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Bleeding Violet

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Kapitel 30
  38. Kapitel 31
  39. Kapitel 32
  40. Kapitel 33
  41. Kapitel 34
  42. Kapitel 35
  43. Kapitel 36
  44. Danksagung

Über dieses Buch

Nach dem Tod ihres Vaters trampt die 16-jährige Hanna in die texanische Kleinstadt Portero. Sie will zu ihrer Mutter, die sie gar nicht kennt. Doch ein herzlicher Empfang ist es nicht, der sie dort erwartet, und auch das Städtchen ist keineswegs so idyllisch und harmlos wie es zunächst scheint - hier hört nicht nur Hanna Stimmen! Und dann stellen der attraktive Wyatt und unheimliche Ereignisse sogar ihre abgedrehte Welt auf den Kopf ...  

Über die Autorin

Dia Reeves ist Bibliothekarin und lebt bei Dallas im Bundesstaat Texas. Ihre eigene Familiengeschichte hat sie nicht unwesentlich zum Schreiben inspiriert. »Bleeding Violet« ist ihr erster Roman.

Dia Reeves

Bleeding Violet

Niemals war Wahnsinn so verführerisch

Aus dem amerikanischen Englisch von
Zoë Beck

Meiner Mutter Glenda,
die mich sein lässt, wie ich bin

1

Der Lkw-Fahrer ließ mich am falschen Ende der Straße raus. Ich fühlte mich auch irgendwie falsch, wie ich da in der Lamartine stand, in der meine Mutter wohnte. In den ersten sieben Jahren meines Lebens lebten wir nicht einmal auf demselben Kontinent, und jetzt war sie nur ein paar Häuser entfernt.

Unwirklich.

Warum hast du dich denn von dem Lkw-Fahrer nicht direkt vor ihrem Haus absetzen lassen? Poppas Stimme dröhnte mir durch den Kopf und klang genervt. Als wäre er derjenige, der sich allein durch die Dunkelheit schlagen müsste.

»Ich muss mich an sie ranschleichen.« Ich flüsterte, weil ich die tiefe Mitternachtsstille nicht stören wollte. »Sonst explodiert mein Herz.«

Welche Hausnummer hat sie?

»1821«, antwortete ich und sah mir die Briefkästen an, die wie Burgen und Piratenschiffe aussahen. Die Hausnummern waren auf sie draufgemalt. Ich musste meine Stablampe aus dem Rucksack angeln, um die Nummern zu sehen. Hier gab es nur wenige Straßenlaternen, und am Himmel türmten sich tief hängende, rußschwarze Wolken, sodass kein Mondlicht durchkam.

Portero lag in East Texas, gleich an der Spitze der Piney Woods. Ein Gewirr aus alten Kiefern und Eichen schlängelte sich durch die Stadt. Aber hier in der Lamartine hatte man die Bäume gezähmt, mit Zierzäunen umgeben und mit Reifenschaukeln behängt.

»Hübsch hier, findest du nicht?«

Verdächtig hübsch, sagte Poppa. Wo sind die Schlachthäuser? Wo ist das Öl, das dem Land aus jeder Pore sickert? Wo der Schwefel?

»Übertreib nicht so, Poppa. So schlimm ist sie nicht. Kann sie nicht sein.«

Nein? Sein bitterer Ton brachte mich jedes Mal aus der Fassung, wenn er von meiner Mutter sprach. Rosenstöcke und lustige Briefkästen rechtfertigen nicht ihre Haltung. Ich hätte mir nie vorgestellt, dass sie in so einem Ort wohnt. Das passt nicht zu ihr.

»Vielleicht hat sie sich geändert.«

Ha!

»Dann sorge ich dafür, dass sie sich ändert«, sagte ich, als ich gerade an einem Briefkasten vorbeiging, der wie ein Huhn aussah. 1817.

Wie war ich nur so nah rangekommen?

Ein paar Schritte weiter war ich mehr als nah. Ich war da. 1821.

Das Haus meiner Mutter kauerte in der Mitte einer großen Rasenfläche. Keines der anderen Häuser schmiegte sich auf plumpvertrauliche Art an das meiner Mutter. Sogar die Garage stand frei. Ein einzelner Baum schmückte ihren Rasen. Ein Amberbaum, kahl und hässlich – ganz anders als die würdevoll gewachsenen, Schatten spendenden Bäume der Nachbarn. Ihr Briefkasten war funktional, und der Zaun, der ihr Grundstück umgab, war kinnhoch und unfreundlich.

Ah, stellte Poppa zufrieden fest. Das kommt schon eher hin.

Ich ignorierte ihn und schlich durch die unfreundliche Pforte, dann die Stufen zur Veranda rauf. Die Fliegentür war nicht verschlossen – sie hatte nicht einmal ein Schloss. Also betrat ich die schwarze Veranda und setzte mich in den kleinen Gartenstuhl, der links neben der Haustür stand. Ich saß dort eine ganze Weile und atmete tief durch. Ich saß und atmete, atmete und saß …

Nicht trödeln, Hanna.

Meine Hände verkrampften sich über meinem Bauch, in dem ein Schmetterlingsschwarm Krieg führte. Ich starrte auf die dunkle Haustür und verzehrte mich nach dem, was mich auf der anderen Seite erwartete.

»Glaubst du, sie freut sich, mich zu sehen?«, fragte ich Poppa. »So ein ganz kleines bisschen?«

Nicht, wenn du mit dieser Einstellung da reingehst. Zeig Rückgrat!

»Und was, wenn sie mir nicht glaubt, dass ich ihre Tochter bin?«

Du siehst ihr zum Verwechseln ähnlich. Wie oft hab ich dir das gesagt? Jetzt stell dich nicht so albern an, geh rein und sag, wer du bist.

Poppa wusste immer, wie man bei mir am besten wieder das Gehirn einschaltete. »Du hast recht. Ich stell mich albern an.« Ich strich mein Kleid glatt, schulterte meinen Rucksack und hob die Faust, um zu …

NEIN. Mein Gehirn brummte von der Wucht des Wortes. Nicht klopfen. Es ist nach Mitternacht. Du weckst sie auf. Und sie wacht sehr schwer auf.

»Wie schwer?«, flüsterte ich und hielt mir den brummenden Schädel.

So schwer wie du.

O-oh.

Neun von zehn Mal wachte ich ganz von selbst auf und brauchte nicht einmal einen Wecker, aber wenn man mich weckte, bevor ich so weit war, konnte es … interessant werden. Und offenbar hatte ich das von meiner Mutter geerbt.

Cool.

Geh einfach rein, riet mir Poppa mit felsenfester Überzeugung. Das ist sowieso praktisch dein Haus.

Ich kniete mich auf den Verandaboden. Das Holz schmerzte an meinen nackten Beinen. Als ich die Fußmatte wegschob, glänzte ein kleiner bronzefarbener Schlüssel im Licht meiner Stablampe.

Ein Ersatzschlüssel.

»So was gibt’s nur in einer Kleinstadt«, flüsterte ich und schnappte ihn mir.

Ich schloss die Tür auf und ging hinein.

Eine rote Stehlampe mit lauter Scheinwerfern stand mitten im Raum. Einer der Scheinwerfer warf kaltes Licht auf mich – als hätte meine Mutter gewusst, dass ich kommen würde, und mir das Licht angelassen.

Abgesehen von den roten Chrysanthemen in einer durchsichtigen Vase über dem falschen Kamin und einem roten Kissen, das den Sessel neben der Stehlampe zierte, war das gesamte Wohnzimmer ausschließlich in blau und weiß eingerichtet.

Modern, derselbe Stil, den Poppa gemocht hatte –

Immer noch mag, sagte er.

– weshalb ich mich sofort heimisch fühlte.

Mir ging es gleich viel besser.

Ich steckte den Ersatzschlüssel in die Tasche meines Kleides und ging in einen kleinen Flur. Meine Blockabsätze klapperten rhythmisch auf dem hellen Holzboden. Ich lauschte an jeder der drei Türen, die von dem Flur abgingen, bis sich hinter der dritten ein langsames, tiefes Atmen in meinen Kopf stahl.

Das Atmen meiner Mutter. Beruhigend und sanft, als wäre die Luft, die aus ihren Lungen stieg, reiner als die anderer Leute.

