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Blaubeerzeit: Das Herz von Smaland

PROLOG

Drei Umschläge waren dem Testament von Ingrid Södergren beigefügt. Auf jedem stand ein Name.

Mattias.

Lars.

Patrik.

Es waren die Namen von Ingrids Neffen, den Söhnen ihrer drei Brüder. Sie waren alle zwischen dreißig und siebenunddreißig Jahre alt, beruflich im Familienunternehmen erfolgreich, gut aussehend und als vermögende Junggesellen bei den Frauen begehrt. Doch eine eigene Familie hatte bisher keiner von ihnen gegründet.

Sehr zu Ingrids Leidwesen.

Die drei Jungs hatten das Herz am rechten Fleck, und sie wünschte ihnen alles Glück der Welt. Doch wie es schien, brauchten die drei ein wenig Nachhilfe, wenn es um ihr Liebesleben ging.

Ingrid hatte lange darüber nachgedacht, was sie für die Cousins tun konnte. Und war zu dem Schluss gekommen, dass es nur einen Weg gab: Sie musste die drei zu ihrem Glück zwingen.

Da sie wusste, dass sie wegen ihrer schweren Krankheit nur noch wenige Monate zu leben hatte, hatte sie ihren Notar aufgesucht und jene drei Schriftstücke aufsetzen lassen.

Eines stand fest: Mattias, Patrik und Lars würden nicht erfreut sein, wenn sie davon erfuhren. Ingrid konnte nur hoffen, dass sie schließlich einsehen würden, dass es nur zu ihrem Besten geschah.

Sie nahm den ersten der drei Briefe noch einmal zur Hand, ehe sie ihn in den Umschlag steckte.

Liebster Mattias,

wenn du dies hier liest, werde ich bereits in einer besseren Welt sein …

1. KAPITEL

Schattige, sattgrüne Wälder säumten die Straße zu beiden Seiten. Die Kronen der Buchen waren so üppig, dass sie ein Dach bildeten, durch das das rotgoldene Licht der Abenddämmerung schien.

„Sind wir bald da, Emma?”

Im Rückspiegel erhaschte Emma Pålsson einen Blick auf ihren kleinen Bruder Lucas, der zusammen mit seiner Zwillingsschwester hinten im Wagen saß. Die Stimme des Neunjährigen klang schläfrig, sein Kopf, den er gegen die Rückbank gelehnt hatte, ruckelte bei jeder Straßenunebenheit hin und her. Seine fünf Minuten jüngere Schwester Marie hatte den Kampf gegen die Müdigkeit bereits verloren. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Gesicht drückte diesen vollkommenen Frieden aus, den man nur im Schlaf erlangte. Den Kopf hatte sie gegen die Schulter ihres Bruders gelegt.

„Es ist nicht mehr weit”, antwortete Emma.

Zwar zeigte das Navigationsgerät des Leihwagens, den sie am Flughafen von Stockholm gemietet hatte, weil sie nicht wie vereinbart abgeholt worden waren, noch über fünfzig Kilometer an, doch im Vergleich zu der Reise, die bereits hinter ihnen lag, war dies kaum mehr als ein Katzensprung.

Vor über zehn Stunden waren sie in Pontevecchio, einem kleinen Dorf in Kalabrien, am Fuße der Apenninen, aufgebrochen. Jenem Ort, in dem die Zwillinge geboren und aufgewachsen waren und der in den vergangenen dreizehn ihrer insgesamt vierundzwanzig Jahre auch zu Emmas Heimat geworden war. Wo all ihre Freunde und Bekannten lebten.

Und wo ihre Eltern begraben waren.

Der Gedanke an Jasper und Ann-Katrin Pålsson trieb Emma die Tränen in die Augen, die sie hastig fortwischte. Jetzt war nicht der richtige Moment, um sich ihrer Trauer zu ergeben. Sie musste stark sein – den Kindern zuliebe.

