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Blaubeerzeit

Pia Engström

Blaubeerzeit

Das Herz von Småland

 

Das Hotel am einsamen See

 

Schicksalsstern über den Schären

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

PROLOG

Drei Umschläge waren dem Testament von Ingrid Södergren beigefügt. Auf jedem stand ein Name.

Mattias.

Lars.

Patrik.

Es waren die Namen von Ingrids Neffen, den Söhnen ihrer drei Brüder. Sie waren alle zwischen dreißig und siebenunddreißig Jahre alt, beruflich im Familienunternehmen erfolgreich, gut aussehend und als vermögende Junggesellen bei den Frauen begehrt. Doch eine eigene Familie hatte bisher keiner von ihnen gegründet.

Sehr zu Ingrids Leidwesen.

Die drei Jungs hatten das Herz am rechten Fleck, und sie wünschte ihnen alles Glück der Welt. Doch wie es schien, brauchten die drei ein wenig Nachhilfe, wenn es um ihr Liebesleben ging.

Ingrid hatte lange darüber nachgedacht, was sie für die Cousins tun konnte. Und war zu dem Schluss gekommen, dass es nur einen Weg gab: Sie musste die drei zu ihrem Glück zwingen.

Da sie wusste, dass sie wegen ihrer schweren Krankheit nur noch wenige Monate zu leben hatte, hatte sie ihren Notar aufgesucht und jene drei Schriftstücke aufsetzen lassen.

Eines stand fest: Mattias, Patrik und Lars würden nicht erfreut sein, wenn sie davon erfuhren. Ingrid konnte nur hoffen, dass sie schließlich einsehen würden, dass es nur zu ihrem Besten geschah.

Sie nahm den ersten der drei Briefe noch einmal zur Hand, ehe sie ihn in den Umschlag steckte.

Liebster Mattias,

wenn du dies hier liest, werde ich bereits in einer besseren Welt sein …

1. KAPITEL

Schattige, sattgrüne Wälder säumten die Straße zu beiden Seiten. Die Kronen der Buchen waren so üppig, dass sie ein Dach bildeten, durch das das rotgoldene Licht der Abenddämmerung schien.

„Sind wir bald da, Emma?“

Im Rückspiegel erhaschte Emma Pålsson einen Blick auf ihren kleinen Bruder Lucas, der zusammen mit seiner Zwillingsschwester hinten im Wagen saß. Die Stimme des Neunjährigen klang schläfrig, sein Kopf, den er gegen die Rückbank gelehnt hatte, ruckelte bei jeder Straßenunebenheit hin und her. Seine fünf Minuten jüngere Schwester Marie hatte den Kampf gegen die Müdigkeit bereits verloren. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Gesicht drückte diesen vollkommenen Frieden aus, den man nur im Schlaf erlangte. Den Kopf hatte sie gegen die Schulter ihres Bruders gelegt.

„Es ist nicht mehr weit“, antwortete Emma.

Zwar zeigte das Navigationsgerät des Leihwagens, den sie am Flughafen von Stockholm gemietet hatte, weil sie nicht wie vereinbart abgeholt worden waren, noch über fünfzig Kilometer an, doch im Vergleich zu der Reise, die bereits hinter ihnen lag, war dies kaum mehr als ein Katzensprung.

Vor über zehn Stunden waren sie in Pontevecchio, einem kleinen Dorf in Kalabrien, am Fuße der Apenninen, aufgebrochen. Jenem Ort, in dem die Zwillinge geboren und aufgewachsen waren und der in den vergangenen dreizehn ihrer insgesamt vierundzwanzig Jahre auch zu Emmas Heimat geworden war. Wo all ihre Freunde und Bekannten lebten.

Und wo ihre Eltern begraben waren.

Der Gedanke an Jasper und Ann-Katrin Pålsson trieb Emma die Tränen in die Augen, die sie hastig fortwischte. Jetzt war nicht der richtige Moment, um sich ihrer Trauer zu ergeben. Sie musste stark sein – den Kindern zuliebe.

Wenn es schon ihr schwerfiel, ihr Leben in Italien hinter sich zu lassen, wie musste es da erst Marie und Lucas gehen? Wenigstens waren die beiden zweisprachig erzogen worden, sodass zumindest die Verständigung kein Problem darstellte. Dennoch würde es für die Zwillinge eine große Umstellung werden, schließlich kannten sie Schweden nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und ihrer älteren Schwester.

Eine fremde Umgebung, fremde Menschen, ein neues Haus, eine neue Schule … Emma hätte sich gewünscht, die beiden alldem nicht aussetzen zu müssen. Doch hatte sie eine andere Wahl? Auf lange Sicht war es die einzig richtige Entscheidung gewesen, ihre Zelte in Pontevecchio abzubrechen – das zumindest hoffte sie.

Aber ein leiser Zweifel blieb, denn immerhin hatte sie ihren sicheren Job in der Bäckerei aufgegeben, und Schweden war für sie kaum mehr als eine ferne Erinnerung. Und es war auch nicht sonderlich beruhigend, dass man offensichtlich vergessen hatte, sie vom Flughafen abzuholen. Schließlich hatte sie mit ihrem Entschluss, mit den Kindern nach Schweden zu gehen, alles auf eine Karte gesetzt. Wenn jetzt irgendetwas schiefging …

Es darf ganz einfach nichts schiefgehen! Und das wird es auch nicht – wenn du endlich damit aufhörst, den Teufel an die Wand zu malen!

Unwillkürlich musste sie wieder an jenen verhängnisvollen Anruf denken, der ihr Leben vor etwas mehr als drei Monaten mit einem Schlag auf den Kopf gestellt hatte. Es war schon sehr spät gewesen – kurz vor Mitternacht –, als das Telefon klingelte. Emma erinnerte sich noch, wie überrascht sie gewesen war. Doch diese Überraschung war schnell in eisiges Entsetzen umgeschlagen, als ihr eine fremde Stimme am anderen Ende der Leitung verkündete, dass ihre Eltern bei einem Autounfall nahe Castrovillari ums Leben gekommen waren.

Tot. Einfach so.

Von einem Moment auf den anderen.

Und ebenso von einem Moment auf den anderen hatte Emma plötzlich die erdrückende Last der Verantwortung auf ihren Schultern gespürt.

Sie war gerade vierundzwanzig geworden und hatte sich mit der neuen Situation zunächst vollkommen überfordert gefühlt. Es den Zwillingen zu sagen, war eine der schwersten Aufgaben, die sie je zu erfüllen gehabt hatte. Und dann hatte sie sich auch um die Beerdigung ihrer Eltern kümmern müssen und um all den Papierkram und die Formalitäten.

Wie sie feststellen musste, hatten Jasper und Ann-Katrin ein finanzielles Desaster hinterlassen. Das Haus in Pontevecchio war nicht einmal zur Hälfte abgezahlt und bereits mit einer hohen Hypothek belastet, mit deren Rückzahlung sie schon über Monate im Rückstand gewesen waren. Mit der Bäckerei, die sie für eine ältere Dame im Ort führte, die selbst aus gesundheitlichen Gründen dazu nicht mehr in der Lage war, verdiente sie zwar nicht schlecht – aber bei Weitem nicht genug, um für die Schulden ihrer Eltern aufzukommen.

Doch die größte Schreckensbotschaft erwartete sie bei der Testamentseröffnung.

Noch immer konnte Emma kaum glauben, was sie dort erfahren hatte. Und doch stützten sich alle Entscheidungen, die sie in den vergangenen Wochen getroffen hatte, allein auf diese Nachricht.

War es ein Fehler gewesen, so impulsiv zu handeln? Was, wenn die Kinder und sie am Ende vom sprichwörtlichen Regen in die Traufe gerieten?

Hör auf! Jetzt ist es ohnehin zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Also Augen zu und durch!

Der Wald lichtete sich, und vor Emma lag das Panorama einer weiten, sanft abfallenden Landschaft aus Feldern und Wiesen. Ein munterer Bach zog sich wie ein silbernes Band durch das Tal. Er durchschnitt die kleine Ortschaft, die im Schoß der Talsohle lag und auf einer Seite von dichten Wäldern umgeben war, fast genau in zwei Hälften.

Källadal.

Emmas Herz begann heftig zu klopfen.

Sie war elf Jahre alt gewesen, als ihre Eltern sich entschlossen, Källadal zu verlassen und nach Kalabrien zu gehen. Damals war für Emma eine Welt zusammengebrochen. Sie hatte ihre Freunde zurücklassen müssen – all die Menschen, die bis zu diesem Tag wie selbstverständlich zu ihrem Leben dazugehört hatten. Heute wusste sie, dass Jasper und Ann-Katrin im kleinen Småland, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, niemals glücklich geworden wären. Mit ihrer unangepassten Art und dem heißblütigen Temperament passten sie einfach viel besser nach Italien als in das etwas unterkühlte Schweden.

Ganz im Gegensatz zu Emma, die überhaupt nicht nach ihren Eltern kam.

Seufzend bog sie von der Landstraße ab auf den Kungsvägen, der durch Källadal und auf einer alten Steinbrücke bei der alten Kirche über den Snabbvatten führte.

Dort in der Nähe hatte Emma früher mit ihrer Familie gewohnt, direkt am Ufer des Snabbvatten. Im Sommer, wenn sie bei offenem Fenster schlief, hatte sie das Gurgeln und Sprudeln des Baches in den Schlaf gewiegt.

Das Haus von Rolf Lindberg befand sich am anderen Ende des Ortes, in der Nähe der Sägemühle, in der fast alle Männer von Källadal arbeiteten. Emma erinnerte sich nur noch dunkel an ein riesiges, längliches Gebäude. Der ohrenbetäubende Lärm und die hektische Betriebsamkeit hingegen, die dort herrschten, hatten sich unauslöschlich in ihre kindliche Erinnerung eingebrannt.

„Ist es das?“

Maries Stimme riss Emma aus ihren Gedanken. „Ja“, erklärte sie lächelnd. „Das ist Källadal – unser neues Zuhause.“

Sie bemühte sich, ruhig und zuversichtlich zu klingen, dabei wuchs ihre innere Anspannung mit jedem Meter, den sie sich ihrem Ziel näherten. Sie verließ den Kungsvägen an einer Abzweigung und folgte einem schmalen, holprigen Privatweg, der in ein lichtes Birkenwäldchen führte. Kurze Zeit später erreichten sie ein hübsches, in zartem Lindgrün getünchtes Haus mit weißen Fensterrahmen und einer großen Veranda, auf der ein verwaister Schaukelstuhl im Wind vor und zurück wiegte.

