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Blaues Licht/Grablichter

Über dieses Buch

In Blaues Gift, Pia Korittkis drittem Fall, gibt eine Leiche am Ostseestrand der Lübecker Polizei Rätsel auf, denn die Todesursache ist Aconitin, ein seltenes Gift. Zur gleichen Zeit wirbelt das Verschwinden ihrer Schwägerin Kommissarin Pia Korittkis Privatleben durcheinander. Als ein weiterer Mordanschlag mit Aconitin verübt wird, führt die Spur zu einem lange verdrängten Familiengeheimnis – und zu einem alten, ungesühnten Verbrechen ...

In Grablichter, Pia Korittkis viertem Fall, stößt man bei Probebohrungen für die geplante Umgehungsstraße auf ein Skelett ohne Kopf. Im Dorf scheint niemand den Toten zu kennen, der mehr als ein Vierteljahrhundert in seinem flachen Erdgrab ruhte. Dann stellt sich der tödliche Reitunfall einer Journalistin im nahe gelegenen Wald als heimtückisch geplanter Mord heraus. Kommissarin Pia Korittki und ihr Team ermitteln mal wieder auf dem Land ...

Über die Autorin

Eva Almstädt, 1965 in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin.

Eva Almstädt lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein.

Eva Almstädt

Blaues Gift

Grablichter

Zwei Fälle für Pia Korittki in einem Band

Kriminalroman

BASTEI ENTERTAINMENT

Eva Almstädt

Blaues Gift

Kommissarin Pia Korittkis dritter Fall

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

Prolog

Die Ostseefähre Peer Gynt hatte mit einer halben Stunde Verspätung in Travemünde abgelegt. Ihr Fahrtziel war das schwedische Trelleborg. Als die Fähre den freien Seeraum erreicht hatte, wurde wie gewöhnlich der Autopilot eingeschaltet. Der Kapitän zog sich in seine Kabine zurück, und Ulf Jepsen, der Rudergänger, verblieb zusammen mit dem Wachoffizier allein auf der Brücke. Um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, betrug die Geschwindigkeit der Peer Gynt zu diesem Zeitpunkt über 20 Knoten.

Jepsen überwachte die vor ihnen liegende Ostsee mit dem Fernglas. Ruhig und glatt wie ein Ententeich sah sie heute aus. Eine geschlossene Wolkendecke erstreckte sich bis zu dem kaum auszumachenden Horizont, Himmel und Meer verschwammen grau in grau.

Er gähnte verstohlen. Die zwei Becher starken schwarzen Kaffees zeigten keinerlei Wirkung. Oder doch? Ein scharfer Stich unterhalb des Brustbeins kündigte heftige Magenkrämpfe an. Schmerzen, die sich so anfühlten, als würden seine Eingeweide mit einem elektrischen Fleischmesser attackiert. Jepsen legte das Fernglas aus der Hand und presste sich die Faust in den Bauch, um nicht laut aufzustöhnen.

Dann bemerkte er, dass der Wachoffizier ihn mit spöttisch hochgezogener Augenbraue beobachtete, und er nahm mit zusammengebissenen Zähnen das Glas wieder zur Hand. Der blöde Kerl! Letzte Woche hatte er sich bereits zweimal wegen Magenbeschwerden krankmelden müssen, ein weiterer Ausfall war einfach nicht drin.

Als er sich wieder unbeobachtet fühlte, zog Jepsen ein Tütchen Maaloxan, einen Magensäurebinder, aus der Tasche. Er riss den oberen Streifen an der perforierten Linie mit den Zähnen ab, spuckte das abgetrennte Stück Papier in seine hohle Hand und hielt sich die Tüte mit der geöffneten Seite an den Mund. Mit Daumen und Zeigefinger quetschte er den körnigen Inhalt in seine Mundhöhle, schloss die Augen, schluckte und stellte sich vor, wie das Zeug die Speiseröhre hinunterglitt und einen schützenden Film auf seine malträtierten Magenwände legte. Die Krämpfe ließen fast augenblicklich nach. Er atmete auf und schob das leere Tütchen verstohlen in seine Hosentasche.

Mittlerweile hatte leichter Sprühregen eingesetzt, der die fast umlaufende Glasfront auf der Brücke mit feinsten Tröpfchen benetzte und die Sicht enorm verschlechterte. Ulf Jepsen kniff die Augen zusammen. Eine knappe Seemeile voraus befand sich etwas auf dem Wasser, das er vorher noch nicht bemerkt hatte: ein heller Fleck. Alarmiert kontrollierte er die Radarschirme. Da war ein schwacher Schatten auf dem Schirm zu erkennen, der sich backbords der Fähre näherte. Jepsen griff wieder zum Fernglas.

Der Fleck dort unten auf dem Wasser sah aus wie eine mittelgroße Segeljacht. Sie schien ganz plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht zu sein.

Die Besatzung der Jacht hatte keine Segel gesetzt, daher musste sie der Ostseefähre, die sich von steuerbord näherte, Vorfahrt gewähren. So weit, so gut – die Situation gefiel dem Rudergänger trotzdem nicht. Er beobachtete, wie das Schiff in gleicher Peilung seine Fahrt fortsetzte und auch seine Geschwindigkeit beibehielt. Schliefen die dort unten, oder waren sie betrunken?

»Siehst du das Boot da vorn? Die rühren sich überhaupt nicht. Wollen die in ihrem lütten Kahn absaufen?«, rief er dem Wachoffizier zu. Die Panik in Jepsens Stimme entlockte dem ersten Wachoffizier zunächst ein mildes Lächeln. Doch kurz darauf kam Leben in den Mann. Er stieß einen leisen Fluch aus und startete unverzüglich einen UKW-Anruf. Dann funkte er den Kapitän der Fähre an, sofort zurück auf die Brücke zu kommen. Als von dem Segelschiff keine Reaktion erfolgte, griff er nach dem Typhon, um die Besatzung des Bootes akustisch auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen.

Ohne Erfolg. Mit wachsender Unruhe beobachtete Jepsen, wie seine kurzzeitige Unaufmerksamkeit in eine lebensbedrohliche Situation mündete. Die Jacht bewegte sich weiterhin auf die Peer Gynt zu und würde mit der Fähre kollidieren, wenn nicht einer von ihnen sofort den Kurs änderte.

Der Wachoffizier zögerte nicht länger, er veranlasste ein Manöver des letzten Augenblicks. Er befahl dem Rudergänger, sofort wieder das Handruder zu besetzen, und die Fähre drehte hart nach steuerbord weg.

»Was zum Teufel geschieht da unten?«, hörte Ulf Jepsen den hinzueilenden Kapitän in schneidendem Tonfall fragen. Aus unerfindlichen Gründen schien die Jacht nun mit einem Mal ebenfalls nach steuerbord auszuweichen.

»Das wird knapp, das wird richtig knapp …« Die sonst kräftige Stimme des Wachoffiziers klang gepresst. Von der Brücke aus betrachtet sah das Schiff dort unten nur wie ein Spielzeug aus, doch Jepsen wusste, dass Menschenleben in Gefahr waren. Das durfte alles nicht wahr sein! Die Jacht war jetzt so nahe, dass die Fähre sie bei dem Drehmanöver noch mit dem Achterschiff erwischen würde.

1. Kapitel

Keine Unterhose? Bemerkenswert.«

»Die Bewertung dieser Tatsache überlasse ich getrost Ihnen. Es fiel mir nur auf, als ich die Temperatur der Leiche gemessen habe. Ich dachte mir aber schon, dass Sie das interessiert.«

Dr. Enno Kinneberg, der Gerichtsmediziner, stand mit dem Leichenthermometer in der Hand neben Kriminaloberkommissarin Pia Korittki. Sie wusste, er meinte das weder anzüglich noch sonst irgendwie tendenziös. Es war seine spezielle Art, mit der Polizei zu kommunizieren.

»Na und«, meinte Kriminalhauptkommissar Heinz Broders. Er hatte die Bemerkung des Gerichtsmediziners ebenfalls gehört. »Ich habe das damals auch so gemacht: mit 14, als in der Bravo stand, dass die Bay City Rollers es so halten. Das Gefühl war aber nicht so klasse.«

»Deine Gefühle in Ehren, Broders, kannst du dich nicht mal um die Leute da hinten kümmern, die gleich unsere Absperrung niedertrampeln?«, fragte Pia Korittki. Sie hatte beobachtet, wie die Schaulustigen die Hälse reckten und sich unaufhaltsam vorwärtsschoben, wohl um besser beobachten zu können, wie der Gerichtsmediziner seine Arbeit tat.

Der Grund für die ungewöhnliche Betriebsamkeit am Strand von Pelzerhaken war eine Wasserleiche. Sie war vor einer knappen Stunde von drei Wanderern bei einem Ostseespaziergang gesichtet worden. Die Entdeckung eines menschlichen Körpers, der mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb, sich längere Zeit über nicht selbsttätig bewegte, und das bei Wassertemperaturen, die um die neun Grad herum lagen, hatte die drei dazu veranlasst, ihren Fund der Polizei zu melden.

Zuerst war die Schutzpolizei am Strand von Pelzerhaken eingetroffen, um sich davon zu überzeugen, keinem Scherz oder Irrtum zum Opfer gefallen zu sein. Danach hatten sie die Mordkommission der Bezirkskriminalinspektion in Lübeck informiert, ein Spurensicherungsteam angefordert und auch die Wasserschutzpolizei benachrichtigt, die im nahe gelegenen Neustadt über ein Boot verfügte. Das Hafenboot der Polizei, die Habicht, lag jetzt etwa fünf Meter vor dem Strand vor Anker, die Besatzung war mit dem mitgeführten Schlauchboot an Land gekommen.

Die Mitarbeiter der Mordkommission hatten sich inzwischen fast vollzählig am Strand eingefunden. Sie waren alle aus ihren Sonntagnachmittagsbeschäftigungen gerissen worden. Pia Korittki und Heinz Broders, die als Erste zugegen gewesen waren, hatten bereits alle relevanten Fakten vom Fundort der Leiche notiert und auch skizziert. Alles Weitere in dieser Richtung war Aufgabe der Kriminaltechniker.

Pia Korittki klappte ihr Notizbuch zu und verstaute es zum Schutz gegen die Feuchtigkeit in ihrer Tasche. Sie sah sich um.

Feiner Sprühregen hüllte alles in grauen Dunst. Die Luft war so kalt, als wäre es noch März und nicht Mitte Mai. Die unvermeidlichen Schaulustigen standen jetzt, nachdem Broders sie zurechtgewiesen hatte, duldsam im feuchten Wind wie eine Schar Kühe auf der Weide. Mit beunruhigender Intensität starrten sie auf das Schauspiel, das eine angetriebene Wasserleiche und ein Tatortteam der Polizei ihnen bieten konnte. Sie warteten darauf, dass noch irgendetwas Dramatisches passierte.

Bisher war nur zu sehen gewesen, wie der Tote mit einem Leichensegel aus der Ostsee geborgen worden war. Die Wasserschutzpolizei hatte es für solche Zwecke an Bord, um bei der heiklen Arbeit an einer Wasserleiche diese nicht grob berühren zu müssen.

Aus der Entfernung sah der Tote wie ein beliebiges dunkles Bündel aus, das das Meer ausgespuckt hatte. Treibgut. Pia Korittki, die durch ihre Tatortarbeit in unmittelbare Nähe der Leiche gelangt war, hatte sich den Mann jedoch genauer angesehen: Er war mittelgroß, normalgewichtig und bis auf die fehlende Unterhose gut und teuer gekleidet. Für die Temperaturen vielleicht etwas zu sommerlich, denn er trug nur ein Sporthemd über seiner Markenjeans, keine wettertaugliche Jacke. Seine Füße waren nackt, aber das besagte nicht viel, denn Schuhe konnten leicht von der Strömung im Wasser fortgerissen worden sein. Aber die fehlende Unterhose?

Der Tote mochte so Mitte 40 sein, leicht gebräunt und mit sich am Hinterkopf lichtendem blondem Haar. Er konnte noch nicht allzu lange im Wasser gelegen haben, denn seine Gesichtszüge waren noch gut zu erkennen. An den Händen und Füßen zeigte die Leiche die typischen Schrumpfungserscheinungen in weißgrauer Färbung.

Die Kriminaltechniker neben ihr debattierten gerade, wer von ihnen in das kippelige Schlauchboot steigen durfte, um eventuell vorhandene Spuren an der Buhne zu sichern. Die drei Wanderer, die den Toten als Erste entdeckt hatten, waren inzwischen zu einer Befragung hoch zum Parkplatz geführt worden, wo ihre Aussagen in einem der Polizeibusse aufgenommen wurden.

Horst-Egon Gabler, der Leiter der Mordkommission und Pias direkter Vorgesetzter, traf als einer der Letzten am Strand ein. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen und gesenktem Blick, um nicht vom vorgegebenen Trampelpfad abzuweichen, schritt er auf den Fundort der Leiche zu. Es ist fast so, als ob wir alle immer wieder die gleiche Filmszene aufführen, dachte Pia bei seinem Anblick, nur die Szenenbilder wechseln.

Inzwischen hatte auch der Gerichtsmediziner seine erste Untersuchung abgeschlossen. Er trat aus der Absperrung heraus und kam auf Pia Korittki und Horst-Egon Gabler zu. Dabei machte er ein für seine Verhältnisse recht zufriedenes Gesicht.

Pia kannte Enno Kinneberg schon von früheren Fällen her. Man vergaß ihn nicht so schnell, wenn man ihn einmal in Aktion erlebt hatte. Außerdem hätte sie schwören mögen, dass er wieder in demselben Aufzug erschienen war wie damals in Grevendorf, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Die schwarze Baskenmütze saß fest auf seinem fast kahlen Schädel, und seine spitze Nase zuckte, als er die Untersuchungsinstrumente wieder in seiner Arzttasche verstaute.

»Noch nicht lange tot, wie es aussieht«, bemerkte er gleichmütig. »Bei den herrschenden Wasser- und Lufttemperaturen kühlt ein Körper schnell aus. Dadurch verlangsamt sich der Eintritt der Leichenstarre … Sie wollen natürlich mal wieder eine genaue Todeszeitbestimmung, aber die unbekannte Verweildauer des Toten im Wasser erschwert die Interpretation der Totenflecken. Trotzdem denke ich, dass der Mann noch nicht viel länger als 72 Stunden tot ist. Eher 48 würde ich schätzen, aber das ist nur eine erste Vermutung.«

»Ist die Todesursache Ertrinken?«, wollte Kriminalrat Gabler wissen. Er trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Seine schicken Schuhe mit den dünnen Ledersohlen waren sicher nicht für Strandausflüge im Regen gemacht.

