Logo weiterlesen.de
BLATTSPINAT & MANGOLD

Image

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Berliner Autoren Band
Blattspinat & Mangold
Berlin, 2016

Herstellung und Verlag:
tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7345-6463-5
Hardcover: 978-3-7345-6464-2
e-Book: 978-3-7345-6465-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

© 2016 Adrian Born

Vorwort

13 ist eine Glückszahl. Zumindest, wenn es um das Buch geht, dessen Vorwort Sie gerade lesen. Denn in diesem einzigartigen Band stellen sich Ihnen gleich 13 Berliner Autoren vor, mit ihrer Prosa und Poesie, die so bunt ist wie die Stadt selbst, in der sie wirken. Sogar ihre Lebensläufe stehen dem weltbekannten Vielfältigkeitsanspruch der „Bunteshauptstadt“ in nichts nach. Dabei sind, auszugsweise und in alphabetischer Reihenfolge: drei Ärzte und eine Arzthelferin, eine Bekleidungsdesignerin und ein Bundesnachrichtendienstler, ein Friedensforscher und eine Gewaltforscherin, ein Gabelstaplerfahrer und eine Heilpraktikerin, ein Historiker und eine Immobilienmaklerin, ein Imker und zwei Juristen, ein Lehrer und ein Literaturwissenschaftler, ein Marineoffizier und eine Pharmareferentin, zwei Politikwissenschaftler und zwei Redakteure, ein Regierungsdirektor und ein Rettungshelfer, eine Schauspielerin und zwei Soziologen, ein Studienrat und ein Weltenforscher und - nicht zuletzt - ein Zahnarzt. Und wenn Sie nun glauben, dass das keine 13 ergibt – so irren Sie sich. Das ist das Wunder dieses Buches und der Stadt, in der es entstand.

Freuen Sie sich auf Geschichten und Verse, die Ihnen das Altbekannte im neuen Licht erscheinen lassen, Sie in skurrile Welten entführen oder Ihnen einfach einen Mordsspaß bereiten werden.

Der Herausgeber

Thomas O. A. Beckmann

LOST IN DAHLEM

 

„Phosgen“, sagte der Stationsarzt, „Phosgen und - wahrscheinlich - Senfgas. Anders sind die Verätzungen nicht zu erklären. Augen, Lunge. Schwerwiegend. Das gab es hier seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr, schon gar nicht bei Frauen. Sie muss erst einmal die Nacht überstehen. Die nächsten Stunden sind entscheidend.“ Und: „Nein, Besucher können wir hier im Moment nicht gebrauchen, damit ist ihr nicht geholfen, uns wären Sie nur im Weg. Wenn die Patientin ...“ - der Mediziner stockte - „... selbst wenn sie ...“

Er machte eine quälend lange Pause.

„Para“, versuchte ich ihm weiter zu helfen, „meine Frau heißt Para-Katarina“.

„Ja, danke, selbst wenn ... also ihre Frau, wenn sie morgen noch leben sollte, sie wird nie wieder ...“

Schrill zerhackte der Pieper seine Sprachlosigkeit, übertünchte die fehlenden Worte.

„Entschuldigen Sie“, sagte der Arzt, „Notfall“ und steckte das Gerät zurück in seinen Kittel. Er verschwand hastig in der Intensivstation.

„... putzen können“, beendete ich seinen Satz in den sterilen Gang hinein. „Nie wieder.“

Also zurück ins Auto und zu unserem Haus, das wir seit drei Jahren bewohnten, in dem wir ernstlich sesshaft werden wollten.

Was, wenn sie die Nacht nicht überstehen würde? Was, wenn sie die Nacht - so geschädigt - überstehen würde? Beiden Alternativen fehlte jeder Charme.

„Die Route wird berechnet.“

Die Strecke zurück nach Dahlem fuhr ich wie in Trance. Wie immer lief das Navi, obwohl Para kaum anrufen konnte, um zu erfragen in wie vielen Minuten genau ich ankommen würde.

Was für einen Quatsch hatte sich der Stationsarzt da zusammengereimt?

Was war tatsächlich passiert, während Para heute allein im Haus war?

Lange bevor der Wecker hätte klingeln sollen, war ich an diesem Morgen aufgeschreckt, vom lauten Kreischen des Kobolds von „Vorwerk“, mit dem Para-Katarina durch die Wohnung tobte. Das grelle Licht hätte nicht sein müssen.

Mindestens zwei Stunden hätte ich noch Zeit für Schlaf gehabt, hatte die Ruhe dringend gebraucht.

