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Blaubeertage

Inhalt

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41.

1.

Mein Blick brennt ein Loch in das Papier. Ich kann das doch! Normalerweise nehme ich Mathegleichungen ohne Probleme auseinander, aber diesmal will mir die Lösung einfach nicht einfallen. Die Ladenglocke klingelt. Ich stopfe meine Hausaufgaben schnell unter den Tresen und schaue hoch. Ein Typ kommt rein, er telefoniert.

Das ist mal was Neues.

Nicht die Tatsache, dass jemand telefonierend den Laden betritt, sondern dass dieser Jemand ein Typ ist. Es ist nicht so, dass niemals Männer in den Puppenladen kämen … okay, okay, es ist so. Es kommen niemals Männer in den Laden. Wenn überhaupt, werden sie von ihren Frauen regelrecht reingezogen und wirken peinlich berührt … oder gelangweilt. Auf den hier trifft weder das eine noch das andere zu. Er ist ganz allein und wirkt ausgesprochen selbstbewusst. Die Art von Selbstbewusstsein, die einem nur Reichtum und Geld verleihen. Viel Geld.

Ich lächele. In unserem kleinen Küstenort gibt es zwei Sorten von Menschen: die Reichen und die Leute, die den Reichen irgendwelches Zeug verkaufen. Geld zu haben, verpflichtet anscheinend dazu, nutzloses Zeug – zum Beispiel Porzellanpuppen – zu kaufen (allerdings sollte man die Worte »nutzloses Zeug« im Zusammenhang mit Puppen in der Gegenwart meiner Mutter vermeiden). Die Reichen dienen unserer tagtäglichen Unterhaltung.

»Was meinst du damit, dass ich sie aussuchen soll?«, fragt Mr Rich in sein Handy. »Hat dir Grandma nicht gesagt, welche sie haben wollte?« Er stößt einen langen Seufzer aus. »Schon gut. Ich kümmere mich darum.« Er steckt sein Handy in die Hosentasche und winkt mich zu sich heran. Richtig. Er winkt mich heran. Es ist der einzige Begriff, mit dem sich seine Handbewegung beschreiben lässt. Er hat mich nicht einmal mit einem kurzen Blick gewürdigt, sondern nur seine Hand hochgehalten und zwei Finger in seine Richtung bewegt. Mit der anderen Hand streicht er sich übers Kinn und beäugt kritisch die Puppen im Regal.

Während ich zu ihm gehe, mustere ich ihn von Kopf bis Fuß. Ein Ungeübter erkennt vielleicht nicht die Kohle, die diesem Typen förmlich aus jeder Pore trieft, aber mit Reichen kenne ich mich aus, und der hier stinkt vor Geld. Sein Outfit kostet wahrscheinlich mehr als alle Klamotten in meinem winzigen Schrank zusammen. Nicht, dass es teuer aussieht. Er macht einen auf Understatement: Cargohose, rosa Button-Down-Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Aber die Kleider stammen eindeutig aus einem Geschäft, in dem man sich auf eine hohe Fadenzahl und dreifache Nähte spezialisiert hat. Es ist klar zu erkennen, dass er den gesamten Laden kaufen kann, wenn er will. Na gut, nicht er, seine Eltern. Es ist mir eben gar nicht aufgefallen, weil sein selbstbewusstes Auftreten ihn älter erscheinen lässt, aber jetzt, wo ich vor ihm stehe, stelle ich fest, dass er noch jung ist. Möglicherweise mein Alter? Siebzehn. Vielleicht ein Jahr älter. Wie kann jemand in meinem Alter schon so perfekt Leute zu sich heranwinken? Durch ein Leben voller Privilegien, so viel steht fest.

»Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?« Nur meine Mom hätte den sarkastischen Unterton heraushören können.

»Ja, ich brauche eine Puppe.«

»Tut mir leid, die sind alle ausverkauft.« Viele kapieren meinen Humor nicht. Meine Mom nennt ihn trocken, was vermutlich das Gleiche bedeuten soll wie »unlustig«. Heißt aber auch, dass ich die Einzige bin, die weiß, dass ich einen Witz mache. Wenn ich anschließend lachen würde wie meine Mom, während sie Kunden bedient, würden vielleicht mehr Leute mitlachen – aus reiner Höflichkeit –, aber dazu kann ich mich nicht überwinden.

»Sehr lustig«, sagt er, aber nicht so, als fände er es tatsächlich lustig, mehr so, als wünschte er sich, ich würde überhaupt nicht sprechen. Angesehen hat er mich immer noch nicht. »Also, was glauben Sie, welche von denen könnten einer älteren Dame vielleicht gefallen?«

»Alle.«

Sein Kiefermuskel arbeitet und dann dreht er sich zu mir um. Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er überrascht aus, als hätte er irgendeine ältere Dame erwartet – ich schiebe die Schuld auf meine Stimme, die tiefer als der Durchschnitt ist –, was ihn aber nicht davon abhält, den Satz auszusprechen, der ihm bereits auf den Lippen liegt: »Welche gefällt Ihnen?«

Darf ich »keine« sagen? Mal abgesehen von der Tatsache, dass der Laden ein Bestandteil meines Lebens und meiner Zukunft ist, den ich nun mal nicht ändern kann, liebt meine Mom ihn, nicht ich. »Ich neige zu den ewigen Schreihälsen.«

»Wie bitte?«

Ich zeige auf die Porzellanversion eines brüllenden Babys; den Mund hat es zu einem stummen Schrei weit geöffnet, die Augen fest zusammengekniffen. »Ich hab’s lieber, wenn ich ihnen nicht in die Augen sehen muss. Augen können viel ausdrücken. Die da zum Beispiel: ›Ich will deine Seele, kehr mir ja nicht den Rücken zu.‹«

Ich werde mit einem Lächeln belohnt, das all die harten, arroganten Kanten aus seinem Gesicht nimmt und ihn ausgesprochen attraktiv erscheinen lässt. Das Lächeln sollte er sich angewöhnen. Aber bevor ich den Gedanken überhaupt zu Ende gedacht habe, ist es verschwunden.