Ich presste weiter meinen Kopf gegen die Tür und versuchte, meinen Atem dem ihren anzupassen, bis mein Ohr wehtat.

Nachdenklich sah ich die Tür an. Dann tastete ich nach dem Messingknauf.

Nein, hab ich gesagt. Poppa blieb hart. Du musst sie aus dem Bett locken.

»Und ich weiß auch schon wie«, flüsterte ich. Die Idee war mir gerade erst gekommen.

Ich stahl mich in die Küche und machte neben der Schwingtür das Licht an. Wie das Wohnzimmer war auch die Küche in blau und weiß gehalten. Ein einzelner, lippenstiftroter Esszimmerstuhl war neben meinem violetten Kleid der einzige Farbtupfer.

Ich ließ meine violette Tasche neben den roten Stuhl fallen und sah mich um. Nachdem ich herausgefunden hatte, wo sie Teller, Toast und den selbst gemachten Käse aufbewahrte, entschied ich mich für einen Käsetoast. Ich gab mir keine besondere Mühe, leise zu sein. Ich wollte, dass sie kam. Ich hatte über hundert Meilen in drei verschiedenen Schrottkarren und einem Sattelschlepper voller Bier zurückgelegt, um endlich in ihrer Nähe zu sein. Aber erst, als ich das Essen auf die Teller legte, schob sie sich durch die Küchentür.

Meine Oma Annikki hatte mir mal erzählt, dass jeder, der Gott ins Gesicht sieht, auf der Stelle tot umfallen würde. Als ich nun zum ersten Mal in meinem Leben meine Mutter ansah, fragte ich mich, ob es daran lag, dass Gott so schön war.

Ich hatte dieselbe Sanduhrfigur, dieselbe dunkle Haut, dieselben kleinen, dünnen Löckchen. Aber meine Locken hatten ein launisches Braun, während ihre schwarz wie Schatten waren.

Inselmädchen-Haar, flüsterte Poppa voller Bewunderung.

Ich riss meinen Blick los und hielt ihr den Toast hin, als brächte ich ihr ein Opfer. »Möchtest du?«

Sie kam in ihrem roten Nachthemd und mit nackten Füßen auf mich zu. Es war, als biege sie die Luft auseinander. Ihre von Natur aus rosigen Lippen waren sehr ausdrucksstark. Und wirkten gemein. Genau wie meine. Sie bogen sich an den Mundwinkeln nach unten und ließen uns wie verzogene Kinder aussehen.

»Du bist in mein Haus eingebrochen, um dir was zu essen zu machen«, sagte sie und ließ die Worte in der Luft hängen. Ihr texanischer Akzent zog jede Silbe wie warmes Karamell in die Länge. »Das träum ich hoffentlich nur, Mädchen.«

»Du träumst nicht, Rosalee. Ich bin hier. Ich bin deine Tochter.«

Ihre Hände klammerten sich über dem Herzen an ihr Nachthemd. Sonst bewegte sie sich nicht.

»Meine Tochter ist in Finnland«, sagte sie ungläubig.

»Nicht mehr. Schon seit Jahren nicht mehr. Ich bin jetzt hier.« Ich wollte sie berühren, umarmen – jeder Kontakt hätte mich umgehauen –, aber sie wich vor meinen suchenden Händen zurück. Ihr gemeiner Mund zuckte, als sie meinen Namen sagte. »Hanna?«

»Ja.«

»Oh Gott.« Da schien sie mich endlich zu erkennen, und ihr Blick wurde etwas weicher. »Du hast sogar seine Augen.«

»Ich weiß.« Ich staunte über unsere Gemeinsamkeiten. »Das war’s dann aber auch schon.«

Rosalee wandte ihren Blick von mir ab und zog an ihrem Haar, als wollte sie es sich ausreißen. »Wieso hat er dich einfach hierherkommen lassen? Alleine. Mitten in der Nacht. Ist er verrückt geworden?«

»Er ist gestorben. Letztes Jahr.«

Sie ließ ihr Haar nach vorne fallen. Sie versteckte sich vor mir, sodass ich nicht sehen konnte, ob sie Schmerz oder Trauer empfand.

Nach einer Weile stolzierte Rosalee an mir vorbei und stellte sich ans Panoramafenster. »Wenn er letztes Jahr gestorben ist«, sagte sie, »warum kommst du dann jetzt? Woher wusstest du überhaupt, wo ich bin?«

Ich saß auf dem roten Stuhl und bibberte gewaltig in meinem violetten Kleid. »Ich habe eine Postkarte von Poppas Schreibtisch geklaut, als ich sieben war. Einen Monat, bevor wir in die Staaten gezogen sind.« Ich wühlte in meinem Rucksack nach der Postkarte. Sie war weich und nach all den Jahren vergilbt. Auf einer Seite war ein Bild vom Fountain Square irgendwo hier in Portero. Auf der anderen Seite stand meine alte Adresse in Helsinki, und im Textfeld der Karte stand einzig das Wort »Nein«.

Ich zeigte sie ihr. »Zu was hast du Nein gesagt?«

Rosalee sah kurz auf die Karte, nahm sie aber nicht. Sie wandte dem düsteren Himmel den Rücken zu und lehnte sich ans Fenster. »Ich weiß nicht mehr, was er mich gefragt hat. Heirate mich, besuch uns, liebe uns. Vielleicht hat er auch alles gefragt. Und ich sagte Nein zu allem.«

Ich steckte die Postkarte weg. »Als Poppa und ich nach Dallas gezogen sind, bin ich als Erstes in die Bücherei gegangen und habe dich im Telefonbuch von Portero gesucht.«

Damals war ich total aus dem Häuschen, als ich ihren Namen schwarz auf weiß vor mir sah. Rosalee Price, eine echte, lebende Person – nicht nur eine Legende, die Poppa sich ausgedacht hatte, um mich zu beruhigen, wenn ich mal wieder fragte, warum andere Kinder eine Mutter hatten und ich nicht.

»Ich lernte deine Adresse und Telefonnummer auswendig. Acht Jahre lang hab ich sie jeden Abend wie ein Schlaflied im Bett wiederholt. Aber ich hab nie versucht, Kontakt zu dir aufzunehmen. Poppa hat mich gewarnt, was ich zu erwarten hätte, wenn ich es versuchte. Deshalb bin ich einfach hier vor deiner Tür aufgetaucht. Ich wollte nicht, dass du wieder einfach Nein sagst.«

Sie sah mich an, starr wie ein Reptil. Was ich gesagt hatte, schien sie nicht zu berühren. »Bei wem wohnst du, seit er tot ist?«

»Bei seiner Schwester. Meiner Tante Ulla.«

»Weiß sie, dass du hier bist?«

»Wir haben sogar die gleichen Füße.«

»Was?«

Ich zog meine violetten High Heels aus und zeigte ihr meine dünnen Füße. Die langen Zehen und die hohe Wölbung. Genau wie bei ihr.

»Ich hab dich gefragt, was mit deiner Tante ist«, sagte Rosalee, noch immer ungerührt.

Ich bewunderte den Anblick unserer nackten Füße, wie sie so nah beieinander standen und sich golden von dem eisigen Glanz der Küchenfliesen abhoben.

»Ich wusste nicht mal, dass ich aussehe wie du. Ich habe es mir aber gedacht. Poppa sagte es mir. Ich wusste, dass ich nicht wie die anderen aus Poppas Familie aussah. Sie sind alle groß und blond und weiß wie Schneefüchse. Und dann komme ich, relativ groß und brünett und braun wie Rohrzucker. Genau wie du. Meine Oma Annikki sagte immer, wenn ich nicht mit grauen Augen geboren wäre, dann könnte man nicht sicher sein, dass ich wirklich zu ihnen gehörte. Und ich gehöre zu ihnen, aber ich gehöre auch zu dir. Ich will alles über dich wissen.«

Diese Sonnenschein-Nummer zieht bei ihr nicht, warnte mich Poppa.

Aber sie zog doch. Während ich sprach, ruhte Rosalees Blick auf mir. Ihr unentwegtes Interesse war erschreckend und willkommen zugleich, gemessen an ihrer feindlichen Haltung.