»Das kann man erst bei der Sektion zweifelsfrei feststellen. Ich habe bei der äußeren Besichtigung der Leiche keinerlei Spuren von Gewaltanwendung feststellen können. Der Tote hatte keinen Schaumpilz vor dem Mund, wie er bei Ertrinkenden manchmal zu beobachten ist, auch keine punktförmigen Blutungen in der Bindehaut. Aber das Fehlen dieser Merkmale schließt einen Tod durch Ertrinken noch nicht sicher aus. Der Tote hat Schlamm- und Sandablagerungen in der Mundhöhle. Sie müssen das Ergebnis der inneren Leichenschau abwarten.«

Horst-Egon Gabler wechselte einen bedeutsamen Blick mit einem Kollegen von der Wasserschutzpolizei, der sich in seinem Windschatten aufhielt. »Was kommt denn Ihrer Meinung nach sonst noch als Todesursache in Frage?«

»Ein Herzinfarkt zum Beispiel. Oder wir haben es hier mit dem so genannten Badetod zu tun. Das ist ein Reflextod, der eintreten kann, wenn zum Beispiel kaltes Wasser in den Kehlkopf eindringt.«

»Wann wissen wir Genaueres?«

»Wenn ich heute noch ein Team zusammentrommeln kann, haben Sie zu den Spätnachrichten erste Ergebnisse vorliegen«, antwortete Kinneberg.

Gabler nickte. Aus Erfahrung wusste er, dass es zwecklos war, Kinneberg zu irgendetwas zu drängen. Die Umstehenden beobachteten fasziniert, wie sich der Gerichtsmediziner der bestehenden Wetterverhältnisse zum Trotz mit großem Geschick einen Zigarillo anzündete. Der ausgeblasene Rauch wurde von den Windböen sofort davongetragen.

»Mein einziges Laster«, bemerkte Kinneberg lakonisch, als er registrierte, dass man ihn beobachtete. »Bier, Schnaps und Frauen habe ich schon aufgegeben.« Er rauchte nur wenige Züge und drückte die Glut am Absatz seines Schuhs wieder aus. Den halb aufgerauchten Stummel verstaute er in der Schachtel. Eine Leiche, ein Zigarillo, dachte Pia, der das alles makaber und gleichzeitig vertraut vorkam. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, dass der Leiter, Horst-Egon Gabler, und der Kollege von der Wasserschutzpolizei einander erneut ansahen. Da war etwas im Busch.

»Ich tippe, wir sind umsonst hierher gekommen«, raunte Heidmüller ihr zu und unterbrach so ihre Überlegungen. Oswald Heidmüller war ebenfalls einer von Pias Kollegen im Kommissariat 1 und seit ein paar Monaten auch Pias Zimmerkollege.

»Sieht mir mehr nach einem Unfall aus. Der Typ ist wahrscheinlich ins Wasser gefallen und ertrunken. Wäre ja nicht das erste Mal, dass so etwas vorkommt.«

»Zieh lieber keine voreiligen Schlüsse.« Der neue Fall weckte auf eine ganz besondere Art und Weise Pias Interesse. Fast bedauerte sie, dass sie ab Anfang der nächsten Woche Urlaub eingereicht hatte. Eigentlich waren die freien Tage dazu gedacht, ihre Wohnung neu zu streichen. Je näher der Termin jedoch rückte, desto weniger Lust verspürte sie, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Und das Wetter in Schleswig-Holstein sah bisher auch nicht gerade nach Urlaub aus. Als Pia heute Nachmittag der Anruf erreicht hatte, sie solle zum Dienst erscheinen, hatte sie sofort darauf spekuliert, einen guten Grund dafür geliefert zu bekommen, ihren Urlaub verschieben zu können. Diese Wasserleiche sah ihr nicht nach einem herkömmlichen Unfall aus, egal ob mit Unterwäsche oder ohne.

»Habt ihr schon die Einsatzleitstelle befragt, was an neuen Vermisstenmeldungen gekommen ist?«, fragte sie Heidmüller deshalb, ihren Blick nicht von dem Toten im Sand abwendend.

»Die haben nichts, das passen könnte. Nur eine verwirrte Alte, die ihrer Familie ausgebüxt ist«, antwortete der und starrte desinteressiert über das graugrüne Wasser in Richtung Scharbeutz.

»Korittki, dich muss das doch gar nicht mehr interessieren. Wo du ab morgen bereits Urlaub hast …«

Heinz Broders hatte sich zu ihnen gestellt. Er scharrte mit den Füßen im Sand und sah Pia eindringlich an. Er war einer der dienstältesten Mitarbeiter im Kommissariat 1.

»Ja, ab morgen. Spricht doch nichts dagegen, wenn ich heute noch arbeite.«

»Sieht ja nun nicht mehr so aus, als ob du deinen Urlaub verschieben müsstest. Zuerst dachte ich, der Kerl hätte Messer und Gabel im Rücken, als ich ihn da draußen treiben sah. Das wäre unerfreulich gewesen.«

»Wenn der Fall es erforderlich macht, habe ich kein Problem damit, zu verschieben. Wir werden ja sehen …«, sagte Pia, nicht weiter auf seine Bemerkung über den Toten eingehend. Galgenhumor war oft das Einzige, was einen Tag mit einem Leichenfund erträglich machte.

»Du hast also keinen Flug in den sonnigen Süden gebucht. Ich dachte, ich bekäme eine Ansichtskarte mit ein paar Palmen und blauem Himmel darauf. Ich meine, ich könnte ein bisschen Aufmunterung vertragen, bei dem Wetter hier. Ich hatte auf Teneriffa getippt.«

»Falsch getippt. Ich wollte meine Wohnung streichen«, antwortete sie.

Broders tat einen Schritt auf sie zu. »Das ist aber bedauerlich. Keine Sonne?«

»Sehe ich aus wie jemand, der sich in die Sonne legt?«, konterte Pia, nicht bereit, einen Millimeter vor ihm zurückzuweichen.

»Könnte ja nicht schaden …«

»Hey, könnt ihr euch nicht wenigstens in Gegenwart von Toten mal zurückhalten?«, mischte sich Heidmüller ein.

»Wir unterhalten uns nur über unsere Urlaubspläne«, antwortete Pia. Broders bleckte die Zähne.

Heidmüller winkte sie ein Stück zur Seite. »Lass das doch. Der hat mal wieder eine Scheißlaune. Das habe ich schon bemerkt, als ich vorhin hier eingetroffen bin«, sagte er halblaut.

»Und was hast du auf dem Herzen?« Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Broders sie mit hochgezogenen Schultern anstarrte und sich dann in Richtung Parkplatz verzog. Pia folgte Oswald Heidmüller, bis sie im Windschatten von Dünengras und Heckenrosen standen.

»Nichts Besonderes.« Heidmüller griente. »Ich dachte nur, ich gehe dazwischen, bevor ihr euch schlagt. Du willst deinen Urlaub doch nicht wirklich verschieben, oder?«

»In Anbetracht der neuen Lage könnte es vielleicht ganz angeraten sein …« Sie blickte zum Strand hinunter, wo sich die Menschenansammlung langsam auflöste.

Heidmüller sah sie prüfend von der Seite an. »Wann hattest du denn eigentlich das letzte Mal Urlaub, Pia? Das muss lange her sein, denn in unserer Abteilung hattest du noch keinen.«

»Schon gut, schon gut. Wenn der Mann tatsächlich ertrunken ist, habt ihr ja Ruhe vor mir. Hast du die Blicke gesehen, die Gabler mit dem Kollegen von der Wasserschutzpolizei gewechselt hat?«

»Ich habe vorhin gehört, wie sie sich über eine Jacht unterhalten haben, die gestern mit einer Fähre zusammengestoßen sein soll.«

»Ein Schiffsunglück? Dann ist es wohl doch eher ein Unfall gewesen.« Sie war fast enttäuscht. »Der Tote kann natürlich von Bord dieser Jacht gefallen und ertrunken sein. Wir haben in der Ostsee jedes Jahr ein paar solcher Unfälle.«

»Es gibt da aber noch ein kleines, aber nicht unbedeutendes Problem mit dieser verunglückten Jacht.«

»Und zwar?«

»Die Leiche kann nicht innerhalb von 24 Stunden vom Ort der Havarie bis hierher getrieben sein, sagen die von der Wasserschutzpolizei. Physikalisch unmöglich.«

Pia fühlte, wie der rätselhafte Todesfall sie mehr und mehr in seinen Bann zog. »Aber in den Klamotten, die der Tote anhat, geht doch auch kein Mensch angeln und fällt dann ins Wasser. Wie ist der Mann ums Leben gekommen?«

»Pia. Es ist nicht dein Fall. Machst du dir Sorgen, dass du während deines Urlaubs zu viel in der Abteilung verpasst?«, fragte Heidmüller hellsichtig.

»Unsinn«, wich sie aus.

»Broders wurmt es, glaube ich immer noch, dass du vor der Zeit befördert wurdest.«

»Weil ich jetzt Kriminaloberkommissarin bin? Ich wäre eh irgendwann dran gewesen. Durch die Freitagsserie ist es nur etwas früher passiert als erwartet.«

Heidmüller zuckte mit seinen massigen Schultern. Er hatte leicht reden, denn irgendwie gelang es ihm, sich stets aus allen abteilungsinternen Differenzen herauszuhalten. Er ließ Sticheleien und Provokationen einfach nicht an sich heran. Vielleicht stellte die Speckschicht, die er sich im Laufe der Jahre mit Fastfood und Schokoriegeln angefuttert hatte, eine Art Abwehrmechanismus für ihn dar. Während sie noch darüber nachdachte, begann ihr Mobiltelefon, in der Jackentasche zu vibrieren. Sie zog es hervor und sah prüfend auf das Display – ihre Mutter?

»Ja, Pia hier. Hallo, Anna!«

Heidmüller winkte ihr noch kurz zu und verzog sich in Richtung der anderen Kollegen. Pia erinnerte sich, dass Heidmüller am Freitag im Büro mitbekommen hatte, dass Pias Mutter, Anna Liebig, kurzfristig ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Sie hatte angedeutet, dass ihr eine Operation bevorstand, deren Ergebnis weitreichende Folgen haben konnte. Pia presste den Lautsprecher des Mobiltelefons an ihr Ohr.

»Pia, wo bist du denn gerade? Ich verstehe dich so schlecht.«

»In Pelzerhaken, direkt am Strand. Was so rauscht, ist der Wind«, gab sie die gewünschte Auskunft.

»Gehst du spazieren?«

»Nein, ich arbeite.«

»Ach so. Ich dachte, du könntest heute Abend noch kurz hier vorbeikommen. Es ist wichtig. Aber wenn du arbeiten musst …«

Ihre Mutter konnte mit der Art und Weise, wie Pia ihren Lebensunterhalt verdiente, nicht viel anfangen. Ihr Verständnis für die unregelmäßigen Arbeitszeiten ging dementsprechend gegen null.

»Ich kann auf dem Nachhauseweg bei dir im Krankenhaus vorbeischauen. Willst du mir nicht wenigstens sagen, worum es geht?« Pia lauschte angestrengt. Die Verbindung war miserabel.

»Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut – ich brauche nur bei etwas Wichtigem deine Hilfe. Alles Weitere besprechen wir dann …«

»Also schön. Ich kann so gegen halb acht Uhr bei dir sein. Reicht das?«

»Ich freue mich auf dich.« Die Verbindung wurde unterbrochen.

Der Anruf verwunderte und beunruhigte sie. Ihre Mutter brauchte ihre Hilfe, aber es ging nicht um sie? Kam ihr Stiefvater nicht mit der neuen Situation zurecht? Während ihr Verstand noch nach möglichen Erklärungen für den unerwarteten Hilferuf ihrer Mutter suchte, folgten ihre Augen den Männern, die den Leichensack mit dem unbekannten Toten durch den nassen Sand davontrugen.

2. Kapitel

Ein Krankenhaus blieb immer ein Krankenhaus. Die pastellfarbenen Wände und die gefälligen Kunstdrucke darauf konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass man in diesem Gebäude gegen Krankheit und Tod kämpfte. Jeden Tag und hundertfach …

An der richtigen Zimmernummer angekommen, klopfte sie kurz und öffnete dann entschlossen die Tür. Ihre Mutter lag in dem Bett am Fenster und wandte ihr den Kopf zu, als sie eintrat. Die anderen beiden Betten waren leer und mit Plastikschutzhüllen überzogen.

»Pia, gut, dass du da bist. Ich habe gerade die Nachrichten auf RSH gehört. Warst du etwa wegen dieses Toten in Pelzerhaken, der dort angetrieben worden ist?«

Es klang fast vorwurfsvoll.

»Ja, war ich. Das ist mein Beruf, Anna. Wie geht es dir? Warum warten die so lange mit der Operation?«

Pia nannte ihre Mutter seit ihrem fünften Lebensjahr beim Vornamen. Anfangs war das wohl mal eine Provokation gewesen, und irgendwie war es dann dabei geblieben.

»Morgen bin ich endlich dran. Zuerst kommen die Privatpatienten, und am Sonntag operieren sie nur in Notfällen. Gestern haben Sie mir Blut abgenommen und ein paar Voruntersuchungen gemacht. Es wird schon schiefgehen, mach dir bloß keine Sorgen um mich. Ich wollte dich aus einem ganz anderen Grunde sprechen. Es geht nicht um mich, sondern um Tom.«

Ihre Mutter sah ungewöhnlich beunruhigt aus. Wenn sie sich trotz ihrer eigenen, unklaren Situation Sorgen um ihren Sohn machte, dann hatte sie auch handfeste Gründe dafür. Oder wollte sie sich ablenken?

»Was ist mit Tom?«, fragte Pia misstrauisch. Sofort musste sie daran denken, dass sie bezüglich des Lebens ihres Halbbruders alles andere als auf dem neuesten Stand war. Seit seiner Hochzeit mit Marlene im September hatte sie ihn gerade zwei Mal gesehen. Hatten sie und Tom überhaupt mehr als das Notwendigste miteinander gesprochen? Tom war sauer auf sie gewesen, weil sie am Abend während seiner Hochzeitsfeier einfach verschwunden war. Nicht dass das damals dem Gelingen des Festes irgendeinen Abbruch getan hätte. Aber er fühlte sich von ihr gedemütigt, und wenn er beleidigt war, so wusste Pia aus Erfahrung, konnte man eigentlich nichts anderes tun als abwarten.