Wenn es schon ihr schwerfiel, ihr Leben in Italien hinter sich zu lassen, wie musste es da erst Marie und Lucas gehen? Wenigstens waren die beiden zweisprachig erzogen worden, sodass zumindest die Verständigung kein Problem darstellte. Dennoch würde es für die Zwillinge eine große Umstellung werden, schließlich kannten sie Schweden nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und ihrer älteren Schwester.

Eine fremde Umgebung, fremde Menschen, ein neues Haus, eine neue Schule … Emma hätte sich gewünscht, die beiden all dem nicht aussetzen zu müssen. Doch hatte sie eine andere Wahl? Auf lange Sicht war es die einzig richtige Entscheidung gewesen, ihre Zelte in Pontevecchio abzubrechen – das zumindest hoffte sie.

Aber ein leiser Zweifel blieb, denn immerhin hatte sie ihren sicheren Job in der Bäckerei aufgegeben, und Schweden war für sie kaum mehr als eine ferne Erinnerung. Und es war auch nicht sonderlich beruhigend, dass man offensichtlich vergessen hatte, sie vom Flughafen abzuholen. Schließlich hatte sie mit ihrem Entschluss, mit den Kindern nach Schweden zu gehen, alles auf eine Karte gesetzt. Wenn jetzt irgendetwas schiefging …

Es darf ganz einfach nichts schiefgehen! Und das wird es auch nicht – wenn du endlich damit aufhörst, den Teufel an die Wand zu malen!

Unwillkürlich musste sie wieder an jenen verhängnisvollen Anruf denken, der ihr Leben vor etwas mehr als drei Monaten mit einem Schlag auf den Kopf gestellt hatte. Es war schon sehr spät gewesen – kurz vor Mitternacht –, als das Telefon klingelte. Emma erinnerte sich noch, wie überrascht sie gewesen war. Doch diese Überraschung war schnell in eisiges Entsetzen umgeschlagen, als ihr eine fremde Stimme am anderen Ende der Leitung verkündete, dass ihre Eltern bei einem Autounfall nahe Castrovillari ums Leben gekommen waren.

Tot. Einfach so.

Von einem Moment auf den anderen.

Und ebenso von einem Moment auf den anderen hatte Emma plötzlich die erdrückende Last der Verantwortung auf ihren Schultern gespürt.

Sie war gerade vierundzwanzig geworden und hatte sich mit der neuen Situation zunächst vollkommen überfordert gefühlt. Es den Zwillingen zu sagen, war eine der schwersten Aufgaben, die sie je zu erfüllen gehabt hatte. Und dann hatte sie sich auch um die Beerdigung ihrer Eltern kümmern müssen und um all den Papierkram und die Formalitäten.

Wie sie feststellen musste, hatten Jasper und Ann-Katrin ein finanzielles Desaster hinterlassen. Das Haus in Pontevecchio war nicht einmal zur Hälfte abgezahlt und bereits mit einer hohen Hypothek belastet, mit deren Rückzahlung sie schon über Monate im Rückstand gewesen waren. Mit der Bäckerei, die sie für eine ältere Dame im Ort führte, die selbst aus gesundheitlichen Gründen dazu nicht mehr in der Lage war, verdiente sie zwar nicht schlecht – aber bei Weitem nicht genug, um für die Schulden ihrer Eltern aufzukommen.

Doch die größte Schreckensbotschaft erwartete sie bei der Testamentseröffnung.

Noch immer konnte Emma kaum glauben, was sie dort erfahren hatte. Und doch stützten sich alle Entscheidungen, die sie in den vergangenen Wochen getroffen hatte, allein auf diese Nachricht.

War es ein Fehler gewesen, so impulsiv zu handeln? Was, wenn die Kinder und sie am Ende vom sprichwörtlichen Regen in die Traufe gerieten?

Hör auf! Jetzt ist es ohnehin zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Also Augen zu und durch!