»Poppa hat mir einiges erzählt. Er erzählte mir immer, wie schön du wärst, aber im gleichen Atemzug verfluchte er dich und sagte, du wärst innerlich tot. So hab ich mir dich immer vorgestellt – wie ein untotes Aschenputtel: Es ist zwar ganz grün und sieht aus wie eine Leiche, aber es trägt ein Ballkleid. Hattest du jemals ein Ballkleid? Ich könnte dir eins nähen. Ich nähe alle meine Kleider selbst. Dieses Kleid habe ich auch gemacht. Ist es nicht süß?« Ich stellte mich so, dass sie es bewundern konnte. »Ich fühle mich immer wie Alice, wenn ich es trage. Damit wäre das hier das Wunderland, richtig? Und du bist das weiße Kaninchen – man kann es nie greifen.«

»Warum ist Blut auf deinem Kleid?«

Jetzt verstand ich den forschenden Blick, der auf mir ruhte. Sie hatte sich gar nicht für mich interessiert, sondern für den Blutfleck. Ich folgte ihrem Blick zu den zwei dunklen Flecken auf meiner Hüfte.

Der kleine Sonnenschein und seine Blutflecken, sagte Poppa und war von mir enttäuscht. Ich hab dir doch gleich gesagt, du sollst dich umziehen, oder?

Ich ließ mich wieder auf den roten Stuhl fallen und versuchte, mich von Poppas schlechter Stimmung nicht runterziehen zu lassen. Mein Kleid wogte um meine Knie.

»Warum denkst du, dass das Blut ist? Es könnte alles Mögliche sein. Ketchup, zum Beispiel.«

»Das ist kein Ketchup«, sagte Rosalee. »Und das hier ist nicht das Wunderland. Wir sind in Portero. Und ich erkenne Blut, wenn ich es sehe.«

Ich kaute still an meinem Toast herum.

»Wessen Blut ist das?«

Sag’s ihr, ermutigte mich Poppa. Ich verspreche dir, dass es ihr nichts ausmacht.

»Es stammt von Tante Ulla«, sagte ich. »Ich hab ihr ein Nudelholz auf den Kopf geschlagen.«

Ich riskierte einen Blick und sah ihr ins Gesicht. Nichts.

Ich hab’s dir gesagt.

»Und?«, drängelte Rosalee.

Wollte sie Details?

»Tante Ullas Blut ist überall hingespritzt. Auf mein Kleid, in meine Augen.« Ich blinzelte heftig, als ich mich daran erinnerte. »Das hat gebrannt.« Ich befühlte die Flecken an meiner Hüfte. »Ich dachte, ich hätte mich sauber gemacht, aber offenbar …«

»Hanna.« Obwohl sie so distanziert war, sprach mich Rosalee übertrieben fürsorglich an. Als wäre ich ein tollwütiger Hund, den sie nicht erschrecken wollte. »Hast du deine Tante umgebracht?«

Ich aß das letzte Stück von meinem überbackenen Toast und leckte mir das Fett von den Fingern. »Wahrscheinlich.«

2

»Es bringt nichts«, sagte ich Rosalee, als sie ein schnurloses Telefon hervorholte und nach Tante Ullas Nummer fragte. Ich goss mir ein großes Glas Milch ein und setzte mich wieder auf den roten Stuhl. »Wenn man mit Toten telefonieren könnte, würde ich genau jetzt mit Poppa reden.«

Wir reden doch, sagte Poppa. Seine Stimme war wie eine gemütliche, kleine Wanze in meinem Ohr. Wozu braucht man Telefone?

Rosalee wartete währenddessen mit dem Telefon in der Hand. Sie wirkte so geduldig wie eine Statue auf den Osterinseln, die schon seit tausend Jahren dort stand und, wenn es sein musste, noch weitere tausend Jahre dort stehen würde. Also rasselte ich Tante Ullas Nummer runter und sah zu, wie sie wählte.

Wenn sie es auf die harte Tour rausbekommen wollte, bitte.

Rosalees Finger erstarrte beim Wählen, und sie musterte mich angespannt von oben bis unten. »Diese Tante … war sie gemein zu dir? Hat sie dich verletzt?«

Ich nickte. »Sie hat meine Gefühle verletzt.«

»Gefühle?« Rosalee wählte zu Ende, und ihr Gesicht entspannte sich wieder zu einer gleichgültigen Maske.

»Emotionaler Missbrauch ist genauso schlimm wie körperliche Gewalt. Schlimmer! Ein gebrochener Knochen kann heilen, aber ein zerbrochener Geist nicht. Jedenfalls nicht so leicht.« Aber Rosalee interessierte das nicht. »Sie wird nicht drangehen.«

»Ich erinnere mich daran, wie ihr Järvinens seid«, sagte Rosalee verstörend geduldig. »Keiner von denen geht in der ersten Minute ans Telefon. ›Wer schnell auflegt …‹«

»›… kann nichts Wichtiges gewollt haben‹«, beendete ich den Satz. Sie kannte uns!

Wir hatten ein Kind zusammen bekommen. Sie konnte es nicht vermeiden, ein paar Dinge aufzuschnappen.

»Du wirst mit ihr reden wollen, nehme ich an«, sagte Rosalee und wartete darauf, dass meine tote Tante ans Telefon ging.

»Ich habe ihr nichts zu sagen.«

»Na ja, aber sie hat dir sicher eine Menge zu sagen.«

Ich zuckte die Schultern und trank zusammen mit der eiskalten Milch noch einen guten Schuss Selbstgefälligkeit, während draußen der Wind den Amberbaum zerzauste und die Äste am Haus herumkratzten. Mich zerzauste der Wind nicht. Mein kurzer obdachloser Tag hatte mit einem Dach über dem Kopf und gutem Essen geendet – nicht beim Jugendamt oder bei einem Zuhälter, sondern bei meiner eigenen Mutter. Wie viele Ausreißer konnten so was schon von sich behaupten?

»Ulla?« Rosalee hörte auf, in der Küche herumzulaufen, und lehnte sich an die Küchentheke. »Hier ist Rosalee Price. Ja, ich

Ich verschluckte mich fast an der Milch. Meine Selbstgefälligkeit löste sich in stinkende Luft auf. »Sie lebt?«

Rosalee hielt eine Hand über das Telefon. »Hört sich ganz danach an.«

Ich knallte das Glas auf den Tisch.

Rosalee warf mir einen düsteren Blick zu, sagte dann aber ins Telefon: »Ich weiß das. Sie ist gerade vor meiner Haustür aufgekreuzt.«

Ich hörte Tante Ullas aufgebrachte Stimme bis zu meinem Stuhl. Rosalee musste sich den Hörer vom Ohr halten.

Als das Gebrüll nachließ, sagte Rosalee: »Wie viele Stiche? Ach. Das tut mir aber leid. Wieso, was soll ich denn machen? In Flammen aufgehen? Ich sagte doch gerade, dass es mir leid tut.«

Das Geschrei wurde noch lauter und wütender.

»Schrei mich nicht an. Schrei deine Nichte an, wenn du sie hier abholst. Na ja, du wirst sie wohl wiedersehen müssen. Sie gehört zu deiner Familie. Komm mir nicht mit diesem Tochterquatsch! Ich habe sie noch nie in meinem Leben gesehen!« Pause. »Was? Man hat was diagnostiziert?«

Panisch warf ich mir meine Tasche über die Schulter und huschte aus der Küche. Wie konnte ich hier bloß rumsitzen und so tun, als sei die Schlacht längst gewonnen? Sie wusste jetzt alles über mich. Tante Ulla erzählte ihr gerade haarklein von all meinen Missetaten des letzten Jahres, den Vorfall von heute Morgen nicht ausgenommen. Rosalee würde mich jetzt noch schneller loswerden wollen als zuvor. Ich musste mich beeilen und einen Platz für mich suchen, bevor Rosalee das Gespräch beendet hatte.

An der Wand fand ich einen Lichtschalter für das Wohnzimmer. Ein Sessel und ein Schemel, aber keine Schlafcouch, kein Ausziehsofa. Überhaupt kein Sofa, Punkt. Den Flur runter zur Linken waren ein Badezimmer, ein Wäscheschrank, ein Büro so groß wie ein Schrank und schließlich Rosalees Schlafzimmer, in dem ein Einzelbett stand.

Besorgt ging ich zurück ins Wohnzimmer. Ein Stuhl in der Küche, ein Sessel im Wohnzimmer, ein Bett im Schlafzimmer. Rosalee hatte nicht nur keinen Platz für mich in ihrem Leben, Rosalee hatte für niemanden Platz in ihrem Leben.