Aus dem Augenwinkel nahm ich den leeren Platz des Staubsaugers in der Ecke neben dem Kleiderschrank wahr. Dort, wo von der Decke ein Dreamcatcher baumelte und neuerdings auch so ein klebriges Band, ein Fliegenfänger, wie ich ihn nur aus rustikalen Bauernhäusern kannte.

Der Versuch, meine Frau anzusprechen, scheiterte im Lärm des betagten, aber effektiven Staubsaugers. So wankte ich schlaftrunken ins eiskalte Bad. Das Fenster stand weit offen und ich schaltete das Licht kurz aus, um das Fenster ungesehen zu schließen.

Die Toilette war mit blauem Reiniger eingesprüht, sodass ich auch dafür direkt in die Dusche stieg. Erst als das Wasser schon lief, bemerkte ich dass hier ebenso alles voller Reinigungsmittel war und ich in chemisch-ätzendem, stechend riechendem Schaum stand, der sich am Abfluss nur zögerlich auflöste.

Nach einigen Minuten unter dem warmen Strahl der Dusche war ich milder gestimmt und nun bereit, dem Tag eine zweite Chance zu geben.

„Nehmen Sie im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt.“

Mein Griff um die Ecke, wo das Handtuch seinen Platz hatte, ging ins Leere.

Tropfnass stieg ich aus der Dusche auf die Stelle mit den kalten Bodenfliesen, wo die Matte hätte liegen sollen. Auch der Bademantel war nicht an seinem Platz, was wohl mit dem Rumpeln der Waschmaschine im Nebenraum zusammenhing.

Aus dem Badezimmerschrank zupfte ich ein großes Handtuch, wobei mir ein kleiner Block Zedernholz auf die Zehen fiel. Ich bückte mich danach und legte leicht schwindelig das Holz zurück zu den Tüchern und dem Leinensäckchen mit Lavendel.

„Nehmen Sie die dritte Ausfahrt.“

Ich wickelte mich in das Badetuch und tapste barfuß durch die Diele bis in die Küche, wo die Kaffeemaschine morgendlicheinladend prustete.

Ich griff mir einen Becher aus dem Schrank, füllte Milch und wenig Zucker ein. Als die heiße Flüssigkeit aus der Kanne dazu kam, war mir klar, woher der Geruch nach Apfelessig stammte.

Ich hatte mich dann rasch angezogen, zugegeben, etwas kurz angebunden verabschiedet, und war zum Büro gefahren.

„Bei der nächsten Gelegenheit bitte wenden.“ Das ist jetzt Quatsch, vielleicht ist da noch eine alte Baustelle im Navi gespeichert.

Mir war jedenfalls keine Kombination aus Toilettenreiniger, Essig und vielleicht Lavendel bekannt, die solche Folgen haben konnte.

„In 100 Metern bitte links abbiegen.“

Das Arsenal ihrer Reinigungsmittel ging allerdings erheblich darüber hinaus und ich mied inzwischen die entsprechenden Schränke und Kammern. Nur ein kleiner Teil davon wurde von ihr regelmäßig benötigt, wie: Glasreiniger, Fettlöser, Backofenreiniger, Anti-Pilz-Mittel, Mottenfallen, Küchenspray, Ameisenpulver, Armaturenschaum, Holzpolitur, Kunststoffreiniger, Kalklöser, Desinfektionsmittel, Feuchttücher, Geruchshemmer, verschiedene Imprägniersprays und Holzschutzmittel.

Das alles nutzt aber gar nichts, sagt sie immer, wenn man nicht die Grundregel der häuslichen Sauberkeit beachte, nämlich die Mechanik: Scheuern, Schrubben, Kratzen, Bürsten, Wischen, Putzen, Reiben, Schmirgeln. All das sei für ein perfektes Ergebnis untrennbar mit den richtigen Mitteln verbunden.

„Nehmen Sie die linke Fahrbahn.“ Kurz schreckte ich auf, als in einer Einfahrt Licht aufblitzte.

Immer neue Tipps, auch zu den Bezugsquellen, holte sich Para von einem Gärtner des botanischen Gartens. Sie hatte ihn um Rat gefragt, denn „es gebe da bei uns im Haus immer wieder kleine Hinterlassenschaften, vielleicht Kotspuren von irgendeinem winzigen Viech, das sie einfach nicht finden, aber auch nicht mit den üblichen Fallen oder Insektengift habe beseitigen können.“

Sie sagte nie, wo, sie sagte nicht, wann sie „etwas“ fand und ich nahm es hin, als fixe Idee. Eine Marotte, mit der sie immer wieder aufs Neue ausgefallene, nicht immer legale Reinigungstricks und Schädlingsbekämpfungsmethoden in Erfahrung brachte.