Emma schluckte hart.

Das Björkahus.

„Sie haben Ihr Ziel erreicht“, zerriss die Computerstimme des Navigationsgeräts die Stille, und Emma lächelte humorlos.

Das Ziel ihrer Reise hatten sie erreicht, ja. Ob Källadal für sie aber auch die Endstation ihrer verzweifelten Odyssee war, würde sich sehr bald herausstellen.

„Förbannat!“

Schnell ließ Mattias die Gardine sinken und trat vom Fenster weg. Er hatte genug gesehen. Das Knirschen von Kies auf der Zufahrt hatte ihr Eintreffen bereits angekündigt, und nun wusste er es mit Sicherheit.

Emma Pålsson und die beiden Kinder …

Grimmig schüttelte er den Kopf. Er hatte gehofft, dass seine Nachricht sie wider Erwarten noch rechtzeitig erreichen und sie von der törichten Idee abbringen würde, nach Källadal zu kommen. Nun hatte er die drei am Hals und konnte zusehen, was er mit ihnen anfing.

Aber dass sie da sind, ändert nichts an den Tatsachen!

Es gab, weiß Gott, wichtigere Dinge, um die er sich zu kümmern hatte. Zum Beispiel das Erbe seiner kürzlich verstorbenen Tante Ingrid – und diese lächerliche Klausel, die darin vorkam …

Er ging zur Haustür. Seine Hand lag bereits auf dem Knauf, als er die Stimmen der Ankömmlinge vernahm und unwillkürlich innehielt. Das kleine Mädchen sagte etwas auf Italienisch. Mattias hatte schon immer eine Schwäche für diese Sprache gehabt, weil sie so melodisch klang, beinahe wie Musik.

„Wir sind jetzt in Schweden, Marie“, tadelte Emma Pålsson. „Und wir werden von jetzt an Schwedisch sprechen, Liebes. Dies hier ist unsere neue Heimat – je eher wir uns eingewöhnen, desto besser.“

Sie verhielt sich ganz so, wie Mattias es erwartet hatte. Beim Durchsehen von Rolfs Unterlagen war er auf einen kleinen Stapel Briefe gestoßen. Er hatte nur wenige Zeilen lesen müssen, um sie zu durchschauen, obwohl sie es geradezu meisterlich verstand, ihre wahren Absichten mit schönen Worten zu verschleiern. Pech für sie, dass Mattias Frauen wie sie mit verbundenen Augen erkannte. Noch einmal atmete er tief durch, dann setzte er eine neutrale Miene auf, öffnete die Tür und trat hinaus auf die Veranda.

Für den Bruchteil einer Sekunde war er wie erstarrt. Damit, dass sie so schön war, hatte er nicht gerechnet.

Sie stieg gerade die Stufen zur Veranda hinauf. An der rechten Hand hielt sie das kleine Mädchen, in der linken einen Koffer, der kaum groß genug war, die Habseligkeiten einer einzelnen Person zu fassen – geschweige denn die einer Frau in Begleitung von zwei Kindern.

Ihr langes Haar hatte die Farbe von reifem Weizen. Wie gesponnenes Gold fiel es über ihre schmalen Schultern. Unter ihrer eher unvorteilhaften Kleidung – sie trug eine verwaschene, formlose Jeans, dazu ein weites schwarzes Shirt und reichlich zerschlissene Sneakers – zeichneten sich deutlich ihre überaus weiblichen Formen ab. Unwillkürlich fragte Mattias sich, ob sie diese absichtlich verbarg oder ob sie sich ihrer Wirkung einfach nicht bewusst war.

Sie besaß ein leicht herzförmiges Gesicht mit einem Teint, der so blass war, dass er fast durchscheinend wirkte. Soweit Mattias es erkennen konnte, hatte sie auf Make-up verzichtet. Trotzdem fielen ihm sofort die vollen, fein geschwungenen Lippen auf sowie die langen Wimpern, die ihre in einem ungewöhnlich intensiven Blau leuchtenden Augen beschatteten.

Reiß dich zusammen, Mattias Södergren! Und lass dich um Himmels willen nicht von ihrem verlockenden Äußeren täuschen!

Es ärgerte ihn, dass er sich von ihr angezogen fühlte, obwohl er es gar nicht wollte.

„Hej“, begrüßte sie ihn, und ihr schüchternes Lächeln brachte sein Blut noch zusätzlich in Wallung. „Mein Name ist …“

„Du bist Emma Pålsson“, unterbrach er sie barsch und nickte. „Ich weiß.“

Fragend schaute sie ihn an. „Und wer …?“

Als er nicht sofort antwortete, stellte sie den Koffer auf den polierten Holzboden der Veranda. Dann zog sie den Jungen an ihre linke Seite und legte ihm in einer beschützenden Geste den Arm um die Schulter.

Es war das erste Mal, dass Mattias den Kleinen wirklich bewusst sah, und er blinzelte irritiert.

Unglaublich!

Für einen Moment war ihm, als würde er einer Miniaturausgabe von Rolf gegenüberstehen. Dieselben grünbraunen Augen, dasselbe haselnussbraune Haar. Er war seinem Vater wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten. An der Legitimität der Kinder konnte absolut kein Zweifel bestehen.

Was man von ihrer Begleiterin nicht behaupten kann!

„Mein Name ist Mattias Södergren“, erklärte er, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen – für seinen Geschmack hatte er ihr ohnehin bereits mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als sie verdiente. Stattdessen beugte er sich zu den Zwillingen hinunter, die ihn ängstlich und neugierig zugleich musterten. „Erinnerst du dich nicht mehr, Emma? Wir sind zusammen zur Schule gegangen.“ Er nickte. „Lucas, Marie – hjärtligt välkomna im Björkahus.“

Emma war nicht entgangen, dass seine Begrüßung ausschließlich den Kindern gegolten hatte. Ihr selbst vermittelte er keineswegs das Gefühl, willkommen zu sein. Aber was kümmerte sie das? Mattias Södergren war nicht der Mensch, auf den es ankam. Sie hatte die lange, strapaziöse Reise mit den Zwillingen nicht auf sich genommen, um ihn zu treffen, sondern seinen Stiefvater: Rolf Lindberg.

„Es war eigentlich vereinbart, dass dein Stiefvater uns vom Flughafen abholt“, sagte sie. „Würdest du mich bitte zu ihm bringen?“

„Wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte Rolf euch sicher abgeholt“, entgegnete Mattias knapp. „Und, nein, er ist … nicht zu sprechen.“

Irritiert schaute Emma ihn an. Sie verstand nicht, womit sie dieses herablassende Verhalten verdient hatte. Warum verhielt dieser Mann sich ihr gegenüber so unfreundlich?

Er hatte recht – sie hatten dieselbe Schule besucht. Obwohl Emma erst elf gewesen war, als ihre Familie Källadal verließ, glaubte sie, sich noch an Mattias zu erinnern. Vor ihrem inneren Auge sah sie das Gesicht eines sehr ernsthaften, gut aussehenden Jungen. Er war vier Klassen über ihr gewesen, daher hatten sie nichts miteinander zu tun gehabt. Sie wusste natürlich, dass er ein Södergren war – also ein Spross jener Familie, der das Sägewerk am Ortsrand gehörte. Doch das hatte Emma damals ebenso wenig bedeutet wie heute.

Nun, er sah noch immer verflixt gut aus – auf eine unglaublich männliche Art. Er trug Jeans und schwere Arbeitsstiefel, dazu ein kariertes Flanellhemd über einem schwarzen T-Shirt, unter dem sich deutlich seine von körperlicher Tätigkeit gestählten Muskeln abzeichneten. Sein Gesicht war kantig, wirkte aber trotzdem nicht grob. Und er besaß die eindrucksvollsten grünen Augen, die Emma je gesehen hatte. Sie erinnerten sie an den kleinen See in der Nähe von Pontevecchio, an dessen Ufer sie mit siebzehn zum ersten Mal von einem Jungen geküsst worden war.

Mit einem energischen Blinzeln verscheuchte sie diesen Erinnerungsblitz. Solche Gedanken waren angesichts ihrer Situation mehr als unangebracht. Sie räusperte sich. „Und wie soll es nun weitergehen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wie ich schon sagte: Die Kinder sind in diesem Haus herzlich willkommen – und was dich betrifft …“

Ehe er den Satz beenden konnte, kam eine ältere Frau aus dem Haus und trat zu ihnen auf die Veranda. Beim Anblick der Zwillinge stieß sie ein entzücktes Jauchzen aus. „Nej, wie schön! Ihr müsst Lucas und Marie sein“, rief sie. „Ich habe schon so viel von euch gehört, wisst ihr?“

„Wer sind Sie?“, wollte Emma wissen, da Mattias keine Anstalten machte, die Frau vorzustellen.

„Das ist Astrid, meine Haushälterin“, erklärte er. „Astrid, sei doch so lieb und zeige unseren Gästen ihre Unterkünfte.“

„Natürlich.“ Astrid strahlte. „Kommt, barnen, ich zeige euch das Haus. Es ist schon ziemlich alt und hat ein paar tolle Geheimverstecke. Ich bin sicher, dass es euch gefallen wird hier bei uns.“

Die Kinder schauten Emma fragend an, und erst als sie zustimmend nickte, folgten sie Astrid ins Haus. Doch Lucas und Marie war anzusehen, dass sie die freundliche Frau auf Anhieb mochten. Mit ihrer rundlichen Figur, den roten Wangen und dem von grauen Strähnen durchsetzten Haar, das sie zu einem losen Zopf im Nacken zusammengebunden trug, besaß sie eine ungemein mütterliche Ausstrahlung. Und vielleicht war es genau das, was die Zwillinge nach all den Schicksalsschlägen in der letzten Zeit brauchten.

Vergiss nicht den Schlag, der ihnen noch bevorsteht …

Sie atmete tief durch und wandte sich an Mattias, kaum dass Astrid mit Marie und Lucas im Schlepptau im Haus verschwunden war. Doch er ergriff das Wort, ehe sie etwas sagen konnte.