Der Wald lichtete sich, und vor Emma lag das Panorama einer weiten, sanft abfallenden Landschaft aus Feldern und Wiesen. Ein munterer Bach zog sich wie ein silbernes Band durch das Tal. Er durchschnitt die kleine Ortschaft, die im Schoß der Talsohle lag und auf einer Seite von dichten Wäldern umgeben war, fast genau in zwei Hälften.

Källadal.

Emmas Herz begann heftig zu klopfen.

Sie war elf Jahre alt gewesen, als ihre Eltern sich entschlossen, Källadal zu verlassen und nach Kalabrien zu gehen. Damals war für Emma eine Welt zusammengebrochen. Sie hatte ihre Freunde zurücklassen müssen – all die Menschen, die bis zu diesem Tag wie selbstverständlich zu ihrem Leben dazugehört hatten. Heute wusste sie, dass Jasper und Ann-Katrin im kleinen Småland, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, niemals glücklich geworden wären. Mit ihrer unangepassten Art und dem heißblütigen Temperament passten sie einfach viel besser nach Italien als in das etwas unterkühlte Schweden.

Ganz im Gegensatz zu Emma, die überhaupt nicht nach ihren Eltern kam.

Seufzend bog sie von der Landstraße ab auf den Kungsvägen, der durch Källadal und auf einer alten Steinbrücke bei der alten Kirche über den Snabbvatten führte.

Dort in der Nähe hatte Emma früher mit ihrer Familie gewohnt, direkt am Ufer des Snabbvatten. Im Sommer, wenn sie bei offenem Fenster schlief, hatte sie das Gurgeln und Sprudeln des Baches in den Schlaf gewiegt.

Das Haus von Rolf Lindberg befand sich am anderen Ende des Ortes, in der Nähe der Sägemühle, in der fast alle Männer von Källadal arbeiteten. Emma erinnerte sich nur noch dunkel an ein riesiges, längliches Gebäude. Der ohrenbetäubende Lärm und die hektische Betriebsamkeit hingegen, die dort herrschten, hatten sich unauslöschlich in ihre kindliche Erinnerung eingebrannt.

„Ist es das?”

Maries Stimme riss Emma aus ihren Gedanken. „Ja”, erklärte sie lächelnd. „Das ist Källadal – unser neues Zuhause.”

Sie bemühte sich, ruhig und zuversichtlich zu klingen, dabei wuchs ihre innere Anspannung mit jedem Meter, den sie sich ihrem Ziel näherten. Sie verließ den Kungsvägen an einer Abzweigung und folgte einem schmalen, holprigen Privatweg, der in ein lichtes Birkenwäldchen führte. Kurze Zeit später erreichten sie ein hübsches, in zartem Lindgrün getünchtes Haus mit weißen Fensterrahmen und einer großen Veranda, auf der ein verwaister Schaukelstuhl im Wind vor und zurück wiegte.

Emma schluckte hart.

Das Björkahus.

„Sie haben Ihr Ziel erreicht”, zerriss die Computerstimme des Navigationsgeräts die Stille, und Emma lächelte humorlos.

Das Ziel ihrer Reise hatten sie erreicht, ja. Ob Källadal für sie aber auch die Endstation ihrer verzweifelten Odyssee war, würde sich sehr bald herausstellen.

„Förbannat!”

Schnell ließ Mattias die Gardine sinken und trat vom Fenster weg. Er hatte genug gesehen. Das Knirschen von Kies auf der Zufahrt hatte ihr Eintreffen bereits angekündigt, und nun wusste er es mit Sicherheit.

Emma Pålsson und die beiden Kinder …

Grimmig schüttelte er den Kopf. Er hatte gehofft, dass seine Nachricht sie wider Erwarten noch rechtzeitig erreichen und sie von der törichten Idee abbringen würde, nach Källadal zu kommen. Nun hatte er die drei am Hals und konnte zusehen, was er mit ihnen anfing.

Aber dass sie da sind, ändert nichts an den Tatsachen!