„Nach 300 Metern links abbiegen.“

Mit dem Wagen bog ich kurz darauf links in die Straße ein und bremste unwillkürlich ab, als unser Haus in Sichtweite kam: Blaulicht spiegelte sich blinkend auf Lack und Scheiben der Autos und in den Fenstern der Häuser. Absperrungen, Polizei, Einsatzwagen der Feuerwehr.

„Sie haben das Ziel erreicht.“

„Nein“, beschied mir ein dort postierter Polizist, ins Haus dürfe ich nicht, das werde frühestens in einigen Tagen freigegeben.

Und es gebe noch einiges zu klären, ich möge doch bitte direkt zur Befragung mit aufs Revier kommen.

Mir fehlte, noch dazu um diese Zeit, jede Energie und Motivation, den Polizisten irgendetwas zu erklären.

In der Handtasche meiner Frau seien Quittungen aus Luxemburg gefunden worden, über „Mirabelledrepp“ und „Schädlingsbekämpfungsmittel“.

Ja, sie war in Luxemburg. Ja, ohne mich. Nein, ich hatte keine Erklärung dafür. Und wozu das Ganze, es geht ja schließlich nicht um Schnaps oder Fliegenfänger.

Ging es wirklich nicht: Meine Frau hatte keuchend und orientierungslos, fast nackt und praktisch blind an der Straße gelegen, als Passanten sie fanden. Eine sehr alte Gasmaske lag auf der Treppe zum Haus.

In unserem Bad hatte der durch die Polizei alarmierte ABC-Zug der Feuerwehr eine Kartusche mit Kampfgas gefunden.

So eine, wie sie im Ersten Weltkrieg verwendet wurden.

Nein, dazu konnte ich erst recht nichts sagen. Konnte gar nichts mehr sagen. Wollte auch nicht eingestehen, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, was Para-Katarina in Luxemburg zu erledigen hatte. Es gehe um das Familieninteresse, hatte sie gesagt. „Diplomatie“ hatte sie das genannt, ich hatte vertraut.

Mein Hotelaufenthalt sollte nur eine kurze Episode werden, doch in der Zeit bis zur Freigabe der Leiche wurde von diesen „ABC-Schützen“ der Feuerwehr die dauerhafte Kontamination des gesamten Hauses festgestellt und es hatte sich für mich noch keine andere Bleibe ergeben.

Durch Anreicherung des Kontaktgiftes mit Wachsen, Harzen oder Kunststoffen entsteht Zäh-Lost1, das nicht nur in Ritzen und Ecken dringt, sondern fest an Materialien haften bleibt und so praktisch nicht zu entgiften ist.

Das sind die sesshaften Kampfstoffe.

Gerade eine solche Kartusche hatte unser Haus kontaminiert, vergiftet, in Besitz genommen. Hatte das für lebenslange Nutzung gedachte und sorgfältig ausgestattete Heim in eine hochtoxische Sperrzone verwandelt.

Nur die allerwichtigsten Unterlagen wurden auf meinen Wunsch und schriftlichen Antrag hin bei einem zwanzigminütigen Termin durch Einsatzkräfte in Schutzanzügen notdürftig abfotografiert.

Sonst blieb mir nichts aus dem Haus.

Bald schon werde ich eine günstigere Schlafgelegenheit brauchen, das Hotel verlassen, und mich auf etwas ganz anderes einrichten müssen.

Am Abend nach der Beerdigung öffne ich einige Umschläge und finde darunter einen Bußgeldbescheid für zu schnelles Fahren auf dem Rückweg von der Klinik. Und, das überrascht mich jetzt, offenbar war ich nicht angeschnallt gewesen.

Im Bad des Hotelzimmers mache ich mich für die Nacht zurecht. Nur aus Gewohnheit wische und trockne ich das Waschbecken mit zwei Tüchern. So, wie Para das zu Hause immer verlangt hatte.

Zuletzt reinige ich mir nochmals die Fingernägel.

Auf das reinweiße Porzellan fallen von der Spitze der Nagelfeile zwei winzige Schmutzkrümel. Sie verbleiben im Hotelwaschbecken als völlig bedeutungslose Hinterlassenschaften.

