machen musste.

Das Telefon klingelte erneut.

„Die meisten meiner Freunde wissen, dass ich weg bin“, hatte Lynn beim Abschied zu Madlin gesagt. „Und Rad habe ich eine Nachricht hinterlassen. Du solltest also ganz ungestört sein.“

Doch irgendjemand schien von Lynns Abwesenheit nichts mitbekommen zu haben.

„Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Piepton“, trällerte Madlin in der Badewanne, bevor sie noch ein wenig Wasser nachlaufen ließ und wohlig in das warme Nass zurücksank.

Es muss schön sein, so viele Freunde zu haben, die anrufen, um einen gemeinsamen Kino- oder Restaurantbesuch vorzuschlagen, dachte Madlin in einem Anflug von Neid.

Und noch schöner musste es sein, einen Freund wie Mike zu haben …

Ja, darum beneidete sie ihre Schwester wohl am meisten. Denn obwohl Madlin gerade erst zwanzig geworden war, hatte sie bisher noch keine ernsthafte Beziehung mit einem Mann gehabt.

Natürlich ging sie häufig mit den Mädchen aus der Agentur abends noch etwas trinken. Und hin und wieder hatte auch einer der Männer, die sie bei diesen Gelegenheiten kennenlernte, mit ihr geflirtet. Aber keinem von denen weinte sie auch nur eine Träne nach, wenn er sich am nächsten Tag nicht bei ihr meldete.

Madlin wusste, dass sie schüchtern war. Es gelang ihr nicht, in Gesellschaft herauszustechen. Sie wusste nicht einmal, wie man richtig flirtete, und hielt sich für nicht besonders geistreich. Der lockere Umgang mit Intimität, den sie bei ihren Bekannten beobachtete, war ihr völlig fremd.

Dabei hatte sie gar nichts gegen entspannte Umgangsformen. Was andere Leute nach der ersten Verabredung machten, ging sie schließlich nichts an. Ihr war nur klar, dass sie selbst anders war. Sie konnte ihre Schüchternheit nicht so schnell überwinden. Das erkannten wohl auch die Männer und bevorzugten daher Mädchen, die unkomplizierter waren.

„Findest du mich eigentlich sonderbar?“, hatte Madlin einmal ihre Schwester gefragt.

Aber Lynn hatte nur gelacht. „Nein, Süße, überhaupt nicht. Du hast einfach Prinzipien. Wahrscheinlich musst du dich erst Hals über Kopf verlieben, um sie über Bord zu werfen. Das ist gar nicht sonderbar, also hör auf, dir Gedanken zu machen.“

In Erinnerung an dieses Gespräch musste Madlin lächeln. Lynn war eine so wundervolle Schwester, warmherzig und offen. Sie besaß die gleichen Charakterzüge wie ihr Vater, Derek Fanshawe, in den sich Madlins Mutter Barbara vor sechs Jahren verliebt hatte.

Derek war völlig anders als ihr eigener Vater, der eher ein ruhiger Typ gewesen war. Madlin hatte eine sichere, geborgene Kindheit erlebt, getragen von der glücklichen Ehe ihrer Eltern.

Clive Wade war ein erfolgreicher Scheidungsanwalt gewesen. Doch jeder seiner Fälle hatte ihm stets nur vor Augen geführt, wie segensreich seine eigene Ehe war.

Aber dann war er eines Tages völlig unvermittelt während eines Prozesses im Gerichtssaal zusammengebrochen. Dieser Schicksalsschlag hatte aus ihrer sonst fröhlichen und optimistischen Mutter eine verstörte, blasse Frau gemacht. Es schien so, als würde sie über diesen Verlust niemals hinwegkommen.

Wenigstens gab es keine Geldprobleme. Clive hatte gut für die Familie vorgesorgt und sein Vermögen erfolgreich investiert. Freunde hatten Barbara geraten, das Haus und die damit verbundenen Erinnerungen zu verkaufen und neu anzufangen.

Es dauerte drei Jahre, bevor eine Freundin sie dazu überredete, mit ihr eine Kreuzfahrt durch die norwegischen Fjorde zu machen. Bei dieser Gelegenheit lernte sie Derek Fanshawe kennen, einen korpulenten Mann mit einem gewinnenden Lächeln. Gleich am ersten Abend setzte er sich zu ihr an den Tisch. Kurz vor Ende der Reise stellte Barbara überrascht fest, dass sie keine Schuldgefühle mehr hatte, weil sie seinem Charme und seiner überschwänglichen Freundlichkeit erlegen war. Ihr wurde bewusst, dass sie diesen Mann mehr vermissen würde, als sie es für möglich gehalten hätte.