Gegenüber der Eingangstür war eine Treppe. Ich ging hoch und erwartete noch mehr von dieser ungeselligen Einrichtung. Als ich jedoch die Tür am oberen Ende der Treppe öffnete, fand ich einen großen, leeren Dachboden, der die Form der oberen Hälfte eines Stoppschildes hatte. Die Wände waren weiß, und auf dem Boden lag derselbe helle Holzboden wie unten. Ein großes Fenster mit Messinggriffen an den Fensterflügeln blickte auf die dunkle, schlafende Straße.

Dieser Raum war so gut geschnitten. Er hatte so viel Potenzial. Es gab sogar ein eigenes Bad mit einer Dusche, einem Waschbecken und einer Toilette, alles blütenweiß. Ich glaubte nicht, dass es jemals benutzt worden war.

Ein Gästezimmer. Leer, weil Rosalee ganz offensichtlich keine Gäste wollte. Wie gut, dass ich kein Gast war.

Ich war Verwandtschaft.

Ich stellte meine Tasche auf den Boden und fing an, sie auszupacken: sieben lila Kleider, lila Unterwäsche, meine lila Handtasche, eine große Holzschwänin, die Poppa für mich geschnitzt hatte, und mein Handy. Da es keinen Schrank gab, legte ich alles in die Einbauregale an der Wand gegenüber der Tür. Auch meine Pillen legte ich dazu, die fast das gesamte obere Regal einnahmen. Mein Waschzeug räumte ich in das Medizinschränkchen. Und das war’s dann auch schon.

Ich war zu Hause.

Wir sind beide zu Hause, pflichtete Poppa mir zufrieden bei. Er hatte schon viel länger auf ein Wiedersehen mit Rosalee gewartet als ich.

Ich ging nach unten und wartete ein wenig vor der Küchentür. Als ich nichts außer Rosalees gelegentlichem Gemurmel hörte, ging ich weiter den Flur entlang zu dem Wäscheschrank und suchte mir ein paar dicke Wolldecken und ein lila Badetuch heraus.

Das Lila nahm ich als Omen – als gutes Omen.

Ich hatte keine Nachthemden eingepackt, deshalb wickelte ich mich in eine Decke, nachdem ich mich ausgezogen hatte, und kämmte mein Haar, was zur lästigen Routine gehörte. Inselmädchen-Haar mochte es nicht, wenn man es kämmte.

»Was machst du da?«

Rosalee stand in der Tür zum Dachboden und starrte auf meine Sachen in den Regalen und ihre Decken auf dem Boden.

Sie starrte voller Entsetzen.

Ich wickelte den Kamm aus meinem Haar und kniete mich neben die Decken. »Ich richte mich ein.«

»Einen Dreck wirst du! Du kannst hier nicht bleiben!«

Tante Ulla hatte sie mit ihrem giftigen Gerede also komplett gegen mich eingenommen.

»Doch, kann ich.« Ich breitete die Decken aus und legte sie übereinander. »Was du eigentlich meinst, ist, dass du mich hier nicht willst.«

»Ganz genau! Ich will dich nicht!«

Ich sang: »You can’t always get what you want.«

Rosalee starrte mich an, als hätte sie so etwas wie mich noch nie zuvor gesehen. »Fragst du eigentlich auch mal, wie es deiner Tante geht? Das wäre ja wohl das Mindeste, nach allem, was du ihr angetan hast.«

»Du hast gesagt, dass sie lebt.« Ich prüfte, ob der Deckenstapel weich genug war. Er war es nicht, also legte ich mehr Decken darauf. »Muss ich denn mehr wissen?«

»Sie ist mit elf Stichen am Kopf genäht worden. Sie ist eben erst aus dem Krankenhaus zurückgekommen. Du hast wirklich Glück, dass sie nicht die Polizei gerufen hat. Und du hast Glück, dass sie nicht gestorben ist.«

Als ich nichts erwiderte, kniete sich Rosalee mir gegenüber hin. Das Deckenlager war zwischen uns. Ein glänzendes rotes Armband fiel um ihr linkes Handgelenk, an dem ein altmodischer Silberschlüssel, so lang wie mein kleiner Finger, baumelte. Ich fragte mich, was sie wohl tun würde, wenn ich ihre Hand berührte. Oder wenn ich sie überhaupt berührte, um herauszufinden, wie es sich anfühlte.

»Warum hast du sie geschlagen?«, fragte Rosalee.

»Hat sie dir das nicht gesagt?«

»Sag du’s mir.«

Ich hörte auf, mit den Decken herumzuhantieren. »Sie wollte mich wieder in die Psychiatrie schicken, damit man mich für immer wegschließt. Ich hab ihr gesagt, dass ich nicht für immer weggeschlossen werden will, aber das war ihr egal. Also musste ich’s ihr zeigen.«

Ich führte vor, wie ich es Tante Ulla gezeigt hatte, indem ich einen heftigen Schlag auf Rosalees Kopf mimte. Dann konnte ich nicht widerstehen und berührte mit meinen Fingerspitzen die weiche, seidige Haut von Rosalees Wange. Sie fühlte sich fiebrig an. Vertraut. Meine Finger kannten sie. »Aber ich würde dir niemals antun, was ich ihr angetan habe. Vergiss alles, was sie dir erzählt hat. Du musst vor mir keine Angst haben.«

Rosalee schlug meine Hand weg, als wäre sie eine Fliege. Der Schlüssel an ihrem Armband gab ein verärgertes Klirren von sich. »Selbst wenn du Hannibal Lecter höchstpersönlich wärst«, sagte sie und stand mit einer anmutigen Bewegung auf, »wärst du hier nichts Besonderes. Du bist diejenige, die Angst haben sollte.« Sie fing an, auf und ab zu gehen. »Dir ist klar, dass deine Tante deine Sachen packt, während wir uns hier unterhalten? Sie sagt, entweder schickt sie die Sachen hierher oder in die Klinik.«

»Sag ihr, sie soll sie hierher schicken.«

»Das Einzige, was hier verschickt wird, bist du.« Ihre Schritte hallten in dem leeren Raum, was den Abstand, der zwischen uns lag, zu vergrößern schien. »Glaubst du, ich warte nur darauf, für das verantwortlich zu sein, was mit dir passiert, wenn du in dieser Stadt bleibst?«

»Du warst sechzehn Jahre lang nicht für mich verantwortlich«, sagte ich. »Warum sollte dich das jetzt kümmern? Mich kümmert es nicht.«

»Ich fahre dich höchstpersönlich nach Dallas, wenn es sein muss«, murmelte sie, ohne auf mich einzugehen.

»Und was dann? Du kehrst hierher zurück und lebst dein Leben in einsamem Glanz? Scheiß drauf. Mir ist egal, dass du mich nicht willst. Ich brauche meine Mutter dringender als du deine Einöde.«

Rosalee blieb stehen und sah mich mit zusammengepressten Lippen an. »Was ich brauche, ist, nicht hinter einem bipolar gestörten Kind herlaufen zu müssen.«

Wenn sie glaubte, dass ich einknickte, nur weil sie die Sache beim Namen nannte, dann hatte sie sich leider getäuscht. »Ich bevorzuge manisch-depressiv«, sagte ich ihr, »wenn es dir sowieso schon egal ist. Das trifft es genauer, findest du nicht? Das ist ehrlicher. Aber nenn es ruhig, wie du willst, solange ich hierbleiben kann.«

»Ich weiß noch nicht mal etwas über normale Kinder, wie soll ich denn dann …« Rosalee machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung. Sie galt mir und meiner ganzen gestörten Pracht.

»Da gibt es nichts zu wissen«, sagte ich. »Ich muss nur ein paar Pillen nehmen, und schon ist alles prima.«

»Deine Definition von ›prima‹ beinhaltet tätlichen Angriff und Körperverletzung? Du hast deine Tante krankenhausreif geschlagen!«

»Ich hab meine Pillen schon eine ganze Weile nicht mehr genommen«, gab ich zu.

Rosalee stürmte zum Regal und griff sich wahllos ein paar Pillenfläschchen. »Dann nimm sie jetzt.«

Sie nahm wieder ihre Osterinsel-Haltung an. Also stand ich auf und holte mir die richtigen Fläschchen: Lithium und Seroquel.