»Der Geburtstag meiner Grandma steht an und ich soll für sie eine Puppe aussuchen.«

»Da kann man nichts falsch machen. Wenn sie Porzellanpuppen mag, werden ihr die hier alle gefallen.«

Er schaut wieder auf die Regale voller Puppen. »Warum denn die Schreihälse? Warum nicht die Schläfer?« Er zeigt auf ein friedlich schlafendes Baby; eine rosa Schleife hält die blonden Locken zusammen, seine Hände hat es unters Kinn gesteckt, das Gesicht ist entspannt.

Ich betrachte es und vergleiche es mit dem Schreihals neben ihm. Das Baby mit den geballten Fäusten, den zusammengekrallten Zehen und den Wangen, die vor Zorn rosa angelaufen sind.

»Weil das mein Leben ist: Schreien, ohne einen Laut von mir zu geben.« Okay, das sage ich natürlich nicht laut. Ich denke es. In Wirklichkeit antworte ich: »Beide gehen.« Denn wenn es eins gibt, was ich von Kunden gelernt habe, dann dass sie nicht wirklich deine Meinung hören wollen. Sie wollen nur Bestätigung. Wenn Mr Rich das schlafende Baby für Grandma haben möchte, warum sollte ausgerechnet ich ihn davon abhalten?

Er schüttelt seinen Kopf, als wollte er einen Gedanken vertreiben, und zeigt auf ein völlig anderes Regal, das mit den Puppen der Sorte Seelenfresser. Das Mädchen, auf das er zeigt, steckt in einer karierten Schuluniform und hält einen schwarzen Scottish Terrier an der Leine. »Ich schätze mal, die hier wird passen. Sie mag Hunde.«

»Wer? Deine Großmutter oder« – ich kneife die Augen zusammen, um das Namenschild der Puppe zu lesen, – »Peggy?«

»Dass Peggy Hunde mag, ist ja wohl offensichtlich«, sagt er und ein kleines Lächeln erscheint auf seinen Lippen. »Ich meinte meine Großmutter.«

Ich öffne den unteren Schrank, um nach dem Karton der Puppe zu suchen. Ich ziehe ihn heraus, nehme vorsichtig das Mädchen und seinen Hund mitsamt seinem Namenschild aus dem Regal und bringe alles zur Kasse. Während ich die Puppe behutsam einpacke, zeigt Mr Rich auf sie. »Warum hat der Hund keinen Namen?« Er zitiert die Aufschrift auf dem Karton: »Peggy und Hund.«

»Weil Leute Tiere gerne nach ihren geliebten Haustieren benennen.«

»Echt jetzt?«

»Nein. Keine Ahnung. Ich kann dir die Telefonnummer von Peggys Schöpferin geben, falls du dich erkundigen möchtest.«

»Du hast wirklich die Telefonnummer von ihr?«

»Nein.« Ich tippe den Preis in die Kasse ein und drücke auf Summe.

»Du bist nicht leicht zu durchschauen«, sagt er.

Warum will er mich durchschauen? Wir unterhalten uns über Puppen!

Er reicht mir eine Kreditkarte und ich ziehe sie durch den Scanner. »Xander Spence« steht auf der Karte. Wird Xander wie »S-ander« oder wie »Ks-ander« ausgesprochen? Ich werde ihn nicht fragen. Es ist mir egal. Ich bin schon freundlich genug gewesen. Mit unserem Wortwechsel hätte ich mir nicht mal eine Mom-Predigt eingehandelt, wäre sie im Laden gewesen. Meine Mom ist viel besser als ich darin, ihre Abneigungen zu verstecken. Sie versteckt sie sogar vor mir. Jahrelange Übung eben.

Sein Handy klingelt und er zieht es aus der Hosentasche. »Hallo?«

Während ich darauf warte, dass das Kreditkartenlesegerät den Beleg ausdruckt, öffne ich die Schublade unter der Kasse und lege das Namensschild zu den anderen, die wir in diesem Monat verkauft haben. Das ist unser System für die Nachbestellungen.

»Ja. Ich habe eine gefunden. Mit Hund.« Er hört eine Minute zu. »Nein. Sie ist kein Hund. Sie hat einen Hund. Die Puppe hat einen Hund.« Er dreht den Karton um und schaut auf das Bild von Peggy, weil die echte Peggy schon eingepackt ist. »Vermutlich ist sie süß.« Er schaut mich an und zieht die Schultern hoch, als wollte er fragen, ob ich zustimme. Ich nicke. Peggy ist definitiv süß.

»Ja, das Mädel hinter der Kasse hat es bestätigt. Sie ist süß.«

Mir ist schon klar, dass er nicht mich damit meinte, aber die Art, wie er das »sie« betont hat, klang so, als fände er mich süß. Ich schaue nach unten, reiße den Kassenzettel ab und halte ihm dann einen Stift hin, damit er unterschreiben kann. Er erledigt es mit einer Hand. Ich vergleiche die Unterschrift mit der auf der Karte und gebe sie ihm dann zurück.

»Nein, nicht das … ich meine, sie auch, aber … ach, du weißt schon, was ich meine. Alles bestens. Bin gleich wieder zu Hause.« Er seufzt. »Ja, ich meine, nachdem ich beim Bäcker war. Erinnere mich daran, dass ich das nächste Mal flüchte, wenn deine Assistentin ihren freien Tag hat.« Er kneift seine Augen zu. »So hab ich das nicht gemeint. Ja, natürlich weiß ich so mehr zu schätzen, was ich hab. Okay, Mom, wir sehen uns gleich. Bye.«

Ich gebe ihm die Tüte mit der Puppe.

»Danke für deine Hilfe.«

»Kein Problem.«

Er nimmt sich eine Visitenkarte aus der Box neben der Kasse und beäugt sie für einen Moment kritisch. »Und mehr?«

Unser Laden heißt »Puppen und mehr«. Er stellt die gleiche Frage wie alle anderen, die in den Laden kommen und nur Puppen sehen. Ich nicke. »Puppen und mehr Puppen.«

Er schaut mich fragend an.