Aber auch Derek war nicht gewillt gewesen, für Barbara nur eine Urlaubsbekanntschaft zu bleiben. Als Witwer mit einem Kind war ihm klar geworden, dass er sie wiedersehen wollte. Und schließlich bat er sie darum, mit ihm ein neues Leben zu beginnen.

Anfangs war Madlin skeptisch gewesen. Sie wollte das Andenken ihres Vaters ehren und war fest entschlossen, Derek nicht zu mögen.

Doch Derek verstand ihr Dilemma von Anfang an und zeigte sich ihr gegenüber so einfühlsam, dass sie ihn gar nicht ablehnen konnte. Außerdem war es für Madlin eine große Freude, ihre Mutter wieder aufblühen zu sehen. Und schließlich gab Madlin ihren Widerstand auf und wünschte den beiden von Herzen alles Gute für ihre Ehe.

In Lynn hatte Madlin nicht nur eine ältere Schwester, sondern auch eine Freundin gefunden.

Das wiederholte Klingeln des Telefons riss Madlin abermals aus ihrer Entspannung.

Genervt stieg sie aus der Wanne und wickelte eines der flauschigen weißen Badetücher um ihren tropfenden Körper.

Nachdem sie ihr nasses Haar ein wenig abgetrocknet hatte, lief sie barfuß ins Wohnzimmer und drückte auf den Knopf des Anrufbeantworters. Eine unbekannte männliche Stimme sagte ungeduldig: „Lynn, nimm den Hörer ab. Es ist dringend.“ Die zweite Nachricht war nur ein ungeduldiges Stöhnen, und die dritte war noch vor der Aufnahme abgebrochen worden.

Vielleicht hatte der Anrufer erkannt, dass es zwecklos war, hoffte Madlin.

Plötzlich hörte sie, wie die Eingangstür aufgeschlossen wurde und jemand mit schweren Schritten den Flur entlangkam.

Panisch sah sie sich im Zimmer nach einer möglichen Waffe um, doch dann stand der Eindringling bereits in der Wohnzimmertür.

„Zum Teufel, Lynn, bist du taub geworden?“ Verblüfft starrte der Mann Madlin an.

Seine Augen waren blau wie das Polarmeer und sein Blick eisig. Interessiert musterte er Madlin von Kopf bis Fuß. „Wer zum Teufel sind Sie, und was machen Sie hier?“

Aus einem Impuls heraus vergewisserte Madlin sich, dass sie das Tuch fest um sich gewickelt hatte.

„Dasselbe könnte ich Sie fragen“, gab sie mit bebender Stimme zurück. Dabei ahnte sie bereits, um wen es sich bei dem unerwarteten Besucher handelte, dem sie nun halb nackt gegenüberstand. Es konnte nur Lynns Chef sein, Jake Radley-Smith.

„Versuchen Sie keine Spielchen“, sagte er kalt. „Beantworten Sie einfach nur meine Frage, sonst rufe ich die Polizei. Wie sind Sie hier reingekommen?“

„Es ist die Wohnung meiner Schwester.“

„Schwester? Lynn hat nie eine Schwester erwähnt.“

„Ich bin ihre Stiefschwester. Ihr Vater hat vor ein paar Jahren meine Mutter geheiratet.“

„Ach ja“, erinnerte er sich langsam, „das hatte ich vergessen. Das erklärt aber nicht, warum sie Ihnen den Schlüssel überlassen hat. Wie dem auch sei, das kann warten.“ Er sah sich im Zimmer um und fuhr sich dabei mit der Hand durch sein Haar, das etwas länger war, als es die aktuelle Mode vorgab. „Wo ist Lynn? Ich muss sie dringend sprechen.“

„Sie ist übers Wochenende nach Kent gefahren. Ich dachte, Sie wüssten das.“

Sein Gesichtsausdruck wurde noch abweisender. „Ich hatte gehofft, sie noch zu erwischen, bevor sie abfährt.“

Das war offensichtlich der Grund für Lynns überstürzte Abreise gewesen, vermutete Madlin.

„Ich denke nicht daran, schon wieder auf mein freies Wochenende zu verzichten“, hatte ihre Schwester beim Packen grimmig erklärt. „Ich werde von hier verschwinden, bevor dieses Arbeitstier einen Grund findet, warum ich in London bleiben muss. Das ist nämlich beim letzten Mal passiert, als ich nach Kent fahren wollte. Von mir aus kann er rund um die Uhr arbeiten, aber ohne mich. Meine Freizeit ist mir wichtiger als jeder Bonus, und ich will auf gar keinen Fall bei Mikes Eltern den Eindruck erwecken, dass ich sie nicht sehen möchte.“

Madlin richtete sich nun zu ihrer vollen Größe auf. „Das wird wohl nicht klappen. Lynn kommt erst am Sonntag wieder.“

„Kann schon sein. Das hilft mir aber nicht bei meinem Problem heute Abend“, erwiderte Jake Radley-Smith barsch.