»Wozu sind die ganzen anderen gut?«, fragte Rosalee und sah sich die Fläschchen an, die sie vom Regal genommen hatte.

»Die sind für andere Sachen: Depressionen, Schlaflosigkeit, Panikattacken, Hyperaktivität und und und.« Ich hielt das Lithium hoch: »Das hier gleicht mich aus. Und das hier«, ich hielt das Seroquel hoch, »ist gegen die Halluzinationen.«

»Du halluzinierst

Ich war ganz kribbelig, weil ich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. »Mein letzter Seelenklempner hat entschieden, ich sei manisch-depressiv. Er sagte, entweder ist es das, oder Schizophrenie, aber ich sei viel zu entzückend und rational, um schizophren zu sein. Seine Worte, nicht meine.«

Ich spülte die Pillen mit Wasser runter, das ich direkt aus dem Hahn im Badezimmer trank. Als ich zurückkam, sagte ich: »Ist das besser? Bist du zufrieden? Kann ich jetzt bleiben?«

»Nein!«

Das war’s dann mit dem Kribbeligsein. »Nein, es ist nicht besser, nein, du bist nicht zufrieden, oder nein, ich kann jetzt nicht bleiben?«

»Alles nein.«

Ich nahm Schwänin aus dem Regal und drückte sie an mich. Sie war kalt und schwer und aus Holz, aber jemand wie ich muss an Zuneigung alles nehmen, was sie kriegen kann.

»Warum willst du, dass ich gehe?«, fragte ich. »Ich bin in zwei Jahren achtzehn. Die ganze Erziehungsarbeit ist schon geleistet worden. Ich kann mich längst um mich selbst kümmern. Du musst nichts machen. Wo ist das Problem?«

Rosalee hatte ihre Arme hinter dem Rücken verschränkt, wohl damit ich nicht auf die Idee kam, sie auch noch an mich drücken zu wollen. »Du passt hier nicht rein.« Sie klang verzweifelt. »Ich sag es dir noch mal. Ein Mädchen wie du könnte sich hier niemals anpassen. Und warum solltest du das wollen? Du glaubst jetzt schon, verrückt zu sein? In dieser Stadt geschehen Dinge, die würden jeden ver … Was zum Teufel ist daran so lustig?«

Ich konnte sie kaum hören, weil ich so laut lachen musste. »Nur, damit ich das richtig verstehe: Du willst, dass ich gehe, weil du denkst, ich könnte mich hier nicht anpassen

»Ich weiß, dass du es nicht kannst.«

Meinte sie das ernst? Meine Eltern hatten unterschiedliche Hautfarben, und ich hatte in zwei unterschiedlichen Kulturen gelebt. Ich war die reinste Werbeanzeige für Anpassungsfähigkeit. Und an was sollte ich mich denn anpassen? Flussfischen? Kuchenbacken von der Pike auf? Das Leben in einer Kleinstadt war ja wohl mit Sicherheit öde und langweilig, aber vielleicht war es genau das, was ich brauchte. Dallas hatte mir ganz sicher nicht gutgetan.

»Wir machen einen Deal«, sagte ich. »Lass mich einen Monat hier wohnen. Wenn ich mich gut eingewöhne, Freunde finde und das alles, dann darf ich bleiben. Aber wenn ich es nicht schaffe, dann gehe ich, und du hörst nie wieder was von mir.«

Rosalee schwieg lange. »Eine Woche.«

»Zwei Wochen.«

Wieder Schweigen. »Und dann gehst du zurück zu deiner Tante?«

Ich streichelte Schwänins langen, geraden Hals. »Das hab ich nicht gesagt.«

»Dann sag es jetzt, oder es gibt keinen Deal.«

Sie schien einfach nicht daran zu denken, dass mich Tante Ulla nicht mehr wollte – nie gewollt hatte, um genau zu sein –, aber wenn Rosalee unbedingt wollte, dass ich log, bitte schön. »Okay, wenn ich es nicht schaffe, gehe ich zurück zu Tante Ulla.«

Rosalee seufzte, ein sich von der Klippe stürzender, komplett hoffnungsloser Seufzer. »Na dann, bitte schön. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Ich konnte es nicht glauben. Obwohl sie wusste, was es über mich zu wissen gab, ließ sie mich hier wohnen. »Yippie!« Ich tanzte mit Schwänin durch den Raum.

Rosalee sah mir dabei zu. Wieder sah sie so aus, als hätte sie nie zuvor etwas wie mich gesehen. Dann ging sie kopfschüttelnd zur Tür.

»Gute Nacht, Momma.« Der Name fühlte sich im selben Moment komisch an. In meinem Mund, in meinen Ohren.

Er musste sich auch für Rosalee komisch angehört haben. »Nenn mich nicht so«, sagte sie. »Ich kenne dich nicht mal.«

Ich hätte nie gedacht, dass schwarze Augen so kalt sein konnten, aber Rosalees konnten es. Ich hörte auf zu tanzen und presste Schwänin gegen meine Brust. »Wenn du das willst.«

»Ja.« Sie ging, und alles fühlte sich leer an. Der Raum, ich.

Sie hasst dich, sagte Poppa. Ich hab es dir gleich gesagt. Ich hab dir gesagt, sie ist gefühllos.

Ich stellte Schwänin zurück ins Regal und verbeugte mich vor ihr, um mich für den Tanz zu bedanken. »Sie hat eine Menge Gefühle. Sie kann sie nur nicht zeigen. Ich werde sie schon dazu bringen. Sie wird wollen, dass ich hierbleibe.«

Nach einer Woche?

»Zwei Wochen.« Ich knipste das Licht aus. »Das ist viel Zeit. Ich bin doch ganz nett, oder etwa nicht? Und sie ist meine Mutter. Ihre Instinkte werden sich schon rühren.«

Nach sechzehn Jahren? Ich glaube, ihre Instinkte haben sich schon vor langer Zeit verabschiedet.

»Hör doch mal auf, alles so schwarz zu sehen, Poppa.«

Ich schob mein Lager näher an das Regal, damit Schwänin mich besser bewachen konnte. Dann warf ich das Handtuch weg, legte mich nackt auf den Stapel und zog mir die kalte, oberste Decke bis zum Kinn. »Ich werde sie schon rumkriegen. Ich weiß es.«

Und was, wenn nicht?

Ich gähnte. »Wenn nicht, dann werde ich die Wände ihres Hauses mit meinem Blut streichen.« Ein Donnerschlag grollte durch die Nacht und ließ den Boden unter mir erzittern.

»Ganz egal, was auch passiert. So oder so, ich bleibe hier.«

3

Ich wachte vom Donner auf.

Der schwere Regen prasselte gegen das Fenster und warf dunkle, sich schlängelnde Schatten gegen die Dachschräge. Das Prasseln hallte in dem zwielichtigen Dachboden wider. Ich fühlte mich klein und zerbrechlich wie ein Spitzenhandschuh, den man beim Umzug vergessen hatte – einsam und ohne Freunde.

Ich zitterte auf meinem Deckenlager und wartete darauf, dass mir Poppa etwas zuflüsterte. Dann würde ich wissen, dass ich nicht allein war. Aber ich hatte ihn ruhiggestellt. Verrückt oder gesund. Poppa oder einsam. Jeden Tag musste ich diese schweren Entscheidungen treffen.

Verfluchte manische Depressionen.

Ich schlurfte ins Badezimmer, und nachdem ich den Anhalterdreck von gestern von mir abgespült hatte, war die Entscheidung für den Tag getroffen.

Gesund.

Ich nahm meine Pillen und zog das lavendelfarbene Kleid mit der Lochstickerei an, das ich mir genäht hatte, kurz bevor Poppa gestorben war, eine ganze Weile, bevor ich meine Alles-Violett-Phase hatte. Wie jedes Kleid, das ich mir selbst nähte, hatte es Wiener Nähte, die meine Kurven betonten, ein hohes Mieder und einen knielangen Rock. Und da es eines meiner liebsten Hobbys war, die Jungs in den Wahnsinn zu treiben, hatte dieses Kleid vorne eine Leiste mit winzigen, edelsteinbesetzten Knöpfen, die schon so einigen ungeschickten Romeos den Wind aus den Segeln genommen hatte.