„Wie lange hast du vor, in Schweden zu bleiben?“

Verständnislos schaute Emma ihn an. „Wie bitte?“

Förlåt, aber was ist daran nicht zu verstehen? Ich wüsste gern, wie lange du deinen Aufenthalt hier bei uns auszudehnen gedenkst.“

„Mein Platz ist dort, wo die Zwillinge sind“, entgegnete Emma kühl. Sie konnte nicht fassen, wie unsensibel er war. Konnte er sich nicht vorstellen, wie schwer es für die Kinder sein musste, sich in einem ihnen vollkommen fremden Land zurechtzufinden? Erwartete er tatsächlich, dass Emma die Kleinen im Stich ließ? Sie war immerhin ihre Schwester – oder vielmehr ihre Halbschwester, aber an diese Bezeichnung konnte sie sich noch immer nicht so recht gewöhnen.

Er nickte, so als hätte er keine andere Antwort erwartet. „Das klingt nach einer recht praktischen Lösung für dich.“

Emma spürte, wie ihr Blut vor Wut zu kochen begann. Was bildete sich dieser unverschämte Kerl eigentlich ein? „Hör zu, ich weiß nicht, warum du glaubst, dir ein Urteil über mich erlauben zu können, aber ich versichere dir, dass mir ausschließlich das Wohl der Zwillinge am Herzen liegt.“ Sie machte eine kurze Pause und bemühte sich, ihren Zorn im Zaum zu halten. „Ich habe einiges aufgegeben, indem ich mich entschieden habe, mit den Kindern Italien zu verlassen.“

„Du hast mein vollstes Mitgefühl“, entgegnete er mit einer Stimme, die vor Sarkasmus troff.

Unglaublich, wie unfreundlich dieser Mann sich ihr gegenüber verhielt!

Die Strapazen des Tages zeigten Wirkung, und Emma spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Brüsk wandte sie sich ab, denn vor Mattias Södergren wollte sie sich auf keinen Fall eine Blöße geben. Also trat sie ohne ein weiteres Wort über die Türschwelle ins Innere des Hauses.

Emma folgte den aufgeregten Stimmen der Kinder ins Obergeschoss des Björkahus. Auf dem Treppenabsatz verharrte sie kurz, um sich zu sammeln. Das kurze Gespräch mit Mattias hatte sie mehr aufgewühlt, als sie es für möglich gehalten hatte. Aber das war angesichts der offenkundigen Feindseligkeit, mit der er ihr begegnete, im Grunde nicht sonderlich überraschend.

Was hatte sie verbrochen, dass sie eine solche Behandlung verdiente? Auch sie hatte Mutter und Vater verloren. Und dadurch, dass sie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernommen hatte, war die Beziehung zu ihrem Verlobten Adriano in die Brüche gegangen.

Hinzu kam, dass sie immer noch nicht recht wusste, wie sie Lucas und Marie die Wahrheit über ihre Herkunft erklären sollte. Sie konnte ja selbst noch immer nicht richtig begreifen, was sie bei der Eröffnung des Testaments ihrer Eltern erfahren hatte.

Sie atmete noch einmal tief durch, setzte ein, wie sie hoffte, fröhliches Lächeln auf und stieg die Treppe weiter hinauf.

Die Zwillinge begrüßten sie begeistert.

„Schau nur, Emma!“, rief Marie und nahm ihre rechte Hand, während ihr Bruder die linke ergriff. „Jeder von uns bekommt ein eigenes Zimmer. Meins ist am Ende des Flurs, und das von Lucas liegt direkt daneben. Und du, hat Astrid gesagt, sollst dieses hier bekommen.“

Als sie den Raum betrat, spürte Emma erneut, wie ihr die Tränen kamen. Normalerweise hatte sie nicht so nah am Wasser gebaut, doch im Moment hatte sie ihre Gefühle einfach nicht richtig im Griff. Möglichst unauffällig fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Augen.

Das Zimmer war so herrlich gemütlich eingerichtet, dass man sich einfach sofort zu Hause fühlen musste. Ein prächtiges Himmelbett stand mit dem Kopfende an der rechten Wand, während ein weiß getünchter, mit allerlei Zierwerk versehener Bauernschrank fast die gesamte gegenüberliegende Seite einnahm. Außerdem gab es eine Kommode mit zahllosen Schubläden, einen Tisch samt Stuhl und einen Spiegel mit kunstvoll geschnitztem Rahmen.

Auf den Holzbohlen des Fußbodens lag ein großer flauschiger Teppich, und die Wände waren mit Bildern dekoriert, die Birkenwälder im Abendlicht und die Schären an einem strahlenden Sommertag zeigten.

Durch die Butzenscheiben der Fenster konnte man in den Garten hinausblicken, dessen üppiger Blumenschmuck dem schwindenden Licht des Tages mit seiner Farbenpracht trotzte.

Unwillkürlich fühlte Emma sich an ihr Zimmer aus Kinderzeiten erinnert. Es war ganz ähnlich eingerichtet gewesen, von den spitzenbesetzten Gardinen bis hin zu der handgemachten Flickendecke, die auf dem Bett lag.

„Ist das nicht wunderschön?“, fragte Marie und hüpfte auf das Bett, wo sie sich lang ausstreckte. „Also, mir gefällt’s hier total gut! Ich kann mir vorstellen, hierzubleiben.“

Ich auch, dachte Emma versonnen. Ich auch. Doch sie hatte das Gefühl, dass es nicht so einfach werden würde. Mattias Södergren jedenfalls schien sich nicht vorgenommen zu haben, ihr den Start in ihr neues Leben in Schweden möglichst leicht zu machen. Ganz im Gegenteil. Es war offensichtlich, dass er keine besonders hohe Meinung von ihr hatte und sie lieber heute als morgen loswerden wollte.

„Aber wenn er glaubt, dass ich das so einfach zulassen werde, hat er sich geschnitten“, murmelte sie und merkte erst, dass sie ihren Gedanken laut ausgesprochen hatte, als Lucas sie fragend anschaute.

Erneut zwang sie ein Lächeln auf ihre Lippen. „Es ist nichts, tresoro mio. Ich habe nur laut gedacht. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Und? Gefällt dir dein Zimmer auch?“

Der Junge nickte eifrig. „Astrid sagt, dass zum Haus auch ein Hund gehört.“ Seine Augen leuchteten. „Ich wollte schon immer einen Hund, Emma. Schon immer!“

Wie aufs Stichwort erklang im nächsten Moment ein heiseres Bellen, und kurz darauf war das Trappeln von Pfoten auf der Treppe zu hören. Das Geräusch ließ Emmas innere Anspannung unwillkürlich ansteigen. Sie gab es nicht gern zu, aber große Hunde bereiteten ihr ein wenig Angst. Doch beim Anblick des Cockerspaniels, der im nächsten Augenblick schwanzwedelnd ins Zimmer stürmte und begeistert zwischen den Neuankömmlingen hin und her lief, beruhigte sie sich gleich wieder.

„Was bist du denn für ein süßer Kerl?“, fragte sie und beugte sich hinunter, um das karamellfarbene Fell des Tieres zu streicheln.

„Sein Name ist Moses“, erklärte Astrid, die mit einer Hundeleine in der Hand auftauchte. „Das war Mattias’ Idee, weil er ihn als Welpen in einem Korb am Ufer des Snabbvatten gefunden hat. Aber eigentlich nennen ihn alle Mo.“ Sie hob die Leine hoch. „Jetzt ist übrigens Zeit für Mos Abendspaziergang. Hat hier vielleicht jemand Lust, mich zu begleiten?“

Die Kinder waren sofort Feuer und Flamme.

„Dürfen wir?“, bettelte Marie. „Bitte, Emma! Bitte, bitte!“

„Klar dürft ihr“, entgegnete Emma lächelnd. „Aber nur, wenn ihr mir versprecht, dass ihr brav seid und schön auf das hört, was Astrid euch sagt.“

„Jaaa!“, erklang es im Duett.

„Kommen Sie erst einmal an“, sagte Astrid, „und richten Sie sich in Ruhe ein. Ich kümmere mich schon um die beiden.“

„Wird Ihnen das auch nicht zu viel?“

„Ach was.“ Astrid lachte. „Ich habe selbst zwei Enkel im selben Alter. Glauben Sie mir, ich weiß genau, worauf ich mich einlasse!“

Als sie allein war, ließ Emma sich seufzend auf den Rand der Matratze sinken. Ihr Blick schweifte noch einmal durch den Raum, der mit seiner vielleicht etwas altmodischen, aber ausnehmend hübschen Blümchentapete und den Butzenfenstern pure Behaglichkeit ausstrahlte. Trotzdem fühlte sie sich unwohl.

Bisher waren einfach noch zu viele Dinge ungeklärt. Sie musste mit Rolf Lindberg darüber sprechen, wie es mit ihr und den Kindern weitergehen sollte. Immerhin war er der leibliche Vater der Zwillinge – auch wenn er rein rechtlich gesehen weder die Verantwortung für noch irgendwelche Ansprüche an Marie und Lucas besaß, so bestand doch so etwas wie eine moralische Verpflichtung.

Zwar hatten sie dieses Thema in den wenigen Briefen, die sie vor ihrer Abreise aus Italien miteinander gewechselt hatten, schon mehrfach angerissen, doch Papier war geduldig … Hier ging es um die Zukunft der Zwillinge. Und um deine ebenfalls, schon vergessen?

Aber er hat uns eingeladen, sagte sie zu sich selbst. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Hastig schob sie alle störenden Gedanken beiseite, die ihr jedes Mal ein bohrendes Gefühl von Unsicherheit bereiteten. Denn im Gegensatz zu den Kindern gehörte sie nicht zur Familie …

Unwillkürlich musste sie wieder an den Tag der Testamentseröffnung zurückdenken. Jenen Tag, der ihr Leben mit einem Schlag zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit aus den Fugen hatte geraten lassen.

Emma hatte es bisher nicht übers Herz gebracht, den Zwillingen die Wahrheit über ihre Herkunft zu sagen. Vielleicht, weil sie selbst diese Wahrheit noch immer nicht wirklich akzeptieren konnte.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. Oh Mamma, wie konntest du nur?