Sie reckte das Kinn. „Ihnen wäre es wohl lieber, wenn sie hier geblieben wäre, um Ihnen rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen“, sagte sie kühl. „Aber Lynn hat nun einmal ein Privatleben. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass es ihr wichtiger ist, ihre zukünftigen Schwiegereltern kennenzulernen, als hier auf Abruf für Sie ihre Zeit zu verschwenden.“

Nach einer kurzen Pause erwiderte er: „Das war ja eine beeindruckende kleine Rede, Miss …?“

„Wade“, ergänzte sie. „Madlin Wade. Und da Sie sich ja jetzt mit eigenen Augen davon überzeugt haben, dass Lynn nicht da ist, würde ich Sie bitten, sich zu verabschieden.“

„Ja, das glaube ich gern, Miss Wade“, sagte er überraschend freundlich. „Aber es steht Ihnen wohl kaum zu, mich aus meiner eigenen Wohnung zu weisen.“ Er musterte sie erneut von oben bis unten, und Madlin spürte, wie sein Blick ihr die Kehle zuschnürte.

Bisher kannte sie Jake Radley-Smith nur von Fotos in der Zeitung, die jedoch nicht an die Realität heranreichten. Er sah nicht wirklich gut aus, seine Nase war gebogen, als wäre sie irgendwann gebrochen gewesen. Doch Madlin konnte nicht leugnen, dass er ausgesprochen attraktiv war. Mehr als das – seine Augen waren einfach umwerfend, wenn er nicht gerade finster dreinschaute. Und sein Mund …

Madlin zwang sich, nicht weiter über seinen Mund nachzudenken, der sich gerade zu einem gefährlichen Grinsen verzogen hatte.

„Und Sie sind wohl auch kaum in der Position dazu“, fuhr er zischend fort. „Besonders nicht in diesem Aufzug. Ich glaube nicht, dass dieses Badetuch Ihnen lange Schutz bieten würde, wenn Sie mich mit Gewalt aus meiner Wohnung werfen wollten.“

Natürlich war sie ihm gegenüber in jeder Hinsicht im Nachteil. Sein klassischer anthrazitfarbene Businessanzug betonte seinen hochgewachsenen schlanken Körper; die graue Brokatweste seine schmale Taille. Sein blütenweißes Hemd war frisch gestärkt, die Seidenkrawatte dunkelrot.

Er hätte kaum förmlicher und respekteinflößender gekleidet sein können. Und trotzdem … warum wurde Madlin den Eindruck nicht los, er hätte ebenso überhaupt nichts anhaben können?

Sie musste unbedingt wieder auf den Boden der Tatsachen kommen, und zwar so schnell wie möglich. „Was meinen Sie damit – aus ‚meiner‘ Wohnung?“

„Dies ist ein Firmenapartment, Miss Wade. Ich habe es vor allem für ausländische Kunden gekauft, die nicht gerne in Hotels übernachten. Lynn wohnt vorübergehend hier, weil ihre Wohnung gerade renoviert wird. Hat sie Ihnen das nicht erzählt?

Madlin schüttelte den Kopf. Mit unsicherer Stimme sagte sie: „Wir hatten nicht viel Zeit für Erklärungen. Sie wusste nicht einmal, dass ich kommen würde. Ich habe sie kurzfristig vom Flughafen aus angerufen und ihr gesagt, dass es ein Notfall sei.“

Jake Radley-Smith runzelte die Stirn. „Was ist passiert? Sind Sie im Urlaub überfallen worden?“

„Nein, nichts dergleichen. Ich hatte einen Job in Frankreich und … also, die ganze Sache ist geplatzt. Und meine eigene Wohnung ist für fünf Monate vermietet.“

„Verstehe“, erwiderte er langsam. „Das heißt, Sie sind obdachlos, arbeitslos und pleite.“

„Vielen Dank für Ihr Verständnis.“ Sie hob das Kinn. „Mir ist klar, dass ich in einer schwierigen Situation bin. Das müssen Sie nicht noch extra betonen.“

„Und deshalb kommen wir vielleicht miteinander ins Geschäft. Wie viel kostet es, wenn Sie den Abend mit mir verbringen würden?“

Madlin war fassungslos. „Wofür halten Sie mich?“, fuhr sie ihn an, bevor ihr klar wurde, welche Antwort sie damit provozierte.

Er besaß die Unverschämtheit zu lachen. „Nun, jedenfalls nicht für das, was Sie glauben. Und das hat nichts damit zu tun, wie attraktiv Sie in diesem Badetuch aussehen. Was übrigens ein bisschen verrutscht ist, falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten.“

Madlin errötete und rückte das Tuch schnell wieder zurecht.