 

Thomas O. A. Beckmann

geboren im „Summer Of Love“ ist Gabelstaplerfahrer, Rettungshelfer, Imker, Industriekaufmann und hat statt Philosophie, Kunst und Geschichte doch nur Jura studiert. Nach seinem Start in der documenta-Stadt Kassel hat er gezielt möglichst unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, als Roadie bei Musicals, in Automobilwerken, in der High-End HiFi-Szene und mit der architektonischen Avantgarde. Er lebt, kocht und schreibt in Berlin. Um die Ecke zu denken ist für ihn an der Tagesordnung, Texte zu sezieren und an ihnen zu feilen Erfüllung. Regelmäßig moderiert Beckmann das „Autorenforum Berlin“. Nach einer markanten Serie von Kurzgeschichten, arbeitet er aktuell an seinem ersten Roman.

Theodor Ebert

KAMPFZONE HAUPTMANNSREUTE
(Aus der Kindheit eines Friedensforschers)

 

Angeregt durch die Erinnerungen von Hermann Lenz an Stuttgarter Ausblicke, an Straßen, Staffeln und Villen und auch im Gedanken daran, dass ich nach dem Tode meiner Mutter nicht mehr so häufig nach Stuttgart kommen und dort spazieren gehen könnte, hatte ich mir für den heutigen Morgen vorgenommen, noch einmal einen guten Teil des Schulweges zur Grundschule am Kräherwald zurückzulegen und einiges zu fotografieren und nebenbei in Stichworten die kleinen Geschichten zu notieren, die mir vor Ort wahrscheinlich wieder einfallen würden.

Der Clou unter diesen Erinnerungen vor Ort war die Wiederentdeckung der Gartentür und der Treppe des Hauses Hauptmannsreute 94 - schräg gegenüber der alten Villa Bosch an der Ecke zum Honoldweg.

Nur auf das Gartentor und auf die steile Treppe achtete ich. Die Treppe führte über zwei Absätze zur Haustür empor. Der erste Absatz kam gleich hinter dem Tor, der zweite lag weiter oben. Nun vor Ort erinnerte ich mich deutlich. Es hatte des Augenscheins bedurft. Der springende Punkt an der Hauptmannsreute 94 waren aber nicht die Absätze der Treppe, quadratische Zwischenplateaus, die in der Geschichte als Tatorte auch noch ihre Bedeutung hatten; es war in erster Linie das Gartentor. Dieses Tor hatte es uns ermöglicht, einen Bandenkrieg auszutragen nach dem Vorbild nordamerikanischer Indianer und Fallensteller.

So etwas wie Jugendgangs, wie man sie aus amerikanischen Filmen oder - positiv ins Deutsche gewendet - aus "Emil und die Detektive" kennt, gab es in meiner Kindheit nicht, wohl aber bildeten die ungefähr Gleichaltrigen einer Straße mehr oder weniger fest gefügte Gruppen, die sich zu gemeinsamen Spielen und vielleicht auch zu etwas weniger harmlosen Unternehmungen, dem sogenannten Unfug (wir selbst nannten es Streiche) locker verabredeten. Eine solche Gruppe, die sich selbst eine Bande nannte, gab es nicht nur in der Hauptmannsreute, sondern auch im Honoldweg, der gerade dort im rechten Winkel auf die Hauptmannsreute trifft, wo der Lilienthalweg dann steil zum Kräherwald ansteigt.

Die Honold-Bande hänselte und drangsalierte uns aus der Hauptmannsreute ohne Grund, gerade mal so, um ihre Überlegenheit zu beweisen. Wir fühlten uns ohnmächtig und hilflos. Der Anführer der Honold-Gruppe war einen Kopf größer und wahrscheinlich auch ein Jahr älter als wir. Mit vereinten Kräften hätten wir ihn wahrscheinlich bezwungen, denn er schien uns eher hochgeschossen denn kräftig zu sein. Was ihn jedoch unangreifbar machte, war der Umstand, dass er ständig von einem Schäferhund begleitet wurde und dass dieser dem Langen aufs Wort parierte.

Der Honold-Bande war mit dem Bizeps alleine nicht beizukommen, und so waren wir gezwungen, das Ende des Honoldweges und die Villa Bosch mit ihrem großen privaten Park zu meiden, obwohl wir die Angewohnheit hatten, über Zäune zu klettern und uns in den Gärten großer Grundstücke umzusehen. Das gehörte zu unseren Indianerspielen, für die es halt der „Jagdgründe“ bedurfte.

Tauchte jedoch der lange Lulatsch mit seinem Schäferhund auf, nahmen wir Reißaus. Die Honold-Bande merkte dies und machte sich hinfort einen Spaß daraus, uns zu jagen. Das war vorhersehbar, und wir Jungen aus der Hauptmannreute suchten nach einer Möglichkeit, doch einmal Stand zu halten und uns zur Wehr zu setzen. Und jetzt im Blick auf das Tor erinnerte ich mich wieder an die List, die uns Indianern zum Erfolg verholfen hatte.