»Wir haben früher auch Armbänder mit Anhängern und Stofftiere verkauft, aber die Puppen sind eifersüchtig geworden.«

Er wirft mir einen Blick zu nach dem Motto Ist das dein Ernst? Anscheinend ist er bei noch keinem seiner »Schau mal beim gemeinen Volk vorbei, um das Leben mehr zu schätzen«-Ausflüge auf jemanden wie mich getroffen. »Lass mich raten, die Puppen haben damit gedroht, dir deine Seele zu stehlen, wenn du dich ihren Wünschen nicht fügst.«

»Nein, sie haben damit gedroht, die Seelen unserer ehemaligen Kunden wieder freizulassen. Das konnten wir nicht riskieren.«

Er lacht, was mich überrascht. Ich habe das Gefühl, als wäre mir etwas gelungen, was nicht viele schaffen, und ich muss gegen meinen Willen lächeln.

Ich deute mit dem Kopf auf die Visitenkarte. »Meine Mom mag die Puppen am liebsten. Sie hatte die Nase voll von Stoffmäusen.« Außerdem konnten wir es uns nicht mehr leisten. Irgendetwas von dem Zeug hatte verschwinden müssen und die Puppen waren es natürlich nicht. Und weil wir ewig pleite sind (sprich, wir verdienen kaum genug, um uns über Wasser zu halten), änderten wir den Namen des Ladens ebenso wenig wie die Visitenkarten.

Er drückt seinen Zeigefinger auf die Karte. »Susan? Ist das deine Mom?«

Das ist auch schon alles, was draufsteht – ihr Vorname mit ihrer Telefonnummer, als wäre sie eine Stripperin oder so. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn sie jemandem außerhalb des Ladens eine Visitenkarte gibt. »Ja, richtig.«

»Und du bist?« Er schaut mir in die Augen.

»Ihre Tochter.« Mir ist klar, dass er nach meinem Namen gefragt hat, aber den will ich ihm nicht verraten. Das Erste, was ich über die Reichen gelernt habe, ist, dass sie das gemeine Volk für eine angenehme Ablenkung halten, sich aber niemals, niemals auf irgendetwas Echtes mit seinen Vertretern einlassen würden. Und das ist mir nur recht. Die Reichen gehören einer anderen Spezies an, die ich mir nur aus sicherer Entfernung ansehe. Ich verkehre nicht mit ihnen.

Er legt die Karte wieder zurück und geht ein paar Schritte rückwärts. »Weißt du, wo Eddie’s Bakery ist?«

»Zwei Blöcke die Straße runter. Aber pass auf. In ihre Blaubeermuffins mischen sie irgendeine Substanz, die süchtig macht.«

Er nickt. »Hab’s mir notiert.«

2.

Nein, wir haben keine Barbiepuppen im Sortiment, nur Porzellanpuppen«, sage ich zum fünften Mal ins Telefon. Die Frau hört mir nicht zu. Sie regt sich gerade wahnsinnig auf, dass ihre Tochter sterben wird, wenn sie es nicht schafft, die Feenkönigin aufzutreiben. »Verstehe. Vielleicht sollten Sie’s bei Walmart versuchen.«

»Hab ich schon. Sie sind ausverkauft.« Sie nuschelt irgendetwas von wegen, dass sie dachte, wir seien ein Puppengeschäft, und beendet das Gespräch dann einfach.

Ich lege das Telefon weg und schaue Skye mit rollenden Augen an. Sie hat nichts mitbekommen, weil sie auf dem Fußboden liegt, ihre Kette in die Luft hält und zusieht, wie sie hin- und herschwingt.

Skye Lockwood ist meine einzige richtige Freundin. Nicht, weil die anderen an meiner Highschool gemein wären oder so. Sie merken einfach nicht, dass es mich gibt. Wenn man schon vor der Mittagspause die Schule verlässt und nie bei irgendeiner ihrer Veranstaltungen auftaucht, ist das auch nicht besonders schwer.

Skye ist ein paar Jahre älter als ich und arbeitet nebenan in einem Laden, der von dem »mehr« jede Menge verkauft. Es ist ein Antiquitätengeschäft, das sich »Die Schatzgrube« nennt und das ich »Die Müllhalde« getauft habe. Aber die Leute lieben diesen Laden.

Rein biologisch könnte man es so beschreiben: Skye ist der Wirt und ich ihr Parasit. Sie hat ein Leben. Ich tue so, als wäre es meins. Anders gesagt: Sie hat Stil – sie steht auf bestimmte Musik und ausgewählte Vintage-Klamotten und schräge Frisuren – und ich gebe vor, all das genauso toll zu finden. Nicht, dass ich die Sachen nicht mag; sie sind mir nur einfach egal. Aber ich mag Skye, warum also nicht einfach mitmachen? Ganz besonders, weil ich keine Ahnung habe, was mir wirklich gefällt.

Ich seufze und mache einen Schritt über sie drüber. »Hast du schon den Sinn des Lebens entdeckt?« Skye benutzt oft den Fußboden unseres Ladens für ihre philosophischen Betrachtungen (eine elegante Umschreibung für: Selbstgespräche).

Sie stöhnt und legt ihre Hand auf ihre Stirn. »Wenn ich denn zum College gehen würde – was soll ich überhaupt studieren?« Skye würde am liebsten für immer in dem Souvenirladen arbeiten, aber das Collegestudium ist ihrem Hatnie-studiert-und-ist-deswegen-jetzt-Leiter-eines-Beerdigungsinstituts-Vater wichtig.