»Genauer gesagt, geht es um Marlene. Sie ist verschwunden. Freitag ist sie in die Schweiz abgeflogen, um eine Freundin zu besuchen. Sie wollte heute Nachmittag wieder hier sein, aber sie ist nicht, wie geplant, in Hamburg gelandet. Sie war auch nicht in der nächsten Maschine aus Zürich. Schließlich hat Tom bei der Freundin angerufen, die sie besuchen wollte. Dabei erfuhr dein Bruder, dass Marlene an diesem Wochenende gar nicht bei ihr gewesen ist. Sie hatte den Besuch kurzfristig vor dem geplanten Abflug abgesagt.«

»Was sagt Marlene selbst denn dazu? Er muss sie doch irgendwie telefonisch erreichen können.«

»Sie muss vergessen haben, den Akku ihres Mobiltelefons aufzuladen …«

»Und sie hat vergessen, Tom mitzuteilen, dass sich ihr Reiseziel kurzfristig geändert hat«, bemerkte Pia sarkastisch. Im Nachhinein hatte sie das Gefühl, dass sie ihrer Schwägerin nie so recht getraut hatte. Diese Erkenntnis in einem solchen Moment sprach aber nicht für ihre gute Menschenkenntnis, sondern eher dafür, dass sie generell kaum einem Menschen traute und daher selten von solchen Vorkommnissen überrascht werden konnte.

»Pia, wir müssen Tom jetzt irgendwie helfen. Er scheint von der Tatsache, dass Marlene gar nicht bei ihrer Freundin war, völlig überrascht zu sein. Er hatte ihr sogar die Flugtickets besorgt.«

»Aber wo ist sie stattdessen?«

»Das ist die große Frage. Scheinbar weiß das niemand. Marlenes Eltern sind angeblich auch vollkommen ahnungslos. Die wollten eigentlich morgen in die Toskana verreisen. Nun weiß Tom nicht, was er mit Clarissa machen soll.«

»Moment! Marlene ist ohne ihre Tochter weggeflogen und hat Tom mit ihrem Kind zu Hause gelassen? Ich hatte gedacht, sie hätte Clarissa mitgenommen!«

»Es ist eben alles höchst sonderbar, Pia. Und ich möchte Tom so gern helfen, aber ausgerechnet jetzt liege ich in diesem verdammten Krankenhaus und kann nichts tun!«

Anna Liebig sah verzweifelt aus, und Pia fühlte Wut auf ihre Schwägerin in sich aufsteigen. Was war los mit dieser Frau, dass sie einfach mir nichts, dir nichts verschwand? Sie hatte eine kleine Tochter und einen Ehemann, da sollte man sich die Eskapaden langsam abgewöhnt haben.

»Glaubst du, Marlene hat eine Affäre? Dann taucht sie wahrscheinlich früher oder später mit irgendeiner fadenscheinigen Begründung wieder auf.«

»Oder es ist ihr etwas passiert, Pia. Ich meine, du müsstest doch am besten wissen, was alles so los ist in der Welt …«

Es war ein gern vorgebrachtes Vorurteil ihrer Mutter, dass Pia aufgrund ihres Berufes mit allen Schlechtigkeiten der Welt vertraut war und vor allem sämtliche Verbrecher mit Kosenamen kannte. Heute war nach Pias Ansicht jedoch nicht der passende Tag, gegen diese Ansicht vorzugehen.

»Ich weiß aber auch, dass viele Vermisste über kurz oder lang putzmunter wieder irgendwo auftauchen und gar nicht begreifen, in welche Sorgen sie ihre Angehörigen gestürzt haben. Vermisstenfälle sind eine höchst undankbare Sache. Man kann sich ziemlich in die Nesseln setzen damit. Mit Sicherheit wissen wir bisher doch nur, dass Marlene einen Wochenendausflug geplant und Tom bezüglich ihres Reiseziels belogen hat, aus welchen Gründen auch immer. Die Freundin hat gesagt, Marlene hätte ihren Besuch schon vor dem Abflug wieder abgesagt, abgeflogen ist sie aber trotzdem. Sie hat diese Situation also zumindest im Anfangsstadium freiwillig so herbeigeführt. Was hatte Marlene also vor? Sich mit irgendwem zu treffen?«

»Nach einem halben Jahr Ehe? Ach, Pia. Wahrscheinlich gibt es für die ganzen Schwierigkeiten eine harmlose Erklärung.«

»Hat Tom sie schon als vermisst gemeldet?«

»Nein. Er meint, es gäbe da so eine Frist, nach der eine erwachsene Person mindestens 48 Stunden verschwunden sein muss, bevor …«

»Das ist Unsinn. Er sollte sich spätestens morgen an die Polizei wenden.«

Anna Liebig nickte und ließ sich dann zurück in die Kissen sinken, die auf dem hochgestellten Bettkopfteil hinter ihrem Kopf aufgetürmt waren. Pia starrte aus dem Fenster und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Marlene Liebig war verschwunden? Warum überraschte sie diese Tatsache gar nicht so sehr? Sie rief sich ihr Bild vor Augen. Das Bild einer gut aussehenden, selbstbewussten und erfolgreichen Frau. Was konnte passiert sein? Hatte sie Streit mit Tom gehabt?

Ihr Bruder tat ihr aufrichtig leid. Sie hatte nur das Gefühl, dass gerade sie ihm kein bisschen helfen konnte.

»Ich habe eine Bitte an dich«, sagte ihre Mutter, und Pia ahnte schon, was folgen würde. »Sprich du heute Abend noch einmal mit Tom. Ich möchte nicht, dass er den ganzen Abend allein zu Hause sitzt und sich Sorgen macht. Frag ihn, ob du ihm morgen mit Clarissa helfen kannst, jetzt, wo du schon mal Urlaub hast. Die Kleine muss um zwölf Uhr aus dem Kindergarten abgeholt werden. Tom kann seine Firma im Moment nicht im Stich lassen. Er hat mir erzählt, dass die bei ihm zurzeit an jedem Stuhl sägen, den sie finden können. Das liegt an der schlechten Auftragslage. Es wäre schon eine Hilfe für ihn, wenn er Clarissa versorgt wüsste.«

»Anna, ich habe Marlenes Kind gerade zwei Mal in meinem Leben gesehen? Würde sie überhaupt mit mir mitgehen? Und Tom legt auch keinen Wert auf meine Gesellschaft, das weißt du doch.«

»Pia, das ist in so einem Moment irrelevant. Du bist in der Familie die Einzige, die Zeit hat zu helfen. Du hattest doch sowieso nichts vor in deinem Urlaub.«

»Ich wollte endlich meine Wohnung streichen …«, kam es lahm von ihr. Die Farbe ihrer Wände war ihr gleichgültig, aber es widerstrebte ihr, Tom ihre Hilfe aufzudrängen, wo er sie seit einem halben Jahr behandelte wie eine Aussätzige. Und kleine Kinder waren ihr sowieso nicht ganz geheuer.

»Ich bitte dich, deinem Bruder zu helfen.«

Pia schluckte. Sie fühlte sich emotional erpresst. Sie sollte etwas tun, von dem sie jetzt schon wusste, dass es in einem Desaster aus Missverständnissen und Chaos enden würde. Wenn Tom sie um Hilfe bäte, wäre das etwas anderes, redete sie sich ein. Aber wie sollte sie ihrer Mutter etwas abschlagen, während sie mit Aussicht auf eine vielleicht niederschmetternde Diagnose in einem Krankenhausbett lag?

»Ich werde auf dem Rückweg bei ihm vorbeifahren und fragen, ob ich ihm irgendwie helfen kann«, schlug sie widerstrebend vor.

»Lass dich nicht von ihm abwimmeln, Pia. Du weißt, wie er ist, wenn er sich verletzt fühlt.«

»Er ist dann wie sein Vater …«, sagte Pia, weil ihr seine Ähnlichkeit mit ihrem Stiefvater, Günther Liebig, schon oft aufgefallen war. Mit den Gedanken schon bei dem bevorstehenden Besuch bei Tom, sprach sie unüberlegt weiter: »Tom und Nele wissen wenigstens, woher sie ihre Macken haben …«

»Ach, jetzt kommt wieder diese Geschichte.« Ihre Mutter stemmte sich aus den Kissen hoch. »Nein – du musst dich nicht entschuldigen, Pia. Ich habe ja versprochen, es dir irgendwann zu sagen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.«

»Aber nicht jetzt, oder? Bin ich nicht langsam alt genug, um zu erfahren, wer mein Vater ist? Ich glaube langsam nicht mehr, dass die Realität irgendwie schlimmer sein könnte als die Dinge, die ich mir in meiner Fantasie so ausmale.«

»Die Realität ist überhaupt nicht schlimm. Vertrau mir, Pia. Fahr zu Tom. Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn es Schwierigkeiten oder etwas Neues gibt.«

Noch nie war Pia bei ihrer Mutter über diesen Punkt hinausgekommen, egal ob sie argumentierte, bat oder wütend wurde. Es war wie ein Spiel zwischen ihnen, aber Pia wurmte es, dass sie die Regeln nicht verstand. Sie biss sich ärgerlich auf die Unterlippe. Sie musste aufhören damit. Was wollte sie eigentlich mit dem Namen eines Vaters, der sich 31 Jahre lang nicht für sie interessiert hatte. Sie musste an die Männer denken, mit denen sie geschlafen hatte. Wenn nun einer davon sie aus Versehen geschwängert hätte, hätte ihn das automatisch zu einem Bestandteil ihres neuen Lebens machen müssen?

Manche Menschen waren nun einmal nicht greifbar, verschwanden, zogen sich absichtlich oder unabsichtlich zurück … Wie jetzt Marlene?

Es gab nichts weiter dazu zu sagen. Pia verabschiedete sich von ihrer Mutter und wünschte ihr alles Gute für den bevorstehenden Tag. Das ganze Gerede über Familienbande bringt mich immer wieder aus der Fassung, dachte sie, als sie sich dem Bannkreis ihrer Mutter entzog und aus dem Krankenzimmer trat.

Sie war lange vor der Ehe ihrer Mutter mit Günther Liebig geboren. Er war der Vater der Zwillinge Nele und Tom Liebig. Korittki war der Mädchenname ihrer Mutter. Irgendwie hatte Pia es schon als Kind zu verhindern gewusst, dass sie in Liebig umbenannt wurde. Sie war stolz auf ihren Namen und fand eine merkwürdige Befriedigung in der Tatsache, anders zu sein als die anderen.

Als sie hinaus auf den Parkplatz trat, hatte sich der sporadische Nieselregen vom Nachmittag in einen Platzregen ausgeweitet. Pia spurtete zu ihrem Auto und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Im Rückspiegel sah sie, dass ihr sonst blondes Haar dunkel und nass an ihrem Kopf klebte.

Also auf zu Tom. Jeder Aufschub würde das ungute Gefühl, das sie bei den Gedanken an die bevorstehende Begegnung hatte, nur verstärken. Pia startete den Wagen und rollte vom Parkplatz. Sie wusste zwar, dass ihr Bruder in der Adlerstaße wohnte, aber sie hatte die Hausnummer vergessen. Der Anblick der Häuserfassaden und Hauseingänge würde ihrem Gedächtnis hoffentlich auf die Sprünge helfen.

»Ich fress dieses Zeug hier nicht. Das ist alles Mist, verdammter Mist. Ich will richtiges Essen haben, verdammt …«

Der Rest der Tirade ging in einem Gurgeln und einem unheilvollen Scheppern unter, das noch verhältnismäßig laut durch die geschlossene, gut isolierte Zimmertür drang.

Kurz darauf blinkte die Leuchte über der Tür. Gesa Widmann hatte den Eindruck, dass das Licht über Alfred Hecks Zimmertür immer besonders hektisch und böse blinkte.

Er teilte sein Zimmer im Pflegeheim mit Benno Schwarze, der zu dieser Zeit mit seinem Rollstuhl im Speisesaal saß, und Kurt Hentschel, der sich aber weder bewegen noch richtig artikulieren konnte. Er musste von den Pflegerinnen und Pflegern gefüttert werden, weil er keine Kontrolle mehr über die Bewegung seiner Arme und Hände hatte. Es tat Gesa immer von Herzen leid, wenn sie es nicht rechtzeitig schaffte und den alten Mann antraf, wie er vor seinem beladenen Essenstablett saß und hungrig seinen Mund auf- und zumachte.

»Seit die hier auf dieses Industrieessen umgestellt haben, ist die Mittagszeit eine einzige Plackerei«, bemerkte Tia Maria Koeppen, die ebenfalls als Altenpflegerin in der Schlaganfall- und Alzheimerstation des Pflegeheims Waldesruh arbeitete. Sie nahm drei der Aluminiumpackungen vom Wagen und trug sie zur Tür des gegenüberliegenden Zimmers.

»Das Zeug schmeckt wirklich nach nichts, und die meisten Alten hier können nicht einmal selber die Verpackung aufmachen. Aber die Leitung hat pro Pflegefall vier Euro gespart, wohlgemerkt bei über 4 000 Euro Kostensatz im Monat!«

Sie verschwand kurz in dem Zimmer und kam ohne das Essen wieder heraus. Gesa Widmann stand immer noch am Wagen und suchte nach einem Grund, dieses Blinken und Rufen aus Hecks Zimmer zu ignorieren. Tia Maria beachtete sie gar nicht, sondern ereiferte sich weiter: »Industrieessen! Und unsere frühere Köchin sitzt auf dem Arbeitsamt und kostet uns Steuerzahler jetzt auch noch Geld. Was die gekocht hat, war wenigstens essbar. Das Zeug hier ist doch gar nicht mehr richtig warm, wenn unsere Alten es endlich bekommen. Gnade uns Gott, Gesa, wenn wir einmal pflegebedürftig werden. Du wirst noch an meine Worte denken, gnade uns Gott!«

Es schepperte erneut, und Gesa gab sich einen Ruck, um endlich für Ruhe zu sorgen auf ihrer Seite des Flures. Was nutzte es, wenn sie sich auch noch einen Anranzer ihrer Kollegin einfing, besser die Zähne zusammenbeißen und es durchstehen.

»He, Mädchen, endlich. Ich klingele mir hier die Seele aus dem Leib, und ihr macht wieder Kaffeepause da draußen!«, schnauzte Alfred Heck von seinem Bett aus, das er, glücklicherweise, wie Gesa fand, nicht mehr allein verlassen konnte.