Es gab, weiß Gott, wichtigere Dinge, um die er sich zu kümmern hatte. Zum Beispiel das Erbe seiner kürzlich verstorbenen Tante Ingrid – und diese lächerliche Klausel, die darin vorkam …

Er ging zur Haustür. Seine Hand lag bereits auf dem Knauf, als er die Stimmen der Ankömmlinge vernahm und unwillkürlich innehielt. Das kleine Mädchen sagte etwas auf Italienisch. Mattias hatte schon immer eine Schwäche für diese Sprache gehabt, weil sie so melodisch klang, beinahe wie Musik.

„Wir sind jetzt in Schweden, Marie”, tadelte Emma Pålsson. „Und wir werden von jetzt an Schwedisch sprechen, Liebes. Dies hier ist unsere neue Heimat – je eher wir uns eingewöhnen, desto besser.”

Sie verhielt sich ganz so, wie Mattias es erwartet hatte. Beim Durchsehen von Rolfs Unterlagen war er auf einen kleinen Stapel Briefe gestoßen. Er hatte nur wenige Zeilen lesen müssen, um sie zu durchschauen, obwohl sie es geradezu meisterlich verstand, ihre wahren Absichten mit schönen Worten zu verschleiern. Pech für sie, dass Mattias Frauen wie sie mit verbundenen Augen erkannte. Noch einmal atmete er tief durch, dann setzte er eine neutrale Miene auf, öffnete die Tür und trat hinaus auf die Veranda.

Für den Bruchteil einer Sekunde war er wie erstarrt. Damit, dass sie so schön war, hatte er nicht gerechnet.

Sie stieg gerade die Stufen zur Veranda hinauf. An der rechten Hand hielt sie das kleine Mädchen, in der linken einen Koffer, der kaum groß genug war, die Habseligkeiten einer einzelnen Person zu fassen – geschweige denn die einer Frau in Begleitung von zwei Kindern.

Ihr langes Haar hatte die Farbe von reifem Weizen. Wie gesponnenes Gold fiel es über ihre schmalen Schultern. Unter ihrer eher unvorteilhaften Kleidung – sie trug eine verwaschene, formlose Jeans, dazu ein weites schwarzes Shirt und reichlich zerschlissene Sneakers – zeichneten sich deutlich ihre überaus weiblichen Formen ab. Unwillkürlich fragte Mattias sich, ob sie diese absichtlich verbarg oder ob sie sich ihrer Wirkung einfach nicht bewusst war.

Sie besaß ein leicht herzförmiges Gesicht mit einem Teint, der so blass war, dass er fast durchscheinend wirkte. Soweit Mattias es erkennen konnte, hatte sie auf Make-up verzichtet. Trotzdem fielen ihm sofort die vollen, fein geschwungenen Lippen auf sowie die langen Wimpern, die ihre in einem ungewöhnlich intensiven Blau leuchtenden Augen beschatteten.

Reiß dich zusammen, Mattias Södergren! Und lass dich um Himmels willen nicht von ihrem verlockenden Äußeren täuschen!

Es ärgerte ihn, dass er sich von ihr angezogen fühlte, obwohl er es gar nicht wollte.

„Hej”, begrüßte sie ihn, und ihr schüchternes Lächeln brachte sein Blut noch zusätzlich in Wallung. „Mein Name ist …”

„Du bist Emma Pålsson”, unterbrach er sie barsch und nickte. „Ich weiß.”

Fragend schaute sie ihn an. „Und wer …?”

Als er nicht sofort antwortete, stellte sie den Koffer auf den polierten Holzboden der Veranda. Dann zog sie den Jungen an ihre linke Seite und legte ihm in einer beschützenden Geste den Arm um die Schulter.

Es war das erste Mal, dass Mattias den Kleinen wirklich bewusst sah, und er blinzelte irritiert.

Unglaublich!