»Jammern?«

»Haha.« Sie setzt sich auf. »Was willst du denn studieren, wenn du fertig bist?«

Keine Ahnung. »Die Langzeitwirkung philosophischer Betrachtungen.«

»Wie wär’s mit ›Die Kunst des Sarkasmus‹?«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in diesem Fach schon so etwas wie ein Diplom erworben habe.«

»Aber mal im Ernst, was willst du studieren?«

Diese Worte höre ich ständig: »Aber mal im Ernst«, oder: »Ganz ernsthaft«, oder: »Spaß beiseite.« So etwas sagt jemand, der eine klare Antwort haben will. Und die will ich nicht geben.

»Ich hab mir noch nicht so Gedanken darüber gemacht. Wahrscheinlich werde ich mein Hauptfach erst später wählen.«

Sie legt sich wieder hin. »Ja, das ist vielleicht eine gute Idee. Dann finden wir das Richtige, wenn wir in den Vorlesungen sitzen.« Unvermittelt richtet sie sich auf und schnappt nach Luft.

»Was denn?«

»Wir sollten zusammen studieren! Nächstes Jahr. Du und ich. Das wäre doch super!«

Ich hab ihr eine Million Mal gesagt, dass ich nächstes Jahr nicht aufs College gehen werde. Meine Mutter wird zwar absolut dagegen sein (weshalb ich ihr nichts davon gesagt habe), aber ich werde ein oder zwei Jahre aussetzen, damit ich ganztägig im Laden aushelfen kann. Aber Skye sieht so glücklich aus, dass ich einfach nur lächele und ihr unverbindlich zunicke.

Sie fängt an, ein spontan gedichtetes Lied zu singen: »Caymen und ich – gehen aufs College! Finden das Richtige …« Ihre Stimme wird leiser und geht in ein fröhliches Summen über, als sie sich wieder zurücksinken lässt.

Ein paar kleine Mädchen, die vorhin den Laden verlassen haben, haben alles durcheinandergebracht. Meine Mom lässt sich nicht von der Theorie abbringen, dass Kunden sich schneller in die Puppen verlieben, wenn sie ihren Namen wissen. Deshalb steht vor jeder Puppe ein Namensschild. Und die sind jetzt vertauscht oder liegen verkehrt herum. Es ist wirklich traurig, dass ich weiß, dass Bethanys Namensschild vor Susie steht. Wirklich. Wirklich. Traurig.

Skyes Handy klingelt. »Hallo? … Nein. Ich bin im ›Kleinen Horrorladen‹.« So nennt sie unser Geschäft.

Für eine Weile ist es still, dann sagt sie: »Ich wusste nicht, dass du vorbeikommen wolltest.« Sie richtet sich auf und lehnt sich an die Ladentheke. »Hast du? Wann?« Sie wickelt eine Haarsträhne um ihren Finger. »Na ja, während des Konzerts bin ich irgendwie abgedriftet.« Skyes Stimme passt zu ihrem Namen, leicht und luftig, was alles, das aus ihrem Mund kommt, süß und unschuldig klingen lässt. »Du bist also immer noch hier?« Sie läuft um Puppenwiegen und die mit Stoff überzogenen Tische herum zum Schaufenster und späht hinaus. »Ich kann dich sehen … ich bin nebenan im Puppenladen. Komm rüber.« Sie steckt das Handy ein.

»Wer war das?«

»Mein Freund.«

»Dein Freund. Bedeutet das, dass ich ihn endlich kennenlernen darf?«

Sie lächelt. »Ja, und gleich wirst du sehen, warum ich keine Sekunde gezögert habe, als er mich letzte Woche gefragt hat, ob wir ausgehen wollen.« Sie reißt die Ladentür auf und die Glocke fliegt praktisch aus ihrer Halterung. »Hey, Baby.«

Er umarmt sie und dann stellt sie sich neben ihn. »Caymen, das ist Henry. Henry, Caymen.«

Ich hab keine Ahnung, ob ich nicht genau genug hinsehe, aber ich kann definitiv nichts Besonderes an ihm feststellen. Er ist hager, hat lange, fettige Haare und eine spitze Nase. Eine Sonnenbrille hängt im Ausschnitt seines T-Shirts mit Bandlogo und eine lange Kette, die an seiner Gürtelschnalle befestigt ist, baumelt an seinem Bein herunter und verschwindet in der Gesäßtasche. Ohne es zu wollen, rechne ich aus, wie viele Schritte er gebraucht hat, um von Skyes Laden zu unserem zu kommen, und wie oft ihm diese Kette wohl gegen das Bein geknallt sein muss.

»Ey, was geht?«, sagt er. Im Ernst. Das sagt er wirklich.

»Äh … nichts?«

Skye grinst mich breit mit einem Lächeln der Sorte Siehst du, ich wusste doch, dass du ihn toll finden würdest an. Skye schafft es, auch noch einer ertrunkenen Ratte etwas Positives abzugewinnen, aber ich versuche immer noch zu begreifen, wie das hier passieren konnte. Skye ist schön. Nicht auf herkömmliche Weise schön. Tatsächlich bleiben die Leute stehen, um sie anzustarren, erst wegen ihrer zerzausten blonden Haare mit rosa Spitzen, dem Diamantenstecker in ihrem Kinn und ihrer verrückten Klamotten, aber dann, weil sie schön ist mit ihren unglaublich blauen Augen und diesem zierlichen Körperbau.

Henry geht jetzt durch den Laden und schaut sich alle Puppen an. »Mann, echt schräg.«

»Ich weiß. Beim ersten Mal ist das ein bisschen viel.«

Ich schaue mich um. Viel trifft es. Überall sind Puppen, ein Meer von Farben und Gesichtsausdrücken. Sie alle starren uns an.

Die Puppen stehen und sitzen nicht nur in den Regalen an den Wänden, auch der Rest des Ladens ist ein Labyrinth aus Tischen und Wiegen und Kinderwagen und noch mehr Puppen. Im Brandfall gibt es keinen direkten Weg nach draußen. Ich würde auf meiner Flucht ins Freie Babys aus dem Weg schubsen müssen. Babys aus Porzellan, aber immerhin.