Ich stand am Fenster und sah dem Regen dabei zu, wie er versuchte, die Welt zu ertränken. Rosalee und ich könnten uns trotzdem kennenlernen, aber wir würden den ganzen Tag im Haus bleiben müssen. Ich könnte sie sicher überreden, heute nicht zur Arbeit zu gehen. Warum sollte sie das auch wollen? Sie könnte ihren Chef bitten, ihr rückwirkend Erziehungsurlaub zu geben oder so was.

Sie würde mich bestimmt nicht hier alleine zurücklassen wollen und sich dann den ganzen Tag fragen müssen, ob ich vielleicht gerade ihr Haus demolierte.

Ich ging nach unten in die Küche. In der Stille des Hauses war mein knurrender Magen so laut wie ein Motor. Dann sah ich Rosalee. Sie war über den Esstisch gebeugt und kritzelte etwas auf ein gelbes Blatt Papier. Als ich hereinkam, hob sie den Kopf.

Selbst in dem regengetrübten Licht, selbst in ihrem ausgebeulten roten Nachthemd sah sie noch wunderschön aus, und ich war nah genug, um den Duft von Dove, der noch auf ihrer Haut lag, zu riechen. Komisch, da kannte ich nun so ein intimes Detail wie die Seife, die sie benutzte, nachdem ich jahrelang keinen blassen Schimmer von ihr gehabt hatte.

Eine Glasschüssel mit Früchten, hauptsächlich Äpfel und Bananen, stand auf der Küchentheke, die den Kochbereich von dem Essbereich trennte. Ein leichter zitroniger Geruch von einem Reinigungsmittel hing in der Luft.

Als ich mir eine Banane nahm, sagte sie: »Geh und hol deinen Rucksack.«

»Warum?«

Sie kritzelte weiter herum. »Mach einfach.«

Widerwillig holte ich meinen leeren Rucksack und ging zurück in die Küche.

Der Schlüssel an Rosalees Armband klirrte, als sie mir das Notizblatt gab. »Nimm.«

Ich nahm es.

Rosalee hatte mir die Wegbeschreibung zur Portero Highschool aufgeschrieben. Sie hatte sogar einen Karte gezeichnet. Ich sah sie fassungslos an. »Du willst, dass ich zur Schule gehe?«

»Du hast nur zwei Wochen, um dich einzugewöhnen. In der Schule geht das am leichtesten. Gib mir deine Tasche.«

Ich gab sie ihr, während mich ein leichter Erster-Schultag-Schauer überfiel. Ein absurdes Gefühl so spät im September. Der Regen hatte vorhin noch so gemütlich gewirkt, aber jetzt, da ich raus musste …

Zweifelnd inspizierte ich die Karte. Dann sah ich nach den gewaltigen Wassermassen, die so hübsch von dem Panoramafenster eingerahmt wurden, wie sie die Straße entlang rauschten. Und ich konnte nicht anders, ich stellte mir vor, wie sie mich mit sich rissen … in den Abwassergraben.

»Du erwartest jetzt aber nicht von mir, dass ich laufe, oder? Bei dem Sturm? Ich hol mir eine Lungenentzündung.«

»Du sollst auch nicht laufen. In der Garage steht ein Fahrrad.«

»Ein Fahrrad?«

Ich ging zur Hintertür und spähte durch die Glasblende. Wildwassersturzbäche strömten die Ausfahrt runter zur Straße und warteten nur darauf, mich und das Fahrrad, von dem Rosalee sprach, umzureißen.

Das musste ein Test sein. Gott testet seine Anhänger, richtig? Er stellt ihnen grausame Aufgaben, um ihren Glauben und ihre Ergebenheit zu testen. Rosalee wollte sehen, wie weit sie bei mir gehen konnte. Sie wollte sehen, ob ich aufgab, bevor ich die Wette gewonnen hatte.

»Hier.«

Rosalee stand hinter mir und hatte einen schwarzen Regenmantel und Gummistiefel in der Hand.

»Ich trage kein Schwarz.«

»Ich dachte, du wolltest dir keine Lungenentzündung holen.« Sie knallte mir das Regenzeug hin. »Nimm es.«

Ich nahm es.

»Du brauchst auch Geld für dein Mittagessen.« Sie steckte mir einen Fünf-Dollar-Schein unter den Träger meines Kleids. Als wäre ich eine Stripperin! Dann stopfte sie Blöcke und Stifte in meine Tasche. Als sie fertig war, zog sie den Reißverschluss der Tasche zu und drehte sich zu mir. »Zieh den Regenmantel an!«

Ich tat es und fühlte mich ganz betrunken von ihrer Aufmerksamkeit.

»Und die Gummistiefel.«

Auch wenn ein Kind jemandem den Kopf eingeschlagen hatte, würde seine Mutter es immer noch vor Regenwetter schützen wollen. Diese mütterliche Fürsorge hatte ich mein Leben lang vermisst.

Sie gab mir meine Tasche und scheuchte mich zur Hintertür raus. Ich trat hinaus in eine fast schon kühle Brise. Dunkle Gewitterwolken hatten den gesamten Himmel gekapert. Starker Regen verschleierte die Morgenluft wie Nebel.

»Soll ich zu einer bestimmten Zeit wieder zu Hause sein?«, fragte ich Rosalee, als sie ihren Kopf kurz rausstreckte, um nach dem Wetter zu sehen.

»Es ist mir egal, ob du überhaupt wiederkommst«, sagte sie, und ihre Stimme wurde fast von dem Donnern des Regens verschluckt. »Ich hoffe bei Gott, dass du nicht wiederkommst.«

Rosalee knallte die Tür zu und ließ mich im Regen stehen.

4

Ich war so früh in der Schule angekommen, dass ich nicht erwartet hatte, andere Kinder zu sehen, aber sie füllten bereits die hellblauen Korridore. Jedes einzelne war schwarz gekleidet, als hätte ein Goth die Schulkleidung festgelegt.

Country Goths? Hat man davon schon gehört?

Die Kids an der Portero High waren nicht so unterschiedlich wie an meiner alten Schule, aber doch unterschiedlicher, als ich erwartet hatte. Das Meer aus weißen Gesichtern war durch braune, schwarze und gelbe Prisen aufgepeppt. Aber abgesehen von der Hautfarbe hatten alle denselben Gesichtsausdruck: wachsam.

Sie verstummten, als ich mit Rosalees fürchterlichen Gummistiefeln an ihnen vorbeiquietschte. Ich kam mir schrecklich albern vor – wie ein Clown, der bei einer Beerdigung auf einer blöden, überdimensionalen Hupe herumdrückt. Also lächelte und winkte ich jedem zu, an dem ich vorbeiging.

Keiner lächelte oder winkte zurück.

Aber ich ließ mich nicht unterkriegen. Ich hatte noch eine Menge Zeit, Freundschaften zu schließen.

Ich fand das Sekretariat fast sofort, aber als ich reinging, musste ich mich sehr zusammenreißen, um nicht gleich wieder rauszurennen. Das Gefühl, auf einer Beerdigung gelandet zu sein, verstärkte sich.

Hinter der riesigen Theke, die das Büro zweiteilte, stand ein kleines Grüppchen schwarz gekleideter Leute weinend um eine lebensgroße Glasstatue herum. Die Arme des Glasmanns waren ausgestreckt, seine durchsichtigen Handflächen lagen flach auf einem langen Fensterstreifen, der nicht annähernd so kristallklar war wie er. Zahlreiche blutähnliche, gelatineartige Flecken rauschten hypnotisch zu beiden Seiten des langen Fensters hinab, wie Gehirnmasse von zwei Riesen, denen man draußen vor der Schule den Kopf weggepustet hatte. Noch während ich hinsah, verschwanden die Flecken vom Fenster, als würde der Regen sie wegwaschen.

Ich beschloss, die Flecken zu ignorieren. Wahrscheinlich gab es sie sowieso nur in meinem Kopf, wofür ich mich nicht bei meiner blöden, wirkungslosen Medizin bedanken würde. Ich konzentrierte mich auf die Statue, die mir irgendwie das Gefühl gab, zu Hause zu sein. Während meiner Skiferien in Finnland hatten Poppa und ich oft in Hotels übernachtet, die komplett aus Schnee bestanden und voll waren mit skurrilen Eisskulpturen, die der Glasstatue ähnelten. Eine reizende Absurdität, die hier niemand zu schätzen schien.