Für einen Moment war ihm, als würde er einer Miniaturausgabe von Rolf gegenüberstehen. Dieselben grünbraunen Augen, dasselbe haselnussbraune Haar. Er war seinem Vater wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten. An der Legitimität der Kinder konnte absolut kein Zweifel bestehen.

Was man von ihrer Begleiterin nicht behaupten kann!

„Mein Name ist Mattias Södergren”, erklärte er, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen – für seinen Geschmack hatte er ihr ohnehin bereits mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als sie verdiente. Stattdessen beugte er sich zu den Zwillingen hinunter, die ihn ängstlich und neugierig zugleich musterten. „Erinnerst du dich nicht mehr, Emma? Wir sind zusammen zur Schule gegangen.” Er nickte. „Lucas, Marie – hjärtligt välkomna im Björkahus.”

Emma war nicht entgangen, dass seine Begrüßung ausschließlich den Kindern gegolten hatte. Ihr selbst vermittelte er keineswegs das Gefühl, willkommen zu sein. Aber was kümmerte sie das? Mattias Södergren war nicht der Mensch, auf den es ankam. Sie hatte die lange, strapaziöse Reise mit den Zwillingen nicht auf sich genommen, um ihn zu treffen, sondern seinen Stiefvater: Rolf Lindberg.

„Es war eigentlich vereinbart, dass dein Stiefvater uns vom Flughafen abholt”, sagte sie. „Würdest du mich bitte zu ihm bringen?”

„Wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte Rolf euch sicher abgeholt”, entgegnete Mattias knapp. „Und, nein, er ist … nicht zu sprechen.”

Irritiert schaute Emma ihn an. Sie verstand nicht, womit sie dieses herablassende Verhalten verdient hatte. Warum verhielt dieser Mann sich ihr gegenüber so unfreundlich?

Er hatte recht – sie hatten dieselbe Schule besucht. Obwohl Emma erst elf gewesen war, als ihre Familie Källadal verließ, glaubte sie, sich noch an Mattias zu erinnern. Vor ihrem inneren Auge sah sie das Gesicht eines sehr ernsthaften, gut aussehenden Jungen. Er war vier Klassen über ihr gewesen, daher hatten sie nichts miteinander zu tun gehabt. Sie wusste natürlich, dass er ein Södergren war – also ein Spross jener Familie, der das Sägewerk am Ortsrand gehörte. Doch das hatte Emma damals ebenso wenig bedeutet wie heute.

Nun, er sah noch immer verflixt gut aus – auf eine unglaublich männliche Art. Er trug Jeans und schwere Arbeitsstiefel, dazu ein kariertes Flanellhemd über einem schwarzen T-Shirt, unter dem sich deutlich seine von körperlicher Tätigkeit gestählten Muskeln abzeichneten. Sein Gesicht war kantig, wirkte aber trotzdem nicht grob. Und er besaß die eindrucksvollsten grünen Augen, die Emma je gesehen hatte. Sie erinnerten sie an den kleinen See in der Nähe von Pontevecchio, an dessen Ufer sie mit siebzehn zum ersten Mal von einem Jungen geküsst worden war.

Mit einem energischen Blinzeln verscheuchte sie diesen Erinnerungsblitz. Solche Gedanken waren angesichts ihrer Situation mehr als unangebracht. Sie räusperte sich. „Und wie soll es nun weitergehen?”

Er zuckte mit den Schultern. „Wie ich schon sagte: Die Kinder sind in diesem Haus herzlich willkommen – und was dich betrifft …”

Ehe er den Satz beenden konnte, kam eine ältere Frau aus dem Haus und trat zu ihnen auf die Veranda. Beim Anblick der Zwillinge stieß sie ein entzücktes Jauchzen aus. „Nej, wie schön! Ihr müsst Lucas und Marie sein”, rief sie. „Ich habe schon so viel von euch gehört, wisst ihr?”

„Wer sind Sie?”, wollte Emma wissen, da Mattias keine Anstalten machte, die Frau vorzustellen.

„Das ist Astrid, meine Haushälterin”, erklärte er. „Astrid, sei doch so lieb und zeige unseren Gästen ihre Unterkünfte.”

„Natürlich.” Astrid strahlte. „Kommt, barnen, ich zeige euch das Haus. Es ist schon ziemlich alt und hat ein paar tolle Geheimverstecke. Ich bin sicher, dass es euch gefallen wird hier bei uns.”

Die Kinder schauten Emma fragend an, und erst als sie zustimmend nickte, folgten sie Astrid ins Haus. Doch Lucas und Marie war anzusehen, dass sie die freundliche Frau auf Anhieb mochten. Mit ihrer rundlichen Figur, den roten Wangen und dem von grauen Strähnen durchsetzten Haar, das sie zu einem losen Zopf im Nacken zusammengebunden trug, besaß sie eine ungemein mütterliche Ausstrahlung. Und vielleicht war es genau das, was die Zwillinge nach all den Schicksalsschlägen in der letzten Zeit brauchten.

Vergiss nicht den Schlag, der ihnen noch bevorsteht …

Sie atmete tief durch und wandte sich an Mattias, kaum dass Astrid mit Marie und Lucas im Schlepptau im Haus verschwunden war. Doch er ergriff das Wort, ehe sie etwas sagen konnte.

„Wie lange hast du vor, in Schweden zu bleiben?”

Verständnislos schaute Emma ihn an. „Wie bitte?”

Förlåt, aber was ist daran nicht zu verstehen? Ich wüsste gern, wie lange du deinen Aufenthalt hier bei uns auszudehnen gedenkst.”

„Mein Platz ist dort, wo die Zwillinge sind”, entgegnete Emma kühl. Sie konnte nicht fassen, wie unsensibel er war. Konnte er sich nicht vorstellen, wie schwer es für die Kinder sein musste, sich in einem ihnen vollkommen fremden Land zurechtzufinden? Erwartete er tatsächlich, dass Emma die Kleinen im Stich ließ? Sie war immerhin ihre Schwester – oder vielmehr ihre Halbschwester, aber an diese Bezeichnung konnte sie sich noch immer nicht so recht gewöhnen.

Er nickte, so als hätte er keine andere Antwort erwartet. „Das klingt nach einer recht praktischen Lösung für dich.”

Emma spürte, wie ihr Blut vor Wut zu kochen begann. Was bildete sich dieser unverschämte Kerl eigentlich ein? „Hör zu, ich weiß nicht, warum du glaubst, dir ein Urteil über mich erlauben zu können, aber ich versichere dir, dass mir ausschließlich das Wohl der Zwillinge am Herzen liegt.” Sie machte eine kurze Pause und bemühte sich, ihren Zorn im Zaum zu halten. „Ich habe einiges aufgegeben, indem ich mich entschieden habe, mit den Kindern Italien zu verlassen.”

„Du hast mein vollstes Mitgefühl”, entgegnete er mit einer Stimme, die vor Sarkasmus troff.

Unglaublich, wie unfreundlich dieser Mann sich ihr gegenüber verhielt!

Die Strapazen des Tages zeigten Wirkung, und Emma spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Brüsk wandte sie sich ab, denn vor Mattias Södergren wollte sie sich auf keinen Fall eine Blöße geben. Also trat sie ohne ein weiteres Wort über die Türschwelle ins Innere des Hauses.

Emma folgte den aufgeregten Stimmen der Kinder ins Obergeschoss des Björkahus. Auf dem Treppenabsatz verharrte sie kurz, um sich zu sammeln. Das kurze Gespräch mit Mattias hatte sie mehr aufgewühlt, als sie es für möglich gehalten hatte. Aber das war angesichts der offenkundigen Feindseligkeit, mit der er ihr begegnete, im Grunde nicht sonderlich überraschend.

Was hatte sie verbrochen, dass sie eine solche Behandlung verdiente? Auch sie hatte Mutter und Vater verloren. Und dadurch, dass sie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übernommen hatte, war die Beziehung zu ihrem Verlobten Adriano in die Brüche gegangen.

Hinzu kam, dass sie immer noch nicht recht wusste, wie sie Lucas und Marie die Wahrheit über ihre Herkunft erklären sollte. Sie konnte ja selbst noch immer nicht richtig begreifen, was sie bei der Eröffnung des Testaments ihrer Eltern erfahren hatte.

Sie atmete noch einmal tief durch, setzte ein, wie sie hoffte, fröhliches Lächeln auf und stieg die Treppe weiter hinauf.

Die Zwillinge begrüßten sie begeistert.

„Schau nur, Emma!”, rief Marie und nahm ihre rechte Hand, während ihr Bruder die linke ergriff. „Jeder von uns bekommt ein eigenes Zimmer. Meins ist am Ende des Flurs, und das von Lucas liegt direkt daneben. Und du, hat Astrid gesagt, sollst dieses hier bekommen.”

Als sie den Raum betrat, spürte Emma erneut, wie ihr die Tränen kamen. Normalerweise hatte sie nicht so nah am Wasser gebaut, doch im Moment hatte sie ihre Gefühle einfach nicht richtig im Griff. Möglichst unauffällig fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Augen.

Das Zimmer war so herrlich gemütlich eingerichtet, dass man sich einfach sofort zu Hause fühlen musste. Ein prächtiges Himmelbett stand mit dem Kopfende an der rechten Wand, während ein weiß getünchter, mit allerlei Zierwerk versehener Bauernschrank fast die gesamte gegenüberliegende Seite einnahm. Außerdem gab es eine Kommode mit zahllosen Schubläden, einen Tisch samt Stuhl und einen Spiegel mit kunstvoll geschnitztem Rahmen.

Auf den Holzbohlen des Fußbodens lag ein großer flauschiger Teppich, und die Wände waren mit Bildern dekoriert, die Birkenwälder im Abendlicht und die Schären an einem strahlenden Sommertag zeigten.

Durch die Butzenscheiben der Fenster konnte man in den Garten hinausblicken, dessen üppiger Blumenschmuck dem schwindenden Licht des Tages mit seiner Farbenpracht trotzte.

Unwillkürlich fühlte Emma sich an ihr Zimmer aus Kinderzeiten erinnert. Es war ganz ähnlich eingerichtet gewesen, von den spitzenbesetzten Gardinen bis hin zu der handgemachten Flickendecke, die auf dem Bett lag.

„Ist das nicht wunderschön?”, fragte Marie und hüpfte auf das Bett, wo sie sich lang ausstreckte. „Also, mir gefällt’s hier total gut! Ich kann mir vorstellen, hierzubleiben.”

Ich auch, dachte Emma versonnen. Ich auch. Doch sie hatte das Gefühl, dass es nicht so einfach werden würde. Mattias Södergren jedenfalls schien sich nicht vorgenommen zu haben, ihr den Start in ihr neues Leben in Schweden möglichst leicht zu machen. Ganz im Gegenteil. Es war offensichtlich, dass er keine besonders hohe Meinung von ihr hatte und sie lieber heute als morgen loswerden wollte.

„Aber wenn er glaubt, dass ich das so einfach zulassen werde, hat er sich geschnitten”, murmelte sie und merkte erst, dass sie ihren Gedanken laut ausgesprochen hatte, als Lucas sie fragend anschaute.

Erneut zwang sie ein Lächeln auf ihre Lippen. „Es ist nichts, tresoro mio. Ich habe nur laut gedacht. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Und? Gefällt dir dein Zimmer auch?”

Der Junge nickte eifrig. „Astrid sagt, dass zum Haus auch ein Hund gehört.” Seine Augen leuchteten. „Ich wollte schon immer einen Hund, Emma. Schon immer!”

Wie aufs Stichwort erklang im nächsten Moment ein heiseres Bellen, und kurz darauf war das Trappeln von Pfoten auf der Treppe zu hören.

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