Henry geht auf eine Puppe zu, die einen Schottenrock trägt. »Aislyn«, sagt er, während er ihr Namensschild liest. »So ein Outfit habe ich auch. Diese Puppe sollte ich kaufen, dann können wir gemeinsam auf Tournee gehen.«

»Und Dudelsack spielen?«, frage ich.

Er wirft mir einen verwirrten Blick zu. »Nee. Ich bin Gitarrist bei den Crusty Toads.«

Den Muffelkröten? Wie passend. Allerdings erklärt das, warum Skye sich mit ihm abgibt. Sie hat eine Schwäche für Musiker. Aber sie könnte sich ganz andere Typen angeln, nicht jemanden, der aussieht, als hätte er als Inspiration für den Namen seiner Band gedient.

»Cry, bist du so weit?«

»Jup.«

Cry? Ich werde sie später danach fragen.

»Wir sehen uns, Caveman«, sagt er mit einem schallenden Lachen, als hätte er sich den Witz bis jetzt aufgespart.

Jedenfalls konnte ich es mir sparen, wegen Cry nachzufragen. Er gehört zu dieser Sorte von Typen, die einen sofort mit einem Spitznamen beglücken.

»Tschüss« – Muffelkröte – »Henry.«

Meine Mom kommt durch die Hintertür, als die beiden gerade vorne hinausgehen. Sie trägt in beiden Händen Einkaufstüten. »Caymen, ich hab noch ein paar Tüten im Auto, kannst du sie bitte reinholen?« Sie steuert direkt auf die Treppe zu.

»Du willst, dass ich den Laden verlasse?« Die Frage klingt merkwürdig, aber mit dem Verlassen des Verkaufsraums nimmt sie es sehr genau. Erstens, weil unsere Puppen teuer sind. Falls irgendeine von ihnen je gestohlen werden sollte, gäbe es ein Riesendrama. Wir haben weder Videoüberwachung noch Alarmanlage im Laden – das wäre zu teuer. Zweitens ist der Kunde für Mom König. Wenn jemand reinkommt, muss er sofort begrüßt werden.

»Ja. Bitte.« Sie klingt außer Atem. Meine Mom, die Yoga-Queen, ist außer Atem? Ist sie joggen gewesen?

»Okay.« Ich werfe einen Blick auf die Tür, um mich zu vergewissern, dass gerade niemand kommt, und gehe dann durch die Hintertür nach draußen, um die restlichen Tüten zu holen. Ich bringe sie nach oben, steige über die Taschen, die Mom gleich hinter der Tür abgestellt hat, und lege alles auf die Küchentheke unserer Puppenstubenküche. Wirklich, sie sind unser Lebensinhalt: Puppen. Wir verkaufen sie. Wir leben in ihrem Haus … jedenfalls was die Größe betrifft: drei winzige Zimmer, ein Badezimmer, Miniaturküche. Und ich bin überzeugt, dass die Größe der Wohnung der Hauptgrund dafür ist, dass meine Mom und ich uns so nahestehen. Ich schiele um die Wand herum und sehe, wie meine Mom sich auf dem Sofa ausgestreckt hat.

»Alles okay, Mom?«

Sie richtet sich etwas auf, bleibt aber liegen. »Bloß erschöpft. Bin heute Morgen besonders früh aufgestanden.«

Ich fange an, die Einkaufstüten auszupacken, und stelle das Fleisch und das gefrorene Apfelsaftkonzentrat in den Kühlschrank. Vor Jahren hab ich meine Mom mal gefragt, ob wir nicht richtigen Apfelsaft kaufen können, und sie hat gemeint, dass er zu teuer sei. Ich war sechs. Damals wurde mir zum ersten Mal klar, dass wir arm sind. Es war definitiv nicht das letzte Mal.

»Ach Süße, kümmere dich nicht ums Auspacken. Ich mach das gleich. Kannst du wieder runter in den Laden gehen?«

»Klar.« Auf dem Weg zur Tür schnappe ich mir die restlichen Tüten, stelle sie ebenfalls auf die Küchentheke und gehe runter. Mein Gehirn braucht den ganzen Weg die Treppe hinunter, um sich daran zu erinnern, dass meine Mom heute Morgen, als ich zur Schule gegangen bin, immer noch im Bett lag. Und das sollte »sehr frühes« Aufstehen gewesen sein? Ich werfe einen Blick über die Schulter die Treppe hoch und bin versucht, umzudrehen und sie zur Rede zu stellen. Aber ich lasse es. Ich nehme meinen Platz hinter der Ladentheke ein, hole meine Englischlektüre heraus und hebe meinen Blick erst wieder, als die Glocke an der Ladentür bimmelt.

3.

Eine meiner absoluten Lieblingskundinnen kommt durch die Tür. Sie ist schon älter, aber witzig und scharfsinnig. Ihre Haare sind tiefrot oder gehen ins Lilafarbene, je nachdem wie lange die letzte Tönung zurückliegt. Und immer trägt sie einen Schal, egal wie heiß es draußen ist. Jetzt allerdings, im Herbst, ist der Schal sogar passend; der von heute ist knallorange mit lilafarbenen Blumen.

»Caymen«, sagt sie mit einem Lächeln.

»Hi Mrs Dalton.«

»Süße, ist deine Mom heute da?«

»Sie ist oben. Soll ich sie holen oder kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Ich hatte eine Sonderbestellung aufgegeben und wüsste gerne, ob sie schon eingetroffen ist.«

»Ich schaue mal eben nach.« Ich nehme einen Ordner aus der Schublade unter der Kasse, in dem die Bestellungen aufgelistet sind. Mrs Daltons Name ist einfach zu finden, weil es nur wenige Einträge gibt, und die meisten davon sind ihre. »Sieht so aus, als sollte die Puppe morgen eintreffen, aber lassen Sie mich kurz nachfragen, damit Sie nicht umsonst kommen.« Ich greife zum Telefon und erfahre, dass die Bestellung nicht vor morgen Nachmittag kommen wird.