»Soll ich Ihnen das Essen aufmachen, Herr Heck?«, fragte Gesa so freundlich, wie es ihr möglich war. Sie hob das Tablett, das er samt Essenspackung zu Boden geschleudert hatte, auf, zögerte aber, es wieder in seine Reichweite zu bringen. Das letzte Mal hatte er seine Bettpfanne nach ihr geworfen. Und gerade jetzt schien er in Mordstimmung zu sein.

»Was denn sonst, Mädchen? Soll ich hier verhungern? Es reicht schon, wenn der blöde Hentschel von Tag zu Tag weniger wird. Mich werdet ihr nicht so schnell los. Der alte Heck, der weiß doch genau, was hier läuft …«

Gesa zog vorsichtig den Deckel von der Packung und starrte auf den unappetitlichen Matsch, der sich durch den Sturz aus Geschnetzeltem, Kartoffelpüree und Erbsen und Möhren ergeben hatte. Sie hätte ihm ein neues Essen geholt, wenn das möglich gewesen wäre, doch die Portionen waren genau abgezählt. Sie hatten auf der Station nur dann mal ein Essen übrig, wenn es am gleichen Tag einen unerwarteten »Weggang« gegeben hatte.

»Was tust du da? Kommt jetzt das Gift darauf? Ich will einen Vorkoster. Los, probier mal einen Bissen, los!«

Gesa stellte ihm wortlos das Tablett vor die Nase, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zimmer.

»Blöde Hexe, aber mit ’nem knackigen Arsch«, hörte sie Heck noch hämisch murmeln, bevor sie die Tür hinter sich zuziehen konnte.

»Na, tobt er immer noch?«, fragte ihre Kollegin, als sie Gesa mit rotem Kopf aus dem Zimmer hasten sah.

»Er ist boshaft und anzüglich«, sagte sie laut und erregt, weil sie sich dem Gefahrenbereich entronnen sah. »Ich will nicht mehr zu ihm rein müssen. Ich nehme zehn andere Patienten dafür, aber nicht Heck!«

»Beruhige dich wieder, Gesa. Da draußen stehen auch zehn andere Frauen, die deinen Job hier nehmen würden. Sei bestimmt, aber freundlich zu ihm, dann läuft es besser. Bei mir klappt das auch immer.«

Gesa hörte ihr schon nicht mehr zu. Heck war kein normaler Pflegefall. Er war hier, um ihr, nur ihr, das Leben zur Hölle zu machen. Sie hatte schon ein paar Mal überlegt, seinetwegen zu kündigen. Doch dann dachte sie an die Herren von der Sparkasse, die fast jeden Monat wegen ihrer Kredite mit ihr sprechen wollten, und sie sah ein, dass sie nicht kündigen konnte. Nicht, bevor sie nicht einen Job gefunden hatte, bei dem sie ebenso viel verdiente wie hier.

Ab morgen hatte sie wieder Nachtdienst. Das bedeutete eine willkommene Zulage zu ihrem Lohn. Es bedeutete aber auch, dass sie für mehrere Stunden ganz allein auf der Station sein würde.

3. Kapitel

Was tust du hier eigentlich noch? Du machst dir wohl gar keine Sorgen um unsere Marlene?«, fragte Inge Brinkmann ihren Mann.

Friedhold Brinkmann stand breitbeinig in einem Beet in der hintersten Ecke seines Gartens und riss Unkraut aus dem feuchten Boden. Ächzend kam er hoch und wischte sich mit seinem Hemdsärmel den Schweiß aus dem Gesicht.

»Ich arbeite, das sieht man doch. Das heißt, ich versuche, dieses Beet hier fertig zu bekommen. Aber alle fünf Minuten kommst du bei mir an und willst reden um des Redens willen. Wir können im Moment nichts tun. Wir müssen abwarten. Warten, bis sich Marlene oder Tom bei uns melden.«

»Du musst nicht zu mir sprechen wie zu einem minderbemittelten Kind, Frieder. Ich mache mir schreckliche Sorgen um unsere Tochter, und ich kann nicht wie du …«, sie fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, »… hier draußen herumwühlen und so tun, als ob nichts passiert wäre.«

Friedhold Brinkmann, Oberstudienrat a.D., sah seine Frau ungeduldig an. An ihren hektischen Bewegungen und der Art, wie sie nach Worten suchte, merkte er, dass ihre Nerven bloßlagen.

Er nahm die Grabegabel und stocherte damit in der Erde herum. Vor ein paar Stunden hatte ihr Schwiegersohn Tom Liebig sie angerufen und ihnen erzählt, dass ihre Tochter Marlene verschwunden war. Scheinbar wusste niemand, wo sie sich befand oder warum sie nicht wie geplant nach Hause gekommen war. Aber ihre Tochter war eine erwachsene Frau, und es war töricht und sinnlos, sich schon jetzt verrückt zu machen, bevor nicht wenigstens eine Nacht über ihr Verschwinden vergangen war.

Außerdem erinnerte sich Friedhold Brinkmann an ein paar Vorkommnisse mit seiner Tochter, die nicht gerade für Marlenes Zuverlässigkeit sprachen. Im Gegenteil, sie hatte ihnen schon manch schlaflose Nacht bereitet mit ihren Eskapaden. War mit 16 allein nach Spanien getrampt, hatte während ihres Studiums oft wochenlang nichts von sich hören lassen und war immer leichtsinnig und unbedacht gewesen. Hatte seine Frau das alles vergessen?

Ihre Tochter war ein so ganz anderer Typ als seine Frau oder er selbst. Friedhold Brinkmann versuchte, sich auch Marlenes Schwierigkeiten vor Augen zu führen. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit konnten einen Menschen verändern. Aber hatten sie sie nicht immer, so gut es ging, vor allem beschützt und bewahrt?

Er seufzte und stieß die Grabegabel mit einem festen Stoß in das Erdreich, sodass der Stiel noch einen Moment in der Luft vibrierte.

»Also gut, Inge. Ich mache nur noch dieses kleine Stück Beet hier zu Ende, und dann komme ich rein. Ich muss etwas Ordnung zwischen den Stauden schaffen, bevor wir morgen in den Urlaub fliegen. Du weißt, wie schnell das Unkraut schießt bei dem Wetter. Und die Nachbarn suchen doch immer einen Grund zum Lästern, oder?«, fügte er scherzhaft hinzu.

»Im Augenblick glaube ich, dass wir gar nicht fliegen sollten. Nicht, bevor wir wissen, was mit Marlene ist, meine ich.«

»Da reden wir nachher drüber, Inge«, antwortete er bestimmt. Erleichtert sah er, dass sie jetzt endlich von dannen zog. Wie einfach, ja angenehm, könnte das Leben sein, wenn man sich stets nur auf eine Sache konzentrieren dürfte. Graben, graben, graben zu der einen Zeit, nachdenken und reden zu einer anderen.

Die meisten Menschen machten sich das Leben unnötig schwer, indem sie immer alles gleichzeitig tun wollten. Die Studienfahrt zu verschieben kam jedenfalls gar nicht in Frage. 5 200 Euro in den Wind schießen und sich später Marlenes halb gare Entschuldigungen anhören müssen?

Um sein Enkelkind, die kleine Clarissa, machte er sich schon eher Sorgen. Ein Kind sollte nicht so unter einer unzuverlässigen Mutter zu leiden haben. Aber er und Inge hatten weiß Gott schon oft genug die Feuerwehr für ihre Enkeltochter gespielt. Nun war mal ihr neuer Ehemann dran, fand er. Tom Liebig würde sich für Clarissa etwas einfallen lassen müssen.

Friedhold sah auf seine Armbanduhr. Er wollte noch eben eine Staude umsetzen. »Aconitum napellus«, murmelte er vor sich hin, während er die Pflanze aus der Erde hob. Latein war eines seiner Hauptfächer gewesen, und noch heute rühmte er sich, alle Pflanzen in seinem Garten auch mit ihrem lateinischen Namen zu kennen.

Der Eisenhut würde gerade blühen, wenn sie von ihrer Reise zurückkämen. Das würde hübsch zu dem weißen Balkan Storchenschnabel aussehen, der hier so gut gedieh, Geranium macrorrhizum. Außerdem stand der Blaue Eisenhut dann in einem schönen Kontrast zu dem Geißbart, der Leitstaude hier im Halbschatten. Aruncus dioicus oder vulgaris?, fragte sich Friedhold Brinkmann verwirrt. Jetzt kannte er sich in seinem eigenen Garten schon nicht mehr aus, und das nur, weil seine Tochter mal wieder über die Stränge schlug.

Im Haus hörte er das Telefon klingeln. Das musste die ersehnte Nachricht über Marlenes Verbleib sein. Sie hatte bestimmt nur den Flieger verpasst, einen willigen Mann getroffen und die Zeit vergessen … so musste es gewesen sein. Wenigstens wusste in ihrer neuen Nachbarschaft niemand, was ihre einzige Tochter so alles trieb.

Er stellte sich vor, wie sich die gelangweilten Frührentner und Hausfrauen an den Geschichten über die Eskapaden von Brinkmanns einziger Tochter weiden würden. Das gäbe Unterhaltungsstoff für zehn Bridgeabende! Und die ehrenwerten Herrschaften, mit denen sie seit Jahren auf Studienfahrt gingen, nicht auszudenken!

Graben, graben, graben, nicht nachdenken …

»Ach, du bist es, Pia.«

War je ein Mensch freudiger begrüßt worden? Tom Liebig wich einer brüderlich-schwesterlichen Umarmung aus und starrte Pia aus rot geränderten Augen an.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte sie ihren Bruder, während sie in den dunklen Wohnungsflur trat und den muffigen Geruch nach ungelüfteten Zimmern und Angstschweiß wahrnahm.

»Immer noch nichts.« Er stieß die Tür zum Wohnraum auf, der sich seit Pias letztem Besuch auffallend verändert hatte. Tom war bezüglich seiner Wohnungseinrichtung immer ein Minimalist gewesen. Früher waren hier ein altes schwarzes Le-Corbusier-Sofa und ein Metallhocker die einzigen nennenswerten Möbelstücke im Raum gewesen. Nun luden üppige Rattansofas und locker ineinandergeschobene Glastische auf weichem Florteppich zum Niederlassen ein.

Unverkennbar Marlenes Handschrift, konstatierte Pia und trat zur Balkontür, um in die regnerische Frühlingsnacht hinauszusehen.

»Willst du die Polizei einschalten? Ich könnte dir helfen«, bot sie ihm an, um irgendwie ein Gespräch zu beginnen.

»Nein, will ich nicht. Marlene kommt bestimmt jeden Moment zurück. Jeder kann sich mal um ein paar Stunden verspäten. Vielleicht musste sie aus irgendwelchen Gründen den Zug nehmen.«

»Vielleicht«, sagte Pia und verkniff sich die Bemerkung, dass Marlene sich dann doch längst hätte melden können.

»Mama hat dich hergeschickt, oder? Sie macht sich Sorgen, weil sie selbst nicht ganz auf der Höhe ist. Das wurmt sie bei der ganzen Sache wahrscheinlich am meisten. Ehrlich, ich finde es ganz furchtbar nett von dir, dass du hergekommen bist, aber es war gar nicht nötig.«

Sätze, die mit dem Wort »ehrlich« begannen, sind fast immer eine Zumutung für den Adressaten, dachte Pia. Sie drehte sich zu ihrem Bruder um und sah ihn an. »Nur mal angenommen, Marlene ist morgen noch nicht wieder da. Hast du jemanden, der sich um Clarissa kümmert? Mama hat mich eigentlich nur gefragt, ob ich dir mit dem Kind helfen kann, weil ich sowieso Urlaub habe. Du kannst über mich verfügen.« Sie hob einladend die Arme und dachte gleichzeitig an den Toten vom Strand, der jetzt bei Dr. Kinneberg im Institut für Rechtsmedizin lag. Heute am späten Abend wurden erste Ergebnisse erwartet, und sie würde nicht dabei sein, wenn sich herausstellte, ob man es mit einem Unfall, Selbstmord oder einem Mord zu tun hatte.

Bei der Erwähnung der Möglichkeit, dass seine Frau auch am nächsten Tag noch nicht wieder aufgetaucht sein könnte, verschloss sich Toms Miene zu einer starren Grimasse.

»Ich rufe dich an, wenn ich deine Hilfe brauche, Pia. Ist das okay für dich? Morgens bringe ich Clarissa sowieso immer in den Kindergarten, und im Fall der Fälle könntest du sie ja mittags dort abholen. Ich kann bei mir in der Firma gerade keinen Urlaub nehmen.«

»Natürlich ist das okay für mich, Tom. Meinst du, Clarissa kommt einfach mit mir mit?«

»Ja, das wird sie. Wenn Marlene bis morgen früh nicht wiedergekommen ist, werde ich ihr erzählen, dass Tante Pia sie abholen kommt.«

»Tante Pia.« Wie herzig. Pia schluckte jeden Kommentar dazu herunter und nickte. Sie fragte nicht weiter nach, wie sie den Nachmittag mit einer Fünfjährigen gestalten sollte, denn für Tom schien die Möglichkeit, dass Marlene dann noch nicht wieder da sein könnte, außerhalb des Vorstellbaren zu liegen. Außerhalb des Erträglichen?

»Hast du schon etwas gegessen, Tom?«, fragte sie ihn, einer Eingebung folgend. Ihr selbst war flau, weil sie seit ihrem Sonntagsfrühstück nichts als einen Apfel gegessen hatte, und Tom sah ebenfalls halb verhungert aus.

»Ich habe was von Clarissas Cornflakes mitgegessen«, sagte er, und zum ersten Mal während Pias Anwesenheit huschte so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht. »Crunchy-Schoko-irgendwas-Pops.«

»Ich hab auch ziemlichen Hunger, Tom. Soll ich uns was vom Chinesen holen?«

»Immer noch die gleichen Vorlieben wie früher, Pia?«

»Anna sagt, dass meine Geschmacksnerven nach meiner vermurksten Mandeloperation außer Kontrolle geraten sind. Sie behauptet, eine zu hoch dosierte Vollnarkose wäre schuld daran. Ich weiß nicht, ob das medizinisch haltbar ist, aber seitdem musste sie wohl Peperoni und Chilischoten statt Schokolade zum Naschen für mich kaufen.«

»Weißt du noch, wie Papa mal aus Versehen in eines von deinen Spezialsandwichs gebissen hat?«, erinnerte sich Tom. »Er hat fast Feuer gespuckt!« Er sah Pia zum ersten Mal an diesem Abend richtig an. »Die Idee, etwas Vernünftiges zu essen, ist wahrscheinlich nicht die schlechteste. Außerdem würde ich diesen vier Wänden gern noch für ein paar Minuten den Rücken kehren. Wenn du hier wartest, fahre ich schnell los und hol uns was, einverstanden? Ich glaube nicht, dass Clarissa um diese Uhrzeit aufwacht, und wenn, dann erklärst du ihr, dass ich gleich wiederkomme …«

»Wird gemacht«, antwortete Pia und registrierte erleichtert, wie sich Toms Haltung straffte, als er nach seiner Jacke griff und die Wohnung verließ.