Dass ihre Familie nicht unbedingt dem Klischee einer Bilderbuchfamilie entsprach, war Emma schon früh klar geworden. Ihre Eltern waren anders. Sie legten keinen Wert auf gutbürgerliche Statussymbole. Besitz und Geld waren ihnen gleichgültig. Sie hatten kein Auto gehabt wie andere Familien, keinen Fernseher oder gar einen Computer. Und bei der Kindererziehung hatte die einzige Regel darin bestanden, dass keine Regeln existierten.

Ihre Lebensweise mochte in vielerlei Hinsicht unkonventionell und unangepasst gewesen sein. Aber mit ihrer unerschütterlichen Liebe zu ihren Kindern und zueinander hatten sie für Emma stets ein leuchtendes Beispiel dargestellt. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass irgendetwas dieses Idealbild, das sie von ihren Eltern besaß, würde erschüttern können.

Und doch war es geschehen.

Denn Jasper Pålsson war nicht der leibliche Vater der Zwillinge. Lucas und Marie waren das Ergebnis eines Seitensprungs, zu dem es gekommen war, als Ann-Katrin zur Beerdigung ihrer Mutter nach Källadal gereist war. Das Leben, das sie alle in den vergangenen neun Jahren gelebt hatten, war im Grunde nichts weiter als eine Lüge gewesen. Eine fromme Lüge zwar, in die Welt gesetzt, um zwei unschuldige Kinder zu schützen, aber dennoch nichts anderes als das.

Eine Lüge.

Wie sollte Emma den Zwillingen beibringen, dass ihr Pappa in Wahrheit gar nicht ihr Vater und sie selbst nur ihre Halbschwester war? Waren ihre zarten Seelen nicht noch viel zu zerbrechlich, um eine solche Nachricht verarbeiten zu können?

Auf der anderen Seite wusste Emma aber auch, dass es immer schwieriger werden würde, je länger sie es herauszögerte. Und früher oder später würden sie die Wahrheit ohnehin erfahren. Es war nur eine Frage der Zeit, jetzt, wo sie in Källadal waren.

Im Haus ihres Vaters.

Emma unterdrückte ein Seufzen. Sie musste unbedingt mit Rolf Lindberg sprechen, bevor er und die Kinder zum ersten Mal aufeinandertrafen. Sie fragte sich, wo er sich wohl aufhalten mochte. Er hatte doch genau gewusst, dass sie heute ankommen würden. Warum hatte er sie nicht, wie besprochen, vom Flughafen abgeholt?

Sie wurde das Gefühl nicht los, dass Mattias ihr etwas Wichtiges verschwieg. Nicht nur, dass er sich ihr gegenüber reichlich abweisend verhielt – er war ihren Fragen nach seinem Stiefvater, dem zweiten Mann seiner Mutter, auch konsequent ausgewichen.

Warum?

Nun, das würde sie wohl nur dann erfahren, wenn sie ihn danach fragte!

Kurzentschlossen stand sie auf, straffte die Schultern und atmete noch einmal tief durch, ehe sie ihr Zimmer verließ und sich auf die Suche nach Mattias Södergren machte. Da sich im Obergeschoss anscheinend lediglich Schlafzimmer befanden, ging sie nach unten, klopfte an die erstbeste Tür und trat ein.

Bei dem Raum handelte es sich um eine Art Arbeitszimmer oder Büro. Vor der Fensterfront stand ein großer Schreibtisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop, ein Drucker, ein Telefon und mehrere Ablagekörbe standen. Eines der Fenster stand offen, und ein paar Papiere, die auf dem Tisch lagen, raschelten im Wind.

„Mattias?“

Sie erhielt keine Antwort, doch es gab eine weitere Tür, die zu einem angrenzenden Zimmer führte. Vielleicht war Mattias dort. Es sah jedenfalls so aus, als würde er jeden Moment zurückkehren, also beschloss Emma, hier auf ihn zu warten.

Um sich von ihrer Nervosität abzulenken, schaute sie sich weiter um. Das Arbeitszimmer war im selben Stil eingerichtet wie der Rest des Hauses, mit dem Unterschied, dass hier auf alles Überflüssige verzichtet worden war. Die Bilder, die an den Wänden hingen, zeigten ebenfalls regionale Motive, jedoch waren sie eher in ruhigen, gedeckten Farben gehalten.

Ein Windstoß bauschte die Gardine auf und wehte einige Blätter vom Schreibtisch. Emma eilte zum Fenster und schloss es. Dann sammelte sie die Unterlagen auf – und stutzte, als ihr Blick auf eines der Blätter fiel. Es handelte sich offenbar um einen ersten Entwurf für einen Nachruf. Rasch überflog sie die Zeilen und riss entsetzt die Augen auf, als sie erkannte, für wen er verfasst worden war:

… überraschend aus unserer Mitte gerissen wurde. Rolf Lindberg war ein Mann, den wir alle für seine Integrität und Loyalität geschätzt haben. Er war …

Emma hatte genug gelesen. Die Hand, in der sie das Blatt hielt, sank kraftlos herab. Das Papier entglitt ihren Fingern, die sich plötzlich ganz klamm und taub anfühlten.

Nein, das durfte nicht wahr sein! Es musste sich einfach um einen Irrtum handeln. Etwas, das …

„Was, zum Teufel, hast du in meinem Arbeitszimmer zu suchen?“

2. KAPITEL

Erschrocken zuckte Emma zusammen, als Mattias’ Stimme wie ein Donnergrollen hinter ihr erklang. Einen kurzen Moment lang fühlte sie sich ertappt, doch sogleich gewannen Wut und Entsetzen wieder die Oberhand, und sie wirbelte herum.

„Könntest du mir vielleicht erklären, was das hier zu bedeuten hat?“ Sie hielt ihm den Nachruf hin, sodass er erkennen konnte, um was es sich handelte.

Seine Miene blieb vollkommen ungerührt. Dieser Mann besaß wirklich Nerven wie Drahtseile! Doch das machte Emma, wenn überhaupt möglich, noch wütender.

„Findest du nicht, dass du mir eine Erklärung schuldest, Mattias?“ Energisch schüttelte sie den Kopf. „Er ist nicht zu sprechen, wie? Nun, wenn das hier wirklich der Wahrheit entspricht, dann finde ich dein Verhalten reichlich geschmacklos!“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja, es stimmt. Mein Stiefvater ist vor drei Tagen einem schweren Herzinfarkt erlegen. Unglücklicherweise hat er niemandem davon erzählt, dass er dich und die Kinder eingeladen hat, sodass ich erst davon erfahren habe, als ich gestern beim Durchsehen seiner Unterlagen deine Briefe entdeckt habe. Ich habe noch versucht, dich zu erreichen, aber es war bereits zu spät.“

„Deshalb hat uns also niemand vom Flughafen abgeholt“, folgerte Emma, schloss kurz die Augen und atmete tief durch. „Du wusstest nicht, wann und wo wir miteinander verabredet waren …“

Ihre Wut verpuffte ebenso schnell, wie sie gekommen war, und ein Gefühl unendlicher Müdigkeit trat an ihre Stelle.

Rolf Lindberg war tot.

Nun waren die Zwillinge wirklich Waisen.

Aber was bedeutete das für die Zukunft aller Beteiligten? Emma hatte alles riskiert, indem sie mit den Kindern Italien verlassen hatte. Alles, was sie besaßen, befand sich in dem Koffer und der Reisetasche, die noch im Kofferraum des Mietwagens lagen.

In Italien gab es nichts, wohin Emma, Marie und Lucas zurückkehren konnten – ganz davon abgesehen, dass ihre Geldmittel längst nicht mehr ausreichten, um eine Rückreise zu finanzieren.

Emma hatte darauf gehofft, dass Rolf Lindberg seiner moralischen Verpflichtung gerecht werden und für seine Kinder sorgen würde. Doch mit seinem Tod musste sie nun auch diese Hoffnung begraben.

Es war einfach niederschmetternd.

„Tut mir leid, dass du es so erfahren musstest“, sagte Mattias und holte Emma damit wieder ins Hier und Jetzt zurück.

„Spar dir die hohlen Floskeln“, entgegnete sie scharf. „Ich weiß, dass du mich nicht magst. Diesbezüglich hast du dich mehr als deutlich ausgedrückt. Aber Lucas und Marie sind immer noch Rolf Lindbergs leibliche Kinder – und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er gestorben ist.“

Es gefiel ihr nicht, gleich mit der Tür ins Haus fallen zu müssen. Andererseits war Mattias Södergren bislang auch nicht gerade besonders sanft mit ihr umgesprungen. Und außerdem ging es hier schließlich nicht nur um sie, sondern vor allem um das Wohl der Zwillinge. Emma musste wissen, woran sie war. „Als Inhaber des Södergren-Sägewerks war Rolf doch sicherlich sehr vermögend. Ich möchte gern schnellstmöglich feststellen lassen, wie hoch der Anteil der Kinder an seinem Erbe ausfallen wird. Sie haben doch geerbt, oder?“

„Nun, das kann man so nicht sagen.“

Ärgerlich begegnete Mattias ihrem fordernden Blick. Für einen kurzen Augenblick hätte er vorhin tatsächlich beinahe Mitgefühl für sie empfunden. Die Nachricht von Rolfs Tod hatte Emma anscheinend wirklich erschüttert – jedoch nur aus eigennützigen Gründen, wie sich nun herausstellte.

„Wie meinst du das?“ Sie runzelte die Stirn. „Als seine leiblichen Kinder werden sie doch sicher erbberechtigt sein.“

„Ich bin kein Jurist“, entgegnete Mattias kühl, „deshalb kann ich das nicht so ohne Weiteres beurteilen. Eines weiß ich allerdings mit Sicherheit: Rolf war zum Zeitpunkt seines Todes arm wie eine Kirchenmaus.“

Eigentlich hatte er vorgehabt, ihr diese Tatsache ein wenig schonender beizubringen. Doch nach ihrem Auftritt soeben war er nicht mehr unbedingt in der Stimmung, sanfter mit ihr umzuspringen als unbedingt notwendig. Sie war genau so, wie er vermutet hatte. Eine berechnende Person, die nur eines im Sinn hatte: Profit.

Im Grunde hatte er es von Anfang an geahnt. Schon als er ihre Briefe in Rolfs Nachttischschublade entdeckt hatte. Warum sonst sollte sie nach all den Jahren an seinen Stiefvater herantreten? Das konnte doch nur bedeuten, dass sie es auf Geld abgesehen hatte!

Sofort musste er an das mehr als unschöne Gespräch denken, das er am vergangenen Abend mit seiner Mutter geführt hatte. Viola Södergren-Lindberg war nie eine besonders herzliche Person gewesen, doch als Mattias die Sprache auf Ann-Katrin Pålsson lenkte, hatte sie sich vor seinen Augen in einen Eisklotz verwandelt.

„Wage es nicht, in meiner Gegenwart je wieder den Namen dieser Person zu nennen“, waren ihre exakten Worte gewesen – wobei die Betonung der Worte „dieser Person“ mehr als deutlich machte, was sie von Emmas Mutter hielt.

Details hatte er ihr nicht entlocken können, und Mattias kannte seine Mutter zu gut, um sie diesbezüglich zu bedrängen. Früher oder später würde er erfahren, was sich zugetragen hatte – vermutlich eher früher als später.

„Aber …“ Irritiert schüttelte Emma den Kopf. „Hat ihm denn das Sägewerk nicht gehört?“

„Nej“, antwortete Mattias. „Es stimmt, dass Rolf ein paar Jahre lang die Geschäfte geleitet hat – mehr schlecht als recht, wie ich hinzufügen möchte. Und als die Erträge sich unter seiner Führung rückläufig entwickelten, hat meine Mutter mich zu seinem Nachfolger ernannt. Das Unternehmen selbst ist stets in Familienhand geblieben.“

Das stimmte, auch wenn diese Tradition nun gefährdet war – und zwar ausgerechnet durch seine eigene Tante.

Der Gedanke an Ingrid ließ erneut den Ärger in ihm hochkochen. Er hatte die Schwester seines Vaters stets für eine vernünftige, nüchtern denkende Frau gehalten. Eigentlich passte es gar nicht zu ihr, dass sie ihm und seinen beiden Cousins Lars und Patrik nun posthum solche Schwierigkeiten bereitete.

Mit einer Testamentsklausel, die besagte, dass sie alle drei innerhalb eines Jahres vor den Traualtar treten mussten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, ein Viertel der Anteile am Familienunternehmen zu verlieren. Lächerlich!

Einen Moment lang schaute Emma ihn ungläubig an, dann wurde ihre Miene eisig. „Wenn das ein Versuch sein soll, Lucas und Marie um ihr Erbe zu betrügen …“

„Keineswegs“, entgegnete er kühl. „Es gibt schlicht und ergreifend kein Erbe, damit wirst du dich abfinden müssen. Wenn du mir nicht glaubst, können wir gern mit Rolfs Anwalt sprechen. Seine Kanzlei ist in Stockholm, aber ich muss sehr bald zu einem Treffen mit meinen Cousins dorthin – wenn du es wünschst, kannst du mich gerne begleiten.“ Als sie zögerte, schenkte er ihr ein herablassendes Lächeln. „Keine Sorge, die Kosten für Anfahrt und Unterkunft übernehme ich für dich.“

Sie blinzelte. „Warum solltest du das für mich tun?“

„Vielleicht einfach in der Hoffnung, dass sich diese Diskussion dann ein für alle Mal erledigt haben wird. Und jetzt …“ Er wies zur Tür. „Würdest du mich bitte entschuldigen? Ich habe zu arbeiten.“

Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, trat er hinter seinen Schreibtisch und setzte sich. Doch aus den Augenwinkeln verfolgte er, wie sie das Zimmer verließ. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und fuhr sich durchs Haar.

Diese Frau war wirklich unglaublich. Aber sie brauchte gar nicht zu denken, dass sie sich hier einfach so ins gemachte Nest setzen konnte. Nicht, solange er diesbezüglich noch ein Wörtchen mitzureden hatte!

Eine Stunde später saß Emma am Fenster ihres Zimmers und wusste nicht, ob sie wütend, traurig, entsetzt oder schockiert sein sollte. So vieles war innerhalb der letzten Stunden auf sie eingestürmt. Viel mehr, als sie in so kurzer Zeit wirklich verarbeiten konnte.

Rolf Lindberg war tot – und wenn sie Mattias’ Aussage Glauben schenken durfte, dann war er mehr oder minder mittellos gestorben. Die Kinder und sie standen also weiterhin vor dem Nichts, so wie vor ihrer Abreise nach Schweden.

Sie spürte, dass ihr die Tränen übers Gesicht rannen, und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen. Das war so schrecklich unfair! Sie hatte doch nur alles richtig machen wollen. Die Zwillinge sollten eine unbeschwerte Kindheit erleben können, unbelastet von den Sorgen und Problemen der Erwachsenen. War das denn wirklich zu viel verlangt?

Aber vielleicht hat Mattias ja gelogen, versuchte sie, sich selbst zu beruhigen. Dass er dich nicht mag, hat er ja ziemlich deutlich durchblicken lassen. Womöglich wollte er dir nur einen Schrecken einjagen!

Doch so recht daran glauben konnte Emma nicht. Hätte er sie sonst so freimütig eingeladen, ihn nach Stockholm zu begleiten, wo sie mit Rolf Lindbergs Anwalt sprechen konnte?

Wohl kaum …

Gedankenverloren beobachtete sie, wie die Sonne am Horizont versank und den Himmel in ein feuriges Rot tauchte, als ihr Handy klingelte, das sie auf dem Nachttisch abgelegt hatte.

Sie erkannte die Nummer auf dem Display sofort, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen.

Adriano …

Emma schluckte schwer, während ihr Daumen zögernd über der Rufannahme-Taste verharrte. Es war Tage her, dass sie zuletzt mit ihrem Verlobten gesprochen hatte.

Meinem Exverlobten, korrigierte sie sich sofort und drückte den Anruf weg. Mit ihm zu sprechen, war nun wirklich das Letzte, was sie im Augenblick wollte. Ihr Leben war auch ohne Adrianos ständige Vorwürfe und seine Missbilligung ihres Handelns im Moment schon kompliziert genug.

Doch es vergingen keine sechzig Sekunden, bis eine Kurznachricht einging, die Emma ebenfalls ignorierte. Sie wusste auch so, was er wollte. Bei ihrem letzten Treffen hatte er ihr die Pistole auf die Brust gesetzt: er oder die Kinder. Wie hatte er auch nur eine Sekunde lang glauben können, dass sie Lucas und Marie im Stich lassen würde? Sie hatte die Konsequenzen gezogen und sich von ihm getrennt.

Mit einem lauten frustrierten Seufzen warf sie das Handy aufs Bett und barg das Gesicht in den Händen. Wie sollte es denn jetzt nur weitergehen?

Einmal mehr fragte sie sich, ob es ein Fehler gewesen war, so überstürzt nach Schweden abzureisen. Aber sie hatte ja keine Wahl gehabt. Ihre Eltern hatten ihr nur Schulden hinterlassen, und allein war sie kaum in der Lage, für die Zwillinge zu sorgen. Allein, ohne Adrianos Hilfe …

Emma dachte an die mahnenden Worte ihrer Freunde und Bekannten in Pontevecchio, die sie allesamt davor gewarnt hatten, einfach so der Einladung eines im Grunde wildfremden Menschen zu folgen. Wie es schien, sollten sie tatsächlich recht behalten.

Sie stand auf und holte aus der Handtasche ihr Portemonnaie, in dem sich alles Geld befand, das sie noch besaß. Das Ergebnis des Kassensturzes war mehr als ernüchternd. Ihr Barvermögen reichte allenfalls, um die Rechnung für den Mietwagen zu bezahlen – und selbst das nur, wenn sie ihn in den nächsten Tagen wieder zur Autovermietung zurückbrachte.

Im Nebenraum konnte sie Lucas und Marie hören, die miteinander spielten und lachten. Schweden hatte für die Kinder und sie ein Neuanfang werden sollen. Alles, was sie noch besaß, befand sich in dem Koffer, der ungeöffnet neben dem Bett stand. Wenn sie jetzt gehen mussten, dann wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte.

Sie betrat das angrenzende Badezimmer, drehte den Wasserhahn auf und ließ sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Das Gesicht, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, war bleich. Hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sie sah aus wie ein Schatten ihrer selbst. Aber war das verwunderlich angesichts der verfahrenen Situation, in der sie sich befand?

Doch schon im nächsten Moment ballte sie die Hände zu Fäusten. Was war bloß mit ihr los? Sie ließ sich doch sonst nicht so leicht entmutigen. Sie war eine Kämpferin! Und sie würde auch diesmal wieder kämpfen – schon allein um der Kinder willen.

Wenn sie gezwungen waren, nach Italien zurückzukehren, würde man ihr die Zwillinge wegnehmen. Sie hatte zwar ihr Einkommen aus der Bäckerei – aber das reichte vorne und hinten nicht, um sich auf Dauer über Wasser zu halten. Nicht wenn es darum ging, drei Personen zu ernähren und gleichzeitig die Schulden ihrer Eltern abzubezahlen.

Dass Adriano nicht bereit war, zwei kleine Kinder mit durchzufüttern, hatte er ihr ja mehr als deutlich zu verstehen gegeben. In der Konsequenz würden Lucas und Marie bei Pflegefamilien untergebracht werden – womöglich sogar getrennt voneinander …

Rolf Lindberg hatte sich in seinen Briefen bereit erklärt, für den Unterhalt der Zwillinge aufzukommen. Und Emma hatte er angeboten, dass sie vorerst alle zusammen bei ihm wohnen konnten. Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie über kurz oder lang einen Job und eine eigene Wohnung für sich und die Kinder suchen musste. Doch zumindest für den Anfang wären sie allesamt versorgt gewesen.

Die Welt um sie herum verschwamm, und Emma merkte, dass ihr wieder Tränen übers Gesicht liefen. Ungeduldig wischte sie sie weg, fing etwas Wasser mit der hohlen Hand auf und wusch sich damit; dann atmete sie tief durch und glättete ihr Haar mit den Fingern.

Seit ihrer Ankunft hatte sie sich vom Strom der Ereignisse davontragen lassen, ohne selbst aktiv zu werden. Damit musste jetzt Schluss sein. Sie durfte sich nicht länger von Mattias Södergren herumschubsen lassen!

Mit gestrafften Schultern und hocherhobenen Hauptes trat sie kurz darauf auf den nur schwach beleuchteten Korridor hinaus. Sie konnte hören, dass die Zwillinge noch immer in einem der Zimmer miteinander spielten. Die beiden klangen so fröhlich, so ausgelassen, wie sie es schon sehr lange nicht mehr erlebt hatte. Und das, obwohl sie sich in einer völlig fremden Umgebung befanden.

Emma blieb nichts anderes übrig – sie musste herausfinden, ob sie recht daran getan hatte, Rolf Lindberg zu vertrauen. Sie konnte nur hoffen, dass er irgendwie für die Kinder vorgesorgt hatte, von deren Existenz er erst vor Kurzem erfahren hatte. Und der einzige Mensch, der ihr im Augenblick etwas zu diesem Thema sagen konnte, war Mattias.

Nach außen hin versuchte Emma, stark und entschlossen zu wirken, doch in Wahrheit fühlte sie sich hilflos und schwach. Das Herz flatterte ihr in der Brust wie ein kleiner Vogel, der seinem Käfig zu entkommen versuchte.

Reiß dich zusammen! ermahnte sie sich selbst. Du hast Mattias schon als Jungen gekannt – es gibt keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten.

Abgesehen davon, dass er die Entscheidung über dein Schicksal und das der Kinder in der Hand hat …

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“

Irgendwie schaffte Emma es, ein Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern, als sie Astrids Stimme hinter sich vernahm. Sie drehte sich um. „Ich würde gern noch einmal mit Mattias sprechen. Ist er in seinem Arbeitszimmer?“

„Es tut mir leid, aber er ist vor ein paar Minuten weggefahren und wird wohl erst spät in der Nacht zurückkehren. Eine dringende geschäftliche Angelegenheit.“ Sie musterte Emma forschend. „Stimmt etwas nicht?“

Emmas Lächeln fing an zu flackern. „Nej“, antwortete sie und blinzelte heftig, als sie spürte, dass sie erneut gegen die Tränen ankämpfen musste. „Überhaupt nichts ist in Ordnung. Aber das ist mein Problem, und ich muss allein damit fertig werden …“

Tröstend legte Astrid ihr eine Hand auf die Schulter. „Was halten Sie davon, wenn wir beide jetzt erst einmal eine schöne Tasse Kräutertee zusammen trinken?“ Sie zwinkerte Emma zu. „Meine Mutter pflegte zu sagen, dass nach einer Tasse Tee die Welt schon wieder ganz anders aussieht.“

Obwohl Emma nicht daran glaubte, dass sich ihre Probleme so einfach lösen ließen, nickte sie. „Sehr gerne.“

Wie der Rest des Hauses war die Küche hell, freundlich und behaglich eingerichtet. Ein Herd, auf den Astrid jetzt einen mit Wasser gefüllten Kessel stellte, ein Apothekerschrank mit zahlreichen Fächern und einer Anrichte. Das Herzstück des Raumes war ein großer Tisch, an dem gut und gerne ein Dutzend Menschen Platz fanden. Für einen kurzen Moment erschien vor Emmas innerem Auge das Bild einer glücklichen Familie. Erwachsene und Kinder, die gemeinsam aßen, lachten und redeten. Doch im Moment kam ihr das ganze Haus eher vor wie ein Mausoleum.

„Es ist schön, endlich einmal wieder ein bisschen Leben in diesen alten Mauern zu haben“, sagte Astrid, als habe sie Emmas Gedanken gelesen.

„Wohnt Mattias denn allein hier?“, hakte diese nach.

Die ältere Frau nickte. „Bis zu seinem Tod hat sein Stiefvater im Gartenhaus, dem früheren Dienstbotenquartier, gelebt. Nachdem dessen Frau schon ein paar Jahre zuvor in den Ort gezogen war. Die Ehe der beiden bestand wohl nur noch auf dem Papier.“

Der Kessel fing an zu pfeifen. Astrid nahm ihn vom Herd, holte zwei große Tassen aus einem der Hängeschränke, hängte Teebeutel hinein und übergoss sie mit kochendem Wasser. Dann wandte sie sich wieder Emma zu. „Wie ich hörte, war Rolf Lindberg der Vater von Marie und Lucas. Das Ergebnis eines Seitensprungs?“

Emma nickte. „Ja, das stimmt. Meine Mutter hatte wohl vor neun Jahren eine kurze Affäre mit ihm.“ Seufzend fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Hören Sie, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie den Zwillingen gegenüber nichts dergleichen erwähnen würden. Ich … Ich habe noch nicht den rechten Zeitpunkt gefunden, ihnen die Wahrheit zu sagen. Und offen gestanden weiß ich wirklich nicht, wie ich sie ihnen beibringen soll.“

Tröstend legte ihr Astrid eine Hand auf die Schulter. „Ich kann verstehen, dass Ihnen dieser Schritt schwerfällt. Aber Lucas und Marie haben ein Recht darauf, zu erfahren, wo sie herkommen.“

„Das stimmt natürlich“, entgegnete Emma mit einem traurigen Lächeln. „Wenn ich doch nur die richtigen Worte dafür finden könnte …“

Sie wusste, dass sie den Augenblick der Wahrheit nicht mehr ewig hinauszögern konnte. Eigentlich hatte sie schon viel zu lange gewartet. Und zumindest in einem Punkt war sie sich absolut sicher: Die Kinder sollten es von ihr erfahren. Sie wollte nicht, dass sie es am Ende womöglich aus dem Munde eines vollkommen Fremden hörten.

„Glauben Sie mir, die richtigen Worte für eine solche Nachricht gibt es nicht. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder oft scheinbar mühelos in der Lage sind, mit Dingen umzugehen, die uns Erwachsene völlig überfordern.“

„Meinen Sie wirklich?“

Astrid nickte aufmunternd. „Ganz bestimmt. Und jetzt machen Sie sich deswegen nicht mehr allzu viele Gedanken. Kommen Sie erst einmal in Ruhe an – alles Weitere ergibt sich ganz von allein.“

Wie sehr wünschte Emma sich, davon ebenso überzeugt sein zu können. Doch sie war viel zu sehr Realistin, um die Augen vor den Tatsachen zu verschließen.

Als Mattias früh am nächsten Morgen nach Källadal zurückkehrte, ging gerade die Sonne über der Ortschaft auf. Das Wasser des Snabbvatten funkelte im Licht, von den umliegenden Wiesen stieg der Frühnebel auf.

Es kam durchaus ab und zu vor, dass Mattias sich nach der Großstadt mit ihrem Trubel und den vielen Menschen sehnte. Doch immer, wenn er Källadal verließ, wünschte er sich schon nach kürzester Zeit wieder hierher zurück. Soweit es ihn betraf, gab es auf der ganzen Welt keinen Ort, an dem es sich besser leben ließ.

Zumindest unter normalen Umständen.

Doch zurzeit waren die Umstände alles andere als normal. Und schuld daran war einzig und allein diese Frau.

Seufzend wischte er sich mit der Hand über die Stirn. Die geschäftliche Verabredung, die ihn gestern Abend so spät noch in die nächstgelegene größere Stadt geführt hatte, war nichts als ein Vorwand gewesen. Der lächerliche Versuch, einer Situation zu entkommen, in der er sich unbehaglich fühlte, der er letzten Endes aber doch nicht zu entfliehen vermochte.

Er wusste selbst nicht recht, woran es lag. Emma Pålsson war ganz offensichtlich eine geldgierige Person, die ihre angebliche Sorge für zwei unschuldige Kinder vorschob, um sich ein bequemes Leben zu machen. Er kannte Frauen wie sie, war ihnen schon zu häufig begegnet. Doch sie alle hatten bald einsehen müssen, dass die vermeintlich gute Partie bereits verheiratet war – und zwar mit ihrer Arbeit.

Eine feste Beziehung kam für ihn nicht infrage. Er hatte mit ansehen müssen, was das Zusammenleben aus seinen Eltern gemacht hatte. Gottfrid und Viola Södergren waren nicht unbedingt ein Aushängeschild für die Institution Ehe gewesen. Irgendwann im Laufe der Jahre musste sämtliche Zuneigung, die vielleicht einmal zwischen ihnen bestanden hatte, verloren gegangen sein. Bis zum Tod seines Vaters hatten die beiden alles getan, um sich gegenseitig wehzutun.

Für Mattias war die Ehe seiner Eltern eine überaus wirksame Abschreckung gewesen. Auch die Beziehung von Viola und ihrem zweiten Mann – Rolf Lindberg – war nicht sehr viel besser gelaufen. Umso mehr sträubte sich alles in Mattias gegen den Gedanken, selbst vor den Traualtar zu treten – doch genau das war es, was seine Tante in ihrem Testament von ihm und seinen Cousins verlangte.

Das war doch absurd!

Zwischen seiner Mutter und seinem Stiefvater hatte zuletzt eisige Funkstille geherrscht.

Also warum sollte sich Mattias so etwas freiwillig antun wollen? Manch einer mochte ihn für verschroben halten, aber eines war er ganz sicher nicht: verrückt.

Schon gar nicht so verrückt, sich zu einer Frau wie Emma Pålsson hingezogen zu fühlen.

Und warum kreisen deine Gedanken dann ständig um sie?

Verärgert brachte er die vorlaute innere Stimme zum Schweigen. Er fühlte sich keineswegs zu Emma hingezogen. Zugegeben – sie verstand es geradezu meisterhaft, den Beschützerinstinkt des Mannes zu wecken, mit den großen strahlend blauen Augen, die unter langen, dichten Wimpern hervorblickten. Doch er war nicht so dumm, auf diese Masche hereinzufallen.

Er nicht!

Oder?

Als er das Björkahus erreichte, blickte er sofort hinauf zum Obergeschoss – genauer gesagt zu dem Fenster, hinter dem sich ihr Zimmer befand.

Fängst du jetzt schon wieder an?

Wütend ballte er die Hände zu Fäusten. So ging das nicht weiter. Wenn er mit Emma unter einem Dach leben wollte, und sei es nur vorübergehend, dann musste er einen Weg finden, seine Hormone in den Griff zu bekommen.

Genau das war jedoch die Crux an der ganzen Geschichte – er wollte nicht mit ihr unter einem Dach leben. Wollte es ganz und gar nicht! Aber er konnte sie auch nicht einfach so vor die Tür setzen. Schon allein nicht wegen der Zwillinge. Lucas und Marie waren immerhin Rolfs Kinder, und damit gehörten sie irgendwie zur Familie.

Nun, was das anbetraf, würde seine Mutter ihm ganz bestimmt widersprechen. Sicher, die beiden waren ganz augenscheinlich das Produkt eines Seitensprungs ihres zweiten Ehemannes. Für Mattias machte das indes keinen Unterschied. Er war gut mit Rolf ausgekommen, und er würde seine Kinder nicht für das bestrafen, was ihr leiblicher Vater in seinem Leben falsch gemacht hatte. Darüber mochte Viola Södergren-Lindberg denken, was auch immer sie mochte.

Er hatte den vergangenen Abend und die Nacht bei Josefin Larssen verbracht, mit der er aktuell eine sehr lockere Affäre hatte. Josefin war frisch geschieden und hatte nicht das geringste Interesse daran, sich wieder auf eine feste Beziehung einzulassen. Damit war sie eine Frau ganz nach Mattias’ Geschmack. Er war schließlich auch nur ein Mann und hatte seine Bedürfnisse. Und normalerweise fühlte er sich nach einem Treffen mit Josefin immer sehr entspannt und locker.

Nicht so heute.

Sie hatte gleich bemerkt, dass er nicht recht bei der Sache war. „Warum hast du mich angerufen, wenn du mit den Gedanken ganz woanders bist?“, hatte sie schmollend gefragt und sich wieder angezogen.

Und er konnte sie ja verstehen. Das bedeutete allerdings nicht, dass er etwas daran ändern konnte. Es war ihm eigentlich nur während des gemeinsamen Abendessens für eine Weile gelungen, den Gedanken an Emma Pålsson zu verdrängen. Doch als sie dann in Josefins Wohnung ankamen …

Vermutlich wäre es besser, Emma irgendwo unterzubringen, wo er sie nicht ständig vor Augen hatte. Ihre weibliche Figur, das mädchenhafte Lächeln und …

Förbannat, du tust es ja schon wieder!

Er wünschte sich wirklich, er könnte sie loswerden. Für seinen Seelenfrieden war sie alles andere als förderlich. Doch er konnte es den Kindern nicht antun, sie von der einzigen Bezugsperson zu trennen, die sie auf der Welt noch besaßen.

Zumindest nicht so früh nach dem Tod ihrer Eltern.

Als er die Zufahrt zum Haus hinunterfuhr und dabei das Gartenhaus passierte, kam ihm plötzlich eine geniale Idee. Rolf hatte bis zu seinem Tod in dem Bungalow gewohnt, der früher als Dienstbotenquartier genutzt worden war. Jetzt stand er leer, und Mattias war bisher nicht dazu gekommen, sich Gedanken darüber zu machen, was damit geschehen sollte.

Nun war er froh darüber, denn das Gartenhaus stellte die ideale Lösung für all seine Probleme dar. Emma konnte dort einziehen und würde somit aus seinem direkten Blickfeld verschwinden. Gleichzeitig war sie aber immer noch nah genug, um für die Zwillinge da zu sein, wenn sie sie brauchten.

Mattias lächelte zufrieden.

3. KAPITEL

Emma war schon wach, als sie durch das geöffnete Fenster auf dem Kies der Einfahrt das Knirschen von Autoreifen hörte. Oder besser gesagt – sie hatte gar nicht erst richtig geschlafen.

Sie konnte einfach keine Ruhe finden, jetzt, wo sowohl ihre eigene als auch die Zukunft der Kinder auf dem Spiel stand. Die Verantwortung, die sie übernommen hatte, lastete schwer auf ihren Schultern. Doch sie wusste auch, dass es außer ihr niemanden gab, der sie übernehmen könnte. Und sie wollte es auch gar nicht. Was Lucas und Marie betraf, würde sie keine halben Sachen zulassen. Die beiden verließen sich auf sie, und sie würde ihr Vertrauen nicht enttäuschen.

Das hatten ihre Eltern bereits zur Genüge getan.

Emma trat ans Fenster und blickte hinaus. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Mattias aus seinem Wagen stieg. Die Erschöpfung, die sie nach einer so gut wie schlaflosen Nacht empfand, wich grenzenloser Wut, als sie das zufriedene Lächeln sah, das auf seinen Lippen lag.

Er sah aus, als könnte nichts seine gute Laune trüben.

Im Gegensatz zu dir scheint er ja eine ziemlich angenehme Nacht gehabt zu haben …

Rasch verdrängte sie den störenden Gedanken. Es ging sie überhaupt nichts an, wo und mit wem er sich die Nächte um die Ohren schlug. Und es interessierte sie auch überhaupt nicht. Dieser Mann mochte sich für Gottes Geschenk an die Weiblichkeit halten, doch im Grunde war er doch nichts weiter als ein unverschämter und unfreundlicher Macho.

Ein verflixt gut aussehender unverschämter und unfreundlicher Macho!

Emma unterdrückte einen Fluch. Es stimmte ja, er sah gut aus. Aber musste sie ihn deshalb anhimmeln wie ein pubertierender Teenager seinen Schwarm?

Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Eher sollte sie ihm die Augen auskratzen. Nach dem Empfang, den er ihr bereitet hatte …

Rasch schlüpfte sie in ihre Jeans und das Shirt, das sie gestern schon getragen hatte. Im Aufstehen zog sie noch schnell ihre Schuhe an, dann eilte sie aus dem Zimmer und die Treppe hinunter.

Auf der untersten Stufe geriet sie ins Stolpern – gerade in dem Moment, in dem Mattias zur Tür hineinkam.

„Hoppla!“, rief er, als sie ihm geradewegs in die Arme fiel.

Einen Moment lang stockte Emma der Atem. So nah war sie ihm bisher noch nicht gewesen. Ihr Herz hämmerte plötzlich wie verrückt, und als sie zu ihm aufschaute und ihre Blicke sich begegneten, spürte sie, wie ihre Knie schwach wurden.

„Du hast mich anscheinend sehr vermisst …“

Seine Worte ließen sie gleich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren.

Hastig machte sie sich von ihm los und stolperte einen Schritt zurück. „Was bildest du dir eigentlich ein?“ Wütend funkelte sie ihn an. „Aber trotzdem ist es gut, dass du da bist – ich wollte nämlich mit dir reden!“

Er hob eine Braue – eine Geste, die ihr Blut nur noch mehr in Wallung brachte. „Und was genau hast du auf dem Herzen?“

„Müssen wir das unbedingt zwischen Tür und Angel besprechen?“

Wieder wirkte seine Reaktion eher amüsiert. Verdammt, nahm er sie denn überhaupt nicht ernst? Doch schließlich nickte er. „Also schön, lass uns in die Küche gehen. Ich koche uns eine Tasse Kaffee, dann reden wir.“

Was war das jetzt wieder? Dass er sich plötzlich so zuvorkommend verhielt, irritierte sie. Zwar empfand sie sein Verhalten noch immer als anmaßend, und er schaffte es wie niemand sonst, sie auf die Palme zu bringen. Aber ganz offensichtlich hatte sich seine Laune seit ihrer Ankunft am Vortag deutlich gebessert. Was hatte das zu bedeuten?

Nichts Gutes, vermutete sie. Hinzu kam, dass es ihr deutlich leichter gefallen war, wütend auf ihn zu sein, als er noch den Unnahbaren gegeben hatte.

Sie folgte ihm in die Küche, wo er eine Blechdose mit Kaffeepulver aus dem Schrank holte. Nachdem er die Kaffeemaschine, die auf der Anrichte stand, mit Wasser und ein paar Löffeln des Pulvers befüllt hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Emma zu.

„Also?“, fragte er, wobei er sich mit den Ellbogen auf die Rückenlehne eines Stuhls stützte. Dabei sah er sie so intensiv an, dass sie froh war, sich bereits gesetzt zu haben und sich nicht auf die Standfestigkeit ihrer Beine verlassen zu müssen. „Was wolltest du mit mir besprechen?“

„Na, liegt das denn nicht auf der Hand?“ Herausfordernd sah sie ihn an.

Er erwiderte ihren Blick gleichmütig – und es war nicht der Duft des frisch aufgebrühten Kaffees, der ihr Herz unwillkürlich schneller klopfen ließ. „Würde ich fragen, wenn es so wäre?“

Seufzend fuhr sie sich durchs Haar. „Es geht um die Kinder. Ich möchte gern wissen, was du dir vorstellst, wie es weitergehen soll? Ich meine …“ Hilflos zuckte sie mit den Schultern. „Ich weiß es selbst nicht so genau.“

„Wie gut, dass ich mir zu diesem Thema bereits Gedanken gemacht habe“, entgegnete er.

Emma blinzelte überrascht. „Ach, tatsächlich?“

„Ja“, sagte er. „Und es wird dich sicher freuen zu hören, dass ich eine Lösung gefunden habe, mit der alle Parteien zufrieden sein dürften.“

Diese Bemerkung ließ Emma argwöhnisch werden. „Und wie genau soll diese Lösung aussehen?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich werde auf keinen Fall ohne die Kinder von hier fortgehen“, stellte sie energisch klar. „Solltest du also vorhaben, uns voneinander zu trennen, kannst du …“

Sie verstummte, als er beschwichtigend die Hände hob. „Du hältst mich wohl für einen ausgemachten Schuft, wie? Glaubst du wirklich, dass ich den Zwillingen so etwas antun würde?“

Überrascht schaute sie ihn an, bevor sie beschämt den Blick senkte. Wenn sie ehrlich war, gab es nicht viel, was sie ihm nicht zugetraut hätte.

„Genau so hast du schon früher immer geguckt, wenn dich auf dem Schulhof einer der älteren Jungs angesprochen hat“, sagte er plötzlich – und ein Lächeln entspannte seine Gesichtszüge.

„Mir war nicht klar, dass du mich überhaupt jemals bemerkt hast.“ Verwundert schüttelte Emma den Kopf. „Ich war doch bloß das schüchterne kleine Mädchen, das niemand beachtet hat. Du hingegen, als Sportstar der Schule …“

„Ich war ein schlaksiger, hochgeschossener Junge, der mit sich selbst ebenso wenig im Reinen war wie mit dem Rest der Welt. Der Sport war das Einzige, was mich meine Unzulänglichkeiten eine Weile lang vergessen ließ. Darin war ich gut, während mich alles andere hoffnungslos überforderte.“

Mit einem solchen Geständnis hatte Emma nun wirklich nicht gerechnet. Und es erstaunte sie mehr, als sie in Worte fassen konnte. Für sie war er immer der erfolgreiche Athlet gewesen, für den alle Mädchen schwärmten und den die anderen Jungs beneideten. Dass auch er sein Päckchen zu tragen gehabt hatte, überraschte sie wirklich.

Doch ihre gemeinsame Vergangenheit war jetzt nicht das Thema, mit dem sie sich zu beschäftigen hatte. Wahrlich nicht!

Sie räusperte sich angestrengt. „Was genau hast du dir denn für mich einfallen lassen?“, fragte sie.

„Das Gartenhaus“, erwiderte er lapidar.

„Das Gartenhaus?“ Sie runzelte die Stirn, bis ihr einfiel, dass Astrid davon erzählt hatte. „Du meinst das Haus, in dem Rolf Lindberg bis … bis vor Kurzem gewohnt hat?“

Mattias nickte. „Könntest du dir vorstellen, dort einzuziehen? Du wärst ganz in der Nähe der Kinder, würdest aber in gewisser Weise ein bisschen von deiner Eigenständigkeit bewahren. Was hältst du davon?“

Nachdenklich kaute Emma auf ihrer Unterlippe und suchte nach einem Haar in der Suppe, doch sie fand keines. Es schien tatsächlich eine ideale Lösung für sie alle zu sein. Mit ihren neun Jahren waren die Zwillinge alt genug, dass sie nicht unbedingt ständig um sie herum sein musste. Außerdem würde sie sich ohnehin bald einen Job suchen müssen und hätte dann nicht mehr so viel Zeit für sie.

Und wenn sie ehrlich war, gefiel ihr die Aussicht auf ein bisschen Privatsphäre. Davon war ihr nach dem Tod ihrer Eltern nicht mehr viel geblieben.

Kurz musste sie wieder an Adriano denken – doch sie merkte, dass es nicht mehr so wehtat. Und es machte sie auch nicht mehr so wütend. Drei Jahre waren sie ein Paar gewesen und hatten heiraten wollen. Hätte ihr noch vor ein paar Monaten jemand gesagt, dass es so zu Ende gehen würde …

„Nun?“ Erwartungsvoll schaute Mattias sie an. „Wie entscheidest du dich?“

Plötzlich gewann der Argwohn wieder die Oberhand. „Du willst mich loswerden“, stellte sie fest.

Mattias runzelte die Stirn. „Du leidest wirklich unter Verfolgungswahn, weißt du das? Was ist eigentlich dein Problem? Du hast doch, wenn ich es richtig verstanden habe, das Sorgerecht für deine Geschwister – ich könnte dir die Zwillinge also gar nicht wegnehmen, selbst wenn ich es wollte. Was nicht der Fall ist, wie ich noch einmal betonen möchte.“ Er schüttelte den Kopf. „Du erwartest, dass ich mich vernünftig mit dir über deine Zukunft und die der Kinder hier in Källadal unterhalte – aber wie soll ich das, wenn du hinter jedem meiner Vorschläge immer nur einen Versuch vermutest, dir schaden zu wollen?“

„Verwundert dich das wirklich?“ Ärgerlich funkelte sie ihn an. „Du hast mich nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen, schon vergessen?“

„Entschuldige bitte, aber was hast du erwartet? Ich …“ Er verstummte, als die Kaffeemaschine sich meldete, drehte sich um und goss das dampfende tiefschwarze Getränk in zwei große Becher. Einen davon reichte er Emma. „Sieh mal, die Zwillinge sind jetzt neun Jahre alt. Soll ich es nicht merkwürdig finden, dass du ausgerechnet jetzt mit ihnen hier auftauchst?“

Emma war empört. „Was willst du damit andeuten? Eines sage ich dir: Hätte ich gewusst, dass Rolf Lindberg gestorben ist, wäre ich ganz bestimmt nicht Hals über Kopf mit den Kindern nach Schweden gereist.“

„Gar nichts will ich andeuten.“ Mattias zuckte mit den Schultern. „Aber du wärst nicht die erste Person, die versucht, aus einer solchen Situation Profit zu schlagen. Immerhin bist du ja anscheinend davon ausgegangen, dass Rolf ein wohlhabender Mann war.“

„Und ich bin, ehrlich gesagt, auch noch immer nicht wirklich davon überzeugt, dass er es nicht war“, konterte sie verärgert.

Er schaute sie über den Rand seiner Tasse hinweg an. „Nun, was das betrifft, kannst du dich gern auf unserer gemeinsamen Fahrt nach Stockholm davon überzeugen.“

Sie runzelte die Stirn. „Also schön, ich nehme dich beim Wort. Wann können wir los?“

Zwei Stunden später war Emma gerade dabei, ihren Koffer wieder zu packen, als ihr Handy klingelte. Es war ihre Freundin Claudia, daheim in Pontevecchio. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen fiel Emma ein, dass sie vergessen hatte, sich wie versprochen gleich nach ihrer Ankunft bei ihr zu melden.

Sie ließ die Bluse, die sie gerade in der Hand hielt, aufs Bett fallen und nahm das Telefon vom Nachttisch. „Claudia, es tut mir leid! Hier ging es so drunter und drüber, dass ich nicht daran gedacht habe, dich anzurufen.“

Ihre Freundin lachte leise. „Warum überrascht mich das bloß nicht? Verzeih, aber Organisation war noch nie deine Stärke. Aber lassen wir das – wie geht es dir?“

Emma zögerte. Was sollte sie erwidern? Sollte sie ihre Freundin anlügen oder konnte sie ihr die Wahrheit anvertrauen?

„Dein Schweigen spricht Bände“, sagte Claudia, bevor sie sich entschieden hatte. „Es geht um einen Mann, oder?“

„Was?“, stieß Emma völlig überrascht hervor. „Du spinnst ja!“

„Sieht er gut aus?“

„Hör auf mit dem Blödsinn!“ Sie runzelte ärgerlich die Stirn. „Du weißt genau, was hier für die Kinder und mich auf dem Spiel steht. Es ist nicht besonders nett von dir, dass du dich über mich lustig machst!“

„Das tu ich doch gar nicht“, verteidigte Claudia sich. „Aber ich kenne dich nun einmal, Emma. Um mir etwas vorzumachen, musst du dich schon ein bisschen mehr anstrengen. Also? Wer ist es?“

Nur mühsam unterdrückte Emma ein Seufzen – es wäre einfach zu verräterisch gewesen. Doch im Grunde war ihr klar, dass Claudia sie ohnehin nicht davonkommen lassen würde. Es stimmte, sie kannte sie einfach viel zu gut.

„Na schön“, lenkte sie schließlich ein. „Es gibt tatsächlich einen Mann. Sein Name ist Mattias Södergren, und er war, als ich noch hier zur Schule gegangen bin, ein paar Klassen über mir.“

„Wie aufregend! Und er sieht gut aus, ja?“

„Mag schon sein – aber ehrlich gesagt, ist das im Augenblick eher nebensächlich. Er will mich loswerden, Claudia, und er führt irgendetwas im Schilde, davon bin ich überzeugt.“

„Aber wie sollte er? Ihr seid doch zu Gast bei dem Vater der Zwillinge, oder nicht? Er wird ja wohl kaum zulassen, dass dieser Mattias euch Scherereien macht.“

„Vermutlich würde er das nicht – wenn er noch am Leben wäre.“

„Was?“ Nun schienen Claudia tatsächlich einmal die Worte zu fehlen. „Dio!“, stieß sie entsetzt hervor. „Oh, Emma, das darf doch nicht wahr sein, es tut mir so leid. Wie soll es denn jetzt weitergehen?“

Emma wünschte, dass sie auf diese Frage eine passende Antwort parat hätte – doch von einer Lösung ihres Problems war sie noch weit entfernt.

Mattias’ Angebot, sie erst mal im Gartenhaus unterzubringen, klang erst mal nicht schlecht. Aber war es für ihn am Ende nur ein Mittel zum Zweck, um sie nicht ständig um sich zu haben? Sie konnte sich dessen nicht sicher sein – und das machte sie schier verrückt.

Sie schüttete Claudia noch ein paar Minuten lang ihr Herz aus, dann versprach sie ihrer Freundin, sich bald wieder bei ihr zu melden, ehe sie das Gespräch beendete und sich wieder ihrem Koffer zuwandte.

Als es an der Tür klopfte, schrak sie zusammen. „Bist du so weit?“, erklang Mattias’ Stimme vom Korridor her.

Warum nur reichte allein der Klang seiner Stimme aus, um ihr wohlige Schauer über den Rücken rieseln zu lassen? Sie wollte das nicht! Es machte die Dinge nur noch komplizierter, als sie es ohnehin bereits waren. Und zusätzliche Komplikationen waren das Allerletzte, was sie im Augenblick gebrauchen konnte.

„Ja“, antwortete sie hastig. „Ich komme sofort.“

Einen Moment lang hörte sie nichts, dann sagte er: „Gut, ich warte unten im Wagen auf dich. Aber beeil dich bitte, okay?“

Als sich seine Schritte wieder entfernten, atmete Emma erleichtert auf. Ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, mit ihm nach Stockholm zu fahren? Die Kinder gewöhnten sich gerade erst ein. Vielleicht brauchten sie ihre große Schwester jetzt und …

Unsinn! Hör auf, die Zwillinge vorzuschieben! Du hast doch bloß Angst, dass du deine Hormone nicht länger unter Kontrolle halten kannst, wenn du mit ihm allein bist!

Dummerweise musste sie sich eingestehen, dass dies nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt war. Dieser Mann brachte ihr inneres Gleichgewicht aus der Balance. In seiner Nähe konnte sie einfach nicht klar denken. Wie sollte sie es ohne einen kühlen Kopf bloß schaffen, ihm Paroli zu bieten?

Jetzt war es auf jeden Fall zu spät, noch einen Rückzieher zu machen. Außerdem wollte sie unbedingt mit Rolf Lindbergs Anwalt sprechen. Vielleicht würde sich aus diesem Gespräch ein Weg ergeben, wie sie sich und die Kinder über Wasser halten konnte, ohne auf Mattias’ Unterstützung angewiesen zu sein. Für den Augenblick mochte ihr nichts anderes übrig bleiben, als sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Doch sie wollte so schnell wie möglich wieder auf eigenen Füßen stehen.

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