»Es tut mir leid, dass ich dich damit behelligt habe. Das hatte mir deine Mutter auch gesagt. Ich hatte bloß gehofft, die Puppe wäre schon da.« Sie lächelt. »Sie ist für meine Enkeltochter. Sie hat in ein paar Wochen Geburtstag.«

»Wie schön. Ich bin sicher, dass sie die Puppe toll finden wird. Wie alt wird die glückliche Kleine denn?«

»Sechzehn.«

»Oh. Die glückliche … Große.« Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll, ohne unhöflich zu klingen.

Mrs. Dalton lacht. »Keine Sorge, Caymen, sie bekommt noch etwas anderes. Dieses Geschenk ist mehr dazu gedacht, ihrer Grandma Spaß zu machen. Seit sie ein Jahr alt geworden ist, hat sie jedes Jahr von mir eine Puppe bekommen. Es fällt mir schwer, mit einer Tradition zu brechen, egal wie alt die Kinder werden.«

»Meine Mutter dankt es Ihnen.«

Mrs Dalton lacht. Sie versteht meine Witze. Vielleicht, weil ihr Humor genauso trocken ist.

»Sie ist das einzige Mädchen, deswegen verwöhne ich sie nach Strich und Faden.«

»Gibt es bei den Jungs auch eine Tradition?«

»Einen Tritt in den Hintern.«

»Großartige Tradition. Ich finde, Sie sollten ihnen auch eine Puppe zum Geburtstag schenken. Wahrscheinlich fühlen sie sich übergangen.«

Sie lacht. »Das müsste ich mal ausprobieren.« Sie wirft dem Ordner auf der Ladentheke einen sehnsüchtigen Blick zu, als wünschte sie, das Datum würde plötzlich umspringen und ihre Puppe herbeizaubern. Sie öffnet ihre Handtasche und wühlt darin herum. »Wie geht’s Susan?«

Ich schiele kurz nach hinten, als würde meine Mom bei der bloßen Erwähnung ihres Namen die Treppe herunterkommen. »Ihr geht’s gut.«

Sie holt ein kleines rotes Büchlein heraus und blättert darin. »Morgen Nachmittag hast du gesagt?« Ich nicke.

»Oh nein, das klappt nicht. Da habe ich einen Termin beim Friseur.«

»Das ist schon in Ordnung. Wir legen sie für Sie zurück, bis Sie kommen. Sie können sie Mittwoch oder auch an jedem anderen Tag diese Woche abholen. Wie es Ihnen am besten passt.«

Sie nimmt sich den schwarzen Kuli von der Ladentheke und notiert sich etwas in ihrem Büchlein. »Vielleicht schicke ich jemanden vorbei, der sie für mich abholt. Wäre das möglich?«

»Selbstverständlich.«

»Sein Name ist Alex.«

Ich notiere mir den Namen auf dem Bestellschein. »Alles klar.«

Sie greift nach meiner Hand und drückt sie mit beiden Händen. »Du bist so ein tüchtiges Mädchen, Caymen. Ich bin froh, dass du für deine Mom da bist.«

Manchmal frage ich mich, wie viel meine Mom eigentlich unseren Kunden erzählt. Was wissen sie über uns? Wussten sie von meinem Vater? Als verwöhnter Sohn aus reichem Elternhaus hatte er sich schneller aus dem Staub gemacht, als meine Mom sagen konnte: »Ich bin schwanger, was nun?« Seine Eltern hatten sie genötigt, eine Vereinbarung zu unterschreiben, deren Inhalt sie nicht verstand und in der praktisch stand, dass sie auf jegliche Unterhaltszahlungen verzichtete. Sie hatten ihr Schweigegeld gegeben, aus dem dann irgendwann das Startkapital für den Laden wurde. Und das ist der Grund, warum ich nicht das geringste Bedürfnis habe, mit dieser Perle von einem Vater Kontakt aufzunehmen. Nicht, dass er es je versucht hätte.

Okay, vielleicht habe ich doch dieses Bedürfnis. Aber nachdem, was er meiner Mutter angetan hat, fühlt es sich falsch an.

Ich drücke Mrs Daltons Hand. »Ach, Sie kennen mich doch. Ich will den Preis für die beste Tochter im Universum gewinnen. Ich hab gehört, dass dieses Jahr eine Tasse drin sein soll.«

Sie lächelt. »Ich glaub, den Preis hast du schon längst gewonnen.«

Ich verdrehe die Augen. Sie streichelt mir über die Hand und verlässt den Laden, nicht ohne jedoch vorher noch ein bisschen herumgestöbert zu haben.

Ich mache es mir wieder auf dem Hocker bequem und lese weiter. Als es sieben wird, wandert mein Blick zum gefühlten hunderttausendsten Mal zur Treppe. Meine Mom ist nicht nach unten gekommen. Das passiert selten. Wenn sie zu Hause ist, lässt sie mich fast nie hier unten allein. Nachdem ich abgeschlossen, die Jalousien runtergelassen und das Licht ausgemacht habe, schnappe ich mir den Stapel mit der Post und gehe nach oben.

Im Haus riecht es köstlich. Nach süßen gekochten Karotten und Kartoffelbrei mit Soße.

Meine Mom steht am Herd und rührt die Soße. Als ich sie begrüßen will, sagt sie: »Ich weiß. Und das ist das Problem.«

Sie telefoniert. Ich gehe in mein Zimmer, um meine Schuhe auszuziehen. Auf halbem Weg durch den Flur höre ich sie sagen: »Ach bitte. Die leben doch nicht hier, um sich unter das Volk zu mischen.«

Bestimmt unterhält sie sich mit ihrer besten Freundin. Sie hat keine Ahnung, dass ich schon jede Menge solcher Gespräche mitbekommen habe. In meinem Zimmer schleudere ich die Schuhe von den Füßen und gehe zurück in die Küche.

»Riecht lecker, Mom«, sage ich.

Sie zuckt zusammen. »Na gut, Caymen ist gerade reingekommen«, sagt sie. »Ich muss Schluss machen.« Sie lacht über irgendetwas, was ihre Freundin gesagt hat. Ihr Lachen klingt melodiös.