Sie aßen ihr spätes Abendbrot aus den Aluminiumschachteln. Dazu tranken sie Bier aus der Flasche und hatten den Fernseher angestellt. Tom wirkte etwas entspannter als bei Pias Eintreffen. Doch mit derselben Unerbittlichkeit, mit der die Zeit verrann und sich der Sonntag seinem Ende näherte, nahm auch Toms Besorgnis wieder zu. Gegen Mitternacht wanderte sein Blick alle paar Minuten zum Telefon und dann wieder zur Tür. Wenn er draußen Autotüren schlagen hörte, eilte er ans Fenster, um hinauszusehen.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Marlene etwas passiert sein könnte«, sagte er schließlich unvermittelt, »du kannst dir so etwas bestimmt eher vorstellen, Pia. Du hast ja täglich mit solchen Dingen zu tun. Aber Marlene und ich, wir leben ganz normal unser Leben hier.«

Er sagte das fast vorwurfsvoll, so als hätten mit Pias Person auch gleich Mord und Totschlag Einzug in seine Wohnung gehalten.

»Marlene taucht bestimmt wieder auf, Tom. Vielleicht braucht sie einfach eine Art Auszeit. Sie hat schließlich eine Menge um die Ohren mit Familie und Job. Ist dir in letzter Zeit vielleicht irgendetwas aufgefallen? Wirkte sie nervös oder abgelenkt auf dich?«

»Nein, nein und nein. Das hat Mama mich auch schon alles gefragt. Aber sie war wie immer. Sie wollte nur für ein Wochenende ihre Freundin in Zürich besuchen. Das machen Frauen doch, sich gegenseitig besuchen, um in Ruhe miteinander zu reden. Um ehrlich zu sein, ich habe mich für sie gefreut, dass sie mal rauskommt …«

Er stützte den Kopf in die Hände. Sein Fuß stieß gegen eine der Flaschen, die umfiel und eine Lache aus Bier auf dem Florteppich hinterließ. Pia wischte die Flüssigkeit mit dem Stapel mitgelieferter Servietten auf.

Sie fühlte sich hilflos im Angesicht von Toms Kummer. Statt ihn in den Arm zu nehmen, wie sie es vielleicht hätte tun sollen, stapelte sie die Essenspackungen und trug alles in die Küche. Warum konnte sie ihren Bruder nicht trösten? Hatte sie solche Angst davor, abgewiesen zu werden?

Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, saß er immer noch genauso da, wie sie ihn verlassen hatte.

»Ich fahre jetzt nach Hause, Tom«, sagte Pia leise, »wenn ich Clarissa morgen abholen soll, ruf mich einfach an.«

Er nickte, ohne aufzusehen.

4. Kapitel

Sind Sie sicher, Kinneberg?« Was für eine blöde Frage! Heinz Broders hörte förmlich, wie Dr. Enno Kinneberg am anderen Ende der Leitung die Augen verdrehte.

»Sicher ist nur der Tod, Herr Hauptkommissar. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Der Mann, der gestern am Strand von Pelzerhaken angetrieben worden ist, ist zwar ertrunken, trotzdem war sein Tod mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Unfall!«

»Und warum nicht?«

Kinneberg machte eine Kunstpause.

»Wir haben Gift in seinem Magen gefunden. Das Labor hat die Analyse des Mageninhalts gerade abgeschlossen. Ein Pflanzengift namens Aconitin, schreiben die. Wäre der Mann nicht ertrunken, wäre er kurze Zeit später an diesem Gift gestorben – qualvoll, wie wir aus Erfahrung wissen.«

»Dann sind wir also dran. Ich hatte gehofft, der Mann wäre zur Abwechslung mal freiwillig ins Wasser gegangen …«

»Sie bekommen das in Kürze noch einmal alles in Schriftform. Trotzdem wollte ich schon mal bei Ihnen im Kommissariat Bescheid geben. Ihre Kollegen Friedrichs und Wohlert, die so freundlich waren, mir bei der Sektion Gesellschaft zu leisten, werden Ihnen das Gleiche sagen. Es kann allerdings noch einen Moment dauern. Sie sind wohl beide erst mal nach Hause gefahren, um zu duschen …«

Er kicherte meckernd, und Broders hielt den Hörer ein Stück vom Ohr weg.

»Danke, Kinneberg. Ich werde das weitergeben. Wir hören voneinander.«

»Ja, gute Nacht!«

Broders rieb sich gedankenverloren seinen Nacken. Erst war der Mann so gut wie vergiftet worden, dann im Meer ertrunken. Das hörte sich nach einer mittelalterlichen Todesstrafe an: Damals waren die Menschen doch angeblich ziemlich wild darauf gewesen, verurteilte Straftäter mehrfach zu Tode kommen zu lassen. Erhängen, ausweiden, vierteilen und zur Sicherheit auch noch verbrennen?

Broders schüttelte sich. Er griff nach seinen Notizen, um Horst-Egon Gabler von dem Telefonat mit der Rechtsmedizin zu berichten.

»Also doch!« Gabler hieb mit der flachen Hand auf den Besprechungstisch. »Der Mann, der am Strand von Pelzerhaken angetrieben wurde, ist nicht einfach nur ins Wasser gefallen und ertrunken. Kinneberg sagt, dass er eine tödliche Dosis Gift in seinem Magen hatte. Demnach ist er ertrunken, bevor das Gift in seinem Magen ihn getötet hat. Das kann ein Suizid gewesen sein oder aber, und das halte ich für wahrscheinlicher, ein Tötungsdelikt.«

»Na, dann hat sich das Warten hier wenigstens gelohnt«, meinte Michael Gerlach und sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. Es war eine recht dezimierte Anzahl von Mitarbeitern, denen sich der Leiter zu dieser Stunde gegenübersah. Er hatte die Kollegin Pia Korittki nach der Arbeit am Strand in den geplanten Urlaub geschickt. Friedrichs und Wohlert waren noch nicht von der Sektion zurückgekehrt.

Nun war es über die Warterei auf den Bericht aus der Rechtsmedizin spät geworden, und die Konzentrationsfähigkeit der Anwesenden hatte trotz erhöhtem Kaffee- und Colakonsum merklich gelitten. Horst-Egon Gabler überlegte, wie er am besten vorgehen sollte. Das Wichtigste war jetzt, die Identität des Toten festzustellen.

»Wie einige von Ihnen am Strand vielleicht schon mitbekommen haben, hat mich die Wasserschutzpolizei vorhin über ein Schiffsunglück informiert, das sich gestern auf der Ostsee ereignet hat. Eine Segeljacht ist dabei mit der Ostseefähre Peer Gynt kollidiert. Die Peer Gynt befand sich auf dem Weg nach Trelleborg, als eine Segeljacht vor ihr auftauchte. Die Jacht hätte der Fähre den Schilderungen nach Vorfahrt gewähren müssen, aber es passierte nichts. Daraufhin veranlasste die Crew der Peer Gynt ein Ausweichmanöver, aber die Fähre hatte die Jacht trotzdem noch mit dem Achterschiff erwischt. Die Jacht heißt im Übrigen Juvenile und ihr Heimathafen ist Grömitz.

Die Wasserschutzpolizei hat anhand des Bootspasses herausgefunden, dass die Juvenile einem Holger Michaelis aus Neustadt gehört. Er ist am Freitag von Grömitz aus zu einer Segeltour aufgebrochen, die das ganze Wochenende lang dauern sollte. Das hat seine Frau der Wasserschutzpolizei gerade am Telefon mitgeteilt. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört oder gesehen.«

»Dann ist der Mann, der in Pelzerhaken angetrieben worden ist, wahrscheinlich dieser Holger Michaelis?«, fragte Michael Gerlach.

»Eine Identifizierung des Toten durch Frau Michaelis wird Klarheit in die Angelegenheit bringen. Unsere Kollegen von der Wasserschutzpolizei glauben nämlich nicht daran. Sie sagen, der Ort der Kollision ist zu weit von dem Strand entfernt, wo die Leiche angespült wurde. Aber vielleicht täuschen sie sich auch? Ich kenne mich mit Seemeilen und Strömungsgeschwindigkeiten nicht aus.«

»Haben sich noch weitere Personen an Bord der Segeljacht befunden?«, fragte Heinz Broders.

»Als die Rettungskräfte bei der Jacht eintrafen, befand sich niemand mehr an Bord. Trotzdem wird Holger Michaelis nicht unbedingt allein zu seinem Törn aufgebrochen sein. Man sagte mir, dass die Juvenile nicht unbedingt ein Einhandsegler ist. Wir sollten in Betracht ziehen, dass sich zu Beginn des Törns noch mindestens eine, wenn nicht mehrere Personen an Bord befunden haben.«

Während eine Diskussion darüber anhob, wie jetzt weiter zu verfahren sei, läutete das Telefon erneut. Diesmal ging Kriminalrat Gabler selbst an den Apparat. Er winkte ungeduldig mit der Hand, um für Ruhe zu sorgen. Nach ein paar knappen »Ja« und »Ich verstehe« legte er den Hörer wieder auf.

Alle sahen ihn erwartungsvoll an.

»Das war noch einmal die Wasserschutzpolizei in Travemünde. Die Juvenile, Michaelis Jacht, befindet sich in Travemünde im Hafen. Sie haben mich darüber informiert, dass sie gerade unsere Kriminaltechnik angefordert haben. Die Spurensicherung soll die verunglückte Segeljacht untersuchen. Das Schiff scheint also noch so weit intakt gewesen zu sein, dass man es nach Travemünde schleppen konnte.«

»Warum war dann keiner mehr an Bord, als die Rettungskräfte eintrafen?«, wollte Broders mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit wissen.

»Das ist ein Punkt, der uns noch beschäftigen wird. Da die Rettungsmannschaft niemanden an Bord angetroffen hat, ist es ebenso gut möglich, dass sich bereits zum Zeitpunkt der Kollision keine Personen mehr an Bord befunden haben. Das würde zum Teil erklären, wie es überhaupt zu so einem Unglück kommen konnte. Auf den UKW-Anruf und das Typhon der Peer Gynt kam nämlich keinerlei Reaktion.

Ich vermute, dass die Besatzung schon zu einem früheren Zeitpunkt das Schiff verlassen hat. Aber wie das passiert ist und warum, das sollen wir erst noch herausfinden.«

Die Sonne stand bereits so tief, dass der größte Teil des Hinterhofes nun im Schatten lag. Es war Montagnachmittag, Pias erster Urlaubstag. Sie klappte ihr Buch zu und sah zu Clarissa hinüber, die mit einer gleichaltrigen Freundin und zwei Puppen in eine imaginäre Familienszene vertieft war.

Die Freundin, ein Mädchen aus dem Nachbarhaus namens Berit, war ein Geschenk des Himmels, denn in den Stunden zuvor war es Pia zunehmend schwerer gefallen, ihre Nichte bei Laune zu halten. Sie hatten zusammen Spaghetti gekocht, abgewaschen, waren ein Stück um den Block gegangen, um frisches Brot und Milch einzukaufen, und dann waren Pia die Ideen ausgegangen.

Sie hatte sich von Clarissa den Zugang zu dem kleinen Garten zeigen lassen, in dem die Mieter für die in den umliegenden Häusern wohnenden Kinder einen Sandkasten und eine Schaukel aufgestellt hatten. Aber das Schaukeln war Clarissa schnell langweilig geworden, und für die imaginären Verkaufsszenen im Sandkasten-Bäckerladen hatte Pia nicht die rechte Begeisterung aufbringen können. Als Clarissas Freundin aufgetaucht war, hatte Pia erfahren, dass nichts so entspannend ist wie zwei friedlich miteinander spielende Kinder.

Die letzte Stunde des Nachmittags hatte sie lesend auf einer alten Gartenbank zugebracht, doch allmählich wurde es zu kühl draußen, um herumzusitzen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass Tom bald von der Arbeit kommen musste.

Pia hatte in halbstündigen Abständen immer wieder auf ihr Mobiltelefon gestarrt, ob ihr vielleicht ein Anruf oder eine SMS entgangen wäre, denn sie wartete mit wachsender Ungeduld auf eine Nachricht über Marlenes Verbleib. Dass sie rein gar nichts gehört hatte, erschien ihr sonderbar und mittlerweile auch äußerst beunruhigend. Sogar eine schlechte Nachricht hätte sie doch bereits erreichen müssen. Selbst wenn Marlene etwas zugestoßen war, hätte man Tom doch inzwischen ausfindig machen und informieren müssen.

Als ihr Handy dann tatsächlich klingelte, zuckte sie zusammen. Endlich! Auf dem Display erkannte sie, dass es Ossi war, ihr Kollege Oswald Heidmüller.