»Wie konnte er nur seine Ohrstöpsel vergessen?«, sagte eine der Trauernden, eine kleine, runde Frau mit verschmierter Mascara auf den Wangen. »Das ist doch so fremdisch!«

Die drei Sachbearbeiter tätschelten die Statue, während sie schluchzten. Sie streichelten sie, als wollten sie sie trösten. Das Sinnlose der Geste erinnerte mich daran, wie ich eine ganze Nacht lang Poppas Hand gehalten hatte, nachdem er gestorben war, als hätte ihm meine Berührung die Angst vor dem Tod nehmen können.

»Was brauchst du, Mädchen?«

Einer der Trauernden, ein sehr alter Mann mit Cowboyhut, wischte sich die Tränen weg und sah mich fragend an.

»Ich muss mich anmelden.«

»Da brauch ich deine Geburtsurkunde, medizinische und zahnmedizinische Unterlagen und die Meldebescheinigung.« Er klopfte auf die Theke, wie um mir zu zeigen, wo ich all diese Unterlagen abzulegen hätte.

»Das hab ich alles nicht.«

»Sind deine Eltern arbeiten?«

»Mein Vater ist tot, aber meine Mutter ist zu Hause.« War sie das? Sie war noch im Nachthemd gewesen, als ich gegangen war, und sie hatte nicht den Eindruck gemacht, als hätte sie es eilig, irgendwohin zu kommen. Ich hoffte, Cowboy würde mich nicht danach fragen, womit sie ihr Geld verdiente. Ich wusste es nämlich nicht.

»Welche Nummer?«, fragte er.

Die wusste ich.

»Wie heißt deine Ma?«, fragte Cowboy und tippte die Nummer ein, die ich ihm genannt hatte.

»Rosalee Price.«

Das Weinen hörte auf der Stelle auf. Die Trauernden, die um die Glasstatue herumstanden, glotzten mich an. So auch Cowboy, der rief: »Du bist nie im Leben die Tochter von Rosalee Price!«

Was hätte ich darauf sagen sollen? »Bin ich doch!«, wie ein kleines Kind? Ich starrte ihn nur an.

Cowboy tippte die letzten Nummern ein und schielte mich die ganze Zeit über misstrauisch an, als spielte ich ihm irgendeinen geschmacklosen Streich.

»Ist da Miss Rosalee Price? Oh!« Er riss sich den Cowboyhut von seinem kahlen Kopf und hielt ihn vor seine Brust. »Ma’am, hier ist so ein Kind, und sie sagt, sie gehört zu Ihnen.« Er musterte mich. »Ja, genau. Die ist das. Sieht allerdings aus, als wär sie ersäuft worden.«

Ich wollte ihm das Telefon aus der Hand reißen, um zu hören, was Rosalee über mich sagte. Ob sie ihm riet, mich in einem Klassenzimmer einzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen. Irgendetwas, um mich nie wieder sehen zu müssen. Aber ich riss mich zusammen und dachte daran, dass die Pillen mich wenigstens davon abhielten, dummen Impulsen leichtfertig nachzugeben.

»Machen Sie ruhig und faxen Sie sie rüber«, sagte Cowboy. »Nein, ich danke Ihnen.« Er beendete das Gespräch und setzte seinen Hut wieder auf. Er zog ihn ein wenig nach vorne, um den richtigen Winkel hinzubekommen. »Wenn das mal nicht der Hammer ist.«

»Echt?«

Er schaute mich wieder ungläubig von oben bis unten an. »Wie heißt du?«

»Hanna Järvinen.«

Ich buchstabierte es für ihn. Er hackte auf seiner Computertastatur herum und suchte nach jedem einzelnen Buchstaben, als mache er bei der langsamsten Schnitzeljagd der Welt mit. Das ä war dabei eine ganz besondere Herausforderung. Ich nannte ihm meine Daten, und er legte mir gerade einen Stapel Formulare zum Ausfüllen vor die Nase, als die Bürotür aufgestoßen wurde.

Ein blasses, fremdartig wirkendes Mädchen schritt vor zu der Theke – nein, eigentlich kein Mädchen. Sie hatte viel zu viel Selbstbewusstsein, um noch in die Schule zu gehen. Sie trug knallenge grüne Hosen und dazu ein passendes Tank Top. Alte Narben liefen kreuz und quer über ihre nackten Arme. Ihr langes Haar war so bitterschwarz wie Lakritz.

Sie hatte einen missgelaunten Jungen im Schlepptau. Er war groß und sportlich wie sie, aber nur sein T-Shirt war grün. Abgesehen von mir waren sie bis jetzt die Einzigen, die etwas Buntes trugen.

»Wyatt!« Cowboy nahm seinen Hut ab, wie er es auch bei dem Gespräch mit Rosalee getan hatte. »Da freuen wir uns aber, dich zu sehen! Und Verstärkung hast du auch gleich mitgebracht!« Er lächelte mit seinen großen, falschen Zähnen die Frau an. »Ist ja nett, dass du dir die Zeit genommen hast …«

»Ich bin nicht hier, um nett zu sein!« Die grüne Frau sprach mit so viel Wucht, dass Cowboy ein paar Schritte zurückwich. »Wyatt auch nicht. Wir brauchen ihn heute Morgen, also muss euer Projekt erst mal verschoben werden. Auf unbestimmte Zeit

Cowboy machte ein langes Gesicht. »Aber …« Er drehte sich dem finster blickenden Jungen zu und sah ihn bittend an. »Aber wir haben uns drauf verlassen, dass du …«

»Was soll ich sagen?« Der Junge, Wyatt, senkte den Kopf in Richtung der grünen Frau, ganz wie eine Ziege, bevor sie jemanden über den Haufen rennt. »Offenbar ist das nicht meine Aufgabe

»Stimmt genau!« Die grüne Frau sah Wyatt zornig an, er wandte sich angewidert von ihr ab …

… und sah mich an.

Er war makellos: saubere Kleider, aufrechte Haltung, kurzrasiertes Haar wie bei einem Marinesoldaten. Er war einer von der Sorte, die mit Freuden einem altersschwachen Sachbearbeiter an ihrer Schule freiwillig ihre Hilfe anbieten. Einer von der anständigen Sorte.

Zu anständig für jemanden wie mich.

Ich riss mich von seinen hübschen braunen Augen los und widmete mich wieder meinen Formularen.

»Aber was sollen wir denn jetzt machen?«, rief Cowboy. »Ich bin diese Sachen so leid.« Er warf zwei rote Ohrstöpsel auf die Theke. Einer davon rollte mir fast auf die Formulare.

»Steck sie dir wieder rein!«, blaffte ihn die Frau an.

»Oh. Entschuldigung.« Cowboy gehorchte, obwohl die grüne Frau vom Alter her seine Urenkelin hätte sein können.

Und als er sie sich wieder eingestöpselt hatte, sah ich, dass jeder rote, geleeartige Stöpsel in den Ohren hatte. Die Sachbearbeiter, die grüne Frau, Wyatt. Jeder.

»Es ist doch so«, sagte Cowboy. »Diese Sauerei würde ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen. Man kann ja nicht mal aus dem Fenster sehen, ohne …«

»Jammer mich nicht voll«, sagte die grüne Frau. »Das hier ist allein eure Sache. Das heißt, es ist nicht Sache der Stadt. Außerdem hat sich Wyatt ja schon um das Problem gekümmert. Wie üblich ohne Genehmigung.«

»Drum gekümmert?«, sagte Wyatt. »Und deshalb heult hier jeder wegen einer Glasstatue?«

Aber die grüne Frau ignorierte ihn. »Wyatt hat euch sogar Ohrstöpsel gemacht«, sagte sie zu dem Cowboy. »Aber seid ihr zufrieden? Nein. Jetzt wollt ihr auch noch, dass er euch den Sir Galahad gibt und Drachen bekämpft.«

»Das hat mit Drachen überhaupt nichts zu tun, Shoko«, sagte Wyatt, der sich nicht länger ignorieren lassen wollte. »Außerdem hab ich das schon öfter gemacht.«

»Und siehst du, was passiert ist?«, sagte Shoko und schlug mit der Hand auf die Theke. »Jetzt wollen sie, dass du alles für sie machst.«

»Ich mach nicht alles. Nur diese eine Sache. Und wenn ich’s nicht mache, wer zum Teufel denn dann? Die Mortmaine haben noch viel größere Probleme an der Backe, und die können längst nicht, was wir können.«

Aber Shoko gab sich unbeeindruckt. »Das geht uns nichts an.«

»Was ist mit Ed?«, fragte eine der Frauen neben der Statue.