Die Küche mag es nicht, wenn sich zwei Menschen auf einmal in ihr aufhalten und stößt mir deshalb ständig die Kanten der Küchentheke und Schubladengriffe in die Hüften und den Po. Weil wir beide sowieso nicht gleichzeitig hier hineinpassen, gehe ich um die Küchentheke herum in die kleine Essecke.

»Tut mir leid, dass ich nicht nach unten gekommen bin«, sagt Mom, nachdem sie aufgelegt hat. »Ich dachte, ich koche uns was. Das hab ich schon lange nicht mehr gemacht.«

Ich setze mich und blättere die Post durch, die ich mit nach oben gebracht habe. »Irgendein Anlass?«

»Nein. Einfach nur so.«

»Danke, Mom!« Ich halte die Stromrechnung im rosa Umschlag hoch. Warum nimmt man für Mahnungen die Farbe Rosa? Ist das wirklich die Farbe, die aller Welt (oder wenigstens dem Postboten) verkündet: Das hier sind totale Versager? Ich könnte mir vorstellen, dass Kotzgelb diese Ankündigung besser rüberbringen würde. »Achtundvierzig Stunden Frist.«

»Mist. Ist das die einzige?«

»Sieht so aus.«

»Okay. Ich erledige später die Online-Überweisung. Leg sie einfach auf die Küchentheke.«

Ich brauche nicht einmal aufzustehen, um an die Küchentheke zu kommen. Sie ist weniger als einen halben Meter vom Tisch entfernt. Meine Mom bringt zwei dampfende Teller und stellt einen davon vor mir ab. Beim Essen unterhalten wir uns.

»Ach Mom, ich hab total vergessen, dir von dem Typen zu erzählen, der vor ein paar Tagen in den Laden gekommen ist.«

»Ach ja?«

»Er hat mich herangewinkt.«

»Mit Sicherheit hat er bloß versucht, auf sich aufmerksam zu machen.«

Ich erzähle weiter. »Wie man lächelt, hat ihm auch niemand beigebracht, und an einer Stelle hat er verächtlich den Mund verzogen.«

»Ich hoffe ja, dass du das für dich behalten hast.« Sie nimmt einen Happen Kartoffelbrei.

»Nein, ich hab ihm gesagt, dass du nachmittags Kurse im Lachen unterrichtest. Ich glaube, er wollte morgen vorbeikommen.«

Ihre Augen blitzen auf, aber dann merkt sie, dass ich nur einen Witz gemacht habe, denn sie stößt einen Seufzer aus, auch wenn ich sehen kann, wie sie versucht, sich das Lachen zu verkneifen.

»Mrs Dalton war heute wieder da.«

Bei dieser Nachricht lächelt sie wirklich. »Letzte Woche auch schon. Sie ist immer ganz aufgeregt, wenn sie auf eine Puppe wartet.«

»Ich weiß. Ich finde es süß.« Ich räuspere mich und ziehe mit der Gabel lauter Furchen in meinen Kartoffelbrei, bevor ich meine Mom anschaue.

»Tut mir leid, dass ich dich heute unten im Stich gelassen habe. Der Schreibtischkram hat mich oben aufgehalten.«

»Ist schon okay.«

»Du weißt doch, wie sehr ich deine Hilfe schätze, oder?«

Ich zucke mit den Schultern. »Ist doch nichts dabei.«

»Für mich schon. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen sollte.«

»Ich glaube, du würdest dir jede Menge Katzen anschaffen.«

»Im Ernst? Du glaubst, ich wäre eine von diesen Frauen, die mit tausend Katzen zusammenleben?«

Ich nicke langsam. »Ja, Katzen oder Nussknacker.«

»Was? Nussknacker? Ich mag noch nicht einmal Nüsse.«

»Man braucht keine Nüsse zu mögen, um jede Menge Holzfiguren mit weit aufgeklappten Mündern zu sammeln.«

»Du glaubst, dass ich ohne dich ein völlig anderer Mensch wäre und eine Schwäche für Katzen und/oder Nussknacker hätte?«

Ohne mich würde sie ein völlig anderes Leben führen. Wahrscheinlich wäre sie aufs College gegangen und hätte geheiratet und wäre nicht von ihren Eltern auf die Straße gesetzt worden. »Aber klar. Hallo?! Ohne mich hättest du weder Spaß noch Liebe in deinem Leben. Du wärst ein gaaanz trauriger Fall.«

Sie lacht wieder. »Wie wahr.« Sie legt die Gabel auf ihren Teller und steht auf. »Bist du fertig?«

»Ja.«

Sie nimmt meinen Teller und stellt ihn auf ihren. Mir ist nicht entgangen, dass sie kaum etwas gegessen hat. Sie wäscht die Teller kurz in der Spüle ab.

»Mom, du hast gekocht. Ich kümmer mich um den Abwasch.«

»Okay, danke, Liebes. Ich glaube, ich gehe ins Bett und lese.«

Der Abwasch kostet mich gerade mal zwanzig Minuten. Auf dem Weg in mein Zimmer schaue ich bei meiner Mom vorbei, um Gute Nacht zu sagen. Auf ihrer Brust liegt ein aufgeschlagenes Buch und sie schläft tief und fest. Sie war heute also tatsächlich müde. Vielleicht ist sie doch früh aufgestanden, um Sport zu machen oder so, und ist dann wieder schlafen gegangen. Ich schließe das Buch, lege es auf ihren Nachttisch und lösche das Licht.

4.

Als ich am nächsten Tag nach der Schule in den Laden komme, sehe ich zu meinem großen Erstaunen einen Mann am Tresen. Er ist dunkel gekleidet, hat einen dunklen kurz rasierten Bart und seine Haut ist dunkelbraun. »Dunkel« scheint hier das Motto zu sein, ja, er scheint Dunkelheit geradezu auszuströmen und trotzdem sind die Wangen meiner Mom rosa angelaufen und sie lächelt. Als die Glocke an der Tür bimmelt, schauen beide hoch.

»Hi Caymen«, sagt meine Mom.

»Hi.«

»Okay, wir sehen uns, Susan«, sagt der fremde Mann.

Meine Mom nickt.

Er verlässt den Laden und ich frage: »Wer war das?« Ich verstaue meinen Rucksack unter der Kasse. »Alex?«

»Wer ist Alex?«

»Der Typ, der die Puppe für Mrs Dalton abholen soll.«

»Oh nein, das war bloß ein Kunde.«

Na klar. Mein Blick folgt ihm, als er am Fenster vorbeiläuft. Ein Single um die vierzig soll ein Kunde sein. Beinahe mache ich eine entsprechende Bemerkung, als meine Mom sagt: »Gut, dass du hier bist. Ich muss noch vor eins ein paar Sachen zur Post bringen.« Sie schnappt sich zwei Pakete und einen Stapel Briefumschläge und geht zur Hintertür. »Oh, und Mrs Daltons Puppe liegt hinten.«

»Okay, bis später.«

Die Ladentür geht auf. Ich schaue hoch und erwarte schon fast den »Kunden« meiner Mom, der zurückgekommen ist, werde aber von einem schlecht gelaunten Henry begrüßt. Ich hab keine Ahnung, ob er geduscht hat oder ob es einen Typen tatsächlich attraktiver macht, wenn er mit einem Gitarrenkoffer herumläuft, jedenfalls kann ich plötzlich ein bisschen besser nachvollziehen, was Skye an ihm findet.

»Hey Caveman.«

Würg. Wahrscheinlich hat er meinen richtigen Namen vergessen. »Hi Kröte. Skye ist nicht hier.«

»Ich weiß. Ich wollte dir eigentlich auch nur ein Lied vorspielen, das ich für sie geschrieben habe. Vielleicht kannst du mir sagen, ob es ihr gefallen wird.«

»Okay. Klar doch.«

Er setzt sich auf den Boden und nimmt seine Gitarre aus dem Koffer. Mit dem Rücken lehnt er sich an ein Schränkchen, streckt sich und hockt sich dann in den Schneidersitz. Die Puppen in den beleuchteten Regalen und die Holzkrippe neben ihm lassen das Ganze wie eine Kulisse für ein schräges Musikvideo aussehen. Er schlägt ein paar Akkorde an, dann räuspert er sich und singt los.

Der Song ist ziemlich gut, wenn auch ein bisschen kitschig. Die Stelle, an der er singt, dass er ohne Skye sterben würde, bringt mich beinahe zum Lachen, aber ich schaffe es, ernst zu bleiben. Als der Song zu Ende ist, kann ich dann plötzlich wirklich verstehen, warum Skye ihn mag. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass ich ihn selbst ganz verträumt ansehe. Als dann ein Klatschen die Stille unterbricht, werde ich schlagartig rot.

Xander steht an der Ladentür. Heute sieht er sogar noch reicher aus. Perfekt gestyltes Haar, Designerklamotten und Gucci-Lederschuhe ohne Socken.

»Super Song«, sagt er zu Henry.

»Danke.« Henry schaut mich an.

»Ja, richtig toll«, bestätige ich.

Er atmet erleichtert auf und packt dann seine Gitarre ein. Ich wende mich Xander zu.

»Ich bin wieder auf einen Botengang geschickt worden«, sagt er.

»Wieder einer der Tage, an dem du dich unter die einfachen Leute mischst, um das Leben schätzen zu lernen?« Ich hätte schwören können, dass ich beim letzen Mal etwas Ähnliches gesagt habe, aber der verletzte Ausdruck in seinem Gesicht zeigt mir, dass ich es damals wohl bloß gedacht hatte. Na gut, war ja sowieso nur ein Witz (mehr oder weniger). Wenn er keinen Spaß versteht, ist das sein Problem.

»So in der Art«, murmelt er.

Henry steht auf. »Die schottische Puppe gehört mir, also lass die Finger davon.«

Xander hebt die Hände. »Kein Interesse.« Ich hab das Gefühl, dass Xander bei Henrys Bemerkung nicht nur an die Puppe im Schottenrock gedacht hat. Aber da Xander ja kein Interesse hat, spielt es sowieso keine Rolle.

Henry macht sich auf den Weg zur Tür. »Ich singe den Song am Freitagabend auf unserem Konzert. Kommt doch. Wir treten im Scream Shout auf. Zehn Uhr.« Das Scream Shout ist eine Kneipe, ungefähr fünf Blocks entfernt, in der einheimische Bands vor kleinem, meist betrunkenem Publikum gegen wenig oder gar keine Bezahlung auftreten. Gelegentlich schließe ich mich Skye an, aber es ist nicht wirklich mein Ding.

Xander schaut Henry nach. Dann dreht er sich wieder zu mir und macht ganz auf Geschäftsmann: »Meine Großmutter hat mich gebeten, eine Puppe abzuholen, die sie bestellt hat.«

»Deine Großmutter?« Ich schlage den Ordner auf und frage mich, ob ich eine Bestellung übersehen habe.

»Katherine Dalton.«

»Mrs Dalton ist deine Großmutter?«

»Warum überrascht dich das so sehr?«

Ich klappe meinen Mund wieder zu. Weil Mrs Dalton so lieb ist und so natürlich und ganz großartig und … Du dagegen nimmst dich so dermaßen wichtig, hast perfekt manikürte Nägel und deine Klamotten sind mit Geldscheinen gefüttert (oder wenigstens ist das die Ausrede, die ich ihm für seine gute Körperhaltung zugestehe). »Ich hatte einfach nur keine Ahnung.«

»Sie spricht also nie über ihren genialen Enkelsohn?«

»Ich hatte gedacht, sie würde Alex schicken.«

»Ich bin Alex.«

Ach so. Wie dämlich kann man nur sein? Beides steht natürlich für Alexander. »Nennst du dich jetzt Alex oder Xander?«

Ein arrogantes Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus, als hätte ich ihn gegoogelt oder so.

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