»Hi, Pia, ich bin es. Wie schmeckt der Urlaub? Bei dem Wetter hast du bestimmt noch keinen Pinselstrich getan, stimmt’s?«

»Erraten, ich sitze an der frischen Luft und passe auf meine kleine Nichte auf.«

»Wie bitte? Ich wusste nicht einmal, dass du eine Nichte hast?«

»Die ist auch neu. Sie ist die Tochter von Toms Frau Marlene. Du erinnerst dich vielleicht an die Hochzeit im letzten Herbst, auf der ich war? Das Mädchen ist fünf Jahre alt, und wir machen uns alle ziemliche Sorgen, weil ihre Mutter verschwunden ist.«

»Wie verschwunden?«

»Marlene ist am Freitagabend angeblich in die Schweiz geflogen, um eine Freundin zu besuchen, und Tom hat sie am Sonntagmittag zurückerwartet. Sie ist aber immer noch nicht wieder da, und kein Mensch weiß, wo sie steckt.«

»Habt ihr es bei dieser Freundin versucht?«

»Das ist ja der Mist. Die Freundin sagt, Marlene war gar nicht bei ihr. Sie hätte den Besuch kurzfristig wieder abgesagt. Tom hat Marlene aber planmäßig zum Flughafen gebracht. So, und nun kommst du …«

»Hat dein Bruder schon die Polizei informiert?«

»Er will nicht. Noch nicht. Ich bin etwas ratlos, wie ich mich in dieser Angelegenheit verhalten soll. Aber solange ich auf die Kleine aufpasse, kann ich sowieso nicht viel unternehmen. Clarissa soll natürlich nicht merken, dass wir uns Sorgen machen.«

»Tom sollte versuchen herauszufinden, ob Marlene überhaupt geflogen ist, und wenn ja, wohin.«

»Das habe ich ihm auch schon gesagt, aber er meint, sie wäre spätestens heute Abend wieder da. Das ist alles eine ziemliche Scheiße hier. Entschuldigung. – Clarissa! Berit! Es ist noch zu kalt zum Barfußlaufen! Zieht eure Schuhe wieder an! – Was hast du eben gesagt, Ossi?«

»War ich gemeint? Ich habe meine Schuhe noch an. Nein, im Ernst, ich rufe eigentlich an, um dir zu sagen, dass wir es im Falle unserer Wasserleiche wohl tatsächlich mit einem Mord zu tun haben. Gut möglich, dass Gabler dich doch wieder herbeordert, wenn er mal wieder feststellt, dass er mehr Arbeit als Leute hat.«

»Es war also Mord. Dabei sah es doch mehr nach einem Unfall oder vielleicht auch nach Selbstmord aus.« Insgeheim dachte Pia aber, dass ihr Gefühl sie in dieser Sache nicht getrogen hatte. Sie hatte es so und nicht anders erwartet.

»Er wurde erst beinahe vergiftet und ist dann ertrunken. Und zwar mit einem Zeug, von dem unser guter Kinneberg sagt, dass man sich damit nicht selbst umbringen will. Und wenn der das behauptet, würde ich es bestimmt nicht versuchen …«

»Um was für ein Gift handelt es sich?«

»Ein Pflanzengift namens Aconitin.«

»Das sagt mir nichts. Wisst ihr denn schon, wer der Tote war?«

»Es hat sich eine Frau aus Neustadt bei der Polizei gemeldet, die ihren Mann vermisst. Er wollte am Wochenende auf der Ostsee segeln … Das mit dieser Segeljacht, die verunglückt ist, hattest du am Sonntag ja noch mitbekommen. Viel mehr haben wir momentan auch nicht. Ich wollte eigentlich nur, dass du weißt, dass Gabler sich vielleicht noch bei dir melden könnte. Ich meine, bevor du dir zu viel Farbe anmischst.«

»Ich mische nicht, wenn überhaupt, streiche ich nur weiß.«

»Hattest du nicht gesagt Ochsblutrot?« Heidmüller klang enttäuscht.

»Wenn ich sagen würde, dass ich drei Köpfe habe, würdest du es auch glauben, oder? – Hey, nicht mit Matsch gegen die Scheiben werfen? Woher habt ihr überhaupt das Wasser?«

»Okay, Pia. Ich höre, du hast alle Hände voll zu tun. Mach’s gut!«

»Tschüss, und danke für deinen Anruf …«

Pia ließ das Telefon in ihre Tasche fallen und lief zu den beiden Mädchen hinüber, die Matschkugeln auf dem Sandkistenrand vorbereitet hatten und sich nun anschickten, selbige gegen die Fensterscheiben im Erdgeschoss zu werfen.

»Clarissa, Berit, was soll der Unsinn?«

»Da wohnt Herr Senkblei, der ist doof.«

»Ja und? Hat er deshalb kein Recht auf saubere Fensterscheiben?«

Berit ließ den Arm mit der Matschkugel sinken. Schmutzig braunes Wasser tropfte auf ihre weißen Strümpfe und die blauen Lacksandalen.

»Der schimpft uns immer aus, und Mama sagt auch, dass er keine Kinder ausstehen kann …«

»Der ist böse«, setzte Clarissa hinzu und warf noch einen Klumpen in Richtung Fenster, der glücklicherweise in der Luft zerfiel, bevor er sein Ziel erreichen konnte.

»Hör sofort auf mit dem Unsinn!«

»Böse und schlecht. Mama sagt, ich soll nicht mit ihm reden. Man weiß nie, wo der Teufel ist …«

»Der Teufel? Kommt jetzt mit! Wenn euch nichts mehr einfällt, was ihr spielen könnt, dann räumt schon mal eure Sachen zusammen. Eure Puppenkinder sind auch schon ganz müde.«

Pia deutete auf die beiden Puppenbuggys. Clarissas Geschöpf hing halb aus dem Sitz heraus, und die hellblaue Stoffmütze war quer über das braune Plastikgesicht gerutscht. Was hatte ihre Nichte mit dem Teufel? Das war ein Ausdruck, den Pia weder von Clarissa noch von ihren Eltern erwartet hätte. Sie nahm sich vor, Tom danach zu fragen.

Zu Pias Überraschung begannen die Mädchen tatsächlich, ihre verstreut liegenden Spielsachen zusammenzutragen. Es war im Laufe des Nachmittags so viel geworden, dass sie unmöglich alles auf einmal in den dritten Stock hinauftragen konnten.

Berit, die weniger Spielzeug mithatte, verabschiedete sich und verschwand durch die Haustür des Nachbarhauses. Da sie auch allein heruntergekommen ist, ist das wohl so in Ordnung, dachte Pia.

»Pass auf, Clarissa! Wir kriegen nicht alles auf einmal mit. Soll ich schon einmal vorgehen und den Buggy und die Kochsachen mitnehmen. Dann komme ich wieder runter und wir tragen den Rest hinauf? Du kannst ja so lange schaukeln.«

Zu Pias Überraschung verzog sich das Gesicht der Kleinen zu einer Grimasse, die eher über kurz als lang in ein Heulen übergehen würde.

»Ich will nicht allein hier unten bleiben. Ich will nicht allein sein …«

»Wenn du jetzt mit hochkommst, musst du aber einen Moment allein in der Wohnung bleiben, oder willst du die Treppen zweimal laufen?«

»Nein!«

»Was willst du dann? Oben warten?«

Jetzt heulte sie tatsächlich, und Pia hob sie hoch, um sie zu trösten. Clarissa war schwerer, als sie gedacht hatte.

»Ich hab Angst, allein …«, schluchzte das Kind und schien sich immer mehr in seine Mutlosigkeit hineinzusteigern. Pia musste an das Ratespiel mit dem Fuchs, der Gans und dem Fährmann denken. Wie sollte sie alles nach oben bekommen, ohne dass Clarissa irgendwo allein blieb oder aber zweimal gehen musste? Sicher war sie müde und vermisste ihre Mutter.

»Clarissa, dein Papa kommt jetzt bald von der Arbeit zurück. Wollen wir ihm Abendbrot machen?«

»Nein. Ich hab Angst …«

»Wovor denn? Es ist alles in Ordnung.«

»Mama sagt, ich darf nicht allein sein. Oma sagt das auch. Ich will zu meiner Oma!«

Sie meinte sicherlich Marlenes Mutter, die sich schon immer viel um ihr Enkelkind gekümmert hatte. Aber Frau Brinkmann, Marlenes Mutter, war heute in den Urlaub geflogen und würde erst in drei Wochen zurückkehren. Sie stand zurzeit nicht zur Verfügung. Und bis sich Marlene wieder an ihr Kind und ihren Ehemann erinnerte, musste sie, Pia, eben einspringen, so gut es ging. Wenn wenigstens meine Mutter Zeit hätte, dachte sie mit einem Stoßseufzer und wischte Clarissa über das erhitzte, tränennasse Gesicht.

»Oma macht gerade Ferien, Schatz. Komm, wir beide gehen jetzt hoch, und du darfst in die Badewanne. Die Sachen hier unten hole ich, wenn Papa da ist.«

5. Kapitel

Auf der Fahrt von Neustadt nach Lübeck zum Institut für Rechtsmedizin herrschte Stillschweigen im Wagen. Seit der knappen Begrüßung vor ihrem Haus hatte Heidelinde Michaelis mit Heinz Broders kein Wort mehr gewechselt. Ihm war das ganz recht so. Die Anspannung aufgrund des vor ihr liegenden Ereignisses stand Frau Michaelis ins Gesicht geschrieben. War der Tote, den sie sich gleich ansehen sollte, tatsächlich ihr Ehemann?

Diese Identifizierungen waren niemals angenehm. Auch belanglose Plaudereien, auf die er sich sowieso nicht besonders verstand, würden es ihr nicht leichter machen, dachte Broders, während er den Wagen durch den allmählich abflauenden Berufsverkehr lenkte.

Inzwischen hatten er und die anderen Mitarbeiter der Mordkommission einen recht genauen Überblick über die Ereignisse des Wochenendes erhalten.

Die Juvenile, Holger Michaelis Segeljacht, war am Freitagabend aus ihrem Heimathafen Grömitz ausgelaufen. Es handelte sich bei der Jacht um eine Comet aus der italienischen Werft Comar. Der Hafenmeister hatte die Juvenile zwar auslaufen sehen, doch auch er konnte nichts darüber aussagen, wer sich außer Michaelis noch an Bord befunden hatte. Holger Michaelis’ Auto hatte sich inzwischen bereits eingefunden. Er parkte in einer Seitenstraße unweit des Jachthafens.

Am Samstagnachmittag war Michaelis’ Schiff dann der Skandinavienfähre Peer Gynt in die Quere gekommen. Die Fähre hatte bei einem Ausweichmanöver die Jacht achtern erwischt. Der Kapitän der Fähre hatte daraufhin über Funk Hilfe herbeigerufen, doch die koordinierte Suche am Ort der Kollision hatte keine Besatzungsmitglieder der Juvenile bergen können. Die Bremen, der Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, das Seeboot der Wasserschutzpolizei und der Hubschrauber Christoph 12 waren unverrichteter Dinge wieder zurückgekehrt. Die demolierte Jacht war nach der erfolglosen Suche stabilisiert und nach Travemünde geschleppt worden.

Und 24 Stunden später war ein Toter, auf den die Beschreibung von Holger Michaelis passte, am Strand von Pelzerhaken angetrieben worden.

Heinz Broders parkte den Wagen unter den Bäumen vor dem Institut für Rechtsmedizin. Frau Michaelis stieg ohne zu zögern aus und strebte dem Eingang zu. Wie hoch war eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass die Leiche dort drinnen, die sie in wenigen Minuten identifizieren musste, nicht ihr verstorbener Ehemann war?

»Wie sieht er denn aus …!«, murmelte Heidelinde Michaelis beim Anblick des Toten auf der Bahre mit hochgezogenen Augenbrauen. Für Hauptkommissar Broders hörte es sich so an, als bemängele sie eine unpassend gewählte Krawatte. Von der fehlenden Unterhose weiß sie wohl noch nicht einmal etwas, schoss es ihm dabei durch den Kopf. Zynismus ist das Einzige, was einen in solchen Situationen retten konnte, dachte er. Hoffentlich waren sie schnell fertig hier.

»Handelt es sich bei dem Verstorbenen um ihren Ehemann, Holger Michaelis?«, fragte er in neutralem Ton.

»Ich denke schon, aber …«

»Was ist aber?«

»Er sieht so … grässlich aus.« Sie verzog ihr Gesicht zu einer angewiderten Grimasse und wandte sich ab.

»Lassen Sie sich ruhig Zeit mit Ihrer Antwort. Das ist manchmal schwierig …«, sagte er seinen Text auf.

»Er ist es, ich bin mir ganz sicher.« Heidelinde Michaelis warf noch einen kurzen Blick über ihre Schulter auf die Bahre. Sie hüstelte und zupfte sich ein nicht vorhandenes Haar vom Ärmel ihres Kostüms.

Broders war froh, nicht ihrem abschätzenden Blick ausgeliefert zu sein wie Michaelis’ sterbliche Überreste.

Dr. Enno Kinneberg, der bei der Identifizierungsmaßnahme ebenfalls zugegen war, nickte völlig ungerührt. »Tut mir leid, so etwas ist niemals schön«, sagte er und schob den Leichnam wieder außer Sichtweite. Broders begleitete die Witwe hinaus. Er sprach in knappen Worten sein Beileid aus. Sie nahm es mit vollendeter Haltung auf, so als hätte sie diesen Moment schon einmal geprobt: gesenkte Wimpern auf gepuderter Haut, ein leichtes Schaudern, dann ein gequältes Lächeln.

Ihre Gefasstheit machte es Broders leicht, seine zuvor gefassten Pläne in die Tat umzusetzen. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Er nahm sie direkt mit ins nahe gelegene Kommissariat, um ihre Aussage aufzunehmen.

»Mein Mann war ein leidenschaftlicher Segler«, erzählte Heidelinde Michaelis bei laufendem Tonband. »Das Boot kam bei ihm immer an erster Stelle. Dann kam lange Zeit gar nichts, dann wieder das Boot und dann erst seine Ehe. Seinen Beruf hat er nur unter dem Aspekt betrachtet, dass er ihm genug Geld für sein Hobby einbrachte.«

»Er war niedergelassener Zahnarzt?«

»Ja. Ich weiß, das klingt sonderbar, aber gerade weil er so emotionslos arbeitete, war er meines Erachtens richtig gut. Effizient, äußerst diszipliniert, seine Patienten behandelte er mit derselben Aufmerksamkeit wie ein Bauer seine besten Milchkühe. Was für ein Vergleich! … Na ja, ich wollte damit nur ausdrücken, dass er gut für seine Patienten war, gerade weil er sich nicht für den Helden im Zahnarztkittel hielt. Seine Praxis lief dementsprechend Gewinn bringend …

Holger hatte die Fähigkeit, sich immer ausschließlich auf eine Sache zu konzentrieren. Ich kenne wenige Menschen, die das in diesem Ausmaß können. Wenn er arbeitete, war er hundertprozentig Zahnarzt, wenn er segelte, dann segelte er. Die Marginalien des Alltags konnte er dabei wunderbar ausblenden. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, dass das Unglück mit der Juvenile durch einen Fehler seinerseits zustande gekommen sein könnte. Er war ein Perfektionist, und die Juvenile war seinen eigenen Worten nach in einem Topzustand.

»Sie ahnen nicht, wie viel Geld man in so eine Segeljacht stecken kann. Und Zeit!«

»Wissen Sie, ob er am Freitag allein losgesegelt ist oder ob er jemanden mitgenommen hat?« Eine heikle Frage. Horst-Egon Gabler, der die Befragung mit Heinz Broders zusammen durchführte, stellte sie betont leise und beobachtete Frau Michaelis’ Reaktion genau. Sie nickte unmerklich. Diese Frage schien sie erwartet zu haben.