Das Haus Hauptmannsreute 94 war noch etwas steiler als die anderen Häuser an den Hang gebaut und hatte zur Straße hin eine etwa drei Meter hohe Mauer aus Sandsteinquadern. In diese war ein aus Vierkantstäben geschmiedetes Tor eingefügt. Oben über das Tor zog sich noch einmal ein Band aus Sandsteinblöcken. Dahinter waren wir vor den Verfolgern sicher. Doch uns hinter das Tor zu flüchten und auf den Abzug der Feinde zu warten, war auf die Dauer keine Lösung.

Wir richteten es nun so ein, dass bei der nächsten Verfolgungsjagd nur ich und mein Freund Peter in den Eingang des Hauses Nr. 94 flohen, während die anderen aus der Hauptmannsreute - und das waren nur noch drei oder vier, darunter mein Bruder Manfred - vor dem Tore blieben.

Der lange Lulatsch rannte mir nach, hinter ihm Peter. Ich keuchte, war ich doch ziemlich dick. Doch in dem Moment, in dem der Lange das Tor passiert hatte, klappte Peter dieses von innen zu, sodass der Schäferhund, der von den anderen aus unserer Gruppe kurz abgelenkt worden war, bevor sie weiter flüchteten, ausgeschlossen blieb und nun bellend gegen das Gitter sprang.

Das war eine völlig neue Situation. Peter bewachte das Tor und sorgte dafür, dass es von außen nicht mehr geöffnet werden konnte. Ich drehte mich oben auf der Treppe um und erwartete eine Stufe oberhalb des zweiten Absatzes den Langen.

Dem nun folgenden Zweikampf ging sicher ein kurzer Wortwechsel voraus. Das gehörte sich so. Doch die Worte waren belanglos, da ich entschlossen war, ohne Verzug meine Position zu nutzen und die Sache auszukämpfen. Ich stand auf der Treppe in Augenhöhe mit dem Langen, schlang den rechten Arm um seinen Hals und drückte nach unten. Mein ganzes Körpergewicht warf ich auf ihn und ich war ein ziemlicher Brocken.

"In den Schwitzkasten!", schrie Peter, und das war es, was ich vorhatte. Du nimmst den Hals des anderen in die Ellenbogenbeuge und drückst zu, was die Kräfte hergeben. Und ich drückte und legte mein ganzes Fett obenauf.

Die Wirkung blieb nicht aus. Peter mahnte: "Pass auf, der hat's mit der Lunge!" Und tatsächlich, der lange Blasse unter mir sah nicht gut aus. Ich ließ ihn Luft schnappen. "Mein Herz, ich krieg keine Luft!" Das konnte ein Trick sein. Doch mir wurde mulmig.

Ich behielt ihn noch im Schwitzkasten, drückte aber nicht mehr zu. "Ich lasse Dich raus, wenn Ihr uns in Ruhe lasst." Das versprach er, und dies war unter uns Kindern, die wir nun mal danach trachteten, Winnetou oder Tecumseh nachzuahmen, ein durchaus verlässliches Versprechen, gewissermaßen ein Indianerehrenwort.

Wie wir den gefürchteten Schäferhund durch ein Manöver ausgeschaltet hatten, hat sich unter den Nachbarkindern herumgesprochen. Die träumten auch von Überfällen und Hinterhalten und auch sie suchten die technische Überlegenheit der Bleichgesichter durch Finten auszugleichen. Da wäre es auf allgemeine Missbilligung gestoßen, wenn die Honold-Indianer sich an die Zusage, die ihr Häuptling im Zweikampf gegeben hatte, nun nicht gehalten hätten. Dieser musste daran interessiert sein, als ehrenhafte Rothaut zu gelten und nicht als fieses Bleichgesicht, das Bestien ins Feld führt.

Wir aus der Hauptmannsreute hielten dies für eine mächtiggewaltige Lösung des Konflikts. Erst hinterher wurde einigen klar, wie riskant die Falle gewesen war. Was hätte nicht alles passieren können! Doch vielleicht - sag ich mir heute - war der Hund gar nicht so beißwütig, und wir hatten das nur geglaubt, weil die Honold-Gruppe uns damit gedroht hatte. Jedenfalls hielten alle Beteiligten es für das Klügste, sich in Zukunft aus dem Wege zu gehen. Kein Happy End, kein gemeinsames Spiel und schon gar keine Friedenspfeife.

Die Szene mit dem Schwitzkasten stand mir nun, nach 52 Jahren, wieder deutlich vor Augen. Ein kleiner Gandhi warst du damals nicht! Kein Zweifel.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Blattspinat und Mangold" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen