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Blaubeerzeit: Schicksalsstern über den Schären

PROLOG

Ingrid Södergren lächelte versonnen, als sie den Umschlag mit ihrem Testament und drei kleineren Briefkuverts ihrem Anwalt übergab.

„Und Sie sind sich wirklich sicher, dass es eine gute Idee ist, dem Glück ihrer Neffen ausgerechnet auf diese Weise auf die Sprünge helfen zu wollen?“, fragte dieser skeptisch.

Natürlich wusste Ingrid, dass es ein sehr drastischer Weg war, den zu beschreiten sie sich entschlossen hatte. Doch sie wusste einfach keine andere Lösung, um ihren drei Jungs endlich die Augen zu öffnen.

Die Art und Weise, wie sie ihr Leben lebten, konnte auf Dauer nur ins Unglück führen. Firma und Beruf waren nicht alles. Es gab noch andere wichtige Dinge, die Patrik, Mattias und Lars aber zu Ingrids Leidwesen konsequent ignorierten.

Sie hatte lange versucht, mit mahnenden Worten und Vernunft auf die drei einzuwirken – erfolglos. Nun blieb ihr keine Zeit mehr, weiter so zu verfahren.

Die Ärzte gaben ihr nur noch wenige Monate.

Aber wie sollte sie in Frieden gehen, solange sie nicht alles unternommen hatte, um ihre Jungs endlich auf den rechten Weg zu führen?

Die drei sollten endlich ihr Glück finden. Und wenn sie mit ihrer kleinen List dazu beitragen konnte, dann wollte sie es tun.

Ihre Neffen würden Augen machen, wenn sie erfuhren, welche Klausel sie ihrem Testament hinzugefügt hatte.

Vor allem Patrik, der Älteste …

1. KAPITEL

Es regnete in Strömen.

Die Scheibenwischer des silbernen Volvos arbeiteten auf Hochtouren. Dennoch schafften sie es kaum, der Wassermassen Herr zu werden, die vom Himmel herabstürzten. Obwohl es gerade einmal kurz nach drei war, also mitten am Tag, herrschte nur trübes Dämmerlicht. Die bedrohliche schwarze Wolkendecke hing so tief, dass sie die Wipfel der Buchen, die die Straße säumten, fast zu berühren schienen.

Lena Öberg kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, doch sie nahm die Welt außerhalb des Wagens nur als verschwommenes Zerrbild wahr. Sie hielt das Lenkrad so fest umklammert, dass die Knöchel ihrer Finger weiß hervortraten. Und jedes Mal, wenn ein Blitz vom Himmel zuckte und die Landschaft um sie herum für den Bruchteil einer Sekunde in gleißende Helligkeit tauchte, schrak Lena zusammen.

Sie hasste Gewitter.

Sie hasste es, bei diesem Wetter hier draußen unterwegs zu sein.

Nein, sie hasste es, überhaupt hier sein zu müssen!

Schweden …

Es war Jahre her, seit sie zum letzten Mal ihre Heimat besucht hatte. Hier ganz in der Nähe, in der kleinen Stadt Mölleby, war sie aufgewachsen. Und als sie dieser vor neun Jahren, mit gerade einmal achtzehn, den Rücken gekehrt hatte, da war es für immer gewesen.

So zumindest der Plan.

Doch nun war sie wieder hier – und im Grunde entsprach das schlechte Wetter ziemlich genau ihrer augenblicklichen Stimmung. Kaum zu glauben, dachte sie, dass noch vor etwas mehr als vier Wochen der Himmel für mich voller Geigen hing. Was für ein naives Dummchen ich doch war …

Unwillkürlich musste sie an Ioannis denken, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dabei ärgerte sie sich über sich selbst. Dieser Schuft war es nicht wert, dass sie seinetwegen auch nur eine einzige Träne vergoss.

Ebenso wenig wie Thalia …

Lena atmete tief durch und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Als sie wieder klar sehen konnte, bemerkte sie, dass sie, ohne es zu merken, auf die linke Fahrbahn geraten war. Sie wollte gerade gegenlenken, als plötzlich grelles Scheinwerferlicht sie blendete.

Erschrocken keuchte Lena auf.

Sie zögerte nur einen winzigen Augenblick – und doch lange genug, um die Katastrophe nicht mehr aufhalten zu können, die jetzt ihren Lauf nahm. Zwar schaffte sie es noch, dem Motorrad, das auf sie zugeschossen kam, auszuweichen, doch sie sah im Rückspiegel, wie der Fahrer der Maschine auf der regennassen Straße die Kontrolle verlor und ins Schleudern geriet.

Einen Moment lang schien er das schwere Motorrad noch aufrecht halten zu können – doch dann kippte die Maschine unter ihm weg, stürzte halb auf ihn und rutschte dann in Richtung Straßengraben, wo sie mit sich wild in der Luft drehenden Reifen liegen blieb.

„Oh Gott!“

Instinktiv trat Lena das Bremspedal durch, was zur Folge hatte, dass auch sie um ein Haar die Gewalt über den Volvo verloren hätte. Nur die Sicherheitstechnik des Fahrzeugs verhinderte, dass ihr ein ähnliches Schicksal widerfuhr wie dem Motorradfahrer – der mitten auf der Straße lag und sich nicht rührte.

Das Herz hämmerte Lena bis zum Hals. Ein ersticktes Stöhnen entrang sich ihrer Kehle. Oh nein! dachte sie entsetzt. Nein, nein, nein!

Mit zitternden Fingern öffnete sie die Fahrertür des Volvo und stieg aus. Ihre Knie waren so weich, dass sie im ersten Moment nicht sicher war, ob sie überhaupt einen Schritt vor den anderen würde setzen können.

Wider Erwarten schaffte sie es doch.

Innerhalb weniger Sekunden war sie bis auf die Haut durchnässt, denn der Regen hatte nicht nachgelassen.

Halb rannte, halb taumelte sie zu dem Motorradfahrer und ging neben ihm in die Knie. „Hej!“, stieß sie mit erstickter Stimme hervor. „Sind Sie in Ordnung? Es tut mir so leid! Ich wollte das nicht, ich …“

Doch sie erhielt keine Antwort. Ihr Unfallgegner lag regungslos da. Unter dem Motorradhelm mit dem geschlossenen Visier konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. Offenbar aber war er bewusstlos. Oder gar … Schlimmeres? Panik keimte in Lena auf. Das durfte nicht sein!

Sie zwang sich, Ruhe zu bewahren.

Okej, Lena, was jetzt? Denk nach!

Es schien ihr unglaublich schwer, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Sie hockte im strömenden Regen, das nasse Haar hing ihr wirr ins Gesicht, und sie war innerlich wie gelähmt. Das alles kam ihr so unwirklich vor. Fast, als wäre es nur ein böser Traum, aus dem sie jeden Moment erwachen würde.

Dann, endlich, wusste sie wieder, was sie zu tun hatte: Lena zückte ihr Handy und wählte die Notrufnummer.

„Bitte“, stieß sie mit vor Kälte und Schock klappernden Zähnen hervor, als sich am anderen Ende der Leitung eine Frauenstimme meldete. „Sie müssen uns helfen. Es hat einen Unfall gegeben …“

„Wie viele Finger sehen Sie?“, fragte die Ärztin, die ihre blonden Locken im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst trug, und hielt Lena ihre Hand in Victory-Pose vor die Nase.

„Zwei“, antwortete Lena und fuhr sich seufzend übers Haar. „Ich bin in Ordnung“, sagte sie dann. „Ehrlich. Keine Kopfschmerzen, kein Schwindelgefühl und somit auch keine Anzeichen eines Schädel-Hirn-Traumas.“ Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie den überraschten Blick ihres Gegenübers bemerkte. „Ich habe eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht – aber das ist schon eine kleine Ewigkeit her.“

„Nun, wenn das so ist“, entgegnete die Ärztin, die laut Namensschild an ihrem weißen Kittel den Namen Doktor Jacobsson trug, „wissen Sie ja auch, dass erste Symptome häufig erst Stunden nach einem Unfall auftreten können. Im Augenblick stehen Sie noch unter Schock, und es wäre mir wirklich lieber, wenn Sie heute Nacht zur Beobachtung bei uns bleiben würden – nur zur Sicherheit.“

Lena seufzte. Sie befand sich in einem kleinen Untersuchungszimmer in der Notaufnahme des Krankenhauses, zu dem die Ambulanz den bewusstlosen Motorradfahrer und sie gebracht hatte. Eigentlich war sie nur mitgefahren, um in Erfahrung bringen zu können, wie es ihrem Unfallgegner ging. Doch als sie erst einmal eingetroffen war, hatten die Sanitäter darauf bestanden, dass sie sich ebenfalls untersuchen ließ.

„Wie geht es …?“ Sie zuckte mit den Achseln, denn sie kannte den Namen des Motorradfahrers nicht. „Er wird die Sache doch überstehen, oder?“

Doktor Jacobsson lächelte. „Keine Sorge, er ist im Grunde relativ glimpflich davongekommen. Ein paar Prellungen, ein verstauchtes Bein – nichts, was sich nicht wieder richten ließe.“

Lena atmete auf. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie angespannt sie die ganze Zeit gewesen war. „Ist er denn inzwischen wieder bei Bewusstsein?“

„Ja, er ist schon kurz nach Ihrer gemeinsamen Ankunft im Krankenhaus wieder ansprechbar gewesen.“ Die Ärztin neigte den Kopf zur Seite. „Er wartet momentan im Nebenraum darauf, dass ihm eine Schiene angelegt wird. Wollen Sie vielleicht zu ihm?“

„Ginge das denn?“

„Kommen Sie.“

Als Lena von der Untersuchungsliege kletterte, spürte sie dann doch ein leichtes Schwindelgefühl, sagte aber nichts. Vermutlich war es ohnehin nur der Schock. Einen solchen Unfall steckte niemand einfach so weg. Der Körper brauchte eine ganze Weile, um ein derartiges Erlebnis zu verarbeiten.

Sie folgte der Ärztin hinaus auf den Korridor und blieb zunächst draußen stehen, als diese die Schiebetür zum Nachbarzimmer öffnete. „Herr Södergren, hier ist Besuch für Sie.“

Der Motorradfahrer saß, ein Bein angewinkelt, das andere ausgestreckt, auf einer Untersuchungsliege. Das schwarze Leder seiner Hose war auf der rechten Seite bis zur Mitte des Oberschenkels aufgetrennt worden, um das Bein besser untersuchen zu können. Er trug noch immer seine schwarz-rote Motorradjacke, doch der Helm lag jetzt neben ihm auf dem Tisch.

Es war das erste Mal, dass Lena ihn ohne Helm sah – und der Anblick ließ ihr Herz für einen Moment stocken.

Er besaß strenge, scharf geschnittene Züge mit markanten Wangenknochen und einer etwas zu großen Nase, was seiner Attraktivität jedoch keinen Abbruch tat.

Seine Augen waren die faszinierendsten, die Lena je im Leben gesehen hatte. Die Farbe war eine ungewöhnliche Mischung aus Blau, Grau und Grün, und schien von Sekunde zu Sekunde die Nuance zu wechseln. Sie musste energisch blinzeln, um sich von dem Anblick loszureißen. Beschattet wurden diese unglaublichen Augen von Wimpern, die ebenso dunkel und dicht waren wie sein Haar. Die unbändigen Wellen schienen ihren eigenen Willen zu haben – jedenfalls sah es nicht so aus, als versuchte er auch nur, sie in irgendeine Form zu bringen. Doch das war auch nicht notwendig. Ihm stand es genau so, wie es war.

Forschend musterte er sie, und zunächst schien es, als würde er sich nicht an Lena erinnern. Doch dann fingen seine Augen, die im grellen Neonlicht der Deckenbeleuchtung nun ein helles Graublau besaßen, an zu blitzen.

„Ach, Sie sind das!“

Lena atmete tief durch und zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. „Ja, ich bin es – und ich bin hier, um mich bei Ihnen zu entschuldigen. Hören Sie, dieser Unfall war allein meine Schuld, und …“

„Allerdings ist er das!“, fiel er ihr barsch ins Wort. „Dank Ihnen werde ich die nächsten Wochen nur auf Krücken durch die Gegend humpeln können. Ist Ihnen eigentlich klar, was Sie angerichtet haben? Wo, um Himmels willen, haben Sie Ihren Führerschein gemacht?“

„Wie ich bereits sagte“, setzte sie noch einmal neu an, wobei es ihr nicht leichtfiel, ruhig zu bleiben – achtzehn Jahre unter einem Dach mit ihrem Vater hatten sie gelehrt, nicht einfach alles widerspruchslos zu erdulden. „Es tut mir leid, dass ich Sie in diese Situation gebracht habe. Wenn es irgendetwas gibt, das ich für Sie tun kann …“

Ein Arzt betrat den Raum. „So“, erklärte er, nachdem er offenbar zu dem Schluss gekommen war, dass Lena zu seinem Patienten gehörte. „Wir werden Ihnen jetzt die Schiene anlegen, Patrik. Haben Sie jemanden zu Hause, der Ihnen in den nächsten Wochen zur Hand gehen kann? Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass sich selbst die alltäglichsten Dinge mit einem solchen Stützgerüst mitunter sehr schwierig gestalten.“

Er winkte ab. „Ich komme allein zurecht!“

„Ich könnte durchaus …“, setzte Lena an, doch Patrik fuhr ihr beinahe augenblicklich über den Mund.

„Wer sind Sie, dass Sie glauben, sich in meine Angelegenheiten mischen zu können?“, knurrte er. „Ich kenne Sie nicht einmal. Und wenn Sie vorhaben, auf diese Weise Ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen – vergessen Sie’s!“

„Lena Öberg“, stellte sie sich vor. „Und, nein, Ihre persönlichen Angelegenheiten gehen mich nicht das Geringste an. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Es ist wohl am besten, wenn ich jetzt gehe.“

Sie wandte sich ab und ging zur Tür.

„Nej!“

Langsam drehte sie sich zu ihm um. „Was denn noch? Sie haben mir klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass meine Hilfe nicht erwünscht ist.“

„Dann habe ich es mir eben anders überlegt“, entgegnete er, und ein feines Lächeln, das Lena nervös machte, umspielte seine Lippen. „Ich nehme Ihr freundliches Angebot an, Lena. Für die kommenden Wochen werden Sie meine persönliche Krankenschwester spielen.“

Durch die Lamellen der Jalousien seines Krankenzimmers konnte Patrik sehen, dass sich der Himmel draußen rot zu färben begann. Der Morgen graute bereits, und er hatte die ganze Nacht wach gelegen. Nicht etwa, weil sein Bein oder eine der Prellungen, die inzwischen in sattem Purpur erstrahlten, ihm Probleme bereiteten. Nein, es war seine Gedanken, die einfach nicht zur Ruhe kamen.

Lena Öberg.

Als er ihren Namen gehört hatte, war er für einen Moment wie erstarrt gewesen. Es hatte sich angefühlt, als wäre er mit voller Wucht gegen eine Wand gelaufen. Konnte es wirklich sein? War es möglich, dass …?

Er hatte nicht lange überlegt, sondern sofort gehandelt. Doch nun, ein paar Stunden später, wusste er nicht mehr, ob seine spontane Idee wirklich so gut gewesen war, wie er im ersten Augenblick geglaubt hatte.

Bisher konnte er ja nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sie die Lena Öberg war, für die er sie hielt.

Die Tochter von Johan Öberg.

Dem Mann, der Mads auf dem Gewissen hatte …

Der Gedanke an den Tod seines älteren Bruders ließ, wie immer, heiße Wut in ihm aufsteigen. Das Ganze lag nunmehr bereits fast zehn Jahre zurück – doch Patrik würde niemals vergessen, was damals geschehen war. Die Ereignisse hatten sich in seinem Kopf eingebrannt, und daran konnte nichts und niemand etwas ändern. Immer dann, wenn er an nichts Böses dachte, suchten sie ihn heim, die Geister der Vergangenheit. Und mit ihnen kamen die Bilder, die Patrik wohl für den Rest seines Lebens begleiten würden.

Mads, bleich und leblos, das dunkle Haar klebrig vom Blut.

Mads’ Blut.

Patrik erschauderte. Er war kein Mensch, der sich so leicht aus der Fassung bringen ließ. Doch den Erinnerungen an jenen schicksalhaften Tag hatte er nichts entgegenzusetzen. Alles, was er empfinden konnte, waren Entsetzen und Wut – und das unstillbare Verlangen, es dem Mann heimzuzahlen, der dafür die Verantwortung trug.

Johan Öberg!

Seit Jahren versuchte er nun schon, Öberg dranzukriegen. Dabei war es ihm völlig gleichgültig, wie und wo er den skrupellosen Unternehmer erwischte. Es ging darum, seine Schwachstelle zu finden und diese auszunutzen.

Und genau diese Schwachstelle war möglicherweise Lena.

Natürlich hatte er gewusst, dass Öberg eine Tochter hatte. Doch abgesehen davon, dass sie nach Griechenland gegangen war und dort recht erfolgreich eine Modelagentur leitete, war bei den Recherchen über sie nicht sonderlich viel herausgekommen.

Ausgesprochen innig schien das Verhältnis zwischen Vater und Tochter allerdings nicht zu sein. Jedenfalls hatte Johan Öberg, wie Patrik seit Kurzem wusste, beim Gang an die Börse in den Statuten seines Unternehmens eines ganz klar festgelegt: Lena würde die Firma niemals leiten. Wäre sie zum Zeitpunkt seines Todes unverheiratet, so würde seine Aktienmehrheit an ihren nächsten männlichen Verwandten gehen. Anderenfalls fiel automatisch die Führung von Öberg Aktiebolaget ihrem Ehemann zu, der schon am Tag der Eheschließung ein beachtliches Aktienpaket erhalten würde.

Offenbar hielt Öberg nicht viel von Frauen in hohen Führungspositionen. Oder aber er hielt einfach nicht besonders viel von seiner Tochter.

Dass diese nun, nach all der Zeit, zurückkehrte, musste etwas zu bedeuten haben. Nun, Patrik würde herausfinden, um was es sich handelte – und es zu seinem Vorteil nutzen.

Es mochte nicht besonders fair sein, eine unbeteiligte Person mit in seinen Rachefeldzug einzubeziehen. Er kannte Lena nicht. Auch wenn sie Johan Öbergs Tochter war, bedeutete das nicht zwangsläufig, dass sie ein schlechter Mensch sein musste. Hinzu kam, dass sie nicht aussah wie die Frauen, mit denen ihr Vater sich üblicherweise umgab. Die schulterlange, fast schon brav wirkende Ponyfrisur, als die sie ihr hellblondes Haar trug. Das blasse, ungeschminkte Gesicht mit der niedlichen Stupsnase, den fein geschwungenen Lippen und großen braunen Augen, die ihn an ein Rehkitz erinnerten.

Unschuldig.

Ja, das Wort umschrieb den Eindruck, den sie auf ihn machte, ziemlich gut. Doch er wusste aus Erfahrung, dass der erste Eindruck oft täuschte. Ob dies auch bei Lena zutraf, würde er schon bald herausfinden.

Sehr bald.

Was tue ich eigentlich hier?

Diese Frage stellte Lena sich schon seit dem vergangenen Abend – und auch heute, am nächsten Tag, hatte sie noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden. Entgegen Doktor Jacobssons dringender Empfehlung, wegen eines möglichen Schleudertraumas zur Beobachtung im Krankenhaus zu bleiben, hatte sie die vergangene Nacht in einem Hotel in der Nähe der Klinik verbracht. Seit ihre Mutter damals in einem Krankenhaus gestorben war, konnte sie die bedrückende Atmosphäre und den Geruch von Desinfektionsmittel, der über allem zu hängen schien, nicht mehr ertragen.

Dennoch würde sie heute noch einmal in die Klinik zurückkehren – und zwar, um Patrik Södergren abzuholen.

Du bist verrückt! schalt sie sich selbst. Vollkommen verrückt!

Heute Morgen hatte sie mit der Autovermietung telefoniert und den Unfall gemeldet. Ein Hotelangestellter war so freundlich gewesen, zu veranlassen, dass der Leihwagen von der Unfallstelle, wo Lena ihn zurückgelassen hatte, abgeholt und zum Hotel gebracht wurde. Technisch gesehen war es somit kein Problem, sich um Patrik zu kümmern. Aber – wollte sie das auch wirklich?

Etwas an diesem Mann irritierte sie. Nein, das stimmte so nicht. Alles an ihm irritierte sie. Und hinzu kam, dass sie sich auf eine geradezu verstörende Art und Weise von ihm angezogen fühlte.

Von einem Fremden, der sich ihr gegenüber bisher nicht gerade von seiner besten Seite gezeigt hat. Zumindest nicht von seiner freundlichsten, so viel stand fest. Und normalerweise waren gerade gute Umgangsformen ihr bei Männern ausgesprochen wichtig. Andererseits: Besonders erfolgreich war sie damit in der Vergangenheit nicht unbedingt gewesen. Ioannis war nur das letzte Beispiel in einer langen Reihe von Fehlgriffen.

Sie atmete tief durch und ging ins Badezimmer, wo sie sich selbst prüfend im Spiegel betrachtete. Noch war es möglich, einen Rückzieher zu machen. Niemand konnte sie zwingen, für Patrik die Krankenschwester zu spielen. Wozu gab es schließlich so etwas wie eine Krankenversicherung? Niemand war gezwungen, in einer Situation wie dieser ohne Hilfe auszukommen. Es fand sich immer eine Lösung. Die Entscheidung, ob sie diese Verantwortung auf sich nehmen wollte, lag also ganz allein bei ihr.

Doch würde sie ihrem Spiegelbild je wieder in die Augen blicken können, wenn sie es nicht tat? Ihr Leben lang versuchte sie nun schon, aller Welt zu beweisen, dass sie anders war als ihr Vater.

Johan Öberg hätte sicher keine Sekunde gezögert, Patrik seinem Schicksal zu überlassen. Ebenso wie bei dem Unfall von Lenas Mutter Silvia, als er erst Stunden nach Lena in der Klinik eingetroffen war. Weil geschäftliche Termine ihm wichtiger gewesen waren als die eigene Familie. Er hatte seiner Frau in ihren schwersten Stunden ebenso wenig beigestanden wie seiner Tochter.

Lena war damals vierzehn Jahre alt gewesen. Und sie hatte sich am Totenbett ihrer Mutter geschworen, dass sie nicht so werden würde wie ihr Vater. So hartherzig, so berechnend und kalt.

Vermutlich war es das, was es ihr nun so schwer machte, die richtige Entscheidung zu treffen. Denn nach allem, was in den letzten Wochen vorgefallen war, konnte sie sich nicht vorstellen, dass es sonderlich klug war, bei einem wildfremden Mann einzuziehen.

Noch dazu einem wildfremden Mann, der so auf sie wirkte wie Patrik Södergren.

Die Geschichte mit Ioannis steckte ihr noch in den Knochen, und sie war nicht sicher, ob sie jemals darüber hinwegkommen würde. Es war ihr so schon nicht leichtgefallen, wirklich zu einem Mann Vertrauen zu fassen. Und nun, da sie wusste, wie er es ihr gedankt hatte, wünschte sie, sie hätte es niemals getan.

Nein, mit Männern hatte sie, angefangen bei ihrem Vater, bis zuletzt bei Ioannis, immer nur schlechte Erfahrungen gemacht. Als sie Griechenland verließ, war sie fest entschlossen gewesen, vom anderen Geschlecht vorerst die Finger zu lassen und erst einmal zur Ruhe zu kommen.

Nun stand sie kurz davor, gleich mit dem Erstbesten unter ein Dach zu ziehen.

Lena Öberg, hast du vollkommen den Verstand verloren?

Schon möglich, beantwortete sie sich diese Frage selbst. Aber lieber bin ich verrückt, als so zu enden wie mein Vater!

Sie stellte das kalte Wasser an und wusch sich das Gesicht. Dann kämmte sie sich das Haar, ehe sie ihr Zimmer verließ, um zum Krankenhaus zu fahren.

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