»Sehen wir aus, als hätten wir Abstellräume zu vermieten?«, schrie Shoko. Ich rückte von ihr weg.

»Soll sich doch seine Familie um ihn kümmern!«

»Hat er denn Familie?«, fragte Wyatt in ruhigerem Ton.

»Ich habe schon seine Frau angerufen«, begann die Frau, und der Rest ging in ihren Tränen unter.

»Und hört auf zu winseln!«, sagte Shoko. »Die Frem kommt damit besser klar als ihr.«

Ich wurde durch die plötzliche Stille aufmerksam. Als ich von meinen ausgefüllten Formularen hochsah, starrten mich gerade alle an.

»Sie weiß wahrscheinlich nicht mal, um was es hier geht«, verteidigte sich die Frau mit der verschmierten Mascara. »Und außerdem ist sie Rosalees Tochter.«

Wyatt und Shoko starrten mich mit offenen Mündern an. Sie drängten sich aneinander. Ihren Streit hatten sie vor lauter Überraschung vergessen. »Unsere Rosalee?« Shoko warf ihr Haar zurück, um mich besser sehen zu können. »Aber sie ist so …«

So was? So abstoßend, dass man keine Worte mehr dafür findet?

Ich nahm die Formulare, die mir Cowboy ausgedruckt hatte, und stapfte wütend aus dem Büro.

»Warte!«, rief mir Cowboy nach. »Deine Ohrstöpsel!«

5

Es war in Ordnung. Alles war in Ordnung.

Ich ließ das beruhigende Mantra als Endlosschleife durch mein Gehirn laufen, als ich das Klassenzimmer für meine erste Geometriestunde betrat. Die Lehrerin, Ms Harrison, sah freundlich aus. Auf ihren Nacken war ein Dodekaeder tätowiert. Sie trug wie alle ihre Schüler schwarz.

Wie alle an dieser Schule außer mir.

Meine schwarzen Regensachen hatte ich in meinem Spind verstaut. Jetzt stand ich hier in meinem lila Kleid wie ein Paradiesvogel zwischen lauter Krähen.

Es war in Ordnung. Alles war in Ordnung.

»Guten Tag«, begrüßte mich Ms Harrison.

»Hallo. Ich soll Ihnen das hier geben.« Ich reichte ihr meinen Stundenplan.

Ms Harrison nahm ihn und lächelte mich an. Ich freute mich darüber, auch wenn sie nur eine Lehrerin war.

»Liebe Klasse, wir haben eine neue Mitschülerin. Hanna Jarva …« Sie blickte von dem Stundenplan auf und sah mich hilfesuchend an.

»Järvinen. Mit einem ä.«

»Das ist ein sehr ungewöhnlicher Name!«

»Finnisch.«

»Ich hatte mich schon über den Akzent gewundert«, sagte Ms Harrison und unterschrieb auf dem Stundenplan. »Ich dachte zunächst an Russisch. Habt ihr das gehört? Hanna kommt den ganzen Weg aus Finnland zu uns. Cool, oder? Meine Liebe, setz dich doch da auf den freien Platz neben Carmin. Carmin, sieh nach ihr, während ich ihr ein Buch und Ohrstöpsel hole.«

Der Junge saß ziemlich weit hinten im Klassenzimmer und hielt Ms Harrison einen hochgereckten Daumen hin. Er trug eine Brille mit kobaltblauen Gläsern, und seine Haare waren so karminrot, wie sein Name vermuten ließ.

Der Blick von dreißig Augenpaaren schwappte wie ein eiskalter Windhauch über mich hinweg.

Ich ging zu meinem Platz und fühlte mich dabei, als hätte man mich ins Rampenlicht gestoßen und ich müsste jetzt etwas tun: singen, tanzen, jonglieren. Und das möglichst schnell, bevor man mich ausbuhte. Ich lächelte sie alle der Reihe nach an und ließ sie meine Schönheit bewundern. Jeder wollte mit schönen Menschen befreundet sein.

Jeder außer Ms Harrisons Geometriekurs.

Ich lächelte so breit, dass mir schon die Ohren wehtaten. Niemand lächelte zurück. Ich nahm anzügliches Grinsen hier und da wahr. Aber die meisten Kids schienen auf etwas zu lauern, wie Hyänen, die eine einsame Gazelle im Visier hatten.

Ich hörte auf zu lächeln und setzte mich hin.

»Was soll das mit dem Lila?«, fragte Carmin direkt in mein Ohr.

Ich sah ihn an. Er trug ein T-Shirt mit dem silbernen Aufdruck »Disco fever«. Eine sauber geknotete Seidenkrawatte lag über dem Shirt. Er spielte mit ihr herum, während er mich beobachtete.

»Was soll das mit dem Schwarz?«, fragte ich.

»Es ist nicht sicher, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es ist nicht sicher, so aufzufallen.«

Ich starrte die anderen Kids in der Klasse an, die nicht einmal versuchten so zu tun, als hörten sie nicht zu. Sie sahen vielmehr so aus, als würden sie miteinander verschmelzen.

»Das ist für mich im Moment die einzig verfügbare Farbe«, sagte ich zu Carmin. »Ich bin in Trauer.«

Er grinste. »Wir sind alle in Trauer.«

»Wegen wem?«

Er beugte sich vor und schnappte sich einen meiner Träger. »Dämliche Frems, die nie zuhören.«

Aber das stimmte nicht. Ich hörte es ganz genau.

KOMMKOMMKOMMKOMMKOMMKOMMKOMMKOMMKOMMKOMMKOMMKOMMKOMM.

Ich stand vor einem der Fenster auf der rechten Seite des Klassenraums und kämpfte mich weiter vor. Meine Fingerspitzen waren nur Zentimeter von dem regennassen Glas entfernt, aber ich konnte die Distanz nicht überwinden.

»Gut gemacht, Carmin«, sagte jemand und stellte einen umgefallenen Stuhl auf.

Carmin hielt die Schärpe meines Kleids mit eisernem Griff fest, zog mich damit zurück und trug mich dann mehr oder weniger zu meinem Stuhl.

Ein Pfad der Zerstörung führte von meinem Platz zum Fenster. Umgestoßene Tische, Bücher und Hefte lagen verstreut auf dem Boden, dazwischen zwei missmutige Kids, die sich aufrappelten und den Staub aus den Kleidern klopften.

Hatte ich das alles angerichtet, als ich unerklärlicherweise zum Fenster gesprintet war? Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, meinen Platz verlassen zu haben. Ich wagte nicht, jemandem ins Gesicht zu sehen.

»Hey, Carmin?«, flüsterte ein Mädchen, als er mich auf meinen Stuhl plumpsen ließ. »Die Frem sieht geschockt aus. Gib ihr doch mal was, damit sie wieder runterkommt.«

»Nein«, sagte Carmin hinter mir. »Drogenhandel ist ungesetzlich.«

Aus irgendeinem Grund fanden das alle zum Schreien komisch.

»Dann lieber Glücksspiel.«

»Klar«, flüsterte jemand. »Weil Glücksspiel total gesetzlich ist.« Noch mehr Gelächter.

»Mal im Ernst«, fuhr Carmin fort. »Frems können mit abgefahrenem Scheiß nicht umgehen, das weiß jeder. Wer wettet, dass diese Frem irgendwann durchknallt und hier schreiend rausrennt?«

Meine Klassenkameraden spießten mich mit ihren Blicken auf und warteten auf die große Kernschmelze.

Was glaubten die eigentlich von mir? Mein Leben war ein einziger abgefahrener Scheiß. Ich hatte gerade einen kompletten Ausraster hingelegt, verdammt noch mal. Wenn hier jemand schreiend rausrennen müsste, dann ja wohl die anderen.

»Ich wette, sie fällt in Ohnmacht«, sagte ein Mädchen links von mir.

»Wir sind hier nicht bei ›Vom Winde verweht‹. Niemand fällt mehr in Ohnmacht.«

Geld wechselte den Besitzer. Ein Wust aus fiebrigem Geflüster und wilden Spekulationen umfing mich.

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