„Ich möchte Ihnen ein Angebot machen“, fuhr er fort. „Ich muss heute Abend zu einer Party, und das Mädchen, das mich begleiten wollte, ist krank geworden. Deshalb habe ich Lynn angerufen – ich habe nämlich nicht die geringste Lust, alleine auf dieser Veranstaltung zu erscheinen. Natürlich hätte ich ihr die Zeit bezahlt. Aber da Lynn nun nicht da ist, muss ich wohl mit Ihnen vorliebnehmen.“

„Das soll wohl ein Witz sein!“

„Welch originelle Antwort. Ihre Gesprächigkeit von eben scheint Sie verlassen zu haben.“

„Aber nicht mein Sinn für Humor.“ Sie holte tief Luft. „Vielen Dank für die Einladung, aber ich denke gar nicht daran. Ich würde Sie nicht einmal begleiten, wenn mein Leben davon abhinge.“

„Ich dachte eigentlich eher an Ihre unmittelbare finanzielle Zukunft, Miss Wade. Können Sie es sich wirklich leisten ein paar hundert Pfund abzulehnen, die mir Ihre Gesellschaft wert wäre?“

Nein, natürlich konnte sie das nicht. Aber machte das einen Unterschied?

„Ich gehöre nicht in Ihre Glitzerwelt, Mr Radley-Smith, das können Sie mir glauben. Ich bin nicht besonders gesellig, und auf Partys bin ich eine ausgesprochene Niete. Bestimmt können Sie Ihr Geld sinnvoller einsetzen.“

„Sollten Sie Ihre Meinung ändern, würde ich vielleicht darüber hinwegsehen, dass Lynn ihre mittellose Schwester in meinem Apartment unterbringt. Wer weiß, unter Umständen wäre ich sogar bereit, Sie hier wohnen zu lassen, bis es Ihnen finanziell besser geht.“ Er schenkte ihr ein Lächeln. „Also warum ziehen Sie nicht einfach Ihr kleines Schwarzes an und kommen mit?“

„Weil ich gar kein kleines Schwarzes besitze“, erwiderte Madlin schroff. „Aber ich bin sicher, dass sich in Ihrem Notizbuch zahllose Telefonnummern von Damen befinden, die Sie einfach nur anrufen müssen.“

Das wusste sie von Lynn, die ihr einmal lachend erzählt hatte, dass die lange Liste seiner Freundinnen berühmt sei. Madlin hatte daraufhin ihre Stiefschwester mit großen Augen gefragt: „Hat er jemals versucht, dich anzumachen?“

Lynn zuckte die Schultern. „Ja, einmal ganz am Anfang. Aber seit damals nicht mehr. Ich bin nicht sein Typ. Deshalb arbeiten wir auch so gut zusammen.“

„Es ist schon ein bisschen spät, um herumzutelefonieren“, erwiderte Jake Radley-Smith nun. „Außerdem kennt Sie niemand, was mir sehr gelegen kommt. Deshalb seien Sie so nett und ziehen sich etwas an – schwarz, weiß oder himmelblau, das ist mir egal. Wenn Sie nichts Passendes haben, leihen Sie sich etwas von Lynn. Ich denke, Sie müssten in etwa dieselbe Größe haben.“

Auf diese letzte Bemerkung hätte Madlin verzichten können. Sie konnte das unbehagliche Gefühl nicht abschütteln, ihr Badetuch würde sich unter dem Blick seiner eisblauen Augen einfach in Luft auflösen.

„Andererseits“, meinte er langsam, „können wir natürlich auch auf die Party verzichten und hierbleiben. Im Kühlschrank steht eine Flasche Champagner. Wir könnten uns etwas entspannen, und Sie erzählen mir ausführlich, wie es dazu kam, dass Sie Ihren Job verloren haben. In diesem Fall müssten Sie sich auch nicht umziehen. Sie könnten einfach so bleiben wie Sie sind. Und vielleicht würde es mir sogar gelingen, Sie davon zu überzeugen, das Badetuch abzulegen. Was sagen Sie dazu?“

Madlin biss die Zähne zusammen. Sie spürte, wie sie rot anlief. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Dazu sage ich, dass ich doch lieber mit Ihnen zu dieser verdammten Party gehe.“

Er lächelte, wofür sie ihn am liebsten geohrfeigt hätte. „Eine kluge Entscheidung. Ich werde respektvoll hier warten, während Sie sich umziehen. Falls Sie dabei aber Hilfe benötigen, zögern Sie bitte nicht, mich zu rufen.“

„Ganz bestimmt“, erwiderte Madlin zuckersüß. „Eher beiße ich mir die Zunge ab.“

Energisch rückte sie erneut ihr Badetuch zurecht und verschwand erhobenen Hauptes, um sich endlich etwas anzuziehen.

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