»Ich bin davon ausgegangen, dass er irgendjemanden mitgenommen hat. Er hatte so seine Crew. Leute, bei denen ein Telefonanruf genügte und sie standen bereit. Echte Segelfanatiker allesamt, wie er einer war.«

»Können Sie uns eine Liste dieser Personen geben, Namen, Telefonnummern etc.?«

»Irgendwo hatte er sich die Nummern bestimmt notiert. Ich werde sie aber erst suchen müssen. Ich kannte die meisten von ihnen kaum.

Meiner Meinung nach war es für gewöhnliche Sterbliche nämlich kein Vergnügen, mit Holger mitzusegeln. Er war kein Sonntagssegler, so mit Kaffeeplausch und so. Es ging ihm um den Sport, und er war erst zufrieden, wenn er durchnässt, halb verhungert und am Ende seiner Kraft in seine Koje fallen konnte. Früher bin ich manchmal mitgekommen. Ich habe sogar mal ihm zuliebe versucht, einen Segelschein zu machen. Aber das war nichts für mich. Ich hatte Angst, und ich konnte diese Angst nie in den Griff bekommen. Bei schönem Wetter und wenig Wind ging es ganz gut. Aber eben das war ja nicht das, was Holger wollte. Es war dann besser für uns beide, wenn ich nicht dabei war.«

Frau Michaelis machte eine abschließende Handbewegung, als sei das Thema hiermit erschöpfend behandelt. Gabler ging scheinbar darauf ein und unterbrach das Gespräch, indem er Frau Michaelis den soeben durchgelaufenen Kaffee anbot. Sie nahm eine Tasse an und sah, nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, erwartungsvoll in die Runde.

Broders hatte den Eindruck, dass sie es trotz ihrer ausdruckslosen Miene ein wenig genoss, dass man ihr so aufmerksam zuhörte. Ihre Worte zählten, hatten hier auf dem Kommissariat ein Gewicht, das ihnen sonst vielleicht eher selten zuteil wurde. Ihr Mann war tot, und nur sie war in Besitz bestimmter wichtiger Informationen, die wie Teile in einem Puzzle irgendwann zu einer Art Gesamtbild führen sollten. Das Bild, welches zeigte, wie Holger Michaelis zu Tode gekommen war.

Was war an Bord der Juvenile passiert, bevor sie mit der Skandinavienfähre kollidiert war?

Horst-Egon Gabler lenkte die Befragung nun auf die Geschehnisse am Freitag, dem Tag, an dem Frau Michaelis ihren Mann zuletzt lebend gesehen hatte. Sie schilderte daraufhin ausführlich, wie nach einem gemeinsamen Frühstück jeder seine Vorbereitungen getroffen hatte. Er hatte freitags nur am Vormittag seine Praxis geöffnet und hatte angekündigt, danach zur Jacht zu fahren. Sie selbst hatte nach einem Lebensmitteleinkauf den Nachmittag auf dem Golfplatz in Hohwacht verbracht. Sie schilderte minutiös, wie sie das Wochenende verbracht hatte. Allein die Aufzählung entlockte Broders schon ein heimliches Gähnen.

Frau Michaelis hatte keinen Anruf von ihrem Mann erwartet, weil er sich angeblich nie meldete, wenn er auf dem Wasser war. Am Sonntagabend war Frau Michaelis relativ früh zu Bett gegangen, und so hatte die Wasserschutzpolizei sie spät abends wachgeklingelt, um sich nach ihrem Mann zu erkundigen und von der Havarie der Juvenile zu berichten.

In der Nacht von Sonntag auf Montag hatte sie noch gehofft, dass ihr Mann lebend geborgen werden würde oder sich alles als schrecklicher Irrtum herausstellte.

Richtig klar geworden sei ihr das alles erst, als seine Arzthelferin vormittags anrief und aufgeregt anfragte, wann ihr Chef denn endlich aufkreuzen würde, sie hätte das Wartezimmer voller Patienten sitzen.

»Wissen Sie, das war das Alarmsignal. Seine Patienten hat Holger nie vernachlässigt. Erst von diesem Zeitpunkt an war ich mir sicher, dass etwas Schreckliches passiert sein musste!«

Was für ein Armutszeugnis sie damit ihrer Partnerschaft ausstellt, scheint ihr nicht einmal bewusst zu sein, dachte Broders mit einer gewissen Befriedigung. Es waren diese angeblichen Vorbildfamilien, deren Enttarnung ihm manchmal direkt Vergnügen bereitete.

Viele seiner Kollegen und Freunde sahen mitleidig auf sein Privatleben herab. Es erschien ihnen wohl armselig, dass er dauerhaft allein und ohne Partner lebte, regelmäßig einmal in der Woche seine Mutter besuchte und sogar Weihnachten und Ostern mit ihr verbrachte. Aber war das hier nicht viel armseliger? Was nach außen wie eine Partnerschaft aussah, war in Wirklichkeit wohl eher eine Zweckgemeinschaft, in der jeder der beiden Michaelis seine eigenen Wege ging. Sie wussten kaum, wo sich der andere jeweils befand, und es schien sie auch nicht sonderlich interessiert zu haben.

Der Anruf am Dienstagvormittag kam völlig unerwartet. Während Pia in ihrer Wohnung die Wände ihres Schlafzimmers mit frischer weißer Farbe versah, rief eine Erzieherin aus Clarissas Kindergarten an und bat sie darum, ihre Nichte unverzüglich abzuholen.

»Was ist denn los? Ist ihr etwas passiert, hatte Clarissa einen Unfall?«, fragte Pia und fand, dass es langsam genug der Hiobsbotschaften sei. Marlene war immer noch verschwunden. Ihre Mutter war frisch operiert, Tom steckte bis zum Hals in Arbeit und sie selbst zwischen Farbeimern, Folien, Pinseln und einem halb fertig gestrichenen Schlafzimmer.

»Nicht direkt«, kam die sinnfreie Antwort, »wir haben mit farbiger Tinte gearbeitet, und Clarissa ist eines der Tintenfässchen umgekippt. Die Farbe hat ihr Kleid ruiniert und … na ja, wir haben sie natürlich umgezogen und versucht, sie zu trösten, aber Clarissa ist wie von Sinnen. Sie lässt sich nicht beruhigen, und da dachte ich, es ist besser, ihren Vater zu unterrichten.«

»Und? Haben Sie meinen Bruder denn nicht erreicht?«

»Doch, doch. Er ist leider unabkömmlich und hat uns gebeten, Ihnen Bescheid zu sagen.«

»Ach so. Also schön, Sie können Clarissa ausrichten, dass ich gleich da sein werde.«

»Da wird sie sich bestimmt freuen. Bis gleich dann.«

Im Hintergrund war lautes Gebrüll zu vernehmen. War das ihre Nichte? Clarissa musste wirklich sehr verwirrt sein von der Situation zu Hause, wenn ein Fleck auf ihrem Kleid sie so aus der Fassung brachte.

Beunruhigt schlüpfte Pia aus dem Overall, den sie zum Anstreichen getragen hatte, und stieg in ihre Jeans. Die weißen Farbspritzer im Haar und auf ihren Turnschuhen ignorierte sie fürs Erste.

Als Pia im Kindergarten ankam, schien Clarissa sich schon einigermaßen gefangen zu haben. Sie saß mit baumelnden Beinen auf einer Krankenliege im Zimmer der Kindergarten-Leiterin. Das Mädchen hatte einen zerknautschten Stoffhasen im Arm, und ihre Augen waren vom Weinen rot und verquollen.

Pia, die sich eigentlich für abgebrüht und unmütterlich hielt, rührte der Anblick und weckte bisher unbekannte Beschützerinstinkte. Sie schloss das Mädchen in den Arm und strich ihr über das zerzauste Haar.

»He, Clarissa! Hast du Lust, mit mir mitzukommen? Ich könnte Hilfe beim Malen gebrauchen.«

»Seit ein paar Minuten ist sie wieder ganz gefasst«, unterrichtete sie die Erzieherin, mit der sie telefoniert hatte, »aber so einen Anfall habe ich noch nie bei ihr erlebt. Sie sah den Fleck, starrte darauf und schrie und schrie … Wir haben anfangs überhaupt keinen Zugang zu ihr gefunden. Erst als ich sie umgezogen und das Kleid in die Tüte gepackt hatte, wurde es allmählich besser. Trotzdem sollte Clarissa jetzt nach Hause in ihre gewohnte Umgebung und sich ein wenig ausruhen.«

Pia nickte und ließ Clarissa auf ihre Füße gleiten.

»Ist das schon mal passiert, dass sie so extrem auf etwas reagiert hat?«, fragte Pia.

»Nein, eigentlich nicht. Es liegt wohl daran, dass ihre Mutter und auch ihre Oma zurzeit nicht da sind. Dass beide zur gleichen Zeit wegmussten, ist für Clarissa schwer zu verkraften. Aber ihre Schwägerin wird ja bald wieder da sein …?«

Pia überging den fragenden Unterton dieser Aussage. Was sollte sie sagen? Sie wusste nicht einmal, was Tom im Kindergarten über Marlenes Verbleib erzählt hatte. Sie griff nach der Plastiktüte mit Clarissas fleckigem Kleid. Als das Mädchen das sah, zupfte sie Pia am Ärmel.

»Was ist denn, Clarissa?«

»Lass das hier. Ich will das nicht mehr.«

»Wir werden es waschen, dann ist der Fleck weg, ganz bestimmt.«

»Nein. Ich will nicht! Das sieht schlecht aus …« Sie fing wieder an zu zittern und zu schluchzen. Die Erzieherin blickte besorgt drein, und Pia brachte die Tüte aus Clarissas Sichtweite.

»Ich werde nicht schlau daraus. Was hat sie bloß mit diesem Fleck? Ist ihre Mutter sehr streng mit ihren Sachen? Kinder sollten doch unempfindliche Sachen tragen und sich auch mal schmutzig machen dürfen.«

Insgeheim stimmte Pia ihr zu. Clarissa sah wirklich fast immer aus wie aus dem Ei gepellt. Marlene musste viel Zeit für die Auswahl und die Pflege ihrer Garderobe aufwenden. Das Kind hatte einen größeren Kleiderschrank als sie selbst.

»Komm, Clarissa, wir gucken mal, was wir beide heute zusammen anstellen können. Auf Wiedersehen, und vielen Dank, dass Sie angerufen haben …«

Während Clarissa auf dem Weg zum Parkplatz fröhlich neben ihr herhüpfte, fragte sich Pia, was es mit diesem »Anfall« wirklich auf sich hatte. War ein harmloser Fleck auf einem Kleid tatsächlich der Auslöser gewesen?

6. Kapitel

Nachdem sie nach dem verfrühten Abstecher in den Kindergarten ihren Schwung eingebüßt hatte, konnte sich Pia nicht mehr dazu durchringen, wieder in ihre Wohnung zu fahren, um zu streichen. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, wie sie Clarissa in eine Arbeit, die ihr selbst nicht sonderlich viel Spaß machte, mit einbeziehen sollte.

So fuhr sie mit ihrer Nichte in Toms und Marlenes Wohnung, zu der ihr Bruder ihr am Abend zuvor fast widerstrebend einen Schlüssel überlassen hatte. Pia versuchte, aus den inzwischen arg dezimierten Vorräten im Kühlschrank ein Mittagessen zu zaubern. Nach Absprache mit ihrem Bruder startete sie danach zu einem Lebensmittel-Großeinkauf, der sie und das Kind immerhin zwei Stunden beschäftigte. Und während Clarissa sich danach erschöpft in ihrem Zimmer verkrümelte, füllte Pia die Waschmaschine und versuchte, sich sonst irgendwie nützlich zu machen.

Obwohl Marlene erst seit kurzer Zeit vermisst wurde, schien die Wohnung schon der Verwahrlosung anheimzufallen. Allein die Wäscheberge, die aus dem Wäschekorb quollen, sprachen eine deutliche Sprache.

Pia holte das Kleidchen, das Clarissa im Kindergarten getragen hatte, aus der Plastiktüte und besah sich den Fleck, der das Mädchen so aus der Fassung gebracht hatte.

Es war ein weißgrundiges Kleid mit pastellfarbenen Streublümchen darauf, das Oberteil gesmokt und mit einem kleinen, gerundeten Kragen. Entweder hatte Clarissa es am Morgen selbst ausgewählt, oder Tom hatte überhaupt keine Ahnung, wie er seine Adoptivtochter kleiden sollte. Dieses Kleid, das Clarissa heute im Kindergarten angehabt hatte, war sicherlich eine Art Festtagskleidchen. Clarissas übrige Kleidung war auch sehr hübsch und sah teuer aus, aber es waren Hosen, Pullis und Trägerkleidchen aus strapazierfähigen Stoffen und in kräftigen Farbtönen. Pia breitete das Kleid auf der Waschmaschine aus und betrachtete den Farbfleck.

Sie war überrascht und wusste im ersten Moment gar nicht so recht, wieso. Der Fleck befand sich vorn auf dem Rockteil des Kleides, war in etwa so groß wie ihre Hand und scharf abgesetzt. Form und Kontrast des Fleckes erinnerten Pia spontan an einen Rorschach-Test. Die Farbe war ein tiefes Dunkelblau. Etwas beschämt gestand sich Pia ein, dass es die Farbe des Fleckes war, die sie überraschte.

Warum nur hatte sie erwartet, dass der Fleck rot sein würde. Ein dunkles, kräftiges Rot, wie sie es schon häufig hatte ansehen müssen?

»Ich werde langsam paranoid«, murmelte sie ärgerlich und stopfte das Kleid in die Trommel der Waschmaschine. Je eher sie das Kleid wusch, desto eher würde der Fleck sich wohl noch entfernen lassen.

War es wirklich so bemerkenswert, dass Clarissa schockiert gewesen war, als sie den Fleck entdeckt hatte?

Vielleicht war dies ihr Lieblingskleid, und Marlene hatte sie des Öfteren ermahnt, vorsichtig damit zu sein. Wenn sie berücksichtigte, dass Clarissa sich sowieso in einer angespannten Situation befand, war es vielleicht sogar verständlich, wenn sie bei so einem Missgeschick einmal überreagierte.

Als Pia an der geöffneten Tür zu Clarissas Kinderzimmer vorüberging, konnte sie sich davon überzeugen, dass das Mädchen nun völlig ruhig und selbstvergessen mit seinen Legosteinen spielte. Im Hintergrund spulte eine Kassette fröhlich klingende Weihnachtslieder ab. Pia griff sich kurz entschlossen den Staubsauger, um nicht weiter über blaue und rote Flecken und deren mögliche Bedeutung nachdenken zu müssen. Es würde noch ein paar Stunden dauern, bis Tom nach Hause kam. Draußen nieselte es, und der Himmel sah kaugummigrau aus. Sie musste irgendetwas tun.

Pia arbeitete sich mit dem Staubsauger vom Flur aus durch jedes Zimmer der geräumigen Wohnung und zögerte erst, als sie vor der Tür von Marlenes und Toms Arbeitszimmer stand. Es war ein gefangener Raum, den man nur durch das Schlafzimmer betreten konnte, was ihn noch intimer und privater machte. Andererseits war es erst kurz nach fünf, und sie hatte den Staubsauger einmal in der Hand …

Sie stieß die Tür auf und sah hinein. Das Arbeitszimmer war nicht sehr groß, aber es hatte an der gegenüberliegenden Wand zwei Fenster, und vor jedem stand ein Schreibtisch. Der schwarze Tisch mit der dünnen Staubschicht darauf sah nach ihrem Bruder aus. Er hatte ihn bereits in seinem letzten Zimmer im Elternhaus besessen. Neben dem Schreibtisch befanden sich Pia ebenfalls vertraut aussehende Rollcontainer. Sie passten überhaupt nicht zu dem alten Dielenschrank auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers, in dem wohl Marlene ihre Akten und Ordner aufbewahrte.

Marlenes Schreibtisch war aus Glas mit einem verchromten Gestell darunter und einer eleganten Leuchte darauf. Er war mit etlichen Zetteln und Mappen bedeckt. Ein Kaffeebecher stand auf einem Stapel Papier, an seinem Rand konnte Pia Abdrücke von Marlenes Lippenstift erkennen.

Ein Spurenträger mit glatter Oberfläche, auf dem sich Fingerspuren und vielleicht auch Speichelreste sicherstellen lassen, schoss es Pia durch den Kopf. Leicht beschämt gestand sie sich ein, dass sie das Stück am liebsten sofort in einer Plastiktüte gesichert hätte.

Das ist ja krank, schalt sie sich selbst, beschloss aber, nichts auf dem Schreibtisch auch nur anzurühren. Sie wollte den Raum gerade verlassen, als ihr Blick auf einen aufgeschlagenen Terminkalender auf Marlenes Schreibtisch fiel. Pia konnte nicht umhin, die geöffnete Seite zu betrachten …

Es war ein Wochenkalender, und die vergangene Woche lag aufgeschlagen da. Für den vergangenen Freitag hatte Marlene mit Kugelschreiber ihr Vorhaben notiert. »Corinna CH«, stand dort, »Abflug 16.20 h Hamburg-Fuhlsbüttel«.

Das war der Flug, den Tom für sie nach Zürich gebucht hatte. Marlene hatte auch ihren geplanten Rückflugtermin am Sonntag vermerkt. Warum nur war sie nicht wie geplant wieder in Hamburg eingetroffen? Und wo war sie überhaupt hin verschwunden, wenn nicht zu ihrer Freundin?

Pia beschloss, diese Freundin selbst anzurufen. Tom musste ja ihre Telefonnummer haben. Was konnte vorgefallen sein, dass Marlene ihre Pläne, diese Corinna übers Wochenende zu besuchen, geändert hatte?

Sie blätterte den Terminkalender um eine Seite zurück. In der vorangegangenen Woche hatte Marlene nicht viel notiert. Am Dienstag war sie nach Feierabend beim Frisör gewesen. Pia notierte sich die Telefonnummer und den Namen, die Marlene in der Spalte eingetragen hatte. Frisöre wussten manchmal mehr als Ehepartner …

Dann stand dort noch »Moritz Geb.« oben in der Spalte des Donnerstags. Ein Moritz, der am Donnerstag Geburtstag hatte? Mehr war nicht im Kalender vermerkt. Soweit Pia es wusste, hatte Marlene ganz normal gearbeitet und sich nach Feierabend um ihre Tochter gekümmert. Normalerweise holte Marlenes Mutter, Inge Brinkmann, Clarissa vom Kindergarten ab und betreute sie nachmittags, bis Marlene Zeit hatte. Pia konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Schwägerin planmäßig fernblieb, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem ihre Mutter im Urlaub war und sich nicht um ihre Tochter kümmern konnte.

Das Ganze war ein verdammtes Rätsel, und Pia befürchtete, dass weder Tom noch ihr die Lösung dieses Rätsels sonderlich gefallen würde.

»Wir dürfen hier nicht rein«, vernahm sie plötzlich Clarissas Stimme und zuckte zusammen.

»Ich habe nur ein bisschen gesaugt, Clarissa. Da haben Mama und Papa nichts dagegen.«

»Ich soll hier nicht rein. Nur wenn jemand von ihnen dabei ist …«, betonte das Kind noch einmal, und seine Fußspitzen standen exakt vor dem Übergang, wo der cremefarbene Teppichboden des Schlafzimmers an das Buche-Laminat des Arbeitszimmers grenzte.

»Ich bin hier jetzt fertig«, sagte Pia und zog den Stecker des Staubsaugers aus der Steckdose.

»Wann kommt Mami endlich wieder?«, fragte Clarissa, während sie jeden ihrer Handgriffe genau beobachtete. Es war die Frage, auf die Pia schon die ganze Zeit gewartet hatte. Eine gute Antwort darauf war ihr aber noch nicht eingefallen.

»Wir wissen es nicht so genau. Sie hat sich von ihrem Besuch verspätet, aber ich bin mir sicher, dass sie bald wieder da ist.« Kam das der Wahrheit nahe?

»Ich will, dass sie jetzt da ist. Kann ich sie anrufen?«

»Ihr Handy scheint kaputt zu sein, Clarissa. Aber bis deine Mutter wieder zu Hause ist, bin ich für dich da.«

»Ich will aber, dass sie jetzt da ist …«, kam es in klagendem Tonfall. Clarissa fing an zu weinen, sodass Pia sie auf den Arm nahm und in die Küche trug. Sie fühlte sich machtlos, und ihr Unverständnis gegenüber Marlene wuchs.

Eine Weile standen sie so da, und Pia streichelte Clarissas Rücken. Allmählich wurde das Kind ruhiger, das Schluchzen seltener. Plötzlich hob die Kleine den Kopf.

»Ich finde dich eigentlich nett«, sagte Clarissa unvermittelt.

»Ich dich auch«, antwortete Pia leicht überrascht.

»Mama mag dich nicht so gern«, vertraute ihr das Mädchen mit gedämpfter Stimme an.

»So, das ist aber schade. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns noch nicht so gut kennen gelernt haben.«

Clarissa schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein. Sie sagt, du willst immer Recht haben. Stimmt es, dass du ein Polizist bist?«

»Ja, das bin ich. Ich habe nur gerade Urlaub.«

»Und deshalb kannst du dich um mich kümmern«, bestätigte die Kleine befriedigt. Pia ließ es dabei bewenden. Heimlich wurmte es sie, dass Marlene so frei heraus vor dem Kind verkündet hatte, sie möge ihre Schwägerin nicht. Sie kannten sich doch so gut wie gar nicht. Und aufgrund welcher Vorkommnisse kam sie zu der Behauptung, Pia wolle immer Recht haben? Recht haben in Bezug auf was überhaupt?

Sie fand Marlenes Urteil frech und ziemlich voreingenommen. Immerhin hatte ihr Bruder Tom sie geheiratet und ihre Tochter adoptiert. Verpflichtete das nicht zu ein bisschen familiärer Loyalität. Was tat sie denn schließlich hier?

Andererseits, was interessierte sie Marlenes Meinung? Und was sagte so eine aus dem Zusammenhang gerissene Bemerkung überhaupt aus? Außerdem, so gestand sie sich reumütig ein, hatte sie Marlene ja auch fast von Anfang an nicht sonderlich gemocht.

»Guten Tag, Pia Korittki hier. Spreche ich mit Corinna Charnin?«

»Am Apparat. Worum geht es denn?«

Eine melodische weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung stimmte Pia Korittki optimistisch für ihr Vorhaben.

»Ich bin Marlene Liebigs Schwägerin. Frau Charnin, mein Bruder, Tom Liebig, hatte ja bereits mit Ihnen gesprochen …«

»Ja was denn, ist die Marlene immer noch nicht wieder aufgetaucht?«, unterbrach Corinna Charnin aufgebracht.

»Nein. Ist sie nicht. Und wir haben überhaupt keinen Anhaltspunkt, wo sie sich befindet oder wo sie überhaupt hin wollte, außer der Verabredung mit Ihnen.«

»Oh, verdammter Mist! Ich dachte, weil ihr Mann nicht noch mal angerufen hat, alles wäre wieder in Ordnung gekommen. Aber nun …«

»Frau Charnin. Wir brauchen Ihre Hilfe. Wir gehen zurzeit davon aus, dass Marlene das Flugzeug nach Zürich bestiegen hat. Von da an verliert sich ihre Spur. Wissen Sie, was sie statt des Besuches bei Ihnen sonst noch vorgehabt haben könnte?«

Pia hörte förmlich, wie es im Gehirn ihrer Gesprächspartnerin arbeitete. Vor ihrem inneren Auge sah sie eine schöne junge Frau vor dem Hintergrund eines Alpenpanoramas, und sie musste über ihre Vorstellung lächeln. Das Schweigen dauerte einen Moment zu lange.

»Frau Charnin. Das ist jetzt keine Frage von Loyalität und Frauenfreundschaft mehr. Wir machen uns ernsthaft Sorgen um Marlene. Egal, was Sie wissen oder vermuten, Sie sollten es jetzt sagen.«

»Ja, Sie haben Recht. Ich bin froh, dass ich das mit Ihnen besprechen kann und nicht mit Marlenes Mann. Marlenes Besuch bei mir war schon seit zwei Monaten ungefähr geplant. Ich glaube, wir hatten um Ostern herum miteinander telefoniert und es festgelegt. Marlene rief mich vorletzte Woche am Freitag an und sagte, ihr sei etwas dazwischengekommen. Sie sagte nichts Näheres dazu, aber ich hatte den Eindruck, es ginge um einen Mann. Jedenfalls bat sie mich, Tom, falls ich zufällig mit ihm sprechen sollte, nichts von der Änderung ihrer Pläne zu sagen. Das war mir, ehrlich gesagt, gar nicht recht. Freundschaft hin oder her, aber ich fühlte mich missbraucht und reagierte wohl auch ziemlich unterkühlt. Ich wollte erst einmal keinen neuen Termin mit ihr ausmachen. Marlene rief später sogar noch einmal an und bat mich, falls Tom sich während des Wochenendes bei mir in Zürich melden sollte, zu sagen, sie sei in der Stadt oder so, und ihr Bescheid zu geben, damit sie sich vom Handy aus bei ihm melden könne. Ich fand das so dreist, dass ich Marlene nur kurz angebunden mitteilte, dass ich mir nun für das Wochenende etwas anderes vorgenommen hätte und gar nicht zu Hause sein würde. Damit gab sie sich dann auch zufrieden. Ich war Samstag und Sonntag bei meinen Eltern in Bern und kam erst Sonntagabend zurück. Als Tom abends anrief, war ich selbst gerade erst eine Stunde wieder zu Hause.«

Pia musste das soeben Erfahrene überdenken. Marlene hatte ihre Pläne also schon vor gut einer Woche geändert, ohne Tom etwas davon zu sagen. Aber was hatte sie stattdessen vorgehabt. Hatte sie den Flieger nach Zürich überhaupt bestiegen?

»Hat Marlene irgendwann einmal erwähnt, wer dieser andere Mann sein könnte. Seinen Namen oder wo sie ihn kennen gelernt hat?«

»Nein, mir gegenüber nicht. Es hörte sich so an, aber das ist nur ein ganz subjektiver Eindruck, als kenne sie den Mann schon länger … länger als Tom, meine ich.«

»War Marlene schon öfters bei Ihnen in Zürich. Wissen Sie, ob sie andere Freunde oder Bekannte in der Schweiz hat?«

»Nein, ich glaube nicht. Ich wohne ja selbst erst seit zwei Jahren hier. Wissen Sie, was ich eher glaube?«

»Nein.«

»Sie ist gar nicht nach Zürich gekommen. Ich weiß nicht, ob sie etwas in der Richtung angedeutet hat oder ob es nur so ein Eindruck von mir ist, aber ich glaube, sie ist nicht hier angekommen.«

»Können Sie sich an den konkreten Wortlaut erinnern? Was hat Marlene zu Ihnen gesagt, als es um ihre veränderten Pläne ging?«

»Oh je. Ich war so wütend, dass ich nicht so genau zugehört habe. Irgendetwas wie: Verzeih mir, aber es ist unheimlich wichtig für mich. Meine Familie kommt an erster Stelle, deshalb geht es nicht anders. Das muss ich ihm klarmachen … so in der Art. Und: Ich melde mich bei dir, wenn wieder alles im Lot ist. Ich habe gute Neuigkeiten, sei mir nicht böse … und so weiter. Sie hat versucht, mich um den Finger zu wickeln, aber enttäuscht war ich trotzdem.«

»Ihre Familie komme an erster Stelle, das müsse sie jemandem klarmachen? Nur wem?«

»Ich weiß es auch nicht. Wenn Sie es erwähnt hat, dann ist es mir entfallen.«

»Sie haben mir trotzdem sehr geholfen, Frau Charnin. Tut mir leid, dass Sie mit in diese unerfreuliche Angelegenheit hineingezogen werden. Falls Sie in nächster Zeit etwas von Marlene hören, könnten Sie mich dann kurzfristig anrufen?«

»Ja, natürlich. Wer kümmert sich denn um das Kind. Marlenes Mutter, wie immer?«

»Die ist in den Urlaub geflogen. Aber wir kriegen das ganz gut hin. Ich habe gerade etwas Zeit.«

»Da bin ich aber froh. Die arme Kleine …«

Frau Charnin ließ sich von Pia noch ihre Mobilnummer diktieren, dann beendeten die Frauen das Gespräch.

Nachdem sie aufgelegt hatte, starrte Pia eine Weile düster auf ein krakeliges Kinderbild, das an der Pinnwand befestigt war. »Für Mama« stand in rotem Buntstift darüber. Es war ein Pferd mit einem grinsenden Katzenkopf oder auch eine Katze mit Pferdeschweif. Verdammt, wo war Marlene abgeblieben!

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